Vierhundert Milliarden Sterne - Paul McAuley - E-Book

Vierhundert Milliarden Sterne E-Book

Paul McAuley

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Beschreibung

Ein mysteriöser Planet

Dorthy Yoshida ist Astronomin – und sie ist telepathisch begabt. Sie erhält den Auftrag, das Geheimnis eines kleinen Planeten zu enträtseln, der einen roten Zwergstern umkreist. Die Welt scheint von einer intelligenten Lebensform gestaltet worden zu sein, aber sie ist nur von halbintelligenten Hirten bewohnt, die Herden von schneckenartigen Pflanzenfressern hüten, deren Nervensystem nur rudimentär entwickelt ist. Es ist schwer vorstellbar, dass eine Verbindung zu den Aliens besteht, die zu den unversöhnlichen Gegnern der Menschheit gehören und ihr bei jeder Gelegenheit erbitterte Raumschlachten liefern. Doch als Dorthy die Oberfläche des Planeten betritt, fühlt sie die intensive Gegenwart einer so überwältigenden Intelligenz, wie ihr noch nie eine begegnet ist …

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Seitenzahl: 533

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PAUL J. MCAULEY

VIERHUNDERT MILLIARDEN STERNE

Roman

Das Buch

Dorthy Yoshida ist Astronomin – und sie ist telepathisch begabt. Sie erhält den Auftrag, das Geheimnis eines kleinen Planeten zu enträtseln, der einen roten Zwergstern umkreist. Die Welt scheint von einer intelligenten Lebensform gestaltet worden zu sein, aber sie ist nur von halbintelligenten Hirten bewohnt, die Herden von schneckenartigen Pflanzenfressern hüten, deren Nervensystem nur rudimentär entwickelt ist. Es ist schwer vorstellbar, dass eine Verbindung zu den Aliens besteht, die zu den unversöhnlichen Gegnern der Menschheit gehören und ihr bei jeder Gelegenheit erbitterte Raumschlachten liefern. Doch als Dorthy die Oberfläche des Planeten betritt, fühlt sie die intensive Gegenwart einer so überwältigenden Intelligenz, wie ihr noch nie eine begegnet ist …

Der Autor

Paul McAuley, 1955 im englischen Stroud geboren, arbeitete mehrere Jahre als Dozent für Botanik an der St. Andrews University, bevor er beschloss, sich ganz dem Schreiben zu widmen. 1988 veröffentlichte er seinen ersten Roman, Vierhundert Milliarden Sterne, und gewann damit den Philip K. Dick Award. Neben Space Operas, die in der fernen Zukunft angesiedelt sind, befasst er sich in seinen Büchern unter anderem mit Themen wie Nanotechnologien, Biotechnologie und alternativer Geschichte. Er gilt als eine der herausragendsten Stimmen der britischen Science Fiction, für seine Romane wurde er mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnet. Paul McAuley lebt und arbeitet in London.

Titel der Originalausgabe

FOUR HUNDRED BILLION STARS

Aus dem Englischen von Peter Pape

Überarbeitete Neuausgabe

Copyright © 1988 by Paul J. McAuley

Copyright © 2016 der deutschsprachigen Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Covergestaltung: Das Illustrat

Inhalt

Erster Teil

CAMP ZERO

Zweiter Teil

DIE BURG

Dritter Teil

DER TURM

Vierter Teil

DER KERN

Erster Teil 

Sie zogen Dorthy Yoshida die Kleider aus und hüllten sie in einen engsitzenden Raumanzug, gaben ihr ein Beruhigungsmittel und schoben sie behutsam in eine Sinkkapsel. Sie füllten den Innenraum mit Aufprall-Gel, verriegelten die Schleuse – und schossen sie dann rücklings aus dem Orbit.

Eine lange Minute schwebte sie in freiem Fall. Sauerstoff zischte leise in ihren Helm. Wenige Zentimeter von ihrem Kopf entfernt blinkten Kontrollanzeigen, zur Bedeutungslosigkeit verzerrt durch das transparente Gel. Ihr kam es so vor, als sähe sie sich selbst in einer dieser trivialen Fernseh-Unterhaltungsshows. Sie wusste, ihre momentane Losgelöstheit rührte von dem Tranquilizer, aber auch dieses Wissen hatte keine Bedeutung für sie. Sie schwebte über allen Dingen.

Und es war gut, endlich allein zu sein. Trotz ihres Implantats war sie nie gänzlich frei von den Emotionen der Mannschaft und der anderen Passagiere in den engen Kabinen des Schiffes gewesen, die ihre Gedanken färbten und wie ein schädliches Gas in ihre Träume einsickerten.

Ein nicht unwesentlicher Faktor, warum sie nach Auslaufen ihres Vertrages beim Kamali-Silver-Institut Astronomin hatte werden wollen, war die in diesem Beruf unvermeidbare Loslösung aus den überschäumenden Energien der Zivilisation, aus den Stürmen von Emotionen, die Tag für Tag gegen sie anbrandeten wie das Meer gegen die Küste und langsam, aber stetig, ihre körperlichen und geistigen Ressourcen aufzehrten. Die Wochen im Transit waren so aufreibend gewesen wie ein ganzes Jahr in einer x-beliebigen Stadt. Daher empfand sie die Minute in freiem Fall wie ein winziges Stückchen des Nirwana: als Salzkristall oder als Schneeflocke – sie verschmolz darin.

Dann setzten die Retrojets ein. Das Aufprall-Gel drückte sich schützend um ihren Körper – und verfestigte sich etwas. Einen Moment lang war sie wieder schwerelos.

Ein Ruck!

Und noch einer.

Die Sinkkapsel jaulte. Etwas, das hinter Dorthys umnebelter Losgelöstheit noch funktionierte, sagte ihr, dass die Kapsel in die Atmosphäre eintauchte. Man hatte ihr die Abfolge der Ereignisse oft genug erklärt, als man sie auf den Abwurf vorbereitete, und sie versuchte gerade vergeblich, sich daran zu erinnern, was als nächstes kam, als sich ihr Körpergewicht, austariert durch den sanften Gegendruck des zähflüssigen Gels, wieder aufbaute. Die Sinkkapsel vibrierte, ihre dünne Außenhülle begann zu ächzen, als sie tiefer in die obere Atmosphäre eintauchte. Interferenzen zuckten durch das Gel, schaukelten Dorthys Körper hin und her und ließen den Schein der Leuchtanzeigen zerfließen. Unterhalb des gerippten Bodens unter ihr wurde der äußere Hitzeschild immer heißer, glühte rot, glühte goldgelb und dann weiß, rann nach hinten davon und schoss flüssige Glut in die Atmosphäre.

Dorthy spürte nur ihr zunehmendes Gewicht, das sich offenbar zwischen ihren Brüsten zentralisierte, sich auf ihr Herz legte und ihren Körper fester in das elastische Gel presste. Sie konnte nicht mehr atmen, ihre Mundwinkel wurden schmerzhaft nach unten gezerrt. Die Augäpfel in ihren Höhlen wurden flach.

Der entsetzlichste Moment beim freien Fall. Sie schnappte nach Luft, doch im selben Augenblick baute sich ihr Körpergewicht wieder auf.

Irgendetwas krachte. Eine ganze Reihe der kleinen Leuchtkontrollen glühte rot auf.

Und dann war es vorbei. Eins nach dem anderen begannen die Lämpchen wieder in ihrem freundlichen Grün zu blinken. Der Druck auf Dorthys Brust ließ nach, ihr Gewicht normalisierte sich auf einen Wert wenig unterhalb ihrer Erde-Norm. Sie fühlte die Kapsel weite Achten schwingen, ein Foucault’sches Pendel, aufgehängt unter dem blütenähnlichen Dach des Fallschirms. Ein gebieterisches Knacken in ihrem rechten Ohr – und eine blecherne Stimme sagte etwas zu ihr.

Im gleichen Augenblick schien sich der chemische Riegel, der ihr TALENT abschirmte, aufzulösen. Es war, als ob ungebündelte Weißglut durch die Wände der Sinkkapsel schösse, hier und da abgemildert durch harte Bruchteile von Intelligenz, verstreute Edelsteine im Schlamm einer labyrinthischen Welt. Dorthy wurde in die langweilige Routine des Abwurf-Controllers verstrickt, dessen Versuche, aus dem brodelnden Gewirr von Hunderten anderer Gehirne in seiner Umgebung heraus mit ihr Kontakt aufzunehmen, ihr inneres Ohr strapazierten.

Das ist ja noch schlimmer als im Schiff, dachte sie, und dann fühlte sie, wie etwas hinter dem Horizont hervorkam. Eine Nova flammte auf und sandte ihren blendenden Strahl zu ihr herüber. Es war zu viel. Sie bestand nur noch aus Gefühl, wurde, das Innerste nach außen gekehrt, hart an das Feuer gepresst, konnte nichts davon abwehren oder ausklammern. Durch die roten Nebel der aufkeimenden Panik versuchte sie sich krampfhaft an das beruhigende Ritual ihrer Übungen zu erinnern. Aber das Licht war zu stark, zu hell. Wie eine Fallkapsel in zu steiler Sinkkurve, wie Ikarus, dieser arme Nachtfalter, zog sie eine glühende Bahn über den flammenden Himmel.

Und erlosch.

Lange Zeit schwebte Dorthy im Dämmer zwischen Schlaf und Erwachen – wie sie manchmal dicht unter der Oberfläche im Meer beim Great Barrier Reef schwebte, wo das Wasser die Temperatur von Blut hatte. Man konnte sich hier mit dem Gesicht nach unten treiben lassen, das Röhrchen, das sie oben mit der Welt voller Luft verband, durchstieß die schillernde Silberhaut dicht über ihrem Kopf. Und unter ihr dehnte sich die blaue Unterwasserwelt. Dabei musste man aber sehr achtsam sein. Ein zu tiefes Luftholen würde den Körper auftreiben und beim Auftauchen eine Rolle drehen lassen. Der Schnorchel würde ins Wasser tauchen, während die Sonne die Tropfen auf der Maske aufblitzen ließ, und der nächste Atemzug würde in einem würgenden Husten enden. Atmete man dagegen zu flach, sank man den abgerundeten Korallenbuckeln und den Patrouillen-Fischen entgegen, weg von der silbernen Oberfläche und den hellen Sandbänken, der unergründlichen Tiefe und Dunkelheit entgegen.

