Beschreibung

In den zeitgenössischen Klagen werden die Wikinger als fürchterliche und unmenschliche Wesen bezeichnet, doch waren die meisten in erster Linie seefahrende Händler und Bauern. Nach neuen Lebensgrundlagen suchend, stießen sie von Skandinaviens Küsten über Island bis Grönland vor und wollten dort als Bauern und Händler siedeln, was sie auch an der nordamerikanischen Küste versuchten. Mit der Ausgrabung eines Basislagers der Wikinger auf Neufundland rücken die frühmittelalterlichen Quellen und Sagas von Erik dem Roten, Leif dem Glücklichen und anderen Entdeckern neuerlich in den Mittelpunkt wissenschaftlicher und publizistischer Abhandlungen. In einer vergleichenden kritischen Sicht der Schriftquellen um „Vinland“ und unter Berücksichtigung neuerer archäologischer Erkenntnisse skizziert der Nordeuropahistoriker Jörg-Peter Findeisen den aktuellen Wissensstand zu den Reisen der Isländer und Grönländer nach Nordamerika.

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Sammlungen



Jörg-Peter Findeisen

Vinland

Die Entdeckungsfahrten der Wikinger von Island nach Grönland und Amerika

Erik der Rote, Bjarni Herjulfsson, Leif Eriksson und Thorfinn Karlsefni

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung durch elektronische Systeme.

© 2013 by Verlag Ludwig

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ISBN 978-3-86935-188-9

ISBN der Printausgabe 978-3-86935-055-4

Gewidmet meinen dänischen Freunden

Poul Husum, Ministerialdirektor a. D., Kopenhagen

Prof. Dr. Ole Lauridsen, Univ. Aarhus

Vorwort

»Entdecker« werden – ein »Zauberwort« aus Kindertagen

Abb. 1. .

Ob sich erfüllt habe, was ich als Kind und Heranwachsender vom Leben erwartete, werde ich manchmal gefragt. Natürlich träumte ich meine Zukunft wie wohl alle. Einiges davon überlebte selbst Jahrzehnte in der Erinnerung, manches erwuchs sogar sehr frühen Kindertagen. Noch immer gegenwärtig sind mir die ersten eigenen Berufsvorstellungen.

Nein, da war keine Karriere als Feuerwehrmann oder Po­li­zist »angedacht«. Mir, dem vielleicht Siebenjährigen, be­deu­tete damals »Entdecker« alles. So einer wollte ich werden, verblüffte damit die fragenden Erzieherinnen im Kinder­gar­ten. Längst sind die Bilder an jene verblasst und deren Namen mir seit Langem aus dem Sinn. Noch immer gegenwärtig ist jedoch, dass ich die Nachmittagsstunden der frühen Grund­schulzeit, inzwischen schon eifriger Leser der Schul­bibliothek, im Kindergarten nahe der Arbeitsstelle meiner Mutter verbrachte. Und hier zählte das Fragespiel »Was willst du denn einmal werden?« offenbar zum gewöhnlichen Ritual. Anfangs erntete ich fröhliches Lachen der jungen Damen, wenn ich mich nachdrücklich für einen bäuerlichen Lebensgang entschied. Da gab es jedenfalls immer zu essen, glaubte ich zu wissen. Irgendwann in sehr früher Jugendzeit muss ich dann meine Hoffnungen erstmals gründlich revidiert und nun, ganz im Geiste meiner damaligen Helden Magellan, James Cook und »Sigismund Rüstig«, vom Entdeckerdasein fabuliert haben.

Merkwürdig, dass ich es nicht vergaß, die Reaktionen der Fragenden noch heute gegenwärtig sind. Irgendwie verwirrt musste ich erkennen, dass die »Tanten« nun immer an Män­ner wie Röntgen oder Einstein dachten, mir wieder und wieder bedeuteten, die Welt sei längst entdeckt. Da­bei habe ich ein Buch damals besonders gern und oft gelesen, in dem irgendwo im weiten Sibirien junge Menschen durch eine tiefe Höhle schritten und plötzlich in einer bisher unbekann­ten Steppenlandschaft Steinzeitmenschen trafen. Auch hatte ich schon früh von Siegfried, Brunhild und dem uner­messlich fernen Eisland im Nordatlantik gehört, in alten Schul­lehr­büchern jene Bilder der kühnen Männer in den Segel­boo­ten auf den wild bewegten Weltmeeren gesehen, ihre Geschichten verschlungen. So einer wollte ich auch werden, in Öljacke, den Südwester fest um das Kinn geschnürt, hielt unzählige Male mutig auf einem Holzhaufen im Hof stehend ein imaginäres Ruder im Orkan …

