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Eine neue Perspektive auf die Geschichte der Menschheit Morgane Llanque zeigt, wie vielfältig unsere Welt schon immer war und wie historische Dynamiken unsere Sicht auf Normalität prägen. Was Geschichte ist, wurde lange von Männern aus dem Westen entschieden. Hier setzt Morgane Llanque an – denn was heute »normal« und als »schon immer so« erscheint, war vor nicht allzu langer Zeit vielfältiger, diverser und unglaublicher: Sie erzählt von römischen Kaisern, die sich die Beine rasierten, von muslimischen Gelehrten am Hof von Friedrich II., von Bündnissen zwischen weißen Südstaatlern und den Black Panthers und von Frauen in den Anden, die in der Steinzeit jagten. So entsteht in globaler Perspektive eine andere Geschichte von Geld und Macht, Patriarchat, Sexualität, Hautfarbe, Glaube, Klasse und Gerechtigkeit. Llanque hebt in ihrer großen feministischen Menschheitsgeschichte Gemeinsamkeiten statt Unterschiede hervor und zeigt, wie unsere Gesellschaft so geworden ist, wie sie ist – und warum es auch ganz anders hätte kommen können. Für alle, die verstehen wollen, warum die Menschheit schon immer vielfältig war.
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Seitenzahl: 360
Veröffentlichungsjahr: 2025
Morgane Llanque
Eine andere Geschichte der Menschheit
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
In ihrer großen Globalgeschichte zeigt Morgane Llanque, wie vielfältig unsere Welt schon immer war und wie historische Dynamiken unsere Sicht auf Minderheiten verfälscht haben. Indem sie die konventionellen, durch westliche Männer geprägten Narrative hinterfragt, stößt sie die Tür zu einem oftmals übersehenen Mosaik der menschlichen Erfahrung auf: Sie verdeutlicht, dass unsere Geschichte nie starr oder homogen war, sondern vielmehr stets durchzogen von Diversität und Komplexität, die unsere heutige Sicht auf das »Normale« maßgeblich beeinflusst haben. In ihren Erzählungen begegnen wir römischen Kaisern, die sich die Beine rasierten, lernen einflussreiche muslimische Gelehrte am Hof von Friedrich II. kennen, lesen von Bündnissen, die zwischen weißen Südstaatlern und den Black Panthers geschmiedet wurden, und von Frauen in den Anden, die in der Steinzeit Jägerinnen waren.
Nicht zuletzt hebt Llanque Gemeinsamkeiten statt Unterschiede hervor und zeigt, wie interkultureller Austausch und Pluralismus unsere Gesellschaft immer schon vorangebracht haben.
Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de
Widmung
Vorwort
Zur Chronologie und zum Inhalt dieses Buches
Zur Verwendung diskriminierungsfreier Sprache in diesem Buch
Kapitel 1
Die Steinzeit – Spielwiese der Manosphere
Schwarze Kriegerinnen – die Gräber der Steinzeit-Frauen
Von Vätern mit Perlenketten und fleißigen Künstlerinnen
Speere und Menstruationsblut
Kapitel 2
Was wir meinen, wenn wir vom Roman Empire sprechen
Gladiatorinnen und Dichter – römische Gender-Rollen
Der Alltag der römischen Männer, oder: Die andere Seite des Julius Caesar
Von Männerhuren und männlichen Ehefrauen
Kapitel 3
Die römische DNA – ein Spiegel der Vielfalt
Die Schwarzen und Braunen Ritter der Tafelrunde
»I don’t see Colour« – Race und Religion im Mittelalter
Austauschprogramme für Mönche
Die Seidenstraße und andere Networks des Mittelalters
Asien
Lateinamerika und Polynesien
West-, Süd- und Ostafrika
Kapitel 4
Teresa de Cartagena – Spaniens erste Feministin
Date Masamune – der einäugige Drache
Robert Cecil, 1st Earl of Salisbury – der bucklige Staatsmann
Zeyrek von Malatya – der kleinwüchsige Bibliothekar
Jean François Vinzent Joseph de Cuvilliés – ein »Hofzwerg« wird zum Stararchitekt
Thomas Schweicker – der Künstler ohne Arme
Michelangelo – das Genie mit den kranken Händen
Maria Theresia Paradis – die blinde Pianistin
Lord Byron – der Dichter mit dem Klumpfuß
Kapitel 5
Die Femminielli
Female Husbands
Die Erb*innen des Kamasutras
Gender-Nonkonformität in Ozeanien – Fa’afafine und Fa’atama
Berlin, du bist so wunderbar!
Kapitel 6
1893: Māori-Frauen pfeifen aufs Korsett
Frauen, die sich auf Männer setzen – der Frauenaufstand in Nigeria
Feminismus im Namen Allahs – die Frauenbewegung in Ägypten
Guerilleras – die Frauen der Kubanischen Revolution
Kapitel 7
Der Traum von Martin Luther King – die Civil Rights Movement
Die Black Panthers – der Schrecken des FBI
The Girls and the Gays – der frühe Queerfeminismus der Bürgerrechtsbewegung
Kapitel 8
Ein Rollstuhl im Bourbonenpalast
Der Kampf um Frauenrechte
Hochzeitsglocken für alle – Queer- und Transrechte
Indigene erzählen ihre eigene Geschichte
Epilog
Danksagung
Bildnachweis
Für Jonas
An einer Stelle in Jane Austens Roman Northanger Abbey seufzt die Heldin Catherine Morland über die unerträgliche Langeweile, die die Lektüre von Geschichtsbüchern in ihr auslöst.»Ich lese sie ein wenig aus Pflichtgefühl«, lässt sie uns wissen, »aber die Geschichte erzählt mir nichts, was mich nicht entweder ärgert oder ermüdet. Die Streitereien der Päpste und Könige, Kriege oder Seuchen auf jeder Seite; die Männer taugen alle nichts, und Frauen kommen kaum vor – und doch denke ich oft, dass es seltsam ist, dass es so langweilig sein sollte, denn ein großer Teil davon muss doch reine Erfindung sein.«1
Genau wie Catherine erging es mir im Geschichtsunterricht in der Schule. In einer mysteriösen Zusammensetzung sah dessen Lehrplan die ausführliche Beschäftigung mit der Stadt im Mittelalter, den Schlachten der Nazis und dem französischen Merkantilismus vor. Ohne Fans des französischen Merkantilismus zu nahe treten zu wollen, muss ich sagen, dass es mir unter diesen Umständen schwerfiel, eine Leidenschaft für Geschichte zu entwickeln.
