Was niemand von uns weiß - Burlington University - Sarina Bowen - E-Book
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Was niemand von uns weiß - Burlington University E-Book

Sarina Bowen

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Beschreibung

Er ist der Einzige, der sein Geheimnis kennt ...

Kieran Shipley hat viele Geheimnisse. Niemand weiß, dass er eigentlich viel lieber an der Burlington University studieren will, statt auf der Familienfarm zu arbeiten, und dass er auf Männer steht - bis auf Roderick Waites. Das Letzte, was er daher gebrauchen kann, ist, dass Roderick plötzlich wieder in sein Leben tritt. Als dieser eine Bleibe sucht, bietet ihm Kieran wider besseres Wissen das freie Zimmer in seiner Wohnung an. Auch wenn er den sehnsuchtsvollen Blicken seines neuen Mitbewohners nur schwer widerstehen kann, ist Kieran klar, dass er Abstand halten muss. Sollte Roderick sein Geheimnis verraten, könnte er alles verlieren ...

"Mit diesem Roman hat Sarina Bowen einen Volltreffer gelandet! Kierans and Rodericks Geschichte ist eines meiner Jahreshighlights." BIG GAY FICTION PODCAST

Band 3 der neuen New-Adult-Reihe von USA-TODAY-Bestseller-Autorin Sarina Bowen

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Seitenzahl: 453

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

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Epilog

Die Autorin

Die Romane von Sarina Bowen bei LYX

Impressum

SARINA BOWEN

Was niemand von uns weiß

BURLINGTON UNIVERSITY

Roman

Ins Deutsche übertragen von Wanda Martin

Zu diesem Buch

Kieran Shipley hat mehr Geheimnisse, als ihm lieb ist. Schon seit langer Zeit verbirgt er seine tiefsten Wünsche und Sehnsüchte, um es seiner Familie recht zu machen. Deswegen arbeitet er auf der Farm seiner Eltern, obwohl er eigentlich viel lieber Grafikdesign an der Burlington University studieren will. Als der attraktive Roderick Waites in die Stadt zurückkehrt, droht eines seiner wohl gehüteten Geheimnisse aufzufliegen: Denn Roderick ist der Einzige, der weiß, dass Kieran in Wirklichkeit auf Männer steht. Schon auf der Highschool hat er mit seinen strahlend blauen Augen mühelos hinter Kierans Fassade schauen können. Daher versucht Kieran mit aller Macht, ihm aus dem Weg zu gehen, doch als Roderick verzweifelt nach einer Bleibe sucht, bietet er ihm wider besseres Wissen das freie Zimmer in seiner Wohnung an. Obwohl er den sehnsuchtsvollen Blicken seines neuen Mitbewohners nur schwer widerstehen kann, ist Kieran klar, dass er Abstand halten muss. Sollte Roderick sein Geheimnis verraten, könnte er alles verlieren …

Liebe Leser:innen,

dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte. Deshalb findet ihr hier eine Triggerwarnung.

Achtung: Diese enthält Spoiler für das gesamte Buch!

Wir wünschen uns für euch alle das bestmögliche Leseerlebnis.

Euer LYX-Verlag

Dieses Buch ist den Lesern aus der Sarindipity-Gruppe gewidmet. Ihr bringt mich dazu, Tag für Tag zur Arbeit zu erscheinen. Danke!

1

Roderick

Manchmal nervt Erwachsensein einfach nur.

Das sind meine Gedanken, als ich meinen klapprigen VW Käfer die Kieseinfahrt meiner Eltern entlangsteuere. Ich habe einen Großteil des letzten Jahrzehnts nicht hier verbracht und mache mich auf alle Eventualitäten gefasst. In der Zwischenzeit könnte alles Mögliche passiert sein. Sie könnten weggezogen sein. (Wobei das unwahrscheinlich ist.) Sie könnten sich haben scheiden lassen. (Auch schwer vorstellbar.)

Durchaus denkbar, dass einer gestorben ist oder auch beide.

Ich habe keine Ahnung, was ich empfinden werde, falls Letzteres eingetreten ist. Meine Eltern und ich sind nicht im Guten auseinandergegangen, um es milde auszudrücken. Aber Menschen können sich ändern.

Das tun jedoch nicht alle.

Auf den ersten Blick sieht das Grundstück meiner Eltern völlig unverändert aus. Das kleine eingeschossige Haus hat noch immer eine billige Fassadenverkleidung aus PVC, und der ockergelbe Farbton ist genauso, wie ich ihn in Erinnerung habe.

Die großen Kiefern wurden im unteren Bereich sorgsam von toten Ästen befreit, was für das Fortleben meines Vaters spricht, der immer gern seine Kettensäge angeworfen hat, um für Ordnung zu sorgen. Außerdem ist Dads alter Sitzrasenmäher in der Garage zu sehen.

Er lebt also noch. Unsinnigerweise überkommt mich kurz Erleichterung. Der Mann wird mir wahrscheinlich die Tür vor der Nase zuschlagen, wenn er sieht, wer da zu Besuch gekommen ist. Das hier wird übel ausgehen. Da bin ich mir schon zu neunundneunzig Prozent sicher.

Trotzdem muss ich sie um Hilfe bitten. Nachdem ich das Benzingeld für die Fahrt von Nashville hierher ausgegeben habe, kann ich weniger als vierhundert Dollar mein Eigen nennen. Und keinen Job. Wenn sie mich abweisen, schlafe ich heute Nacht wieder in meinem Auto.

Das wird mich nicht umbringen, aber ideal ist es nicht.

Ich halte vor der Garage, steige aus und hätte den Wagen beinahe abgeschlossen, so sehr bin ich daran gewöhnt, in Nashville zu parken. Ich wohne seit acht Jahren nicht mehr unter diesen großen Kiefern.

Damals konnte ich es nicht erwarten, von hier wegzukommen. Ich hatte meine Gründe, und zwar so manche triftige. Außerdem hasste ich die Bäume und die kurvenreichen Landstraßen genauso sehr wie die Einstellung meiner Eltern.

Bis heute hasse ich, was meine Eltern alles zu meinem Teenager-Ich gesagt haben. Aber Vermont macht auf mich einen besseren Eindruck als in früheren Zeiten. Ich bin reif dafür, irgendwo zu leben, wo kein Smog und Verkehr herrschen. Ich vermisse den Geruch von Holzfeuer in der Abendluft und den Anblick der hinter den Green Mountains versinkenden Sonne.

Vielleicht ist es seltsam, Heimweh nach einem Ort zu haben, der mir nicht gutgetan hat. Aber mir ist danach, Vermont eine zweite Chance zu geben. Ich hoffe, es gibt mir genauso eine zweite Chance. Und gleich werde ich herausfinden, ob tausendeinhundert Meilen weit zu fahren, eine gute Idee war oder einfach nur dämlich.

Schon als ich mich dem Haus nähere, geht die Eingangstür auf. Mein Dad bleibt hinter der Fliegengittertür stehen, die Fernbedienung für den Fernseher in der Hand, und starrt mich an, als hätte er einen Geist gesehen.

