Warum alles gut wird - Lukas Neumeier - E-Book

Warum alles gut wird E-Book

Lukas Neumeier

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Beschreibung

Die Welt geht vor die Hunde. Und es gibt nichts, was du dagegen tun kannst. Es bleibt dir nur die Ohnmacht und der Pessimismus – und mit diesen Gefühlen bist du nicht allein.

Aber wusstest du, dass du die Realität nicht so siehst, wie sie wirklich ist? Dass du in einer Simulation lebst, die dein eigenes Gehirn erzeugt? Und wusstest du, dass du Architekt dieser Simulation werden kannst?

Keine Sorge: Keine Esoterik, keine Pseudowissenschaft, keine leeren Versprechungen – stattdessen wissenschaftlich fundiert, mit bildhaften Metaphern und in einem lebendigen Dialog präzise auf den Punkt gebracht.

Mit „Warum alles gut wird“ zeigt der Quantenphysiker Dr. Lukas Neumeier warum dein Pessimismus unbegründet ist und dein Einfluss auf deine Welt viel größer ist, als du es je für möglich gehalten hast. Mit rationalen Argumenten, schamloser Ehrlichkeit und einer Prise Selbstironie entwirft er ein Bild der Hoffnung, das dein Leben – und das vieler anderer – buchstäblich auf den Kopf stellt.

Dabei begründet Dr. Neumeier die These – mit spannenden Beispielen aus der Neurobiologie, Physik und Psychologie – dass fast alle unsere persönlichen und gesellschaftlichen Probleme eine gemeinsame Ursache haben: einen Softwarefehler im menschlichen Gehirn. Und diesen können wir beheben.

In diesem Buch erfährst du, warum …

  • auf deinem Gehirn unerwünschte Software läuft – und wie du sie endgültig deinstallieren kannst, um dich von ihrem lähmenden Einfluss zu befreien
  • du Architekt deiner eigenen Erfahrung werden kannst, wenn du verstehst, dass du in einer Simulation lebst, die dein Gehirn aus elektrischen Signalen erzeugt
  • du ständig simulierst, was andere von dir halten – und wie du diese Simulationen endlich für dich nutzen kannst
  • die Gegenwart bereits besser ist, als viele glauben – und wie du sie jetzt optimal gestalten und ihre Möglichkeiten nutzen kannst
  • die Zukunft besser wird, als viele erwarten – und wie du dich jetzt entspannen und ihr gelassen begegnen kannst
  • Wissenschaft ganz anders funktioniert, als viele glauben – und wie du Fakten von Fiktion trennen kannst, wenn‘s darauf ankommt
  • Meditation, Erleuchtung und mystische Erfahrungen real, aber wissenschaftlich erklärbar sind und wie du Esoterikfallen vermeidest
  • viele Paare im Kreislauf von Anziehung und Abstoßung gefangen sind – und wie du dich daraus befreien kannst.
  • dein Hamsterrad so quietscht – und wie du es endlich ölen kannst, damit dein Alltag smoother flowed
  • früher oder später alles gut wird

Bist du bereit für ein Feuerwerk an Aha-Momenten, kindlichem Staunen, herzlichem Lachen und einer frischen, positiven Sicht auf die Welt? Mit „Warum alles gut wird“ entdeckst du, wie du deine Welt und dich selbst tiefer verstehen und dadurch deine Erfahrung aktiver gestalten kannst. Greif jetzt zu und starte dein wohl größenwahnsinnigstes wissenschaftliches Experiment: Die Ergreifung der Macht über deine eigene Simulation.

Achtung: Kann Spuren von schwarzem Humor und augenzwinkernde Einsichten enthalten.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 470

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Titelseite

DR. LUKAS NEUMEIER

Warum alles gut wird

Wie ein Quantenphysiker sich die Welt erklärt

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National bibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.dnb.de abrufbar.

 

Wir freuen uns auf eure Anregungen und Fragen

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Wichtiger Hinweis

Die im Buch veröffentlichten Empfehlungen wurden von Verfasser und Verlag erarbeitet und geprüft. Der Inhalt dieses Buches beruht ausschließlich auf den persönlichen Erfahrungen des Autors und erhebt keinen wissenschaftlichen Anspruch. Die benutzten Begrifflichkeiten sind wertfrei. Eine Garantie kann dennoch nicht übernommen werden. Ebenso ist die Haftung des Verfassers bzw. des Verlages und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ausgeschlossen.

 

Originalausgabe

1. Auflage

© 2025 NOW – ein Imprint des NEXT LEVEL Verlags

NXT LVL GmbH, An der Dornwiese 2, 82166 Gräfelfing

www.next-level-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

 

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors nicht zulässig. Das gilt gleichermaßen für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Verfilmungen und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Wir behalten uns die Nutzung der Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor. Falls die Publikation Links zu externen Webseiten Dritter enthält, haben wir auf deren Inhalte keinen Einfluss; für diese fremden Inhalte können wir keine Gewähr übernehmen. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung nicht erkennbar.

 

Redaktionelle Mitarbeit: Can Luca Pallante Oral

Redaktion: Evelyn Boos-Körner

Schlusskorrektur: Christiane Otto

Coverillustration: Uli Oesterle (www.der-ulistrator.com)

Autorenfoto: Florian Remer (@florian.remer_fotografie)

Cover- und Umschlagdesign: buxdesign, Daniela Hofner

Nachbau Abbildungen: Tobias Prießner

Satz: inpunkt[w]o, Wilnsdorf (www.inpunktwo.de)

eBook: ePUBoo.com

 

ISBN druck: 978-3-68969-027-4

ISBN ebook (PDF): 978-3-68969-029-8

ISBN ebook (EPUB, Mobi): 978-3-68969-028-1

INHALT

ANGELN AM SEE
GIRONIMO HAT DAS OBDACHLOS GEZOGEN
DIE INSEL DER GUTEN ERkLäRUNGEN
KREATIVITÄT UND DAS INFORMIERTE RATEN
DIE MÄCHTIGE ANGEL DER INFORMATIONSKOHÄRENZ
DIE MACHTÜBERNAHME DER INFORMATION
WIRD WIRKLICH ALLES SCHLECHTER?
DIE SKEPTIKER LEVEL 0 BIS 4
DAS SELBSTÖLENDE HAMSTERRAD DES LEBENS
DIE SELBSTORGANISIERENDE SOFTWARE DES LEBENS
BIOELEKTRIZITÄT ALS KREATIVE INTELLIGENZ
DIE ENTSTEHUNG DES LEbENS
DAS MINIMIEREN VON ZUKÜNFTIGEN Ü BERRASCHUNGEN
LEVEL 5: DEIN LEBEN ALS SELBSTGENERIERTE SIMULATION
SELBST- UND FREMDSIMULATIONEN
SIMULATIONEN VS. MODELLE
UNSER VERHÄLTNIS ZUR REALITÄT
GESTALTEN UND QUALIA
KOHÄRENZ IN DER INKOHÄRENZ
DAS KOLLEKTIVE GEDANKENGEFÄNGNIS
SPOTLIGHT- UND BLUE-DOT-EFFEKTE
VERSICHERUNGEN: DAS VALIUM FÜRS VOLK
WIR LIEBEN UND HASSEN SIMULATIONEN
ZURÜCK AM SEE
GIRONIMOS VERGANGENHEIT
BITCOIN
KÜNSTLICHE INTELLIGENZ
HUMOR HEILT
KARLS SELBSTSIMULATION
KARLS SCHATTEN
KARLS SCHAM
DAS METAMODELL
LEISTUNG UND SELBSTWERT
KOHÄRENZTHERAPIE
DIE DEINSTALLATION VON KARLS SOFTWARE
DIE WÄNDE VON KARLS SIMULATION
PILZE
NEURONALE NEUSORTIERUNG
MEDITATION
LEVEL 7: ERLEUCHTUNG UND MYSTISCHE ERFAHRUNGEN
ZUSAMMENFASSUNG: WARUM ALLES GUT WIRD
DER BRINDENENTBRINDER
AUFRUF
WEITERE BÜCHER VOM AUTOR
LITERATURVERZEICHNIS
ANMERKUNGEN

ANGELN AM SEE

Als ich an diesem warmen Herbsttag lächelnd auf den See hinaussehe, kann ich nicht ahnen, dass mir hier in nur wenigen Stunden der Tod begegnen wird.

 

Angeln ist super. So zufrieden wie jetzt war ich schon seit Jahren nicht mehr. Um genau zu sein, war ich noch vor ein paar Tagen eine typisch deutsche, pessimistische Brinde. Bei dem Gedanken daran muss ich über mich selbst lachen. Ich war felsenfest davon überzeugt, dass ich die Realität so sehe, wie sie ist. Mir war nicht bewusst, dass ich eigentlich in einem unsichtbaren Gefängnis festsitze. In einem Gefängnis, dessen Wände aus Tabus, Dogmen und Überzeugungen über die Welt, andere Menschen und mich selbst bestehen. Doch wie genau mache ich diese unsichtbaren Wände sichtbar? Dazu kommen wir noch.

