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»Ein großartiger Erzähler.« Klaus Hübner, Tagesspiegel Am Ufer des Gehlandsees steht das Erholungszentrum Rusałka – ein Ort voller Sehnsüchte, Ängste und Mythen. Hier herrscht Albrecht Butcher, ein Mann, den alle fürchten und den doch niemand aufhält. Man sagt, er habe Menschen im Wald verschwinden lassen und dass selbst Blitze ihn nicht töten können. Aber wer ist er wirklich – ein Tyrann, ein Geschäftsmann oder nur ein Kind seiner Zeit? In fünfzehn Erzählungen führt Artur Becker durch eine Welt zwischen Masuren und Deutschland, Vergangenheit und Gegenwart, Heimat und Exil. Er erzählt von Näherinnen, die Urlaub machen und von einem besseren Leben träumen, von einem Sohn, der in Zeiten des Umbruchs zu seiner sterbenden Mutter reist, von verlorenen Liebenden, gestrandeten Existenzen und einem Sozialismus, der sich selbst nicht mehr tragen kann. Mit Blick für das Tragische und das Absurde erzählt Becker von Schuld und Verdrängung, von Aufbruch und Verlust – und fragt, wo wir wirklich zu Hause sind. "Es ist eine der großen Leistungen Beckers, seinen Stoff jederzeit attraktiv zu halten, Spannungsbögen aufzubauen, Szenen zu schließen und trotzdem stets anschlussfähig zu gestalten." Christoph Schröder, ZEIT ONLINE
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Veröffentlichungsjahr: 2025
ARTUR BECKER
Erzählungen
Für meine Eltern
»A writer should never abandon his mother tongue and its treasure of idioms. Literature must deal with the past instead of planning the future. It must describe events, not analyze ideas; its topic is the individual, not the masses. It must be an art, not pretend to be a science.«
»Ein Schriftsteller sollte niemals die Sprache seiner Vorfahren aufgeben und auf ihre Schätze verzichten. Die Literatur muss sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen und nicht die Zukunft entwerfen. Sie muss Ereignisse beschreiben und nicht irgendwelche Ideen analysieren; ihr Gegenstand ist das Individuum, nicht das Kollektiv. Sie muss eine Kunst sein und darf nicht so tun, als sei sie eine Wissenschaft.«
The Image and Other Stories
Isaac Bashevis Singer, New York 1985
I
BUTCHER UND DANIEL
1.
Was die Welt glaubt
Alle Welt glaubt, das Erholungszentrum Rusałka am Gehlandsee sei der gefährlichste Ort auf Erden. Wer in diese Gegend gerate, werde sofort versklavt und um den Verstand gebracht, und zwar von einem einzigen Mann. Der lebe auf einer Insel des Sees und fürchte sich vor niemandem, nicht einmal vor den Generälen aus Moskau und ihren Panzern und Atombomben. Dieser verwegene Insulaner habe sogar einmal, weil er einen Batzen Geld beim Poker verloren habe, die Skulptur der Gottesmutter, der Gebenedeiten, die in dem heiligen Bildstock im Wald wohnt und immerzu weint, angespuckt. Aber nichts sei ihm nach dieser lästerlichen Beleidigung passiert, weder am See noch auf der Straße, die gerechte katholische Strafe sei einfach ausgeblieben, obwohl er die Heilige Maria zu allem Überfluss auch noch als Gotteshure beschimpft habe. Auch einen General aus Warschau habe er einmal angespuckt, weil der für seinen Ferienaufenthalt in einem der Bungalows auf der Insel nichts habe zahlen wollen. Der knauserige Idiot und Kommunist im Dienste der Sowjets sei von Butcher angespuckt und krankenhausreif geprügelt worden, und ein Hubschrauber habe auf der Insel landen müssen, um den General zu retten.
Über das Erholungszentrum Rusałka erzählt man sich auch noch ganz andere unglaubliche Dinge. Alle sagen, Rusałka folge seinen eigenen Gesetzen. Als besäße es seine eigene Sonne, seinen eigenen Mond und seinen eigenen Himmel: in dieser ermländisch-masurischen Moränenlandschaft der Dreitausend Seen und Wälder, der Augustäpfel und Barsche.
Daniel Wyremba, der dreiunddreißigjährige Leiter des Erholungszentrums, fragte sich allerdings schon lange nicht mehr, ob es stimmte, was die Leute über Rusałka, den Gehlandsee, seine Touristen und den Inselbesitzer sagten, ob in Ermland und Masuren oder gar im Ausland; Besuch aus Schweden, England oder Deutschland war hier nicht selten. Doch hatte auch Daniel manchmal Angst, den nächsten Morgen nicht mehr zu erleben. Jeden Tag nahm er sich in Acht und versuchte, dem unberechenbaren Inselbesitzer aus dem Weg zu gehen, obwohl das am Gehlandsee kaum möglich war. Man kannte sich ja nicht erst seit gestern: Man kannte den Förster, den Milizionär und die Leiter der verschiedenen anderen Erholungszentren; man kannte auch die Deutschen, die Ukrainer und die Polen, die im benachbarten Wutry in einem staatlichen landwirtschaftlichen Betrieb schufteten und die Jahrespläne der sozialistischen Regierung gewissenhaft zu erfüllen versuchten, indem sie Schweine mit Schuhcreme beschmierten, um sie dem Ersten Parteisekretär Gierek, dem hohen Besuch aus Warschau, gesünder, mächtiger und irgendwie »sozialistischer« präsentieren zu können.
Neben dem Rusałka gab es drei weitere Erholungszentren an den Ufern des Gehlandsees und im Wald – die Warschauer, die Danziger und die Allensteiner Zentren – und eben die private Gehlandinsel, auf die vor allem die Parteisekretäre, die Fabrikdirektoren und die Generäle scharf waren. Dort wohnte er, Daniels Feind: Der Inselbesitzer Albrecht Butcher, auch er dreiunddreißig Jahre alt. Vor ihm fürchteten sie sich alle: die Touristen, die Leiter der anderen Erholungsbetriebe, selbst die Regierung in Warschau hatte Angst. Albrecht habe, hieß es, schon mehr als zehn Pilzsammler, Fischer und Einheimische im Wald eigenhändig erwürgt, aber da er mit den höchsten Tieren im Staat Geschäfte mache, sei er praktisch unverwundbar. Und außerdem so gut wie unsterblich, Daniel war einmal bei einer Wildschweinjagd unverhofft selbst Zeuge eines Wunders geworden. Albrecht Butcher war von der Patrone eines betrunkenen Jägers getroffen worden, ein Bauchschuss. Normalerweise hätte er im Schnee verbluten müssen, er aber stand auf, zog die großkalibrige Patrone unter seinem Pelzmantel hervor und schrie: »Ich werde diese dumme Sau, die da auf mich geschossen hat, töten!«
Das Erholungszentrum der Textilfabrik aus Bartokamień war jeweils von Juni bis Ende September geöffnet. An jedem 1. Juli fuhr Albrecht Butcher nach Deutschland, um D-Mark zu verdienen und dunkle Geschäfte zu machen. Jahr für Jahr wiederholte sich dieses Ritual – und immer brachte Albrecht großzügige Geschenke mit: für Auserwählte und ehemalige Opfer.
War also Butcher in Westdeutschland auf seinem Raubzug und zu Besuch bei seinen Verwandten, verwandelte sich Rusałka, das über dreizehn kleine und drei große Bungalows, einen Speisesaal mit Großküche und ein Lager für Benzin, Bettwäsche, Badmintonschläger, Außenborder, Nägel und Werkzeug verfügte, in einen Vergnügungspark (die kleinen Hütten waren für die Näherinnen und ihre Familien reserviert, sie kampierten in einem Raum, die luxuriösen Bungalows dagegen hatten drei Zimmer – viel Platz für Direktoren, Schauspieler oder andere bunte Vögel, die auf Geld schliefen). Es fehlte nur das Riesenrad, das Wonder Wheel, das Daniel aus dem Kino Muza in seiner Heimatstadt kannte. Aber im Juli drehte sich Rusałka selbst wie ein Karussell, die Frauen drehten sich und der Wodka und die Ebereschen und Barsche im Gehlandsee; die Urlauber waren glücklich, allen voran die Näherinnen aus der Textilfabrik. Im Juli waren die Gerüche die Könige der Natur, im Wald, auf den Wiesen und an den Seeufern roch es nach Kuhfladen und -pisse, nach Wildrosen, Astern und Mohnblumen, es roch nach Benzin für die Außenborder und am Touristenkiosk nach Wodka und Bier, und das ganze Erholungszentrum roch nach Liebesschweiß und zerquetschten Heidelbeeren aus dem Wald. So zeugte Rusałka Sommer für Sommer Kinder, und Daniel fragte sich, wie viele dieser Babys in Wahrheit auf Albrecht Butchers Kappe gehen mochten, zumal der Inselbesitzer gern stolz behauptete, er zeuge mit den Näherinnen im Erholungszentrum eine neue Generation von Menschen, da es den Kommunisten ja bisher nicht gelungen sei, den Neuen Menschen in Polen zu erschaffen.