»Hallo«, sage ich vorsichtig.

»Roddy«, flüstert er. Er macht keine Anstalten, die Fliegengittertür zu öffnen, ich allerdings auch nicht. Vielleicht brauchen wir beide einen Augenblick, um den beiderseitigen Schock zu überwinden.

Er sieht älter aus. Erschrocken registriere ich das viele Grau in seinen Haaren und die neuen Fältchen um seine Augen.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich auch nicht mehr wie der dürre Achtzehnjährige aussehe, der ich einmal war. Folglich starrt er mich ebenso an und versucht, das zu verdauen.

»Du bist zurück?«, fragt er noch immer verdattert.

»Na ja …« Ich stoße ein leises, nervöses Lachen aus. »Bis jetzt habe ich in Nashville gelebt. Und gestern bin ich in mein Auto gestiegen und einfach so hergefahren. Ich habe zwei volle Tage gebraucht.«

Ich werde ihm nicht erzählen, warum ich Nashville verlassen habe. Er wird nicht hören wollen, wie schrecklich meine Beziehung geendet hat. Er wird überhaupt nichts von meiner Beziehung hören wollen, verdammt.

»Also«, fahre ich fort, »ich freue mich, wieder in Vermont zu sein. Allerdings fange ich quasi noch mal ganz von vorn an. Und da habe ich mich gefragt, ob …«

»Ralph?«, ertönt die Stimme meiner Mutter von irgendwo innerhalb des kleinen Hauses.

Mir bleibt kaum Zeit, mich darauf einzustellen, da erscheint sie schon hinter ihm. Sie trocknet sich die Hände an einem Geschirrtuch ab, ihre Haare sind zu einem lockeren Knoten geschlungen.

Mir zieht sich vor lauter Vertrautheit ein wenig das Herz zusammen, ehe ich mich dagegen wappnen kann.

»Roderick«, flüstert sie und macht große Augen. »Oh, Schatz. Was ist passiert?«

»Tja, nicht viel«, stammele ich. »Ich musste bloß raus aus Nashville und brauche einen Neuanfang. Da dachte ich mir, den könnte ich hier machen.«

»Hier?« Sie wringt das Geschirrtuch in ihren Händen, ein Leuchten in den Augen.

»Vielleicht«, sage ich, damit es nicht so klingt, als hätte ich gar keine andere Wahl. Aber wenn ich über die Türschwelle trete und bei ihnen unterkomme, dann nur, wenn ich auch willkommen bin. Ich werde mich nicht mit ihrer Verachtung abfinden. Da wäre es besser, im Auto zu schlafen.

»Du willst hier unterkommen«, stellt mein Vater klar. Er hat immer noch die Fernbedienung in der Hand. Und er hat immer noch nicht die Fliegengittertür aufgemacht.

Das ist kein gutes Zeichen.

»Nur für ein Weilchen«, sage ich. »Bis ich einen Job und eine eigene Wohnung gefunden habe. Ich bin Bäcker.«

»Du … was?«, fragt meine Mutter. »Kuchen und so?«

»Hauptsächlich Brot. Ich war auf der Kochschule. Ich bin aufs Brotbacken spezialisiert.«

Mein Vater sieht mich aus zusammengekniffenen Augen an, und das ist ein weiterer Hinweis darauf, dass es nicht klappen wird. »Kochschule«, wiederholt er. Ablehnung klingt in seiner Stimme mit. Backen ist kein Beruf für einen echten Mann. Ich hätte genauso gut sagen können, ich wäre Balletttänzer oder träte in einer Dragshow auf. Meines Vaters Ansichten darüber, was ein Mann mit seinem Leben anfangen sollte, stammen geradewegs aus den Fünfzigern.

»Keine Gitarre mehr?«, fragt meine Mutter. Sie hofft, ich hätte meine Phase als queerer kleiner Musiknerd, den mein Vater nicht ertragen konnte, hinter mir gelassen. Sie versucht, ihn umzustimmen.

»Keine Gitarre«, bestätige ich, obwohl es mich ein bisschen fertigmacht zu suggerieren, ich hätte mich Dads Vorstellungen irgendwie angepasst und genug von der Musik. In Wahrheit habe ich meine Gitarre aus Versehen in Nashville zurückgelassen.

Von Musikern allerdings habe ich genug. Aber das ist eine andere, lange Geschichte.

»Wenn du bleibst …« Mein Vater presst die Lippen zusammen. »Dies ist unser Haus, unsere Regeln.«

Ich schlucke schwer. »Ich bin ein toller Gast. Ich koche sogar. Und putze.«

Meine Mutter jauchzt glücklich auf und greift zum Riegel der Fliegengittertür. Sie schiebt meinen Vater sogar leicht mit dem Ellbogen beiseite.

Er rührt sich jedoch nicht. Er starrt mich immer noch an, als wäre ich ein Rätsel, das er zu lösen versucht. »Aber du bist nicht … Du wirst nicht …« Er stockt.

»Was werde ich nicht?«, frage ich, wobei ich bereits weiß, worauf es hinausläuft.

Dad kriegt die abstoßenden Worte nicht mal raus. »Hast du eine Freundin?«, fragt er.

Feigling. Ich schüttele den Kopf. »Ich habe niemanden. Deswegen stehe ich vor eurer Tür. Ich musste raus aus einer schlimmen Beziehung, mit nichts als Klamotten und einer Kiste Bücher. Aber ich stehe immer noch auf Männer, wenn es das ist, was du wissen willst. Ich bin immer noch schwul.«

Meine Mutter seufzt bestürzt auf. Und dadurch, wie sich die Miene meines Vaters verdunkelt, weiß ich, dass ich umsonst hergekommen bin.

»Du bist nicht zur Kirche gegangen«, sagt mein Vater, als wäre das eine logische Schlussfolgerung. Aber für ihn ist es das vermutlich.

»In letzter Zeit nicht«, gestehe ich. »Mein Leben ist ein Trümmerhaufen, Dad. Ich kann nirgendwohin. Ich bitte euch, für ein paar Wochen in meinem alten Zimmer wohnen zu dürfen, bis ich mich neu sortiert habe. Und ich würde selbstverständlich hier mit anpacken.«

Während wir einander anstarren, herrscht grausames Schweigen. Und dann schüttelt er langsam den Kopf. »Erst wenn du Gottes Vergebung suchst.«

Es ist echt erstaunlich, dass man mit achtzehn mitten in einem Wortgefecht aus dem Haus stürmen und dann acht Jahre später sofort am selben Punkt weitermachen kann. Wir stecken immer noch in derselben Unterredung fest, die wir mein gesamtes letztes Highschooljahr über geführt haben.

»Ich ehre den Herrn«, sage ich leise. »Aber ich werde nicht bei Ihm um Vergebung dafür bitten, was ich bin und wen ich liebe.«

Mein Vater sieht mich angeekelt an, als hätte ich gerade verkündet, ich wäre ein glühender Anbeter Satans. Er verschränkt die Arme vor der Brust. Die Pose ist unmissverständlich. Geh. Du bist nicht länger mein Sohn.