Wie auch immer: Brinde ist mein Name. Was für ein engstirniger Idiot ich doch war – und wahrscheinlich immer noch bin. Noch vor wenigen Tagen hat es sich so angefühlt, als würde in meinem Leben eine verborgene Bedrohung lauern. Diese Bedrohung äußerte sich in Form einer ständigen diffusen Angst. Ich habe mein eigenes Gefängnis mit mir unbekannten Monstern bevölkert. Vor diesen Monstern wollte ich mich um jeden Preis schützen. Deshalb habe ich mir jede Versicherung zugelegt, die es gibt. Ich habe mein Vermögen derart stark diversifiziert, dass ich von allem etwas besaß, aber nichts richtig, und die Risikominimierung so übertrieben betrieben, dass sie selbst zum Risiko wurde. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich eines Tages mit meinem Chef Golf spielen musste. Obwohl ich vorher noch nie Golf gespielt hatte, habe ich mich selbstverständlich sofort gegen ein Hole-in-one versichert. Warum? Ganz einfach: Wenn man den Ball mit nur einem Schlag im Loch versenkt, muss man eine Runde im Golfclub springen lassen. Das kann natürlich teuer werden. Für mich war das an diesem Tag aber kein Problem. Schließlich wäre meine Versicherung im Fall der Fälle für den Schaden aufgekommen. Nimm das, Clubsatzung!

Und zu Beginn der letzten Pandemie habe ich mir sofort 1000 Rollen Klopapier gekauft. Logisch, irgendwas muss man ja machen. Blöd war nur, dass mein Bad so voller Klopapier war, dass ich mein Klo nicht mehr benutzen konnte. Na gut, diese letzte Anekdote habe ich gerade geangelt. Ähm, ich meine natürlich erfunden. Wobei ich mir so eine Aktion durchaus zugetraut hätte. Erneut muss ich über mich selbst lachen.

* * *

Ich kann mich nicht daran erinnern, früher jemals über mich selbst gelacht zu haben. Das konnte ich eigentlich nie. Um über sich selbst lachen zu können, benötigt man eine gewisse Distanz zu sich selbst. Diese habe ich nun. Ich habe sie, weil ich endlich etwas sehr Wichtiges begriffen habe – vielleicht sogar das Wichtigste, was ein Mensch überhaupt begreifen kann. Meine gesamte Erfahrung – inklusive meiner Ängste, meiner Hoffnungen und dem, was ich sehe, höre, fühle, denke, träume und bin – ist weder die Wahrheit noch die Realität. Meine gesamte Erfahrung ist eine Simulation, die mein Gehirn erstellt, um meine Überlebenschancen zu maximieren. Woher ich das weiß? Auch dazu kommen wir später. Was ich aber vorwegnehmen kann: Überraschungen spielen dabei eine zentrale Rolle. Was eine Überraschung ist? Der Unterschied zwischen dem, was ich erwarte, und dem, was ich erlebe. Vor nicht allzu langer Zeit waren Überraschungen sehr gefährlich und oft sogar tödlich. Da mein Gehirn bis heute überlebt hat, kann es eines offenbar besonders gut: zukünftige Überraschungen vermeiden. Leider kann man es damit aber auch übertreiben. Dann versucht es unentwegt, zukünftige Erfahrungen zu simulieren, damit diese auf keinen Fall von meinen Erwartungen abweichen. Was eine Erwartung ist? Eine Erwartung ist eine Vermutung über die Zukunft. Woher sie kommt? Aus einer ausgefeilten Simulation der Zukunft, die ständig in meinem Kopf abläuft. Ohne diese Simulation der Zukunft könnte ich gar keine Erwartungen haben. Ohne sie wäre also jeder Moment eine Überraschung.

Noch vor wenigen Tagen hätte diese Vorstellung panische Angst in mir ausgelöst. Und das vollkommen zu Recht. Ohne eine Simulation der Zukunft wären wir natürlich nicht lebensfähig. Trotzdem ist es unbestreitbar, dass in meinem Leben offensichtlich irgendwann etwas schiefgelaufen ist. Denn meine Simulation der Zukunft hat die totale Kontrolle über mein Leben übernommen. Noch dazu ist ihr Inhalt eng, pessimistisch und repetitiv. Immer noch. Doch immerhin weiß ich das jetzt – und allein das hat mein Stresslevel auf ein fast vergessenes Niveau gesenkt. Das ist doch schon mal etwas. Und es fühlt sich gut an.

* * *

»Na Na Na Na Na – Angeeeeln«, singe ich spontan und viel zu laut vor mich hin. Vielleicht sollte ich lieber mal meine Schnauze halten, wenn ich endlich einen Fisch fangen will. Bislang ist mir das leider noch nicht gelungen. Noch nie. Ich höre auf zu singen und konzentriere mich wieder auf den Gedankengang von gerade eben. Woher kommt mein mentales Gefängnis? Warum wiederholt meine Simulation der Zukunft immer wieder die gleichen WorstCase-Szenarien und hält mich dabei vom Schlafen ab? Woher kommen die Dogmen, aus denen die Wände meines Gefängnisses bestehen? Wie kann ich lernen, die Wände meines Gefängnisses sichtbar zu machen? Und wie kann ich Architekt meiner eigenen Simulation und damit Chef meiner eigenen Erfahrung werden? Um diese Fragen zu beantworten, muss ich etwas ausholen. Genau genommen muss ich beim Thema Obdachlosigkeit ansetzen. Noch vor wenigen Tagen hielt ich Obdachlose für wertlose Faulpelze. Ich hielt sie für stinkende Nichtsnutze, die essen, was ich wegwerfe. Doch dann ist mir Gironimo begegnet. Ein wirklich spezieller Typ. Irgendwie hat er mir dabei geholfen, meine eigene Simulation zu hinterfragen, ohne mir dabei seine eigene aufzudrängen. Obwohl mich seine derbe, direkte Art immer noch verunsichert, waren unsere Gespräche bisher sehr befreiend für mich. Sind sie immer noch. Befreiend. Bevor ich Gironimo kennengelernt habe, gab es in meinem Leben nicht viel, das ich als befreiend bezeichnet hätte. Vielmehr habe ich sehr viel Zeit damit verbracht, an die Dinge zu denken, die uns in Ketten legen. An Probleme, die uns als Menschheit betreffen. An unsere Probleme. An Inflation, Klimawandel, Kriege, Depressionen, moralischen Verfall, Entfremdung, Einsamkeit und Extremismus in jeder Form. Ich war davon überzeugt, dass all diese Probleme, die wir als Spezies haben, mehr oder weniger unabhängig voneinander sind. Vor allem aber war ich davon überzeugt, dass sie nur wenig mit meinen ganz persönlichen Problemchen zu tun haben. Mit meinem übertriebenen Pessimismus, meiner Engstirnigkeit und meinem Sicherheitswahn zum Beispiel. Für mich war es klar, dass wir all diese Probleme – ob gesellschaftlicher oder persönlicher Natur – isoliert voneinander lösen müssten. Heute glaube ich, dass all diese Dinge nur Symptome eines einzigen, viel tieferen Problems sind. Was dieses Problem ist? Ein simpler Fehler in der menschlichen Psyche. Ein Fehler, der sich in unseren wichtigsten internen Simulationen wie ein blinder Fleck festgesetzt hat und nun pausenlos die Symptome produziert, die wir als Probleme wahrnehmen. Bis vor Kurzem gab es noch keinen evolutionären Grund, diesen Fehler zu beheben. Aber jetzt gibt es dafür nicht nur einen Grund, sondern gleich mehrere. Denn dieser Fehler wird mit der Zeit durch unsere exponentiell zunehmende technologische Macht auch exponentiell stärker spürbar. Und auch gefährlicher. Schon heute ist er meiner Meinung nach zur größten existenziellen Bedrohung für die Spezies Mensch geworden. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass es noch nie so wichtig war wie jetzt, zu genau dieser Zeit diesen Fehler zu erkennen. Damit uns das als Spezies gelingt, müssen wir die richtigen Antworten angeln, indem wir sie mit den richtigen Fragen ködern. Was genau ist das für ein Fehler? Warum gibt es ihn? Und vor allem: Können wir ihn beheben? Und wenn ja, wie?

* * *

Doch was ist überhaupt ein Fehler? Wann begehe ich einen Fehler? Ein Fehler wäre es zum Beispiel, wenn ich einen alten Schuh für einen essbaren Fisch halte und ihn verspeise, um meinen Hunger zu stillen. Oder, um es allgemeiner zu formulieren: Ich begehe einen Fehler, wenn ich eine schlechte Vermutung, Erklärung oder Idee für eine gute halte und als Konsequenz daraus einen miserablen Plan forme, der kontraproduktive Handlungen nach sich zieht. Einen alten Schuh erkenne ich, indem ich ihn mit der Angel an die Wasseroberfläche ziehe und ihn dann aufmerksam betrachte. Mit schlechten Vermutungen, Erklärungen und Ideen ist das nicht ganz so einfach. Doch verrückterweise hilft auch dort das Angeln – genau wie beim alten Schuh. Sagte ich schon, dass Angeln super ist? Genau deshalb tue ich es. Dabei merke ich, wie die Ereignisse der letzten Tage, begleitet von leisem Vogelgezwitscher und Insektensurren, von ganz allein vor meinem geistigen Auge vorbeiziehen. Nicht ahnend, dass alles, was ich bisher erfahren habe, noch nichts im Vergleich zu dem ist, was noch auf mich warten wird.