(Irgendwo ging eine Tür auf. Ein Luftschwall drang herein, der einen Geruch nicht unähnlich dem einer Flensfabrik mit sich trug. Eine Stimme sagte geduldig: »Noch nicht, Colonel. Nein, kann ich nicht. Vielleicht eine Reaktion auf den Tranquilizer, den sie für die Landung verabreichen, vielleicht die Allergen-Impfungen, vielleicht auch was anderes. Ich werde Ihnen sofort Bescheid geben, wenn sie aufgewacht ist. Aber das wird noch eine ganze Weile dauern.« Dorthy versuchte, die Augen zu öffnen, doch die Anstrengung war zu groß. Sie sank aus der silbrigen Helle zurück ins Dunkel.)

Ehe man sie weggeschickt hatte, war der Geruch der Flensfabrik allgegenwärtig gewesen. Wie die weißen Tupfer der Möwen, die über den Flachdächern der würfelförmigen Gebäude kreisten und genau den Standort der Fabrik anzeigten. Dort wurden die riesigen nachenförmigen Walleiber nach Abziehen der Haut an großen, langsam vorwärtsrollenden Kranbrücken zerlegt, Walfischspeck und Muskelfleisch von der Wirbelsäule abgetrennt. Danach pickten kleinere Kräne wie ein Schwarm Aasgeier an den übriggebliebenen Knochen herum.

Hier arbeitete Dorthys Vater.

Manchmal zeigte er Dorthy, wie die Wale von der Bucht, in die man sie geschleppt hatte, in die Rutsche schwammen. Das Wasser in dem Betonkanal war so flach, dass sie die runden Augen sehen konnte, die für solch große Lebewesen viel zu klein schienen. Sie hätte den Tang und die Entenmuscheln auf der vorbeigleitenden verkrusteten Haut der Tiere fast greifen können, hätte sie den Mut aufgebracht, zwischen dem Geländer des Laufsteges hindurchzufassen.

Sie trug dabei immer einen weiten Poncho, denn manchmal gab ein Wal noch einen übelriechenden öligen Blas von sich. Dorthy mochte das überhaupt nicht. Sie hasste auch den Moment, in dem sich die Elektroden anlegten und einen kurzen heftigen Stromstoß durch den langen Walkörper jagten. Es roch dabei immer nach verbranntem Wasser. Sie selbst pflegte jedes Mal in diesem Moment zusammenzuzucken. Ihr Vater nahm sie dann immer auf den Arm und lächelte sie an. Für ihn war das offensichtlich ein Spaß.

Auch ihr Onkel Mishio arbeitete hier. Dorthy fürchtete sich vor seinem vernarbten, einäugigen Gesicht.

Der Gestank des ranzigen Blubbers hing den ganzen Sommer über der Fabrik und der kleinen Stadt. Mit Beginn der Walsaison war jeder innerhalb von Tagen heiser, und die Luft in den kleinen Wohnungen wurde stickig, weil man die Fenster nicht mehr öffnen konnte. Aber es war auch der Gestank des Geldes. Die Stadt lebte von der Walfabrik, der einzigen Industrieansiedlung am Ort.

Jeden Abend brachte Dorthys Vater diese übelriechende Duftwolke mit heim und verlor sie erst allmählich im heißen Bad, das die Mutter ihm schon vorsorglich bereitet hatte. Dorthy und ihre jüngere Schwester Hiroko hatten sich still zu verhalten, während der Vater sich im dampfenden Wasser entspannte, das Abendbrot verzehrte, das seine Frau ihm brachte, und dabei das triviale Zeugs im Fernsehen anschaute. Danach verließ er meist das Haus, um Onkel Mishio in einer der Kneipen zu treffen.

Dorthys Mutter war keine Japanerin, und durch die Heirat mit ihr hatte der Vater sich die Missbilligung und den dauernden Unmut seiner Familie zugezogen. Wie zur Sühne dieser unseligen Trennung begann er fanatisch die alten orthodoxen Lebensweisen zu praktizieren, die vor dem Exodus gebräuchlich waren, und machte seine Frau damit zur Märtyrerin seines Fanatismus. Wahrscheinlich war dies auch der Grund für ihren frühen Tod und den darauf folgenden Ruin des Vaters, verursacht durch Trunkenheit, schlechte Gesellschaft und noch weniger Glück. Doch das wurde Dorthy erst Jahre später klar.

Die kleine Wohnung mit ihren Betonwänden, hinter Vorhängen aus Papier versteckt, dem Steinboden, den tatami-Matten bedeckten, dem bunt lackierten Shinto-Altar in einer Ecke, dem Holzkohleofen mit dem ständig summenden Teekessel darauf, neben dem Dorthys Mutter im Knien das Fisch-Stew anzurühren pflegte … Und die anderen zwei Dutzend Apartmentblocks, die kurze Straßenzeile mit kleinen Läden und Kneipen, die großen Villen der Fabrik-Ingenieure und -Manager auf dem Hügel, der sich über die kleine Stadt erhob, den Ozean zur einen, das lichte Busch- und Waldland zur anderen Seite, darüber die Stille des blauen leeren Himmels, die nur gelegentlich von dem entfernten Heulen eines Luftwagens unterbrochen wurde …

Von all dem hatte Dorthys TALENT sie weggeführt, wie es sie auch aus ihrer Forschungstätigkeit im Orbit von Pluto herausgeführt hatte. Da draußen war es so still gewesen. Kein anderes Gehirn außer dem ihren. Und die Sonne war dort so winzig – nur ein heller Stern unter Myriaden anderen Sternen.

Dorthy wurde in einer Finsternis wach, die antiseptisch roch, ein stechender Duft, der einen anderen, irgendwie vertrauten Geruch überlagerte. Ihr erster Gedanke war, sie habe es wieder nicht richtig gemacht. (Einmal hatte sie es mit Bleichmittel, ein andermal mit einem scharfen Besteckmesser versucht, das dritte Mal wollte sie sich im kugelförmigen Pool mitten im schwerelosen Zentrum des Instituts ertränken.) Ein heftiger Druck lastete auf ihren Schultern und wurde noch spürbarer, als sie ihren Körper zu drehen versuchte. Sie war nicht im Institut. Das war doch schon Jahre her. Befand sie sich immer noch in der Sinkkapsel?

Dann flutete Licht in den kleinen Raum. Ein Gesicht tauchte aus dem Nebel vor ihren Augen. Dorthy drehte sich von ihm weg. Etwas stach in ihren Arm.

Ein sanftes Abgleiten in pures Silber. Schlaf.

Später, nach ihrer Zeit im Institut, schien es Dorthy, als ob ihr TALENT ständig gegenwärtig sei. In ihrer frühen Kindheit dagegen war es nur latent vorhanden, untrainiert und nicht zielgerichtet, und sie hatte es nicht als das erkannt, was es wirklich war. Welches Kind mag schon die Vorstellung, dass es anders ist als die anderen Kinder?

Es war immer in ihren Träumen gewesen. Im Schlaf mischte sich ihr Geist unter die Lichter anderer Geister – wie die Fünkchen oder Kreise, die sie hervorrief, wenn sie die Fingerkuppen fest gegen die geschlossenen Augenlider drückte, wie die Sterne, jeder abgeschirmt für sich, keiner sich des Vorhandenseins der anderen bewusst. Manchmal, im wachen Zustand, wusste Dorthy, was andere Leute im nächsten Moment sagen würden, erlebte im Voraus komplette Unterhaltungen, die dann in der Realität für sie natürlich so langweilig und uninteressant waren wie die Wiederholungen dieser Trivia-Shows. Nur selten erinnerte sich Dorthy ihrer Träume, und sie war zu jung für die Erkenntnis, dass ihr ständiges déjà vu alles andere als normal war. Erst nach ihrer vertraglichen Berufung an das Kamali-Silver-Institut wurde ihr allmählich bewusst, wie sehr sie sich von ihren Mitmenschen unterschied, und welche Tragweite das hatte. Als sich ihr TALENT zum ersten Mal öffentlich zeigte, bemerkte keiner, was da geschah, nicht einmal Dorthy selbst.

Sie war damals sechs Jahre alt und ging noch nicht lange zur Schule, wusste aber schon bald, dass sie sie nicht mochte. Es waren viele Japaner-Kinder dort, die sich aber wegen ihrer Mutter von ihr fernhielten und sie verächtlich das kleine Halbblut nannten, wenn sie überhaupt mit ihr redeten. Und die anderen Kinder wiederum mochten aus Gründen, die Dorthy nicht verstand, die Japaner-Kinder nicht und bezogen Dorthy in ihre Abneigung ein. So war Dorthy völlig isoliert, gehörte weder zu dieser noch zu jener Welt und wurde zum Opfer der Frustrationen der anderen.

Die meisten der nichtjapanischen Schüler, die gaijin, reflektierten lediglich die Vorurteile ihrer Eltern und beschränkten sich auf höhnische Bemerkungen und Hänseleien. Nur ein Mädchen, Suzi Delong, fand besonderes Vergnügen daran, jedes Japaner-Kind, das noch klein genug dazu war, zu quälen. Zu diesem bewussten Zeitpunkt platzte sie fast vor Boshaftigkeit, und ihre dünnen Arme und Beine bebten, während sie Dorthy mit einer Hand festhielt und mit der anderen kräftig in deren Arme kniff. Dabei stieß sie pausenlos Verwünschungen aus: Alle Japsen würden stinken, sie sollten sich davonscheren und den richtigen Leuten Platz machen, sollten dahin zurückgehen, woher sie gekommen waren, und die anderen Menschen in Ruhe lassen. Ihr Gesicht lief rot an, ihre Verwünschungen wurden immer ausgefallener – eine unaufhaltsame Flut, der sich Dorthy nicht zu entziehen wusste. Ihr ganzer Körper bebte vor Entrüstung und Scham, während sie sich in der Umklammerung ihrer Gegnerin wand, und Tränen stiegen ihr in die Augen, ließen die Nase prickeln.

