Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche - Reni Eddo-Lodge - E-Book

Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche E-Book

Reni Eddo-Lodge

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Beschreibung

»Dieses Buch verlangte danach, geschrieben zu werden. Es ist die Art von Buch, die eine Zukunft einfordert, in der wir solche Bücher nicht mehr brauchen. Essenziell.« Marlon James, Gewinner des Man Booker Prize 2015 Viel zu lange wurde Rassismus als reines Problem rechter Extremisten definiert. Doch die subtileren, nicht weniger gefährlichen Vorurteile finden sich dort, wo man am wenigsten mit ihnen rechnen würde – im Herzen der achtbaren Gesellschaft. »Reni Eddo-Lodges Buch ist ein Geschenk, weil es klar und deutlich beschreibt, was struktureller Rassismus ist und warum Weiß-Sein in unseren Gesellschaften ein Privileg ist.« Laura Freisberg, BR-Kulturwelt, 31.01.2019 Was bedeutet es, in einer Welt, in der Weißsein als die selbstverständliche Norm gilt, nicht weiß zu sein? Reni Eddo-Lodge spürt den historischen Wurzeln der Vorurteile nach, und zeigt unmissverständlich, dass die Ungleichbehandlung Weißer und Nicht-Weißer unseren Systemen seit Generationen eingeschrieben ist. Ob in Politik oder Popkultur – nicht nur in der europaweiten Angst vor Immigration, sondern auch in aufwogenden Protestwellen gegen eine schwarze Hermine oder einen dunkelhäutigen Stormtrooper wird klar: Diskriminierende Tendenzen werden nicht nur von offenen Rassisten, sondern auch von vermeintlich toleranten Menschen praktiziert. Um die Ungerechtigkeiten des strukturellen Rassismus herauszustellen und zu bekämpfen, müssen darum People of Color und Weiße gleichermaßen aktiv werden – »Es gibt keine Gerechtigkeit, es gibt nur uns.« Stimmen zum Buch »Dieses Buch als weißer Mensch ohne Migrationshintergrund zu lesen ist wirklich kein Spaß, und trotzdem sollte man es unbedingt lesen, weil es den Blick auf die Gesellschaft, in der man lebt, irritiert. Außerdem irritiert es den Blick, den man auf sich selbst hat.« Antonia Baum, Die Zeit

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 304




Tropen

Reni Eddo-Lodge

WARUM ICH NICHT LÄNGERMIT WEISSENÜBERHAUTFARBESPRECHE

Aus dem Englischen von Anette Grube

Sachbuch

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Tropen

www.tropen.de

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Why I’m No Longer Talking To White People About Race« im Verlag Bloomsbury Publishing, London

© 2017, 2018 by Reni Eddo-Lodge

Für die deutsche Ausgabe

© 2019, 2020 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Cover: Zero Media GmbH, München

unter Verwendung eines Entwurfs von Greg Heinimann, Bloomsbury Publishing

Datenkonvertierung: Tropen Studios, Leipzig

Printausgabe: ISBN978-3-608-50458-3

E-Book: ISBN 978-3-608-11534-5

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Vorwort

Geschichte(n)

Das System

Was ist White Privilege?

Die Angst vor dem schwarzen Planeten

Die Feminismusfrage

Hautfarbe und soziale Klasse

Es gibt keine Gerechtigkeit, es gibt nur uns

Nachspiel

Anhang

Anmerkungen

Bibliographie

Dank

Register

Für T & T

Vorwort

Am 22. Februar 2014 veröffentlichte ich einen Post auf meinem Blog. Ich gab ihm den Titel »Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche«. Er lautete:

Ich spreche nicht länger mit Weißen über das Thema Hautfarbe. Das betrifft nicht alle Weißen, sondern nur die große Mehrheit, die sich weigert, die Existenz von strukturellem Rassismus und seinen Symptomen anzuerkennen. Ich kann mich nicht mehr mit der emotionalen Distanz auseinandersetzen, die Weiße an den Tag legen, wenn eine Person of Colour von ihren Erfahrungen berichtet. Man sieht, wie sich ihr Blick verschließt und hart wird. Es ist, als würde ihnen Sirup in die Ohren gegossen, der ihre Gehörgänge verstopft. Es ist, als könnten sie uns nicht mehr hören.

Die emotionale Distanz ist die Folge eines Lebens, in dem sich jemand vollkommen unbewusst darüber ist, dass seine Hautfarbe die Norm darstellt und alle anderen davon abweichen. Bestenfalls wurde Weißen beigebracht, nicht zu erwähnen, dass People of Colour »anders« sind, falls es uns beleidigt. Sie glauben wirklich, dass die Erfahrungen, die sie aufgrund ihrer Hautfarbe gemacht haben, universell sein können und sollten. Ich kann mich nicht mehr mit ihrer Verwirrung und Abwehrhaltung auseinandersetzen, wenn sie versuchen mit der Tatsache klarzukommen, dass nicht alle die Welt so erleben wie sie. Sie mussten nie darüber nachdenken, was es – in Bezug auf Macht – bedeutet, weiß zu sein, und jedes Mal, wenn sie auch nur vorsichtig daran erinnert werden, interpretieren sie es als Affront. Ihr Blick verschleiert sich vor Langeweile oder funkelt vor Empörung. Ihre Lippen beginnen zu zucken, während sie in den Defensivmodus schalten. Sie räuspern sich, weil sie dich unterbrechen wollen, können es kaum erwarten, das Wort zu ergreifen, hören aber nicht wirklich zu, weil du unbedingt wissen sollst, dass du sie falsch verstanden hast.

Der Weg zum Verständnis von strukturellem Rassismus fordert von People of Colour immer noch, weißen Gefühlen Priorität einzuräumen. Auch wenn sie dich hören können, hören sie nicht zu. Es ist, als würde etwas mit den Worten passieren, kaum haben sie unseren Mund verlassen und ihre Ohren erreicht. Die Worte stoßen auf eine Barrikade des Leugnens und können sie nicht überwinden.

