Verlag: ROWOHLT E-Book Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Vier Tage in Kabul E-Book

Anna Tell  

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Bestseller

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E-Book-Beschreibung Vier Tage in Kabul - Anna Tell

Zwei schwedische Diplomaten werden vermisst – vermutlich wurden sie entführt. Ein Einsatz für Amanda Lund, die Unterhändlerin.Die schwedische Kriminalkommissarin Amanda Lund ist für ein Jahr in Afghanistan stationiert, sie bildet lokale Sicherheitskräfte aus. Gerade erst hat die 35-Jährige einen Angriff der Taliban überlebt, da erhält sie einen neuen heiklen Auftrag: In Kabul ist ein schwedisches Diplomatenpaar verschwunden. Die Botschaft geht von einer Entführung aus. Amanda ist Verhandlungsspezialistin, sie soll in dem Fall vermitteln. Jede Stunde zählt. In Stockholm bei der Reichskriminalpolizei koordiniert Bill Ekman Amandas Einsatz. Die Sache muss unter Verschluss bleiben, nur ein kleiner Kreis ist eingeweiht. Gleichzeitig untersucht Bill den Mord an einem jungen Mann. Ein Regierungsmitarbeiter, wie sich herausstellt. Obwohl Tausende Kilometer voneinander entfernt, verdichten sich die Hinweise, dass beide Fälle zusammenhängen. Die Spuren führen in höchste Kreise. Der packende Thriller einer Insiderin: Autorin Anna Tell ist Kriminalkommissarin und Unterhändlerin.

Meinungen über das E-Book Vier Tage in Kabul - Anna Tell

E-Book-Leseprobe Vier Tage in Kabul - Anna Tell

Anna Tell

Vier Tage in Kabul

Thriller

Aus dem Schwedischen von Ulla Ackermann

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Zwei schwedische Diplomaten werden vermisst – vermutlich wurden sie entführt. Ein Einsatz für Amanda Lund, die Unterhändlerin.

 

Die schwedische Kriminalkommissarin Amanda Lund ist für ein Jahr in Afghanistan stationiert, sie bildet lokale Sicherheitskräfte aus. Gerade erst hat die 35-Jährige einen Angriff der Taliban überlebt, da erhält sie einen neuen heiklen Auftrag: In Kabul ist ein schwedisches Diplomatenpaar verschwunden. Die Botschaft geht von einer Entführung aus. Amanda ist Verhandlungsspezialistin, sie soll in dem Fall vermitteln. Jede Stunde zählt.

In Stockholm bei der Reichskriminalpolizei koordiniert Bill Ekman Amandas Einsatz. Die Sache muss unter Verschluss bleiben, nur ein kleiner Kreis ist eingeweiht. Gleichzeitig untersucht Bill den Mord an einem jungen Mann. Ein Regierungsmitarbeiter, wie sich herausstellt.

Obwohl Tausende Kilometer voneinander entfernt, verdichten sich die Hinweise, dass beide Fälle zusammenhängen. Die Spuren führen in höchste Kreise.

 

Der packende Thriller einer Insiderin: Autorin Anna Tell ist Kriminalkommissarin und Unterhändlerin.

Über Anna Tell

Anna Tell lebt in Stockholm. Sie ist Politologin und Kriminalkommissarin, verfügt über zwanzig Jahre Polizei- und Militärerfahrung und war sowohl in Schweden als auch im Ausland im Einsatz. «Vier Tage in Kabul» ist ihr Debütroman und Auftakt einer Reihe um die schwedische Unterhändlerin Amanda Lund. Die Bücher erscheinen in mehreren Ländern, die Filmrechte hat sich die schwedische Produktionsfirma Anagram gesichert.

 

Diese Autorin weiß, worüber sie schreibt.

 

Packend.Rasant.Hochaktuell.

Allen am Mossaby,

meinem geliebten Johan

und meinen beiden Engeln gewidmet

1

Dunkelheit war die entscheidende Voraussetzung für das, was gleich passieren würde. Sie hatten sich auf diesen Auftrag vorbereitet und die Abläufe trainiert, Schritt für Schritt. Die meisten Mitglieder der Einheit waren schon bei ähnlichen Einsätzen dabei gewesen. Für einige war es das erste Mal. Für sie selbst war es ein ganz normaler Arbeitstag.

Farouks Befehl lautete: in Gewahrsam nehmen und verhaften. Unter keinen Umständen töten.

Ihre Uniform war bereits durchgeschwitzt.

Vergeblich versuchte sie, ihre Uhr trocken zu wischen.

03:58.

Sie horchte auf den niederprasselnden Regen. Ein modriger Geruch stieg auf. Schlamm spritzte über ihre Uniform. Es war drückend schwül. Schweißbäche liefen ihren Rücken und zwischen ihren Brüsten hinunter.

Ein letzter Schluck Wasser.

Sie berührte Farouks Schulter und deutete auf ihre Uhr. Er nickte und griff nach seinem Funkgerät. Bereit, das Zeichen zum Zugriff zu geben.

Der Vorstoß musste schnell erfolgen. In der Dunkelheit konnte sie die Umrisse des Hauses ausmachen. Ein einstöckiges Gebäude.

Die Tür befand sich in der Mitte. Sie würden an der östlichen Seite reingehen. Keine übereilten Aktionen, alles war genau durchdacht und methodisch vorbereitet.

Im selben Moment fielen Schüsse.

Verdammt! Keine Sekunde später setzte vor ihr aus verschiedenen Richtungen Maschinengewehrfeuer ein. Sie ging neben Farouk in Deckung, der flach auf dem Boden lag und mit dem Gewehr im Anschlag das Feld absuchte.

«Gib den Befehl!»

Ihre Stimme ging im Kugelhagel ihrer Truppe unter, die den Angriff erwiderte. Splitter flogen durch die Luft, Lehmklumpen spritzten vor ihnen auf. Der günstige Moment war vorbei.

Sie stieß Farouk an und signalisierte mit der Hand: «Zurück!»

«Gib den Befehl zum Rückzug!»

«Wir können sie noch überwältigen …»

«Es sind zu viele! Rückzug – jetzt!»

Mehrere Sekunden verstrichen. Dann erklang Farouks Stimme über das Funkgerät: «Geordneter Rückzug!»

Der Geschmack von Schlamm und Regenwasser verursachte ihr Übelkeit, als sie sich im Laufschritt zurückzogen.

«Wir müssen aus der Deckung heraus das Feuer erwidern!»

Wieder kam Farouks Stimme über Funk: «Feuerbereitschaft!»

Sie konnte die Bewegungen ihrer Einheit ausmachen, als die Männer sich zu Boden warfen, ihre Waffen anlegten und zurückschossen.

Erneut setzte ohrenbetäubendes Maschinengewehrfeuer ein. Nur links vor ihr war es still.

Auf den Ellenbogen robbte sie vorwärts.

Ihre Brust fühlte sich an wie zugeschnürt, sie keuchte und schnappte nach Luft. Schweiß und Regenwasser vermischten sich auf ihrer Zunge.

«Atmar, Rückzug, verflucht noch mal!»

Keine Antwort.

Sie kroch ein paar Meter im Schlamm vorwärts und griff nach seinem Bein.

«Atmar, hörst du mich?»

Farouks jüngerer Bruder bewegte sich nicht. Die Kalaschnikow, die den anderen gerade eben noch Feuerschutz gegeben hatte, lag neben ihm auf dem Boden. Blut lief an seinem Gesicht herunter, und aus seinem Bein spritzte Blut.

Er starrte sie an, schluckte und öffnete den Mund.

«Sch …»

Sie legte den Finger auf die Lippen. Er musste seine Kräfte schonen.

«Lass … mich … nicht hier.»

Atmar stöhnte auf und umklammerte ihren Arm. Das Blut färbte seine beigefarbene Uniform rot.

«Ich bringe uns in Sicherheit. Aber wenn du mich nicht sofort loslässt, sterben wir beide hier im Schlamm!»

Sie schrie ihm direkt ins Ohr. Ein schwaches Nicken bedeutete ihr, dass er verstanden hatte. Sie presste ihm das Knie in den Rücken und zog ihn nach hinten. Sie würde ihn hinter sich herschleifen müssen. Feuern und in Bewegung bleiben – das war das Einzige, worauf es jetzt ankam.

«Kannst du meine Waffe halten?»

Atmar nickte wieder und bewegte den Unterarm.