Und in dieses Prickeln hinein formte sich unversehens ein Bild. Dorthy wusste nicht, wo es herkam, hörte sich aber plötzlich aus seiner hell scheinenden Mitte heraus sprechen: »Deine Mutter veranstaltet gerade ein nettes Spielchen mit Seyour Tamiya. Sie spielen es ohne jeden Fetzen Kleidung am Leib.«

Dann war das Bild verschwunden – und Suzi rannte mit ihren X-Beinen über den Spielplatz davon. Dorthy rieb sich die schmerzenden Arme und war froh, endlich in Ruhe gelassen zu werden. Aber eine der Lehrerinnen hörte von der Sache. Nach dem Unterricht musste Dorthy mit ihr zu Seyoura Yep, der Schulleiterin.

Seyoura Yep, eine große blasse Frau, saß aufrecht hinter einem Schreibtisch mit integriertem gläsernen Bildschirm. Dorthy stand vor dem Tisch und sah zu, wie die Leiterin mit einem Gerät, das wenig Ähnlichkeit mit einem Stift hatte, auf das Glas schrieb. Sie schrieb lange, ehe sie das Ding endlich mit einem energischen ›Klick‹ beiseite legte. Dann faltete sie die großen weißen Hände zusammen und fragte, was es gebe.

Über Dorthys Kopf hinweg schilderte die Lehrerin die Angelegenheit. Seyoura Yep wandte dabei keinen Blick von Dorthy. Zuerst wurde dem Mädchen heiß, dann kalt. Irgendetwas schien sie angestellt zu haben. Aber war das nicht alles Suzis Schuld, hatte sie nicht zuerst angefangen? Schließlich hatte Suzi ihr weh getan, das bewiesen doch all die dunklen Flecken auf ihren Armen. Aber Dorthy war noch zu jung und wagte nicht, die willkürliche Autorität der Erwachsenen in Frage zu stellen. Außerdem war sie es, die hier im Büro der Schulleiterin stand. Also musste sie etwas angestellt haben.

Schließlich kam ihre Lehrerin zum Ende. Seyoura Yep seufzte und lehnte sich über ihre gefalteten Hände nach vorn. »Nun, wir sollten keine Märchen erzählen, nicht wahr? Suzis Eltern haben zwar Probleme. Du darfst sie aber nicht damit ärgern. Verstehst du das, Kind?« Sie schrieb etwas auf das Glas und drückte auf einen Knopf. Aus einem Schlitz kam ein kleiner Bogen Papier. Seyoura Yep riss ihn ab und sagte: »Zeig das deinen Eltern. Und tu so etwas nicht wieder, ja?«

Dorthy nahm den Zettel und sah ihre Lehrerin an. Sie schickte sie hinaus. Während sich die Tür langsam schloss, hörte Dorthy Seyoura Yep leise sagen: »Diese Japsen. Leben immer noch wie zu Zeiten des Überflusses und der Verschwendung. Jedenfalls die meisten. Sie sind fast so schlimm wie die Yankees.«

Nachdem Dorthys Vater den Zettel gelesen hatte, zog er den Gürtel aus der Hose und versetzte Dorthy der Form halber damit drei Schläge über den Po. Sie waren nicht sonderlich schmerzhaft, und Dorthy nahm sie gern in Kauf, denn Suzi ließ sie seitdem in Ruhe. Dorthy vergaß die Sache mit dem Bild, das aus dem Nichts aufgetaucht war, bis zu dem Moment zwei Jahre später, in dem sich ihr TALENT zum zweiten Mal bemerkbar machte.

Dieses zweite Mal begann mit einem Traum.

Eins der Kinder aus dem Wohnblock, ein Junge kaum älter als Dorthy, verschwand plötzlich. Die Eltern gingen von Tür zu Tür und fragten nach ihm. Später kamen dann zwei Polizisten vom Werkschutz der Fabrik und machten viel Wirbel, als sie die Wohnungen durchsuchten, konnten aber den Jungen auch nicht finden. Am nächsten Tag untersagten die Erwachsenen ihren Kindern das Spielen auf der Straße. Die Frauen waren aufgeregt wie aufgescheuchte Vögel hinter den neuesten Gerüchten her, und die Männer standen in kleinen Gruppen an den Straßenecken zusammen, ließen Flaschen kreisen und unterhielten sich gedämpft. Es war gegen Mitte des Winters, Ende Juni, traditionell eine Zeit für Unruhen in der Stadt. Die Walherden tummelten sich in den Ozeanen auf der anderen Seite der Welt, und die Flensfabrik wie auch fast die ganze übrige Stadt waren geschlossen. Jeder im Wohnblock befürchtete, das Verschwinden des Jungen sei ein erstes Warnzeichen für ein neuerliches Pogrom gegen die Japaner. Viele konnten sich noch an das letzte, kaum zwanzig Jahre zuvor, erinnern. Viele hatten dabei Angehörige verloren.

In dieser Nacht hatte Dorthy ihren Traum, obwohl sie sich nicht daran als solchen erinnerte. Sie fand sich neben der Schlafmatte ihrer Eltern in der kühlen Dunkelheit stehend, mit bohrenden Kopfschmerzen und einem üblen Geschmack im Mund. Die Erinnerung an die Worte, die sie sagte, als man sie aus ihrer Trance rüttelte, hallte wie ein Echo durch ihren Verstand.

Die alten Lagertanks in der Fabrik!

Dass man diesem ungewöhnlichen und wenig glaubwürdigen Hinweis unverzüglich nachging, bewies das Ausmaß der Besorgnis in der kleinen Gemeinde. Eine Gruppe Männer drang in die geschlossene Fabrik ein. Die meisten wurden vom Werkschutz vertrieben, doch zwei fanden schließlich den verschwundenen Jungen zusammengekauert in der Ecke eines nicht mehr benutzten Lagertanks, in den er hineingefallen war. Das Mannloch befand sich unerreichbar für ihn zwei Meter über seinem Kopf.

An diesem Abend kam Onkel Mishio vorbei, um zu bereden, was jetzt zu tun sei. Er war der einzige in der Familie des Vaters, der noch mit ihnen verkehrte. Dorthy lauschte ihren Stimmen, den steigenden und fallenden Kadenzen, untermalt vom Klirren des Porzellans. Sie lag im Schlafraum ihrer Eltern, wo sie den ganzen Tag verschlafen hatte. Sie fühlte sich abwechselnd heiß und kalt, hatte schon wieder dieses hoffnungslos undefinierbare Schuldgefühl.

Das Stimmengemurmel ging weiter, und schließlich schlief sie ein. Als ihr Vater sie weckte, fiel das erste Dämmerlicht in den Raum. Er grinste breit, sein Gesicht war vom Reiswein gerötet. Dorthy begann sofort zu weinen, weil sie in ihrer Verwirrung glaubte, der Vater wolle sie bestrafen. Doch er fuhr sich nur mit dem Handrücken über den Mund und meinte: »Du bist anscheinend etwas ganz Besonderes, Tochter, verstehst du? Aber um das festzustellen, gehen wir morgen nach Darwin.«

Ihr Onkel Mishio schlug dem Vater auf die Schulter. Sein runzliges Gesicht schien sich um das einzige schwarze Auge zusammenzuziehen. »Du hast eine große Zukunft vor dir, Mädchen – in einer anderen Welt als dieser hier.«

Und hinter ihm schob sich die Mutter eine widerspenstige Locke aus dem Gesicht und lächelte zaghaft. Die tiefen Falten um ihren Mund wurden noch deutlicher. Dieses Bild der Mutter sollte Dorthy nach ihrem Tod für immer im Gedächtnis haften bleiben – das Bild einer vom Lebenskampf erschöpften, verhärmten Frau, zerstört von der Unbeständigkeit ihres Mannes. Ein zerbrechliches Gefäß der Liebe.

Auf diese Weise wurde über Dorthys weiteres Leben entschieden. Nach den Tests wurde sie in das Forschungsprogramm des Kamali-Silver-Institutes aufgenommen und entfloh somit der engen Welt ihrer Kindheit, den heruntergekommenen Wohnblocks und dem Gestank der Flensfabrik, der ständig über der kleinen Stadt an der westaustralischen Küste hing.

Und trotzdem nahm sie, obwohl sie jetzt fünfzehn Lichtjahre von der Erde entfernt in einem Krankenzimmer aufwachte, einen Geruch wahr, der sehr stark dem traurigen, alles beherrschenden Geruch ihrer Kindheit ähnelte.

Das Zimmer war fast dunkel. Eine Weile lag sie ganz still und dachte über ihre schlimmen Träume nach. An das glitzernde Netz von Gehirnen, an das eine, einzige, das hinter dem Horizont aufgeflammt war – ein Quasar im Vergleich zu den matten Plejaden in der menschlichen Kolonie.

Ein kalter Schauer rann ihr über die Haut. Sie hatte nicht geträumt. Es war alles wirklich geschehen. Sie war unten, gelandet auf der Oberfläche des eingenommenen Planeten.

Sie setzte sich auf. Der Druck lastete nicht länger mehr auf ihrem Körper, war nur noch wie ein Laken, das bis an die Hüften verrutscht war. Sie betastete die ungewohnte Schlaf-Tunika, bemerkte den Tropf, dessen Schlauchkanüle in eine Ader an der linken Ellbogenbeuge mündete und peristaltisch pulsierte. Bernsteinfarbene Sternbilder flimmerten über ihrem Kopf und am Fußende des Bettes: Kontrolllämpchen der diagnostischen Geräte.