Es besteht keine emotionale Verbindung. Das ist nicht wirklich überraschend, weil sie nicht wissen, was es bedeutet, eine Person of Colour als wahrhaft ebenbürtig anzunehmen, als Person mit Gedanken und Gefühlen, die genauso berechtigt sind wie ihre. In dem Film The Color of Fear [1] von Lee Mun Wah(1) sah ich People of Colour in dem Bemühen, einen starrköpfigen weißen Mann davon zu überzeugen, dass seine Worte ihnen einen weißen rassistischen Standard auferlegten und fortführten, in Tränen ausbrechen. Die ganze Zeit starrte er verständnislos und vollkommen verstört von ihrem Schmerz vor sich hin, bestenfalls trivialisierte er ihn, schlimmstenfalls zog er ihn ins Lächerliche.

Ich habe früher schon darüber geschrieben, dass diese weiße Verweigerung der allgegenwärtigen Politik der Hautfarbe entspricht, die mit der ihr eigenen Unsichtbarkeit arbeitet. Ich kann nicht länger mit Weißen über Hautfarbe sprechen – wegen der konsequenten Verleugnung, der ungeschickten Räder, die sie schlagen, und der geistigen Akrobatik, die sie vollführen, wenn sie darauf aufmerksam gemacht werden. Wer will schon auf eine Systemstruktur hingewiesen werden, die ihm auf Kosten anderer Vorteile bringt?

Ich kann dieses Gespräch nicht mehr führen, weil wir es oft von völlig unterschiedlichen Orten aus angehen. Ich kann mit ihnen nicht über die Einzelheiten eines Problems reden, wenn sie nicht einmal die Existenz des Problems anerkennen. Schlimmer noch ist die weiße Person, die willens ist, die Möglichkeit von besagtem Rassismus einzugestehen, aber glaubt, dass wir dieses Gespräch als Ebenbürtige führen. Das tun wir nicht.

Ganz zu schweigen davon, dass es für mich eine durchaus gefährliche Sache ist, ein Gespräch mit starrköpfigen Weißen zu führen. Während die Aufregung und die Sturheit zunehmen, muss ich unglaublich vorsichtig auftreten, denn wenn ich angesichts ihrer Weigerung mich zu verstehen, meine Frustration, Wut oder Verzweiflung zum Ausdruck bringe, fallen sie auf das althergebrachte, aber immer noch gängige Stereotyp von den zornigen Schwarzen zurück, die sie und ihre Sicherheit bedrohen. Höchstwahrscheinlich bezeichnen sie mich dann als fies und schikanös. Wahrscheinlich werden sich auch ihre weißen Freunde um sie scharen, die Geschichte umschreiben und die Lügen als Wahrheit ausgeben. Das ist den Versuch, sich mit ihnen und ihrem Rassismus auseinanderzusetzen, nicht wert.

In jedem Gespräch mit Netten Weißen Leuten, die sich, sobald es um das Thema Hautfarbe geht, ausgegrenzt fühlen und verstummen, gibt es eine Art ironischen und auffälligen Mangel an Verständnis oder Empathie für diejenigen von uns, die unser ganzes Leben lang unübersehbar als anders kenntlich sind und mit den Folgen leben müssen. People of Colour üben zwangsweise lebenslange Selbstzensur. Die Optionen sind: Sag die Wahrheit und rechne mit Repressalien, oder beiß’ dir auf die Zunge und schau zu, dass du im Leben vorankommst. Es muss ein merkwürdiges Leben sein, wenn man immer die Erlaubnis hat, zu sprechen, sich aber empört, wenn man einmal gebeten wird, zuzuhören. Die Empörung geht vermutlich auf das nie infrage gestellte Anspruchsdenken der Weißen zurück.

Ich kann mich nicht mehr emotional bis zur Erschöpfung verausgaben, um diese Botschaft rüberzubringen, während ich gleichzeitig auf Zehenspitzen auf einem sehr schmalen Grat balanciere, um nur keiner individuellen weißen Person vorzuwerfen, sie würde strukturellen Rassismus perpetuieren, denn sonst werde ich als Charakterschwein gemeuchelt.

Deswegen spreche ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe. Ich habe nicht die Macht, die Funktionsweise der Welt zu ändern, aber ich kann Grenzen setzen. Ich kann die Ansprüche abwehren, die sie mir gegenüber zu haben glauben, und ich fange damit an, indem ich keine Gespräche mehr führe. Das Pendel hat zu weit zu ihren Gunsten ausgeschlagen. Ihre Absicht ist es oft nicht, zuzuhören oder etwas zu lernen, sondern Macht auszuüben, mir nachzuweisen, dass ich mich täusche, mich emotional zu erschöpfen und den Status quo zu stärken. Ich spreche mit Weißen nicht mehr über Hautfarbe, außer es lässt sich absolut nicht vermeiden. Wenn sich in den Medien oder bei einer Konferenz die Möglichkeit bietet, dass jemand hört, was ich sage, und sich weniger allein fühlt, dann nehme ich teil. Aber ich will nichts mehr mit Leuten zu tun haben, die das nicht hören wollen, es ins Lächerliche ziehen und es offen gesagt nicht verdienen.

Kaum war er publiziert, nahm der Blogpost ein Eigenleben an. Jahre später treffe ich noch immer neue Leute in verschiedenen Ländern und Situationen, die mir erzählen, dass sie ihn gelesen haben. 2014, als der Post überall im Internet verlinkt wurde, wappnete ich mich gegen die übliche Menge rassistischer Kommentare. Doch die Reaktionen waren merklich anders, und zwar so sehr, dass es mich überraschte.

Es gab deutliche Unterschiede in den Reaktionen, und diese Unterschiede machten sich an der Hautfarbe fest. Ich bekam eine Fülle an Nachrichten von dunkelhäutigen Menschen. Viele »Dankeschöns« und viele »du hast Worte für meine Erfahrungen gefunden«. Es gab Berichte über Tränen und eine kleine Diskussion, wie man das Problem angehen sollte, wobei Bildung als Lösung für die Überbrückung dieser Distanz hoch eingeschätzt wurde. Diese Nachrichten zu lesen, war eine Erleichterung. Ich wusste, wie schwierig es war, das Gefühl der Frustration in Worte zu fassen, und als Leute mich kontaktierten und mir dafür dankten, dass ich erklären konnte, was ihnen immer schwer gefallen war, freute ich mich, dass ich ihnen hatte helfen können. Ich merkte, dass wenn ich mich weniger allein fühlte, auch sie sich weniger allein fühlten.