GIRONIMO HAT DAS OBDACHLOS GEZOGEN

»Last Christmas, I gave you my heart, but the very next day, you gave it away! This year, to sa«. Nach einer kurzen und unruhigen Nacht waren es ausgerechnet diese Zeilen, mit denen mich mein Radiowecker aus dem Tiefschlaf riss. Na toll, dachte ich, während ich seinen Klängen durch ein unkontrolliertes Betätigen des Power-Buttons ein jähes Ende bereitete. Da musste ich mir schon Ende Oktober diesen Mist anhören. Als wäre es nicht genug gewesen, dass sich mein Gedankenkarussell die ganze Nacht gedreht hatte. Ohnehin war ich so sehr in meinen inneren Kämpfen gefangen, dass es kaum noch Nächte gab, in denen ich mal mehr als vier Stunden Schlaf fand. Zu sehr beschäftigten mich all die seltsamen Dinge, die seit mehreren Wochen in meinem Alltag passierten. Noch immer völlig übermüdet kniff ich die Augen zusammen, um die Uhrzeit vom Radiodisplay ablesen zu können. 06:30 stand da. Kein Wunder, dass ich so müde war. Normalerweise hätte ich auch um halb acht aufstehen können, um rechtzeitig zur Arbeit zu kommen. Doch an diesem Tag ging das nicht. Da ich am Vortag bemerkt hatte, dass mein Citybike einen Platten hatte, musste ich meinen Weg ins Büro ausnahmsweise zu Fuß zurücklegen. Für einen kurzen Moment dachte ich wütend darüber nach, welcher Drecksack wohl für den Platten meines Rads verantwortlich sein könnte. Höchstwahrscheinlich hatten sich die Teenies, die neuerdings jeden Abend im Park am Ende der Straße Marihuana konsumierten, einen Spaß erlaubt. Verdammte Jugendliche. Ich überlegte, ob ich sie anzeigen sollte. Ich beschloss, mir das wahllose Anzeigen von Jugendlichen für meine Rente aufzuheben – erst die Arbeit, dann das Vergnügen. So gehört es sich eben. Bis zu meiner Rente würde es bestimmt eine geeignete App für mein iPhone geben. Eine App für Rentner, die – durch künstliche Intelligenz gestützt – mühelose Massenanzeigen ermöglicht, um wertvolle Zeit für das Entenfüttern freizuschaufeln. Das gibt Dopamin! Vielleicht würde ich ja diesem technologischen Fortschritt dann doch noch etwas abgewinnen können. Ein kleiner Lichtblick in der Zukunft, auf den ich mich vielleicht eines Tages sogar freuen könnte.

Genervt hievte ich mich aus dem Bett und schlurfte ins Bad. Nachdem ich mich fertiggemacht hatte, fuhr ich mit dem Aufzug ins Erdgeschoss. Während ich mich nicht traute, einen Blick in den Spiegel des Aufzugs zu werfen, dachte ich darüber nach, welchen Weg zur Arbeit ich wohl am besten wählen sollte. Aus Angst vor diesen lautlosen Todesfallen – auch bekannt als Elektroautos – entschied ich mich für den Umweg durch den Park. Diese verdammte neumodische Technik würde uns noch alle umbringen.

Ein Blick auf mein iPhone. 08:36. Sehr gut, dachte ich. Noch immer voll im Zeitplan. Es überforderte mich beinahe ein wenig, den Weg zur Arbeit zu Fuß zurückzulegen. Im direkten Vergleich mit den anderen Verkehrsteilnehmern fühlte ich mich unterlegen und die kühle Oktoberluft ließ mich meinen Fahrradhelm vermissen. Tatsächlich verspürte ich so etwas wie Erleichterung, als ich nach fünf weiteren Gehminuten den Eingang zum Park erreichte, an dessen Ende sich die Räumlichkeiten meines Arbeitgebers befinden. Obwohl ich nun schon über 15 Jahre hier arbeitete, fühlte ich mich an diesem Tag besonders unwohl dabei, meinem Arbeitsplatz näherzukommen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass meine Kündigung unmittelbar bevorstand. Mein Chef, der anfangs noch sehr kommunikativ und offen gewesen war, hatte mir in den letzten Tagen kaum noch Beachtung geschenkt. Auch auf den Projektentwurf, den ich ihm vor wenigen Tagen per Mail gesendet hatte, hatte ich noch keine Antwort erhalten. Vermutlich fand er ihn so beschissen, dass er mich in hohem Bogen rauswerfen würde. Eine Kündigung hatte mir jetzt gerade noch gefehlt. Nach all den komischen Vorkommnissen, die sich in den letzten Wochen durch mein Leben gezogen hatten, würde diese mir vermutlich den Rest geben. Gedankenverloren blickte ich durch den Park, den ich inzwischen zur Hälfte durchquert hatte. Abgesehen von den halbvollen Bierdosen, die die Jugendlichen vom Vorabend offensichtlich nicht weggeräumt hatten, störte hier nichts meinen Weg zur Arbeit. Das galt zumindest, bis ich nach ein paar weiteren Minuten einen penetranten Geruch in der Nase vernahm. Ich versuchte mehrmals, mich auf etwas anderes zu konzentrieren, doch der Gestank blieb. Ich ließ den Blick durch den Park schweifen, um der Quelle des Geruchs auf die Spur zu kommen. Am Ende des Parks standen ein paar abgeschlossene Fahrräder; auf der Bank daneben schlummerte ein Obdachloser. Konnte der so weit stinken? Kaum vorstellbar. Keine überfüllten Mülltonnen, kein toter Vogel, nichts. Mir schwante Übles. Voller Sorge hob ich meinen rechten Fuß an, um unter die Sohle zu schauen. Und tatsächlich: Während ich mir mal wieder im Detail meine Kündigung vorgestellt hatte, musste ich in einen Hundehaufen getreten sein. Verdammte Scheiße! Wenn ich so auf der Arbeit auftauchen würde, würde sich mein Chef vermutlich erst recht dazu gezwungen fühlen, mich zu feuern. Nervös hastete ich zu einer Bank am Ende des Parks, um meine Sohle mithilfe von ein paar abgefallenen Laubblättern vom daran klebenden Hundekot zu befreien. Während ich mich mit angehaltenem Atem um die provisorische Reinigung meiner Schuhsohle kümmerte, vernahm ich aus dem Augenwinkel, wie sich der Obdachlose auf der Bank gegenüber aufrichtete. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Mir von irgendeinem Penner dabei zusehen zu lassen, wie ich mir Kot von den Sohlen wische, war ganz sicher nicht Teil meiner Tagesplanung gewesen. Ohnehin verstand ich nicht, wieso es heutzutage überhaupt noch Obdachlose geben musste. In einem Land, in dem einem alles in den Hintern geschoben wurde, sollte man es doch irgendwie schaffen, ein Dach über dem Kopf zu haben, oder? Mit Sicherheit hatte der Kerl Drogen genommen oder über seinen Verhältnissen gelebt und ergötzte sich jetzt täglich daran, wie der gemeine Arbeitnehmer sich einen abschuftete, um seinen Lebensunterhalt zu sichern. Noch bevor ich es schaffte, meinen Schuh einigermaßen bürotauglich aussehen zu lassen, merkte ich, wie der Obdachlose sich in meine Richtung bewegte. Na spitze. Um ein paar Euros angebettelt zu werden, hatte mir gerade noch gefehlt. Ich beschloss, die Säuberung meines Schuhs auf die Mittagspause zu vertagen, und richtete mich wieder auf. Leider kam mir dieser Einfall zu spät. Der Obdachlose stand mir inzwischen direkt gegenüber und mir wurde augenblicklich klar, dass ich der Situation nicht so schnell entfliehen konnte, wie ich es geplant hatte.

»Hey, Sie da«, sagte der Obdachlose. »Kann ich Ihnen etwas Gutes tun?«

Verdutzt blickte ich ihn an und merkte, wie mein Puls in die Höhe schnellte. Spinnt der Typ? Ist das ein Trick? Bin ich in Gefahr?

»Etwas Gutes tun? Wie meinen Sie das?«, stammelte ich.

»Na ja«, setzte er an. »Sie sehen aus, als könnten Sie einen positiven Impuls gebrauchen. Wie wäre es damit?«

Der Obdachlose zog einen Apfel aus der Tasche seiner Jeansjacke und streckte ihn mir entgegen. Will der mich veräppeln? Bevor ich wirklich darüber nachdenken konnte, wie skurril die Situation eigentlich war, schüttelte ich eilig den Kopf.

»Nein, danke«, raunzte ich. »Ich muss zur Arbeit.«

* * *

Meine Interaktion mit dem Obdachlosen im Park beschäftigte mich auch nach meiner Ankunft im Büro deutlich stärker, als sie es hätte tun sollen. Ich erwischte mich im Laufe des Tages mehrmals dabei, wie ich die Situation Revue passieren ließ und das Verhalten des Obdachlosen hinterfragte. Wie kam jemand wie er auf die Idee, mir etwas Gutes tun zu wollen? Er war doch derjenige, der auf die Hilfe von anderen angewiesen war. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr wurmte mich die Situation. Ich ärgerte mich darüber, dass ich nicht direkt gefragt hatte, weswegen der Mann es für nötig gehalten hatte, mir einen Apfel anzubieten. Hatte er etwa gedacht, ich hätte das nötig? Am liebsten wäre ich auf dem Heimweg erneut durch den Park gelaufen, um den Mann möglicherweise erneut anzutreffen. Dann hätte ich ihn auf sein Verhalten ansprechen und ihm sagen können, für wie unpassend ich sein Angebot hielt. Gleichzeitig fühlte sich bereits die Vorstellung affig an, einen Obdachlosen aufzusuchen, weil ich sein Verhalten nicht verstand. Immerhin hätte es 10 000 Gründe dafür geben können. Und jeder dieser 10 000 Gründe hätte mir gleichermaßen egal sein können. Dazu kam, dass ich nach Feierabend sowieso zum Fahrradladen in der Innenstadt musste, um mein bis dahin hoffentlich repariertes Rad abzuholen. Dann konnte ich mir den Weg durch den Park auch sparen. Obwohl ich die Idee, den Obdachlosen noch einmal aufzusuchen, relativ schnell verwarf, riskierte ich beim Verlassen des Büros noch einmal einen kurzen Blick in Richtung des Parkeingangs. Dort sah ich jedoch nichts als ein paar Fußgänger, die mit ihren Dreckskötern Gassi gingen. Einer hässlicher als der nächste. Allein beim Anblick der Hundeknechte verging mir die Lust, dem Park auch nur einen Schritt näherzukommen. Schließlich war irgendeiner dieser Kotfabriken ja daran schuld, dass ich das Büro am Morgen mit stinkenden Füßen hatte betreten müssen. Statt mich also mit einem wildfremden Typen über einen Apfel zu unterhalten, spazierte ich zur nächsten Bushaltestelle, von wo aus mich die Linie 42 direkt vor den Eingang des Fahrradladens bringen würde. Da ich die üblichen fünf Minuten Verspätung selbstverständlich einkalkuliert hatte, war ich pünktlich vor Ladenschluss vor Ort. Ich stieg aus dem Bus, betrat den Fahrradladen und lief geradewegs in die Arme des Betreibers, Herrn Kubensis, der mich bereits erwartet zu haben schien.