Botschaft angekommen. Ich spüre den alten Schmerz in mir aufflackern, doch darauf folgt schnell Erschöpfung. Meine Wut wird gedämpft durch die zwei Tage hinterm Steuer meines Autos und dadurch, dass ich schon jahrelang mit seiner Ablehnung lebe.

Trotzdem sehe ich ihm geradewegs in die Augen. Du arrogantes Arschloch. Wer gibt dir das Recht, über mich zu urteilen?

Als meine Mutter schnieft, weiß ich, dass sie weint. Mom möchte, dass ich reinkomme. Aber sie will es nicht genug, um sich gegen ihn durchzusetzen.

Da wird mir schließlich klar, dass ich hier fertig bin. Wahrscheinlich endgültig. Es bleibt mir nichts anderes mehr, als mich umzudrehen und zu gehen.

Ich sehe ihn ein letztes Mal an. Doch da ist keine Milde zu erkennen. Keine Zuneigung für das Kind, das er einmal geliebt hat, obwohl ich schon immer so war wie heute. Ich bin derselbe Junge, dem er in den diversen Vorgärten überall im ganzen Land, wo wir während seiner Dienstzeit bei der Air Force gelebt haben, unzählige Baseballs zugeworfen hat. Ich bin derselbe Sohn, der den Rasen gemäht hat und zum Angeln früh aufgestanden ist, weil ich mich nach seiner Aufmerksamkeit sehnte.

Er blinzelt nicht mal. Seine Ablehnung ist unumstößlich.

Also drehe ich mich um und zwinge mich zum Weggehen.

Das Geräusch der sich hinter mir schließenden schweren Holztür kommt noch prompter, als ich es erwartet hatte. Und ich verspüre plötzlich den fürchterlichen Drang, herumzuwirbeln und mich gegen diese verdammte Tür zu werfen. Mach auf, du feiges Arschloch!, würde ich womöglich rufen. Ein Teil von mir will eine Riesenszene machen, so wie damals während meines Abschlussjahrs an der Highschool, als er mir Moralpredigten gehalten hat.

Doch der andere Teil von mir ist bereits abgestumpft. Ich habe den ganzen Weg nach Vermont in dem Glauben zurückgelegt, ich hätte vielleicht eine Chance. Wenn Gott eine Tür schließt, öffnet er ein Fenster. Es ist das übelste Klischee, aber ich habe mir gewünscht, dass es stimmt. Auf dem ganzen Weg hierher habe ich mich gefragt, ob meine Trennung so etwas wie ein Zeichen war, dass ich mein Leben woanders führen soll. Ich dachte, ich sei vielleicht aus einem bestimmten Grund wieder nach Hause geschickt worden.

Doch offenbar nicht. Wenn Gott diese Woche eine Tür schließt, schiebt er gleich auch noch den Riegel vor.

Ich gehe zurück zu meinem Auto und starte den Motor wieder. Hätte ihn genauso gut laufen lassen können. Ohne zum Haus zu sehen, wende ich in drei Zügen, wobei braun gewordene Kiefernnadeln unter meinen Reifen knistern. Es ist an der Zeit, sich einen Plan B zu überlegen. Also lenke ich meinen Wagen in Richtung Stadtzentrum von Colebury.

Jede Wette, dass mein Vater sich bereits weiter das Play-off-Spiel anguckt. Vielleicht genehmigt er sich ein zweites Bier, bloß um die nervige Störung im fünften Inning durch seinen queeren Sohn wegzuspülen.

Und meine Mutter weint im Bad in ein Handtuch. Stumm. Damit sie keinen Wirbel macht.

Ich darf jetzt nicht an die beiden denken. Ich habe dringendere Probleme – zum Beispiel, wie ich umgehend an einen Job komme. Und wo ich heute Nacht schlafe. Im besten Fall gibt es wie durch Zauberhand eine offene Stelle bei der King Arthur Flour Bakery, wo ich meine berufliche Laufbahn begonnen habe. Aber selbst wenn sie mich morgen einstellen würden, könnte ich frühestens in zwei Wochen mit dem ersten Lohn rechnen.

Ich muss mir überlegen, wie ich mit ein paar Hundert Dollar mehrere Wochen überlebe.

Während ich in die Stadt fahre, bemerke ich, dass der Tank fast leer ist. Wieder fünfundzwanzig Mäuse futsch. Trotzdem fahre ich langsam, schaue mich um, überlege, was sich verändert hat. Kurz vor der Abzweigung nach Colebury entdecke ich einige neue Geschäfte. Es gibt eine Bar namens Gin Mill mit jeder Menge Autos auf dem Parkplatz. Der Laden sieht nach Spaß aus, aber ich habe kein Geld übrig, nicht mal für ein einziges Bier.

Auf demselben Gelände gibt es aber noch ein weiteres Geschäft, das mich sogar noch mehr interessiert. Das Busy Bean. Ein Café. Im Moment ist es zu, aber ich nehme mir vor, ihm bald einen Besuch abzustatten. Falls es sich um ein großes Café handelt, können sie vielleicht einen Bäcker gebrauchen, einen, dem es nichts ausmacht, auch Kaffee auszuschenken.

In der Not frisst der Teufel Fliegen. Und da ich ganz kurz davor bin, tatsächlich Fliegen zu fressen, muss ich mir alle Möglichkeiten offenhalten.

Ich lasse den Motor aufheulen, als ich den Hügel zum Hauptplatz hochfahre. Die Häuser scheinen etwas besser in Schuss zu sein als letztes Mal, als ich hier war. Es ist ein warmer Herbstabend, und draußen vor dem alten Diner stehen Leute zum Quatschen. Auch der Laden hat sich rausgeputzt. Seit wann ist Colebury denn hübsch? Ich bin erstaunt, wie freundlich es wirkt, mit sämtlichen Straßenlaternen in Betrieb und lauter Blumenkästen vor den Schaufenstern der Geschäfte.

Erneut geht das Heimweh in mir auf wie Hefe. Dies ist meine Heimatstadt, auch wenn ich mich hier noch nie willkommen gefühlt habe. Ich wurde hier geboren. Und obwohl ich den Großteil meiner ersten achtzehn Lebensjahre auf verschiedenen Militärstützpunkten rund um die Welt verbracht habe, habe ich hier auch meinen Schulabschluss gemacht.

Und es gefällt mir hier, verdammt noch mal. Ich verspüre die Anziehungskraft dieser Stadt auf mich.

Wäre es nicht lustig, wenn ich direkt vor den Augen meiner Eltern in Colebury ansässig werden würde? Ich möchte den Gesichtsausdruck meines Vaters sehen, wenn ich Händchen haltend mit meinem nächsten Freund ins Diner komme.

Also das ist jetzt mal ein schöner Gedanke, auf den ich noch mal zurückkommen muss, wenn ich nachher auf dem Beifahrersitz einzuschlafen versuche.

Hinter dem alten Diner sehe ich etwas, das mir wirklich gelegen kommt. Ein Fitnessstudio. JETZT KOSTENLOSE PROBEWOCHE MACHEN, steht auf einem Schild im Fenster.

