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Vokabeln der Lust - dieser Titel ist ein- und vieldeutig zugleich. Vokabeln muss man lernen, und dazu hat man meistens keine Lust. Und um die Lust zu lernen, fehlen einem oftmals die Vokabeln. Nun ist natürlich die Frage, ob man jene zur Ausübung sinnlicher Tätigkeiten unbedingt braucht. Sicherlich erst einmal nicht, doch schon wenn man von seinen Erlebnissen und Empfindungen berichten möchte, eine Frage stellt oder eine Antwort zu geben hat, fehlen einem oft die Worte. So versteht sich dieses Buch als Anregung: nicht für exotisch-amouröse Tricks und Kniffe oder für den lexikalisch zu befriedigenden Wissensdurst, sondern dafür, in den vielleicht nur kurzen Pausen konkret erotischer Inanspruchnahme den Wörtern auf den Zahn zu fühlen. »Handreichungen« in der Edition diá: Dirk Ludigs Ran an den Mann! Sextipps für Frauen ISBN 978-3-86034-552-8 Dirk Ludigs Beziehungsweise Sex Tipps für Paare ISBN 978-3-86034-553-5 Sibylle von den Steinen Let's talk about Sex - and Aging Geschichten und Erfahrungen von Menschen in der Mitte ihres Lebens ISBN 978-3-86034-554-2
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Seitenzahl: 192
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Max Christian GraeffVokabeln der Lust
Ein Wörterbuch
Edition diá
Vokabeln der Lust – dieser Titel ist ein- und vieldeutig zugleich. Vokabeln muss man lernen, und dazu hat man meistens keine Lust. Und um die Lust zu lernen, fehlen einem oftmals die Vokabeln. Nun ist natürlich die Frage, ob man jene zur Ausübung sinnlicher Tätigkeiten unbedingt braucht. Sicherlich erst einmal nicht, doch schon wenn man von seinen Erlebnissen und Empfindungen berichten möchte, eine Frage stellt oder eine Antwort zu geben hat, fehlen einem oft die Worte. So versteht sich dieses Buch als Anregung: nicht für exotisch-amouröse Tricks und Kniffe oder für den lexikalisch zu befriedigenden Wissensdurst, sondern dafür, in den vielleicht nur kurzen Pausen konkret erotischer Inanspruchnahme den Wörtern auf den Zahn zu fühlen.
»Das theoretische Fundament für die schönste Sache der Welt.« (Berliner Kurier)
Max Christian Graeff, geboren 1962 in Wuppertal. Neben den üblichen Brotberufen stehen Ausstellungen bildender Kunst, seltene Publikationen literarischer Texte und die Veröffentlichung mehrerer Sachbücher und Biografien. Ferner betreibt er die Kleinstverlage ›Romanfürsorge‹ und ›Das Fünfte Tier‹ und singt u. a. im Chansonduo ›Canaille du Jour‹. Er lebt in Luzern und arbeitet als Bordsteinschwalbe im Kulturbetrieb.
Vorbemerkung zur digitalen NeuausgabeVorweg …
ABCDEFGHI/JKLMNOP/QRSTU/V/WX/Y/Z
RegisterImpressum
Die Welt, so kann man meinen, drehe sich schneller, als die Polizei erlaubt. Pünktlich zum Erscheinen dieses Elektrobuches merken wir dank NSA und weiterer Vorfälle, dass das nicht ganz stimmt: Die Polizei dreht nämlich selbst fleißiger mit, als sie erlaubt. Was vor einem Jahr noch als leichtfertige, schwer belegbare Behauptung gegolten hätte, ist heuer schon etabliert; das Innerste ist längst nach außen gekehrt und das Raster der Fahndung nach unser aller Intimität viel dichter und funktionaler als je für möglich gehalten. Und in vielen, wenn nicht den meisten Fällen gingen wir wohl der eigenen Neugier auf den Leim, setzten uns selbst auf den großen Fliegenfänger, der da plötzlich im Kosmos hängt. Nichts bleibt mehr verborgen, sofern wir die Außenwelt nicht aktiv aus unserem Privatleben verbannen und erst den Stecker des interaktiven Kühlschranks ziehen, bevor wir uns mit der Nachbarin oder dem Briefträger auf dem Küchentisch vergnügen.