Dann aber folgte der böse August. Anfang des Monats kehrte Albrecht Butcher aus Westdeutschland zurück, mit prall gefülltem Portemonnaie, gierig, durstig, hungrig und voller Wut, um jedem Lebewesen, und sei es bloß ein Hündchen am Wegesrand, Angst einzujagen. Und Butcher hatte ermländische, ostpreußische und sozialistische Fäuste, die danach lechzten, Schädel zu zertrümmern und Knochen zu brechen.
Nach seiner Rückkehr griff sich Butcher im Erholungszentrum die schönste Näherin, entführte sie nachts oder am frühen Morgen aus ihrem Bungalow, kaufte bei Pewex zwei Kisten Wodka und brachte die Näherin in sein Goralenhaus, das wie eine schief und halbfertig gebaute Pyramide aussah und am Waldrand lag, allerdings gut versteckt, fast unsichtbar, hinter einer Mauer aus Kiefern und Lärchen, da das riesige Holzhaus mit sieben Zimmern in einer Senke zwischen zwei Hügeln stand. Das perfekte Versteck war etwa drei Kilometer vom Erholungszentrum Rusałka entfernt und befand sich im Südwesten des Waldes, an seinem äußersten Rand, wo es eine günstige Anbindung an die B16, die Schnellstraße nach Olsztyn, gab.
Und wenn das entführte Mädchen Butcher langweilte, fuhr er mit dem Motorrad zurück an den See und prügelte sich auf dem Campingplatz mit Fremden oder zündete einen Urlauberbungalow an und jagte dessen Bewohner in den Wald, um ihnen Todesangst zu machen. Allerdings ließ er den Bungalow nach dem Brand auch immer wieder aufbauen. So war Albrecht Butcher.
Nach etwa zwei Wochen derlei Terrors kehrte er auf die Insel zu seiner Frau Helena zurück, empfing wohlhabende Sommergäste aus dem Ausland, meist aus Westdeutschland, und renovierte Bungalows oder Boote. Eines musste man ihm lassen: Butcher war, wenn er keinen Wodka trank und nicht den Mädchen nachstellte, enorm fleißig. Er hatte nicht nur böse, sondern auch fleißige Hände, und oft zahlte er seinen Opfern sogar eine Entschädigung oder half ihnen anderweitig, mochte es auch nur um das Streichen eines alten Holzbootes gehen oder um Turnschuhe aus dem Westen für den Sohn einer Näherin (dessen Vater vielleicht sogar er selber war).
2.
Rusałkas Gesänge und Albrecht Butchers Rückkehr
Es war Anfang August, und Daniel hatte die ganze Nacht geangelt, neue Legeschnüre mit Aalhaken ausgelegt und alte mit einem üppigen Fang eingeholt.
Als er am frühen Morgen, es war der 6. August 1980, sein Motorboot im Jachthafen von Rusałka wieder an die Kette legte, spürte er, dass der August hier im Norden Masurens bereits die ersten Vorbereitungen für den langen Herbst traf. Der See hatte sein dunkles Meeresblau der prallen Julisonne verloren, aber vielleicht war er ja auch nur deshalb grün geworden, weil Albrecht wieder da war. Die Algen blühten und nahmen den Kleinfischen den Atem. Es war auch in der Luft zu spüren: Butcher war zurück. Selbst die Ebereschen am Feldweg spürten es, auch sie hatten ihre frische Sommerfarbe verloren und ihre roten Beeren schmeckten den Spechten nicht mehr.
Manchmal, wenn Daniel ein paar Bier am Touristenkiosk getrunken hatte, glaubte er, sein Erholungszentrum singen zu hören; manchmal war es ein Liebeslied, weil die Näherinnen am Lagerfeuer tranken und sangen, manchmal ein böses, ein teuflisches Lied aus dem Wald, wo Butchers Goralenhaus stand, in das der Inselbesitzer seine Freunde, Jäger, Angler und Parteifunktionäre einlud, um mit ihnen zu saufen und Wildschweine zu schießen. Angeblich war das Goralenhaus dann auch voller Nutten aus Olsztyn, die sich auf den üppig gedeckten und schweinefett- und wodkatriefenden Tischen räkelten wie wilder Efeu.
Auch andere hörten die Lieder Rusałkas und des Waldes, wenn sie vom Angeln oder von der Arbeit auf den Feldern zurückgingen. Bruno Sziwy hörte sie und seine Mutter Hilda, die im Erholungszentrum die Toiletten putzte: »RUSAŁKA, RUSAŁKA, RUSAŁKA! Wir brauchen Liebe, Liebe, Liebe!«
Von Zeit zu Zeit nahm Daniel den jungen Bruno mit zum Angeln. Der Deutsche räucherte und verkaufte die Aale, und so sah er auch einmal etwas anderes als immer nur seine Mutter und die Schweine und Kühe ihres Gehöfts oder die Bikinimädchen auf dem Campingplatz, die ihn ohnehin für einen Dorftrottel hielten. In der Tat war Bruno Sziwy nicht besonders intelligent und konnte nie auch nur eine Frage beantworten. Immer zog er bloß die Augenbrauen zusammen und wiederholte die Frage: »Wie ich heiße? Wo ich wohne? Wie alt ich bin? Kurwa, was ist das überhaupt für eine Frage?!«
An diesem silbern aufwachenden Morgen, der die Wiesen in ihrer Kälte und Feuchte glitzern ließ, brachte Daniel einen prächtigen Fang ins Rusałka. Im Rucksack zwölf Aale von den Legeschnüren und drei Hechte, die er mit dem Blinker und der Spinnrute gefangen hatte. Er würde die Hechte, worauf er sich freute, dem eitlen Czybulski aus Łódź zeigen, der in dem luxuriösen Zwei-Zimmer-Bungalow auf dem Hügel wohnte. Hier, wo der Wald begann, residierten eigentlich nur Parteibonzen und ihre Kinder, und Daniel dachte, obwohl er das dem eitlen Schauspieler mit der schwarzen Sonnenbrille eigentlich nicht wünschte: Pass du mal auf, wenn Butcher wirklich heute zurückgekommen ist, wird er sich deine Frau schnappen und sie ganze zwei Wochen lang in seinem Goralenhaus mit teuren Geschenken verwöhnen. Dann wirst du, Czybulski, den Gesang des Waldes und der Keiler kennenlernen und mich und meinen Schwager, den Fabrikdirektor, und die Miliz anflehen, dir zu helfen, aber wir werden dir nicht helfen! Dann wirst du zum Haus von Butcher laufen und dich dort wie ein erbärmlicher Straßenköter im Gras hin und her wälzen, und betrunkene Touristen werden dich anspucken und auslachen!
Vom Jachthafen und Badestrand aus brauchte man zu Fuß lediglich eine Viertelstunde, und schon betrat man das Gelände des Erholungszentrums. Schmunzelnd ging Daniel am Campingplatz vorbei, wo sich Hippies und Punker die riesigen verdorrten Wiesenflächen für ihre Zelte und Wohnwagen mit reichen Schlesiern und Warschauern teilten, die sogar tragbare Fernseher auf den Motorhauben ihrer Audis und BMWs aufstellten, um die bekifften und betrunkenen jungen Leute zu ärgern: IHR WERDET NIE REICH WERDEN, WEIL IHR DER LETZTE DRECK SEID!, schrien die Audis und BMWs mit den Warschauer Kennzeichen.
In diesem Jahr waren alle Freunde und Verwandten von Daniel zwei Wochen lang da, denn sobald die Näherinnen versorgt waren, durfte er auch fremden Gästen einen freien Bungalow anbieten: den dicken Schweden in Latzhosen, die mit ihren Wohnwagen nach Masuren kamen und Kindern Werbeaufkleber von Dunlop, Adidas oder Wrangler verkauften; den Eltern des Schauspielers aus Łódź und sogar den Deutschen aus der DDR, obgleich denen die Fersen brannten, die Füße juckten und die Haare nach dem dritten Wodka zu Berge standen, schossen doch die Fleischpreise in Polen ständig in die Höhe, was zur Folge hatte, dass Danzig und Stettin den Stahl in den Werften zum Glühen und Schmelzen brachten – vor Wut auf die Partei. Walentynowicz und Wałęsa durften nicht mehr arbeiten, im Juli hatten schon die ersten Arbeiter in Świdnik gestreikt, und Daniels Gäste aus der DDR gingen vorsichtig ins Wasser, wuschen sich vorsichtig und freudlos die Haare im Gehlandsee, denn sie hatten Angst vor einem Krieg, den die Polen mit ihren Streiks hervorrufen könnten. Die »Dederuskis«, wie man sie hier zu nennen pflegte, sagten, es sei alles eine Katastrophe biblischen Ausmaßes, ein Arbeiter dürfe im Sozialismus schließlich nicht streiken!