Das ist der erste glückliche Zufall heute. Oder vielleicht sogar diesen Monat, um ehrlich zu sein. Sofern das Fitnessstudio auch nur eine halbwegs annehmbare Umkleide hat, kann ich dort jeden Abend duschen. Für die Jobsuche muss ich seriös aussehen.

Ich parke den Wagen und steige aus. Komm schon, Colebury. Enttäusch mich nicht.

2

Kieran

Ich lehne auf dem Parkplatz des Fitnessstudios an meinem Auto. Mir ist bewusst, dass es nicht Sinn der Sache ist hierherzukommen, wenn man dann nur draußen herumsteht, aber ich hänge am Telefon und höre zu, wie mein älterer Bruder mich anbettelt, seine Aufgaben zu Hause auf dem Hof zu übernehmen.

»Ach, komm schon, ich hab die Gelegenheit, hundert Flocken extra zu verdienen. Du kannst zur Gin Mill kommen, dann spendiere ich dir ein Bier.«

»Wie soll ich denn auf ein Bier vorbeikommen, wenn ich zu Hause bin und für dich die Kühe umstelle?«, frage ich. Ich kriege immer gesagt, ich hätte eine Grummelstimme. In letzter Zeit fällt sie allerdings besonders grummelig aus, wenn ich mit Kyle rede.

»Komm später her«, sagt er. »Nachdem du das erledigt hast.«

Nur Kyle kann so tun, als wäre das machbar. Er erwartet, dass ich mein Work-out sein lasse, vierzig Minuten nach Hause fahre, den Weidezaun der Kühe umsetze, bevor es dunkel wird, und dann die restlichen Arbeiten im Stall erledige.

Danach noch eine vierzigminütige Fahrt zurück für ein kostenloses Bier? Lächerlich.

Und jetzt kommt das Mieseste daran: Kyle wird von unserem Dad für die Farmarbeit bezahlt. Ich aber nicht. »Du hast schon zwei Jobs, außerdem erledigt Kyle den Großteil der Arbeiten auf der Ranch«, sagte er letztes Jahr, als er Kyle endlich mit auf die Gehaltsliste setzte.

Das wäre ja sinnvoll, wenn es denn stimmen würde. Aber gleich danach wurden Dads Rückenprobleme schlimmer, weshalb ich seitdem drei Abende die Woche mit anpacke. »Lass mich das klarstellen: Ich soll unbezahlt deine Aufgaben erledigen, damit du anderswo Geld verdienen kannst?«

»Bitte?«, bettelt er. »Wie wär’s, wenn ich dir zwanzig Flocken zahle? Es ist bloß eine Zwei-Stunden-Schicht, aber Alec sagt, Leute aus der Braubranche geben fett Trinkgeld.«

Ich schaue entmutigt zum Fitnessstudio. Wäre ich zehn Minuten eher hergekommen, wäre ich schon drin gewesen, nicht erreichbar. Ich tue alles, worum man mich bittet. Alles. Und niemand weiß es wirklich zu schätzen.

»Verrate mir was: Wie sehen deine Pläne für den Rest der Woche aus?«, frage ich nach. Im Planen ist er furchtbar schlecht. Er muss einmal für mich seinen Verstand einschalten, bevor ich meinen verliere.

»Na, für morgen habe ich Dad versprochen, mit ihm in Montpelier in den neuesten Robot-Wars-Film zu gehen …«

Während er redet, erregt ein Mann, der gerade aus einem knallblauen VW Käfer gestiegen ist, meine Aufmerksamkeit. Er liest das Schild an der Tür zum Fitnessstudio. Ich kann sein Gesicht nicht sehen, weil er seitlich zu mir steht. Doch ich habe einen guten Blick auf seine muskulösen Schultern, die sein schwarzes T-Shirt dehnen. Dazu sind seine Unterarme herrlich definiert …

»Kieran?«, hakt mein Bruder nach. »Hast du zugehört?«

Nein,ichhabegeradeeinenTypenbewundert. Ich schließe die Augen und versuche, den heißen Kerl auf der anderen Seite des Parkplatzes zu vergessen. Dies ist schon das volle Ausmaß meines Sexlebens – Männer bewundern und dann deswegen verwirrt sein. Die ersten zwanzig Jahre meines Lebens habe ich gedacht, dass ich mich nur für attraktive Männer interessiere, weil ich sie als Mensch bewundere und so sein möchte wie sie.

Aber das stimmte nur halb. In letzter Zeit ist es schwieriger geworden, die Tatsache zu ignorieren, dass ich noch dazu unter ihnen sein möchte. Oder über ihnen. Oder auch nebeneinander.

Gerade als ich diesen verwegenen Gedanken habe, greift der Kerl nach der Eingangstür. Und er dreht seinen Körper so, dass ich sein Gesicht sehen kann …

In dem Moment gerät alles ein bisschen aus den Fugen. Denn ich erkenne dieses Gesicht wieder. Allerdings ist es Jahre her, dass ich es zuletzt gesehen habe. Und ich würde jeden Dollar in meiner Brieftasche darauf verwetten, dass er nicht mal meinen Namen kennt.

Gott sei Dank.

Hitze steigt mir ins Gesicht, während es meinen Körper eiskalt durchläuft. Es ist egal, dass er nicht in meine Richtung gesehen hat, bevor er im Fitnessstudio verschwunden ist, und dass er sich nie und nimmer ebenso an mich erinnert wie ich mich an ihn. Noch heute überkommt mich blanke Scham.

»… deswegen brauche ich also auch die nächsten paar Abende deine Hilfe«, sagt mein Bruder gerade.

»Die nächsten paar Abende«, wiederhole ich blöde.

»Hör zu, ich weiß, das ist viel verlangt. Aber diese Sache mit Dads Rücken ist echt Mist, nie im Leben kommen wir ohne Mehrarbeit durch den nächsten Monat.«

Der Adrenalinrausch muss bei mir wohl immer noch anhalten, denn ich explodiere plötzlich. »Mehrarbeit für wen?Du willst nur eine Schicht in der Bar übernehmen, damit du zusätzliches Geld verdienen und Frauen anbaggern kannst. Und morgen willst du ins Kino, allerdings mit Dad, deshalb glaubst du, das entschuldigt deine mangelnde Planung. Und bei dem, was du zuletzt gesagt hast, hab ich nicht mehr zugehört, aber ich bin sicher, es kommt nicht darauf an. Denn wenn du nicht gerade verkündet hast, dass du Babys aus einem brennenden Haus retten willst, verstehe ich nicht, wieso du glaubst, es wäre okay, mich drei, vier Abende in Folge hängen zu lassen.«

Nachdem ich diese Tirade vom Stapel gelassen habe, herrscht tiefes, erstauntes Schweigen. Ich gehe sonst nie auf Kyle los, aber vielleicht war es mal an der Zeit. Mein Leben ist lachhaft. Ich schufte wie ein Tier und beschwere mich niemals. Ich mache nie etwas nur für mich selbst, und heute Abend wollte ich bloß trainieren gehen, Herrgott noch mal.