Im Jahr 2000, als das Buch ›Vokabeln der Lust‹ entstand, war das Leben auch auf den kulturhistorischen Schattenseiten noch ein entzückend naives. In der Fernsehwelt bohrten sich gerade die Wühlmäuse der Comedyszene mit ihrer Infantilisierung unserer einstigen sexuellen Revolution durch das gutbürgerliche Mittelfeld (»Ficken – hihihi …«). Im Jahr zuvor war im britischen Channel 4 erstmals eine männliche Ejakulation im Normalprogramm versendet worden, ein Ausschnitt aus dem legendären Arthouse-Film ›Behind the green door‹ – freilich zu rein didaktischen Zwecken. Und kurz darauf war dies schon wieder kein Thema mehr, als sogar bei den Desperate Housewifes das Sperma im Vorabendprogramm auf das Gesicht einer – wenigstens noch verdutzt blickenden – Protagonistin klatschte. Eine Revolution? Mitnichten; dieser einst so hehre, aufrührende und befreiende Begriff wurde inzwischen von Automarken und Klassikfestivals vollends wund geritten. Die letzte Bastion ist gefallen; jeder Mensch (zumindest der verkabelten Hemisphäre) ist ein Sender, jeder ein Empfänger; der Alltag wird zum Drüsen-TV, wenn Heerscharen beiderlei Geschlechts unserer Spezies schon im zartesten Alter intermedial ihre Joysticks und Mäuschen manipulieren und ihre Sekrete live in alle Welt verströmen. Sinn- und Sinnlichkeitsentleerungen mittels neuer Präsentations- und Stimulationsstereotypen lassen allsekündlich mit Yottabytes an privatesten Äußerungen die Serverparks überschäumen und Gigawattstunden ins All tropfen, während daheim unsere Haut im weißlich-fahlen Licht der Energiesparlampen unser Dasein noch alienhafter erscheinen lässt als je zuvor. Das noch gänzlich unerforschte Thema der »Grauen Energie« unserer Sexualitäten – also des versteckten, nicht evaluierbaren Energieverzehrs physischer und psychischer Art – offenbart auch im populärphilosophischen Sinne ein Desaster: Wir opfern das einst höchste Gut der Fantasie auf den Altären der Hyperrealität, und physikalisch lautet die Kurzform unserer Gegenwartssinnlichkeit: Abkühlung biologischer Körper durch technische Erwärmung der Erdatmosphäre. Letztendlich letal. Eine mögliche Gesamtbetrachtung dieses neuen Sexualstatus des modernen Menschen vorausgesetzt – welcher durchschnittlich begabte Bonobo würde da nicht verzweifelt die Hände verwerfen und völlig zu Recht am Begriff der »Entwicklung der Menschheit« zweifeln?
Doch halt – um all das geht es hier nur am Rande. Das Buch ›Vokabeln der Lust‹ dreht sich schließlich nicht um das Große und Ganze und ums letztendliche Verglühen, sondern schlichtweg um die Sprache, die uns bis dahin immerhin noch bleibt, um das tägliche Brot unseres Denkens, auf dem wir herumbeißen möchten bis zum Schluss. Und da dienen uns die neuen Medien auch auf zumindest amüsierende Weise zum leichthändigen, quasi frühstücksbegleitenden Aufspüren wesentlicher Phänomene unserer Sexualkulturgeschichte, wie als eines von Tausenden Beispielen die kürzliche »Wiederentdeckung« des sogenannten Phallographen zeigt, des Geräts, mit dem ein Leverkusener Professor in den siebziger Jahren im Bundesauftrag mittels Taxierung des Erektionsgrads und der Anstiegs- wie Abstiegswinkel und unter Zuhilfenahme (damals verbotener) pornografischer Lektüren die Auswirkungen von Anabolika auf die Sportler-Libido zu messen versuchte. »Phallograph«, ja, dieses skurrile Wort wäre eine treffliche »Vokabel der Lust« gewesen, wenn sie mir vor nunmehr 13 Jahren schon zugeflogen wäre. Selbstverständlich wären auch die »Feuchtgebiete« dabei gewesen, das »Zofenforum«, der »Titfight«, der »Vokuhila« (für den Intimbereich), das »Stretching« (fokussiert auf Vorhaut und Schamlippen) – doch halt, hier wäre das Lektorat eingeschritten, denn ein Ratgeber kann und sollte dieses kleine Nachschlagewerk nicht sein.