»Na, haben Sie Ihr Rad schon vermisst?«, rief er mir lachend entgegen. »Wir sind vor einer halben Stunde fertig geworden!«

Ich zwang mich zu einem aufgesetzten Lächeln und folgte Herrn Kubensis in die kleine Werkstatt, die sich am Ende des Ausstellungsbereiches befindet. Dort angekommen, versuchte er erneut, mich in ein Gespräch zu verwickeln.

»Sagen Sie mal, Ihr Fahrrad ist aber ganz schön leicht! Das konnten wir ja fast am kleinen Finger durch die Werkstatt tragen!«

Obwohl ich hörte, dass Herr Kubensis mit mir sprach, war mein Gehirn nicht dazu in der Lage, eine angemessene Antwort zu konstruieren. Ohnehin nahm ich meine Umwelt nur schemenhaft wahr. Meine Gedanken drehten sich wieder nur um das Chaos, das seit Wochen in meinem Leben herrschte. Wäre sinnloses Grübeln verboten, bekäme ich sicher hundertmal lebenslang. Völlig geistesabwesend quittierte ich seinen Satz lediglich mit einem schmunzelnden Schulterzucken. Dabei war ich eigentlich ganz schön stolz auf das Gewicht meines Fahrrads. Das war so leicht, weil es aus Titan war. Ursprünglich war ich ein herkömmliches Stadtfahrrad gefahren, das ich mit einem Titan-Schloss vor einem Diebstahl schützen wollte. Leider war dann irgendein Mistkerl auf die Idee gekommen, das Fahrrad durchzusägen und mitgehen zu lassen. Als ich wieder am Laternenpfahl angekommen war, an den ich das Fahrrad gekettet hatte, befand sich daran nur noch das Schloss. So etwas konnte mir nun nicht mehr passieren. Immerhin würde kein herkömmlicher Fahrraddieb dazu in der Lage sein, ein Fahrrad aus Titan durchzusägen. Wobei das inzwischen sowieso egal war. Schließlich hatte ich bei meinem letzten Versicherungscheck sowohl mein Fahrrad als auch das Schloss gegen Diebstahl, Erdbeben und Hundeurin versichern lassen. Während andere also zitternd auf der Arbeit saßen, weil sie sich quälende Sorgen um ihren geliebten Drahtesel machten, konnte ich mich entspannt zurücklehnen. Und das nicht nur, wenn es um mein Fahrrad ging: Als verantwortungsvoller Bürger war ich auch gegen alle Schäden versichert, die potenziell entstehen könnten, falls beim Zurücklehnen mein Stuhl nach hinten kippen sollte. Innerlich aber fluchte ich, da mich tatsächlich keine Versicherung gegen schlaflose Nächte versichern wollte. Mit so einer Versicherung wäre ich vermutlich unfassbar reich geworden. Fernab davon empfand ich es jedoch ohnehin als völlig unverständlich, warum nicht jeder weitsichtig und vernünftig genug war, um sich gegen die Gefahren des Alltags zu versichern. Ebenso unverständlich war die Frage, die Herr Kubensis mir beim Vorlesen der fälligen Rechnungskosten breit grinsend stellte:

»Quittung können wir uns schenken, oder?«

»Nein«, entgegnete ich. »Die brauche ich.«

Logisch. Schließlich nutzte ich das Fahrrad ausschließlich für den Weg zur Arbeit und würde die Reparaturkosten somit steuerlich absetzen können. Nachdem ich meine Rechnung bezahlt und die Quittung entgegengenommen hatte, verließ ich den Laden, um mich auf den Weg nach Hause zu machen. Gerade als ich den Verschluss meines Fahrradhelms schließen wollte, vernahm ich aus dem Augenwinkel etwas Ungewöhnliches. Für einen Moment dachte ich, dass mein Bewusstsein mir einen Streich spielte. Doch tatsächlich: Vor der Supermarkt-Filiale, die sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet, saß der Obdachlose, dem ich wenige Stunden zuvor im Park begegnet war. Wie versteinert verharrte ich in meiner Position und starrte den Mann an. Erstmals merkte ich, dass ich am Morgen überhaupt nicht auf sein Äußeres geachtet hatte. Er trug langes, zerzaustes Haar und sein grauer Rauschebart sah aus, als hätte er ihn seit mindestens zwei Wochen weder gekämmt noch gewaschen. Aufgrund seiner leicht drahtigen Statur und der vergleichsweise sanften Gesichtszüge schätzte ich ihn auf Ende 30, maximal Anfang 40. Besonders fiel mir seine lange Nase auf, für die er hoffentlich eine Sondergenehmigung für überstehende Ladung besaß. Als ich ihn ansah, überkam mich plötzlich das deutliche Gefühl, dass irgendetwas an ihm nicht stimmte, doch konnte ich es zu diesem Zeitpunkt noch nicht erfassen. Während ich den Obdachlosen so musterte, überkam mich erneut das Bedürfnis, auf ihn zuzugehen und ihn auf unsere erste Begegnung anzusprechen. Bevor ich mich dafür oder dagegen entscheiden konnte, trafen sich unsere Blicke. Ich versuchte noch, meine Augen rasch auf etwas anderes zu fokussieren, doch es war zu spät. Der Mann hatte gemerkt, dass ich ihn angestarrt hatte. Wohl wissend, dass ich nun ohnehin nichts mehr zu verlieren hatte, streifte ich meinen Fahrradhelm wieder ab und schob mein Fahrrad über die Straße in Richtung des Mannes, der noch immer wenige Meter vor dem Eingang des Supermarktes saß. Als ich bei ihm ankam, grinste er mich vielsagend an. Ich war mir sicher, dass er ein Gespräch beginnen wollte, kam ihm jedoch zuvor.

»So, jetzt aber raus mit der Sprache! Wieso haben Sie mir heute Morgen den Apfel angeboten?«

Der Mann grinste erneut.

»Machen wir doch einen kleinen Spaziergang. Dann können wir darüber sprechen.«

Ich zögerte. War es mir wirklich so wichtig, eine Antwort auf meine Frage zu erhalten, dass ich dafür mit einem Obdachlosen mitten durch die Stadt spazieren wollte? Es war nicht gerade unrealistisch, dass uns dabei jemand sehen würde, den ich kannte. Das wäre mir extrem peinlich. Was würde man da über mich denken? Andererseits war es nicht gerade weniger riskant, mich vor dem belebten Supermarkt mit ihm zu unterhalten. Ich fasste mir ein Herz und nickte ihm zu.

»Na gut«, sagte ich. »Tun wir das.«

* * *

Schon nach wenigen Metern fühlte es sich komisch an, neben diesem obdachlosen Typen mit seinen zerzausten Haaren durch die Innenstadt zu spazieren. Wir bewegten uns langsam auf den Marktplatz zu und ich erwischte mich beinahe minütlich dabei, wie ich mich unauffällig nach Menschen umsah, die mich kennen könnten. Die Situation war mir so unangenehm, dass ich das Gespräch so kurz halten wollte wie möglich.

»Okay, jetzt will ich es wissen. Warum haben Sie mir heute Morgen den Apfel angeboten?«

Ich war wirklich gespannt auf seine Antwort.

»Äpfel sind doch gesund, oder?«, entgegnete der Mann. Ich rollte mit den Augen.

»Ja, das weiß ich. Aber warum haben Sie mir einen angeboten? Das macht man doch nicht einfach so!«

»Warum denn nicht?«

Ich merkte, wie seine vagen Antworten langsam, aber sicher begannen, mich zu nerven.

»Ganz einfach: Man bietet fremden Menschen doch keine Äpfel an! Vor allem nicht als Obdachloser. Obdachlose bieten niemandem etwas an. Wo haben Sie den Apfel überhaupt her?«

Der Obdachlose grinste mich erneut an. Wieder beschlich mich ein komisches Gefühl. Was stimmt mit diesem Typen nicht?

»Was spricht denn dagegen, einem verzweifelt wirkenden Fremden einen Apfel anzubieten?«

Ich zögerte. War ich in seinen Augen etwa der Spinner von uns beiden? Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass er aufrichtiges Interesse an meiner Sicht auf die Dinge hatte. Dennoch fiel es mir schwer, eine Antwort auf seine Fra ge zu finden. Bevor ich mich zu einer Antwort durchringen konnte, tat der Obdachlose etwas Überraschendes und stellte sich vor.