Vertiefte ich mich stattdessen zu Hause und später an der Universität in echte historische Quellen, konnte ich bald nicht genug kriegen. Denn im Gegensatz zum Schulmaterial, in dem zum Beispiel Frauen, Latinos oder andere marginalisierte Menschen – Menschen, mit denen ich mich identifizierte und die mich interessierten – fast immer nur als Opfer auftraten, wimmelte es in den echten Quellen nur so vor ihren Abenteuern und Errungenschaften. Man musste gar nicht lange nach ihnen suchen. Ich las über mächtige Inka-Priesterinnen und den Schwarzen General François-Dominique Toussaint Louverture, der die Revolution gegen die französische Sklaverei in Haiti anführte.1 Über die chinesische Piratin Zheng Yi Sao (1775–1844), die Hunderte Schiffe unter ihrem Kommando hatte, und über japanische Samurai mit Behinderungen. Ich fand heraus, dass Thomas Mann, einer der größten Schriftsteller Deutschlands, nicht nur schwul war, sondern auch eine brasilianische Mutter hatte, und dass es im antiken Rom weibliche Gladiatorinnen gab. Ich stieß auf Geschlechtspronomen-verweigernde Prediger*innen in den USA des 18. Jahrhunderts und auf Schwarze Ritter in der Artussage. Schließlich lernte ich, dass auch Jane Austen selbst in ihrer unvollendeten Novelle Sanditon eine Schwarze Protagonistin eingeführt hat: Miss Lambe, eine reiche Erbin aus Antigua in der Karibik, die in Austens Fragment an keiner Stelle despektierlich beschrieben wird und ein Zeugnis der multikulturellen Gesellschaft des Britischen Empires ist. Kurzum: Ich lernte, dass die Welt schon immer vielfältig und bunt war und dass auch marginalisierte Menschen seit jeher nach Exzellenz, Sichtbarkeit, Macht und Gerechtigkeit streben.
So reich sind unsere Chroniken an Menschen der unterschiedlichsten Hautfarben, Gender, Religionen und sexuellen Vorlieben, dass ich immer verzweifelter werde, wenn ich sehe, wie Politiker*innen weltweit Geschichte verdrehen und missbrauchen, um die Unterdrückung von marginalisierten Menschen zu legitimieren. Sie stellen Behauptungen auf und verzerren historische Fakten, sie denken sich, wie Austen es beschrieben hat, »reine Erfindungen« aus, um Hass zu verbreiten.
»Früher hat es keine Transmenschen gegeben«, rufen diese Menschen. In Wirklichkeit haben wir bereits aus dem 3. Jahrhundert indische Quellen, die uns von einem dritten Geschlecht berichten.
»Der Islam gehört nicht zu Deutschland«, wird an anderer Stelle behauptet. Ach so? Was ist dann mit den muslimischen Gelehrten, die die deutschen Herrscher*innen schon im Mittelalter an ihren Höfen beschäftigten? Was ist mit den Moscheen und muslimischen Friedhöfen, die es seit dem 18. Jahrhundert auf deutschem Boden gibt? Warum ist das nie Thema im deutschen Geschichtsunterricht?
Warum setzen wir dem ganzen Hass nicht mal historische Facts statt immer nur moralische Argumente entgegen?
Aber ja, ich weiß, auch die historischen Facts sind manchmal sehr deprimierend.
2017 saß ich mit Harald Jähner, dem Autor des wundervollen Buches Wolfzeit und dem Betreuer meiner Masterarbeit, in einem Café zusammen und war zutiefst frustriert. Ich versuchte in meiner Thesis anhand der Analyse zeitgeschichtlicher Narrative und Literatur zu untersuchen, wie seit der Nachkriegszeit eine paneuropäische Identität konstruiert werden sollte, die Europa über ein Miteinander der verschiedenen Völker, Religionen und Identitäten definiert statt über unsere Unterschiede. Während der Recherche verzweifelte ich jedoch immer mehr angesichts der Heuchelei dieses Konstrukts.
In den Jahren nach der sogenannten »Flüchtlingskrise« bekam ich immer mehr das Gefühl, dass auch die friedliebende und tolerante Idee des geeinten Nachkriegseuropas letztendlich eine Farce war, deren Ideale an den europäischen Außengrenzen in Lampedusa und Moria endeten. Alles und jeder, der von jenseits dieser Grenzen kam, wurde immer noch von so vielen als anders und gefährlich gelabelt. Nationalismus, Antifeminismus, White Supremacy und Homophobie waren wieder angesagt. Während weltweit Parteien aufstiegen, die gegen Multikulturalität, Frauen und queere Menschen hetzten, wurde mir klar, dass der sogenannte Westen immer noch nicht wahrhaben wollte, dass er zu keinem Zeitpunkt seiner Geschichte der homogene MonolithderWhiteness, des Patriarchats und der Heteronormativität gewesen war, der er gern sein wollte. Dass es in Wirklichkeit zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort der menschlichen Gesellschaft divers zuging, aber so viele Menschen an der Macht diese Geschichte unsichtbar machen wollten – das machte mich unbeschreiblich wütend und hilflos. Harald Jähner sagte mir damals: »Aber Sie können das doch genauso aufschreiben.«
In meiner Arbeit als Journalistin habe ich immer versucht, historische Vielfalt zu dokumentieren und sichtbar zu machen: in meiner Kolumne Histourismus oder in Essays und Reportagen für Tageszeitungen. Ich schreibe über die Diversität der menschlichen Geschichte, weil ich fest davon überzeugt bin, dass wir denjenigen, die mit pseudohistorischen Märchen Diskriminierung rechtfertigen, echte historische Komplexitäten entgegensetzen müssen. Nur so können wir einem Weltbild, das in »Wir« und »die Anderen«, weiß und ausländisch, christlich-abendländisch und LGBTQIA+ aufteilt, wirksam begegnen. Denn die Trennung dieser Gruppen ist völlig fiktiv.
Moralischen Support für meine Arbeit finde ich mittlerweile erstaunlich oft in Hollywood.
Als der Schöpfer der erfolgreichen Serie Peaky Blinders im Februar 2025 seine neue Serie A Thousand Blows über die kriminelle Unterwelt des viktorianischen Londons auf den Markt brachte, las ich mir neugierig Google-Bewertungen durch. Ich hatte gerade erst im Rahmen eines Stipendiums ein paar Monate in Londons multikulturellem East End verbracht, wo die Serie spielt, und freute mich sehr darauf, sie zu sehen. In den Review-Spalten hieß es in einem Kommentar: »In ihrem woken Wahnsinn denken sich die Serienmacher weibliche Diebesbanden, schwarze Boxer und schwarze Patentöchter von Königin Victoria aus!«
Die Zeit, die sich diese Person genommen hatte, um die Serie zu beschimpfen, hätte sie besser darin investieren sollen nachzulesen, wie es denn wirklich um die Vielfalt im viktorianischen London bestellt war. Dort hat es nämlich all das, was sie auf ihrem Bildschirm nicht sehen wollte, tatsächlich gegeben: Die »Forty Elephants«waren eine reine Frauen-Bande, die im 19. und 20. Jahrhundert – nach einigen Historiker*innen sogar bereits im 18. Jahrhundert – ihr Unwesen trieben und in London berühmt-berüchtigt waren. Auch die Hauptperson der Serie, der jamaikanisch-chinesische Boxer Hezekiah Moscow, ist tatsächlich im viktorianischen London durch den Ring getänzelt. Gut, gut, möchten jetzt einige sagen, aber eine Schwarze Patentochter von Königin Victoria? Das geht doch sicherlich zu weit? Überraschung. Auch diese gab es: Sie hieß Sarah Forbes Bonetta, stammte aus Nigeria und war bis zu ihrem Tod eine Vertraute der britischen Monarchin. Über die beiden viktorianischen Prinzessinnen, die indisch-deutsch-äthiopische Wurzeln hatten und ebenfalls Patentöchter von Königin Victoria waren, erfährt man in der Serie nichts, aber dafür wird es in diesem Buch noch um sie gehen.