Manche der enthaltenen Schlagwörter zeugen noch von einer mittlerweile vergangenen Bizarrheit und Exotik; sie sollen in aller Naivität bestehen bleiben, so zum Beispiel der Eintrag der »Teledildonik«, die mittlerweile im Nachtprogramm eines jeden Privatsenders angeboten wird und demnächst auch per App, mit Vorratsdatenspeicherung der Vorlieben, Ausdauer und aller weiterer Details. Sozusagen mit Reservoir. Letzteres Wort ist ja heute ganz – äh, überflüssig geworden, denn inzwischen hat jedes Kondom das, was vor gut einem Jahrzehnt noch als Bonus verkauft wurde. Manche Worte werden also wieder frei und können neu belegt werden. Das Reservoir heuer also die Datenreserve unserer Vorlieben zum Abruf einer halb zufälligen, halb individuell gesteuerten dildonischen Teledienstleistung …
Andere Artikel hätten durch die digitalen Lektüren des Zwischenjahrzehnts deutliche Erweiterungen erfahren können, beispielsweise der »Delfin«, der natürlich um die heitere Episode des globalen Internet-Scherzes um »Fappy The Anti-Masturbation Dolphin« bereichert worden wäre. Oder das »Kekswichsen«, dem auf weiblicher Seite der seit Kurzem immer beliebter werdende Mädchensport des »Tampontausches« beigestellt werden darf – was vielleicht aufgrund bereits erwähnter ›Feuchtgebiete‹ von letztendlich doch enthemmenden Auswirkungen literarischer Populärwerke zeugen mag?
Wie es auch immer sei, festzuhalten bleibt: Die menschliche Sexualität wird im mediokratischen Zeitalter immer noch surrealer und surrealistischer. Der Monitor ist der Spiegel zwischen den Welten, durch den wir täglich auf die andere Seite gehen, in die zweite Ebene unseres Lebens, die mal Himmel sein kann und mal Hölle. Was kommen wird, ist so schwer vorherzusagen wie kaum jemals zuvor: Der moralische und politische Rollback unserer Tage, die vehement anschwellende Prüderie, Kunstzensur und Sittengesetzmäßigkeit treffen sich zu einem paradoxen Engtanz mit dem neuen Unterbewusstsein einer Generation bürgerlicher Camwhores und sexueller Selbstpromoter, Tarnkappenwichser sozusagen, und irgendwo inmitten dieser modernen Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom-Eigentherapie sehen wir eine zukünftige Weltbankdirektorin oder den kommenden Bundeskanzler breitbeinig am Werk, und als Stimulanz dient ganz sicher nicht das vorliegende Buch.
Apropos: Auch das Stichwort »Einhandliteratur« bedürfte natürlich einer Überarbeitung, denn der Reader gewährt ja noch ganz andere Möglichkeiten als das leichteste Paperback: Kein umständlich-gieriges Umblättern mehr mit der buchhaltenden Hand, während die andere noch in anderen Gefilden herumkramt; nur noch ein Klick mit dem mittlerweile durchtrainierten Daumen, und weiter geht der Spaß.
»Darüber spricht man nicht«, so hieß es noch vor nicht langer Zeit oftmals, wenn es um das Thema ging, das die Menschen verbindet wie kein anderes: um Sex, Lust und Begehren. Immer wieder gab es während der letzten Jahrhunderte Phasen, in denen der verbale Austausch über diese Zustände verpönt und sogar untersagt war, weil er gegen irgendwelche guten Sitten verstieß. Gesprochen und geschrieben wurde dennoch darüber, in einer unvergleichlichen Vielfalt an Formen, Worten und Fantasien. Jede Generation brachte neue Ausdrücke, Modewörter und verbale wie körperliche Vorlieben ins Spiel; unzählige davon verschwanden wieder aus dem zeitgemäßen Gebrauch, doch manche blieben bis heute erhalten. Die Vokabulare der Sexualgeschichte künden von der Unberechenbarkeit des Themas zwischen Lust und Scham, zwischen Offenherzigkeit und vorgehaltener Hand. Für viele Phänomene, Dinge und Zustände gibt es bis heute keine festgelegten, definitiven Bezeichnungen.