«Nimm meine Glock, dann nehme ich deine Kalaschnikow. Schieß nur, wenn wir beschossen werden. Hast du verstanden?»

Er reckte einen blutigen Daumen in die Höhe. Sie würde beide Hände brauchen, um ihn aus der Gefahrenzone hinter sich herzuzerren. Sie legte sich den Gewehrriemen um den Hals und rückte die AK-47 so zurecht, dass sie frei an ihrem rechten Oberschenkel hing.

Sie nahm ein neues Magazin aus der Munitionstasche in Atmars Waffengürtel, ließ das leere aus der Kalaschnikow herausgleiten und setzte hastig das neue ein. Sicherheitshalber zog sie den Abzug leicht an, um zu überprüfen, ob eine Patrone im Lauf war. Dann drückte sie Atmar ihre Glock in die Hand und schob seine Hände um den Pistolengriff zusammen. Atmars Arme ruhten auf seiner Brust.

«Sicher, dass du es schaffst?»

Er streckte den Arm aus und richtete die Glock auf das aufblitzende Mündungsfeuer vor ihnen.

«Okay.»

Der Rest ihrer Einheit hatte sich bereits ein gutes Stück zurückgezogen. Sie und Atmar befanden sich jetzt zwischen ihren eigenen Leuten und den Rebellen. Wenn die Truppe verinnerlicht hatte, was sie ihnen beigebracht hatte, würden die Männer ihnen Deckung geben, solange sie in Bewegung blieben. Sie drückte die Sprechtaste ihres Funkgeräts.

«Farouk, gebt uns Deckung! Atmar ist verwundet!»

Jemand rief etwas auf Dari. Sie hoffte, es war eine Bestätigung. Hinter Atmar ging sie in die Hocke, griff ihm unter die Arme und stemmte sich hoch. Er war nicht schwer.

So schnell sie konnte, zerrte sie ihn hinter sich her. Hier waren sie schutzlos und angreifbar. In ihrem Rücken ratterten Maschinengewehre.

Bei jedem Schritt presste sie die Stiefel tief in den lehmigen Boden, um nicht auszurutschen. Die AK-47 schlug unablässig gegen ihr Knie.

Aus dem Funkgerät drang ein einziges Stimmengewirr. Ein paar Meter hinter ihnen lag ein größerer Felsbrocken. Das Blut rauschte in ihren Ohren. Brennender Schweiß lief ihr in die Augen. Atmar stöhnte.

«Wir haben es gleich geschafft!»

Plötzlich schlugen direkt vor Atmars Füßen Kugeln ein, und aus dem Augenwinkel nahm sie eine Bewegung wahr.

Der Schütze war ganz in ihrer Nähe.

Atmar hatte ihn ebenfalls gesehen. Sofort winkelte er den Arm an und schoss, während sie ihn hinter den Felsblock in Deckung zog. Schnell griff sie nach der Kalaschnikow, rutschte nach unten und stützte das linke Knie auf. Atmar sank zu Boden, hielt aber die Waffe weiter auf den Angreifer gerichtet.

Den Gewehrkolben fest gegen die Schulter gepresst, legte sie den Finger an den Abzug. Sie zitterte leicht. Eine neue Salve prasselte neben ihr in den Sand. Diesmal hatte sie das Mündungsfeuer aufflackern sehen.

Sie gab zwei Schüsse ab, zielte erneut, drückte wieder ab. Sie ließ den Abzug los und warf sich flach auf den Bauch. Zurück mit dem Zeigefinger an den Abzug und abdrücken. Zwei weitere Schüsse. Loslassen. Abdrücken. Ihre Ohren dröhnten. Auch Atmar feuerte noch immer aus der Glock. Das war ein gutes Zeichen. Dann ein Schrei und ein Stöhnen aus der Richtung, wo der Schütze sich befunden hatte.

Die Gewehrsalve erstarb.

Sie feuerte noch ein paar Schüsse ab. Es blieb still.

Im Schutz der Deckung wechselte sie die verschossenen Magazine beider Waffen.

Noch waren sie nicht in Sicherheit. Eilig riss sie ein Stück Mullbinde von ihrer Schutzweste und wickelte es fest um Atmars Oberschenkel. Trotz der Dunkelheit saß jeder Handgriff. Dann drückte sie erneut auf die Sprechtaste. «Ein Feind eliminiert. Wir kommen, gebt uns Deckung!»

«Verstanden», antwortete Farouk sofort.

Er hatte seine Männer unter Kontrolle. Noch einmal ratterten hinter ihnen die Maschinengewehre. Sie griff unter Atmars Arme und schleifte ihn mit. Schnell warf sie einen Blick über die Schulter. Die Steinmauer nahm langsam Form an. Sie verstieß gerade gegen die Vorschriften, doch sie hatte sich fest vorgenommen, alles zu tun, was in ihrer Macht stand, um sämtliche Mitglieder der Einheit wieder sicher nach Hause zu bringen. Dass das nicht ihre Aufgabe war, kümmerte sie herzlich wenig.

Als sie die Steinmauer erreichten, hatte sie kein Gefühl mehr in den Armen. Aber jetzt waren sie in Sicherheit. So sicher, wie man auf feindlichem Terrain in Dolatabad um halb fünf Uhr morgens sein konnte. Verletzte oder getötete Kameraden zurückzulassen war niemals eine Option. Das hatte sie ihnen pausenlos gepredigt, von morgens bis abends.

Der Rückzug hatte lange gedauert. Sekunden waren zu Minuten geworden.

Jetzt musste der Sanitäter einsatzbereit sein, oder sie würden Atmars Bein nicht mehr retten können.

«Wir brauchen einen Notarzt und einen Dolmetscher», keuchte sie auf Dari.

Auch wenn sie sich sowohl auf Dari als auch auf Paschtu einigermaßen verständigen konnte, wollte sie jedes Missverständnis ausschließen.

«Sind auf dem Weg», antwortete eine Stimme direkt neben ihr.

Sie lehnte Atmar an die Mauer, hielt ihm seine Wasserflasche an die Lippen und flößte ihm vorsichtig Flüssigkeit ein. Er hustete, trank aber in kleinen Schlucken. Sie riss die Reste seiner Uniformhose ab, die in Fetzen an seinem Bein hing. Der Geruch von Blut und Schießpulver stieg ihr in die Nase. Während der Dolmetscher zu ihr aufschloss, ging sie vor Atmar in die Hocke und legte sein verletztes Bein auf ihre Schulter. Atmar wischte sich Blut aus dem Gesicht und starrte auf seine Hand.

«Mach dir keine Sorgen. Das ist nur ein Streifschuss. Morphium, eine Infusion und die richtige Nachsorge, und du bist wieder fit», beruhigte sie ihn auf Englisch und gab sich Mühe, die Tränen zurückzuhalten.

Der Dolmetscher übersetzte ihre Worte ins Dari.

Mit einem schwachen Lächeln klopfte sie Atmar auf die Schulter und schluckte trocken. Ihre Kehle war wie zugeschnürt, und in ihrer Brust breitete sich ein Gefühl der Beklemmung aus. Sie ließ Atmar in der Obhut des Sanitäters zurück, der im Schein seiner Stirnlampe sofort nach einer Vene suchte, um einen Zugang zu legen.

Sie entdeckte Farouk, der seine Männer energisch zur Eile antrieb.

Er hielt kurz inne und sah sie an.

«Danke, Amanda. Ohne dich hätte er es nicht geschafft.»

Sie lächelte. Im Norden von Balch im Schlamm zu stehen und zu heulen war das Letzte, was sie wollte. Erneut wischte sie ihre Uhr trocken.

04:32. Sie durften hier nicht länger als nötig bleiben. Die Rebellen konnten sich jeden Moment neu formieren oder sie mit Raketen beschießen.

Ihre Brust schmerzte. Sie schloss die Augen und zwang die Tränen zurück. Sie war am Leben und hatte Farouks jüngeren Bruder vor dem sicheren Tod gerettet. Das war das Einzige, was zählte.

 

Zwei Minuten später rollten alle drei Einsatzfahrzeuge vom Platz: vollzählig und auf dem Weg zurück zur Basis.

Sie machte es sich auf dem Rücksitz hinter Farouk bequem. Hoffte, dass er nicht vorhatte, die Operation jetzt zu besprechen. Sie sehnte sich nach einer Dusche und starkem Kaffee. Und nach Nähe. Es war lange her.