Womit ich nicht gerechnet hatte, war eine Welle an Emotionen von Weißen, die meinten, dass ich der Welt etwas vorenthielt, wenn ich nicht mehr mit Weißen über Hautfarbe sprach, und dass das eine absolute Tragödie wäre. »Herzzerreißend« schien das Wort zu sein, das dieses Gefühl am besten beschrieb.

»Es tut mir so verdammt leid, dass man dich dazu gebracht hat, dich so zu fühlen«, schrieb ein Kommentator. »Als Weißer ist mir das systembedingte Privileg, das wir anderen tagtäglich verweigern und selbst genießen, quälend peinlich. Und quälend peinlich ist mir auch, dass es mir selbst bis vor ungefähr zehn Jahren nicht mal aufgefallen ist.«

Jemand anders bat: »Hör nicht auf, mit Weißen zu reden, deine Stimme ist klar und wichtig, und es gibt Möglichkeiten, andere zu erreichen.« Wieder jemand anders, diesmal eine schwarze Person, schrieb: »Es ist eine so mühsame Arbeit, andere zu überzeugen, aber wir sollten nicht damit aufhören.« Und ein letzter definitiver Kommentar lautete: »Bitte, gib Weiße nicht auf.«

Obwohl diese Reaktionen verständnisvoll waren, belegten sie doch jene Kommunikationskluft, über die ich in meinem Post geschrieben hatte. Es schien ein Missverständnis zu geben, an wen der Text gerichtet war. Ich hatte ihn nicht verfasst, damit Weiße sich schuldig fühlten oder um irgendeine Art von Erleuchtung zu provozieren. Damals wusste ich nicht, dass ich ungewollt einen Trennungsbrief an Weiße geschrieben hatte. Und ich rechnete auch nicht damit, dass weiße Leser im Internet, metaphorisch gesprochen, mit einem Ghettoblaster und einem Blumenstrauß vor meinem Schlafzimmerfenster Stellung beziehen, ihre Fehler und Mängel eingestehen und mich bitten würden, sie nicht zu verlassen. Das alles erschien mir seltsam, und mir war etwas unbehaglich. Denn ich wollte mit meinem Post nur sagen, dass ich genug hatte. Es war weder ein Hilferuf noch eine winselnde Bitte um das Verständnis und Mitgefühl von Weißen. Es war keine Aufforderung an Weiße, sich selbst zu geißeln. Ich hörte auf, mit Weißen über Hautfarbe zu sprechen, weil ich nicht glaube, dass Aufgeben ein Zeichen von Schwäche ist. Manchmal geht es dabei um Selbsterhaltung.

Ich habe aus »Warum ich nicht mehr mit Weißen über Hautfarbe spreche« ein Buch gemacht, um das Gespräch – paradoxerweise – fortzusetzen. Seit ich meine Grenze gezogen habe, spreche ich fast nur noch über Hautfarbe – bei Musikfestivals und in Fernsehstudios, in weiterführenden Schulen und bei Konferenzen politischer Parteien –, und der Bedarf nach diesen Gesprächen scheint nicht abzunehmen. Die Leute wollen darüber reden. Dieses Buch ist das Produkt von fünf Jahren Aufregung, Frustration, von erschöpfenden Erklärungen und ellenlangen Facebook-Kommentaren. Es geht nicht nur um die unübersehbare Seite, sondern auch um die versteckte Seite des Rassismus – die Aspekte, die schwer zu definieren sind, und die, die Selbstzweifel verursachen. Großbritannien tut sich noch immer schwer mit Hautfarbe und Unterschieden.

Seit ich 2014 den Blogpost schrieb, hat sich für mich viel verändert. Jetzt verbringe die meiste Zeit damit, mit Weißen über Hautfarbe zu sprechen. Die Verlagsbranche ist sehr weiß, es gab also keine Möglichkeit, dieses Buch zu publizieren, ohne mit zumindest ein paar Weißen über Hautfarbe zu sprechen. Und bei meinen Recherchen musste ich mit Weißen sprechen, mit denen auch nur ein Wort zu wechseln ich vorher für unmöglich gehalten hätte, darunter Nick Griffin(1), der frühere Vorsitzende der British National Party(1). Viele sind der Meinung, dass man ihm keine Plattform zur Verfügung stellen sollte, auf der er seine Ansichten unwidersprochen zum Ausdruck bringen kann, und ich habe mir wegen des Interviews auf Seite 132 den Kopf zerbrochen. Ich bin nicht die erste Person mit einer Plattform, die Nick Griffin sozusagen Sendezeit gibt, aber ich hoffe, dass ich mit seinen Aussagen verantwortlich umgegangen bin.

Ein kurzes Wort zu Definitionen. In diesem Buch wird der Ausdruck »Person/People of Colour« benutzt, um alle Menschen mit einer Hautfarbe zu definieren, die nicht weiß ist. Ich gebrauche ihn, weil es eine unendlich viel bessere Definition ist als »nicht-weiß« – eine Bezeichnung, die klingt, als würde etwas fehlen oder wäre unzulänglich. Ich benutze das Wort »schwarz«, wenn ich Menschen mit afrikanischem oder karibischem Erbe beschreiben will, einschließlich Personen mit Eltern unterschiedlicher Hautfarbe. Ich zitiere viel aus der Forschung, deswegen liest man gelegentlich den Ausdruck BME (»black and minority ethnic«; Schwarze und Minderheiten-Ethnie). Die Bezeichnung gefällt mir nicht sonderlich, weil sie an klinisches Diversitätsmonitoring erinnert, doch um die Forschung so präzise wie möglich zu interpretieren, habe ich mich dazu entschlossen, sie zu verwenden.