Restlos alles, was über das gesagt werden kann, »worüber man nicht spricht« oder besser »nicht zu sprechen weiß«, ist schon gesagt worden, doch täglich ist es uns neu. Wir sind uns selbst und unserer Sprache nicht mehr sicher, sobald die Lust den Raum des Bewusstseins betritt. Auch darum ist das Thema so angreifbar, unfrei, problembeladen und steht in solch unverminderter Spannung mit der gesellschaftlichen und moralischen Gegenwart. Bei aller Aufklärung unserer modernen Zeit ist die körperliche Liebe auch heute noch, wie Guillaume Apollinaire es 1910 formulierte, »die Statue eines nackten und kränkelnden Gottes mit entspanntem Bogen, ein schändlicher Gegenstand der Neugier, ein Thema für medizinische und retrospektive Beobachtung«.
An alledem wird sich demnächst wohl kaum etwas ändern, auch wenn in den letzten hundert Jahren eine ganze Reihe revolutionärer Umwälzungen unsere Sexualität zuweilen gründlich auf den Kopf zu stellen vermochte. Die verschiedenen Stufen der Emanzipation, der Kommunismus und Sozialismus, die neuen Arbeitswelten, Kriege und Frieden, die Akzeptanz weiblicher und männlicher Homosexualität, die rasante Entwicklung der Massenmedien und letztlich deren Elektronisierung – jede historische Begebenheit hinterließ ihre Spuren auch in dem, was man Erotik nennt. Behauptet hat sich trotz allem bisher das Buch als eines der Objekte, die sich jenseits des lebenden Körpers im Zentrum der Lust befinden. Man könnte meinen, das Wort »Leben« sei zusammengesetzt aus »Lieben« und »Lesen« … Seit einigen Jahren wirkt jedoch ein neues Medium deutlich auf unsere themenbezogenen Wahrnehmungen ein: Das Internet lebt sozusagen von der Sexualität, ohne jene und ihre pornografischen Äußerungen wäre es wirtschaftlich längst schon wieder in sich zusammengefallen. Zwar spielt hier das Bild eindeutig die Hauptrolle, doch sind ebenso im sprachlichen Bereich die Folgen der Entwicklung noch kaum absehbar. Wie auch immer, ob analog oder digital: »Es sind die Wörter, die Liebe machen«, sagt der Psychoanalytiker J. B. Pontalis, und Witold Gombrowicz schreibt: »Es gibt kein Wort, das nicht Körper wäre.«
Einer Handvoll solcher Wörter versucht dieses Buch durch kurze Einblicke in ihre Bedeutung, Geschichte und Anwendung auf die Schliche zu kommen. Es will keinesfalls ein Lexikon sein, welches den Lesern erklären kann, was ein eingesprungener Cunnilingus ist oder wie man die Impotenz besiegt. Ebenso wenig ist es eine Bettlektüre aus dem Bereich der → Einhandliteratur. Jeder Versuch einer Vollständigkeit wäre vergebens, denn dann wäre es nicht nur einen ganzen Regalmeter stark, sondern bereits beim Druck ungültig. Auch Wertungen zu formulieren überlässt es anderen Medien. Lieber wählt es nach undurchsichtigem System ein paar Begriffe verschiedenster Couleur aus, um so den Leser neugierig werden zu lassen auf den tieferen Hintergrund all jener Vokabeln, die ihm in seinem eigenen Leben über den Weg laufen. Apropos Leser: Tatsächlich hat dies Buch, wie die meisten Texte sexueller Thematik, ein gewisses Problem. Jahrhundertelang war die erotische Kultur eine Domäne der Männer, und auch heute hat die Sprache die gesellschaftlichen, philosophischen und sozialen Veränderungen noch nicht eingeholt. Die meisten Vokabeln dieser kleinen Sammlung folgen dem alten Ungleichgewicht zwischen Mann und Frau. Dies lässt sich für eine andere Zukunft umso schneller nur ändern, je lustvoller jeder Einzelne sich mit den Eigenarten seiner Sprache auseinandersetzt, auch wenn – und vor allem, weil – die zunehmende Geschwindigkeit der Kommunikation unseren Wortschatz immer breiter und flacher werden lässt.
