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Ein Memorandum über die Erlebnisse eines Mannes, der die Entwicklungen rund um den ersten Weltkrieg aus direkter Nähe zu den Führern des Landes erlebt hat.
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Seitenzahl: 82
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Johann Andreas Freiherr von Eichhoff
27. September 1871 – 22. März 1963
Dieses Buch enthält die Memoiren des Onkels meiner Großmutter aus der Zeit unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs bis zum Entstehen der Ersten Republik. Also umfasst es Erinnerungen über den gesamten ersten Weltkrieg. Es ist aber keine militärische Schilderung, sondern gibt persönliche Einblicke in die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche in dieser Zeit aus der Sicht eines Mannes, der über die gesamte Zeit Einblick in den Führungskreis der jeweiligen Regierungen hatte.
Während ich dieses Vorwort schreibe, tobt in der Ukraine ‒ die in Teilen zum Zeitpunkt der beschriebenen Ereignisse noch zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörte ‒ wieder ein Krieg. Erschreckenderweise lassen sich viele Parallelen ziehen, derer es in der Nachbetrachtung sicher noch mehr werden. Die Lektüre ist also auch eine Anregung, solche Ereignisse mit Sachlichkeit und ideologiebefreit zu betrachten, um für die Zukunft bessere Beurteilungen abzugeben und Entscheidungen zu treffen.
Johann Andreas Freiherr von Eichhoff war offensichtlich einer der profundesten Kenner des Völkerrechts, der über alle Grenzen von Stand und Gesinnung ‒ von Thronfolger Franz Ferdinand bis zum ersten Staatskanzler der jungen Republik, dem Sozialdemokraten Dr. Renner – anerkannt war. Er war im Auftrag des Thronfolgers einer der Schöpfer der Verfassung für „die vereinigten Staaten von Großösterreich, ... ein neues Österreich und hiermit für ein neues Europa". Einen „Zusammenschluss jedes Volksstamms, der sich durch Denkungsart, Sitte, Kultur und Sprache verbunden fühlt und weitgehende Zusammenfassung dieser autonomen Volksverbände zu möglichst großen wirtschaftlichen Einheiten, zur gemeinsamen Verwertung aller Natur- und Arbeitskräfte, dort wo man sie braucht, zum freien Austausch aller Natur- und Arbeitserzeugnisse", wie er es beschrieb.
Es wurde damit auch ein Staatsmodell geschaffen, das als Idee einer europäischen Staatengemeinschaft ab Mitte der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts wieder angedacht und weiterentwickelt wurde und aus dem später die Grundidee für unsere heutige Europäische Union entstand.
Dieses Buch kann auch ein Lehrstück sein, wie man trotz hoher Komplexität der Zusammenhänge den Überblick über das große Ganze bewahren kann. Nur so ist es möglich, trotz lebendiger Nationalismen und polarisierender Ideologien die Chancen für ein friedvolles Zusammenleben zu erkennen. Damals wurden sie durch das Attentat von Sarajevo vernichtet, haben aber unter der Begleitung ‒ und dem Protest in St. Germain ‒ von Johann Andreas Eichhoff die völkerrechtliche Ausgestaltung zum Wiedererstehen Österreichs als Erste Republik ermöglicht.
Man kann über die Geschehnisse zwischen 1914 und 1919 Bibliotheken füllen. Das vorliegende Protokoll von Freiherr von Eichhoffs Erlebnissen in dieser Zeit bietet Hinweise, Zusammenhänge und Verweise, Erklärungen und persönliche Erzählungen, die auch in kurzer Form helfen, nicht nur diese Zeit, sondern auch die folgenden Entwicklungen Europas besser zu verstehen und vor allem die damalige Sicht der Ereignisse (und damit die oft fatalen Entscheidungen) besser beurteilen zu können. Der Text ist bis auf wenige ‒ der besseren Lesbarkeit geschuldeten ‒ Korrekturen der Originaltext.
Ich wünsche Ihnen bei der Lektüre, auch im Namen meiner Familie als einzige Erben des Autors, viel Freude, spannende Erkenntnisse und vielleicht die eine oder andere Idee, wie wir mit den uns gestellten Aufgaben im persönlichen wie in anderen Bereichen konstruktiv, friedensstiftend und verantwortungsbewusst umgehen können.