Für mich ist nichts spannender und bereichernder, als mich damit zu beschäftigen, wie divers die Gesellschaft auch in Europa schon vor vielen hundert Jahren war. Vielfalt und Globalisierung sind eben nicht, wie uns zum Beispiel die AfD weismachen will, Phänomene der Gegenwart, die man beliebig rückgängig machen kann, sondern sie waren immer schon der Kern und Antrieb der menschlichen Geschichte.
Ich möchte gefährlichen Mythen historische Fakten entgegensetzen und von all jenen Geschichten, die immer noch so oft ungehört und ignoriert bleiben, berichten.
Von Frauen, die in der Steinzeit jagten, von römischen Kaisern, die aus Syrien kamen, und solchen, die sich die Beine rasierten und Männer liebten. Von deutschen Herrschern, die Arabisch sprachen, und andalusischen Kalifen mit roten Haaren. Von indigenen Suffragetten und russischen Zaren mit Behinderung. Von Bündnissen zwischen weißen Südstaatler*innen und Schwarzen Black Panthers, von Minenarbeiter*innen und queeren Aktivist*innen. Von all diesen Menschen, die Geschichte spannend machen und die die Geschichtswissenschaft selbst lange ignoriert hat, soll dieses Buch handeln. Wenn die Lektüre dabei auch nur einigen Leser*innen, die sich im Geschichtsunterricht selbst nie wiederfinden konnten oder würdevoll repräsentiert sahen, Mut machen kann, dann habe ich mein Ziel mehr als erreicht.
Auf der Suche nach den Wurzeln der Vielfalt unserer Gesellschaft folge ich der klassischen Epochen-Aufteilung der europäischen Geschichte. Nicht weil ich ignorieren möchte, dass die Geschichtserzählung in anderen Kulturen völlig anders eingeteilt wird als in Mittelalter, Antike, Frühe Neuzeit und Co, sondern weil ich eine zeitliche Orientierung bieten will, innerhalb derer man verschiedene Kulturen miteinander vergleichen kann. Würde ich mich in jeder historischen Epoche mit der Geschichte aller marginalisierten Menschen befassen, hätte dieses Buch Zehntausende Seiten. Ich habe mich daher dazu entschlossen, mich innerhalb jeder Epoche auf eine Gruppe, die heute innerhalb der Mehrheitsgesellschaft Diskriminierung erfährt, zu konzentrieren. Die Auswahl und Zuteilung ist dabei nicht beliebig, sondern hängt damit zusammen, inwiefern anhand bestimmter Epochen historische Mythen konstruiert wurden, um etwa bestimmte Ethnien oder Gender auszugrenzen. Ich bin für manche dieser marginalisierten Gruppen keine Expertin und gehöre ihnen nicht an. Daher habe ich versucht, vor allem Historiker*innen zu zitieren und zu interviewen, die selbst von der jeweiligen Diskriminierung betroffen sind und sie wesentlich besser einordnen können als ich. Es ist angesichts der unendlichen Vielfalt unserer Kulturen leider nicht möglich gewesen, jede einzelne zu berücksichtigen. Ich habe aber mein Bestes gegeben, einen möglichst breiten und diversen Überblick zu geben. Dabei musste ich viele, viele Geschichten von Individuen und Gemeinden, die unglaublich spannend sind, aus Platzgründen streichen. Wer weiß, vielleicht habe ich einmal an anderer Stelle die Gelegenheit, sie zu erzählen.
Gerechte Sprache ist ein Minenfeld, in dem viel um perfekte und korrekte Ausführung gestritten wird und in dem man es unmöglich allen Menschen recht machen kann. Es ist vor allem dann besonders schwierig, wenn man diskriminierungsfreie Sprache nicht auf die Gegenwart, sondern auf die Vergangenheit anwenden will, in der es Konzepte wie queer zum Beispiel noch gar nicht gab. Ebenfalls heikel ist es, vor allem im kulturellen Westen entstandene Begriffe zu verwenden, um nicht westliche Kulturen zu beschreiben. Ich habe mich bemüht, einen Mittelweg zu gehen, und gendere zum Beispiel bis auf wenige Ausnahmen. So schreibe ich Sinti und Roma statt, wie von den Deutschen Medienmacher*innen empfohlen, Sinti*zze und Rom*nja, da laut einem aktuellen Papier des Zentralrats deutscher Sinti und Roma die gegenderte Form von vielen Mitgliedern der Community als Fremdbezeichnung wahrgenommen wird, die die eigentliche Selbstbezeichnung unverständlich macht. Aus Respekt vor dieser Gemeinde verzichte ich hier also bewusst auf das Gendern, auch wenn das im Konflikt mit geschlechtergerechter Sprache steht.
Manche Begriffe, mit denen ich mich früher selbst identifiziert habe und die ich für sinnvoll erachtet habe, um genderneutral zu schreiben, wie etwa Latinx statt dem spanischen, eindeutig männlichen Latino und Latinos, verwende ich ebenfalls nicht mehr, da auch dieses Wort in den USA entstand und von den meisten Menschen dort und in Lateinamerika als fremd abgelehnt wird, da es im Spanischen sehr schwer auszusprechen ist. Vorgeschlagene hispanofreundliche Alternativen wie Latine und Latin@ haben sich noch nicht allgemein durchgesetzt bzw. werden in Deutschland nicht erkannt. Deshalb schreibe ich nach wie vor Latinos, bemühe mich aber, meist die konkrete Identität zu benennen, oder schreibe lateinamerikanisch oder mitlateinamerikanischenWurzeln. Bei Wörtern, bei denen im Deutschen bei der Bildung verschiedener Genera oft Umlaute dazukommen, wie etwa Jude und Jüdin oder Bauer und Bäuerin, gendere ich, indem ich im Plural Juden und Jüd*innen schreibe, um das männliche Geschlecht dabei nicht unsichtbar zu machen. Ein Kapitel dieses Buches dreht sich um genderqueere bzw. gender-nonkonforme Menschen. Auch dort versuche ich, westliche Begriffe wie trans nicht auf nicht westliche Communitys zu übertragen, sondern verwende Selbstbezeichnungen, die sich nicht eins zu eins übersetzen lassen.
Die Wörter Black oder auf Deutsch Schwarz und Brown/Braun schreibe ich groß, da viele Schwarze und Braune Communitys so hervorheben möchten, dass es sich dabei um eine rassifizierte Zuschreibung handelt und nicht um eine Farbe. Dennoch gibt es auch hier andere, meist ebenfalls aus dem angloamerikanischen Raum stammende Begrifflichkeiten, die ich persönlich nicht verwende, zum Beispiel auch das in Deutschland immer gängigere BIPoC (Black, Indigenous and People of Color), das erfunden wurde, um die in den USA spezifische Diskriminierung Schwarzer und indigener Menschen besonders hervorzuheben, aber auch von vielen, einschließlich mir, kritisiert wird, da es verschiedene Diskriminierungen, die in anderen Regionen völlig unterschiedlich ausgeprägt sind, hierarchisiert. Darüber hinaus setzt es einen hohen Grad an akademischer Bildung voraus, wenn man englischsprachige Akronyme wie BIPoc, FLINTA (Female, Lesbian, Intersexual, Nicht Binär, Trans, Asexuell, Aromantisch, Agender) und LGBTQIA+ (Lesbian, Gay, Bisexual, Trans, Queer, Intersex, Asexuell, Aromantisch, Agender) verwendet, daher vermeide ich diese, wann immer es geht. Ich persönlich mag den von der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung im Geist der Solidarität geprägten Begriff People of Color/Colour, wenn es um ein allumfassendes Wort für Menschen geht, die unter Rassifizierung leiden, weil es alle Menschen mit Rassismuserfahrung miteinbezieht, ohne dabei Gruppen auszuschließen oder bestimmte Gruppen hervorzuheben. Ich verwende diese Bezeichnung mangels einer besseren Alternative in diesem Buch, obwohl ich weiß, dass manche kritische Stimmen auch diesen Begriff ablehnen, weil er genau wie BIPoC eine sehr heterogene Gruppe von Menschen mit sehr verschiedenen Rassismuserfahrungen zusammenfasst, generalisiert und Unterschiede verwischt. Ich glaube nicht, dass meine Verwendung diskriminierungsfreier Sprache perfekt oder die einzig richtige ist. Auch eine Sprache, die gerechter und inklusiver sein will, ist stets zutiefst von Privilegien und Subjektivität geprägt und nur ein Kompromiss innerhalb eines Diskurses, den wir immer weiterführen müssen.