Eine Tür ging auf. Die Silhouette eines Mannes konturierte sich gegen das hereinfallende Licht. »Hören Sie, Dr. Yoshida«, sagte der Mann. »Sie müssen liegenbleiben und sich ausruhen.« Sanft drückte er Dorthy wieder in die Kissen, glättete das Laken und zog eine Spritze auf. Dorthy fühlte ein kurzes Stechen im Schultermuskel. Die Augenlider wurden schwer, und sie murmelte: »Ich hatte einen Traum …« Dann verschwamm alles um sie herum, und sie schlief tief und fest.

Als sie erwachte, war der Arzt bei ihr. Rasch fragte sie: »Wie spät ist es?«

Der zierliche Mann, der das dichte schwarze Haar über dem schmalen Gesicht glatt zurückgekämmt trug, lächelte. »Schiffs- oder Ortszeit? Tatsache ist, dass das im Moment kaum einen Unterschied macht. Es ist kurz nach sieben Uhr früh – oder kurz nach Morgengrauen. Suchen Sie es sich aus. Wie fühlen Sie sich?«

»Ganz gut«, antwortete Dorthy ungeduldig, obwohl es nicht stimmte. Ein bohrender Kopfschmerz rumorte hinter der Stirn, und ihre Hand prickelte vor trockener Hitze. Sie erinnerte sich plötzlich wieder der überdeutlichen Reaktion ihres TALENTES, dieser merkwürdigen, gleißend aufstrahlenden Intelligenz. Da draußen war etwas – etwas Unheimliches, Tödliches.

Als sie sich aufzusetzen versuchte, unterstützte sie der Arzt mit einer raschen Bewegung. »Seien Sie vorsichtig. Ihr Körper hat gerade einen massiven systemischen Schock verkraften müssen, der Sie für ein paar Tage außer Gefecht gesetzt hat. Sie hätten sie über Ihr Implantat informieren sollen.«

»Ich glaubte, sie wüssten darüber Bescheid.« In Wirklichkeit dachte sie: Zwei Tage also!

»Irgendeiner da oben war mal wieder ziemlich unvorsichtig, und wie üblich müssen wir hier das ausbaden. Es hat eine Reaktion stattgefunden zwischen dem Tranquilizer, den man Ihnen verabreichte, und den Sekreten, die Ihr Implantat absondert. So viel habe ich inzwischen feststellen können.«

»Eine Reaktion?«

»Eine sehr heftige sogar! Aber Sie befinden sich schon wieder auf dem Weg der Besserung.« Der Mann hob die Hand und drehte an den Diagnosegeräten über ihrem Kopf herum. »Übrigens – ich bin Arcady Kilczer. Willkommen hier unten, Dr. Yoshida. Da Sie ja wieder wach sind, werde ich Sie jetzt genauer untersuchen, einverstanden? Fangen wir gleich mal mit der Atmung an.«

Während der Arzt sie mit der für seinen Beruf typischen sanften Grobheit und Distanz untersuchte, fragte sich Dorthy, wie es weitergehen sollte. Eigentlich hätte sie sich gleich nach der Landung zu einer der Inseln des Lebens in dieser planetenweiten Wüste, zu einer dieser Vertiefungen, begeben, dort ihre Arbeit erledigen und umkehren sollen. Die Navy hatte ihr versichert, dies sei alles, was man von ihr erwartete. Hatte sich jetzt das ganze Vorhaben verzögert? Oder hatten die anderen ohne sie weitergemacht und herausgefunden, was eigentlich sie hatte herausfinden sollen? Hatte man entdeckt, was diese Welt so verändert hatte? Mit aller Wahrscheinlichkeit waren es dieselben Außerirdischen gewesen, die auch den Asteroiden-Gürtel eines anderen in der Nähe gelegenen roten Zwergsterns besiedelt hatten …

Niemand wusste, wer oder was sie waren, nicht einmal, wie sie aussahen. Hier schien die Zivilisation nur langsam ausgestorben zu sein … (Und wieder erinnerte sie sich des gleißenden Lichts, das sie erst kürzlich wie eine aufflammende Nova berührt hatte.) Aber die fremde Zivilisation auf den Asteroiden war eindeutig emotionslos und feindselig. Sie war der Feind!

Dorthy fragte den Arzt, ob er etwas von der Expedition erfahren habe, aber er zuckte nur die Achseln, als sei dies ohne Bedeutung. »Duncan Andrews machte sich auf den Weg, als feststand, dass Sie für eine Weile nicht verfügbar waren. Er ist ein ungeduldiger Mann. Das ganze Camp spricht von der Auseinandersetzung, die er mit Colonel Chung gehabt hat. Sie wollte ihn ohne Sie nicht gehen lassen, aber er sagte, dass die Probennahme längst überfällig sei, und setzte sich auch schließlich durch. Ein Punkt für uns.«

»Für uns?«

»Die Wissenschaftler. Ach ja, von Haus aus bin ich natürlich als Mediziner qualifiziert und als solcher auch in der Ärzte-Vereinigung. In der Hauptsache aber beschäftige ich mich mit dem Nachbau des Nervensystems – ähnlich wie Sie, denke ich. Wenn ich nicht gerade verstauchte Finger behandle, Schnittwunden verbinde – oder Kollegen wie Sie aus dem Koma zurückhole. Man hat uns einen Robot-Arzt versprochen. Vielleicht können wir beide dann sogar zusammenarbeiten. Bitte jetzt nicht die Lider bewegen.«

Er leuchtete mit einer Lampe erst in ihr linkes, dann in das rechte Auge.

»Wann wird Andrews zurück sein?«

»Ich hoffe bald. Strecken Sie den Arm aus – nein, den anderen. In dem hier haben Sie schon genug Einstiche.«

Gehorsam schloss Dorthy ihre rechte Hand zur Faust und öffnete sie wieder. »Schauen Sie zur Seite«, meinte Kilczer und stach ihr eine Nadel in die Ader. Aber Dorthy hatte sich während der Jahre am Institut an Injektionen gewöhnt. Gleichmütig schaute sie zu, wie ihr Blut in den Glaszylinder der Spritze quoll, und fragte: »Alles in Ordnung mit mir?«

»Ich muss noch Ihre Titer kontrollieren. Haben Sie Hunger?«

»Das weiß ich nicht so recht.«

»Sie haben jetzt lange genug am Tropf gehangen. Wird Zeit, dass Ihr Magen-Darm-Trakt wieder was zu tun bekommt. Ich werde Ihnen etwas zu essen holen, während das hier weiterläuft.«

Kaum war der Arzt verschwunden, schwang Dorthy die Beine aus dem Bett und stellte sich aufrecht hin. Sie fühlte einen Schlag auf den Kopf wie von einem Gummihammer, und die Umgebung verschwamm zu einem wässrigen Rot. »Wow«, seufzte Dorthy laut und begann im Raum auf- und abzugehen, bis das Schwindelgefühl allmählich nachließ. In einem Wandschrank fand sie ein paar Overalls und ein Paar Stiefel, zusammen mit den wenigen Habseligkeiten, die man ihr hierher mitzunehmen erlaubt hatte. Sie nahm alles heraus, und als Kilczer mit einer abgedeckten Terrine zurückkam, saß sie auf dem Bett und schlüpfte gerade in die Stiefel.

Mit gespieltem Ernst sagte er: »Ich hoffe, Sie sind nicht zu voreilig.« Aber Dorthy spürte deutlich seine Erleichterung. Sie fiel nicht mehr länger in seine Verantwortung. Sie nahm sich gerade noch Zeit, den gesüßten Haferschleim zu essen. Kilczer sah ihr dabei in beinahe väterlicher Art zu. »Wenn Sie fertig sind, möchte Colonel Chung sicher ein paar Worte mit Ihnen reden«, meinte er.

»Soll sie mich doch suchen«, antwortete Dorthy ungeduldig. Wenn sie erst mit dem Kommandeur der Basis sprach, würde sie ihr auch von ihrem Erlebnis in der Sinkkapsel berichten müssen, kurz bevor ihr die Sinne schwanden. Und dem fühlte sie sich im Moment nicht gewachsen – noch nicht.

»Das ist aber keine gute Idee …«

»Ich möchte mich erst einmal umsehen. Ich bin doch kein Paket, das man beliebig herumreichen kann. Sie will mich sprechen. Schön. Dann soll sie mich eben suchen.« Sie zurrte die Verschlüsse ihrer Stiefel enger.

»Ich glaube kaum, dass Sie schon wieder so weit hergestellt sind, auf kleine Monster mit Facettenaugen Jagd zu machen«, brummte Kilczer.

»Wirklich – ich fühle mich prächtig.«

Abgesehen davon, dass es noch höllisch schmerzt, wenn ich grinse – und dass ich tödliche Furcht vor dem empfinde, was da draußen sein mag.

Der Stützpunkt war eine einzige Enttäuschung für Dorthy. Sie hatte etwas Exotisches erwartet, ihn sich so ähnlich wie ein Schiff vorgestellt – ständig kampf- und verteidigungsbereit. Stattdessen fand sie sich mitten im Nichts wieder, in einer erbärmlichen Ansammlung von Transportbehältern, langen Zylindern aus Wellblech, halb in der bröckligen Erde vergraben, alle fensterlos und anscheinend verlassen. Ein breites Gebäude im Blockhausstil hockte mitten im Zentrum. Über dem vergitterten Eingang ein mit Schablone gemaltes Schild: Camp 0° 15’ S, 50° 28’ W.

Ein leichter, überall verbreiteter Gestank, im Geruch ähnlich faulig wie Keton, hing in der trockenen Luft. Leuchtröhren an hohen Peitschenmasten verbreiteten ein kaltes, gleißendes Licht. Der Himmel war, eine rötliche Ecke ausgenommen, die wie im Schein einer ungeheuren, aber weit entfernten Feuersbrunst glühte, von undurchdringlicher Schwärze.

Dorthy ging in Richtung der farbigen Himmelssektion.

Die ebene, nicht asphaltierte Straße endete abrupt hinter dem letzten Transportbehälter. Dahinter gab es nichts außer einer flachen Sand- und Geröllebene mit großen Felsklippen. Und die Sonne.