Nein, eisige Kälte und Stürme suche ich nicht mehr. Geblie­ben ist das Interesse an der Geschichte ebenso wie an archäologischen Ausgrabungen weltweit. Und trotz anderer Spezialisierungen sind die wilden vollbärtigen Nordmänner nie ganz aus meinem Gesichtsfeld verschwunden, füllt eine umfangreiche »Wikingerbibliothek« meine heimischen Buch­regale. Die Ausgrabungen von L ’ Anse aux Meadows während meiner Studentenjahre taten ein Übriges.

Jahrzehnte später stand ich auf Island – da, wo die einheimischen Archäologen den Siedlungsplatz Eriks des Roten entdeckten, das Gehöft rekonstruierten. Dortige Führer erläuterten mir überzeugt, es bestände kein Zweifel, dass Leif Eriksson hier geboren wäre und die Kindheit verbracht hätte. Da jedenfalls rangierte dieser Entdecker schon seit Langem auf meiner selbst zusammengestellten Liste der Großen der Geschichte, hatte ich ihn relativ weit vorn platziert, deutlich vor Kolumbus jedenfalls. Auch das geschuldet einer gewissen Abneigung gegenüber diesem kleinlich geldgierigen Seefahrer, der wider besseres Wissen seinen eigenen Matro­sen Rodrigo da Tirana um die verheißenen Dublonen betrog, »Amerika« zuerst gesehen haben wollte.

Aber es war natürlich vor allem der Mythos jener uner­schro­cke­nen Segler und Ruderer, die überall erschienen, rasch zuschlugen und noch schneller ungestraft verschwanden, der mich immer wieder faszinierte.

In die Geschichte der kontinentaleuropäischen christianisierten Völker gingen die Wikinger als fürchterliche, kaum menschliche Regungen bekundende Wesen ein. Sie seien so unerwartet erschienen, dass der gern und überall ausführlich zitierte Überfall auf das englische Kloster Lindisfarne am 8. Juni 793 einen lang nachwirkenden Schock auslöste, bemerken die Historiker wieder und wieder. Sie erklären so die fast legendäre Angst vor den Barbaren mit Schwert, Axt, Speer und Bogen und übersehen, dass schon 787 erstmalig über den Tod eines königlichen angelsächsischen Statthalters durch Wikinger in der gleichen Quelle, der Angelsächsischen Chronik1, berichtet wurde.

Es waren schreibkundige Mönche, die erste Nachrichten von den mordenden und raubenden Nordmännern notierten. Sie waren vor allem deshalb bis ins Mark getroffen, weil gold- und silbergeschmückte Kruzifixe, Monstranzen, Reliquienschreine und andere Kultgegenstände der Kirche eifrig nachgesuchte Beute der Angreifer waren. Empörte Geistliche wurden so nie müde, das sonderlich Barbarische solcher Untaten, die Täter entsprechend schrecklich zu zeichnen.

Sie plünderten nicht nur, sie zerstörten auch, oft sinnlos. Gnadenlos töteten die Wikinger selbst kleine Kinder, fürchteten offensichtlich den Rachedurst der einmal zu Feinden Heranwachsenden.