Von Jägerinnen und Sammlern: weibliche Macht in der Steinzeit
Die älteste bekannte Darstellung einer Frau ist eine Baden-Württembergerin. Die sogenannte »Venus vom Hohle Fels« wurde erst 2008 bei Ausgrabungen in der Schwäbischen Alb gefunden: Hier schlummerte sie jahrtausendelang in einem Höhlensystem voller Tunnel und Tropfsteinkaskaden. Sie ist aus Mammut-Elfenbein geschnitzt, etwa 35000 bis 40000 Jahre alt und stellt eine typische weiblich gelesene Figurine2 dar, wie sie so ähnlich nicht nur in Deutschland, sondern auch an anderen Orten überall auf der Welt gefunden wurde: riesige Brüste und überbetonte Vulva und Hintern, üppiges Körperbild.
Die Venus vom Hohle Fels ist eine der ältesten Darstellungen eines Menschen weltweit.
Die erste solcher von männlichen Wissenschaftlern stets als »Venus« bezeichneten Figurinen wurde 1864 in der französischen Dordogne entdeckt und von ihrem Entdecker »Schamlose Venus« getauft. Prompt sah die Welt die steinzeitliche Darstellung eines weiblichen Körpers durch die Augen eines Mannes des 19. Jahrhunderts: in ihrer Nacktheit sexualisiert. Die Wissenschaftler des 21. Jahrhunderts standen ihren Vorvätern in Sachen lüsternen Dad-Jokes in nichts nach: Als 2009 der Fund der Venus vom Hohle Fels im Wissenschaftsjournal Nature verkündet wurde, postete das Magazin dazu ein Video mit dem Titel: Prehistoric pin-up.2
Die Wissenschaftsgeschichte zeigt sehr deutlich: Die Sicht auf die Anfänge der Menschheit war und ist teilweise bis heute die Erzählung eines Mannes, der seine eigene kulturelle Prägung und das damit verbundene hypersexualisierte Frauenbild auf die Steinzeit projiziert hat. Diese Epoche der Ur- und Frühgeschichte fasziniert uns bis heute: suchen wir dort, in den Anfängen unserer Spezies, doch Antworten darauf, wie unsere heutigen Gesellschaftsordnungen entstanden sind. Die Steinzeit begann etwa vor 2,5 Millionen Jahren mit der Altsteinzeit und markierte im letzten Stadium der Jungsteinzeit den Übergang der Menschheit von einer nomadischen Jäger*innen- und Sammler*innenkultur hin zu einer beginnenden Sesshaftigkeit und Landwirtschaft. Jedenfalls haben wir das lange angenommen.
In Wirklichkeit ist diese immer noch gängige Definition nicht mehr ganz aktuell. Der leider 2020 verstorbene Anthropologe David Graeber und der Archäologe David Wengrow kritisieren,3 dass es ein Mythos ist, dass die Menschen bis zur Jungsteinzeit weltweit in relativ egalitären (also sozial untereinander gleichgestellten), »primitiven«3 kleinen Gruppen von Jäger*innen und Sammler*innen gelebt hätten und dass erst mit der beginnenden Landwirtschaft schlagartig die sogenannte Zivilisation und menschliche Hierarchien aufgetaucht seien.
Trotz der angeblichen Gleichheit, die zuvor geherrscht haben soll und die schon Rousseau als ursprünglichen Idealzustand der Menschheit angenommen hatte, galten und gelten Männer innerhalb dieser »Egalität« außerdem selbstverständlich als die Hauptversorger und Gruppenanführer und die Frauen als sanfte und folgsame, aber natürlich auch sexy Wesen, die sich vor allem auf Höhlen-Pflege, sexuelle Verfügbarkeit und Mütterlichkeit konzentrierten.
Archäologische Funde der letzten Jahrzehnte zeigen aber: Die Steinzeit war weder der Beginn des Patriarchats noch primitiv. Hier wurden nicht nur weltverändernde Erfindungen wie das Rad erdacht, vor 11000 Jahren errichteten Menschen bereits im türkischen Göbekli Tepe auf einem kahlen Felsplateau riesige Tempelstädte.4 Dort wurden beeindruckende Kunstwerke gefunden, wie etwa die überlebensgroße und sehr lebensnahe Statue eines Wildschweins, außerdem Hinweise, dass die Menschen bereits jede Menge Bier brauten. Auch in Jericho im heutigen Palästina – einem Ort, dem immer noch viele seine Geschichte und Zivilisiertheit per se absprechen – gab es bereits 9000 bis 9500 Jahre vor Christus eine Siedlung aus Tonziegel- und Steinhäusern. Die Bewohner*innen bauten Getreide an und fertigten Statuen von Menschen mit detaillierten Gesichtszügen. Auch in Europa gab es in der Steinzeit artisanale Meisterleistungen: Im Frankreich der Jungsteinzeit existierte zum Beispiel eine Kultur in der Süd-Touraine, die aus Feuerstein hochwertige Dolch-Rohklingen herstellte und bis in die Schweiz, die Niederlande und Deutschland importierte.5 Ein hoch spezialisierter, internationaler Handel bestand also bereits lange vor der Erfindung der Schrift.
Genauso wie die Kultur, das Handwerk und die Lebensweise der Steinzeit alles andere als simpel war, so war auch die Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern wesentlich komplexer und vielfältiger, als wir bis heute oft annehmen. Es existierten wechselnde Formen der Hierarchie sowohl zwischen Geschlechtern als auch Individuen. Welche Rolle die Frau in dieser Gesellschaft spielte, darauf möchte ich mich in diesem Kapitel konzentrieren. Denn kaum ein anderer Geschichtsmythos wird so oft instrumentalisiert, um historische weibliche Macht zu verleugnen, wie der der höhlehütenden Sammlerin.
Bis heute hält sich das Märchen, der Mann sei biologistisch gesehen der Macher und Schöpfer unserer Spezies und die Frau die schöne und passive Hüterin der Familie. Ein prominentes Beispiel für einen Verfechter dieser Theorie ist der einflussreiche Psychologe, Autor, Influencer und Darling der Manosphere4 Jordan Peterson, der in seinen Büchern und Vorträgen die Überzeugung vertritt, das Patriarchat sei keine soziale Konstruktion, sondern eine natürliche Ordnung, die auf der biologischen Verschiedenheit von Männern und Frauen basiere.