Ich schreibe – und lese –, um mich selbst zu vergewissern, dass andere Menschen empfinden, was auch ich empfinde, dass es nicht nur an mir liegt, dass es real ist, gültig und wahr. Ich bin mir meiner Hautfarbe nur deswegen so akut bewusst, weil ich, seitdem ich mich erinnern kann, von der Welt durchgängig als anders abgestempelt werde. Obwohl ich unsichtbares Weißsein häufig analysiere und über seine exklusive Natur nachdenke, bin ich als Beobachterin immer Außenstehende. Ich weiß, dass es den meisten Weißen nicht so ergeht, die sich im völligen Unbewusstsein ihrer Hautfarbe durch die Welt bewegen, bis die Dominanz derselben infrage gestellt wird. Wenn Weiße nach einer Zeitschrift greifen, im Internet browsen, Zeitung lesen oder den Fernseher einschalten, begegnen sie ständig Menschen, die aussehen wie sie und Macht- oder Autoritätspositionen innehaben, ohne dass ihnen das irgendwie seltsam vorkäme. Insbesondere in der Kultur ist die positive Bestätigung des Weißseins so weitverbreitet, dass der Durchschnittsweiße sie überhaupt nicht bemerkt. Diese Bestätigung wird seelenruhig akzeptiert. Weiß zu sein heißt, Mensch zu sein; weiß zu sein ist universell. Ich weiß das nur, weil ich nicht weiß bin.

Ich habe dieses Buch geschrieben, um dem Gefühl Ausdruck zu verleihen, dass der dreiste Status quo einem die eigene Stimme und das Selbstvertrauen raubt. Ich habe es geschrieben, um dem Mangel an historischem Wissen und politischem Hintergrund entgegenzuwirken. Beides braucht man, um die eigene Gegnerschaft zum Rassismus zu festigen. Ich hoffe, du benutzt es als Werkzeug.

Ich werde nie aufhören, über Hautfarbe zu sprechen. Jede Stimme, die sich gegen Rassismus erhebt, kratzt an seiner Macht. Wir können es uns nicht leisten zu schweigen. Dieses Buch ist ein Versuch zu sprechen.

1

Geschichte(n)

Erst im zweiten Jahr an der Universität begann ich, über schwarze britische Geschichte nachzudenken. Ich muss 19 oder 20 gewesen sein, und ich hatte eine neue Freundin. Wir studierten dasselbe, und wir unternahmen viel zusammen, vor allem, weil wir nah beieinander wohnten und Angst vor Einsamkeit hatten, und nicht so sehr, weil wir viele gemeinsame Interessen gehabt hätten. Als wir Kurse für das nächste Semester belegen mussten, entschlossen wir uns beide für ein Modul über den transatlantischen Sklavenhandel(1). Wir wussten nicht so recht, was uns erwartete. Schwarze Geschichte war mir bislang nur in Form amerikazentrischer Schaustücke und auf Lehrplänen in der Grundschule und auf dem Gymnasium begegnet. Es wurde großes Gewicht auf Rosa Parks(1), Harriet Tubmans(1)Underground Railroad und Martin Luther King(1) gelegt; die bekannten Gestalten der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung erschienen mir zwar wichtig, aber sie waren Millionen Meilen von dem jungen schwarzen Mädchen entfernt, das im Norden Londons aufwuchs.

Doch das kurze Modul an der Universität veränderte meine Perspektive radikal. Es brachte die Kolonialgeschichte Großbritanniens und den britischen Sklavenhandel(2) zu mir nach Hause. Im Kurs erfuhr ich, dass man nur in einen Zug steigen musste, und in drei Stunden war man an einem früheren Sklavenhafen. Und genau das tat ich, ich fuhr nach Liverpool(1). Liverpool war der größte britische Sklavenhafen gewesen; eineinhalb Millionen Afrikaner waren durch die Häfen dieser Stadt gekommen. Das Albert Dock(1) wurde vier Jahrzehnte, nachdem das letzte britische Sklavenschiff, die Kitty’s Amelia(1), hier Segel gesetzt hatte, eröffnet, doch näher konnte ich der Vergangenheit nicht kommen. Ich starrte hinaus aufs Meer und dachte an Großbritanniens Mitschuld am Sklavenhandel. Als ich am Rand des Docks stand, empfand ich Verzweiflung. Und als ich an den ältesten Häusern der Stadt vorbeiging, fühlte ich mich elend. Wohin ich auch schaute, sah ich das Vermächtnis der Sklaverei.

An der Universität begannen die Dinge einen Sinn zu ergeben. Ich erinnere mich deutlich an eine Diskussion in einem Tutorium über die Frage, ob Rassismus schlicht Diskriminierung oder Diskriminierung plus Macht war. Als ich über Macht nachdachte, wurde mir klar, dass es bei Rassismus um so viel mehr als nur um persönliche Vorurteile ging. Es ging darum, in einer Position zu sein, von der aus man die Lebenschancen anderer Menschen negativ beeinflussen konnte. Meine Sichtweise veränderte sich drastisch. Meine Freundin kam noch zu ein paar Tutorien, bevor sie den Kurs endgültig aufgab. »Das ist einfach nichts für mich«, sagte sie.

Ihre Aussage war mir unangenehm. Heute weiß ich warum. Mir passte nicht, dass sie offenbar glaubte, dieser Teil der britischen Geschichte habe keinerlei Relevanz für sie. Die Fakten waren ihr gleichgültig. Vielleicht erschienen ihr die Berichte nicht real oder dringlich oder relevant für die Art und Weise, wie wir heute leben. Ich weiß nicht, was sie dachte, weil ich damals nicht über das Vokabular verfügte, ihr Fragen dazu zu stellen. Aber heute ist mir klar, dass ich es ihr übelnahm, weil ich spürte, dass die weiße Hautfarbe es ihr erlaubte, sich nicht für die brutale Geschichte Großbritanniens zu interessieren, die Augen zu schließen und zu gehen. Mir wäre es unmöglich gewesen, mich abzuwenden und mir diese Informationen nicht anzueignen.