Sie waren dennoch nicht nur Räuber und Zerstörer. Wie ihre Sagas belegen, feierten sie in den Holzhallen der Kö­nigs- und Fürstenhöfe wie auch in den Hofverbänden der Groß­bauern und Händler fröhliche Feste. Gern berausch­ten sie sich auch am Klang schöner Worte, genossen die Hel­den­dichtungen der Skalden, lauschten begierig den Neuig­keits­berichten ihrer Tage. Daheim entwickelten die rauen Gestalten des Nordens eine Gebrauchskunst, die reich an herrlichen Ornamenten war. Wahrscheinlich waren viele dieser Seefahrer in erster Linie Bauern und Händler. Sie konnten das aber auch unter den ihrigen nur so lange sein, wie sie waffengeübt und wehrfähig blieben. Hinter jeder hei­mat­lichen Klippe konnten Nachbarn lauern, um dem un­auf­merksamen Wikinger-Kaufmann, dem Farmann – dem Fernhändler –, abzunehmen, was er – wie auch immer – erworben hatte. Ein ewiger Wechsel zwischen Krieger, Händler und wieder Krieger, manchmal auch nur Pirat, häufig aber auch schon Entdecker. Getrieben von der Hoffnung, fern der alten Gestade ein neues Leben beginnen zu können, pflüg­ten sie furchtlos auf ihren schnellen Kielen den Atlantik. Die Wi­kinger stießen von Skandinaviens Küsten bis zu den Fä­röern, Island und schließlich sogar nach Grönland vor. Dort siedelten sie als Bauern und Händler, versuchten solches zumindest auch an der nordamerikanischen Küste.

So gesehen schien es mir mehr als reizvoll, trotz der vielen Darstellungen der Wikingerperiode diesen Versuch zu wagen, die Siedlungsperioden im westlichen Atlantik darzustellen, vor allem die einzelnen Fakten abzuwägen, Streitfragen anzuschneiden und eigene Überlegungen anzubieten. Es lässt sich allerdings nicht leugnen, dass kein »Aspekt der Lebens­weise, der Kultur und der Leistungen der nordischen Grönländer … wirklich unumstritten« ist, wie die amerikanische Historikerin Kirsten A. Seaver kürzlich treffend resümierte.2 So wird jeder Leser eigene Schlüsse ziehen, sein Bild der kühnen Entdecker Islands, Grönlands und Nordamerikas malen müssen.

Besondere Schwierigkeiten erwachsen aus der vielfältigen Schreib­weise der Namen einzelner Persönlichkeiten und Orte. Mit meinem Verlag kam ich schließlich überein, in wört­lichen Zitaten die dort gebrauchte Orthographie zu übernehmen, entsprechend mal »Eirik«, »Erik« oder »Erich«, »Bjarni«, »Bjarne« usw. zu schreiben, um nur zwei häufig zu benen­nen­de Wikin­ger anzuführen. Das gleiche gilt natürlich für die lokalen Bezüge, die sich im Deutschen, Schwedischen, Isländischen und Englischen sehr stark unterscheiden können. Auch wurde der Anmerkungsteil bewusst ausgedehnt, um dem interessierten Leser zusätzliche Informationen und Belege anzubieten, die der eine oder andere im eigentlichen Lesetext als eher ermüdend empfinden könnte.

1 Siehe The Anglo-Saxon Chronicle, transl. by James Ingram 1823 (The Echo Library 2007), S. 40, A.D. 787 u. A.D. 793; vgl. auch Ausgabe New York 1967, S. 54 u. 57, bzw. Ausgabe London 1965, S. 35 u. 36.

2 Kirsten A. Seaver: Mit Kurs auf Thule. Die Entdeckungsreisen der Wikin­ger, Stuttgart 2010, S. 66.

Eine frühmittelalterliche Hand­schrift berichtet Welt­geschichte – das »Vinland« Adams von Bremen

Man schrieb das »Jahr des Herrn 1579«, ein merkens­wer­tes Datum für die Geschichtswissenschaft. Gerade hatte der dänische Gelehrte und Historiker Anders Sörensen Vendel eine Handschrift zur frühen Geschichte des Erz­bistums Ham­burg publiziert. Sie war ihm bei Studien in der Bibliothek des kürzlich mit der Reformation aufgehobenen Zisterzienserklosters Sorö auf Seeland aufgefallen. Als Autor fixierte er den einstigen Kanoniker und Rektor der Bremer Domschule im letzten Drittel des 11. Jahrhunderts, Adam von Bremen.3 Offen­bar entdeckte Vendel bald, welche überraschende Botschaft der Text offenbarte, wahrlich eine spannende Lektüre. Der glückliche Finder konnte dort einiges lesen, was nicht nur ihn irritier­te, frühe Kenntnisse über Amerika andeutete.