Sie hing mitten über dem Horizont, ein schwachroter Ball mit einer Reihe schwarzer Flecken, die aussahen wie Krebsgeschwüre. Der Ball war so groß, dass Dorthys Blickwinkel nicht ausreichte, um seine Gesamtheit zu erfassen. Blinzelte sie zum einen Rand des flackernden Glutballs, konnte sie den gegenüberliegenden Rand nicht mehr sehen. Ihrem ersten Eindruck zufolge füllte er den Himmel zur Hälfte aus, doch in Wirklichkeit war er viel kleiner, sein Durchmesser vielleicht ein Sechzehntel, oder nur ein Zwanzigstel des Horizonts?

Trotzdem – er war riesig, ein kalter, roter MO-Zwergstern am flachen Ende des Hertzsprung-Russell-Diagramms, konstant im allmählichen Schmelzprozess der Elemente. Dorthy hob ihm eine Hand entgegen, fühlte aber wenig Wärme, obwohl die Sonne kaum zwei Millionen Kilometer entfernt sein konnte.

Sonnenaufgang: Dies war die größte Leistung dieser Wesenheit, die diese Welt hier verändert hatte, denn wie jeder potentiell bewohnbare Planet eines roten Zwergsterns kuschelte auch sie sich nahe an die schwache Wärmequelle in der Radiusmitte einer gebremsten Rotation. Wie beim Mond der Erde sollte die eine Seite ständig dem Mutterplaneten zugewandt sein, in der Oberfläche günstigstenfalls eine zerklüftete Wüstenlandschaft; die abgewandte Seite dagegen eine sternenbeschienene Eiskappe, auf der Sauerstoff wie Wasser zerfloss. Aber diese Welt hier rotierte. Langsam zwar, aber immerhin ausreichend, um auf dem größten Teil ihrer Oberfläche erträgliche Temperaturen und eine Atmosphäre zu gewährleisten und zu verhindern, dass die gesamten Wasservorkommen auf der sonnenabgewandten Seite einfroren.

Der Sonnenaufgang stand symbolisch für die Größe einer solchen Leistung. Beim Blick in die Umgebung aber fragte man sich, aus welchem Grund jemand eine solche Kraftanstrengung vollbracht haben mochte.

Dorthy atmete tief durch, verzog das Gesicht wegen des Gestanks und ging weiter. Ihre Stiefel knirschten über groben Sand und vermehrten das Kreuz und Quer anderer Fußabdrücke und Fahrzeugspuren. Nichts wuchs hier, überhaupt nichts. Eine tote Landschaft, unberührt von jedem menschlichen Verlangen oder Bedürfnis, dem Wandel der unablässigen Erosion ausgeliefert. Und deshalb auch gestalt- und formlos für das menschliche Auge und Verständnis.

Natürlich war sie es nicht wirklich. Wie überall hatten auch hier die unveränderlichen physikalischen Gesetzmäßigkeiten Geltung. So zeigte jeder zerfurchte Felsbrocken auf der windabgewandten Seite ein kleines Geröllfeld, und jedes Stück Sandstein zerteilte sich bei Berührung in papierdünne Scheiben – jede eine jungfräuliche Schicht, entstanden im Schlick irgendeiner abgelegenen Lagune, unberührt von der primitivsten Form organischen Lebens. Hier hatte es nie Leben gegeben – bis der FEIND kam.

Die meisten Welten weisen solche Landschaften auf – wenn sie nicht wie Jupiter fehlgeratene Sonnen waren, dachte Dorthy, während sie dem kaum erkennbaren Pfad durch ein Labyrinth von Felsbuckeln folgte. (Die meisten Brocken waren kaum größer als ihr Kopf, ein paar mannshoch, einige wenige so groß wie ein Haus.) Und auf seltsame Art leerer wirkten als das verwirrende Vakuum des tiefen Raums.

Da der größte Teil des Universums für menschliche Zwecke kaum nutzbar schien (aber wer konnte schon wissen, welch anderen Belangen es dienlich sein konnte), vertrat Dorthy schon seit langem den Standpunkt, dass die Menschen nur einen geringen Platz in der Ordnung der Dinge einnahmen und auch nie eine größere Rolle spielen würden. In den sechshundert Jahren, die seit dem Betreten einer anderen Welt vergangen waren, hatten sie gerade mal eine Raumblase von weniger als dreißig Lichtjahren Durchmesser, etwa hundert Sterne in einer Galaxie von 400 Milliarden, ein Dutzend bewohnbare Welten und halb so viele bedingt besiedelbare erforscht. Die Energiemenge, die die gesamte Menschheit seit ihrer Entstehung verbraucht hatte, reichte nicht im geringsten an die Energie heran, die ein Stern wie Rigel oder Wega in einer einzigen Sekunde abstrahlte, und war nur ein Regentropfen in dem Energiesturm, den ein Quasar produzierte. Wie all die Energie, die ungenutzt bis an die äußersten Grenzen des Universums entwich, war auch diese rot schimmernde Wüste hier von keinerlei erkennbarem Nutzen.

Wie zur Widerlegung dieser Tatsache führte der Pfad um eine zernarbte Erhebung und mündete in einer Senke, die man offenbar als Mülldeponie benutzte. Umgekippte Abfallbehälter, zerrissene Müllsäcke und verschrottete Metallgeräte aller Art lagen weit verstreut, zum Teil vom nagenden Wind der Erosion angefressen – die einzigartige Hässlichkeit der Zivilisationsentropie.

Und dazu Reihe um Reihe von Sinkkapseln, das gewellte Metall der konischen Hüllen versengt von der Reibungshitze beim einmaligen Einsatz. Einige waren umgestürzt und zeigten die brüchigen Überreste ihrer Hitzeschilde. An anderen hingen noch die Fallschirme, zerfledderte orangefarbene Bahnen, die sich im schwachen Wind hoben und senkten wie der müde Flügelschlag zu Tode erschöpfter Vögel.

Bei einer der Kapseln hockte eine Frau und schnitt einen Teil der Metallhaut heraus. Der grellweiße Fusionspunkt an der Spitze des Schneidbrenners blendete stark im düsteren Zwielicht. Der Körper der Frau warf einen langen Schatten in die Umgebung. Als Dorthy zu ihr trat, löschte die Frau den Brenner und schob die dunkle Schutzbrille auf die Stirn. Ihr breites Lächeln zauberte einen hellen Schimmer in ihr braunes Gesicht. »Man hat Ihnen schon erlaubt aufzustehen, Dr. Yoshida?«

»Weiß denn jeder im Camp über mich Bescheid?«

»Dies hier ist halt nur ein kleiner Ort.« Die Frau richtete sich aus ihrer Hockstellung auf. Sie war groß und hager, überragte mit ihren zwei Metern Dorthy fast um einen halben Meter.

»Das wird mir auch allmählich klar«, brummte Dorthy.

Das Lachen der Frau war hart und dunkel, wie das Schnurren einer großen Katze. »Jesus Christus, bleiben Sie noch ein paar Tage, Honey, dann wissen Sie es.«

»Können Sie mir sagen, wieso die Luft hier so übel riecht?«

»Was? Ach so, das kommt vom Meer.« Die Frau machte mit dem Brenner in ihrer Hand eine unbestimmte Bewegung. Hinter ihr knackte das erkaltende Metall.

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Sie wissen es nicht?«

»Ich beginne gerade, mich ein wenig umzusehen.« Dorthy stieß mit dem Fuß einen Stein beiseite. »Dies ist meine erste fremde Welt – sieht man mal von Luna und Titan ab.«

»Fremde Welt … yeah, das gefällt mir. Nun, sehen Sie es sich selbst an, wenn Sie wollen. Folgen Sie dem Weg bis hinter den Heliport. Ich denke, jeder sollte es sich selbst einmal anschauen.« Die grelle Lichtzunge des Brenners flammte auf, und die Frau setzte ihre Arbeit fort.

Halb geblendet vom Schein der Flamme ging Dorthy weiter. Das Meer? Sie war an der Küste des Pazifik aufgewachsen und nach ihrer Zeit am Institut ans Meer zurückgekehrt, weil das Tauchen sie an das verlorene, angenehm träge Wohlgefühl des freien Falls erinnerte. Sie durchquerte den Müllplatz und folgte dem Weg, der sich einen Geröllhang emporwand. Nur einmal warf sie einen Blick zurück, sah aber niemand.

Hinter der Anhöhe erhob sich auf einem einigermaßen ebenen Sandplatz ein einzelnes Gerüst. An einer Seite befand sich ein Gewirr von Antennenmasten, auf der anderen eine Parabolschüssel, deren Empfangssonde zum Zenit ausgerichtet war. Eine Art Baracke schützte die Stützpfeiler vor der nagenden Erosion. Ansonsten gab es nichts außer einem Trampelpfad durch die geröllübersäte Felslandschaft.

Fünf Minuten später erreichte Dorthy die Küste. Die See erstreckte sich wie eine mit kaltem Blut gefüllte Schüssel, gesprenkelt mit Schaumgebirgen, die wie poröse Eisberge aussahen, zu einem gleichmäßig verlaufenden Horizont. Wind und Wellen hatten den Schaum entlang dem verkrusteten Küstenschelf aufgetürmt – ein sich windender Saum aus schmutzigem Weiß, der in der Brise leicht schaukelte. Die zerplatzenden Blasen erzeugten ein fortwährendes Knistern. Und dann der Geruch …

Zu Hause hatte ein Bach die Abwässer der Walfabrik aufgenommen, die nicht in den Ozean gespült werden durften, um die Walherden nicht zu vertreiben. Die Einwohner nannten ihn den Bubble-Billabong, den Blasen-Bach. Der dünne Gestank hier – es roch nach fauligen Abwässern und verrottenden Pflanzen, vermischt mit dem metallischen Geruch von rostendem Eisen – war zwar nicht so schlimm wie am Bubble-Billabong, erinnerte Dorthy aber sofort an ihre Kindheit. Sie fragte sich, ob der Schaum wohl irgendeinem Zweck diente. Bei dem Gedanken an Lebewesen, die nach Tod und Verwesung rochen, musste Dorthy lächeln. Wie mochten solche Wesen wohl den Geruch von Menschen empfinden?