Die technologische Entwicklung, die unser Leben so rasant verändert – Sprünge und das Hinausschieben von Grenzen innerhalb von Jahrzehnten statt Jahrhunderten – lässt die Vergangenheit so weit entfernt erscheinen wie nie zuvor. In diesem Kontext ist es einfach, Sklaverei(3) als etwas Schreckliches zu betrachten, das vor sehr langer Zeit geschah. Man kann sich leicht davon überzeugen, dass die Vergangenheit keinen Einfluss auf unser Leben heute hat. Doch das Gesetz zur Abschaffung der Sklaverei im Britischen Empire wurde 1833 verabschiedet, vor noch nicht einmal 200 Jahren. Da die Briten 1562 mit dem Handel afrikanischer Sklaven begannen, existierte Sklaverei als britische Institution wesentlich länger, als sie jetzt abgeschafft ist – über 270 Jahre. Generation für Generation wurden schwarze Leben gestohlen, Familien und Gemeinschaften auseinandergerissen. Tausende Menschen wurden als Sklaven geboren und starben als Sklaven und erfuhren nie, was es heißt, frei zu sein. Das ganze Leben mussten sie Brutalität und Gewalt ertragen und in beständiger Angst leben. Generation für Generation wurde weißer Reichtum aus dem Profit der Sklaverei angehäuft und sickerte in die britische Gesellschaft.

Sklaverei(4) war eine internationale Handelssparte. Weiße Europäer, darunter die Briten, handelten mit afrikanischen Eliten, tauschten Waren gegen afrikanische Menschen, die von manchen weißen Sklavenhändlern »schwarzes Vieh« genannt wurden. Es wird geschätzt, dass insgesamt elf Millionen Afrikaner über den Atlantik transportiert wurden, um unbezahlt auf Zuckerrohr- und Baumwollplantagen in Nord- und Südamerika sowie in der Karibik zu arbeiten.

Die Bücher, die darüber geführt wurden, sind den Büchern moderner Firmen nicht unähnlich, sie dokumentieren Gewinne und Verluste und führen gekaufte und verkaufte Schwarze auf. Dieses lebende Inventar – dieses »schwarze Vieh« – war die ideale Ware. Sklaven(5) waren eine lukrative Anlage. Die Reproduktionsfähigkeit schwarzer Frauen wurde industrialisiert: In Sklaverei geborene Kinder waren automatisch Eigentum der Sklavenhalter, und das bedeutete grenzenlose Arbeitskräfte ohne Zusatzkosten. Die Reproduktion wurde mittels routinemäßiger Vergewaltigungen versklavter afrikanischer Frauen durch weiße Sklavenhalter noch vereinfacht.

Um Gewinn und Verlust zu ermitteln, musste der Tod von »schwarzem Vieh« dokumentiert werden, weil Todesfälle schlecht fürs Geschäft waren. Die riesigen Sklavenschiffe, die die Afrikaner über den Atlantik transportierten, wurden bis zur Kapazitätsgrenze beladen. Die Überfahrt konnte bis zu drei Monaten dauern. Jeder Sklave(6) hatte so viel Platz wie in einem Sarg und musste inmitten von Dreck und Ausscheidungen leben. Tote und Sterbende wurden aus finanziellen Gründen über Bord geworfen: Für auf See verstorbene Sklaven konnte Geld von der Versicherung kassiert werden.

Die Zeichnung des Sklavenschiffes Brooks(1), erstmals 1788 vom Sklavereigegner William Elford(1) publiziert, bildete typische Bedingungen in einem vollbeladenen Sklavenschiff ab.[1] Die Menschen wurden liegend einer neben dem anderen in vier Reihen zusammengepfercht (außerdem gab es drei weitere kurze Reihen im Heck des Schiffs), was die ungerührte Effizienz illustriert, mit der die aus afrikanischen Menschen bestehende Fracht transportiert wurde. Die Brooks(2) gehörte dem Liverpooler Kaufmann Joseph Brooks(1).

Aber nicht nur in Liverpool(2) wurde mit Sklaven(7) gehandelt, auch in Bristol gab es einen Sklavenhafen, ebenso in Lancaster, Exeter, Plymouth, Bridport, Chester, Poulton-le-Fylde in Lancashire und natürlich in London.[2] Die versklavten Afrikaner kamen zwar regelmäßig durch britische Häfen, doch die Plantagen, auf denen sie arbeiten mussten, befanden sich nicht in Großbritannien, sondern in den britischen Kolonien. Die meisten waren in der Karibik, sodass die Leute in England im Gegensatz zu denen in Amerika nur das Geld sahen und nicht das Blut. Einige Briten besaßen Plantagen, die nahezu ausschließlich mit Sklavenarbeit betrieben wurden. Andere kauften nur eine Handvoll Plantagensklaven – mit der Absicht, einen Profit aus der Investition zu schlagen. Viele Schotten arbeiteten als Sklaventreiber auf Jamaika, und manche von ihnen nahmen ihre Sklaven mit, wenn sie nach Großbritannien zurückkehrten. Sklaven konnten wie jeder andere persönliche Besitz auch vererbt werden, und viele Briten lebten bequem von der Arbeit versklavter Schwarzer, ohne jemals direkt am Handel beteiligt gewesen zu sein.

Die Society for Effecting the Abolition of the Slave Trade (Gesellschaft zur Abschaffung des Sklavenhandels) wurde 1787 in London vom Staatsbeamten Granville Sharp(1) und dem Aktivisten Thomas Clarkson(1) gegründet. Neben Sharp und Clarkson gehörten zehn weitere Männer, die meisten von ihnen Quäker(1), der Gesellschaft an. Sie kämpften 47 Jahre lang, gewannen große Unterstützung und zogen wichtige Parlamentsabgeordnete an – der berühmteste war der Sklavereigegner William Wilberforce(1). Der öffentliche Druck, den sie auf die Gesellschaft ausübten, führte schließlich zum Erfolg, und 1833 erklärte ein Gesetz die Sklaverei(8) im Britischen Empire für abgeschafft. Doch die Empfänger der Kompensationszahlungen für die Auflösung des finanziell bedeutenden Wirtschaftszweigs waren nicht die Sklaven. Es waren die 46 000 britischen Sklavenhalter, die Schecks für ihren finanziellen Verlust erhielten.[3] Diese Art der einseitigen Kompensation schien der logische Schlusspunkt für ein Land zu sein, das mit menschlichem Fleisch gehandelt hatte.