Beachten wir die Worte, beobachten wir sie. Bei allem Erstaunen oder gar Erschrecken ist es ein wahres Vergnügen, eine Lust. Denn, wie schon Connie Francis sang, »die Sprache ist ein seltsames Spiel, sie kommt und geht von einem zum andern. Sie nimmt uns alles, doch sie gibt auch viel zu viel – die Sprache ist ein seltsames Spiel …«.
Es ist nicht so, liebe Leserinnen und Leser, dass Ihr möglicherweise erstaunter Blick angesichts dieses ersten Stichwortes unerwartet käme. Die »Abstinenz«, Enthaltsamkeit, als Eröffnung eines Buches über die Wörter der Lust und die Lust der Wörter vermag Ihre Erwartungen vielleicht ein wenig zu dämpfen oder gar zu unterwandern, aber welcher Begriff hätte andernfalls diese Poleposition besetzen sollen? Die Abart, die Aberration, die A-Bombe, der Abgang oder der Ablass? Gar das Abnorme, der Abortus oder die Absteige? Vielleicht noch das infantile »Aa« mit Verweis auf Kaviar? Allein das »Abenteuer« hätte eine Chance gehabt, doch ein solches ist auch die »Abstinenz«. Im Zusammenhang mit der Anti-Alkohol-Bewegung hat sich der Begriff erst mit der Mitte des 19. Jahrhunderts im Sprachgebrauch eingenistet. Aus den lateinischen Wörtern ab (weg) und tenere (halten, festhalten) gebildet, steht er jedoch eigentlich vorrangig für die meist lebensbestimmende Unterlassung natürlichster sexueller Handlungen eines jeden Menschen. Es gab und gibt wohl kaum eine menschliche Gesellschaftsform, in der sexuelle Abstinenz nicht einen hohen, meist kultisch-religiös oder moralisch bestimmten Stellenwert besitzt. Entsprechend vielfältig sind ihre Formen. Im Zentrum steht die Überlegung, durch Einschränkung und Versagung sexueller Freude alle Kraft und Konzentration auf andere Bereiche des Lebens zu lenken und jenes gar durch diese spezielle Enthaltsamkeit zu verlängern. Sieht man von zölibatären Entsagungen ab, stechen vor allem Sportler hervor, deren antilibidinöse Lebensführung man zutreffender als »Askese« bezeichnet, das griechische Wort für Übung. Es ist noch nicht lange her, dass man auch bei uns den alten Spruch »Der Sieg gehört dem Keuschesten« endlich dem Museum der menschlichen Irrwege überantwortete. Die »Keuschheit« an sich sei an dieser Stelle nicht weiter erläutert, denn mit der Beschreibung ihrer Ausformungen und Beschwörungen lassen sich voluminöse Bücher füllen. Kaum ein Begriff führt besser vor Augen, wie sehr wir noch heute in den Netzen aus Brauchtum, Glauben und Mystik verheddert sind – und dies zugleich durchaus strotzend vor purer Lust und abgrundtiefer Geilheit! Denn gelten sämtliche geschlechtlichen Zusammenhänge außerhalb des nachwuchsorientierten Ehelebens in den modernen Gesellschaften immer noch als unzüchtig und unrein, so muss man auch sehen, dass schon in der Vorstellung der Überschreitung und Zerstörung vieler Hindernisse, Verbote und Tabus ungeahnte Lust verborgen ist.
Neben all dem gedeihen die profanen Alltagsformen der Abstinenz überall dort, wo eine Privatsphäre fehlt, wie in Krankenhäusern, Kasernen, Schulen, aber mitunter auch in der Familie. Ferner gehört die voreheliche Enthaltsamkeit noch immer zum moralischen, als natürlich empfundenen Alltag, der seit jeher einen ganzen Reigen abstinenzbedingter Krankheiten wie die schmerzhaften Bräutigamshoden als unvermeidlich akzeptiert.
In welcher Form auch immer – ob erzwungen oder sozusagen frei gewählt: Die sexuelle Abstinenz ist neben dem Tod das größte Opfer, das die Menschheit ihrem Glauben an etwas Höheres zu bieten hat. Und als solches ist sie nicht etwas Passives, sondern durchaus aktiv.