»Ich heiße Gironimo. Und du?«

Wow. Er duzte mich, ohne um Erlaubnis zu bitten. Was für eine Respektlosigkeit. Alles in mir schrie danach, ihn als einen verdammten Penner zu beleidigen, doch ich wollte mich nicht auf sein Niveau herab begeben. Schließlich war er der Typ, der auf der Straße schlief und vor Supermärkten nach Geld bettelte. Nicht ich. Anstatt einen Streit vom Zaun zu brechen, beantwortete ich seine Frage.

»Ich heiße Herr Brinde.«

»Freut mich, dich kennenzulernen, Herr Brinde.« Erneut schaute Gironimo mich grinsend an – fast so, als wüsste er, dass es mir schwerfiel, die zuvor von ihm gestellte Frage zu beantworten. Doch diesen Triumph gönnte ich ihm nicht. Obwohl ich noch immer nicht verstand, weshalb er mich für verzweifelt hielt, rang ich mich zu einer Antwort durch. Dass er mich dreisterweise erneut geduzt hatte, ignorierte ich dabei wie ein Weltmeister.

»Wenn Sie fremden Menschen Äpfel anbieten, verstoßen Sie damit gegen eine soziale Norm. Das macht Menschen Angst. Tun Sie also nicht so, als wäre das etwas ganz Normales.«

Zu meiner Überraschung hatte er sofort eine passende Antwort parat.

»Das macht dir Angst. Weil du fixe Erwartungen daran hast, wie sich Menschen verhalten sollten. Ich habe damit nichts zu tun.«

So ein verdammtes Arschloch. Er hatte doch mit dem Apfel angefangen, nicht ich! Er war der Sonderling, nicht ich! Doch wenn das so offensichtlich war, wieso regte ich mich dann so auf? Während ich einen Moment innehielt, wurde mir bewusst, dass es eigentlich gar nicht der Apfel war, der mich so störte. Gironimo hatte nämlich recht. Ich hatte tatsächlich Angst. Er war der erste Mensch, dem das aufgefallen war. Noch schlimmer als das war nur die Tatsache, dass ich nicht einmal wusste, wovor ich Angst hatte. Die Angst war zwar omnipräsent, ich konnte sie jedoch nicht klar zuordnen, geschweige denn definieren. Obwohl ich eigentlich nicht das Bedürfnis hatte, mit einem Fremden über mein Seelenleben zu sprechen, sprudelte es plötzlich aus mir heraus.

»Okay, weißt du was – vielleicht habe ich Angst, okay? Und jetzt? Wo ist das Problem?«

Für einen Moment schämte ich mich dafür, dass ich so persönlich geworden war und mein Gegenüber dabei auch noch aus Versehen geduzt hatte. Ich schob meine Scham jedoch schnell beiseite. Unterm Strich fühlte es sich nämlich überraschend gut an, endlich mal mit jemandem darüber zu sprechen. Wer weiß, dachte ich. Vielleicht würde mir das ja dabei helfen, heute Nacht ausnahmsweise mal durchzuschlafen.

»Wovor hast du denn Angst?«

Gironimos Frage riss mich urplötzlich aus meiner Traumwelt. Ich zögerte. Wie sollte ich ihm diese Frage nur beantworten, wenn ich sie nicht einmal für mich selbst beantworten konnte?

* * *

Ich: »Ich weiß es nicht. Irgendetwas Schreckliches passiert mit mir. Ich glaube, ich werde verrückt. Bestimmt kommt das von der WLAN-Strahlung meines Nachbars. Ich mache mein WLAN nachts natürlich immer aus. Ich habe gelesen, dass die Strahlung ungesund sein soll. Aber mein Nachbar zockt die ganze Nacht irgendwelche Spiele im Internet. Seit ich das gemerkt habe, passieren lauter gruselige Dinge um mich herum.«

Gironimo: »Gruselige Dinge? Was denn für gruselige Dinge?«

Ich: »Dinge, die für mich keinen Sinn ergeben. Dinge, die mich verwirren. Als ich heute Morgen das Haus verlassen habe, musste ich den Schlüssel zum Beispiel nur einmal umdrehen. Dabei sperre ich meine Wohnung von innen immer zweimal ab. Immer, ohne Ausnahme! Ich glaube fast, irgendwer hat es auf mich abgesehen. Vielleicht mein Vermieter …«

Gironimo: »Hat denn etwas in der Wohnung gefehlt?«

Ich: »Ich glaube nicht, nein. Aber meine Haustür quietscht auf einmal nicht mehr. Jemand muss sie heimlich geölt haben.«

Gironimo (grinsend): »Oh nein, das ist ja fürchterlich! Ein hungerndes Kind ist ja nichts dagegen!«

Ich: »Hey! Das ist wirklich schlimm für mich. Was soll diese Polemik?«

Gironimo: »Ich tippe mal auf Karma. Du warst in deinem früheren Leben sicher Hitler und die heimlich geölte Tür ist jetzt die Strafe für deine Taten!«

* * *

Jetzt, so entspannt am See liegend, finde ich Gironimos sarkastische Sprü che schon irgendwie witzig. Aber in dem Moment, als er sie brachte, fühlte ich mich gedemütigt und kochte vor Wut. Vor allem kotzte es mich an, dass der Typ es allen Ernstes für angemessen hielt, ausgerechnet Hitler in seinen dämlichen Witz zu integrieren. So etwas gehörte sich in Deutschland einfach nicht. Witze wie dieser waren ein Tabu und das war auch gut so. Gironimo schien jedoch keineswegs zu merken, in was für ein gewaltiges Fettnäpfchen er durch seinen Spruch getreten war. Ehe ich mir ernsthafte Gedanken über eine passende Antwort machen konnte, sprudelte es aus mir heraus: »Und du warst wohl Mutter Theresa, du nutzloser Penner!« Noch bevor ich den Satz zu Ende gesprochen hatte, bereute ich ihn bereits. Um mich zu beruhigen, erinnerte ich mich selbst daran, dass Gironimo mit den pietätlosen Witzen angefangen hatte und somit selbst daran schuld war, dass ich ihn nun beleidigt hatte. Der Gedanke, dass ich gar nicht anders konnte, beruhigte mich. Aber völlig unerwartet schien ihn meine Beleidigung nicht im Geringsten zu tangieren. Anstatt wütend zu werden oder sich verletzt zu zeigen, lachte er laut auf. Es schien beinahe, als würde er sich darüber freuen, beleidigt worden zu sein. Das verwirrte mich. Wie konnte jemand es gut finden, von einem fremden Menschen beleidigt zu werden? Ich blickte Gironimo irritiert an.

»Wie auch immer«, sagte er. »Es hat mich gefreut, mit dir zu sprechen. Danke für diesen schlagfertigen Austausch. Vielleicht haben wir ja demnächst wieder das Vergnügen. Du kannst mich immer ansprechen, wenn dir danach sein sollte.«

Ich wusste, dass Gironimo versuchte, das Gespräch versöhnlich zu beenden. Dennoch brachte mich das Gesagte zur Weißglut. Wie kam jemand wie er bitte auf die Idee, sich mir als Gesprächspartner anzubieten? Als Obdachloser war er doch derjenige, der froh sein konnte, wenn jemand wie ich sich die Zeit nahm, um sich mit ihm zu unterhalten. Wieso spielte er sich also so auf, als könnte ich auf irgendeine Art und Weise von einem weiteren Gespräch mit ihm profitieren? Ich beschloss, der Sache ein Ende zu setzen.

»Mal schauen. Vielleicht komme ich darauf zurück.«

Zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch nicht ahnen, welch verhängnisvollen Einfluss Gironimo auf mein Leben haben würde.

DIE INSEL DER GUTEN ERkLäRUNGEN

Gironimo: »Hey, Herr Brinde! Was treibt denn das WLAN Ihres Nachbarn so für Unwesen?«

* * *

Ich zuckte zusammen und schaute mich auf dem Marktplatz um. Meine beiden Aufeinandertreffen mit Gironimo waren inzwischen zwei Tage her, doch ich erkannte seine Stimme sofort. Er saß mit einem Buch in der Hand auf der Bank neben dem kleinen Obststand, bei dem ich mich gerade mit Äpfeln eingedeckt hatte. Er hielt mir das Buch unter die Nase: Quantenphysik für Hippies. »Sehr zu empfehlen«, sagte er. Für einen Moment wusste ich nicht, wie ich mit der Situation umgehen sollte. Einerseits war ich aufgrund unseres letzten Gesprächs noch immer ein wenig verstimmt. Andererseits imponierte es mir, dass er sich noch an die Sache mit dem WLAN meines Nachbars erinnerte. In jedem Fall kam es mir bescheuert vor, dass jemand, mit dem ich noch vor zwei Tagen über meine Ängste und Sorgen gesprochen hatte, mich noch immer Herr Brinde nannte.

»Ich heiße übrigens Karl«, sagte ich, während ich Gironimo mit einer Kopfbewegung zu verstehen gab, dass er ein Stück rutschen sollte. Gironimo folgte meiner Geste.