So erklärt Peterson regelmäßig, dass die meisten Frauen, die er als Patientinnen behandle, insgeheim gern Hausfrauen wären. »Frauen werden das nie öffentlich zugeben«, aber besonders »gewissenhafte und angenehme Frauen« würden Kind und Familie sehr wahrscheinlich über ihre Karriere stellen, weil sie dazu biologisch veranlagt seien.6
Männer dagegen sind in Petersons Büchern per DNA programmierte Anführer, die individuelle Exzellenz eher als Frauen anstreben und daher natürlicherweise gern Führungsrollen und Ingenieursjobs übernehmen, während Frauen eben öfter Krankenschwestern seien.
Natürlich ist es völlig in Ordnung, wenn im 21. Jahrhundert ein Mann Ingenieur sein will und eine Frau Krankenschwester,5 genauso ist es absolute Privatsache, wenn ein Mann und eine Frau einvernehmlich in einer Konstellation leben wollen, in der der Mann einen Lohn erwirtschaftet und die Frau zu Hause der Care-Arbeit nachgeht. Gefährlich wird es dagegen, wenn man diese Lebensentscheidungen durch Pseudowissenschaft zur natürlichen Norm erklärt.
Solche Hypothesen zehren aus einer historischen Sage von Männern als Versorgern, die einst Mammuts erlegten und aus deren Stoßzähnen heiße Pin-up-Girls schnitzten, und Frauen, die pittoresk Beeren sammelten und die Babys in der Höhle auf ein weiches Wolfsfell betteten. Es ist das vielleicht nervigste historische Klischee, das es gibt. Die Wissenschaft hat es geschaffen, und die Popkultur, die mit Fred Feuerstein den wohl ikonischsten Cartoon über die Steinzeit schuf, hat es uns ins kulturelle Gedächtnis gehämmert.
Ein besonders unangenehmes Resultat sind Männer wie Peterson oder auch der britische Frauenhasser Andrew Tate, der mit seinen Botschaften über Hypermaskulinität Aggressivität und Gewalt gegenüber Frauen und »schwachen« Männern verherrlicht.
In sozialen Netzwerken hat Tate unter anderem behauptet, Frauen gehörten nur in die häusliche Sphäre, seien erbärmlich, wenn sie keine Kinder wollen, und hätten ihren höchsten biologischen und gesellschaftlichen Wert im Alter von siebzehn oder achtzehn Jahren. Er selbst bevorzuge Partnerinnen in diesem Alter, weil er sie dort besser »prägen« könne.7 Eine Werbung, die Frauen am Flughafen von Heathrow dazu aufforderte, über die Feiertage zu verreisen, statt daheim die Familie zu versorgen, kommentierte Tate als »Das Ende der Westlichen Zivilisation«. Weibliche Emanzipation und Macht ist für ihn und andere Mitglieder der Manosphere eine künstliche Erfindung von Feminist*innen, die nicht ihrer angeblich natürlichen Bestimmung entspricht.
Noch radikaler auf die Steinzeit bezieht sich die heutige Incel-Bewegung. Incel steht für Involuntary Celibate. Als Incels bezeichnen sich Männer, die die Ursache für ihr unfreiwilliges Zölibat nicht bei sich selbst, sondern in der Minderwertigkeit von Frauen und unseren angeblich biologisch determinierten Gender-Rollen identifizieren.
Ein Beispiel: In einem Thread8 ihrer größten digitalen Plattform Incels.is im Jahr 2018 unterhalten sich Incels6 darüber, wie es sein kann, dass »weibliche Gehirne immer noch in der Steinzeit verhaftet sind«, da sie trotz des technischen Fortschritts im 21. Jahrhundert, der männliche Beschützer eigentlich obsolet macht, immer noch muskulöse und sportliche Partner bevorzugten. In den Antworten äußern die Forumsmitglieder, dass sogenannte Femoids, wie sie Frauen nennen, eben immer noch »primitiv und unterentwickelt« seien, dass Frauen angeblich von der Steinzeit bis heute von einem starken Alphamann fantasieren würden, der sie vergewaltigt und schwängert, damit sie »starke« Gene weitergeben könnten.
Wohl jeder hat in seinem männlichen Bekanntenkreis schon einmal eine weniger extreme Fantasie über die Steinzeit gehört, die letztendlich aber ebenso sehr männliche Gewalt und Machismo rechtfertigt: »Männer können nicht treu sein. Ohne unseren Testosteronüberschuss hätte die Gesellschaft in der Steinzeit nicht überlebt!«, »Jeder Mann ist im Kern ein Jäger« – und so weiter und so weiter.9
Aber nicht nur Machos und Mitglieder der sogenannten Manosphere, sondern auch weibliche Mitglieder der heutigen Tradwife-Bewegung (kurz für: traditional wife), in der Frauen gemäß einem Ideal der 1950er-Jahre an Herd und Krippe zurückkehren, während Mann in die weite Welt hinauszieht und für Nahrung, Haus und Hof sorgt, beziehen sich gern auf unsere angeblichen zivilisatorischen Anfänge und ihre biologistischen Muster:
Die Extremismus-Forscherin Kristy Campion beschreibt dieses als idyllisch getarnte Weltbild als Instrument der Neuen extremen Rechten: »Sie glauben, dass Frauen, die zur Arbeit gezwungen werden, einer glücklichen Familie und eines starken männlichen Versorgers beraubt werden, während Männer ihres Rechts beraubt wurden, zu arbeiten, zu heiraten und Kinder in die Welt zu setzen. Der Feminismus untergräbt traditionelle Geschlechternormen, indem er die Rollen untergräbt, die Frauen und Männern biologisch zugedacht sind.«10 Nicht immer, aber sehr oft sind Tradwives außerdem weiß und nahe der extremen Rechten: Manche Tradwives hängen laut Campion der Verschwörungstheorie des »großen Austauschs« – um die es später noch gehen wird – an und glauben, sie würden durch die Retraditionalisierung der Geschlechterrollen mehr weiße Babys in die Welt setzen und die durch den Feminismus aussterbende »Weiße Rasse« somit retten.
Bewegungen, die Genderrollen auf evolutionsbiologische Entwicklungen und historisch konstruierte Rollenbilder zurückführen, sind also keineswegs harmlos. Im Falle der Tradwife-Bewegung wird extrem rechtes Gedankengut hinter einer pastellfarbenen Cottage-Core7-Fassade verborgen, im Falle der Incels hat es bereits mehrere tödliche Amokläufe und Anschläge auf Frauen gegeben: So tötete ein Amokfahrer 2018 in Toronto gezielt Frauen. Vor der Tat sprach er in einem Facebook-Post seine Bewunderung für den Mörder Elliot Rodger aus, der vier Jahre zuvor in Kalifornien sechs Menschen und anschließend sich selbst getötet hatte: In einem zuvor veröffentlichten Manifest schrieb er, dass er Frauen dafür bestrafen wolle, dass sie nie mit ihm Sex haben wollten, und dass sie sehen würden, wer »der echte Alpha-Mann« sei.11 Ein Alphamann, das ist wiederum bis heute der Inbegriff des stereotypischen Höhlenmenschen: stark, potent, dominant und ein Herrscher über Frauen.