Daniel näherte sich mit seinem schwer beladenen, nach Fisch stinkenden Rucksack dem ersten Bungalow, in dem seine Schwiegermutter Dominika wohnte. Sie kniete vor der Terrasse und wartete auf Nachschub: auf die Kronkorken, die ihr die Biersäufer brachten. Zwischen den Findlingen, auf denen die Trinker saßen und mit Lichtgeschwindigkeit die Flaschen leerten, fand man immer welche, auch alte Kippen und sogar Kondome.
Der Bungalow der Schwiegermutter hieß YETI. Jede Hütte im Rusałka trug einen Namen. Daniel blieb stehen, um zu verschnaufen.
»Mama, was tust du da eigentlich? Warum kriechst du auf der Erde herum wie ein Wurm?«
Noch bevor sie ihm antworten konnte, sah er das Gesicht, das Dominika vor dem Terrasseneingang ihres YETIS aus den Kronkorken zusammengesetzt hatte – einer Fußmatte ähnlich. Es war das Gesicht von Jesus Christus, ihrem Heiland und Erlöser, den Dominika in jedem Gespräch mindestens einmal erwähnte und an den sie sich morgens, mittags und abends mit inbrünstigen Gebeten und Bitten um Erleuchtung und Frieden im Erholungszentrum und auf der ganzen Welt wandte. Dass er am Ende aller Tage auf Erden leibhaftig erscheinen sollte, mochte sie trotzdem nicht so recht glauben, da sie sich mit der Geisterwelt und dem Jenseits ganz gut auskannte, zumindest besser als der Priester Kołakowski aus Bartokamień, der ihr jeden Sonntag die Beichte abnahm. Jedenfalls besaß Dominika ein ungewöhnliches Talent, das allerdings im Sozialismus als verdächtig galt: Sie hatte prophetische Visionen und ließ sich gern – im Übrigen nicht umsonst – für die Beantwortung von Zukunftsfragen einspannen; ein netter Nebenverdienst, der Dominika allerdings viel Kraft kostete. Die Fragen wiederholten sich außerdem: »Wird meine Tochter wieder gesund? Wird es den Dritten Weltkrieg geben? Werden die Russen in Polen einmarschieren? Wie lange werde ich leben? Und wie lange wird der Kommunismus noch dauern?« Als eine alte und erfahrene Näherin liebte sie es, wenn man ihr Komplimente machte, auch wenn kein Mann sie mehr begehrte, nachdem ihr Ehegatte schon vor vielen Jahren geflohen und auf Nimmerwiedersehen verschwunden war.
»Das ist ja Jesus Christus!«, rief Daniel völlig entgeistert aus, der immer noch keine Antwort bekommen hatte. »Und warum bist du schon auf den Beinen? Warum schläfst du nicht endlich aus? Du hast Urlaub!«
»Warum, warum?«, ärgerte sich Dominika. »Du redest schon wie der geisteskranke deutsche Bruno! Hast du es noch nicht gehört? Albrecht Butcher ist wieder zurück. Meinen Bungalow wird er nicht betreten. Jesus Christus wird mich vor diesem Teufel aus dem Wald beschützen. Mich und meine Tochter, die du ihm verkauft hast.«
»Ich habe ihm nichts verkauft, er hat sie sich einfach genommen!«
»Du bist kein Mann! Warum tötest du ihn nicht? Immer wenn ich Butcher sehe, habe ich dieses Bild vor Augen: Es ist eisig kalt, der Gehlandsee ist zugefroren, ein junger Mann schreit: ›Ich ertrinke!‹, und er schreit wie Butcher …«
»Butcher ist unsterblich, Mama. Ich gehe jetzt schlafen. Die Freude über meinen gewaltigen Fang wird mir bestimmt einen ruhigen Schlaf bescheren. Der Leiter von Rusałka braucht schließlich auch einmal Erholung. Hoffentlich ertrinkt heute niemand im See …«
Daniel nahm ihre Prophezeiungen eigentlich nie ernst, und diejenigen, die sich erfüllt hatten, rechnete er dem Zufall zu. Sie prophezeite auch, dass der Ostblock bald zusammenbrechen würde. In einem Traum habe sie drei Neunen gesehen, und eine Stimme habe gesagt, wenn die erste Neun komme, sei das Schicksal des Sowjetreiches besiegelt. Daniel und auch die Fabrikdirektoren erwiderten, der Sozialismus sei so gut wie unsterblich, er werde noch hundert Jahre dauern, niemand von den heute Lebenden und nicht einmal deren Kinder würden das Ende des Sowjetreiches erleben, und lachten Dominika aus.
»Irgendwann werden sie dich schnappen und ins Gefängnis stecken, du Wilderer«, sagte sie endlich.
»Butcher wird mich freikaufen. Und außerdem werden sie Kobra schnappen, nicht mich. Kobra ist Profiwilderer.«
»Und Butcher ist ein Mörder. Er handelt mit Seelen und auf dem Schwarzmarkt mit Devisen. Ein Wunder, dass er seine Insel noch nicht verkauft hat. Er schläft doch so gern im Wald, bei seinen Keilern und seinen Nutten. Die arme Pani Helenka! Warum musste sie nur diesen Teufel heiraten? Ihr Mann ist heute aus Westdeutschland zurückgekommen, ich weiß es, der Wald hat es mir gesagt, er hat mich heute Nacht geweckt. Das ist ein böser Ort, der Wald. Im See wohnen Ertrunkene, und im Wald singen die Keiler und Jäger ihre sündigen Lieder … Du solltest übrigens mal zum Bildstock mit der Gebenedeiten laufen und nachschauen, ob nicht schon wieder jemand von Butcher verprügelt worden ist. Die Träume haben es mir gesagt, und der Wald singt auch schon wieder sein böses Lied …«
»Ich höre weder den See noch den Wald singen und schon gar nicht unser Erholungszentrum! Ich gehe schlafen, und du kannst gleich die Hechte schuppen und die Aale ausnehmen. Ich muss mich jetzt hinlegen.«
Er träumte vom warmen Körper Agnieszkas, die der Inselbesitzer vor sieben Jahren in seinem Goralenhaus eingesperrt und mit der er sich nächtelang vergnügt hatte. Agnieszka behauptete stur und steif, dass ihr Kind, der fünfjährige Tomuś, »gestohlene Augen« habe, was so viel bedeutete, dass Daniel nicht sein Vater sei. Er musste dann seine Agnieszka, die nicht kochen konnte und wegen der »gestohlenen Augen« ihres Sohnes oft weinte, jedes Mal sanft auf die Erde zurückholen, auf den Boden der Tatsachen. Der kleine Tomuś habe doch die gleiche Blutgruppe wie er, und der Vaterschaftstest habe es doch auch bewiesen, dass Tomuś sein Sohn sei, und damit basta! Aber Agnieszka entgegnete ihm nur: »Und Butcher, welche Blutgruppe hat Butcher?«
»Ich weiß es nicht. Ich habe nur gesehen, als er einmal angeschossen wurde, dass Butcher nicht geblutet hat. In seinen Adern fließt kein menschliches Blut, in seinen Adern fließt vielleicht das Wasser aus dem Gehlandsee, Agnieszka …«
3.
Der Student Daniel
Der Bungalow des Leiters von Rusałka hieß STUDENT. Er stand im Schatten von Kiefern und Lärchen und war mit seinem angebauten Lager, in dem sich die Näherinnen und ihre Ehemänner oft wie in einem Supermarkt bedienten, dem winzigen Büroraum und Schlafzimmer das Zentrum der Macht, die Daniel im Rusałka ausübte. Er tat es natürlich im Sinne des Arbeiterstaates, der Fabrikdirektoren und der Näherinnen, die dringend Erholung von ihren ohrenbetäubenden Nähmaschinen brauchten; vor allem ihre wendigen und fleißigen Finger waren die leidtragenden Opfer, weil sie von den Nähnadeln so viele Male gestochen wurden, dass nicht einmal mehr die jungen Näherinnen stolz auf schöne Hände sein konnten.