Auch wenn die Sklaverei formell abgeschafft war – ein Gesetz konnte die Wahrnehmung nicht von heute auf morgen ändern: Ehemals versklavte Afrikaner wurden nicht über Nacht von Quasi-Tieren zu Menschen. Knapp 200 Jahre später ist der Schaden immer noch nicht behoben.

Nach dem Studium war mein Hunger auf Informationen noch nicht gestillt. Ich wollte mehr über Schwarze in Großbritannien erfahren, nach der Sklaverei. Die Informationen waren allerdings nicht leicht aufzutreiben. Diese Seite der Geschichte war nur Personen zugänglich, denen sie wirklich am Herzen lag, und nur erfahrbar durch zeitaufwändiges, selbstgesteuertes Studium. Ich suchte aktiv danach und begann, indem ich mir den Black History Month(1) näher anschaute.

Den Black History Month(2) gibt es in Großbritannien noch nicht sehr lange. Erst 1987 begann die Stadtverwaltung von London Veranstaltungen zu organisieren, um die Beiträge zur Geschichte des Landes zu honorieren, die Schwarze geleistet hatten. Linda Bellos(1) wurde in London geboren, ihr Vater war Nigerianer, ihre Mutter eine weiße Britin, und auf ihre Initiative hin wurde der britische Black History Month ins Leben gerufen. Damals war sie Vorsitzende des Stadtrats von Lambeth im Süden Londons und der London Strategic Policy Unit (Ausschuss für strategische Maßnahmen; Teil des mittlerweile aufgelösten Greater London Council). Die Idee für den Black History Month kam von Ansel Wong, der die Abteilung für Ethnische Chancengleichheit der Strategic Policy Unit leitete. »Ich habe gesagt, ja, das machen wir«, erklärte sie mir in ihrem Haus in Norwich.

»Ich hielt den Black History Month(3) für eine gute Idee. Aber ich wollte nicht, dass er wie der amerikanische ablief, weil wir eine andere Geschichte haben … Es gibt so viele Leute, die keine Ahnung haben – ich spreche von Weißen – von unserer Geschichte des Rassismus. Sie wissen nicht, warum wir in diesem Land sind.«

Ansel(1) organisierte den ersten Black History Month(4), und Linda(2) fungierte als Veranstalterin. In ganz London gab es Events. Die Entscheidung, ihn im Oktober abzuhalten, erfolgte überwiegend aus logistischen Gründen; in den Vereinigten Staaten findet er von Beginn an, seit 1970, im Februar statt. »Unser Ehrengast war Sally Mugabe«, erzählte(1) Linda(3). »Wir hatten kaum Zeit, [sie] einzuladen. Wenn wir die Sache um zwei Wochen verschoben hätten, hätten die Leute nicht kommen können, die wir brauchten.

Wir waren inklusiver«, fügte sie(2) hinzu. »Schwarz wurde bei uns politisch definiert. Afrikaner und Menschen vom Indischen Subkontinent.[4] Wir haben ihn nur zwei Jahre veranstaltet, weil Thatcher(1) unser gesamtes Budget gekappt hat. Es wäre Luxus gewesen.«

Als nach zwei Jahren die Finanzierung durch die London Strategic Policy Unit auslief, wurde der Black History Month(5) fortgesetzt, allerdings sporadisch. Heute ist er in Großbritannien fest etabliert und wird inzwischen seit 30 Jahren regelmäßig veranstaltet. Meist gibt es Ausstellungen von Künstlern der afrikanischen Diaspora, Diskussionsveranstaltungen und kulturelle Veranstaltungen wie Modenschauen und gastronomische Festivals. Im Gespräch mit Linda(4) hatte ich den Eindruck, dass sie den heutigen Aktivitäten im Rahmen des Black History Month skeptisch gegenübersteht. Als ich sie fragte, warum sie sich für einen Black History Month(6) in Großbritannien eingesetzt hatte, sagte sie: »Wir wollten würdigen, was Schwarze für das Land geleistet haben. Es ging nicht um Haare … es war ein Monat der Geschichte, nicht der Kultur. Wir haben diese Geschichte, eine Geschichte, derer ich mir dank der Erfahrungen meines Vaters bewusst bin.«

Die Geschichte des Schwarzseins in Großbritannien ist bruchstückhaft. Eine peinlich lange Zeit hatte ich nicht einmal gewusst, dass Schwarze in Großbritannien Sklaven gewesen waren. Allgemein herrschte die Ansicht, dass alle People of Colour erst vor kurzem eingewandert waren, nur selten wird über die Geschichte des Kolonialismus gesprochen oder warum sich Menschen aus Afrika und Asien in Großbritannien niedergelassen hatten. Ich hatte etwas von der Windrush-Generation gehört, den 492 Menschen aus der Karibik, die 1948 mit dem Schiff nach England gekommen waren. Ich wusste davon, weil sie die älteren Verwandten von einigen meiner Mitschüler waren. Es gab keinen Vortrag über »Schwarze in Großbritannien«, in dem die Windrusher(1) nicht erwähnt wurden. Doch das meiste, was ich über schwarze Geschichte wusste, war amerikanische Geschichte. Das ist eine Bildungslücke in einem Land, in dem sich Generationen dunkelhäutiger Menschen (darunter ich) weiterhin als Briten betrachten. Mir war mit diesem Kontext auch die Fähigkeit, mich selbst zu verstehen, verweigert worden. Ich musste wissen, warum ich das Gefühl hatte, die Leute meinten Menschen wie mich, wenn sie Union Jacks schwenkten und »Wir wollen unser Land zurück« riefen. Was war das für eine ererbte Geschichte, die mir das Gefühl gab, eine Fremde im Land meiner Geburt zu sein?