Sie ging eine kurze Strecke am Ufer entlang: Felsbuckel mit flachen Abhängen aus lockerem Geröll und Gischtberge, die in der Brise zitterten. Die Sonne hing immer noch über dem hügeligen Horizont. Irgendwo blinkten ein paar Sterne schwach am dunklen Himmel, helle Punkte – wie winzige Blasen in der beschichteten Rückseite eines alten Spiegels. Eine fremde Welt, in der Tat – und acht Lichtjahre entfernt kämpften und starben Menschen und Außerirdische in der Nähe eines weiteren roten Zwergsterns, wie dieser hier so unscheinbar und bedeutungslos, dass beide trotz ihrer Nähe zu Sol keinen Namen, sondern lediglich Katalognummern trugen.

Der FEIND. Hier war seine Zivilisation offenbar ausgestorben. Jedenfalls vermutete man dies aufgrund der Tatsache, dass die Navy auf der Oberfläche dieses Planeten problemlos einen Stützpunkt hatte einrichten können. Wenn Dorthy an das versengende Hitzegefühl im letzten Moment vor ihrer Ohnmacht während des Landeabstiegs dachte, war sie sich dessen nicht so sicher. Trotz ihrer stark erhöhten Sensibilität, ausgelöst durch die Reaktion zwischen Tranquilizer und ihrem Implantat, schien es unmöglich, dass ein Wesen um den halben Planeten herumreichen konnte, um sie zu berühren. Was für eine Kreatur, was für ein Gehirn musste das sein?

Während sie noch darüber nachgrübelte, wurde das Gefühl, beobachtet zu werden, immer stärker und lenkte ihre Gedanken von diesem Problem ab. Schließlich drehte sie sich um und sagte: »Sie können ruhig herauskommen.«

Nach einem kurzen Moment trat Arcady Kilczer, der Arzt, hinter einem haushohen Felsen hundert Meter weiter hervor, stand als schwarze Silhouette vor dem weiten geschwungenen Ball der Sonne. Während sie auf ihn zuging, rief er gespielt fröhlich: »Ich hätte wissen sollen, dass ich mich vor einem TALENT nicht verstecken kann.«

»Warum gehen Sie mir nach?«

»Colonel Chung macht sich Sorgen, weil Sie so kurz nach Verlassen des Krankenbettes schon allein hier herumlaufen.«

»Sie meinen, sie sorgt sich um mein TALENT.«

Er lehnte sich an eine zernagte Säule aus Sandstein und verschränkte die Arme vor der Brust. Die Ärmel seiner Tunika hatte er heruntergerollt und den Kragen hochgestellt. »Sehen Sie darin einen Unterschied?«

»Wieso nicht?«

»Tun Sie es in diesem Moment?«

»Was? Ihre Gedanken lesen?« Dorthy lächelte. »Das wäre zuviel Aufwand, wo ich Sie doch nach allem, was ich wissen will, fragen kann.«

»Ich bin ein offener Mensch, Dr. Yoshida, das ist richtig. Aber ich bezweifle, dass ich so zugänglich bin, wie Sie es sich wünschen.«

»Vielleicht erzählen Sie mir trotzdem etwas über dieses Meer. Warum ist es so?«

»Das Wasser ist voll von photosynthetischen Bakterien einer einzigen Spezies. In jedem Tropfen sind Millionen davon. Tagsüber vermehren sie sich wahnsinnig, sterben aber in der Nacht zum größten Teil ab. Daher der seltsame Geruch. Davon abgesehen sind sie der Hauptlieferant für den Sauerstoff auf diesem Planeten. Also müssen wir uns wohl oder übel mit ihrer Existenz abfinden. Wenn Sie mehr über sie erfahren wollen, fragen Sie Muhamid Hussan. Er ist unser Experte dafür.«

»Sehen die anderen Camps ähnlich aus?«

»Die Ergebnisse der Fernaufklärung wurden zur Geheimsache erklärt. Und Duncan Andrews erzählt uns nicht, was seine Leute oder das Team von Major Ramaro dort draußen entdeckt haben.«

»Und es gibt keinerlei Gerüchte …?«

»Hier im Camp kursieren Gerüchte über alles und jeden. Ich denke, Colonel Chung wird Ihnen alles sagen, was Sie wissen müssen. Den Rest werden Sie dann selbst herausfinden.«

»Was sind Sie denn? Ihr Botenjunge?«

In dem diffusen Licht zeigte sich die Zornesröte, die ihm ins Gesicht schoss, als dunkle Flecken auf den Wangen. »Früher oder später werden Sie mit dem Colonel sprechen müssen, Dr. Yoshida.«

»Ich bin doch kein Paket, das man beliebig herumschieben kann. Das habe ich Ihnen schon einmal gesagt.«

Ihr eigener Zorn entsprang der neuerlichen Einsicht, dass sie keinem Problem aus dem Weg gehen konnte. Das war schon am Fra Mauro-Observatorium so gewesen. Durch ihre Art hatte sie jede sich anbahnende Freundschaft im Keim erstickt. Doch hier wusste sie genau, dass sie irgendwann darüber Bericht erstatten musste, was sie gespürt hatte – dass sie beim Abstieg von irgendetwas berührt worden war.

»Ich bitte Sie, Dr. Yoshida. Wir anderen Wissenschaftler müssen uns doch auch mit der Anwesenheit der Militärs abfinden, müssen mit ihnen leben«, sagte Kilczer. »Immerhin haben sie uns hierher geholt. Duncan Andrews darf sich da draußen im Feld austoben. Wir aber müssen das Lagerleben ertragen – zumindest für eine Zeit. Sie sind aufgrund Ihres TALENTS privilegiert. Ich hoffe nur, dass wir anderen nicht darunter zu leiden haben.«

Dorthy zuckte die Achseln. »Erstens wollte ich überhaupt nicht hierher. Zweitens möchte ich so schnell wie möglich zurück und habe daher nicht die geringste Lust, meine Zeit mit irgendwelchen aufgeblasenen Administratoren zu verschwenden. Okay?«

»Ich bin auf eigenen Wunsch hier. Schauen Sie sich doch mal um – hier gibt es genug Arbeit, um tausend Leute von uns für tausend Jahre zu beschäftigen. Nehmen Sie zum Beispiel diese Bakterie: Sie hat zwölf Enzyme und drei strukturelle Proteine, eine Lipid-Membran und dieses photosynthetische Pigment. Das ist alles. Trotzdem wächst sie, teilt sich und produziert Sauerstoff. Dies alles tut sie offenbar ohne das auf diese Befehlsinformation programmierte genetische Material. Sie braucht dazu weder Schwefel noch Kalium noch die Hälfte der anderen Elemente, die jeder gewöhnliche Organismus benötigt. Sie wurde auch nicht maßgeschneidert – nicht in der Form, in der wir Organismen für unsere Zwecke zu manipulieren pflegen. Diese Bakterie wurde völlig neu erschaffen, Dr. Yoshida, von Experten entwickelt und gebaut. Und wir wissen nicht mal, wer sie sind. Hier im Camp Zero hängen rund zwei Dutzend Wissenschaftler herum, die eigentlich über den ganzen Planeten verteilt sein sollten. Aber die Leute, die alles vom Orbit aus steuern, befürchten offenbar, dass unsere Technologie ganz oder teilweise in die Hände oder die Flossen des FEINDES geraten könnte.«

»Oder in seine Tentakel vielleicht?«

»In was auch immer«, fuhr Kilczer fort, »die Navy benutzt Sinkkapseln mit Brennstoffzellen anstatt Shuttles mit Katalfissionsbatterien. Und dabei befinden wir uns auf einer Welt, deren Rotationsgeschwindigkeit auf irgendeine Weise künstlich erhöht wurde, ohne dass die Oberfläche, wie es normal wäre, dabei schmolz. Verrückte Typen, diese Militärs, das ist schon wahr. Aber wir müssen mit ihnen leben und den Mund halten, auf welche Krumen im All sie uns auch immer absetzen.«

»›Lass nicht Ehrgeiz deinem nützlichen Bestreben Hohn sprechen!‹«

»Wie bitte?« Kilczer rieb die Hände aneinander. »Ah ja, ich merke, Sie zitieren mich. Nun, glauben Sie mir, ich möchte niemandem hier in den Rücken fallen. Keiner von uns will das. Immerhin sind wir ja hier. Beim Bart von Marx – dieser Wind geht mir durch alle Knochen. Ich werde mir jetzt einen Becher Kaffee holen – und würde am liebsten darin baden. Kommen Sie mit?«

Dorthy seufzte. »Warum eigentlich nicht? Hier draußen gibt es doch nichts für mich zu tun.«

»Jetzt sind es vierzehn Enzyme, Dr. Yoshida. Sehen Sie, die Bakterien, die die Dunkelheit überstehen, entwickeln bei Sonnenaufgang an der Zellwand zwei neue, das eine als eine Art Allzweck-Abbaumittel, das andere, um die sich daraus ergebenden Kohlenstoff-Bausteine aufzunehmen. Die sie hier gerade verlieren. Vielleicht bekommen wir dadurch auch den üblen Geruch weg.«

»Ich verstehe nicht viel von Biologie«, brummte Dorthy.