In diesem Zentrum der Macht gab es auch ein riesiges, rot gestrichenes, an zwei Balken angebrachtes Holzbrett der Feuerwehr, an dem Feuerlöscher hingen, in deren rot lackierten Bäuchen der weiße Schaum auf seinen baldigen Einsatz hoffte. An dem Brett hingen auch Harken, Spaten und Äxte und – für alle gut sichtbar – ein Zettel mit Verhaltensregeln im Brandfall. Und die Welt brannte wirklich: Der Sozialismus brannte, der Bildstock im Wald brannte, Jesus Christus brannte, der Wodka brannte, der See brannte, Daniels Frau brannte und auch der Inselbesitzer Butcher – ein lodernder Haudegen und Schurke in diesem Weltenbrand. Und die Kinder der Näherinnen spielten jeden Tag immer wieder ihr Spiel: Sie gingen alle unter die Feuerwehrleute und wollten den großen Brand von Rusałka löschen.
Doch das sexgierige, wodkatrunkene und sonnenhungrige Feuer ihrer Eltern, das jeden Samstag aufs Neue von Daniel entfacht wurde, wenn er auf der Terrasse seines Bungalows eine riesige Lautsprecherbox aufstellte und Discomusik vom Band abspielte, konnten sie nicht löschen. Die Kinder standen nur verwundert vor diesem Feuer und lernten, dass ihre Mütter und Väter genauso verspielt waren wie sie selbst.
Die Kinder spielten aber auch gerne Schach, denn der sozialistische Staat legte großen Wert auf die mathematische Bildung seiner Sprösslinge. Alle sollten großartige Schachspieler, Mathematiker und Ingenieure werden wie in der Sowjetunion. Die Schachfiguren, aus Holz zusammengenagelt und schwarz oder weiß angestrichen, waren aber so groß wie die fünf- und sechsjährigen Spieler selbst und standen auf einer riesigen betonierten Spielfläche, auf der man an jedem Samstag tanzen konnte zu der Musik aus dem draußen positionierten großen Lautsprecher, der das ganze Erholungszentrum in ein Amphitheater verwandelte.
Daniel war stolz auf seine Arbeit, zumal in seinen Adern auch ostpreußisches Blut floss, das als gesund und Blut von Ordnungsliebenden galt. Jedenfalls wurde er nur selten als Nazi beschimpft, nur manchmal zeigte ihm ein Betrunkener den Hitlergruß, wenn er mit seinen Verwandten aus der DDR oder Gästen aus Westdeutschland zum Touristenkiosk ging, um alkoholischen Nachschub zu holen. Im Übrigen hatte Butcher bestimmt eine andere Blutgruppe, die Null- oder Sechs-Sechs-Sechs-Gruppe wahrscheinlich … Wenn er denn überhaupt ein Mensch war.
Daniel war auch darauf stolz, dass sein Bungalow STUDENT hieß. Denn in gewisser Hinsicht war er immer noch ein Student. Er hatte sein Polonistik-Studium in Danzig nicht abschließen können: Ein einziger Text über die Machenschaften der Partei, den er im Eifer seiner Jugend und mit Wut auf die Kommunisten geschrieben und im Untergrund publiziert hatte, hatte seine studentische Karriere beendet. 1968 schnappten sich eifrige Parteifunktionäre und Offiziere des Staatssicherheitsapparates einen Besen und versuchten, möglichst viele polnische Juden zur Ausreise zu zwingen, was den Apparatschiks auch in den meisten Fällen gelang: Ihre Opfer flohen nach Schweden, Westberlin, Israel oder in die USA, um nie wieder in ihre Heimat Polen zurückzukehren. Und über diesen Hass und die Verjagung der »Zionisten«, wie sie im Parteijargon genannt wurden, hatte Daniel in seinem Text geschrieben. Der eigentliche Anlass für den kurzen Artikel war, dass ein Freund von ihm, ein Kommilitone an der Danziger Universität, plötzlich – von einem Tag auf den anderen – verschwunden war, ohne irgendeine Nachricht zu hinterlassen. Und damit der von der Universität geschmissene aufsässige Daniel eine Lehre fürs Leben erhielt, griffen die Arme der heldenhaften Volksarmee nach ihm, in der er dann den Wehrdienst für das sozialistische Vaterland leisten musste. Er landete in einer Einheit bei Breslau und schrubbte wochenlang mit der Zahnbürste den Fußboden in den Fluren des Kasernengebäudes, in dem er und seine Kameraden schliefen und ihre Grundbedürfnisse erledigten. Nach seiner unehrenhaften Entlassung aus der Armee fuhr Daniel für ein paar Tage an den Gehlandsee, den er von seinen sommerlichen Schulferien kannte. Dort wollte er sich von den Strapazen des Soldatenlebens erholen, ein bisschen angeln, am Abend auf dem Campingplatz zusammen mit anderen jungen Trampern aus ganz Polen Bier trinken, am Lagerfeuer sitzen und dessen Flammen anstarren. Aber bereits am ersten Tag seines Kurzurlaubs lernte er im Rusałka Agnieszka kennen, und sie verliebten sich ineinander. Und Agnieszkas Bruder Mateusz, der in der polnischen Wirkwarenindustrie ein allseits bekannter Fabrikdirektor war, erbarmte sich des Studenten und unehrenhaft entlassenen Soldaten und besorgte ihm den Job als Erholungs- und Kulturleiter der Textilfabrik.
Und Agnieszka – ihre Lippen, ihre Brüste, ihr zartes Kinn und ihre dunkelgrünen Augen von der Farbe des Gehlandsees, in dem sie als kleines Mädchen einmal beinah ertrunken wäre – entschädigte ihn für all das, was ihm die Partei in Danzig angetan und gestohlen hatte, auch beim Lauf auf dem sogenannten Trimm-dich-Pfad auf dem Milizrevier, bei dem »die antisozialistischen Subjekte« mit Gummistöcken verprügelt worden waren. Doch das ganze Leid war jetzt vorbei, er hatte Agnieszka und den dunkelgrünen Gehlandsee und das Lager, in dem die Benzinkanister für die Motorboote lagerten, und die Bettwäsche und die Handtücher und die Ersatzteile für die Segelboote. Er war reich! Und wenn er wollte, könnte er das ganze Erholungszentrum in die Luft jagen, das eingelagerte Benzin würde vollkommen ausreichen, aber er hatte Agnieszka und er ließ sich von Butcher nicht verführen, der ihm oft sagte: »Es reicht ein einziges Streichholz, Daniel, und schon fliegt der ganze sozialistische Mist in die Luft! Komm, sei ehrlich. Du würdest es gern tun. Niemand wird dich verdächtigen, und ich stelle dich auf meiner Insel ein. Ich könnte dich für meine sieben Bungalows gut gebrauchen! Du würdest Millionen verdienen wie ich! Du bist ein guter Junge, aber du hast keinen Männerarsch in der Hose, du bist ein Angsthase. Und Angst ist unser größter Feind. Sieh doch, ich habe vor niemandem Angst! Weder vor der Miliz noch vor diesen Teufeln und Arschlöchern in den schwarzen Soutanen, die dem eingeschüchterten Volk Sonntag für Sonntag die Beichte abnehmen. Ich könnte sie alle töten. Alle! Ohne Ausnahme! Was meinst du, was sie euren Kindern antun, diese Arschlöcher … Ich bin anständig, das musst du wissen!«
—
Daniel zog sich aus und kroch zu seiner Frau und seinem Sohn ins Bett, zu ihren warmen Körpern, die noch schliefen und von der Sonne am Seeufer und einer Motorbootsfahrt träumten. Daniel war aber noch auf etwas anderes stolz, daran musste er jetzt denken: dass die Chefs der benachbarten Erholungszentren zu ihm kamen, um sich eine Bohrmaschine auszuleihen oder einen Karton Holznägel zu borgen; sie konnten sich bei ihm bedienen wie in einem Kaufhaus im Westen. Daniel wusste, dass er das Geliehene nie zurückbekommen würde, denn sie alle dachten: Die Erde gehört dem Menschen, die Keiler und der See gehören dem Menschen, und man muss sich alle Lebewesen und Dinge gefügig machen. Das war die sowjetische Philosophie. Vielleicht hatte Butcher recht, vielleicht musste man die ganze Menschheit versklaven und die Menschen regieren wie Sklaven und von Zeit zu Zeit unter den Kronen der Kiefern und Lärchen einen Discoabend veranstalten, damit sie sich vermehren; sie Wodka trinken lassen und ihnen den Eindruck vermitteln, sie seien frei. Frei in ihrem Rusałka.