Am 1. November 2008 sagte Ambalavaner Sivanandan, Direktor(1) des Institute of Race Relations (Institut für interethnische Beziehungen) bei einer Veranstaltung zum 50. Gründungstag des Instituts: »Wir sind hier, weil ihr dort wart.« Dieser Satz fand Eingang in das Vokabular schwarzer Briten. Ich wollte mehr über seine Bedeutung erfahren, ging zurück in die Vergangenheit und suchte nach Beweisen. Die erste Antwort, die ich fand, hieß Krieg.

Großbritanniens Beteiligung im Ersten Weltkrieg(1) beschränkte sich nicht auf britische Staatsbürger. Aufgrund der rabiaten Ausweitung des Empires wurde auch von Menschen aus nicht-europäischen Ländern (von der Kolonisierung mal abgesehen) erwartet, dass sie bereit waren, für den König und das Land zu sterben. Als der British Council 2013 Menschen zu ihrer Sichtweise auf den Ersten Weltkrieg befragte, kam heraus, dass die meisten Briten trotz der Bezeichnung »Weltkrieg« nichts über dessen internationale Auswirkungen wussten. »Aufgrund der Reichweite des Empire«, steht in dem Bericht, »wurden Soldaten und Arbeiter aus der ganzen Welt rekrutiert.«[5] In den sieben Ländern,[6] in denen der British Council die Befragung durchführte, glaubte die überwiegende Mehrheit der Befragten, dass sowohl Osteuropa als auch Westeuropa in den Ersten Weltkrieg involviert waren. Aber nur durchschnittlich 17 Prozent dachten, dass auch Menschen vom Subkontinent beteiligt waren, und lediglich elf Prozent wussten von Afrikas Einbindung.

Der verbreitete Irrglaube darüber, wer genau im Ersten Weltkrieg(2) für Großbritannien gekämpft hat, könnte dazu geführt haben, dass der Beitrag dunkelhäutiger Menschen nahezu ausradiert und die Wahrheit dadurch verzerrt wurde. Über eine Million indischer Soldaten – oder Sepoys(1) (indische Soldaten, die für Großbritannien dienten) – kämpften im Ersten Weltkrieg auf der Seite Englands.[7] Das Vereinigte Königreich hatte diesen Soldaten dafür die Unabhängigkeit ihres Landes versprochen. Sepoys reisten in dem Glauben nach England, dass sie mit ihrem Einsatz für Großbritannien einen Beitrag zur Freiheit ihres Landes leisteten.

Ihre Reise nach Europa war hart. Sie fuhren ohne angemessene Kleidung für den Klimawechsel mit dem Schiff. Viele Sepoys(2) litten unter der nie zuvor erlebten bitteren Kälte, manche starben an ihren Folgen. Und auch während des Kriegs wurden die Sepoys nicht so behandelt, wie sie es erwartet hatten. Der ranghöchste Sepoy unterstand in der Militärhierarchie immer noch dem rangniedrigsten weißen britischen Soldaten. Wurde ein Sepoy verletzt, wurde er im ausgelagerten Brighton Pavilion and Dome Hospital für indische Truppen behandelt. Das Krankenhaus war mit Stacheldraht umzäunt, um die verwundeten Sepoys am Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung zu hindern. Rund 74 000 Sepoys(3) kamen im Krieg ums Leben, aber Großbritannien weigerte sich, sein Versprechen zu erfüllen und Indien aus der Kolonialherrschaft zu entlassen.

Aus der Karibik kamen deutlich weniger Soldaten, um für Großbritannien in den Krieg zu ziehen.[8] Der Memorial Gates Trust(1), eine Stiftung, gegründet um der indischen, afrikanischen und karibischen Soldaten zu gedenken, die in beiden Weltkriegen für Großbritannien gefallen sind, gibt ihre Zahl mit 15 600 an. Diese Soldaten kämpften im British West Indies Regiment (BWIR(1)). In der Karibik rekrutierte die britische Armee in armen Gegenden, und ähnlich wie in Indien glaubten manche der künftigen Rekruten, dass ihre Kriegsteilnahme politische Reformen zu Hause zur Folge hätte. Aber diese Meinung war nicht weit verbreitet; eine nicht unwesentliche Zahl von Menschen in der Karibik war gegen den Einsatz und nannte ihn einen »Krieg des weißen Mannes«. Trotz des Widerstands von einigen gaben Tausende andere ihre Arbeit auf und reisten nach Europa.

Auch diese Schiffsreise war hart. Großbritannien brauchte die Soldaten, doch die Regierung versorgte sie – genau wie die Sepoys –(4) nicht mit der adäquaten Kleidung. 1916 musste die Verdala(1), die von der Karibik nach West Sussex unterwegs war, in Halifax im Osten Kanadas einen Halt einlegen. Hunderte der karibischen Rekruten litten unter Frostbeulen, einige starben in dem harten kalten Klima.

Nach ihrer Ankunft kämpfte die Mehrheit des BWIR(2) nicht an der Seite der weißen Soldaten auf dem Schlachtfeld, sondern musste Hilfsdienste leisten und die Drecksarbeit für die weißen Soldaten erledigen. Zu ihren Pflichten zählten körperliche Arbeiten wie das Ausheben von Gräben, Straßenbau und das Fortschaffen verletzter Soldaten auf Bahren. Als sich die Reihen der weißen Soldaten lichteten, durften auch karibische Soldaten an die Front. Bis Kriegsende fielen fast 200 Männer im Kampf.

1918 war Verbitterung bei den karibischen Soldaten weit verbreitet. Als das BWIR(3) in Tarent (Taranto), Italien stationiert war, erfuhren die Männer, dass der Sold weißer britischer Soldaten erhöht worden war, nicht jedoch ihr Lohn. Empört über diese Behandlung streikten die Soldaten und sammelten Unterschriften für eine Petition an den Außenminister. Daraus entwickelte sich rasch eine offene Rebellion. Während der Taranto-Meuterei(1) erschoss ein schwarzen Unteroffizier einen streikenden Soldaten und eine Bombe explodierte. Die Rebellion wurde schnell niedergeschlagen, und 60 Soldaten des BWIR(4) wurde wegen ihrer mutmaßlichen Beteiligung an der Meuterei der Prozess gemacht. Manche kamen ins Gefängnis, und ein Mann wurde zum Tod durch ein Erschießungskommando verurteilt.