Femizide, also Morde an Frauen aufgrund ihres Geschlechts, werden in Deutschland laut der Kriminalstatistik der Bundespolizei Stand 2024 jeden zweiten Tag verübt. Oft durch einen Ex-Partner, der internalisiert hat, dass seine Frau ihm gehört und sie sich nicht aus seiner Herrschaft entziehen darf.
Ein Beispiel ist die ermordete ugandische Olympionikin Rebecca Cheptegei, deren Ex-Partner sie 2024 mit Benzin übergoss und anzündete, nachdem sie ihm den alleinigen Besitz von der gemeinsamen Farm und dem gemeinsamen Haus streitig gemacht hatte. In seinen Augen war sie nur eine Frau. Und eine Frau hat eben keine ökonomischen und sexuellen Freiheiten unabhängig von ihrem Mann zu genießen.
Genderklischees und ihre fälschliche Legitimation durch gepredigte Pseudo-Kontinuitäten der Evolution und Geschichte sind tödlich. Eine ihrer Grundlegitimationen ist die Steinzeit. Gucken wir also einmal sehr genau hin, woher diese gefährlichen Klischees stammen und wie es wirklich in den Höhlen und Hainen der menschlichen Frühgeschichte zuging.
Die französische Ur- und Frühhistorikerin Marylène Patou-Mathis schreibt,12 dass die Frühgeschichte bis in die 1960er-Jahre ein fast durchgehend männliches Metier mit einer männlichen Erzählung gewesen ist.
Epizentrum dieser Erzählung war das Symposium Man the Hunter, das in den 1960er-Jahren in den USA stattfand und auch einen gleichnamigen Sammelband produzierte, der die Jagd als absolute Triebfeder der Evolution definierte.
Darin schrieb der Anthropologe William S. Laughlin: »Das Leben des Menschen als Jäger lieferte alle anderen Zutaten für die Erlangung der Zivilisation: die genetische Variabilität, den Erfindungsreichtum, die Systeme der sprachlichen Kommunikation, die Koordination des sozialen Lebens.«13 Da davon ausgegangen wurde, dass Männer die alleinigen Jäger waren, zementierte sich so der Mythos, dass aller menschlicher Fortschritt von ihnen ausgegangen war, argumentiert die Anthropologin Sarah Lacy.14
Tatsächlich deuten die meisten Funde aus der Steinzeit auf eine vielfältige Gesellschaft hin, in der Frauen nicht nur Jägerinnen sein konnten, sondern auch Künstlerinnen und Anführerinnen, die über Macht und Status verfügten und deren letzte Ruhestätten verehrt wurden. Eine immer feministischere und der Wissenschaftsgeschichte gegenüber kritisch eingestellte Generation von Archäolog*innen, Anthropolog*innen und Genetiker*innen, zu der auch viele Männer gehören, hat in den letzten Jahrzehnten beeindruckende Belege dafür gesammelt.
Einige der wichtigsten dieser Belege sind Steinzeit-Gräber. Sie sind Zeugnisse von Kultur und Sozialgeschichte der Menschheit, die uns viel über das Leben unser Vorfahr*innen verraten können. Und eines der in jüngster Zeit am akribischsten untersuchten Gräber aus der Steinzeit liegt im Herzen Deutschlands: das Grab der sogenannten Schamanin von Bad Dürrenberg.
An diesem Ort in Sachsen-Anhalt wurde vor 9000 Jahren, also im Mesolithikum, eine Frau unter riesigem Aufwand in sitzender Haltung zusammen mit einem Säugling beerdigt: Sie war reich geschmückt mit Flussperlmuscheln, Schmuckplatten aus Wildschweinhauern und Schneidezähnen von Wisenten und Hirschen, dazu waren ihr mehr als einhundert Skelettreste von Bibern, Hirschen, Kranichen, Rehen und Wildschweinen sowie Panzerbruchstücke von mindestens drei Sumpfschildkröten auf die letzte Reise mitgegeben worden.
In einem Behälter aus Kranichknochen aus ihrem Grab fand man außerdem 29 kleine bearbeitete Feuersteine, sogenannte Mikrolithen, an denen noch ein Rest Birkenpech klebte, mit denen sie zuvor an Pfeilen angeklebt waren. Weiterhin lagen im Grab zahlreiche Werkzeuge, wie ein Steinbeil und Feuersteine.
Die Schamanin von Bad Dürrenberg war eine dunkelhäutige Frau, die vor 9000 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts gelebt hat.
Alles Attribute, die 1934, als das Grab entdeckt wurde, die Nazis zu dem Schluss kommen ließen, dass es sich bei dieser Person aus der Steinzeit um einen Mann handeln müsse. Schließlich zeugten die reichen Gaben, Waffen und Werkzeuge doch von Macht. Und diese konnte in der menschlichen Vorstellung lange nur von Männern ausgehen.
2022 veröffentlichte der deutsche Archäologe und Historiker Harald Meller, der unter anderem durch die Rettung und Erforschung der Himmelsscheibe von Nebra berühmt geworden ist, zusammen mit dem Autor Karl Michel ein Buch, das die außergewöhnliche Geschichte dieses Grabes rekonstruiert.
Gemeinsam mit einem internationalen Team stellten die beiden durch die Untersuchung der Artefakte und Knochen fest: Statt einem alten weißen Mann handelte es sich um eine Frau, Anfang bis Mitte dreißig. Und sie war nicht weiß. Sie hatte dunkle Haut. »Indigen war sie in jedem Fall«, schreiben Meller und Michel: »Sie ist einer der ältesten bisher gefundenen Menschen Sachsen-Anhalts.«15
Ach, diese Ironie! Im Jahr 2024 wurde in der Landtagswahl von Sachsen-Anhalt mit der AfD eine Partei zur stärksten politischen Kraft gewählt, die fest an den Mythos des starken Mannes und des autochthonen weißen Deutschen glaubt, während in diesem Bundesland Tausende Jahre lang eine dunkelhäutige Frau mit Waffen, reichem Schmuck und Werkzeugen begraben lag, die uns eine ganz andere Vorstellung davon gibt, was autochthon deutsch8 eigentlich bedeutet.
Die Nazis glaubten 1934, mit dem Grab den Beweis dafür gefunden zu haben, dass die in ihrem Weltbild beste »Rasse«, die Arier, nicht aus Indien oder Tibet stammte, sondern aus dem Herzen Deutschlands. Damit wurde die Schamanin von Bad Dürrenberg zeitweise zu ihrem Lieblingsmaskottchen, das sie missbrauchen wollten, um ihre Rassenideologie zu legitimieren, nach der sich eine höchste weiße »Rasse« in Deutschland gebildet hatte, die nun unter anderem von der »fremden, jüdischen Rasse« verseucht zu werden drohte. Dass dieses als Stammesvater der germanischen Deutschen identifizierte Skelett sich nun als Frau mit dunkler Hautfarbe herausstellt, hätte Hitler wohl in Ohnmacht fallen lassen.
Dabei muss betont werden, dass eine dunkle Hautfarbe in Europa damals keineswegs eine Anomalie war. Ursprünglich kommen alle Menschen in Europa aus Afrika, und der dunkle Phänotyp hielt sich auch in Europa lange aufrecht.
Selbst als unsere Vorfahr*innen auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands langsam hellere Phänotypen bildeten, so erläutern Meller und Michel, wanderten in der Steinzeit Anatolier*innen nach Europa ein und brachten erneut einen dunkleren Hauttyp mit sich. Ja, richtig gelesen! Die türkische Migration nach Deutschland begann in der Steinzeit. Anatolien liegt in unser aller DNA.