Jetzt, mehr als fünfhundert Jahre später, war der Konti­-nent in Kreisen gebildeter Leser überall in Europa bekannt, hatten die Spanier in der Neuen Welt Azteken und Inkas grausam unterworfen, dehnten ihr Herrschaftsgebiet systematisch aus. Nachdem er ein gutes Menschenalter vorher nahezu unbemerkt im spanischen Valladolid verstorben war, bewunderte man inzwischen wieder allgemein Christoph Kolumbus und dessen Pioniergeist. Auch waren schon mehrere Expeditionen auf der Suche eines nördlicheren »West­weges« nach China an die nordamerikanische Küste gesegelt, Italiener, Franzosen, Engländer und Portugiesen, fischten nicht nur Bretonen seit Langem vor Neufundland. Da musste das Studium der Sorö-Schrift zumindest die übergroße Zahl der Lateinkenner in der Alten Welt mit den Bemerkungen über »Vinland« irgendwo im westlichen Atlantik hinter Grön­land grübeln lassen, Verwirrungen bei den Lesern hervor­rufen.

Es sollte allerdings noch weitere Jahrhunderte währen, bis 1846 im neunten Band der »Monumenta« eine lateinische Aus­gabe Adams in Deutschland erschien. Aber schon vier Jahre später erschloss dann die erste deutschsprachige Über­setzung breiten Schichten deutscher Leser jene Zeilen über die frühe Entdeckung nordamerikanischer Territorien.

Die neueste wissenschaftliche Bearbeitung der »Gesta Ham­ma­burgensis« betont berechtigt, dass Adams Aufzeich­nun­gen »eine erste wissenschaftliche Darstellung der unbe­kann­ten Länder und Völker des Nordens« waren, »Beob­ach­tungen … von unbestechlicher Wahrhaftigkeit … wie sie der mittelalterlichen Geschichtsschreibung sonst fremd« seien.4 Ähnlich euphorisch summierten 1995 auch die Autoren des mehrbändigen biographischen Wörterbuchs Adams »reifes, kritisches Werk« als »früheste« Geschichte und »Geo­gra­phie« des Nordens »und zugleich« der norddeutschen Reichsgeschichte.5

Nannten die Historiker des 19. Jahrhunderts den Bremer Gelehrten zunächst noch vorsichtig einen »deutschen Ge­schichts­schreiber«, glaubten auch sie dennoch bereits damals einräumen zu müssen, er habe die Geschichte seines Erz­stiftes »nach Urkunden, mündlichen Mittheilungen und älte­ren Quellen« gewissenhaft aufgezeichnet.6 Tatsächlich war Adam von Bremen kein Fabulierer.

Schon kurz nach seiner Berufung zum Schulleiter 1069 beauftragte Erzbischof Adalbert, einer der mächtigsten Männer auf deutschem Boden, den Kleriker mit der Abfassung einer Chronik des relativ jungen Erzstiftes. Der einflussreiche Prälat aus Hochadelskreisen – Erzieher des jugendlichen Königs Heinrich IV. – wünschte den Machtbereich seiner Diözese auf die skandinavischen Bistümer auszudehnen. Er hatte Adam auch an den Hof des damaligen dänischen Königs Sven(d) Estridsen7 gesandt. Wahrscheinlich um 1067/68 gewann der Deutsche das Vertrauen des welterfahrenen dänischen Herrschers, führte offenbar zahlreiche Gespräche mit dem Monarchen über das dänische Reich und dessen Geschichte, »den Zustand der nordischen Missionen«8. Manche Fach­historiker bezweifeln allerdings, dass der Mo­­­narch mit dem wahrscheinlich noch relativ jungen Bre­mer Ka­noniker »aktuelle politische Fragen« diskutierte.9 Eine merk­wür­dige Wertung – war doch vieles, was beide berede­ten, damals wichtige Politik.

Wahrscheinlich plauderte König Sven wirklich gerne mit dem deutschen Mönch. Soviel scheint jedenfalls gewiss: Adam reiste noch des Öfteren an den dänischen Hof, durfte dem Regenten offensichtlich weiterhin Fragen stellen.