»Freut mich, dich kennenzulernen, Karl.«

* * *

Gironimo: »Na, dann erzähl mal, Karl. Was treibt das WLAN deines Nachbars so für Schabernack mit dir? Hast du deinen Nachbarn, den Zock-Junkie, bereits angezeigt?«

Einfach anzeigen? Ausgezeichnete Idee! Dieser Gironimo wird mir langsam immer weniger unsympathisch. Vielleicht ist er doch nicht so ein Arschloch.

Ich: »Nein, bisher leider keine Anzeige. Aber ich bin kurz davor. Die un heimlichen Dinge um mich herum passieren weiterhin. Vor ein paar Tagen lag die Zahnpasta auf meinem Küchentisch. Dort habe ich sie noch nie hingelegt, noch nie! Mich macht das so verrückt, dass ich ständig nach einer Erklärung für diese Dinge suche. Damit bin ich völlig überfordert. Es kommt selten vor, dass ich nachts mal ruhig schlafen kann, weil ich ständig darüber nachdenken muss. Es sind ja auch nicht nur die unheimlichen Dinge in meinem Leben, die mich fertig machen. Die ganze Welt spielt doch verrückt!«

Gironimo: »Die ganze Welt? Wie meinst du das?«

Ich: »Na ja, das ist doch offensichtlich. Die Welt, in der wir leben, ist nicht mehr so, wie sie mal war. Früher konnte man das Leben noch ein Stück weit genießen. Heute geht es nur noch um schneller, besser, größer und stärker. Dabei merken die Leute gar nicht, dass wir geradezu auf den Abgrund zusteuern. Die Menschen werden immer ungesünder, dümmer und hässlicher. Und durch die Inflation können wir uns nichts mehr leisten und irgendwann werden uns die Rohstoffe ausgehen, woran unser auf ständigem Wachstum basierendes System endgültig zerbrechen wird.«

Gironimo: »Könnte es nicht sein, dass der Mensch irgendwann ein Verständnis dafür entwickeln wird, wie mit solchen Problemen umzugehen ist? Möglicherweise müssen wir uns nur bestimmtes Wissen aneignen, das wir jetzt noch nicht haben, um die von dir befürchteten Szenarien abzuwenden. Das würde dann bedeuten, dass unser Fortschritt uns dabei helfen wird, unsere Probleme zu lösen. Was denkst du dazu?«

So was Dummes hab ich ja noch nie gehört! Unser Fortschritt ist doch genau das Problem!

Ich: »Ach, das ist doch Unsinn! Letzten Endes sind wir nichts anderes als mehr oder weniger gut angezogene Affen. Unser gefeierter Fortschritt wird uns doch gerade zum Verhängnis! Mediensucht, Fettleibigkeit und Faulheit sind alles Kinder des Fortschritts. Außerdem werden wir niemals dazu in der Lage sein, alles zu verstehen und unsere Probleme selbst zu lösen. Wo soll denn dieses Wissen überhaupt herkommen?«

Gironimo: »Das kann ich dir gerne erklären, wenn du willst. Aber mach dich auf etwas gefasst – dieses Verständnis könnte deine Perspektive auf das Leben wesentlich erweitern.«

* * *

Obwohl ich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorstellen konnte, was eine erweiterte Perspektive überhaupt sein soll, weckte Gironimo meine Neugier. Als Obdachloser hat er ja schließlich das Perspektivenlos gezogen. Könnte er mir tatsächlich helfen? Sollte ich ihm eine Chance geben? Andererseits merkte ich, wie es schon wieder in mir brodelte. Da nahm es sich doch wirklich ein nutzloser Obdachloser heraus, mir etwas beibringen zu wollen. Ich fühlte mich erniedrigt, war aber gleichzeitig verzweifelt genug, um ihn fortfahren zu lassen.

* * *

Gironimo: »Schau mal, Karl. Wir leben in einer sehr komplexen Welt. Um besser in ihr zurechtzukommen, versuchen wir, für alles, was wir erleben, Erklärungen zu finden. Manche dieser Erklärungen sind sehr gut, aber viele sind unfassbar schlecht und können uns das Leben zur Hölle machen. Aber mithilfe von guten Erklärungen sind wir in der Lage, schwierige Probleme zu lösen. Ein Beispiel für eine schlechte Erklärung wäre, dass die Pest eine Strafe Gottes sei. Eine gute Erklärung dagegen wäre, dass die Pest durch Bakterien ausgelöst wird. Was meinst denn du, wie findet man eine gute Erklärung? Und wie wird diese Erklärung zu unserem Wissen?«

* * *

Ich schüttelte leicht ungläubig mit dem Kopf. Was dachte der Spinner, wer er sei – Sokrates? Das, was er da redete, machte überhaupt keinen Sinn! Zuerst faselte er etwas von guten und schlechten Erklärungen und nun sollte es um Wissen gehen? Trotz meines Unverständnisses sah ich es nicht ein, mich von einem Obdachlosen vorführen zu lassen. Ich beschloss, seine dämliche Frage zu beantworten, um das Gespräch schnellstmöglich wieder zu beenden.

* * *

Ich: »Ganz einfach: Wir machen eine Beobachtung, leiten daraus eine Theorie ab und bestätigen diese Theorie dann mit Experimenten. Sobald wir das getan haben, gilt die Theorie als bewiesen, und dann wissen wir etwas.«

So, das sollte diesen Penner zum Schweigen bringen. Ich bin ja schließlich kein Idiot.

Gironimo: »Ich dachte mir schon, dass du das glaubst. Das glauben die meis ten. Aber was ist, wenn ich dir sage, dass das nicht stimmt? Dass wir Menschen Wissen auf eine ganz andere Art erzeugen?«

Ich: »Das stimmt nicht? Das habe ich aber so in der Schule gelernt!«

Gironimo: »Man lernt so einigen Blödsinn in der Schule.«

Okay, das war sein bisher bestes Argument.

Ich: »Und was genau stimmt daran jetzt nicht?«

Gironimo: »Ich gebe dir ein Beispiel. Stell dir vor, du bist ein Mastschwein. Jeden Tag kommt der Bauer und füttert dich. Nach einer Weile leitest du daraus eine Theorie ab: Der Bauer liebt Schweine und hat nur dein Wohl im Sinn. Du beschließt, deine Theorie mit einem Experiment zu beweisen, und fragst alle anderen Schweine, ob auch sie jeden Tag vom Bauern gefüttert werden. Nachdem alle Schweine deine Theorie bestätigt haben, glaubst du, dass deine Theorie bewiesen ist. Du glaubst, sie ist ein Fakt. Aber dann eines Tages kommt der Bauer und schlitzt dir den Hals auf und verfüttert dich an seine Familie. Siehst du die Gefahr dieser als Induktion bekannten Methode, um allgemeingültiges Wissen abzuleiten?

Ich: »Okay, ich verstehe. Wie soll Wissen, also allgemeingültiges Wissen, das auch zu 100 Prozent stimmt, deiner Meinung nach sonst entstehen?«

Gironimo: »Gar nicht. Wir sind da deutlich bescheidener geworden. Heute verstehen wir, dass selbst unsere besten Theorien nur Vermutungen sind. Diese Erkenntnis basiert auf den bahnbrechenden Arbeiten von Karl Popper und die sind nicht mal 100 Jahre alt.1 In anderen Worten: Die Wissenschaft produziert nicht die Wahrheit, sondern ein dynamisches Glaubenssystem, das sich mit der Zeit weiterentwickelt. Dieses dynamische Glaubenssystem ist zwar deutlich vertrauenswürdiger als alle anderen Glaubenssysteme, aber es ist immer noch nur ein Glaubenssystem, welches letztendlich auf Vermutungen basiert.«

Wie bitte? Was hat denn Wissenschaft mit Glauben zu tun? Wenn ich glauben will, gehe ich in die Kirche.

Ich: »Und wie soll dieses vertrauenswürdige Glaubenssystem entstehen?«

Gironimo: »Durch Raten und Attackieren.«

Okay, dem Kerl fehlen offensichtlich doch ein paar Latten im Zaun. Verschwende ich hier meine Zeit?

Ich: »Raten? So ein Blödsinn! Wir raten doch nicht! Ich habe mir in meinem Leben schon sehr viel Wissen angeeignet. Raten musste ich dabei noch nie! Und was attackieren wir bitte? Ich blicke bei dem Quatsch, den du da faselst, gar nicht mehr durch!«

Ich sollte ihm einfach einen Euro geben und ihn den Wölfen – äh, seinem erbärmlichen Pennerdasein überlassen.

Gironimo: »Ganz einfach: Wir attackieren – oder kritisieren – unsere eigenen Vermutungen. Je mehr und je härtere Attacken eine Vermutung überlebt hat, desto vertrauenswürdiger wird sie. Die Wissenschaft ist deutlich demütiger, als viele Menschen denken. Wenn wir eine Theorie aufstellen, wird diese kontinuierlich auf mögliche Schwachstellen getestet. Im Prinzip genauso, wie es die genetische Evolution auch macht!«

Ich: »Die Evolution? Was hat denn die Evolution damit zu tun?«

Gironimo: »Die genetische Evolution basiert auf dem gleichen Prinzip.2 Sie rät und attackiert. Sie rät durch zufällige Genmutationen und versucht, diese dann umzubringen, bevor sie sich fortpflanzen können. Sie nutzt den Zufall, um Neues zu schaffen, und das Attackieren, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Denn nur die Gene, die sich diesem Selektionsdruck erfolgreich widersetzen, existieren heute. Aber bedeutet das, dass diese Gene für immer existieren werden?«

Okay, irgendwie macht das doch ein wenig Sinn, was der Typ da erzählt.