Sie zog ihr Telefon aus der Brusttasche. Es hatte ein paarmal vibriert.

Drei verpasste Anrufe von «Bill Arbeit». Um diese Zeit? Zu Hause in Stockholm war es zwei Uhr nachts.

Sie klemmte das Handy zwischen Wange und Schulter. Er nahm schon nach dem ersten Klingeln ab.

«Endlich! Ich habe pausenlos versucht, dich zu erreichen.»

«Ich hab’s gesehen. Muss wohl wichtig sein?»

«Wir brauchen dich als Verhandlungsführerin, umgehend. Kannst du mich über eine sichere Leitung zurückrufen?»

Augenblicklich krampfte sich ihr Magen zusammen. Ihr Auftrag in Nordafghanistan bestand in erster Linie darin, eine internationale Einsatztruppe aufzubauen, nicht Verhandlungen zu führen.

«Gib mir eine halbe Stunde, dann bin ich zurück auf dem Stützpunkt», antwortete Amanda und schilderte kurz, was passiert war.

Sie hörte Bill am anderen Ende der Leitung seufzen.

«Scheiße. Aber du bist unverletzt?»

«Ja, allerdings glaube ich, dass ich … dass ich vielleicht … jemanden liquidiert habe.»

«Amanda, du arbeitest in einem langfristig angelegten Projekt als Beraterin des afghanischen Truppenkommandanten. Du sollst nicht an Kampfeinsätzen teilnehmen!»

Sie atmete tief durch die Nase ein und schloss ihre brennenden Augen.

«Es ist stockfinster, es regnet in Strömen, wir rutschen hier über ein schlammiges Feld in Dolatabad und werden von Rebellen beschossen, die wir gefangen nehmen sollen. Beraterin oder nicht – wenn es Notwehr ist, dann ist es Notwehr.»

«Das verstehe ich ja. Trotzdem, Amanda, pack deine Sachen und stell dich darauf ein aufzubrechen, sobald wir über die sichere Leitung miteinander gesprochen haben.»

«Wie lange bin ich weg?»

«Unklar. Beeil dich. Es ist dringend.»

2

Das Päckchen wog zwei Kilo. Prüfend hielt er es in der Hand. Es war gut verpackt: zwei Plastikbeutel, mehrfach mit Klebeband umwickelt. Das Ganze steckte in einem wattierten braunen Umschlag.

Bevor er es verpackt hatte, hatte er daran gerochen. Zu seiner Verwunderung war es völlig geruchlos gewesen. Kurz hatte er darüber nachgedacht, es wie die Leute in den Filmen zu machen, seinen Finger anzulecken und in einen der Beutel zu stecken. Hatte sich aber nicht getraut.

Er legte das Päckchen auf den Tisch, ließ es jedoch nicht aus den Augen. Mit im Nacken verschränkten Händen setzte er sich auf das Sofa. Er atmete schwer.

An seinem großen Zeh war schon wieder der Nagel eingewachsen. Er zog den klammen Strumpf vom Fuß und untersuchte die Stelle. Typisch. Derselbe Zeh, immer wieder.

Sein Blick blieb an dem Bild hängen, das sie vor Kurzem gekauft hatten. Ein Fuchs und ein Raubvogel, die einen Kampf auf Leben und Tod ausfochten. Ein scheußliches Gemälde. Auf einem zweiten Kunstwerk schlug ein Adler seine Klauen in eine zu Tode verängstigte Ente. Tiere in ihrer natürlichen Umgebung – niemand hatte sie je so realistisch dargestellt wie Bruno Liljefors. Genau das war auch die überzeugte Antwort des schwedischen Kunstrats gewesen, als er die Wahl von Werk und Künstler in Frage gestellt hatte. Sie waren seiner Bitte nach einem naturnahen Motiv zwar nachgekommen – am liebsten ein Bild mit Wasser, voller Leben und Bewegung. Allerdings hatte er dabei eher an etwas Helles in Öl gedacht – Anders Zorn oder Carl Larsson. Eine klassisch schwedische Sommeridylle, nackte Körper unter freiem Himmel, vielleicht ein paar Bauersleute.

Draußen war es bereits dunkel. Der Verkehrslärm drang nur noch gedämpft herauf, und die Luft, die durch das Fenster hereinströmte, war angenehm kühl.

Er sollte es nicht tun.

Sollte es wirklich nicht tun.

Aber hatte er eine Wahl? Man hat immer eine Wahl. Davon war er seit jeher überzeugt gewesen. Ganz gleich, worum es ging.

Doch zu welchem Preis?

3

Als der Funkspruch kam, leuchtete zuallererst das kleine schwarze Display auf. Oskar wusste sofort, dass er den Einsatz würde übernehmen müssen. Heute Nacht war es am Stureplan mal wieder richtig zur Sache gegangen. Eigentlich hatte er vorgehabt, nur noch gemächlich über die Västerbron zu fahren, den Sonnenaufgang zu genießen und den Streifenwagen dann in die Tiefgarage zu bringen.

«Zone 1 von 3–0. 31–9110, over.»

Natürlich galt der Funkspruch ihm. Es gab kein Entkommen.

«31–9110 Västerbron. Over.»

«Wir haben einen Notruf reingekriegt. Eine Joggerin – am Norr Mälarstrand auf Höhe des Mälarpavillons. Dort liegt ein Mann im Gebüsch.»

«Ein Betrunkener?»

Oskar sah auf die Uhr, notierte sich die Zeit – 05:07 – und seufzte. Welcher Schwachkopf aus der Zentrale schickte bitte einen Polizeihauptmeister, um nach einem Besoffenen zu sehen?

«Noch unklar, ist aber anzunehmen. Die Frau will nicht näher rangehen, aber sie bleibt vor Ort, bis ihr eintrefft.»

Er war kurz davor zu fragen, weshalb, überlegte es sich dann aber anders. Es gab immer Leute, die lieber abwarteten, bis die Polizei kam. Auch wegen eines Betrunkenen.

«Verstanden. Sind auf dem Weg.»

 

Abgesehen von der sportlich gekleideten Frau, die auf dem Parkplatz stand und winkte, war am Norr Mälarstrand niemand unterwegs. Obwohl die Urlaubszeit vorbei war, herrschte in der Stockholmer Innenstadt nach wie vor nur wenig Verkehr. Oskar ließ das Seitenfenster herunter.

«Liegt er dort unten?»

«Ja, im Gebüsch. Nur die Beine sind zu sehen.»

«Dann finden wir ihn auch allein. Danke für Ihre Hilfe.»

Er schloss das Autofenster und hob die Hand, um der Frau zu verstehen zu geben, dass ihre Anwesenheit nicht länger erforderlich war. Um diese Tageszeit hatte er nicht das geringste Bedürfnis, ohne triftigen Grund mit Leuten zu sprechen.

Vielleicht war dieser Einsatz ja doch nicht so schlecht. Einen Betrunkenen in Gewahrsam nehmen, die Angelegenheit so lange wie möglich hinauszögern. Bis Dienstschluss. Anschließend würde er nach Hause fahren, duschen und sich auf dem Bett ausstrecken, bis die nächste Schicht begann.

Genau wie die Frau gesagt hatte, ragten zwei Beine aus dem Gebüsch. Zwei dürre, nackte Waden, Füße in weißen Espadrilles. Der Mann lag auf dem Bauch. Ein hellrosa Hemdzipfel leuchtete durch die Blätter. Weiße, knielange Shorts mit einem schmalen Gürtel. Tuntenklamotten, schoss es Oskar durch den Kopf.

Er ging in die Hocke und streifte sich ein Paar Handschuhe über. Niemals einen Betrunkenen ohne Handschuhe anfassen. Ob nun Obdachloser oder High Society, das machte keinen Unterschied.

«So, Freundchen, der Schönheitsschlaf ist vorbei. Zeit aufzustehen. Die Polizei ist da.»

Er kniff dem Mann in die Wade.

Sie war kalt, fühlte sich hart an. Nicht weich und elastisch wie bei jemandem, der seinen Rausch ausschlief. Oskar griff nach den Beinen, zog den schmächtigen Körper aus dem Gebüsch und drehte ihn um.

«Scheiße!»

Entsetzt wich er zurück.

Der Anblick war grauenvoll.

Selbst für einen erfahrenen Polizisten aus der schwedischen Hauptstadt.