Der Achtundsechziger gilt im heutigen Sprachgebrauch verallgemeinert als der immer wieder heftig wie lächelnd diskutierte Teilhaber oder Akteur der sogenannten sexuellen Revolution, der sich seither entweder als unglückliches Phantom in Vollmondnächten durch die europäische Nachkriegsgeschichte jammert oder nach dem Marsch durch die Institutionen in politischen und industriellen Führungsebenen von wilden alten Zeiten erzählt. Die aktiven Achtundsechziger haben sich derweil zum großen Teil aus dem öffentlichen Leben in diverse Wohlfühltrendbehausungen zurückgezogen und kümmern sich wahlweise um die soziale Akzeptanz der Alterssexualität, die therapeutische Aufarbeitung von Spätschäden antiautoritärer Erziehung ihrer Nachkommen oder wohngruppendynamische Balsamessigverkostungen. Keinesfalls abzusprechen sind ihnen ihre tatsächlichen Verdienste, unvergängliche Zeichen und Signale von Pazifismus und Popkultur hinterlassen zu haben. Parolen wie »Make love, not war!« – oder wie man in Köln sagt: »Poppe statt kloppe!« – sind aus dem gesellschaftlichen Sprüche-Fundus nicht mehr wegzudenken. Nicht zu verwechseln ist der Achtundsechziger mit der Neunundsechziger, die seit Menschengedenken eine ungleich reizvollere Position im Sexualleben besetzt.
Die Prostitution als Preisgabe des Körpers für sexuelle Zwecke im Tausch gegen Sachwerte ist, wie man sagt, das älteste Gewerbe der Welt. Als Institution weit älter als die Ehe, begleitet sie die Geschichte der Zivilisation; in ihren Formen spiegelt sich Zustand und Wandel gesellschaftlicher und moralischer Ordnung. Bevor sie im 15. Jahrhundert im Zuge der durch Europa rasenden Syphilisepidemie und der damit einhergehenden Schließung der organisierten städtischen Bordellbetriebe in den Untergrund und damit in die Liaison mit dem Verbrechen getrieben wurde, galt sie als legitimes, durch Städte und Fürsten, Kirche und Päpste betriebenes Gewerbe. Im 17. Jahrhundert entwickelte sich langsam ein neues Berufsprofil, das zwei Seiten klar voneinander trennte: die der armen Straßenprostitution und die der reichen, höfischen Liebedienerei durch Kurtisanen und Mätressen. Die Moderne diversifizierte das Angebot in alle sexuellen Richtungen; kaum ein Beruf hat ein so reiches Spektrum an Facharbeitern und Spezialisten. Auf dieser fruchtbaren Basis gedieh die heute so überreiche pornografische Medienlandschaft auf das Beste.
In den achtziger Jahren gab es endlich wieder eine wahre Neuerung auf dem Markt der erotischen Kategorien: Wie eine Bombe platzte der Amateur, der eben nicht professionelle Darsteller, in die professionelle pornografische Welt. Zwar hatte die von gewerblichen Zwecken unabhängige öffentliche Abbildung und Darstellung körperlicher Erregung immer schon eine gewisse Rolle gespielt, doch im neu durchstrukturierten Markt wuchs nun im Wechselspiel mit gesellschaftlicher Vereinsamung und Abschottung des privaten Lebens die Lust am Alltagsvoyeurismus, an Einblicken in die Intimitäten des Nachbarn, am Nachempfinden einer verloren gegangenen Unbefangenheit, einer Normalität. Vielleicht war es auch ein Überdruss am industriell vermarkteten Professionellen, an der offensichtlichen Künstlichkeit allen Geschehens.