Ich: »Nein, diese Gene werden ständig weiter attackiert und können natürlich immer noch aussterben. Und einige sterben auch aus.«

Gironimo: »Genau! Gene sind letztlich nichts anderes als Information. Also eine Form von Wissen. Sie enthalten Vermutungen darüber, welche Strategien überleben und sich fortpflanzen könnten. Wir können also auch alle existierenden Gene als ein dynamisches Glaubenssystem begreifen, das die Natur durch Raten und Attackieren erschaffen hat.«

Ich: »Das heißt, mit unserer Wissenschaft führen wir nur das fort, was die Natur schon seit Milliarden von Jahren betreibt?«

Gironimo: »Ja, im Prinzip ist es so. Aber mit einem gewaltigen Unterschied: Wir Menschen können auf eine Waffe zurückgreifen, die die zeitliche Entwicklung dieses Glaubenssystems exponentiell beschleunigt. Diese Waffe stand der Natur bisher nicht zur Verfügung.«

Ich: »Und die wäre?«

KREATIVITÄT UND DAS INFORMIERTE RATEN

Gironimo: »Unsere Fähigkeit zum informierten Raten. In anderen Worten: unsere Kreativität.«

Ich: »Das versteh ich nicht. Was bitte ist informiertes Raten?«

Gironimo: »Ich erklär es dir mit diesem Kartenspiel. Hier, zieh eine Karte. Und zeig sie mir nicht.«

Ich: »Okay.«

Der Herzkönig, meine Lieblingskarte!

Gironimo: »Das Kartenspiel hat 52 Karten. Wenn ich deine Karte jetzt erraten müsste, müsste ich 52-mal raten, um sicherzugehen, dass ich die richtige Karte finde. Die Größe des Rateraums – auch genannt Suchraum – ist also 52. Das wäre ein Beispiel für uninformiertes Raten. Wenn ich jetzt wüsste, dass du einen König gezogen hast, müsste ich nur 4-mal raten. Das wäre informiertes Raten, weil ich die Information ›Die Karte ist ein König‹ beim Raten berücksichtigen würde. Jede Information darüber, wie die Lösung ungefähr aussehen müsste, verkleinert also meinen Suchraum, den ich beim Raten durchsuchen muss.«

Woher zum Teufel weiß er, dass ich einen König gezogen habe?

Ich: »Okay, und die Verkleinerung des Suchraums soll eine unglaublich mächtige Waffe sein?«

Gironimo: »Wenn es um Leben und Tod geht auf jeden Fall. Stell dir mal vor, du hast nur fünf Sekunden Zeit, um die richtige Karte zu erraten, und kannst aber nur einmal pro Sekunde raten. Wenn du die Karte innerhalb von fünf Sekunden errätst, überlebst du. Wenn nicht, stirbst du aus. Bei einer Suchraumgröße von 52 würde ich jetzt nicht auf dein Überleben wetten. Aber bei einer Suchraumgröße von vier überlebst du auf jeden Fall. Ein kleinerer Suchraum kann also über Leben und Tod entscheiden.«

Ich: »Ich verstehe. Ein kleinerer Suchraum ist ein evolutionärer Vorteil, weil man weniger ausprobieren und testen muss und damit schneller die passende Lösung findet.«

Gironimo: »Genau. Und obwohl der Suchraum der Evolution unfassbar riesig ist, hat dieser simple Prozess aus uninformiertem Raten gefolgt von Attackieren nach unserem heutigen Verständnis alle Lebewesen kreiert. Ist das nicht auch irgendwo ein kreativer Prozess?«

Ich: »Klar, diese sogenannten Lebewesen sind sogar unglaublich kreative Schöpfungen. Du musst nur mal in den Spiegel sehen, um jeden Zweifel zu beseitigen.«

Gironimo: »Haha! Guter Punkt. Die genetische Evolution ist kreativ, aber wir Menschen sind noch kreativer. Indem wir beim Raten Informationen berücksichtigen und diese effizient repräsentieren, verkleinern wir unseren Suchraum enorm und erhalten so eine deutlich größere kreative Reichweite. Dadurch können wir uns Dinge vorstellen und Lösungen finden, die der genetischen Evolution gar nicht zugänglich sind, weil sie außerhalb ihrer kreativen Reichweite liegen.«

Ich: »Was meinst du mit kreativer Reichweite?«

Gironimo: »Meinst du, die genetische Evolution würde es ohne die Kreativität der Menschen auf den Mond schaffen? Oder meinst du, sie würde eine gute Erklärung dafür finden können, warum die Sonne scheint?«

Ich: »Eher nicht. Und du sagst, dass wir das können, weil wir beim Suchen nach Lösungen bereits bekanntes Wissen mit einbeziehen können?«

Gironimo: »Genau! Um zum Beispiel die Erklärung dafür zu erraten, warum die Sonne scheint, musst du die Quantenphysik berücksichtigen. Die Quantenphysik ist aber selbst eine Erklärung. Neue gute Erklärungen können also aus bereits bekannten guten Erklärungen zusammengebaut werden. Und mit jeder neuen guten Erklärung bekommen wir einen neuen Legobaustein, mit dem wir wieder neue Erklärungen zusammenbasteln können. Wir können uns also an unseren alten Erklärungen zu immer neueren und besseren Erklärungen emporschwingen. Im Gegensatz zur Evolution hat die Spezies Mensch die Fähigkeit, sich auf die Schultern von Riesen zu stellen, um weiter zu sehen als die Riesen.«3

Okay, so habe ich das noch nie gesehen. Mir fangen diese »Menschen« langsam an, immer weniger zu missfallen.

Ich: »Okay, das verstehe ich. Wir raten also wesentlich gezielter als die Evolution und das spart uns jede Menge Zeit und Energie. Aber wir probieren doch auch nicht alles, was wir so raten, direkt aus, oder? Viele Dinge, die uns in den Sinn kommen, verwerfen wir doch auch wieder.«

Wenn dem nicht so wäre, hätte ich Gironimo bestimmt schon ein oder mehrere blaue Augen verpasst.

Gironimo: »Sehr guter Punkt. Im Gegensatz zur genetischen Evolution können wir uns die Konsequenzen unserer Entscheidungen vorstellen. Indem unser Gehirn alternative Zukunftsszenarien simuliert, müssen wir viele extrem dämliche Dinge nicht in echt ausprobieren. Kannst du dir vorstellen, wie viel Leid uns diese Superfähigkeit als Spezies bereits erspart hat?«

Leid erspart? Ist es nicht genau diese Superfähigkeit, die bei mir nachts zur Superunfähigkeit zu schlafen mutiert?

* * *

Spätestens nach diesem Austausch musste ich mir eingestehen, dass ich das Gespräch mit Gironimo mit jeder Sekunde interessanter fand. Ich löste mich immer mehr von der Vorstellung, hier nur mit irgendeinem dahergelaufenen Obdachlosen zu sprechen, und vergaß beinahe, dass sich um uns herum noch immer Leute befanden, die mich sicher aufs Härteste dafür verurteilten. Aber der Typ, mit dem ich es hier zu tun hatte, schien definitiv kein gewöhnlicher Obdachloser zu sein. Vielleicht konnte er mir tatsächlich dabei helfen, meine Probleme zu lösen. Ich beschloss, ihn ein wenig auf die Probe zu stellen.

* * *

Ich: »Wenn ich dich richtig verstehe, entstehen gute Erklärungen also nicht durch Beobachtungen und Ableitungen, sondern durch informiertes Raten und Attackieren. Ich kann mir das aber immer noch nicht so ganz vorstellen. Hast du eine gute Erklärung dafür, wie es abläuft und wie wir Menschen es geschafft haben, so viele gute und nützliche Erklärungen zu finden?«

Gironimo: »Klar! Willkommen auf der Insel der guten Erklärungen! Die Insel besteht, wie der Name schon sagt, aus guten Erklärungen und sie liegt im unendlich großen Ozean aller möglichen uns noch unbekannten Erklärungen. In der Mitte der Insel fühlen wir uns am sichersten. Dort befinden sich die fundamentalsten und besten Erklärungen, die wir haben. Unsere Gesetze der Physik befinden sich in der Mitte. Dass eine Erklärung gut ist, erkennen wir daran, dass wir sie ausgiebigen Tests ausgesetzt haben, die sie bestanden hat. Auf diese Erklärungen bauen dann andere Erklärungen auf. Wie zum Beispiel, warum die Planeten die Sonne umkreisen. Warum auf einen Tag die Nacht folgt oder warum es Sauerstoff auf der Erde gibt. Diese Erklärungen haben so vielen Attacken standgehalten, dass wir sie heute als Wissen bezeichnen. Auch sie sind nicht weit vom Zentrum der Insel zu finden. Je weiter wir uns zum Rand der Insel begeben, desto wackliger werden unsere Erklärungen. Wenn du barfuß über den Strand läufst und der Sand nur ein kleines bisschen feucht ist, kannst du dich noch ausreichend auf die Erklärungen verlassen. Wenn du jedoch schon mit deinen Zehen unter Wasser stehst, wird es schon deutlich schwammiger.«

Ich: »Schwammige Erklärungen? So wie deine gerade? Was passiert denn, wenn sich Erklärungen auf dieser Insel gegenseitig widersprechen?«