Die misshandelten karibischen Soldaten kehrten nach Hause zurück, und die Niederschlagung der Taranto-Meuterei(2) trug zur Stärkung der schwarzen Selbstbestimmungsbewegung in der Karibik bei. Es gab jedoch auch schwarze Soldaten, die beschlossen, nach Kriegsende in Großbritannien zu bleiben. Als die Soldaten demobilisiert wurden, begann man schwarze Exsoldaten, die in Großbritannien lebten, ins Visier zu nehmen.

Der Sommer scheint die Zeit der Aufstände zu sein. Am 6. Juni 1919, sieben Monate nach dem Ende des Ersten Weltkriegs(3), machten in Newport(1) im Süden von Wales Gerüchte die Runde. Angeblich war eine weiße Frau von einem schwarzen Mann beleidigt worden. Eine wachsende Menge wütender und aufgeregter Weißer verbreitete die Nachricht, bis sich ein pöbelnder Mob(1) sammelte und die Häuser von schwarzen Männern stürmte. Manche der schwarzen Männer wehrten sich und schossen. Schlägereien und Handgemenge während der nächsten Tage resultierten darin, dass ein Mann aus der Karibik einen Weißen erstach.

Nur fünf Tage später, am 11. Juni berichtete das South Wales Echo: »In einem Brake [Fahrzeug] saßen mehrere farbige Männer und weiße Frauen und fuhren die East Canal Wharf entlang. Dies erregte großes Aufsehen.«[9] In Cardiff(1), einer weiteren Hafenstadt, herrschte eine aufgeheizte Stimmung(2) gegen Schwarze. Als ein aufgebrachter weißer Mob diese schwarzen Männer und weißen Frauen sah, warf er Steine auf das Fahrzeug. Es ist nicht klar, ob jemand verletzt wurde. Tage später stürzte sich eine andere wütende Menschenmenge in einem gewalttätigem Protest gegen Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe auf eine einzelne weiße Frau, von der man wusste, dass sie einen Afrikaner geheiratet hatte. Sie rissen ihr die Kleider vom Leib.

In der Hafenstadt Liverpool(3) gewann vergleichbarer Hass an Boden. Nach dem Krieg war Arbeit rar, und über 100 schwarze Fabrikarbeiter verloren von heute auf morgen ihre Stellen, als sich weiße Arbeiter weigerten, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Am 4. Juni 1919 stachen nach einem Streit wegen einer Zigarette zwei weiße Männer einem Mann aus der Karibik mit einem Messer ins Gesicht. Es folgten zahllose Schlägereien, und die Polizei durchsuchte gezielt Wohnungen von Schwarzen. Die Raserei führte zu einem der schrecklichsten aus Rassenhass verübten Verbrechen(3) in der britischen Geschichte. Der 24 Jahre alte schwarze Matrose Charles Wootton(1) wurde von einer aufgebrachten weißen Menschenmenge angepöbelt und in das King’s Dock geworfen. Als er zum Kai schwamm und verzweifelt versuchte, sich aus dem Wasser zu hieven, wurde er mit Ziegelsteinen beworfen, bis er unterging. Kurz darauf wurde sein lebloser Körper aus dem Dock gezogen. Es war ein öffentlicher Lynchmord. In den Tagen nach Charles Woottons Tod herrschte der weiße Mob in den Straßen von Liverpool und attackierte jede schwarze Person, die ihm begegnete.[10]

Dieser bösartige Rassenhass(4) blieb der britischen Regierung nicht verborgen. Besorgt über die Unruhe, die sich im Land ausbreitete, reagierte der Staat auf die einzige Art und Weise, die er kannte – mit einer Rückführungskampagne. Im September 1919 wurden 600 Schwarze dorthin »zurückgeschickt, woher sie gekommen waren«.[11]

Trotz aller Anstrengung, das Gegenteil vorzutäuschen, ist Großbritannien alles andere als eine Monokultur. Die Geschichte zeigt uns, dass dieses Land, das ein weltweites Empire erschaffen hat, aus dem es mühelos Arbeitskräfte rekrutieren konnte, sich nach außen öffnete, wenn es dem eigenen Vorteil nutzte. Es war aber nicht bereit für die Auswirkungen und die Verantwortung, die eine Kolonialisierung von Ländern und Kulturen mit sich brachte. Dunkelhäutige Menschen mussten die Folgen ertragen.

Doch manche dieser Menschen wehrten sich. Dr Harold Moody,(1) 1882 in Kingston, Jamaika, geboren, gehörte nicht zu den jungen Leuten aus der Karibik, die im Ersten Weltkrieg(4) für die Briten kämpften. Er kam 1904 im Alter von 22 Jahren mit dem Ziel in Bristol an, seine Ausbildung fortzusetzen. Er wollte unbedingt Arzt werden und hatte in der erfolgreichen Apotheke seines Vaters in Kingston gearbeitet, um sich das Geld für ein Studium zu verdienen. Da Jamaika noch von den Briten regiert wurde, war sein Umzug nach England keine Überraschung; bei Jamaikanern galt Großbritannien als das »Vaterland«.

Nach seiner Ankunft stieg er in einen Zug zum Bahnhof Paddington in London und ging zu einem Hostel – der Young Men’s Christian Association, bekannt als YMCA –, um sich von dort aus eine dauerhafte Unterkunft zu suchen. Während dieser ersten Tage auf britischem Boden musste er erfahren, dass das Vaterland nicht so gastfreundlich war, wie man ihm eingeredet hatte. Es war ein harter Kampf, bis er in Canonbury im Norden Londons eine Bleibe fand, nachdem er zuvor unzählige Male von potentiellen Vermietern abgewiesen worden war.

Anschließend nahm Harold(2) sein Medizinstudium auf. 1912 schloss er es ab und begann mit der Arbeitssuche. Er bewarb sich auf eine Stelle im King’s College Hospital, doch dort wollte man keinen Schwarzen einstellen.[12] Er versuchte es weiter, bewarb sich auf eine Stelle im Süden Londons beim Board of Guardians von Camberwell. Die Behörde gehörte zum Poor Law Parish Camberwells