»Gut«, sagt er einen Augenblick später. Dann räuspert er sich. »Sag mir, was du wirklich denkst.«

Ich denke, ich bin ein Trottel, das denke ich. Eine Welle des Bedauerns überkommt mich kalt.

»Gut, ich werde die Schicht in der Bar sein lassen«, sagt Kyle. Dann legt er zum ersten Mal im Leben in einem Telefonat mit mir einfach auf.

Hier auf dem Parkplatz des Fitnessstudios stehe ich da, atme etwas zu schnell, und mein Herz rast. Ich fasse es nicht, dass ich so ausgerastet bin. Ja, es wird Zeit, damit aufzuhören, stets zu tun, was meine Familie von mir erwartet. Für mich selbst einzustehen ist prima. Deshalb muss man aber nicht so ein Arsch sein.

Und Roderick Waites ist wieder zurück.

Mein Blick wandert zur Eingangstür des Fitnessstudios. Er ist noch dadrin. Was bedeutet, dass ich meinen Bruder gerade völlig umsonst angeschnauzt habe, denn ich werde da nicht reingehen.

Ehe ich es mir anders überlegen kann, tippen meine Daumen schon eine Nachricht an Kyle. Übernimm die Schicht in der Bar, schreibe ich. Ist in Ordnung. Ich bin schon auf dem Heimweg, um die Kühe umzustellen.

Als ich in meinen Pick-up einsteige und den Motor starte, hat er schon geantwortet.

Sicher, Mann? Du bist eben voll ausgerastet.

Ganz sicher. Aber wenn du heute nach Hause kommst, müssen wir einen Plan für die restliche Woche aufstellen. Ich übernehme morgen nämlich nicht noch mal alle deine Arbeiten, nur damit du ins Kino gehen kannst.

In Ordnung, antwortet er. Danke. Bis später!

Ich parke aus und lenke den Wagen heimwärts. Schätze, morgen könnte stattdessen auch ich mit meinem Dad ins Kino gehen. Aber er wünscht sich nicht meine Gesellschaft, sondern Kyles. Das Privileg, meines Vaters Liebling zu sein, gehört meinem Trottel von Bruder. Kyle kann sich gar nicht vorstellen, dass das Leben nicht für jeden bloß Regenbögen furzt wie für ihn.

Es muss sich was ändern, sage ich zu mir selbst, während ich die Meilen zwischen Colebury und zu Hause zurücklege. Eben war nicht das erste Mal, dass ich aus meinem Trott ausbrechen wollte. Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt und wohne immer noch zu Hause. Meine Familie gleicht einem Minenfeld, nichtsdestotrotz brauchen sie meine Arbeitskraft auf der Farm.

Und – was am schlimmsten ist – mir ist immer noch viel zu wichtig, was andere Leute denken. Bestes Beispiel: Ich bin gerade wegen eines Typen, der sich nicht mal an mich erinnern wird, vom Fitnessstudio abgehauen. Das ist lächerlich.

Aber wenigstens bin ich mir dessen bewusst. Das ist immerhin ein Anfang.

Zu Hause angekommen, erledige ich alle Arbeiten und noch mehr.

Zuerst treibe ich die Kühe auf die Nordweide. Das geht bei gutem Wetter ganz leicht. Dazu muss ich nur den mobilen Zaun versetzen und sie durch das Gatter winken. »Na los, tobt euch aus«, sage ich, als sie eifrig an mir vorbeiziehen. Unsere Herde wird mit Gras gefüttert, und die Tiere lassen sich nicht zweimal bitten. Die hohen, saftigen Gras- und Getreidehalme, die ich ihnen biete, sind wie ein frisch aufgefülltes All-you-can-eat-Büfett.

Mal ehrlich: Die Kühe sind leichter im Umgang als meine Familie. Sie gehen fraglos dahin, wo sie hinsollen. Mein Hund Rexie bellt die Kühe trotzdem mit einem schönen, lauten Wuff an, bloß um den Anschein zu vermitteln, er würde hart arbeiten.

Rexie und Kyle haben wirklich viel gemeinsam. Sie führen sich beide ein bisschen lächerlich auf. Sie nehmen sich beide ein bisschen zu wichtig. Und ich habe sie trotzdem alle beide lieb.

Nachdem die Kühe durchgezogen sind, schließe ich das Gatter und schalte den Strom an. Da wir Oktober haben, wird es rasch dunkel. In ein paar Wochen werden die Uhren zurückgestellt, und dann wird es vor siebzehn Uhr stockdunkel sein. Ich kneife jetzt schon die Augen zusammen, als ich in den Nistboxen der Hennen nach Eiern schaue und die Wassernäpfe auffülle, und ich muss meine Stirnlampe anmachen, um hier den elektrischen Zaun einzuschalten.

Den Großteil ihres Einkommens verdient unsere Farm mit Rindern aus Weidehaltung. Wir bauen auch etwas Getreide an und Biohafer als Futtermittel. Um diese Jahreszeit sollte die Arbeit auf den Feldern eigentlich schon erledigt sein, Kyle und ich müssen aber noch das Haferstroh zu Ballen pressen. Das wäre schon vor Wochen erledigt gewesen, wenn die Rückenschmerzen meines Vaters sich nicht verschlimmert hätten.

Ich nehme mir innerlich vor, meinen Bruder daran zu erinnern, dass das Haferstroh ganz oben auf seine Liste muss. Wieder einmal. Danach bringe ich eine Dreiviertelstunde damit zu, im Dunkeln Kuhdung auf dem unteren Hof einzusammeln.

Das ist langweilige Plackerei, deshalb fangen meine Gedanken an abzuschweifen. Und, verdammt, sie schweifen geradewegs zu Roderick Waites – dem Kerl, der aus einem blauen VW und direkt wieder in mein Hirn gestiegen ist.

Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass ich seit der Highschool nicht mehr an ihn gedacht habe, doch das wäre gelogen. Wäre ich ein spiritueller Mensch, würde ich Rodericks Wiederauftauchen wohl als ein Zeichen interpretieren. Als einen Weckruf.

Kein Mensch kennt alle Irrungen und Wirrungen meines Gehirns, aber als wir Teenager waren, ist Roderick mal für einen Sekundenbruchteil nah dran gewesen, hinter eins meiner größten Geheimnisse zu kommen.

Als ich ihn zum ersten Mal vor einem anderen Typen knien sah, war das ein Zufall.

Es war damals ebenfalls Herbst. Ich hatte ein Footballspiel unserer Highschool besucht. Es war ein kühler Abend, und kurz bevor ich zum Spiel gegangen war, hatte ich mir die Jacke meines Dads vom Haken neben der Tür geschnappt. Als ich an der windigen Seitenlinie stand, schob ich die Hände in die Taschen und fand darin einen Flachmann mit Whiskey. Mein Vater musste die Jacke zuletzt getragen haben, als er mit seinen Kumpels auf dem Hochsitz hockte. Schöne Zugabe.