Die Schamanin von Bad Dürrenberg ist damit nicht nur aufgrund ihres offensichtlichen weiblichen Machtstatus ein beeindruckendes Beispiel für die Vielfalt der Steinzeit, sondern auch aufgrund ihres Aussehens.
2023, ein Jahr nach dem Erscheinen des Buches von Meller und Michel, erregte eine Studie weltweit Aufsehen, die den Mythos des weißen Steinzeit-Alphas noch mehr entkräftete: Wie das wissenschaftliche Fachmagazin Science16 berichtete, hatten Wissenschaftler*innen in einer Studie belegt, dass Ötzi, der vielleicht berühmteste Steinzeitmensch der Welt, ebenfalls eine sehr dunkle Hautfarbe besaß. Weiterhin hatte der Steinzeitmann aus Tirol dieser Studie nach auch eine Glatze und war laktoseintolerant.
Aber zurück zur Bad Dürrenbergerin. Michel und Meller kommen zu dem Schluss, dass sie eine Art Schamanin, also eine durch Trance befähigte spirituelle Mittlerin zwischen Mensch und Naturwelt gewesen sein muss, auch wenn sie selbst kritisch reflektieren, dass der schwammige Begriff »Schamanin« viel mit der westlichen Exotisierung indigener Animist*innen zu tun hat, und ich es persönlich schwierig finde, wenn nicht indigene Menschen dieses Wort verwenden. In Zusammenarbeit mit Mediziner*innen fanden die beiden Autoren heraus, dass das Skelett der Begrabenen eine Anomalie der Halswirbel aufweist, die zeit ihres Lebens dafür sorgte, dass sie in bestimmten Positionen wild flackernde Augen bekam. Auffälligkeiten in ihrem Skelett weisen darauf hin, dass sie bewusst Haltungen annahm, um diesen Effekt zu triggern. Es ist möglich, dass ihr aufgrund dessen übernatürliche Fähigkeiten zugeschrieben wurden.
Dass die Bad Dürrenbergerin aber eine spirituelle oder politische Machtperson war, daran gibt es kaum Zweifel. Die archäologischen Beweise zeigen, dass sie sich für ihre Zeit sehr wenig bewegen musste, aber überdurchschnittlich gut ernährt war.
Es gibt viele Spuren, die davon zeugen, dass ihr Grab eine Kultstätte war, die von zahlreichen Menschen aufgesucht wurde. Dem Skelett gegenüber wurden Hunderte Jahre nach dem Begräbnis zwei Masken aus Hirschgeweihen vergraben, und zwar so, dass sie direkt auf die Schamanin blickten. Dass diese so viel später dort positioniert wurden, bedeutet, dass die Dame aufgrund ihres religiösen oder spirituellen Standes und/oder ihrer Taten so berühmt gewesen sein muss, dass es einen Kult um sie gab und Menschen auch noch lange nach ihrem Tod zu ihr pilgerten.
Schließlich ist es aber vor allem auch die prunkvolle Ausstattung des Grabes, die beweist, wie bedeutsam die Schamanin von Bad Dürrenberg gewesen ist. Die Archäologin Sabine Gaudzinski-Windheuser drückt es Meller und Michel gegenüber so aus: »Wer hat denn damals eine Schatulle voller Pfeilspitzen aus einem Kranichknochen dabei? Im Mesolithikum ist das total fancy!«
Nun könnte man einlenken, dass es sich bei dem Prachtgrab, das die hohe Position der Frau in der Steinzeit belegt, um eine Ausnahme handelt. Dies ist aber bei Weitem nicht der Fall: Wir kennen solche Gräber aus zahlreichen Winkeln der Welt.
In der, wie schon beschrieben, hochkomplexen Gesellschaft der steinzeitlichen Türkei, im heutigen Çemka Höyük, wurde das 12000 Jahre alte Grab einer Frau gefunden, die von Archäolog*innen ebenfalls als Schamanin interpretiert wird:17 Im Grab der Frau, die im Alter von etwa 25 bis 30 Jahren starb, fand man den Schädel eines Auerochsen, Marderbeine, Rebhuhnflügel und die Überreste von Schafen oder Ziegen. Das Grab der Frau war mit einem großen Kalksteinblock verschlossen worden und bildete damit einen Kontrast zu den anderen, simpleren Gräbern von Männern und Kindern in der Grabstätte. All diese Indizien deuten auf ihre herausgestellte Bedeutung in ihrer Gemeinde hin.
In Schweden wurde 1939 die sogenannte Frau von Bäckaskog18 von einem Mann ausgegraben und wie ihre baden-württembergische Leidensgenossin umgehend als Mann identifiziert, weil sie mit Werkzeugen zur Jagd und Fischerei bestattet worden war.
Ja, könnte man jetzt sagen, die Männer aus den 1930ern halt, peinlich! Leider werden Steinzeitmenschen aber auch im 21. Jahrhundert immer noch misgendert.
So entdeckte der auf archäologische Ausgrabungen spezialisierte Aymara Albino Pilco Quispe 2013 in Mulla Fasiri in den peruanischen Anden Steinwerkzeuge und meldete seinen Fund US-amerikanischen Archäologen. 2018 untersuchte der Archäologe Randall Haas diese Funde und stieß dabei auf zwei Steinzeitgräber der Aymara.19 Die Aymara sind eines der ältesten indigenen Völker der Welt, Nachkommen einer Kultur, die noch viel älter ist als die der Inka.
In einem der Gräber war ein biologischer Mann begraben und in einem anderen eine biologische Frau. Da beide mit Jagdwaffen und Werkzeugen begraben wurden, hielten Haas und sein Team sie jedoch zunächst für zwei Männer.
Als sich durch ausgiebige Laboranalysen das Gegenteil herausstellte, wurden, ermutigt von dieser Entdeckung, ähnliche Funde in ganz Amerika (also auch Lateinamerika) in einer Studie, an der auch Haas beteiligt war,20 erneut überprüft.
Bei 429 Ruhestätten an 107 Standorten waren nur 27 Menschen mit Werkzeugen und Jagdwaffen bestattet worden. Elf davon waren weiblich und fünfzehn waren männlich. Das Team kam zu dem Schluss, dass zwischen dreißig und fünfzig Prozent der geborgenen vermeintlichen Großwildjäger der Steinzeit Frauen gewesen sein könnten.
Aufgrund immer besserer Radiologie- und Genomanalyse-Techniken bringen wir immer mehr Frauen der Steinzeit zum Sprechen. Ihre Knochen erzählen uns,21 dass sie oft ähnliche, durch harte Arbeit und die Jagd hervorgerufene Abnutzungsspuren aufweisen wie die ihrer männlichen Zeitgenossen. Wir wissen, dass sie – genau wie die Männer – Materialien und Knochen mit ihren Zähnen bearbeiteten, dass sie schwere Lasten trugen und sehr robust waren.
2017 veröffentlichten Archäologinnen der Cambridge University außerdem eine Studie,22 die die Knochen von Frauen aus dem Neolithikum, der Bronze- und der Eisenzeit mit denen heute lebender Frauen verglichen. Das Ergebnis: Prähistorische Frauen hatten allesamt stärkere Oberarme als Athletinnen des 21.Jahrhunderts. Die untersuchten prähistorischen Knochen stammen aus Friedhöfen in ganz Mitteleuropa, von Serbien bis Deutschland.