Muhamid Hussan tätschelte lächelnd ihre Hand auf der Kunststoffplatte des Tisches. Dorthy zog sie rasch zurück. »Aber das ist doch hochinteressant, finden Sie nicht?«, fuhr er fort. »Ein solch spezifisches System, eine reine Einzeller-Kultur, die sich unter geringstem Aufwand auf unbeschränkte Zeit selbst erhält. Und wir hier haben seit unserer Ankunft nicht mal einen einzigen Planeten-Tag hinter uns gebracht. Es gibt noch viel zu lernen.«

Seine leise, raue Stimme war im Lärm der Gemeinschaftsunterkünfte kaum zu hören. In einer Ecke des Raums verfolgten ein halbes Dutzend Leute einen Trivia-Streifen über den Kampf bei BD Zwanzig, ein Nachrichtenband, das mit demselben Schiff angekommen war wie Dorthy. Irgendwo betrank sich das Navy-Personal. Im lauten Lachen und in der hysterischen Ausgelassenheit der Leute ging die ernsthafte Diskussion der kleinen Gruppe von Wissenschaftlern, die sich um Dorthy geschart hatte, fast unter. Neben ihr sagte Arcady Kilczer gerade zu Hussan: »Woher wissen Sie, dass der Gestank nicht noch schlimmer wird?«

»Ich weiß es nicht.« Hussan fuhr sich mit beiden Händen durch sein schwarzes Kraushaar. »Ich kann es nur hoffen.« Seine Augen lagen hinter dicken, altmodisch geformten, dunkel getönten Brillengläsern verborgen. Er beugte sich über den Tisch vor, und Dorthy konnte ihr Gesicht betrachten, das die Gläser doppelt reflektierten. Sie sah schrecklich aus.

»Hat dieser Kommunist Ihnen schon die interessanteste Eigenschaft dieser Bakterien verraten?«

»Jesus Christus, Hussan, Sie langweilen sie noch zu Tode – wie Sie uns alle damit fast umgebracht haben.« Das war die Stimme der dunkelhäutigen Frau, der Dorthy auf dem Müllplatz begegnet war. Sie lächelte Dorthy zu und fragte: »Was halfen Sie von all dem hier, Dr. Yoshida? Ein verrückter Ort, stimmt’s?«

»Da könnten Sie Recht haben.«

»Was die Unterschiede in der Geologie angeht, könnte ich ebenso auf dem Mars sein«, klagte ein anderer. »Ich würde mir ja zu gerne mal diese Vertiefungen ansehen. Ich habe mit der Kartographen-Crew gewettet, dass sie vulkanisch sind, und nicht von Meteoriten-Einschlägen …«

»Und wie wollen Sie Ihren Gewinn einkassieren?«, fragte Hussan. »Unsere werten Kollegen von der Bildstelle sind längst wieder im oberen Stock, ehe wir eine Leiter nach oben kriegen, sobald diese Sache hier erledigt ist.«

»Ist das wahr?«, rief Dorthy. »Es gibt keine Möglichkeit, von hier in den Orbit zu gelangen?«

»Nicht mit dem, was wir hier zur Verfügung haben«, bestätigte Kilczer.

»Aber man hat mir doch versichert, ich könne sofort zurückkommen, sobald ich meine Arbeit erledigt hätte.«

»Da hat man Ihnen sicher was Falsches erzählt«, brummte der schmächtige Geologe mit kaum verhohlener Befriedigung – als habe jemand damit eine zweifelhafte Heldentat vollbracht.

»Vielleicht schicken sie ein Shuttle«, meinte Kilczer beruhigend. »Aber … wo wollen Sie denn hin?«

»Zu Colonel Chung. Ich denke, es wird Zeit, dass ich ein paar Worte mit ihr rede.«

»Sie können aber nicht …« Er stürzte durch die anwesende Menge hinter ihr her nach draußen in die dünne kalte Luft. »Sie können nicht so einfach zu ihr hineinspazieren«, rief er.

»Diese verdammte Sonne hat sich kein bisschen bewegt. Als ob die Zeit stillstünde …«

»Um ein paar Grad sicherlich. Morgen wird sie über den Nasen der Frachtbehälter hängen. Zur Kommando-Zentrale geht es übrigens hier entlang.«

Dorthy fuhr herum. »Sie sollen mir nicht überallhin nachlaufen.«

»Was fühlen Sie jetzt?«

»Wut.«

Kilczer schob das vom Wind zerzauste Haar aus der Stirn. »Man hat Ihnen wirklich verschwiegen, dass es für Sie ein Einbahn-Flug hierher sein wird? Wozu, glaubten Sie, gibt es die Sinkkapseln?«

»Als man mich hineinschob, war ich so high von dem Tranquilizer, dass ich mich nicht mal mehr erinnerte, wohin die Reise überhaupt ging. Und merken Sie sich endlich, dass ich niemanden brauche, der mich an der Hand nimmt und mir zeigt, wohin ich zu gehen habe. Verstanden?«

»Voll und ganz«, sagte Kilczer und drehte sich um. Nach ein paar Schritten rief er ihr nach: »Schauen Sie bei mir vorbei, wenn Sie beim Colonel gewesen sind. Bis dahin – viel Glück!«

Dorthy drehte sich nicht um.

Im blockhausähnlichen Betonbau des Kommandozentrums wurde Dorthy zu einem Fahrstuhl eskortiert, der zehn Sekunden lang beinahe in freiem Fall in die Tiefe raste. Die Wucht der Bremsphase hieb sie fast von den Beinen, und ihre Begleiterin, eine stämmige Frau aus Polynesien im Matrosenrang mit einer Reaktionspistole packte sie gleichmütig um die Hüfte und gab ihr Halt.

»Schätze, ich habe den Landeabstieg noch nicht ganz überwunden«, murmelte Dorthy verlegen, aber die Frau reagierte nicht mal mit einem Achselzucken und führte sie einen kahlen Gang hinunter. Die Türen vieler unbeleuchteter Räume standen offen. Hinter einer der wenigen verschlossenen hörte Dorthy das Summen eines Lichtschreibers. Wie groß mochte diese Anlage sein? Wie in einer Bienenwabe stellte sie sich Ebene um Ebene von Korridoren und Räumen vor, die sich tief in das Grundgestein hineinbohrten aber zu welchem Zweck? Jede Stelle des Planeten war höchst verwundbar, ganz gleich, wie tief unter der Oberfläche sie lag.

Der weibliche Matrose betätigte den Schließmechanismus einer Tür und winkte Dorthy hindurch. Der kräftige Sergeant hinter dem Schreibtisch deutete auf einen zerbrechlich wirkenden Plastik-Stuhl und quittierte den strammen Gruß der Matrosenfrau vor ihrem Abtreten mit einem gelangweilten Kopfnicken.

»Colonel Chung erwartet mich«, sagte Dorthy.

Der Sergeant machte sich einen Vermerk auf seinem Schreibtischschirm und antwortete ohne aufzuschauen: »Das ist richtig, Dr. Yoshida. Es dauert aber noch etwas.«

Erschöpft setzte sich Dorthy auf den Stuhl. Ihr Kopfschmerz kam nun verstärkt in bohrenden Wellen. Sie hatte genug über diese ›Beeil-dich-und-warte‹-Mentalität der Navy erfahren, um zu wissen, dass jedes Aufbegehren sinnlos war. Schön und gut – ein Astronom hatte, wenn schon nichts anderes, zumindest seine Geduld zu bewahren und zu kultivieren. Ihr Zorn darüber, dass sie wie alle anderen hier unten festsaß, hatte sich verflüchtigt. Im Augenblick war sie nur von nervöser Erwartung erfüllt. Die Navy war in der stärkeren Position, konnte mit ihr machen, was sie wollte – einfach alles.

Der Sergeant ignorierte sie weiterhin. Dorthy versuchte, diesen blendenden Augenblick des Kontaktes während ihrer Landung zu rekonstruieren. Sie bemühte sich gerade, die passenden Worte dafür zu finden, als der Sergeant endlich seinen Schirm abschaltete und auf den angrenzenden Raum deutete.

Colonel Chung war eine kleine feingliedrige Frau mit kurzgeschnittenem Grauhaar und der Aura eines klerikalen Computers. Ihr Büro wirkte kahl, es war nur mit einem Schreibtisch, zwei Stühlen, einem Feldbett und einem Metallspind am Fußende ausgestattet. Eine Figurine aus Jade auf der Schreibtischecke war die einzige persönliche Note.

Colonel Chung nahm die Figur in die Hand und ließ ihre Finger spielerisch darüber hinweggleiten, während sie Dorthy höflich eine Tasse Tee anbot.

»Nein, vielen Dank!« Dorthy kam gleich zur Sache. »Was ist mit der Expedition?«

»Ach ja, die Expedition. Tut mir leid, dass Sie aufgrund Ihres Zustands nicht daran teilnehmen konnten. Duncan Andrews wird in zwei Tagen zurück sein und Sie dann mit nach draußen nehmen.«

»Können Sie mich nicht hinfliegen lassen?«

»Wir haben nur wenige Flugzeuge zur Verfügung, Dr. Yoshida, und die meisten sind schon für Dr. Andrews’ Expedition im Einsatz. Wir hoffen, dass wir bald einige dazubekommen. Ich fürchte, Sie werden also hier warten müssen. Tut mir leid, dass es keine Möglichkeit gibt, Ihren Fall zu beschleunigen.«

»Ich möchte nur schnellstens meinen Auftrag erledigen, mit dem man mich hergeschickt hat, und dann wieder verschwinden. Und genau das ist, wenn ich richtig verstanden habe, nicht möglich. Wie komme ich wieder von dieser Welt herunter, Colonel Chung?«

»Ich bin sicher, das Orbitalkommando hat die Sache im Griff.«

»Aber Sie wissen es nicht. Hören Sie, Colonel, ich mag vielleicht noch sehr jung sein, aber ich bin weiß Gott nicht naiv. Vielleicht sollte ich mich doch besser gleich an Admiral Orquito wenden.«

»Das denke ich nicht. Zwar unterstehe ich ihm direkt und handle strikt nach seinen Befehlen, aber selbst ich kenne nicht alle Details. Und möchte sie auch nicht kennen. Vorsicht, Dr. Yoshida, lautet unsere Devise. Ich hoffe, auch Sie werden das noch verstehen lernen.«

Wie mit tausend Nadelstichen wühlte der Kopfschmerz hinter Dorthys Stirn, und des Colonels maliziöse Art brachte sie auf. Sie wollte nicht nach dieser schrecklichen, grellen Intelligenz suchen, nicht mal den Plan der Navy ausführen. Sie sehnte sich nach der stillen Abgeschiedenheit, aus der man sie herausgerissen hatte, nach der tiefen Besinnlichkeit, unberührt von wirren menschlichen Affären. Stattdessen sah sie sich selbst Woche um Woche daran verschwenden, einen sorgfältig programmierten Schritt nach dem anderen zu tun – obwohl sie es besser wissen sollte.