Der Oberkörper des Mannes war mit Blut, Erde und weiß der Himmel was verschmiert. Sein Gesicht zu einer Grimasse erstarrt. Feuchte Erde haftete wie eine dünne Puderschicht auf seiner Haut. Sein Mund stand offen, als hätte er in Panik schreien wollen, als er begriff, dass er sterben würde.

«Rickard, verflucht noch mal, komm her, hier liegt eine Leiche!»

Kaum war der Polizeianwärter an seiner Seite aufgetaucht und hatte sich vorgebeugt, um besser sehen zu können, wurde er blass.

«Um Gottes willen, ist der … Ist der wirklich tot?»

«Ohne jeden Zweifel. Der arme Teufel wurde erstochen. Sieh dir das an!»

Oskar zupfte vorsichtig an dem Hemd, das ursprünglich hellrosa gewesen war. Er entfernte ein paar große Blätter, die in dem getrockneten Blut klebten. Ein muffiger Geruch stieg ihm in die Nase. Blut und feuchte Erde. Der Polizeianwärter, der einen Schritt zurückgewichen war, ging in die Hocke.

«Jetzt, wo du es sagst … Sieht wirklich nach Messerstichen aus …»

«Sperr die Stelle ab. Ich kümmere mich um Verstärkung.»

Der Polizeianwärter lief zurück zum Streifenwagen. Was für Weicheier die uns heutzutage als Polizeianwärter schicken – nichts können die vertragen, dachte Oskar und funkte die Bezirkszentrale an.

«3–0 von 31–9110, over.»

«3–0. Seid ihr bei dem Betrunkenen? Over.»

«Sind wir. Nur dass der Betrunkene in Wahrheit eine Leiche ist. Männlich, Mitte, Ende dreißig. Keine Brieftasche, kein Ausweis. Erstochen.»

«Ach du Schande! Verstanden. Ich schicke die Spurensicherung. Was brauchst du noch?»

«Ein paar Streifenkollegen, die die Umgebung absuchen. Womöglich liegt das Messer hier irgendwo in der Nähe, wer weiß.»

«Wo genau befindet sich die Leiche?»

«Im Gebüsch zwischen dem Mälarpavillon und dem Parkplatz am Norr Mälarstrand. Du weißt schon, dieser Schwulenclub. Regenbogenfarben und so.»

«Ich verstehe.»

«Wir kommen auf die Wache und schreiben den Bericht, sobald die Kollegen von der Streife hier sind und uns abgelöst haben.»

Nicht dass Oskar vorhatte, auch nur eine einzige Zeile zu Papier zu bringen. Es klang einfach besser, «wir» zu sagen. Berichte zu schreiben war Aufgabe der Polizeianwärter, zumindest wenn sie das Glück hatten, mit Oskar Karlsson zusammenzuarbeiten. So lernte man den Polizeiberuf von der Pike auf.

«Verstanden. Sonst noch was?»

«Nur dass er bereits eiskalt war, als wir ihn gefunden haben. Vermutlich Raubmord: keine Tatwaffe am Fundort, keine Zeugen. Und die Brieftasche ist weg.»

«Sieh mal einer an. Irgendwelche sichergestellten Wertsachen?»

«Ein eingeschaltetes iPhone … Das soll sich der ermittelnde Kollege mal genauer ansehen.»

Es war ein schöner Augustmorgen, und es versprach ein noch schönerer Tag zu werden.

Nicht für diejenigen, die bald aufwachen und den Ermordeten vermissen würden, aber für uns andere, dachte Oskar und faltete eine der gelben Landkreis-Krankenhausdecken auseinander.

Sie war gerade groß genug, um die Leiche notdürftig zu bedecken. Doch so würde der arme Kerl wenigstens nicht den neugierigen Blicken der Touristen ausgesetzt sein, die ab dem frühen Vormittag hier vorbeikämen.

4

Seine Schultern schmerzten. Weil er sie ständig hochzog und in verkrampfter Haltung dasaß. Sie sehnten sich nach einer intensiven, kräftigen Massage. Das war genau das, was er jetzt brauchte. Und wo er schon darüber nachdachte: Ein Blowjob würde auch nicht schaden.

Er schob die Hüften nach vorn und öffnete seinen Gürtel.

Ein schneller Blick auf die Uhr.

Er hatte genug Zeit.

Mit raschen Schritten eilte er zur Tür und schloss ab. Auf Überraschungen konnte er verzichten. Er ging zum Sofa zurück und nahm den sechsarmigen Messingkerzenständer vom Couchtisch. Der als Zeichen ihrer Freundschaft gedachte Gegenstand war zumindest jetzt – mitten im Sommer – völlig sinnlos. Die Kerzen wurden in der Hitze weich und verformten sich zu merkwürdigen Gebilden, die nicht besonders repräsentativ aussahen.

Der Apfel im Laptopdeckel leuchtete. Er klappte den Rechner auf und rief Pornhub auf. Scrollte, klickte sich durch das Angebot.

Doch die richtige Stimmung wollte sich nicht einstellen.

Schlechte Verbindung.

Schlechte Bildqualität.

Sein Blick glitt unablässig zwischen dem Display und dem Päckchen hin und her. Er konnte sich einfach nicht konzentrieren.

Er erwischte einen russischen Pornofilm. Klickte ihn weg, wählte einen anderen.

Dieses verdammte Päckchen!

Sollte er es wirklich tun?

Die Männer in dem Porno stöhnten wie Tiere. Hektisch klickte er auf den Lautstärkeregler und stellte den Ton leiser. Nicht gerade der passende Zeitpunkt, wenn jetzt jemand mitbekäme, was hinter seiner Tür vor sich ging. Wieder wanderte sein Blick zu dem Päckchen.

Was zum Teufel sollte er machen?

Zwei Kilo. Das war eine Menge Geld, so viel stand fest.

Er klappte den Laptop zu, und das Stöhnen verstummte. Kurz entschlossen riss er den wattierten Umschlag wieder auf und drehte ihn herum. Der mit Klebeband umwickelte Inhalt landete auf dem Sofa. Behutsam zerschnitt er das Tape.

Die Plastikbeutel hatten einen roten Zipverschluss. Ein bisschen weißes Pulver rieselte auf den Marmorboden. Mit dem Fuß fegte er es unter das Sofa.

Vorsichtig trug er einen der Beutel ins Badezimmer. Seine Hände waren inzwischen schweißnass, sein Atem ging flach und stoßweise. Jetzt, verdammt. Er hatte sich entschieden.

5

Wie üblich kam ihr die Schutzweste viel zu schwer vor. Amanda ließ sie auf den Boden fallen, kaum dass sie in Mazar-e Scharif durch die Tür des Truppenstützpunkts getreten war. Unter ihrer Uniformjacke saß die Schutzweste wie eine zweite Haut, doch jedes Mal, wenn Amanda sie für ein paar Stunden getragen hatte, stank sie nach einer Mischung aus altem und neuem Schweiß. Amanda riss die Klettverschlüsse auf und streckte ihren Rücken durch, Wirbel für Wirbel. Es knackte laut vernehmlich.

Sie brauchte dringend einen Chiropraktiker. Wie nach jedem Einsatz.

Die Nummer wusste sie auswendig. Sie lehnte sich auf ihrem Schreibtischstuhl zurück, während es in der sicheren Leitung klingelte.

«Na endlich!»

«Ich habe so schnell angerufen, wie ich konnte.»

«Wie geht es dir?»

«Sobald ich mir den Schlamm und das Blut abgeduscht und ein paar Stunden Schönheitsschlaf bekommen habe, wird’s schon wieder werden.»

Draußen vor dem Fenster war der Platzregen in Niesel übergegangen. Zur Abwechslung schien die Luft mit Sauerstoff angereichert zu sein. Sie hörte, wie Bill am anderen Ende der Leitung etwas murmelte.

«Tut mir leid, dass ich deine Pläne über den Haufen werfen muss.»

«Du bist der Chef, du entscheidest. Und angesichts der Tatsache, dass es bei dir mitten in der Nacht ist, muss es wichtig sein.»

Amanda hörte den Löffel klirren, als Bill in seiner Tasse rührte und anschließend einen großen Schluck trank. Unter Garantie war es der weiße Becher mit dem Foto seiner Kinder, Elvira und Emanuel. Den hatte Bill im vergangenen Jahr zum Vatertag bekommen. Durch den Hörer hörte sie ihn erneut seufzen.

«In Kabul sind zwei schwedische Diplomaten verschwunden …»

«Wie bitte?»