Johannes Thun-Hohenstein
Als Biografie von Johann Andreas von Eichhoff darf ich einen Artikel aus der Zeitschrift „Die Furche" von Univ. Prof. Dr. Erika Weinzierl aus dem Jahr 1961 einfügen.
Er sagt mehr als eine Aufzählung von Daten.
Am 27. September 1961 feiert Johann Andreas Freiherr von Eichhoff seinen 90. Geburtstag, zu dem sich alle Freunde und Bekannte mit den herzlichsten Wünschen einstellen. Darüber hinaus aber geziemt es sich aus diesem Anlass, dem Jubilar einmal in aller Öffentlichkeit für die Leistungen zu danken, die er als Beamter und Diplomat für das alte und das neue Österreich vollbracht hat.
Die berufliche Laufbahn des gebürtigen Wieners begann 1895 bei der Statthalterei in Graz und führte ihn bald über das Handelsministerium in das Innenministerium, in dem er 1911 bereits als Ministerialrat tätig war. Am 1. August 1914 rückte der vertraute Mitarbeiter des ermordeten Thronfolgers Franz Ferdinand zum Zivilkommissariatsdienst ein, den er ebenso wie die Militärverwaltung der okkupierten Gebiete bis Ende Oktober 1918 leiten sollte.
Nach dem Zusammenbruch der Monarchie erfolgte Eichhoffs Einberufung in das Staatsamt für Äußeres, das den unterdessen zum Sektionschef Ernannten in die österreichische Delegation für die Friedensverhandlungen von Saint-Germain entsendet. An der Seite Karl Renners ist Eichhoff maßgeblich an den mühevollen und harten Verhandlungen beteiligt, protestiert gegen die Abtrennung Südtirols und bewährt sich vor allem als entschiedener Gegner des damals von so vielen gewünschten Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich. Nach Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mit Frankreich wird Eichhoff im September 1920 als österreichischer außerordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister in Paris akkreditiert, wo er in unermüdlicher Arbeit den Weg für die Aufnahme Österreichs in den Völkerbund freimacht. Das klein und arm gewordene Österreich betraut seinen Gesandten in Paris schließlich auch mit der Funktion seines diplomatischen Vertreters für Spanien (1922) und Portugal (1924).
1925 sucht der allseits anerkannte Diplomat offiziell um seine Enthebung vom Dienst an und wird im Rahmen des allgemeinen Beamtenabbaus mit Vollendung des 30. Dienstjahres in den dauernden Ruhestand versetzt. Die Vermutung liegt nahe, dass Differenzen mit dem damaligen Außenminister Mataja bzw. Karrierewünsche ambitionierter Parteipolitiker zu dieser, die französische Öffentlichkeit sehr überraschenden, Veränderung im österreichischen diplomatischen Dienst zumindest beigetragen haben.
Eichhoff ist jedoch auch im Ruhestand nicht müßig geblieben. 1926 publizierte er die wesentlichen Gedankengänge seiner Vorarbeiten für die Entwürfe Franz Ferdinands über den Umbau der Monarchie, die „Vereinigten Staaten von Großösterreich": Die Wirtschaftseinheit der national und politisch autonomen Staaten Großösterreichs sollte durch eine gemeinsame Armee geschützt werden: „Gegenseitige Abhängigkeit auf wirtschaftlichem, Unabhängigkeit auf politischem Gebiet." Wenn auch der Tod des Thronfolgers und der Untergang der Monarchie die Verwirklichung dieser Pläne für Österreich-Ungarn verhindert haben, so war Eichhoff nun um so mehr davon überzeugt, dass eine dauerhafte friedliche Zusammenarbeit in Europa nur auf dem Wege der Bildung einer „gewaltigen Wirtschaftseinheit", der „Vereinigten Staaten von Europa", möglich sein werde ...
Während der nationalsozialistischen Besetzung Österreichs beschäftigte sich der sein Leben lang übernational und demokratisch Gesinnte mit Vorarbeiten für eine österreichische Verfassung und Plänen für die Zeit nach der Befreiung.
Schwere persönliche Schicksalsschläge, der Tod seiner Frau, der Verlust seines Familienbesitzes in Mähren und die Beschlagnahmung seiner Wohnung durch die Besatzungsmächte, können sein Interesse am politischen Geschehen nicht lähmen. Nach 1945 befasst er sich wieder mit Südtirol und weist nach, dass es in ganz Europa kein zweites Beispiel einer so scharfen naturgewachsenen Abgrenzung zwischen zwei Völkern gibt wie gerade in diesem Land ...