Gironimo: »Keine Angst, diese metaphorische Erklärung wird schon noch solider. Wenn sich Erklärungen, Vermutungen oder allgemein Informationen widersprechen, nennt man diese Informationen inkohärent. Wenn Informationen logisch zusammenhängen, konsistent und widerspruchsfrei sind, heißen sie dagegen kohärent. Kohärente Informationen ergeben zusammen ein in sich stimmiges und schlüssiges Gesamtbild. Auf der Insel der guten Erklärungen wird ständig Informationskohärenz maximiert. Das ist eine Konsequenz der gnadenlosen Attacken auf alle Erklärungen. Diese Insel erzeugt also ein großes, zusammenhängendes und möglichst kohärentes Modell der Realität.«

Ich: »Diese Insel ist ein Bild der Realität?«

Gironimo: »Präziser wäre zu sagen: Diese Insel ist eine möglichst kohärente, aber unvollständige Repräsentation der Realität. Denn auch die Erklärungen, die sich in der Mitte der Insel befinden, sind nicht die endgültige Wahrheit. Auch unsere Gesetze der Physik gelten nicht in allen Situationen. Aber zusammen mit dem Wissen, in welchen Situationen sie gute Vorhersagen liefern und in welchen nicht, bilden sie eben die besten und vertrauenswürdigsten Vermutungen, die wir aktuell haben. Es kann aber jederzeit passieren, dass wir neue Erklärungen finden, die noch besser sind als die, die wir heute als Wissen bezeichnen.«

Ich: »Zum Beispiel Erklärungen, die die Informationskohärenz der Insel erhöhen?«

Gironimo: »Genau! Dadurch kann es also jederzeit passieren, dass einzelne Erklärungen unserer Insel durch noch bessere Erklärungen ersetzt werden oder Erklärungen mit neuen Erkenntnissen in Richtung Zentrum wandern. Unsere Insel wird also nicht nur ständig größer, sondern auch immer vertrauenswürdiger. Das Raten und Attackieren von Erklärungen ist ein Prozess, der nie aufhören wird.«

Ich: »Warum nicht? Irgendwann haben wir doch alle guten Erklärungen gefunden!«

Gironimo: »Dieser Prozess kann nur aufhören, wenn diese Insel zur Realität selbst werden würde. Aber diese Insel wird immer nur ein Modell oder eine Art Perspektive auf sie bleiben. Wie gesagt, sind selbst unsere besten Erklärungen nur Vermutungen. Sie sind niemals die Wahrheit. Wir kommen der Wahrheit mit besseren Erklärungen nur ein kleines Stückchen näher, aber können sie niemals erreichen.«

Das klingt irgendwie hoffnungslos. Wir haben also gar keine Chance, die Wahrheit zu finden und alles zu erklären?

Ich: »Aber das ist doch scheiße! Dann sind wir ja nie fertig!«

Gironimo: »Nein, das ist wunderbar! Das bedeutet, dass Fortschritt unbegrenzt ist! Das heißt, dass wir immer etwas Nützliches dazulernen können, egal wie viel wir schon wissen. Die Luft nach oben geht uns also niemals aus. Es bleibt für immer spannend, was wir als Nächstes begreifen werden und auf welche kreative Weise wir die aktuellen Probleme lösen werden.«4

Warum fühlt sich der Boden unter meinen Füßen plötzlich so angenehm schwammig an?

* * *

Auf diese Weise hatte ich das vorher noch nie gesehen. Ich erinnere mich, dass ich aus irgendeinem Grund ein Schmunzeln unterdrücken musste. Wahrscheinlich ahnte ich die immense Tragweite dessen, was ich gerade gehört hatte, bereits, obwohl ich sie zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht erfassen konnte. Zugegeben: Was Gironimo da von sich gab, klang erstaunlich schlüssig. Gemessen daran, dass es immer noch von einem Obdachlosen kam, klang es sogar fast zu schlüssig. Aber die Frage, was genau das alles mit mir und meiner Situation zu tun haben sollte, erschloss sich mir noch nicht ganz. Ich beschloss, ihn zu unterbrechen.

* * *

Ich: »Und was hat das Ganze jetzt mit mir zu tun?«

Gironimo: »Du stehst doch auch gerade am Strand deiner ganz persönlichen Insel der Erklärungen, welche aus Vermutungen über die Welt bestehen. Und auch du suchst gerade verzweifelt nach einer neuen und dazu passenden Erklärung, oder? Warum ist deine Tür auf einmal geölt?«

Ich: »Okay, stimmt. Ich finde es unerträglich, nicht zu wissen, was genau los ist! Das raubt mir den Schlaf!«

Gironimo: »Das ist völlig normal. Du erlebst gerade Informationsinkohärenz. Du spürst, dass da irgendetwas nicht zusammenpasst. Informationsinkohärenz geht Hand in Hand mit Ungewissheit, weil widersprüchliche oder unklare Informationen das Gehirn daran hindern, ein konsistentes und verständliches Bild der Situation zu formen.«

Ich: »Ja genau, so fühlt es sich an! Mir fehlt eine wichtige Information und mein dämliches Gehirn versucht vergeblich, das passende Puzzlestück zu finden, um wieder diese blöde Kohärenz herzustellen. Es findet aber nur unpassende Puzzlestücke und das macht mir Angst! Diese stressige Suche nach dem passenden Puzzlestück lässt mich nachts wach liegen.«

Gironimo: »Eben. Aus dieser Sicht ist es doch klar, dass du verzweifelt nach Erklärungen suchst. Du hoffst, dass eine dieser Erklärungen wieder Informationskohärenz herstellt, deiner Ungewissheit in den Arsch tritt und du friedlich einschlummern kannst. Dafür brauchst du dich nicht über dich selbst zu ärgern. Jedes Lebewesen strebt danach, seine Informationskohärenz zu maximieren.«

Erklärungen treten der Ungewissheit in den Arsch? Also bitte. Aber was will man von einem Obdachlosen schon erwarten.

Ich: »Treten nicht auch schlechte Erklärungen der Ungewissheit in den Arsch?«

Gironimo: »Auch schlechte Erklärungen vertreiben Ungewissheit. Deshalb brauchen wir eine clevere Strategie, um die guten Erklärungen von den schlechten zu unterscheiden.«

Ich: »Wozu denn? Wenn beide die nervige Ungewissheit verjagen, dann ist doch das Problem gelöst.«

Gironimo: »Ich beantworte deine Frage mit einer äußerst miserablen Erklärung, die einmal die Ungewissheit viel zu vieler Menschen verjagt hat: ›Die Juden sind für die Pest verantwortlich.‹«5

Okay, das Argument zieht bei mir. Schlechte Erklärungen können also extrem gefährlich sein.

Ich: »Ich verstehe. Wir sollten also nicht nur Unsicherheit, sondern auch schlechte Erklärungen bekämpfen.«

Gironimo: »Stimmt. Aber als Individuum ist das gar nicht so leicht. Denn manchmal fühlen sich für uns auch schlechte Erklärungen kohärent an, weil sie zu anderen schlechten Erklärungen passen. Nur weil unsere Erklärungen alle kohärent sind und sich in sich stimmig anfühlen, heißt das ja noch lange nicht, dass sie auch gut sind. Manchmal müssen wir auch erst ein paar schlechte Erklärungen von unserer Insel entfernen, weil manche davon dafür sorgen, dass sich neue, gute Erklärungen für uns inkohärent anfühlen. Bereits akzeptierte schlechte Erklärungen können also auch neue gute Erklärungen abstoßen. Beispiele dafür sind die meisten Dogmen, Vorurteile, Pseudowissenschaft, Religionen und so weiter. Darauf müssen wir achten. Denn manchmal stellt sich eine sich zunächst inkohärent anfühlende Erklärung als die beste Erklärung heraus. Solche ohne fremde Hilfe zu finden, ist aber extrem schwer, da wir sie meist gar nicht in Betracht ziehen können.«

Ich soll schlechte Erklärungen akzeptiert haben? Das kann nicht sein!

Ich: »Verstehe ich. Und wie genau machen wir das jetzt? Wie und wo finden wir jetzt neue, gute Erklärungen, die wir noch nicht kennen?«

Gironimo: »Die uns noch unbekannten guten Erklärungen schwimmen alle im Meer, welches unsere Insel der bekannten guten Erklärungen umgibt. Genau wie essbare Fische. Leider schwimmen dort aber nicht nur essbare Fische, sondern unglaublich viele alte Schuhe und anderer nutzloser Kram. Und natürlich auch giftige Fische und manche von diesen sehen für viele Menschen wie besonders leckere Fische aus.«

Ich: »Ich verstehe. ›Die Pest wurde durch Bakterien ausgelöst‹ ist ein essbarer Fisch, ›Die Pest ist eine Strafe Gottes‹ ist eher ein alter Schuh. Und ›Die Juden sind für die Pest verantwortlich‹ ist ein äußerst giftiger Fisch, der für manche sehr lecker aussieht.«

Gironimo: »Du hast es kapiert.«

Ich: »Okay, und was machen wir jetzt? Wie fangen wir jetzt immer mehr leckere Fische in diesem anscheinend unendlich großen Meer der unbekannten Erklärungen?«

DIE MÄCHTIGE ANGEL DERINFORMATIONSKOHÄRENZ

Gironimo: »Warst du schon einmal angeln?«

Ich: »Ja, war ich. Ich besitze einen Angelschein und erfülle selbstverständlich alle Vorgaben, um in Gewässern aller Art zu fischen.«

Soll ich ihm sagen, dass ich erst dreimal angeln war und noch nie einen Fisch gefangen habe? Lieber nicht. Der hält mich doch sonst noch für einen Idioten. Von einem Obdachlosen für einen Idioten gehalten zu werden, stelle ich mir äußerst unangenehm vor.