«Sie werden mittlerweile seit sieben, acht Stunden vermisst. Angeblich haben die beiden die Botschaft in einem gepanzerten Wagen mit ortsansässigem Fahrer verlassen. Allerdings hat von ihnen niemand mehr etwas gehört oder gesehen, seit sie zuletzt ihre Position durchgegeben haben – da waren sie an irgendeinem Platz mit M und anschließend noch ein-, zweimal nördlich von Kabul …»

Bill versuchte, seine eigene Handschrift zu entziffern.

«Meinst du den Massoud-Platz?»

«Ja, ich glaube, das soll es heißen. Sagt dir das was?»

«Ja, ganz in der Nähe liegt die US-Botschaft. Eine gängige Stelle, um seine Position durchzugeben. Nur leider gibt uns das keinen Anhaltspunkt, was das Ziel der Fahrt gewesen sein könnte. Oder wissen wir, wohin sie wollten?»

Verschleppt? Entführt? Mit so etwas hatte sie nicht gerechnet, als sie den Auftrag in Afghanistan angenommen hatte.

«Genau das sollst du herausfinden.»

«Aber wenn jemand so einen Job an uns heranträgt, müssen doch noch mehr Informationen vorliegen?»

«Sowohl hier in Stockholm im Außenministerium als auch in der Botschaft in Kabul scheint das reinste Chaos zu herrschen. Die Informationslage ist gelinde gesagt dürftig … Das Außenministerium verfügt nicht über die notwendigen Ressourcen, um so eine Situation zu managen, und die Botschaft hat wie alle anderen diplomatischen Vertretungen miserable Sicherheitsvorkehrungen. Rechne also damit, dass du ziemlich viele Dinge selbst klären musst.»

«Also gut, worauf deuten die Fakten denn bislang hin?», fragte Amanda, während sie eine Afghanistan-Karte vor sich ausbreitete. Mit dem Zeigefinger folgte sie den Straßen vom Massoud-Platz aus in nördliche Richtung. In sieben, acht Stunden konnten sie durchaus bis Mazar-e Scharif gekommen sein. Sogar bis Pakistan. Sie hoffte auf Ersteres. Pakistans so gut wie gesetzloses Grenzgebiet würde für einen Unterhändler mehr als ein Härtetest sein.

«Wenn sie Pech hatten, waren sie in einem Gebiet, aus dem gerade erst diverse heftige Explosionen gemeldet wurden. Genauer gesagt: gestern Abend. Der Anschlag ist der bisher schlimmste seit Beginn dieses Jahres. Die CNN-Bilder sehen übel aus. Die Taliban haben sich in einem YouTube-Video zu der Tat bekannt. Leider weiß in der Botschaft niemand etwas Genaueres – nur dass die beiden Schweden verschwunden sind.»

«Mit anderen Worten: Sie könnten inzwischen tot sein.»

Wieder hörte sie den Löffel in Bills Becher klirren.

«Egal was passiert ist, du gehörst zu den kompetentesten und erfahrensten Verhandlungsführern, die Schweden zu bieten hat. Hier wird jemand gebraucht, der Haare auf den Zähnen hat – also jemand wie du. Außerdem bist du bereits vor Ort», fügte Bill hinzu.

«Natürlich fahre ich hin, allerdings ist dann aus unserem schwedischen Team niemand mehr hier auf dem Stützpunkt. Meine beiden Kollegen kommen erst in ein oder zwei Tagen zurück.»

«Diese Sache hat Vorrang. Da müssen die Afghanen eben mal ohne Berater zurechtkommen.»

«Und vor Ort kann uns niemand etwas Genaueres sagen? Weil nicht einmal bekannt ist, wohin die beiden fahren wollten?»

Sie seufzte und notierte sich die dürftigen Informationen, die sie erhalten hatte. Wie lange dauerte es, bis man jemanden vermisste, wenn man nicht wusste, zu welchem Zeitpunkt die betreffende Person vorgehabt hatte, wieder zurück zu sein?

«Ich kann nur mit Bestimmtheit sagen, dass sie längst wieder in der Botschaft hätten sein müssen. Schaffst du den ersten Flug nach Kabul, damit ich im Justizministerium Bescheid geben kann, dass du auf dem Weg bist?»

«Im Justizministerium?»

«Ach, ist nur ein kleiner Kreis. Irgendjemand im Außenministerium hat sich mit dem Justizministerium in Verbindung gesetzt, das wiederum Alice Bohman informiert hat, die mich angerufen und aus dem Schlaf gerissen hat, weil ich stellvertretender Leiter der Sondereinsatzkräfte bin. Darüber hinaus sind keine weiteren Personen involviert.»

«Dann sind es aus unserer Abteilung nur wir zwei?»

Sie hoffte inständig, dass die Antwort Ja lautete. Dann würde sie in Kabul allein arbeiten können. Zumindest vorläufig.

«Korrekt. Und das muss vorerst auch so bleiben. Fahr in die Botschaft. Versuch irgendwie, Licht in diese ganze Angelegenheit zu bringen, und ruf mich an, wenn du mit dem Botschafter gesprochen hast.»

«Aber diese Alice Bohman hat sich doch bisher nie mit Entführungsfällen befasst … wenn wir es tatsächlich mit einem zu tun haben?»

Als Amanda die Leiterin der Reichskriminalpolizei zuletzt gesehen hatte, hatte sie eine geschlagene Stunde lang über die geplanten Umstrukturierungen bei der Polizei schwadroniert – und darüber, wie gewinnbringend der Einsatz von Unternehmensberatern plus Haushaltsdisziplin und Synergien innerhalb der Behörde sein könnte. Auf die gesellschaftlichen Verpflichtungen der Polizei und die konkreten Aufgaben der einzelnen Abteilungen war sie mit keinem Wort eingegangen. Die Kollegen, die angewiesen worden waren, sich den öffentlichen Vortrag anzuhören, hatten sich nach fünf Minuten mental ausgeklinkt.

«Eher weniger. Aber sie ist sozusagen als Wachhund dabei, wenn das Justizministerium ruft. Immerhin ist sie die Leiterin.»

Offensichtlich waren Titel immer noch wichtiger als Kompetenz.

«Um zehn Uhr geht ein Flug von Mazar-e Scharif nach Kabul. Ich versuche, noch einen Platz in der Maschine zu bekommen», sagte Amanda.

«Gut, und ich werde alles tun, was ich kann, um Verstärkung zu organisieren.»

«Nur bitte keinen Anfänger, Bill. Dann arbeite ich lieber allein.»

«Ich weiß. Ach, eins noch!»

«Ja?»

«Das hier ist Verschlusssache. Deine Kontaktperson ist der Botschafter, niemand sonst. Justiz- und Außenministerium bestehen auf absolute Diskretion.»

«Verstanden.»

Amanda machte die Augen zu. Der Schlaf würde warten müssen und ihr schriftlicher Bericht über den nächtlichen Einsatz ebenfalls.

Sie nestelte an ihrer Dienstmarke herum, die auf dem Schreibtisch lag. Seitlich war das Leder abgeplatzt.

Amanda Lund. 3512. Reichskriminalpolizei.

Auf dem Schwarzweißbild sah sie keinen Tag älter aus als fünfundzwanzig. Die Grauschattierungen kaschierten sowohl die ersten Krähenfüße um die Augen als auch die Fältchen zwischen Nasenflügeln und Mundwinkeln. Die Sommersprossen auf ihrer schmalen Nase waren allerdings deutlich zu erkennen. Ihr helles, gelocktes Haar rahmte ihr Gesicht auf beinahe kindliche Weise ein. Ein Allerweltsgesicht … Wäre da nicht ihre ansehnliche Größe von eins vierundachtzig, mit der sie in Afghanistan tagtäglich Aufmerksamkeit erregte.

Sie steckte die Dienstmarke zu ihrem Pass und den Impf- und ISAF-Ausweisen in den Rucksack. Ohne ISAF-Ausweis war man in Afghanistan ein Niemand. Sorgfältig packte sie einen Hosenanzug, drei Blusen und eine Jeans ein, in die Außentasche kamen ein Erste-Hilfe-Set, eine Taschenlampe und ihr Diktiergerät. Eins ihrer Waffenmagazine war leer.

Atmar hatte fünfzehn Schüsse auf ihren Angreifer abgefeuert. Angesichts seiner zitternden Hände und des Blutes, das ihm in die Augen gelaufen war, waren es vermutlich nicht Atmars Kugeln gewesen, die den Taliban-Kämpfer unschädlich gemacht hatten.