Aber diesen Gedanken verwarf Daniel schnell. Er betrachtete die geschlossenen Augen seines Sohnes und hing, kurz bevor auch er einschlief, noch einem anderen Gedanken nach. Er hasste den Inselbesitzer. Er verstand ihn nicht. Butcher war weder Mörder noch Diktator, die Geschichte seines Landes und Europas war ihm egal, er war auch kein Soziopath. Daniel war so einem Wesen wie Butcher noch nie begegnet. Wer war bloß dieser Mann und warum schlief er am liebsten nur im Wald?
4.
Brunos Kreuzigung
Dann weckte der Gesang des Waldes Daniel – oder besser: das Geschrei von Bruno. Und die aufgeregte Stimme seiner Frau, die rief, das ganze Erholungszentrum sei auf den Beinen und alle würden in den Wald rennen, zu dem Bildstock mit der Heiligen Mutter Gottes, es müsse etwas Schreckliches passiert sein.
Daniel liebte die Stimme von Agnieszka, vor allem im Winter tat sie ihm gut, weil in dieser Stimme die Sonne von Rusałka wohnte, als hätte sie aus ihrem Feuer eine brauchbare Flamme gestohlen. Daniel sprang aus dem Bett, rannte in Unterhose und T-Shirt nach draußen, wusch sich am Trinkbrunnen das Gesicht und dachte: Was hat der Hurensohn Butcher wieder angestellt? Und warum schreit der gute Bruno, als würde man ihm die Haut vom Leibe ziehen?
Daniel dachte in diesem Moment an die Beschwörungen von Agnieszkas Bruder, der ihn schon seit Tagen bekniete, den Inselbesitzer bei einer nächtlichen Angeltour zu den im See schwimmenden Legeschnüren endlich zu ertränken. Warum wollte Mateusz, der Fabrikdirektor, dass er Butcher heimtückisch im Gehlandsee ertränkte? Hatte Mateusz Schulden bei ihm? Oder wollte sich die Partei endlich seine Insel unter den Nagel reißen?
Eilig zog er sich an und blieb dann vor dem Feuerwehrbrett stehen: Was nehme ich mit? Einen Spaten oder gar eine Axt? Er entschied sich für die Axt mit dem roten Griff. Diese gefährlichste Waffe der Feuerwehr lud ihn dazu ein, dem Inselbesitzer eines Tages den Schädel zu spalten, und Daniels rechte Hand konnte dieser Einladung nicht widerstehen.
»Agnieszka! Du musst im Büro Wache halten. Sollte ich in einer Stunde nicht zurück sein, wirst du zu Kisielewski laufen und ihn bitten, die Miliz anzurufen.«
»Und wenn er wieder betrunken an seinem Schreibtisch schläft, werde ich die Miliz anrufen.«
»Du musst ihn wecken! Das Telefon gehorcht doch nur ihm!«
»Und was ist mit unserem Milizionär Zbyszek?«
»Der hat heute frei und repariert sein Motorboot. Außerdem ist sein Funktelefon meist unbrauchbar. Seine Ausrede kennst du ja: Er kriegt bald ein neues Gerät – das dauert allerdings schon seit mindestens drei Wochen so. Lachhaft das Ganze!«
Das benachbarte Erholungszentrum, das die Danziger Baufirma Budmost für ihre Arbeiter betrieb, war weit und breit der einzige Ort, der telefonisch erreichbar war. Auf Butchers Insel gab es zwar auch ein Telefon, doch niemand durfte ohne seine Erlaubnis das Privatgelände betreten – nicht einmal der Milizionär Zbyszek, der jeden Sommer seinen Dienst am Gehlandsee antrat und in der blau gestrichenen Holzbaracke am Jachthafen von Rusałka hauste und seinen Milizgeschäften nachging, wobei die blaue Baracke häufig von jungen Mädchen frequentiert wurde, vor allem nachts. Jedenfalls tolerierte Butcher nur die Angler, die auf seiner ihn mit dem Festland verbindenden Holzbrücke von morgens bis abends ihre Ruten auswarfen, laufend Blinker an die Strommasten und -leitungen und den See verloren und den Kleinfischbestand dezimierten, vor allem die jungen Barsche. Butchers Brücke sang fast ununterbrochen ihr Brückenlied, da, sobald sie betreten oder befahren wurde, die auf zwei Eisenbahnschienen festgemachten Bretter klangen wie ein Xylophon.
Im Büro des dicken Kisielewski, der das Budmost leitete, stand ein moderner Telefonapparat, den er wie einen Schatz hütete. Es war ihm egal, mit wem sich seine sechzehnjährige Tochter einließ, nur das Telefon durfte außer ihm niemand anfassen. Schließlich verfügte Kisielewski, weil er dieses verdammte Ding besaß, über ungeheure Macht, und wenn er schlecht gelaunt war, behauptete er einfach, das Telefon sei kaputt oder die Leitung funktioniere gerade nicht – mochte jemand einen Herzinfarkt erlitten haben oder im See ertrunken sein. »Menschen sterben nun mal, was hat unser Telefon damit zu tun?«
—
Daniel lief mit der Axt in der rechten und seinem Anglermesser in der linken Hand den Waldhügel hinauf. Er begrüßte nicht einmal den Schauspieler Czybulski, der mit seiner schwarzen Sonnenbrille aus den Sechzigern, von der er sich übrigens so gut wie nie trennte, im Liegestuhl lag und so tat, als würde er sich in ein neues, äußerst spannendes Drehbuch vertiefen, während seine Frau den ganzen Tag im Erholungszentrum halbnackt auf und ab paradierte und ihre Reize präsentierte, die in der Tat beachtlich waren.
Daniel kam nun endlich zu dem sandigen Weg, der nach Wutry führte, wo der Bildstock stand. Er lief, so schnell er konnte, das Geschrei wurde immer lauter. Daniel atmete die vom Geruch wilder Brombeeren und königlicher Farne geschwängerte Luft hastig ein und wieder aus, das tat seiner Zigarettenlunge gut! Er fühlte sich lebendig wie ein Aal, und es schoss ihm durch den Kopf: Ja, wenn ich ihn schon nicht töten kann, so werde ich mich wenigstens an Butcher rächen; ich werde seine Frau Helena verführen. Das wird ihn schmerzen, so sehr, dass er diesen Schmerz nie vergessen kann.
Daniel war plötzlich glücklich und lief noch schneller, fast verlor er auf dem sandigen Waldweg das Gleichgewicht, und als er sich endlich der Menschenmenge näherte, die sich schon um den Bildstock versammelt hatte, sah er, was los war: Neben dem Bildstock stand ein aus zwei mächtigen Kiefernbalken gezimmertes Kreuz, und an ihm hing Bruno – wie Jesus Christus, nur dass Brunos Arme und Beine an den dicken Balken mit Seilen festgezurrt worden waren. Da hing er, der gute Bruno, der einfältige Deutsche, und schrie: »Hilfe, ich wurde gekreuzigt! Hilfe! Ich wurde gekreuzigt!«
Sein Kopf war rot angelaufen, zwischen den Lippen klebte Speichelschaum, und Bienen hatten ihn in die Arme gestochen, Bienen aus seinem eigenen Obstgarten, die wie kleine Jäger um seinen verschwitzten Kopf kreisten.
»Aus dem Weg, Leute!«, rief nun der Leiter des Erholungszentrums, während er die Axt emporhob, als wollte er jemandem den Kopf abschlagen. »Aus dem Weg!«
Er trieb die Menschen auseinander und brüllte sie an: »Was schaut ihr so dämlich? Los, helft mir!«
Und die Gaffer halfen ihm, das mächtige Balkenkreuz aus der Erde herauszuziehen, während Bruno ununterbrochen weiterschrie und wie immer keine einzige Frage beantworten konnte: »Wer es getan hat? Ob es Butcher war? Was ist das für eine Frage? Solche Fragen stellt man doch nicht!«, brüllte der einfältige Deutsche.
Man versuchte, das Kreuz möglichst sanft mit dem Rücken auf die mit Moos bedeckte Erde zu legen, sodass Daniel mit der Axt und seinem Anglermesser die Segelseile durchtrennen und Bruno endlich befreien konnte.
Bruno, der gut hundert Kilo wog, wälzte sich heulend und brüllend auf dem saftig grünen Boden, in dem sich die Regenwürmer und Schnecken den geheimnisvollen Tschernosem-Kosmos teilen mussten, und blieb dann lange auf seinem fetten Arsch sitzen, während alle von ihm wissen wollten, was denn nun genau passiert sei. Doch Bruno wiederholte wie das Echo aus dem Wald nur ihre Fragen, selbst nachdem Daniel ihn mehrmals gefragt hatte, ob er Tomuś gesehen habe. »Und Tomuś? Hast du meinen kleinen Tomuś gesehen? Wo ist der Junge? Das fehlt mir noch, dass der Kleine in den Wald gelaufen ist, ganz allein und voller Angst!« – »Und Tomuś? Ob ich deinen kleinen Tomuś gesehen habe?«, echote Bruno. »Was ist das für eine Frage?«
5.