So wollen wir denn in dieser Stunde den Österreicher und Europäer Eichhoff mit jenen Worten grüßen, die er selbst vor 35 Jahren niederschrieb:
„Der roheste, unsinnigste und brutalste Krieg hat hinter sich das Nichts und die Verzweiflung gelassen. Den Weg aus diesem Dunkel zeigen aber wieder die großen Leitsterne der wechselseitigen Abhängigkeit im wirtschaftlichen Räderwerk der Staaten und der möglichsten Wahrung ihrer Unabhängigkeit auf politischem Gebiet. Gemeinsam mit allen Arbeitern im öffentlichen Leben wollen wir die Arbeit von neuem beginnen und, gemäß den blutigen Lehren des Krieges, auf ein weiteres Gebiet erstrecken. Über den Trümmern der Welt darf nicht der Geist der Mittelmäßigkeit, der krankhaften Selbstsucht und jenes engherzigen Schutzzöllnertums schweben, das nicht über die nächstliegenden materiellen Interessen hinauskommt."
I. Kapitel: Vor dem Kriege
II. Kapitel: Im Kriege
A. Militärverwaltung
B. Verfassungsreform
III. Kapitel: Nach dem Kriege
»Morgen früh«, sagt mir Franz Ferdinand, Erzherzog von Österreich und Thronfolger im Habsburgerreiche, »morgen in aller Früh fahren wir im Auto über die italienische Grenze nach Cividale und dann über Görz zurück.« Erstaunt und fragend fixiere ich seine kaiserliche und königliche Hoheit ...
Wir sind auf der Terrasse des prachtvollen kaiserlichen Lustschlosses Miramar. Das leuchtende Blau der Adria ist von schwarzgrünen Zypressen umrahmt. Ein herrlicher Tag; die Strahlen der Morgensonne füllen die Luft mit jenem goldigen Dampf, der im schönen Süden das Licht duftig durchtränkt und träumerisch verschönt. Eine salzige Brise steigt vom Meer herauf. Wir hatten eben eine genaue Prüfung jener Entwürfe vollendet, die mit peinlicher Sorgfalt und viel redlichem Können vorbereitet worden waren, um — im gegebenen Augenblicke — die Grundlagen und den Ausgangspunkt zur Neugestaltung Österreich-Ungarns, zur Schaffung der »Vereinigten Staaten von Großösterreich« zu bilden. Die große Schicksalsstunde der Thronbesteigung hätte den neuen Kaiser auf seinem Platze gefunden; sich seiner Pflichten bewusst, fest entschlossen, keinen Finger breit von seinem Weg abzugehen, die Verantwortung voll auf sich zu nehmen, sein Leben dem Glücke und der Wohlfahrt seiner Völker zu weihen.
Auf der Terrasse von Miramar, mir gegenüber in einem breiten Lehnstuhl, unterhält sich Franz Ferdinand über mein Erstaunen: »Aber selbstverständlich und ganz gewiss fahren wir nach Cividale! Vorbereitungen? Vorsichtsmaßnahmen? Verfügungen des Triester Polizeidirektors? ... Auf alles das pfeif' ich! Man ist überall in Gottes Hand. Schauen Sie, aus diesem Gestrüpp rechts von uns könnte sich irgendein Gauner auf mich stürzen ... Besorgnisse und Vorsichten lähmen das Leben. Das Fürchten ist immer ein gefährliches Geschäft.«
Der Ausflug nach Cividale war sehr gelungen. Abends in Görz nahmen wir Abschied. Der Erzherzog empfahl mir noch unsere Entwürfe. Ich war tief bewegt und wusste nicht, warum. Es gibt denn doch Vorahnungen. Erzherzog Franz Ferdinand war damals mit den Vorbereitungen für den Empfang des deutschen Kaisers in Konopischt beschäftigt. Ich bereitete mein Plädoyer vor dem Reichsgericht vor, um zu beweisen, dass es recht und richtig war, das Wirtschaftsleben des Königreichs Böhmen ‒ trotz der Obstruktion im Landtage ‒ durch ein kaiserliches Patent, das »Annenpatent«, aufrechtzuerhalten. Lang, lang ist's her!