Sie legte fünf volle Magazine nebeneinander auf den Tisch: eins für die Glock, zwei fürs Oberschenkelholster und zwei fürs Gepäck.

 

Kurze Zeit später marschierte sie die hundert Meter von der klimatisierten Abflughalle zu der Hercules-Transportmaschine, die bereits mit laufenden Triebwerken auf dem Rollfeld stand. Trockene, warme Luft schlug ihr entgegen. Die Erfrischung, die sie unter der Dusche verspürt hatte, war wie weggefegt.

Das Flugzeug war fast leer. Amanda streckte sich auf einer Pritsche aus. Sie war müde und außer Atem. Sie durfte jetzt nicht krank werden, dafür war keine Zeit.

Harte Arbeit wartete auf sie.

Es war merkwürdig, aber sie hatte schon früher mit Mitarbeitern des Außenministeriums zu tun gehabt, und es gab nicht viele, die ihre eigene Sicherheit so wenig ernst zu nehmen schienen wie sie selbst.

Amanda tastete nach dem Medaillon an ihrem Hals, rieb es zwischen Daumen und Zeigefinger und fuhr über das eingravierte Datum. Es war fast zwei Jahre alt und bedeutete ihnen beiden gleichermaßen viel. Trotzdem lebten sie getrennt. Sie in einer Zweizimmerwohnung in der Parkgatan auf Kungsholmen, er in einem Haus in Näsbypark. Sie trafen sich heimlich wie zwei Teenager und mieden öffentliche Plätze, wenn sie zusammen waren.

Für eine SMS war es zu früh. Nicht wegen der Zeitverschiebung, sondern weil André seine Tochter wahrscheinlich noch nicht zum Tennistraining gebracht hatte.

Als sich ihre Wege im Zuge einer Ermittlung gekreuzt hatten, hatte Amanda sich Hals über Kopf in ihn verliebt. André hatte – in seiner Eigenschaft als Staatsanwalt – auf der Treppe des Gerichtsgebäudes in Kungsholmen gestanden und auf die Klägerin gewartet. Amanda, die als Privatperson bei dem Vorfall eingegriffen hatte und als Zeugin gehört werden sollte, war wie immer auf den letzten Drücker und völlig außer Atem angehetzt gekommen.

Gemeinsam hatten sie dafür gesorgt, dass die Welt ein kleines bisschen besser geworden war: Ein Mann war zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden, und eine Frau konnte ihr Leben künftig ohne einen gewalttätigen Sadisten verbringen, der sie windelweich schlug. Ein Staatsanwalt und eine Polizistin gegen den Rest der Welt.

 

Das Transportflugzeug rollte langsam auf die Startbahn.

Sie waren pünktlich.

09:58.

Eiskalte Luft drang durch die Regelventile in die Kabine, während sich gleichzeitig ein durchdringender Kerosingeruch ausbreitete. Aus dem Cockpit wehte Kaffeeduft zu ihr herüber, und ein gutgelaunter Pilot begrüßte die Handvoll Passagiere.

Draußen flimmerte die Luft über dem bereits glühend heißen Boden. Trotz des blauen Himmels war die Sicht schlecht. Ein dichter Nebel aus Dreck und Abgasen verdeckte die umliegenden Berge.

Amanda legte den Kopf auf ihren Helm und rekapitulierte, was sie wusste: Zwei schwedische Staatsbürger waren in einer der gefährlichsten Städte der Welt verschwunden. Unzureichende Sicherheitsvorkehrungen und unnötig lange Informationswege hatten dazu geführt, dass sie erst Stunden nach ihrem Verschwinden als vermisst gemeldet worden waren. Möglicherweise waren sie bei einem Bombenanschlag, der zahlreiche Tote und Verletzte gefordert hatte, ums Leben gekommen. Diplomaten wurden – ganz unabhängig von ihrer Nationalität – immer wieder zur Zielscheibe, und in Kabul war nichts unmöglich.

Wenn die beiden in einer dienstlichen Angelegenheit unterwegs gewesen wären, hätten sie die Botschaft nicht so spät abends verlassen. Mittlerweile dürften sie bereits seit vierzehn, fünfzehn Stunden verschwunden sein. Für einen Unterhändler eine alles andere als gute Ausgangslage.

Waren sie überhaupt noch am Leben?

6

Warmer Dampf stieg aus dem Waschbecken auf. Vom Plätschern des laufenden Wassers musste er pinkeln.

Erneut wog er den Beutel in der Hand. Endlich würde dieses verdammte Zeug verschwinden.

Er fummelte an dem roten Zippverschluss.

Der Toilettendeckel war nach seinem letzten Besuch im Badezimmer noch hochgeklappt. Mit zitternden Händen stellte er den Beutel auf die Klobrille und schüttete das weiße Pulver ins WC, wo es sich mit dem Wasser vermischte, bis nicht einmal mehr die Kratzer in der Emaille zu sehen waren.

Unter seinen Armen hatten sich nasse Flecken gebildet, und er merkte, wie Schweißperlen von seiner Nasenspitze ins Wasser tropften. Gott, er wünschte sich, er wäre wieder zu Hause – einfach nur weit weg. Weg von diesem verdammten Pulver und allem anderen, was ihn quälte.

Er drückte die Spülung, das Pulver wirbelte im Kreis und verschwand.

Nicht zu viel auf einmal.

Ein verstopfter Abfluss wäre das Letzte, was er jetzt brauchte. Er kippte und spülte, kippte und spülte, bis beide Beutel leer waren. Dann stopfte er die Tüten in den Abfalleimer unter dem Waschbecken und zerrte den Müllbeutel heraus. Kein unnötiges Risiko. Er klappte den Toilettendeckel zu und setzte sich. Erledigt. Allmählich wurde er wieder ruhig.

Er drehte das kalte Wasser auf und benetzte sein Gesicht.

Es war weg. Und es gab keinen Beweis mehr dafür, dass es sich je in seinem Besitz befunden hatte. Er trocknete sich die Hände ab und cremte die Nagelhaut ein.

Er hatte es nicht abgeschickt. Gott sei Dank hatte er es nicht abgeschickt.

7

Oskar verfluchte ihre Personalpolitik während der Sommermonate: Lediglich acht Stunden Ruhezeit zwischen den Schichten – und an allen Ecken waren sie unterbesetzt. Das sollte mal dem Minister zu Ohren kommen, der zwanzigtausend zusätzliche Polizisten gefordert hatte. Er schnaubte, als er die Akte der Mordermittlung sah, die ihm dieser Morgen beschert hatte und die vor ihm auf dem Schreibtisch lag und wartete. Dieser Schwulenmord.

So gut wie unbearbeitet. Aber das war nicht sein Problem. Wenn man als Polizeihauptmeister bei der Einsatzleitung in Norrmalm arbeitete, um die Einsätze in der schwedischen Hauptstadt zu koordinieren, dann hatte ein Mordfall untergeordnete Priorität.

Der Mord war ja bereits passiert. Die Tat lag in der Vergangenheit.

Nichtsdestotrotz fiel die Angelegenheit in seinen Verantwortungsbereich – zumindest fürs Erste. Er war der Chef, und am Nachmittag würde sein Team auch noch die Bereitschaftskollegen unterstützen müssen. Merkwürdig, der umgekehrte Fall kam nie vor. Seine Abteilung durfte nie ungestört arbeiten.

Oskars Blick fiel auf den Bericht der Streifenkollegen. Er umfasste lediglich eine knappe DIN-A4-Seite.

Am Morgen des 23. August 2014 durchsuchten Streifen 31–9220 und 31–9240 den abgesperrten Bereich, fanden aber nichts von Interesse. Auch Hundestaffel 39–9350 suchte das Gebiet ergebnislos ab.

Zum Zeitpunkt der Niederschrift liegen der Polizei keine Vermisstenmeldungen vor, die auf die Beschreibung des Mordopfers zutreffen. Streife 31–9220 hat zweimal versucht, den Besitzer des Restaurants Mälarpavillon zum Zweck der Vernehmung telefonisch zu erreichen, doch ohne Erfolg. Bislang sind noch keine Zeugenaussagen eingegangen.