»Wenn wir die Knochen von Frauen in einem frauenspezifischen Kontext interpretieren, können wir erkennen, wie intensiv, vielfältig und mühsam ihre Verhaltensweisen waren«,23 sagt die Autorin der Studie, Alison Macintosh.
Andere in der Studie untersuchte Skelette von prähistorischen Frauen besaßen Beine, die denen heutiger Marathon-Läufer*innen Konkurrenz machen würden: Die Muskeln stammten also nicht nur von harter Sammel-und-Farm-Arbeit, sondern auch von dem Zurücklegen gewaltiger Strecken.
Wir können also mit dem Mythos aufräumen, dass Männer in der Steinzeit die alleinigen Fleisch-Versorger waren. Allein die Tatsache, dass Frauen genau wie die Männer als Nomad*innen unterwegs waren und unglaubliche Strecken und Entbehrungen aushalten mussten, während sie zusätzlich noch Schwangerschaften, Periode und Geburten managten, zeigt uns, dass Frauen in der Steinzeit unglaublich fit gewesen sein müssen.
Die geringe Gruppengröße der Menschen-Gemeinschaften der Frühgeschichte machte eine flexible Arbeitsteilung notwendig. Selbst wenn es keine Gräber gäbe, die beweisen, dass Frauen gejagt und geackert haben, wäre es höchst unlogisch, davon auszugehen, dass Frauen nicht in der Lage gewesen sind, sich zu verteidigen. Schließlich hätten auch gerade mit der Mammutjagd beschäftigte Männer keinen Vorteil davon gehabt, wenn sich ihre Frauen beim Sammeln von Wurzeln und Beeren nicht vor Angriffen feindlicher Menschen oder Tiere wehren hätten können.
Was bei dem Studium der feministischen Archäologie und Anthropologie jedoch auffällt, ist der Fokus auf die Rolle der Frau. Während immer mehr Wissenschaftler*innen Funde neu bewerten und analysieren, die mit Klischees über Frauen in der Steinzeit aufräumen, wird weit weniger über das Aufräumen von Klischees über die Männer geschrieben.
Auftritt: die rote Lady von Paviland.
1823 stieß der Theologe William Buckland in Wales auf das Grab eines Skeletts, das (übrigens genau wie die Schamanin von Bad Dürrenberg) mit rotem Ocker eingerieben war. Im Grab fand er außerdem wunderschönen Schmuck aus Elfenbein und Perlen.
Für den Theologen Buckland war aufgrund dieser sündigen Beigaben nur ein einziger Rückschluss möglich: Hier musste es sich um eine Prostituierte oder Hexe handeln. Da der Theologe davon ausging, dass Spuren aus der Vergangenheit nicht älter als die biblische Sintflut sein könnten, datierte er das Skelett außerdem in die Zeit des antiken Roms.24 Erst 1968 konnte der Paläoanthropologe Kenneth Oakley durch die neue Technologie der Radiokarbondatierung entschlüsseln: Das als rote Lady von Paviland bekannt gewordene Skelett gehörte in Wirklichkeit einem Mann, der in der Steinzeit gelebt hatte.
Wir sehen also, dass es eigentlich auch dringend nötig wäre, alle Stand jetzt als weiblich identifizierten Skelette aus der Steinzeit neu zu untersuchen. Wer weiß, wie viele von ihnen eigentlich männlichen Geschlechts waren und uns davon erzählen können, dass Männer genau wie Frauen anscheinend früh ein Interesse an Schmuck und hübschen Klamotten hatten?
Bislang wurden außerdem etwa genauso viele Gräber von Männern gefunden, die gemeinsam mit Kindern begraben wurden, wie von Frauen, die gemeinsam mit Kindern begraben wurden. So wurden neben der bereits beschriebenen Frau von Bäckaskog im selben Ort auch die steinzeitlichen Überreste eines Mannes gefunden, der für die damaligen Verhältnisse sehr alt wurde und mit einem kleinen Kind begraben worden war. Bei vielen Doppelgräbern, in denen Erwachsene zusammen mit Kindern begraben wurden, gab es dabei keine oder nur eine sehr entfernte Verwandtschaft.
Diese beiden Umstände könnten wertvolle Hinweise sein: erstens dafür, dass auch Männer eine große Verantwortung für Kinder und deren Erziehung übernahmen, und zweitens, dass es in den nomadischen Gruppen der Steinzeit keine Kernfamilie gab, sondern sich eventuell alle Erwachsenen für alle Kinder verantwortlich fühlten, so wie es auch bei mehreren indigenen Gemeinden des 21. Jahrhunderts der Fall ist. So zum Beispiel bei den Hadza in Tansania, die bis heute in einer Jäger*innen-und-Sammler*innen-ähnlichen Weise leben und bei denen es eine kollektive Erziehung der Kinder durch alle Erwachsenen gibt.25
Wie uns all diese Beispiele zeigen, sind die Arbeitsteilungen und Hierarchien zwischen den Geschlechtern der Steinzeit bis heute sehr obskur und verführen zu Spekulation und Projektionen aktueller Standards und Ideen. Wir wissen nicht, wie es genau gewesen ist, aber wir können mit großer Sicherheit sagen, dass uns die Gräber steinzeitlicher Menschen zeigen, dass Frauen damals keineswegs passiv und »nicht schöpferisch« gewesen sind und Männer sich offensichtlich genauso an heute weiblich konnotierten Aufgaben beteiligten.
Ein weiteres Feld, auf dem Frauen lange jede Beteiligung abgesprochen wurde, ist die Kunst der Steinzeit. So wurden auch die bereits beschriebenen Venus-Statuen und die zahlreichen Höhlenmalereien aus der Steinzeit aus einer modernen und vor allem sexistisch getönten Brille betrachtet.
Marylène Patou-Mathis hat ausgewertet, dass etwa siebzig bis achtzig Prozent aller Darstellungen der Steinzeit weibliche Körper zeigen. Die meisten männlichen Wissenschaftler des 19., aber auch des 20. Jahrhunderts hätten dies aber nicht etwa so interpretiert, dass damit eine besondere Wertschätzung oder eine besondere Macht der Frauen einherging. Stattdessen kamen viele Forscher damals zu dem Schluss, es habe den »Status der Frau als Objekt schon im Jungpaläolithikum gegeben, und der Blick der Männer auf die Körper der Frauen sei die grafische Übersetzung der männlichen sexuellen Dominanz.«26 So kam es dazu, dass die Venus vom Hohle Fels in den Köpfen ihrer Entdecker zu einem Pornobildchen wurde.
Patou-Mathis stellt einige andere Thesen vor, die zwar ebenso wenig zu beweisen sind wie die Theorie vom weiblichen Sexobjekt, aber dafür durchaus spannend: So gibt es die Theorie, dass das Weibliche in der Steinzeit als göttlich angesehen wurde und es deshalb so zentral in der damaligen Kunst ist. Oder dass die Statuen fast immer ohne Kopf hergestellt worden sind und daher auch das Selbstbildnis einer Frau darstellen können, die ihren Körper von oben betrachtet abbildete. Dass nicht, wie lange angenommen, nur Männer die Kunst der Steinzeit erschaffen haben, dafür gibt es jedenfalls klare Beweise.
Als ich 2023