Aber ich musste mich natürlich wegschleichen, um mir ein Plätzchen zu suchen, wo ich einen Schluck aus der Flasche nehmen konnte.

Ich ließ Spiel und Zuschauermenge hinter mir und stahl mich durch die Tür der Turnhalle. Versteckt unter der Tribüne holte ich den Flachmann meines Dads raus und schraubte ihn auf. Gerade als ich ihn an meine Lippen hob, erstarrte ich beim Klang von Geflüster. Wer auch immer da redete, war vom anderen Ende der Tribüne her in die Halle gekommen.

Die schattenhaften Gestalten waren nicht leicht zu erkennen. Aber ich nahm an, dass es sich um ein Pärchen handelte, das einen ungestörten Ort zum Rummachen suchte. Und weil zwei, die sich zusammen weggeschlichen hatten, keine Bedrohung für mich darstellten, blieb ich, wo ich war.

Ich trank einen Schluck vom Schnaps meines Vaters. Der erste Schluck hatte nichts Lebensveränderndes – er brannte im Hals und trieb mir Tränen in die Augen –, aber das, was danach passierte, änderte alles.

Nachdem ich die Flasche wieder zugeschraubt und eingesteckt hatte, schlich ich mich aus der Halle zurück in den Flur. Weil ich neugierig war, ging ich lautlos in meinen Nikes zum anderen Eingang der Turnhalle. Als ich bei der Tür angelangte, stellte ich mich so hin, dass ich das Pärchen, das ich miteinander hatte flüstern hören, sehen konnte. Sie waren jetzt still, und ich wollte wissen, warum.

Als ich sah, um wen es sich handelte, blieb mir ungelogen fast das Herz stehen. Ein Spieler aus der Schul-Fußballmannschaft – Jared Harvey – stand unter der Tribüne und stützte die Hände an einer der Stufen über sich ab. Roderick Waites kniete vor ihm und zog ihm den Reißverschluss der Jeans auf.

Ihr könnt euch sicher sein, dass ich in den folgenden fünf Minuten nicht mal zu blinzeln gewagt habe. Die Anspannung in Jareds Körper fesselte mich. Beim Festhalten an der Stufe traten seine Armmuskeln hervor, seine Brust hob und senkte sich schnell, während er zusah, wie Roderick ihm die Unterhose herunterzog und seinen Schwanz befreite.

»Blas mir einen, Mann«, presste Jared hervor.

Roderick zögerte nicht. Er umfasste Jareds Schwanz mit einer Hand und nahm begierig die Spitze in den Mund. Jared gab einen erstickten Laut von sich und legte vor Lust den Kopf in den Nacken.

Ich schaffte es kaum weiterzuatmen, als Roderick die Wangen einzog und zu saugen anfing. Und mir wurde ganz schwindelig, als er auf und ab zu wandern begann.

»Ungh!«, keuchte Jared. »Schneller. Verdammt.«

Stattdessen wurde Roderick langsamer und schaute mit leuchtenden Augen zu Jared hoch. Und verflucht noch mal, was für Geräusche er machte – das Schmatzen und Schlürfen brachte mein Teenagerhirn zum Schmelzen.

Jared hielt sich nur noch mit Mühe an der Tribüne fest, und endlich wurde Roderick schneller. Jared keuchte, eine seiner großen Hände landete in Rodericks Haar. Als dieser erneut zu ihm hochschaute, schien der Blickkontakt für Jared unerträglich zu sein. Er riss die Hand hoch und schaute weg.

Ich sah, wie Roderick mit der freien Hand an Jareds Hoden zog. Nein, ich spürte es. Plötzlich wurde mir schmerzlich bewusst, wie erregt ich selbst war, dermaßen hart, dass meine Jeans unbequem wurden.

Fluchend erschauerte Jared, und jeder Muskel seines Körpers spannte sich an. Dann, nach der Erlösung, erschlafften seine Gesichtszüge, und Rodericks Adamsapfel hüpfte, als er schluckte. Es war das Erotischste, was ich mit meinen siebzehn Jahren je gesehen hatte. Mein Herz donnerte, und das Blut pochte in meinen Ohren.

Und an anderen Stellen.

Endlich setzte mein Selbsterhaltungstrieb ein, sodass ich von der Tür zurückwich und in die Männerumkleide auf der anderen Seite des Flurs huschte.

Im Spiegel sah mein Gesicht gerötet aus, meine Lider schwer, meine Augen dunkel. Ich sah aus wie ein Mann, der erlebt hatte, wie seine schmutzigsten Fantasien Wirklichkeit wurden. Denn genau das hatte ich erlebt.

Ich glaube, ich konnte danach tagelang keinen einzigen vernünftigen Gedanken fassen. Sowohl Roderick als auch Jared waren im Abschlussjahrgang – eine Klasse über mir –, und es war gut, dass wir keinen Unterricht zusammen hatten. Ich wäre wahrscheinlich in Flammen aufgegangen, wenn ich mit einem der beiden hätte sprechen müssen. Ich dachte viel über das nach, was ich gesehen hatte, und fragte mich, ob die beiden schwul waren.

Das Seltsame daran war, dass ich mir alle diese Gedanken über sie machte, ohne zu überlegen, warum ich so von ihnen besessen war. Dazu brauchte es noch einige Jahre.

Aber die Geschichte ist damit noch nicht zu Ende. Zwei Wochen später hatte unsere Footballmannschaft wieder ein Heimspiel. Während ich mit meinem Bruder und unseren Freunden auf der Tribüne saß, sah ich, wie Jared aufstand und Richtung Schulgebäude ging. Rodericks dunkler Schopf kam eine Minute später an der Tribüne vorbei.

Sicherlich wisst ihr, was ich daraufhin gemacht habe.

»Ich muss mal schiffen. Bin gleich wieder da«, murmelte ich an meine Freunde gewandt. Dann huschte ich in das Schulgebäude und lief erneut auf Zehenspitzen den dunklen Flur entlang. Ich habe mich nie dermaßen geschämt wie beim Zuschleichen auf die Turnhalle. Was zum Teufel hatte es zu bedeuten, dass ich ihnen zusehen wollte?

Die Neugierde fraß mich jedoch regelrecht auf. Würde diesmal Jared auf den Knien hocken? Oder würden sie etwas ganz anderes machen?

Ich bin sicher, dass mir vor Aufregung ein Schauer über den Rücken lief, als ich vorsichtig durch die Tür lugte. Der Anblick war derselbe. Roderick blies Jared einen. Jared keuchte und wand sich verzweifelt. Ich schaute so lange zu, wie ich mich traute.

Und das auch nicht zum letzten Mal. Es brauchte noch einige weitere heimliche Ausflüge zur Turnhalle, bis ich meine Lektion lernte. Mir war bewusst gewesen, dass ich damit aufhören musste, doch ich schaffte es einfach nicht, mich fernzuhalten. Außerdem stand das letzte Heimspiel der Saison an, was kam es jetzt also noch auf eine Sünde mehr oder weniger an?