Sie hatten aber auch nicht gerade viel unternommen, stellte Oskar fest. Keine Anwohnerbefragung, keine Maßnahmen, um den Mann zu identifizieren. Nicht einmal den Restaurantbesitzer hatten sie für ein Verhör auftreiben können.

Oskar rief einen Polizeianwärter zu sich, der sich weiter um den Fall kümmern sollte. Er selbst würde endlich Karten für das Spiel Djurgården gegen Malmö FF in der kommenden Woche reservieren, danach blieben ihm noch ein paar Minuten Zeit für die Planung und Organisation der heutigen Streifenpatrouillen.

«Könntest du noch mal versuchen, den Besitzer zu erreichen, und ihm ein paar Fragen stellen? Wann der Club zugemacht hat, ob es im Lokal zu Streitigkeiten gekommen ist? Vielleicht erkennt er ja die Kleidung des Opfers wieder, wenn du sie ihm beschreibst. Frag ihn jeden Mist, der uns irgendwie weiterhelfen könnte.»

«Geht klar. Sonst noch was?»

«Sieh nach, ob neue Vermisstenmeldungen eingegangen sind, die auf unseren Mann zutreffen könnten. Dann haben wir unseren Teil erledigt», sagte Oskar und rief die Homepage von Djurgårdens IF auf.

Er hätte sich eine Dauerkarte kaufen sollen. Inzwischen kostete ein Sitzplatz fünfhundert Kronen – einfach lächerlich.

Der Polizeianwärter schlug die Hacken zusammen, als wollte er salutieren, und verließ das Büro. Oskar griff zu seinem wässrigen Automaten-Tee und überflog die Einleitung des Berichts, den er höchstpersönlich abgesegnet hatte, bevor er nach Hause gegangen war. Ganz nach Vorschrift war es nicht, einen Bericht zu prüfen und freizugeben, der von den eigenen Leuten verfasst worden war. Aber zum Teufel, nach der Nachtschicht war er hundemüde gewesen. Unter der Überschrift «SICHERGESTELLTE GEGENSTÄNDE» entdeckte er einen Vermerk.

Ihm wurde flau im Magen.

Das verdammte Telefon!

Er hatte sich nicht darum gekümmert, es aufzuladen!

Er war einfach zu müde gewesen. Zu zerstreut. Er hatte sich nicht einmal mehr die Mühe gemacht, die Kontakteliste durchzugehen und den armen Kerl mit Hilfe irgendeiner gespeicherten Nummer zu identifizieren. Geschweige denn den Mörder zu finden. Er war einfach davon ausgegangen, dass sich der ermittelnde Kollege das Telefon am nächsten Morgen schon vornehmen würde … und nicht, dass der Fall bei Schichtbeginn quasi noch unbearbeitet und wie ein großer Scheißhaufen auf seinem Schreibtisch liegen würde.

Oskar schämte sich. Aber es war zu spät, noch etwas an der Sache zu ändern.

Er lief hinüber in die Asservatenkammer und suchte nach der braunen Papiertüte, auf der er wenige Stunden zuvor eigenhändig die Registernummer notiert hatte.

Genau, wie er vermutet hatte: Das Handy hatte sich entladen. Es war tot. Oder anders ausgedrückt: Jetzt würden sie den PIN-Code brauchen, um es zu entsperren.

So verdammt typisch! Wie sollte er aus der Nummer nur wieder rauskommen? Das war unprofessionell und schlampig gewesen. Er legte die Tüte wieder an ihren Platz zurück.

Sein letzter Funke Hoffnung schwand, als er in sein Büro zurückkehrte und das Asservatenprotokoll durchlas.

Schwarzes, eingeschaltetes iPhone 5. Keine Kratzer.

Natürlich hatte der Polizeianwärter vermerkt, dass das verfluchte Ding eingeschaltet gewesen war! Das Beste wäre vermutlich, keine große Sache daraus zu machen. Ein kleines Missverständnis. Die Tage würden ins Land gehen, und irgendwann würde niemand mehr wissen, wer sich darum hätte kümmern und das Handy aufladen müssen. Für den Moment schien ihm das die beste Alternative zu sein.

Sein Tee war mittlerweile kalt geworden, aber das spielte keine Rolle. Er ließ den Schluck im Mund herumwandern und ging den Bericht noch einmal von Anfang an durch.

Die Joggerin, die den Notruf gewählt hatte … Er hätte wohl doch ein Wörtchen mit dieser Frau wechseln sollen, allein wegen des Protokolls. Immerhin war sie vor Ort geblieben und hatte auf die Polizei gewartet.

Aber was hätte sie schon ausgesagt? Dass sie die Polizei gerufen hatte, weil ein Mann im Gebüsch lag. Was bitte schön hätte sie dem noch hinzufügen sollen?

Draußen auf dem Flur näherte sich das Knistern einer frisch gebügelten Uniform. Hastig schlug Oskar den Bericht zu. Eine Sekunde später tauchte der Polizeianwärter in der Tür auf, rot im Gesicht und außer Atem. Natürlich waren die Bügelfalten in seiner Hose aus dem Uniformlager noch deutlich zu erkennen. Einen Grünschnabel rieche man schon von weitem, wie die älteren Polizisten über ihre jüngeren Kollegen zu sagen pflegten.

«Na, wie läuft’s?»

«Ich habe mit dem Restaurantbesitzer gesprochen.»

Der Polizeianwärter hatte die Augen weit aufgerissen und atmete mit offenem Mund. Es würde ein paar Jahre dauern, bis er sich mit der gleichen Gelassenheit und Selbstgewissheit wie Oskar bewegte.

«Und?» Oskar drehte seinen Schreibtischstuhl so herum, dass er den Polizeianwärter ansehen konnte.

«Er sagt, dass das Restaurant wie üblich um drei Uhr morgens zugemacht hat, keine Streitigkeiten oder Ähnliches.»

«Gut. Dann können wir also festhalten, dass der Mord zwischen drei und fünf Uhr morgens verübt worden sein muss. Das ist doch schon mal was. Hast du noch mehr?»

«Leider keine neuen Vermisstenmeldungen.»

Mit einem Seufzer legte Oskar die Füße auf den Rollcontainer aus hellem Birkenfurnier. «Dann warten wir noch ein paar Tage. Vielleicht wird er ja irgendwann bei der Arbeit vermisst», stellte er fest und versuchte, die schwarzen Stellen wegzureiben, die seine Schuhsohlen auf dem Container hinterlassen hatten.

«Sollen wir noch weitere Zeugenbefragungen durchführen? Vielleicht gibt es Restaurantgäste, die gestern Nacht etwas beobachtet haben?»

Immer dieser Eifer. Da waren diese Polizeianwärter alle gleich. Immer mussten sie übertreiben.

«Nein, wir haben andere Aufgaben, um die wir uns kümmern müssen. Der Fall wird vermutlich ohnehin bei unseren Hate-Crime-Kollegen landen, sobald der Mann identifiziert ist.»

Oskar streifte seine schwarzen Lederhandschuhe über, besprühte sie mit Desinfektionsmittel und rieb erneut über die Flecken.

«Warum denn das? Die sind doch fast alle im Urlaub.»

«Weil das Opfer vor einem Schwulenclub ermordet wurde und bestimmt selbst schwul war. Ein klarer Fall von Hate Crime. Wenn die Kollegen nicht genügend Leute zur Verfügung haben, ist das ihr Problem. Es reicht schon, dass wir dieser gottverdammten Bereitschaft unter die Arme greifen müssen», entgegnete Oskar und stopfte die Handschuhe in seine Hosentasche.

Er drehte seinen Schreibtischstuhl in die ursprüngliche Position zurück. Ein deutliches Zeichen für den Polizeianwärter, dass ihre Unterredung beendet war. Kaum war Oskar allein, bestätigte er endlich seine Reservierung im Stadion: Sitzplatz, Ecke, untere Tribüne. Immerhin das hatte geklappt. Dann blätterte er weiter durch den Papierstapel auf seinem Schreibtisch. Der Bericht der Spurensicherung lag ganz unten. Nach der Beschreibung der Umstände des Leichenfunds sowie der Fundstelle folgte eine kurze Passage über das Mordopfer:

Nicht identifizierter Mann

Alter: 30–40 Jahre

Vermutliche Todesursache: 13 Messerstiche in Brust und Bauch, ca. 2 cm breit

Keine Hinweise auf Abwehrverletzungen

Keine anderen äußerlichen Verletzungen am Körper. Die Leichenstarre hat eingesetzt. Der Bericht der Rechtsmedizin inkl. Feststellung von Identität und Tatzeitpunkt wird im Laufe des morgigen Tages erwartet.