Als Erzbischof Adalbert 1073 in Goslar verstarb, sammelte der Domherr vermutlich weiterhin Informationen, hatte mit der Niederschrift noch nicht begonnen, wie die Experten glauben. So widmete er dann dem Nachfolger auf dem erzbischöflichen Stuhl die Arbeiten. Aus seinen Notizen wurde bekannt, dass er am zweiten Buch schrieb, als ihn die Nachricht vom Tode Sven Estridsens am 28. April 1074 erreichte. Auch wissen wir heute, dass Adam jenen Teil des Werkes, das für die Kenntnisse der nordischen Ereignisse so wichtige dritte Buch, schrieb, bevor der slawische Fürst Butue am 8. August 1075 erschlagen wurde.10

Adam hörte natürlich auch manches Phantastische, das moderne Leser lächelnd abwinken lässt. Anderes wiederum wird auch heute noch als historisch wertvoll verstanden. Hier ist nicht der Ort, über Missionsreisen Hamburg-Bre­mer Geist­licher zu referieren, Adams Wertungen zu den frü­hen schwedischen Herrschern zu zitieren. Es soll nur die bis heute umfangreichste frühe schriftliche Quelle über die Ent­deckung Amerikas durch nordische Seereisende angeführt werden. Gewöhnlich verweisen die meisten Autoren der Vinland­bücher nur in Nebensätzen auf jenes gewichtige Gespräch Adams mit König Sven Estridsen.

Abb. 2. Der norwegische Historiker Axel Anthon Bjørnbo zeichnete Anfang des 20. Jhdts nach den Beschreibungen Adams von Bremen eine »Karte« von Grönland und Vinland.

Der Dänenkönig erzählte ihm, so führte der Domherr an, »viele« Seefahrer hätten im Atlantik »noch eine weitere Insel« nach den Besiedlungen Islands und Grönlands »ent­deckt; sie heiße Winland, weil dort wilde Weinstöcke wach­sen, die besten Wein bringen«. Dabei gab sich Adam wohl keinerlei Illusionen hin, wie manche seiner Leser auf die­se Eröffnungen reagieren würden. Er versicherte jedenfalls sogleich, es handele sich dabei nicht um übertriebene Behaup­tungen oder irreale »Vermutungen«. Er »entnehme … zuver­läs­sigen dänischen Berichten …, dass dort ohne Aussaat reichlich Getreide wächst«. Doch habe ihm der König erläutert, hinter »dieser Insel« fände man »in diesem Ozean kein bewohnbares Land mehr«, nur ungeheure Eismassen und »Dunkelheit«.11

Dort erzählte der Domherr auch, es gäbe »noch mehrere andere Inseln im Ozean; eine der größten ist Grönland«. Bis zu dieser »soll man von der norwegischen Küste aus wie nach Island in 5–7 Tagen segeln«. Die Menschen auf Grönland »leben ähnlich wie die Isländer«.12

Der Bericht Adams von Bremen sei bis heute die »älteste Nachricht, die wir über das neugefundene Land haben«, betonte auch Schwedens derzeit bekanntester Wikingerexperte Mats G. Larsson kürzlich in einer Publikation über Vinland und die Amerikafahrten der Wikinger. Sie belege, »dass die Entdeckung im letzten Teil des 11. Jahrhunderts noch weiterhin in frischer Erinnerung« gewesen sei.13

Heute ist kaum abzuwägen, was gewichtiger erscheint: Die Kennt­nis des Königs Sven Estridsen über dieses Land und seine Besonderheiten14 oder die Selbstverständlichkeit, mit der Dänemarks Herrscher das ihm Vertraute im Gespräch berichtete. Immerhin war der Monarch lange Zeit ein Getriebener. Er kämpfte um sein Königtum, hatte in jenen Jahren anderes zu bedenken, als Berichten über Seereisen isländischer oder norwegischer »Farmänner« in unbekannte Regionen nachzusinnen, zumal die dänischen Interessen vor allem Landstrichen im angelsächsischen England galten. Waren seine Informanten am Königshof im Nachbarland Norwegen zu Hause, hatten dänische Fernhändler solch Wissen aus Island oder Reisen in die neuen Siedlungen auf Grönland heimgebracht? Darüber schwiegen er und sein Zuhörer Adam. Auch scheinen die Namen der Entdecker und ersten Reisenden nicht erwähnt worden zu sein. Wirklich schade – kannte sie der Herrscher nicht? Waren ihm die Seereisen der Wikinger so sehr Alltag, dass er sich mit derart allgemeinen Informationen zufrieden gab oder war auch in seiner Überzeugung das Zeitalter der nordischen Expansionen bereits Vergangenheit? Immerhin sprach Sven Estridsen mit Adam ja noch von »vielen«, die in jenes exotische Land aufgebrochen waren. Da mussten es wohl doch mehr als die uns aus den Sagas bekannten vier oder fünf Expeditionen sein? Sicherlich meinte der deutsche Domherr mit seinem Hinweis auf »Berichte« nicht die Sagas, denen er seine Erkenntnisse »entnommen« hatte. Bedauerlicherweise sind solche frühen schriftlichen Zeugnisse nicht auf uns gekommen.