Der Schauspieler Czybulski wird krank
Aber der kleine Tomuś hatte sich hinter dem Bildstock mit der Skulptur der Gebenedeiten versteckt, und niemand hatte in dem geschäftigen Chaos bemerkt, dass die Heilige Mutter Gottes ihm unter ihrer dunkelblauen Tunika Zuflucht gewährt hatte.
Als alle wieder ins Erholungszentrum zurückkamen, wobei Bruno die ganze Zeit heulte, obwohl er den Sohn von Daniel auf seinen Schultern trug, dessen gespreizte dünne Beinchen wie zwei Aale an der Legeschnur baumelten, rief Agnieszka ihnen zu, sie sollten sich endlich beeilen, Butcher sei nämlich mit der Frau des Schauspielers Czybulski »durchgebrannt«. Gerade eben, vor wenigen Minuten, sei er mit seinem Mercedes, zwei Burschen und seiner Beute auf dem Rücksitz in Richtung Insel losgefahren. Der Schauspieler stehe immer noch da und könne kein Wort mehr herauswürgen – er habe lediglich seine Sonnenbrille abgenommen. Sie fürchte, Czybulski habe einen Schock erlitten und werde etwas Dummes anstellen.
»Wann ist das passiert? Wirklich jetzt?«, fragte Daniel seine Frau, die sich um Tomuś kümmerte, aber auch um Bruno, der sich vor dem STUDENTEN auf die Treppenstufen der Terrasse gesetzt hatte und in seinen dreckigen Pranken die Tränen zu verbergen suchte.
»Na, vor einer Viertelstunde!«, antwortete Agnieszka.
»Na, was habe ich euch gesagt? Der Butcher ist wieder da!«, steuerte Dominika bei. »Er ist wieder da! Gott sei Dank! Jetzt wird endlich wieder die alte Ordnung im Rusałka herrschen. Niemand mehr wird morgens einfach so zum Strand laufen und im See baden. Wir werden alle Angst haben. Alle. Und ich hab’s mit meinen eigenen Augen gesehen: Dieser Trottel Czybulski saß zusammen mit seiner Frau auf einem der Findlinge vor dem Touristenkiosk, sie tranken Limonade und rauchten Zigaretten, und da die Sonne schon am frühen Morgen kein Erbarmen mit uns Sterblichen hat, saß die hübsche Dirne des Schauspielers da in ihrem knapp geschnittenen Bikini. Und dann hielt plötzlich der Mercedes von Butcher an, zwei Schlagetots sprangen aus dem Auto und schnappten sich die hübsche Dirne und bugsierten sie in den Wagen, obwohl sie wie am Spieß geschrien hat! Habt ihr nichts gehört? Rusałka singt wieder! Und Butcher, der Butcher singt auch!«, lachte Dominika und musste sich ihren üppigen Busen festhalten, als hätte sie Angst, dass er ihr aus dem Büstenhalter herausfallen und auf dem Boden zerplatzen könnte wie zehn Eier vom Wochenmarkt in Bartokamień.
Daniel sagte nichts, hängte nicht einmal die Axt an ihren Platz zurück, sondern rannte gleich wieder los. Er wusste, dass der Schauspieler den Verstand zu verlieren drohte und dass er dem eitlen Existenzialisten aus Łódź dessen Finger schon zitterten, wenn sie nur ein Glas Wodka hielten, endlich erklären konnte, dass Rusałka wirklich seine eigene Sonne und seinen eigenen Mond besitze und dass Rusałka von nun an wie ein kranker und vereiterter Hechtzahn in seinem Herzen stecken werde.
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Als Daniel an der Kreuzung gegenüber dem Touristenkiosk ankam, beruhigte sich nicht nur das Herz des Leiters von Rusałka, sondern auch seine Hand mit der roten Feuerwehraxt. Und die Ruhe des Herzens trat deshalb ein, weil sein Freund Kobra, der Mopedfahrer und Wilderer, der eine bescheidene Holzhütte am Seeufer bewohnte und von dort einen herrlichen Ausblick auf die Insel von Butcher hatte, aufgetaucht war und mit Czybulski ein gemächliches Palaver abhielt, das den Schauspieler offensichtlich mehr interessierte als die Tatsache, dass seine Frau von dieser Spinne Butcher gefangen und in sein Versteck im Wald geschleppt worden war.
Kobra war dreiundsechzig und ein prachtvolles Exemplar eines Albinos. Auf seiner Nase, da ihm die Augen, die noch keiner je gesehen hatte, im Sonnenlicht wehtaten, thronte eine alte und für den Alltag im Tageslicht hergerichtete Schweißerbrille. Und da Kobra selbst bei größter Hitze die Felduniform der polnischen Volksarmee trug, sah er aus wie ein Fallschirmjäger, der gerade vom Himmel gefallen war, und das war auch die ganze Wahrheit über Kobra: Immer tauchte er wie aus dem Nichts auf und stand plötzlich neben einem – wie ein Gespenst vom alten deutschen Friedhof im Wald.
»Was habt ihr denn unserem Schauspieler aus Łódź für ein dummes Zeug erzählt?«, ärgerte sich Kobra, der Schlangen- und Aalmensch. »Der Butcher macht mit der kleinen Hübschen keine Spritztour nach Olsztyn – Butchers Mutter, die alte ostpreußische Hexe, ist bloß wieder einmal getürmt, sie braucht eine junge Krankenschwester, eine gute Aufpasserin!«
Daniel ließ die Axt zwischen seinen Beinen auf die Erde gleiten. Sie standen jetzt zu dritt an der Kreuzung, und von den jungen Männern und Frauen auf den Findlingen vor dem Touristenkiosk wurden schon die ersten leeren Bierflaschen gegen die Stämme der Kiefern und Lärchen geworfen. Die ersten Shantys wurden gesungen und die Mädchen vom Campingplatz von zig Männerhänden und -armen in die Luft geschleudert und wieder aufgefangen, als hätten sie gerade eine Olympiamedaille gewonnen.
Nachdem Daniel dem Schauspieler sowie dem Schlangen- und Aalmenschen die Hand geschüttelt hatte, fragte Czybulski, ob es denn wirklich wahr sei, dass Butchers Mutter eine Krankenschwester brauche. Man dürfe doch so jemanden nicht einfach von der Straße rauben und entführen wie im Krieg, wie es die Nazis im okkupierten Warschau auf der Suche nach neuen Zwangsarbeitern und KZ-Insassen getan hätten; so seien übrigens auch seine Großeltern verschwunden … Er glaube Kobra kein Wort. »Warum holt denn keiner den Milizionär Zbyszek, der am Seeufer in seiner Hütte residiert? Warum erfüllt denn der Ordnungshüter nicht seine Pflicht? Stattdessen schraubt er wieder an dem Dieselmotor seines tonnenschweren Milizbootes. Warum ruft keiner Verstärkung? Ein ganzer Mensch ist gekidnappt worden! Meine junge Frau! Herr Daniel – tun Sie doch endlich etwas!«
Aber Daniel schwieg. Er sah Czybulski an und hatte wenig Mitleid mit dem Schauspieler. Er wusste, dass der niemandem helfen, niemanden befreien, für niemanden sein Leben hergeben würde, und nun erwartete er selbst Anstand und Hilfe, weil er zur Elite in diesem Staat gehörte und nur Ansprüche an ihn und seine Bevölkerung stellte, die ihn zu vergöttern hatte.
»Czybulski«, sagte er, »Sie vergessen, dass wir nicht in Łódź sondern im Rusałka sind. Hier herrschen ganz andere physikalische Gesetze als im restlichen Polen und Europa, wir haben hier unsere eigene Sonne und unseren eigenen Mond, und der Butcher weiß schon, was er tut. Er wird der Frau kein Haar krümmen. Er wird aus ihr lediglich einen Neuen Menschen machen, Czybulski, keine Sorge, spätestens in zwei Wochen kriegen Sie Ihr Spielzeug zurück. Und wie ich Sie zu kennen glaube, suchen Sie sich doch so oder so bald ein neues …«
»Das sind wahre Worte«, pflichtete ihm Kobra bei, lachte los und fing an, O mój Rozmarynie, O mein Rosmarin, sein Lieblingssoldatenlied, zu singen, und da sein Gesang schon immer so schrecklich wie ohrenbetäubend war, sangen bald auch die betrunkenen Männer und Frauen vor dem Touristenkiosk mit. Und da sie alle zusammen so laut sangen, begann auch die Verkäuferin im Touristenkiosk zu singen, und wenig später sang der ganze Campingplatz, und wenn der Campingplatz sang, sang das ganze Erholungszentrum Rusałka.