Der Amateur hingegen, dessen sich rasch ausbreitendes Terrain durch die aufklärerischen Tendenzen in den Massenmedien der Nachkriegszeit bestens vorbereitet war, lieferte als einziges Produkt- und Funktionsversprechen, nicht besser zu sein als der Verbraucher, der Zuschauer selbst. Er zeichnete sich nicht durch die auf trainierte Hochleistung, übernatürliche Begabung und technischen Effekt beruhende Souveränität der Profis aus, sondern durch die Unvollkommenheit seines Körpers, durch die eher durchschnittliche Standhaftigkeit und hausbackene Echtheit seiner Obsessionen. Seine Etablierung wurde technisch unterstützt durch die Entstehung großer Fotolabors, in denen man mit einer gewissen Anonymisierung der selbst gefertigten Bilder und Super-8-Filme rechnen konnte. Und als um 1965 die Polaroid-Sofortbildkamera ihren Siegeszug um die Welt antrat, verschwand die letzte Befürchtung, der Fotohändler könne einem die fertigen Bilder mit frechem Grinsen auf der Theke zur Begutachtung ausbreiten. Diese Entwicklung in die mediale Anonymität förderte erstaunlicherweise die rasche Verbreitung jener Amateurhaftigkeit; auch die dadurch aufkommende Bewegung der → Swinger leistete ihren Beitrag dazu.
Es entstand eines der größten Missverständnisse im pornografischen Trendwörtergebrauch; das Nicht-Professionelle, Anfällige, Unzuverlässige wurde zum Qualitätsversprechen. Der Profi-Amateur wurde zum Vorreiter von Zladko, Sabrina, Alex und all den anderen popkulturell dilettierenden Containerstars heutiger Retorten-Realität.
Schon vom ersten Moment an, da der Mensch sich als ein solcher betrachtete, strebte er danach, sich selbst zu erhöhen. Der Wunsch nach einer gewissen Übermenschlichkeit steckt uns tief in den Knochen angesichts der Erkenntnis der Endlichkeit von Zeit und Raum, besonders aber der allgemeinen wie auch sexuellen Leistungsfähigkeit. Dem Wunsch, mehr erleben zu wollen als den rein zielorientierten Zeugungsakt, entsprang schon früh der Gedanke, dass der Körper manipulierbar sei. Nicht nur etwaige Fehl- oder Unterfunktionen sollten durch allerlei geistige, chemische und physikalische Eingriffe gesteigert werden, sondern auch die allgemeine Durchschnittsleistung sollte sich so erhöhen.
Die griechische Göttin der Liebe hieß Aphrodite und es lag nah, die dem Körper zuzuführenden Stoffe und Mittelchen zur Steigerung der Potenz, Lust und Erlebnisfähigkeit nach ihr zu benennen. Die Aphrodisiaka, äußerlich und innerlich anzuwenden, bewirken – sofern überhaupt von einer Wirkung die Rede sein kann – in der Regel eine anregende Steigerung der Durchblutung, was auch immer an weiteren Resultaten behauptet wird. Am geläufigsten, aber auch am langweiligsten erscheinen die laut Volksmund luststeigernden pflanzlichen Lebensmittel: Ingwer, Sellerie, Auberginen, Möhren, Feldsalat, Tomaten, Paprika und Chili; jedes Pflänzchen wirkt angeblich anders, steigert aber das allgemeine Wohlbefinden und somit den Glauben des Verkostenden an sich selbst. Jede direkte Wirkung auf die Körperteile ist leider wohl nichts als Legende, wenn auch eine »köstliche«. Eine Ausnahme stellt der eingedickte Milchsaft des Lattichs dar, der Urform des Kopfsalates; dieses Zaubermittel, ein morphinähnliches Alkaloid, rauchte man früher in der Pfeife.
Doch nicht nur Pflanzen werden zur erhofften Stärkung der Libido benutzt; manch spektakuläre Auftritte haben die tierischen Stoffe, vor allem getrocknete, geschrotete, gehackte, gerebelte, gespleißte und pulverisierte Geschlechtsteile aller Art. Verwendet wurden in unseren Breiten bis in das 19. Jahrhundert und andernorts bis heute Penisse, Gebärmütter und Hoden von Affen, Hähnen, Delfinen, Schweinen, Rhinozerossen, Kühen, Rindern und, sehr beliebt, von Hirschen. Auf dem ersten Platz steht stolz der legendäre Tigerpenis, wobei man dies nicht sofort begreifen mag: Der Tiger ist bekannt für ein feuriges Liebesspiel von ganzen 15 Sekunden Dauer! Der Hauptmarkt für diese Leckereien ist wohl in Fernost zu finden.