So viele Fragen, auf die wahrscheinlich keine Antworten mehr zu erwarten sind. Vielleicht täuschen sich jene modernen Experten nicht, die anmerken, der Bremer Domherr habe auch einige offenkundige Urkundenfälschungen in seinem Umfeld nicht erkannt, wurde wohl von dem von ihm bewunderten Adalbert nicht in alle politischen Erwägungen einbezogen. Möglicherweise verstarb Adam zu früh oder erfasste die Bedeutung des Erzählten nicht immer wirklich. Auffällig ist jedenfalls, dass der Scholastiker in seinem Werk die Schwerpunkte auf die Christianisierung der nordischen Fürsten legte, auch fein unterschied, welche Diözese die Mis­sio­nare entsandte. Er war nicht eben ein unparteiischer Kämp­fer des Herrn, schätzte missionsbeflissene Iren in Nord­europa weniger.

Sein moderner deutscher »Herausgeber und Interpret« hat bilanzierend hervorgehoben, Adam habe »größten Wert darauf gelegt, die Herkunft seiner Angaben genau zu ver­zeich­nen«. Leider existiert heute nur eine einzige voll­ständig erhaltene Abschrift der verloren gegangenen Fassung des großen frühmittelalterlichen Historikers in der Wiener National­biblio­thek. Wir wissen, dass Adam auch nach Übergabe seiner Darstellung an Erzbischof Liemar um 1076 eifrig weiter In­for­mationen sammelte, die Ergänzungen als Glossen in sein Manuskript eintrug, manche Randbemerkungen nur schwer­lich einzuordnen sind. Bedauerlicherweise trug er offenbar weniger Sorge, den Erhalt seiner Aufzeichnungen zu sichern. »Die letzten von ihm verzeichneten Nachrichten beziehen sich auf schwedische Ereignisse des Jahres 1088.« Ein anderer Bremer Kleriker habe nach Adams Tod an einem 12. Oktober – das Todesjahr kann bis heute nicht datiert werden – weiter gearbeitet und »bald darauf mit einer Bearbeitung der unübersichtlichen Handschrift begonnen«.15

So kann nur unterstrichen werden, dass Kenntnisse, die man in Roskilde hatte, mit Sicherheit auch unter den norwegischen Mächtigen, noch mehr wahrscheinlich auf Island, verbreitet waren. Auch sollte wohl vermutet werden können, dass mancher gelehrte Mönch hellwach Adams Schrift in einer Kopie las. In einer Idealisierung seines Erzbischofs Adalbert hatte der Gelehrte im 3. Buch berichtet, viele Gäste und Hilfsbedürftige hätten den mächtigen Kirchenfürsten aufgesucht, »unter ihnen fanden sich aus weitester Ferne Islän­der, Grönländer«. Auch diese baten »um Entsendung von Glau­bensboten zu ihnen«. Adalbert habe dem entsprochen.16

Tatsächlich weihte der Erzbischof um 1054/55 den isländischen Bischof Isleif auch für Grönland, beanspruchte damit ein Patronatsrecht über die Insel. Der neue Prälat war der Sohn Gizurs, »der 1000 das Christentum in Island einführte«, in Herford herangezogen worden war. Nach Island zurückgekehrt, wirkte er vom väterlichen Hof Skálaholt aus, dem späteren Bischofssitz in Arnessysla im südlichen Island. Der Prälat verstarb noch zu Lebzeiten Adams 1080.17

Der Kreis um Erzbischof Liemar dürfte sich zumindest über das solcherart Notierte ausgetauscht haben. Wahr­schein­lich wurden Adams Informationen eifrig vervielfältigt, besaß man schließlich sogar im dänischen Kloster Sorö jene berühm­te Abschrift. Ähnliches sollte wohl auch für deutsche Kloster­bibliotheken zutreffen.