Bei diesem letzten Mal war es anders. In seiner üblichen Position am Boden zog Roderick mit einer Hand seinen eigenen Reißverschluss auf und streichelte sich, während er seinem Freund einen blies. Ich starb in meinem Versteck tausend Tode, mein Blick klebte an seiner Hand um seinen Schwanz. Jared war kurz davor zu kommen und ich ebenso – ganz ohne Anfassen.

Doch dazu kam es nicht. Denn Rodericks Blick schweifte im Dunkeln umher.

Seine blauen Augen landeten geradewegs auf mir. Und der Ausdruck darin sagte mir, dass er von mir gewusst hatte. Er hatte es die ganze Zeit gewusst.

Man möchte meinen, dass ich mich umgedreht hätte und abgehauen wäre, doch ich erstarrte, überwältigt von Scham. Und dann? Blickte er mich fest an, während er sich über seine Hand ergoss.

Oh Gott. Selbst jetzt – Jahre später – bekomme ich bei der Erinnerung einen Ständer. Dass diese Jungs überhaupt den Nerv hatten, auf dem Schulgelände rumzumachen. Sie lebten sich aus, und ich schaute zu.

Aber, Mann, was gefiel es mir, zuzuschauen.

Ein schriller Pfiff aus Richtung unseres Farmhauses holt mich aus meinen Tagträumen. Es ist meine Mutter, die mich zum Essen hereinruft. Ich hänge den Rechen an die Seitenwand der Scheune, rücke meine Jeans zurecht und gehe zum Haus.

Acht Jahre später denke ich immer noch an Roderick Waites. Und ich habe immer noch Geheimnisse, mache immer noch genau, was alle von mir erwarten.

Es hat sich im Grunde nichts geändert. Überhaupt nichts.

3

Kieran

Während ich im Windfang die Schuhe ausziehe, atme ich einmal tief durch und versuche, mich zu sammeln. Ich wohne hier schon mein ganzes Leben, aber in letzter Zeit zieht es mich echt runter, hier zu sein. »Hallo, Ma«, sage ich, nachdem ich die Küche betreten habe. »Wie geht’s dir?«

»Ganz gut«, sagt sie vom Herd aus. Dann senkt sie die Stimme. »Aber dein Vater ist heute ein echter Brummbär. Außerdem müssen wir beim Essen etwas besprechen.«

»Okay. Klar«, bin ich einverstanden. Wobei mein Vater fast immerzu ein Brummbär ist, das wissen wir beide. »Machen wir uns Sandwiches?«

»Nein, ich habe gekocht!«, sagt sie. »Hähnchenauflauf.«

»Super«, kommentiere ich halbherzig.

Meine Mom kocht fade, und dieses Gericht ist besonders geschmacksarm. Sie war nie eine tolle Köchin, aber als ihr Arzt ihr riet, sie solle sich salzärmer ernähren, nahm ihre Rezeptpalette eine Wendung zum Schlechtesten. Hähnchenauflauf ohne Salz? Glaubt mir, den wollt ihr nicht probieren. Selbst Rexie frisst lieber sein Trockenfutter als Moms Auflauf.

Ich werde ihn trotzdem essen, weil ich Hunger habe und er nichts kostet. Seit einigen Jahren spare ich schon auf eine eigene Bude. Mein Traum ist es, in der Stadt zu wohnen.

Inzwischen sind meine Ersparnisse ziemlich angewachsen; sobald Dad also wieder arbeitet, kann ich anfangen, mir etwas Günstiges zu suchen. Es besteht sogar die Möglichkeit, dass ich von Zara, meiner Chefin im Café, ein Haus in Colebury mieten werde. Ihre Mieter nebenan ziehen wahrscheinlich nächsten Monat aus. »Er hat ein Jobangebot in einem anderen Bundesstaat«, hat sie gesagt. »Falls sie wegziehen, vermiete ich dir das Haus günstig, wenn du mir dafür mit der Gartenarbeit und im Winter mit dem Schneeschippen hilfst.« Und dann nannte sie eine Miete, die zu meinem Budget passt, erst recht, wenn ich mir noch einen Mitbewohner suche.

Mann, ich würde Unmengen Schnee schippen, wenn ich dafür eine eigene Bude haben kann.

Bis dahin decke ich denselben Küchentisch wie schon mein ganzes Leben. Er ist viereckig und hat eine Fuge genau in der Mitte. Meine Mutter und ich sitzen immer auf der einen und mein Vater mit Kyle auf der anderen Seite. Wenn das mal keine verdammte Metapher ist.

»Wie war der Bürojob heute?«, fragt mein Vater, als er in den Raum geschlurft kommt und seinen Stuhl hervorzieht. Er sagt Büro, wie manche Leute Akupunktur sagen. Als würden sich nur Verrückte einen Bürojob zulegen.

»Gut. Viel zu tun.« Ihm gegenüber halte ich mich an einsilbige Antworten. Wir haben sehr wenig gemeinsam und sind uns in nichts einig.

»Warum stellen die dich nicht in Vollzeit ein, wenn es so viel zu tun gibt?« Dad setzt sich vorsichtig hin, nimmt von meiner Mutter einen Teller entgegen und verzieht das Gesicht, als er auf den beigefarbenen Klecks Essen hinunterschaut.

Bitte mecker nicht übers Essen, flehe ich ihn im Stillen an. Dads Wut auf mich kann ich ertragen, aber wenn er auf meiner Mutter herumhackt, neige ich dazu, die Beherrschung zu verlieren.

»Ich meine, wie sollst du denn was über Werbung lernen, wenn du nur vier Nachmittage die Woche dort bist?«, fragt er und nimmt sich mit einem skeptischen Blick auf das Essen seine Gabel.

»Ich lerne jede Menge«, sage ich milde. In Wahrheit habe ich nie viel über meinen Job in Burlington erzählt. Genauso wenig habe ich den Collegekurs erwähnt, den ich hoffentlich nächstes Frühjahr belegen werde. Er wird dagegen sein. Und es gibt keinerlei Gesetz, wonach ich verpflichtet wäre, mich ihm gegenüber zu erklären.

Ich werde einfach mein eigenes Ding durchziehen und jedem, der fragt, bloß das Allernötigste erzählen. So wahrt man in diesem Haus den Frieden.

»Warst du gar nicht im Fitnessstudio?«, fragt meine Mutter, bloß um das Tischgespräch aufrechtzuerhalten.

Eine Welle des Unbehagens überkommt mich, denn die Frage bringt mich auf Roderick. Schon wieder. Ich frage mich, ob ich jemals an den Kerl werde denken können, ohne mich zu schämen. »Ich hätte es fast hingeschafft. Aber dann hat Kyle mich angerufen und mich nach Hause geschickt, damit ich seine Aufgaben übernehme.«

»Heute Abend war er doch dran, oder?«, fragt meine Mutter. »Wo ist der Junge denn?«

»Hilft für ein paar Stunden in der Bar aus, um sich Geld dazuzuverdienen.« Ich schaufele noch mehr Auflauf in mich hinein und kaue, damit ich nicht ausspreche, was mir durch den Kopf geht.