Noch 1995 lieferte Kanada jährlich 50.000 Seehundkörper nach China. Dort werden die Geschlechtsteile zu weitaus höheren Preisen angeboten als der ganze Rest des Körpers. Des Weiteren gehören in die Regale eines jeden guten Apothekers: schwarze Ameisen, allerlei Insekten (unter anderem die → Spanische Fliege), Reptilien, Schlangenblut, Schakal- und Bärengalle sowieso Gallensteine jeglicher Art, Kamelhöckerfett, Emu-Eierschalenpulver und vergorene Blutegel. Es gibt wenig auf diesem Planeten, das nicht schon irgendwer irgendwo zur Potenzsteigerung genutzt hat oder noch nutzt.
Eines der beliebtesten Aphrodisiaka ist das pulverisierte Horn des Rhinozeros, was diese netten Tiere in den letzten Jahren fast aussterben ließ. Dabei ist es vergebens: Das Horn ist kein eigentliches Horn, kein Teil des Skelettes, sondern ein besonders stark verdichteter Hautteil und besteht aus Keratin, dem schwefelhaltigen Eiweißstoff, aus dem nahezu alle Nägel, Krallen, Hufe, Schuppen, Haare, Federn, Hörner und Schnäbel der Wirbeltiere aufgebaut sind. Warum sich also ausgerechnet an den Nashörnern vergreifen wegen einem kleinen Stückchen Haut? Es lohnt sich wirklich nicht, denn exakt dasselbe Aphrodisiakum, hierzulande ein Abfallprodukt der Schlachthäuser, finden wir in jedem guten Gartencenter: als Rasendünger.
Das Atom als kleinste Einheit eines chemischen Elementes ist seit seiner Entdeckung für jede sprachliche und sinnliche Verwirrung gut. In der fröhlich-naiven Wunderwelt der fünfziger Jahre stand es für alles, was unser Dasein vermeintlich zu fördern vermochte: für Überfluss, Zuverlässigkeit und Durchschlagskraft, Macht und Unangreifbarkeit – und für das höchste der Gefühle, puren definitiven Sex. Stigmatisierende Aspekte wie die Gefahren der Entsorgung und Kontaminierung lagen fern, und die verbrannte Erde von Hiroshima und Nagasaki konnte den Segen der nuklearen Kraft nicht schmälern.
Verbunden mit dem amerikanischen way of life und der Theorie, dass die weibliche Oberweite zunimmt, je konservativer die Epoche sich gestaltet, war zuvor im ausgehungerten und demoralisierten Nachkriegsdeutschland eine wahre mammary madness unter den Kriegsheimkehrern ausgebrochen, die jedes bisherige Rubensmodell magersüchtig erscheinen ließ. Und eine weitere wesentliche Erfindung förderte dieses Phänomen enorm: Am 1. Juli 1946 hatten die Vereinigten Staaten begonnen, über dem Bikini-Atoll der nördlichen Marshall-Inseln Atomversuche durchzuführen.
Nur fünf Tage später, inmitten der weltweiten Berichterstattung über das pazifische Spektakel, ließ der Pariser Modeschöpfer Louis Réard eine andere, nicht minder wirkungsvolle Bombe platzen. Er präsentierte den zweiteiligen, äußerst sparsam geschnittenen Badeanzug für die moderne Frau: den Bikini. Derart ausgestellt, wurde das nur biologisch sekundäre weibliche Geschlechtsmerkmal in Form des Atombusens zum Heilsversprechen für die durch die neuen Kommunikationstechnologien in einen medialen Rausch verfallene Männerwelt; ein ultimativer Gigantismus moderner Monstertitten, Megamöpse, Euter und Balloons brach sich Bahn. Das Atom, das kleinste Teil, stand plötzlich für die größten Dinger, und je knapper deren Hülle war, desto explosiver traten sie hervor. Selbst die klassische Bombe glacée, jene Speiseeishalbkugel mit einer kandierten Kirsche auf der Spitze, wurde zum Synonym für das neue Bild der Sexbombe, und doch war all dies manchmal nur der schöne Schein. Immer öfter wurde die Busenspalte zum Silicon Valley, und wie in jeder Naturlandschaft forderte die Erosion ihren Preis: Der Mutterboden kam ins Rutschen und glitt langsam zu Tal …