3 Claudia Banck »beförderte« in ihrer interessanten Darstellung der Wikin­ger­welt den Kanoniker zum »Erzbischof«, siehe ds.: Die Wikinger, Stuttgart 2009, S. 25. Sie übersah wohl, dass er das Werk seinem Erzbischof Liemar (1072–1101) gewidmet hatte; siehe dort Buch IV, S. 497: »Meister Adam an Bischof Liemar. Nimm deines Dieners kleines Geschenk, großer Bischof, ent­ge­gen«. Auch wird deutlich, dass Adam von Bremen dessen Vorgänger Erz­bischof Adalbert († 16. März 1172) als seinen Förderer bewunderte, von diesem auch eifrig ermuntert und an den Hof des dänischen Königs Sven(d) (Svein) Estridsen zu Studien der skandinavischen Länder gesandt wurde.

Es scheint überhaupt problematisch, dass viele Autoren Adams Vinland­pas­sa­ge nur in einem Nebensatz anführen, das Werk vielleicht nie gelesen haben.

4 Adam von Bremen: Quellen des 9. u. 11. Jhts. zur Geschichte der hamburgischen Kirche und des Reiches, neu v. Werner Trillmich u. Rudolf Bücher, Darm­stadt 1973, S. 142f. u. 145.

5 Biographisches Wörterbuch zur deutschen Geschichte, 2. völlig neubearb. u. stark erw. Aufl., bearb. v. Karl Bosl, Günther Franz, Hans Hubert Hoff­mann, Bd. I: A–H, 1995, S. 15.

6 Meyer Konversations-Lexikon, 3. Aufl., Leipzig 1874, Bd. 1, Stichwort: Adam v. Bremen, S. 107.

7 Siehe Jörg-Peter Findeisen: Dänemark. Geschichte der Länder Skandina­viens, 2. erg. Aufl., Regensburg 2008, S. 49ff.

8 Adam von Bremen: Quellen, Buch I, a. a. O., S. 139.

9 Ebd.

10 Ebd., Buch II, S. 28 u. 43, bzw. Buch IV, S. 25 u. Buch III, S. 51. Siehe dazu auch Helmold. Chronik der Slaven (Historiker des deutschen Altertums), üb. v. J. M. Laurent u. W. Wattenbach, 2. Aufl., Kettwig 1990, S. 96ff.

11 Adam von Bremen, Quellen, Buch IV, a.a.O., S. 491.

12 Ebd., S. 489.

13 Mats G. Larsson: Vinland det goda. Nordbornas färder till Amerika under Vikingatiden, Stockholm 1999, S. 11.

14 Es waren keine achtzig Jahre nach der ersten Expedition der Grönländer und nicht einmal sechzig Jahre nach der Anlegung einer Basissiedlung an der amerikanischen Küste vergangen.

15 Ebd., S. 84ff., 139ff. u. 154.

16 Ebd., III. Buch, S. 359, siehe auch S. 421.

17 Ebd., S. 358. Anm. unter dem lateinischen Text. Tatsächlich vermerken die Islandske Annaler indtil 1578 (Udg. for det Norske Historiske Kildeskrift­fond av Gustav Storm), Kristiania 1888, T. I, Annales Reseniania (K) 981–1021, »1080 ed. Anlat Isleifs byscops«.

Die »Knarr(e)«, das Hochsee-Lastschiff der Wikinger

Wichtigste Voraussetzung für das »Inselspringen« im Nordatlantik

»Knarr(e)« oder »Knorr(e)« nannten die Wikinger die meerestauglichen großen Lastschiffe – und natürlich streiten auch hier die Experten über die Bedeutung des Wortes. Ist es den einen nur die Benennung eines großen, Lasten tragenden Bootes, glauben andere, der Name habe sich nach dem Wort »knarra« – knarren entwickelt. Es bedeute, das »elastische Schiff« knarrte bzw. quietschte im Kampf mit den Wellen. Eine weitere Deutung besagt, das Wort komme von »krokstam«, einem Hinweis auf das gebogene, gekrümmte Holz des Stevens. Ein schwedischer Experte übersetzte »knorr« mit »Ringel«, meinte den Schmuck des »Hinterstevens«, der »aus einer Baumwurzel zusammengeflochten war«. Heute bezeichnet die Wissenschaft jedes größere »meerestaugliche Wikingerschiff« als »Knarr« oder »Knorr« – die Knorre.

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