6.
Die Krankenstation im Speisesaal
Rusałkas Speisesaal, ein gemauertes Gebäude, das auf einem Hügel stand und wie die drei Luxusbungalows an den Wald grenzte, besaß nur acht Tische, um die jeden Tag eine Schlacht mit Worten und Blicken geschlagen wurde. Wenn die Näherinnen mit ihren Kindern und Ehemännern auf einen freien Tisch warteten, um das preiswerte Mittagessen zu verspeisen, konnte man sich einige bissige Bemerkungen anhören: »Frau Lichocka, Sie und Ihre beiden Söhne – Sie lassen sich aber heute viel Zeit … Das ist hier kein Warschauer Restaurant! Wir wollen doch alle zurück an den Badestrand. Und unsere Kinder haben auch Hunger!«
In der Küche, einem Anbau, herrschte der Koch Dąbrowski wie ein Patriarch, der nicht einmal den Leiter des Erholungszentrums darüber informierte, was am nächsten Tag auf dem Teller zu erwarten war: ein Schweineschnitzel oder eher Piroggen mit süßem Quark. Dąbrowski, der in der Sommerhitze seiner Küche gerne nur eine Badehose und ein T-Shirt trug und die brennende Zigarette so gut wie nie aus dem Mund nahm, war von Beruf Elektriker, doch er kochte weltmeisterlich, und selbst die nörglerischen Gäste aus dem Ausland, vor allem die Dederuskis, lobten seine Kochkünste, genauso wie die Fabrikdirektoren aus Łódź oder Bartokamień. Zur Mittagszeit um dreizehn Uhr ertönte der Gong, der an einem mächtigen Kiefernast hing und den nur der Elektriker schlagen durfte, und er tat das jedes Mal mit einer Ernsthaftigkeit, als würde er die Näherinnen und ihre Familien zur heiligen Messe in die Kirche rufen, als wäre er ein Priester. Drei Schläge reichten vollkommen, um selbst die fleißigen Spechte zu verschrecken, die dann die auf dem Gelände des Erholungszentrums wachsenden Bäume verließen und in den Wald flogen.
Der Speisesaal diente Daniel aber auch als Krankenstation, da dort der Erste-Hilfe-Schrank hing und eine Tischtennisplatte stand, die sich gut als eine Art OP-Tisch eignete. Es passierte nicht jeden Tag etwas Furchtbares, doch jeden dritten oder vierten: Ein Betrunkener musste wieder einmal im Gehlandsee vor dem Ertrinken gerettet werden, oder ein Blitz traf eine Großmutter und ihr Enkelkind, die sich unter einer Erle vor dem heftigen plötzlichen Sturm versteckt hatten. Angeblich sei Albrecht Butcher deshalb unsterblich, weil er schon drei Blitzeinschläge überlebt habe, erzählte man sich beim Wodka am Lagerfeuer, doch Daniel protestierte jedes Mal lautstark gegen solche seiner Meinung nach aus den Fingern gesogenen Behauptungen. Er sei sich hundertprozentig sicher, dass der Inselbesitzer eine kugelsichere Weste aus den Volksarmeebeständen besitze und sie gelegentlich auch trage, vor allem bei der Wildschweinjagd im Wald – Butcher sei ziemlich einfallsreich und gerissen, aber drei Blitze seien drei Blitze, tödlicher und grausamer gehe es nicht mehr.
Daniel wehrte sich deshalb gegen Behauptungen, die Albrecht Butcher noch mächtiger und unbesiegbarer erscheinen ließen, weil er auf ihn eifersüchtig war. Denn in Wirklichkeit bewunderte er den Inselbesitzer, obwohl er ein furchtbarer Misanthrop und Tyrann war, und manchmal verteidigte er Butcher sogar, was nicht nur ihn selbst, immerhin den Leiter von Rusałka, erstaunte: Die Leute würden ihm am liebsten die Augen auskratzen, wenn er den verrückten Butcher lobte. Aber jeder von ihnen würde gerne Inselbesitzer sein, einmal im Jahr nach Westdeutschland fahren und mit der kommunistischen Regierung, die ihm aus der Hand fraß, Katz und Maus spielen – jeder würde gerne so frei sein wie Butcher, der nur das tat und sagte, was er für richtig hielt. Daniel beneidete ihn um diese Freiheit, und er erkannte schnell, dass das Böse die Freiheit über alles liebte und sich die Freiheit auch tatsächlich nahm: ohne Rücksicht auf andere, ohne Rücksicht auf Verluste.
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Jedenfalls war es Daniel nach dem Gespräch mit dem Schauspieler Czybulski schnell klar geworden, dass man den hysterischen Łódźaner zunächst einmal auf die Krankenstation im Speisesaal bringen musste: Im Erste-Hilfe-Schrank gab es nicht nur Bandagen, Schmerztabletten und Fläschchen mit Jodtinktur zum Desinfizieren von Wunden, sondern auch Beruhigungstropfen. Außerdem würde ihm der Koch zehn Eier kochen, die der Schauspieler in so großer Menge gerne zum Frühstück vertilgte, und wenn selbst das nicht helfen sollte, den Łódźaner zur Vernunft und zur Ruhe zu bringen, würde Daniel seine Schwiegermutter Dominika holen und sie um Hilfe bitten. Sie legte auch für prominente Gäste des Erholungszentrums Karten, um aus ihnen manchmal eine würdige Zukunft zu lesen, und für den Schauspieler Czybulski durfte es doch nur eine Zukunft geben: großartige Erfolge auf der Theaterbühne und im Kino, glückliche Liebesaffären und viel Geld. Eigentlich war Dominika unbestechlich, aber von Daniel ließ sie sich gelegentlich dazu überreden, für den neugierigen Kunden, der sich bei ihr die Karten legen ließ, etwas Gutes zu tun.
»Czybulski, wir bringen dich zu unserem Koch und Elektriker Dąbrowski, er wird dir zehn Eier kochen – so, wie du sie liebst: ganz hart und mit Mayonnaise und Petersilie«, sagte Daniel, nachdem sich Czybulski ein wenig beruhigt hatte. »Und Kobra wird dir einen starken Kaffee zubereiten … Ich muss leider arbeiten, ich kann mich um dich nicht mehr kümmern … Die Pflichten im Erholungszentrum rufen den Leiter an seinen Arbeitsplatz zurück … Und in drei, vier Tagen vielleicht gehen wir zusammen zum Goralenhaus von Butcher, um zu sehen, wie es deiner jungen Frau geht. Sie hat bestimmt den weißen Kittel der Krankenschwester angezogen und betreut die kranke Mutter von Butcher. Mach dir also keine Sorgen!«, wiederholte Daniel mehrfach, wobei er selbst nicht daran glaubte, was er dem Schauspieler aufzutischen versuchte: Butchers Mutter kannte natürlich den Weg zum Goralenhaus, doch stattete sie ihrem Sohn dort in seinem Versteck selten einen Besuch ab: »Der Junge schuftet so schwer! Es ist sein gutes Recht, dass er sich ab und zu ein bisschen amüsieren will«, sagte sie, wenn jemand versuchte, ihren kleinen Albrecht an den Pranger zu stellen, was von Zeit zu Zeit sogar geschah; es gab solche mutigen Aufwiegler, obwohl sie auch vor dem Inselbesitzer Angst hatten; Daniels Schwager Mateusz war so einer – in seinem Direktorensattel fühlte er sich nämlich viel sicherer als Normalsterbliche wie der Milizionär Zbyszek oder der Wilderer Kobra. Und Butchers Mutter hatte zwar in der Tat einen etwas gewöhnungsbedürftigen Charakter, da sie in ihrer eigenen Welt lebte und oft völlig abwesend wirkte, auch wenn man sie ansprach, aber sie brauchte keine Betreuung – sie konnte sogar kochen und Wäsche waschen, sie redete nur ab und zu wirres Zeug, erzählte vom Krieg und von den Mongolen, die ihr Versteck auf der Insel entdeckt hätten, und lief dann aus Angst vor der Rückkehr der Mongolen in den Wald und verschwand für zwei Tage.