Mit offenem Mund starrte Oskar auf das Blatt.

Der Typ war verflucht noch mal steif wie ein Brett gewesen!

Das hatte er selbst festgestellt, als er ihn in die Wade gekniffen hatte. Jetzt da er darüber nachdachte …

Er holte tief Luft.

Was zum Teufel hatte das zu bedeuten?

Tag Eins

8

Shahrara Road. Ein schwieriger Standort für eine Botschaft. In der Nähe der US-Botschaft. Eine gefährdetere Lage muss man erst einmal finden, schoss es Amanda durch den Kopf, als sie zu den Diensträumen des Botschafters geführt wurde. Im Vorbeigehen warf sie einen Blick auf ein Whiteboard mit dem wöchentlichen Einsatzplan des Fahrdienstes, auf dem ersichtlich war, welcher Mitarbeiter wann wohin gebracht werden musste. Der Name Leijonhufvud tauchte an jedem Wochentag auf. Offensichtlich ein vielbeschäftigter Mann.

An der Tür zu seinem Amtszimmer prangte ein Namensschild aus Messing.

Botschafter Sven Leijonhufvud.

Klang nach altem Adel, was man von Familie Lund nicht gerade behaupten konnte. Amanda stammte aus einer typisch schwedischen Durchschnittsfamilie: blaue Augen, weizenblondes Haar. Sie war in Västerås aufgewachsen. Und sie hatte das Gefühl, im Hintertreffen zu sein, noch bevor sie dem Botschafter überhaupt begegnet war.

Zaghaft klopfte sie an die Tür.

«Ja bitte?», erklang eine Stimme von drinnen.

Als Amanda die Tür vorsichtig öffnete, schlug ihr heiße, stickige Luft entgegen, die durch das Fenster hereinströmte.

«Entschuldigen Sie die Störung. Ich bin Kriminalinspektorin Lund.»

«Sehr erfreut. Kommen Sie herein.»

Der Botschafter stand von seinem Stuhl hinter dem pompösen Rokokoschreibtisch auf. Er wirkte müde und erschöpft.

«Der Minister meinte, es seien eine Spezialeinheit der Polizei und Unterhändler auf dem Weg?»

«Ganz richtig. Ich bin Sonderermittlerin unserer Einsatztruppe und Verhandlungsführerin, ich gehöre der Reichskriminalpolizei an.»

Der Botschafter schob seine Brille auf die Nasenspitze und musterte sie. Amanda zückte ihre Dienstmarke, als müsste sie beweisen, was sie soeben gesagt hatte. Der Botschafter nahm ihr den Ausweis aus der Hand und betrachtete ihn prüfend. Er schien tatsächlich zu lesen, was darauf stand. Schlagartig fühlte sie sich unbehaglich. Dies war ganz und gar nicht die Begrüßung, die sie erwartet hatte.

«Ich verstehe … Wenn in einem der gefährlichsten Länder der Welt schwedische Staatsbürger verschwinden, wird Kriminalinspektorin Lund entsandt. Sind Sie das Beste, was das Königreich zu bieten hat?»

Er klappte den Ausweis zu, gab ihn ihr zurück und rief gleichzeitig seiner Sekretärin zu, dass es höchste Zeit für einen Kaffee sei. Amanda schwieg. Was für ein Start. Und was für ein blasierter Typ. Sie biss sich auf die Lippe. In seinem elegant möblierten Büro war sie mit ihrer staubigen Uniform und ihren dreckigen Stiefeln eindeutig fehl am Platz. An den Wänden hingen imposante Gemälde. Die hellen Sessel, auf denen sie wahrscheinlich gleich Kaffee trinken würden, waren mit einem opulenten Blumenmuster bedruckt. Zweifellos vom Luxus-Einrichtungshaus Svenskt Tenn, das hätte sogar ein einfacher Streifenpolizist erkannt.

Das Arbeitszimmer war so groß, dass der Perserteppich, der bestimmt zehn Quadratmeter maß, zwischen der Sitzgruppe und dem antiken Schreibtisch frei im Raum lag. Der Schreibtisch war entweder aus Mahagoni oder Walnuss, und Papierstapel, Ordner und Bücher bedeckten weite Teile der Arbeitsfläche. Unter Garantie würde der Mann behaupten, ein unordentlicher Schreibtisch sei ein Hinweis auf Kreativität. Oder auf einen umso strukturierteren Verstand. Solche Theorien hatte sie schon häufiger gehört. Gestimmt hatten sie nie.

«Bitte nehmen Sie doch Platz … Fräulein … oder Frau …?» Mit einer einladenden Geste wies er auf die Sitzlandschaft.

«Nennen Sie mich einfach Amanda.»

Sie setzte sich ganz vorn auf den Rand des Polsters, um es ja nicht zu beschmutzen.

«Amanda … Sie sind am 10. Juli 1980 geboren. Sie arbeiten als Sonderermittlerin und Unterhändlerin und befinden sich zurzeit als militärische Ausbilderin in Nordafghanistan.»

Der Botschafter schenkte ihnen Kaffee ein, ohne Amanda dabei anzusehen.

«Das ist korrekt.»

Er nahm ihr gegenüber Platz.

«Erzählen Sie mir mehr.»

«Ich glaube, Sie haben die wesentlichen Punkte schon genannt. Ich bin als Beraterin hier in Afghanistan und helfe beim Aufbau und der Ausbildung des hiesigen Truppenkontingents in Mazar-e Scharif.»

«In welchem Bereich genau?»

«Taktik. Bei Einsätzen bin ich Mentorin des afghanischen Truppenkommandanten.»

Amanda meinte zu sehen, wie die Augenbrauen des Botschafters leicht nach oben wanderten, doch er sagte keinen Ton.

«Mein Auftrag», fuhr sie fort, «gründet auf einem gemeinsamen Beschluss des afghanischen Innenministeriums und der ISAF und erstreckt sich über das komplette Jahr. Normalerweise bin ich für Geiselnahmen und Entführungsfälle in und außerhalb Schwedens zuständig, bei denen schwedische Staatsbürger involviert sind.»

Der Botschafter nickte und drehte den Siegelring an seinem rechten Ringfinger. Als er nach seiner Kaffeetasse griff, blitzte unter seiner Hemdmanschette eine IWC-Uhr mit dunkelblauem Zifferblatt hervor. Alles in allem wirkte der Mann zeitlos elegant. Er war hochgewachsen und nicht unattraktiv. In den besten Jahren. Keine Spur von Grau in seinem dichten braunen Haar. Korrekt gekleidet. Mit Sicherheit hatte er die klassische Diplomatenlaufbahn absolviert. Garantiert ein Frauenheld, dachte Amanda.

Doch er sah müde aus. Er war unrasiert, und die dunklen Schatten unter seinen blutunterlaufenen Augen verstärkten den erschöpften Eindruck.

Es war an der Zeit, die Initiative zu ergreifen. Er mochte ihr an Dienstjahren voraus sein. Aber Erfahrung war nicht immer der beste Lehrmeister.

«Die Zeit läuft uns davon, Sven. Zwei Ihrer Mitarbeiter sind verschwunden. Wenn wir Fortschritte erzielen wollen, müssen Sie mich von den Vorkommnissen und der derzeitigen Lage genau in Kenntnis setzen.» Sie wartete auf seine Reaktion. Als der Botschafter beharrlich schwieg, legte sie nach, ohne weiter darüber nachzudenken: «Und zwar augenblicklich.»

Als Leijonhufvud aufblickte, wirkte er beinahe ebenso überrascht, wie sie sich nach diesem spontanen Zusatz fühlte.

«Dann stellen Sie mir verflucht noch mal Ihre Fragen, damit wir hier endlich weiterkommen!» Unbeherrscht sprang er auf, trat ans Fenster und spähte hinüber zu den Barrieren auf der Straße und den Schlagbäumen, die für die Botschaftsbesucher geöffnet und geschlossen wurden. Amanda nutzte die Gelegenheit, um unauffällig in die Tasche an ihrem Hosenbein zu greifen und ihr Diktiergerät einzuschalten. Sie ahnte, dass es für den Verlauf des Gesprächs wenig förderlich sein würde, vorher um Erlaubnis zu fragen.

Ein klein wenig erstaunt, die Oberhand zu haben, räusperte sie sich.