»Ich glaube, ich habe ein Recht darauf, mit dem Admiral zu sprechen«, forderte sie matt.

»Wir hier unten befinden uns in einer Art Kriegszustand, Dr. Yoshida. Wir haben nur einen einzigen Kanal zum Orbitalkommando – und der ist ausschließlich verschlüsselten und autorisierten Nachrichten vorbehalten.«

»Ich verstehe.« Man brauchte Dorthy nicht zu sagen, wer die Meldungen autorisierte. »Nun, Colonel, ich möchte nicht, dass Sie wegen mir etwas Unerlaubtes tun. Ich erwarte nicht mal, dass Sie sich für mich aus Ihrer Gruft hier herausbemühen.«

»Wir müssen sehr vorsichtig sein, Dr. Yoshida. Wir haben gerade mal einen Fuß auf diesen Planeten gesetzt und noch nicht identifizieren können, wem oder was er gehört. Wenn es diesen Jemand oder dieses Etwas überhaupt noch gibt. Dr. Andrews glaubt, dass der FEIND hier ausgestorben ist, nachdem er P’thrsn eine Planetenform gegeben hat.«

»P’thrsn?« Das Wort klang wie eine Mischung aus Spucken und Niesen.

Colonel Chung gestattete sich ein kurzes Lächeln. Dorthy konnte sich den Grund denken. Schließlich wusste sie so gut wie nichts über diesen Planeten. (Streng geheim – hatte man ihr erklärt, als sie nach Einzelheiten gefragt hatte. Und: Sie sind ohnehin nur ein paar Tage dort. Und bestimmt zum zwanzigsten Mal: Machen Sie sich keine Sorgen. Man wird gut auf Sie achtgeben.) Wenn sie also etwas wissen wollte, musste sie danach fragen. Der Colonel schien die Ironie der Situation, eine Gedankenleserin mit Informationen füttern zu müssen, richtig zu genießen. Dorthy spürte den Hauch von Befriedigung in ihren Gedanken, als der Colonel erklärte: »Während Sie sozusagen aus dem Verkehr gezogen waren, förderte eine Fernuntersuchung bei einem der Außenposten Schriftzeichen zutage. Man fand sie im Zentrum einer Art Siedlung. Die Leute vor Ort machten nur wenige Entdeckungen, und der Name dieser Welt ist eine davon. Sie glauben auch zu wissen, wie sich der FEIND nannte: die Alea. Und das zumindest ist einfach auszusprechen.«

»›Gib einem Nichts einen Namen und eine lokale Zuordnung.‹«

»Wie bitte?«

»Ein Zitat – frei nach Shakespeare.«

Das Achselzucken des Colonels ließ den Schluss zu, dass sie noch nie von Shakespeare gehört hatte. Es schien sie aber auch nicht zu stören, was wiederum Dorthys langjährige Ansicht untermauerte, dass alle Chinesen in kulturellen Belangen Barbaren seien.

»Trotzdem muss Ihr Auftrag durchgeführt werden«, fuhr Chung fort. »Ich bin mir ihrer Dringlichkeit durchaus bewusst. Wenn hier immer noch Abkömmlinge des FEINDES leben sollten, könnten wir vielleicht genug über sie erfahren, um den Krieg bei BD Zwanzig zu einem Ende zu bringen. Zur Zeit wissen wir nicht, wie wir mit dem FEIND kommunizieren könnten. Wir wissen nicht mal, wie er aussieht. Und die Kriegskosten steigen mit jedem Tag ins Unermessliche. Selbst ein Sieg über den FEIND könnte die Föderation in den Bankrott treiben. Ich bin überzeugt, Sie teilen meine Ansicht, dass es besser ist, über einen Frieden zu verhandeln – sobald wir einen Weg gefunden haben, mit dem FEIND in einen Dialog einzutreten. Sie, Dr. Yoshida, können uns möglicherweise dabei helfen, den Schlüssel zur Eröffnung eines solchen Dialogs zu finden.«

»Ich fühle mich überaus geschmeichelt, Colonel. Darf ich aus Ihren Worten schließen, dass die Expedition noch keine Spur vom FEIND gefunden hat? Von den Alea?« Das Wort vibrierte in ihrem Mund.

»Es gibt da … Anzeichen, Hinweise. Mit Ihrer Hilfe …«

»Nun – es ist gut möglich, dass ich schon etwas entdeckt habe«, meinte Dorthy. Ihr Mund war plötzlich wie ausgetrocknet. Aber vielleicht brachte es ihr einen kleinen Vorteil, wenn sie es Chung erzählte. »Als ich in der Sinkkapsel lag, neutralisierte der Tranquilizer, den man mir verabreicht hatte, die Sekretion meines Implantates.«

»Dr. Kilczer berichtete mir von einer Reaktion.« Der Colonel hatte den Blick von Dorthy abgewendet und studierte angelegentlich die Figurine. Es war ein alter Mann oder eine alte Frau, erkannte Dorthy, gebückt unter der Last eines gefüllten Abfallkorbes.

»Was soviel heißt, dass mein TALENT funktionsfähig blieb.« Dorthy schwieg einen Moment lang und wählte dann sorgfältig ihre Worte. »Es arbeitete sogar mit ungewöhnlicher Intensität. Ich konnte zum Beispiel die Gehirne aller Leute hier im Camp visualisieren. Aber ich erfasste auch etwas anderes. Etwas weit Entferntes – und doch so intensiv, dass es heller strahlte als das ganze Camp. Ich glaube, es war auf mich ausgerichtet.«

»Dann war es kein menschliches Bewusstsein.« Noch immer sah der Colonel Dorthy nicht an.

»Ich weiß nicht, was es war. Mit Sicherheit war es aber nichtmenschlich.«

»Davon ist auszugehen – bestimmt!«

Unter des Colonels äußerer Gelassenheit nahm Dorthy etwas anderes wahr. Dunkel, formlos, aufkeimend.

»Vielleicht. Aber es bedeutet, dass dort draußen wirklich etwas sein muss. Ich würde vorschlagen, alles daranzusetzen, um herauszufinden, was es ist. Ich habe es nur für einen kurzen Moment gesehen, dann wurde ich ohnmächtig. Aber es kam von irgendwo hinter dem Horizont auf der anderen Seite des Camps.«

»Ihrer Landungskurve zufolge müsste es sich also östlich von uns befinden – wenn es nicht aus dem Meer kam. Kommen Sie, Dr. Yoshida, ich zeige es Ihnen.« Der Colonel drückte auf eine integrierte Taste. Die glatte Oberfläche des Schreibtisches flackerte und beruhigte sich dann zu einer groben Oberflächen-Karte aus sich überlappenden Rechtecken. Holos – vom Orbit aus aufgenommen. Hier und da waren schwarze Streifen zu sehen – Gebiete, die der Vermessung aus irgendwelchen Gründen entgangen waren. Im Großen und Ganzen war die Karte aber vollständig. Zerfurcht von rötlichen Canyons, übersät mit Kratern.

Der Colonel deutete auf eine dunkle Fläche von der Größe ihrer Hand. »Wir sind hier, direkt an der Küste. Und hier …« Sie drückte auf einen anderen Schalter, und über ein Dutzend grüner Punkte, mehr oder weniger an der Äquatoriallinie entlang verstreut, flackerten auf. Mit ihren langen Fingernägeln deutete der Colonel auf einen davon. »Dies ist der Außenposten, wo Andrews’ und Major Ramaros’ Team arbeitet. Er liegt in derselben Richtung wie das Ding, das Sie, wie Sie es nannten, erfassten. Ist das die korrekte Umschreibung dafür?«

»Das Wort passt so gut wie jedes andere.«

»In dieser Richtung liegen noch vier weitere Außenposten.« Der Colonel zeigte nacheinander auf sie. »Wissen Sie, wie weit dieses Phänomen entfernt gewesen sein könnte?«

»Nein, mein TALENT arbeitet nicht auf diese Weise.« Dorthy merkte, dass die Frau ihr nicht recht glaubte. Oder ihr nicht glauben wollte. Sie verspürte einen Anflug von Verzweiflung. »Aber wenn ich es finden soll …«

»Sie verfügen über sehr wertvolle Fähigkeiten, was Ihr TALENT betrifft, Dr. Yoshida. Wir werden Sie nicht opfern. Sollte für Sie die geringste Gefahr bestehen, werden wir unsere Pläne ändern.«

»Vielen Dank«, antwortete Dorthy unbeeindruckt. Es war, als hätte sich zwischen ihnen ein großer Spalt aufgetan, in dem Dorthy langsam zu versinken glaubte.

Der Colonel schaltete die Tischplatte aus und legte die Hände zusammen, wobei die langen Fingernägel ein trockenes Kratzen erzeugten. Dorthy ihrerseits verschränkte die Hände, um ihre zu kurz geschnittenen Nägel zu verstecken.

»Die Leute im Orbitalkommando sind jedenfalls der Ansicht, dass die feindliche Zivilisation hier mit Bestimmtheit zusammengebrochen – und möglicherweise sogar völlig ausgestorben ist. Dies ist auch der einzige Punkt, in dem sie und Dr. Andrews Übereinstimmung erzielen. Sie sind hier, um … nun, um diese Meinung zu untermauern und andere Möglichkeiten auszuschließen. Und nicht, um neue Ansichten darüber ins Spiel zu bringen.«

»Was ist, wenn beide, das Orbitalkommando wie auch Dr. Andrews, damit falsch liegen?«