»Du hast außerdem auf die eine oder andere Näherin ein Auge geworfen«, sagte Daniel zum Schluss, »ein bisschen Abwechslung schadet dir nicht, schließlich hast du Ferien, Czybulski, und die Näherinnen lieben dich, du bist berühmt, sie kennen dich aus dem Fernsehen und Kino …«
Der Schauspieler gehorchte Daniel und Kobra, die ihn an den Armen packten und stolz vor den Augen der neugierigen Näherinnen und ihrer Ehemänner abführten. Czybulski begann, sich auf dem Weg zum Speisesaal zu wehren, indem er die beiden Ellenbogen in die Rippen seiner Peiniger rammte, aber sein Widerstand war viel zu schwach; er wusste, dass er keine Chance hatte – niemand im Erholungszentrum würde ihm verraten, wo das Goralenhaus stand und wie man Butcher dort im Wald fand. Alle hatten Angst vor dem Inselbesitzer.
Czybulski jammerte nur: »Womit habe ich das verdient? Soll ich mir vielleicht die Haare auf der Brust rasieren? Sind sie der Grund, dass sie abgehauen ist?« Dann folgten wüste Beschimpfungen, die sich im Prinzip an die ganze Menschheit richteten und nicht nur an Butcher und an die beiden Peiniger.
Kobra lachte: »Deine süße Biene ist nicht abgehauen, sondern ausgeliehen worden, Czybulski … Du tust in Wahrheit für Rusałka etwas Gutes … So haben wir im Erholungszentrum und am Gehlandsee unsere Ruhe. Butcher ist wie King Kong – der Affe braucht Jahr für Jahr eine neue Geliebte, ein neues Opfer! Solche Männer gibt es in jedem politischen System, egal ob im Kapitalismus oder Sozialismus …«
Aber auf der provisorischen Krankenstation im Speisesaal von Rusałka sagte der Schauspieler etwas Seltsames: »Die Deutschen haben mich und meine Familie nicht umgebracht, und die Kommunisten von Gomułka und Moczar haben es nicht geschafft, uns aus Polen zu verjagen – als Schauspieler hätte ich in Israel oder in Amerika nie wie ein Muttersprachler spielen können. Ich musste in Polen bleiben. Ich werde also auch mit eurem Inselbesitzer fertig … Ich bringe ihn um, wenn es sein muss!«
»Alle wollen ihn umbringen, keiner tut es aber …«, lachte Kobra.
Sie legten Czybulski auf die Tischtennisplatte, wobei er wieder kaum protestierte und sich eher so benahm, als wäre er wirklich in der Notaufnahme eines Krankenhauses, und seine Betreuer riefen den Koch, der ihnen aber keine Antwort gab, weil er in der Küche für einen höllischen Krach sorgte: Töpfe polterten gegen Töpfe, Suppenkellen gegen Suppenkellen, und man hörte Dąbrowski pfeifen und singen, zumal seine Lieblingssendung Sommer mit dem Radio die Küche in eine Diskothek verwandelt hatte und der laut aufgedrehte Rundfunksender aus Warschau einen Schlager nach dem anderen spielte. Der Koch und Elektriker der Textilfabrik aus Bartokamień kannte Depressionen oder schlechte Laune nicht, denn überall dort, wo er sich aufhielte, prahlte er des Öfteren, würde nie eine Atomrakete einschlagen oder ein böser Meteorit niedergehen … »Ich werde von einer unsichtbaren Hand vor dem Bösen der Welt beschützt, das Glück bleibt mir stets treu, auch hier im Erholungszentrum.«
Daniel musste, was er nicht gerne tat, Kobra mit dem Schauspieler für einen Augenblick allein lassen, da Dąbrowski, der obendrein sein Küchenradio noch lauter gestellt hatte, ihre Rufe, es gebe für ihn einen neuen Notfall, unmöglich hören konnte.
Der Leiter von Rusałka vermied es, wenn möglich, einer Näherin oder einem Kind eine Spritze zu verpassen – er bat immer den Koch um Hilfe. Dąbrowski hatte zwar grobe und kräftige Hände, die jedes Lebewesen locker zerquetschen konnten, aber seine Finger zitterten wenigstens nicht, und als Daniel in Dąbrowskis Küche einfiel, war der Koch nicht überrascht und erschrak auch nicht – er sagte lediglich: »Ja, ich weiß doch schon längst alles: Czybulskis Frau ist von Butcher entführt worden, und der arme Wicht aus Łódź verliert langsam den Verstand, obwohl er seine Joanna, oder wie sie heißt, jeden Tag mit einer neuen, noch jüngeren Näherin betrügt!«
Der Koch musste allerdings für das Mittagessen der Näherinnen erst einmal sechs Hühner köpfen, wollte sich aber mit dem Abschlachten beeilen, sodass Daniel in den Speisesaal zurückging.
Da sagte er zu Kobra: »Unser Koch und Elektriker kommt gleich! Mit einer Spritze ist das Thema schnell erledigt«, und er wandte sich auch an den widerspenstigen Patienten: »Czybulski, du wirst dich wie neugeboren fühlen. Und sei froh, dass du kein Huhn bist …«
Kobra streichelte Czybulski die Stirn wie einem Kind, das gleich operiert werden sollte.
»Bitte, keine Spritzen! Ich hasse Spritzen!«, jammerte der Schauspieler, der auf der Tischtennisplatte lag und sein Hemd aufknöpfte. Seine schwarze Sonnenbrille nahm er die ganze Zeit nicht ab.
»Czybulski, du verträgst keinen Wodka, und Dąbrowski ist weit und breit der beste Arzt, den es in dieser gottverlassenen Gegend gibt«, sagte Daniel. »Es wird überhaupt nicht wehtun, wie gesagt, du wirst bereits nach wenigen Minuten im siebten Himmel sein, endlich glücklich und sorgenfrei, und in der Nacht wirst du schlafen wie ein Baby an der Mutterbrust, wie es dir Kobra erklärt hat.«
Der Koch betrat den Speisesaal, wie immer nur in Badehose, T-Shirt, mit schweren Holzclogs sowie mit einer Kippe zwischen den Lippen, und er hatte gleich die Ampullen mit dem Beruhigungsmittel und den Metallkasten mit der Spritze dabei. Auf seinem Kopf trug er einen aus Zeitungspapier gefalteten Hut, der dunkelrote Blutspritzer aufwies. Die Zeitung hatte er sich wohl von den Dederuskis geborgt: NEUES DEUTSCHLAND zierte seinen Kopf. Dąbrowski roch wie ein frisch geköpftes Huhn. Und außerdem nach faulen Eiern.
Kobra krempelte Czybulski die beiden Ärmel hoch und sagte: »Es ist wie im Krieg, Czybulski! Meine Familie hat auch gelitten, und wir sind keine Juden wie deine Leute. Aber ich habe das KZ Dachau überlebt, und auch der Gulag hat mich, mein Leben verschont. Wir lassen uns deshalb von einem einzigen Mann nicht in die Suppe spucken! Ich habe keine Angst vor Butcher und habe schon oft gedacht, ich töte ihn und vergrabe seinen Leichnam im Wald. Niemand wird mich verdächtigen, niemand seine Leiche finden. Ich töte ihn einfach!«
Kobra zu vertrauen, fiel Daniel nicht schwer. Die Wahrheit war aber, dass der alte Mann Butcher wohl am längsten und am besten von allen im Erholungszentrum und in dessen Nachbarschaft kannte, zumal er das Geschäftstreiben des Inselbesitzers jeden Tag beobachten konnte, da er in der Nähe der Xylophonbrücke, die zu der Insel von Butcher führte, seinen blau gestrichenen Holzbungalow stehen hatte. Kobra saß hier oft am Ufer, rauchte seine Pfeife und verfolgte das Geschehen auf Butchers Brücke und der Insel wie im Fernsehen.
Dąbrowski war nicht nur ein meisterlicher Koch und Elektriker, der das Erholungszentrum schon viele Male vor der Dunkelheit gerettet hatte, er verstand es auch, seine Patienten abzulenken, um in Sekundenschnelle die richtige Stelle mit der Nadel zu treffen. Czybulski knirschte mit den Zähnen und merkte nicht einmal, dass ihm ein Beruhigungsmittel injiziert wurde. »So, verehrter Herr Schauspieler, und jetzt koche ich Ihnen zehn Eier, ganz hart, wie immer«, sagte Dąbrowski. »Und frische Mayonnaise gibt’s dazu, ich habe sie heute Morgen geschlagen!«
7.
Die Fliegenmaden und ihre Metamorphose
Nach dem Vorfall mit Bruno hatte Daniel keine Lust mehr zu arbeiten. Die Näherinnen und ihre Männer hatten längst alles ausgeliehen und abgeholt: Schwimmwesten und Badmintonschläger, Außenborder und Benzinkanister, es gab auch kein freies Ruderboot mehr. Sollte etwas kaputtgehen, müssten die Leute sich in Geduld üben, beschloss er. Morgen war auch noch ein Tag.