»Sich was dazuzuverdienen ist gut«, nimmt mein Vater Kyle in Schutz. »Es wird in nächster Zeit eng für uns werden.«

»Wieso?« Ich lege meine Gabel ab. »Ist eins der Tiere gestorben?«

»Nein.« Er schüttelt den Kopf.

Da geht die Küchentür auf, und Kyle kommt grinsend herein. »Komme ich rechtzeitig zum Essen?«

»Ja, und ob!«, sagt mein Vater und lächelt zum ersten Mal, denn sein Ältester – sein Junge – ist zu Hause.

»Ist meine Superkraft.« Kyle hängt seinen Mantel auf.

»Sally, hol ihm einen Teller«, sagt mein Dad.

Meine Mom steht auf und füllt für Kyle einen Teller, während mein Bruder auf seinen Stuhl rutscht. Er legt zwanzig Mäuse vor mir auf den Tisch. »Danke für deine Hilfe.«

»Klar doch«, brumme ich und wünsche mir, ich hätte keine große Sache daraus gemacht. Trotzdem stecke ich den Schein ein. Mein Mietsparkonto kann ihn gebrauchen.

Mom stellt meinem Bruder den Teller hin und setzt sich wieder. »Da Kyle jetzt hier ist, können wir auch über den kommenden Winter reden.« Die finstere Miene meines Vaters verrät mir, dass mir nicht gefallen wird, was sie zu sagen hat. »Euer Vater wird am Rücken operiert. Schon bald. Er wird monatelang ausfallen.«

»Wochen«, korrigiert sie mein Vater unwirsch.

Sie verdreht die Augen. »Es geht um eine Wirbelkörperverblockung. Ein großer Eingriff mit einer langen Genesungszeit.«

Wirbelkörperverblockung. Eieiei. Das muss ich nachher googeln, aber es klingt schon schrecklich. Ich verspüre einen seltenen Anflug von Mitgefühl für Dad. Aber als ich zu ihm schaue, verbietet der stählerne Ausdruck in seinen Augen jedes Mitleid.

»Okay«, sage ich und leere mein Glas. »Ihr wisst doch, dass Kyle und ich einspringen werden.« Ich werfe meinem Bruder einen Blick zu.

»Ja, wir kriegen das hin«, sagt er. »Gut, dass du es machst, bevor die Kühe kalben und die neue Aussaat ansteht.«

»Das war der Gedanke dahinter«, sagt meine Mutter. »Für eine Weile wird es hart werden. Aber ich wusste, dass ihr zwei einspringen würdet. So machen das die Shipleys.«

»Genau«, stimme ich, darum bemüht, jede Bitterkeit aus meiner Stimme herauszuhalten, zu. »Ich kann samstags- und sonntagsnachmittags und jeden Montag für euch arbeiten. Montags muss ich nicht ins Büro.«

»Was, wenn du dir stattdessen einen Job suchen würdest, der näher an zu Hause ist?«, fragt mein Vater.

Moment mal, wie bitte? »Glaubst du, das wäre so leicht?«

»Es muss doch was Leichteres geben, als für diesen Bürojob quer durch Vermont zu fahren. Und vormittags schenkst du bloß Kaffee aus. Scheint mir, als könntest du dir viel Ärger ersparen, wenn du im Baumarkt in der Stadt arbeiten würdest.«

»Ich soll also im Busy Bean aufhören und Audrey und Zara hängen lassen? Machen das die Shipleys so?« Das Bean gehört Audrey Shipley, der Frau meines Cousins. Wenn meine Mom schon den Familientrumpf ausspielen will, dann scheint mir dieser Aspekt genauso erwähnenswert zu sein.

Mein Vater zuckt mit den Schultern, als wäre das lächerlich. »Audrey wird doch wohl jemand anders finden, der Muffins verkaufen kann, oder nicht?«

»Wie wär’s, wenn du mich selbst entscheiden lässt, wie ich am besten Geld verdiene?«, frage ich, und jedes Wort ist ein kleiner Eissplitter. Auch die unterschwellige Botschaft ist glasklar: Solange er mich nicht bezahlt, soll er verdammt noch mal die Klappe halten. »Ich habe dir gerade sämtliche Zeit angeboten, die ich noch freihabe. Ist das denn nicht gut genug?«

»Es ist super«, sagt Kyle schnell. »Wir kriegen das schon geregelt, ja?«

»Ja. Aber du musst dich gut organisieren. Für die Haferstrohballen braucht es zwei Mann, du wirst dich also in der Zeit bereithalten müssen, wenn ich nicht arbeite.«

»Kein Problem«, sagt er.

»Das bedeutet, sich um die Strohballen und die Zäune zu kümmern, selbst wenn gerade Football im Fernsehen läuft.«

»Das weiß ich. Meine Güte.« Auch Kyle wirft mir einen grummeligen Blick zu.

Aber ich weiß jetzt schon, wie das laufen wird: einen langen, kalten Winter lang auf der Farm schuften, nachdem ich den ganzen Tag bei meinen zwei anderen Jobs gearbeitet habe.

»Wenn wir uns alle zusammenreißen, wird es gehen«, sagt meine Mutter.

»Genau«, stimmt Kyle zu. »Und nach getaner Arbeit gibt’s Kaltgetränke. So machen das die Shipleys.«

Bei ihm klingt es ganz einfach. Unterdessen sitze ich ihm am Tisch gegenüber und bemühe mich, nicht laut zu schreien.

So machen das die Shipleys in diesem Haus.

4

Roderick

Ich verbringe eine anstrengende Nacht auf dem Beifahrersitz meines Autos.

Zunächst mal ist es schwieriger, als man meint, einen sicheren Parkplatz zu finden. Unbemerkt zu bleiben ist nicht leicht. Ich habe Sorge, irgendwo zu stehen, wo die Cops womöglich auf mich aufmerksam werden. Schätze, ich könnte Obdachlosenheime in Vermont googeln und mir eines raussuchen.

Aber das will ich nicht. Mit achtzehn habe ich einige Zeit in Obdachlosenheimen verbracht. Diese Erfahrung möchte ich lieber nicht wiederholen. Nie wieder werde ich dieser verängstigte Teenager sein. Ich will nicht in diesen Geisteszustand des Gescheitertseins zurückkehren. Das Wort obdachlos möchte ich nicht mal aussprechen. Ich bin nur gerade in der Zwischenphase zwischen zwei Wohnungen. Wenigstens habe ich diesmal ein Auto. Es ist verriegelt, und ich bin in Sicherheit.

Jedenfalls versuche ich, mir das einzureden. Aber mein Schlaf ist unruhig. Beim kleinsten Geräusch wache ich auf. Ich parke hinter dem Müllcontainer von einem Karate-Dojo. Die ganze Zeit rechne ich damit, dass ein Streifenwagen mit Blaulicht angefahren kommt.

Außerdem sind meine Beine taub, und jedes Mal, wenn ich mich umdrehen will, stoße ich mit dem Knie gegen die Tür.

Ich döse unruhig. In den dunkelsten Stunden der Nacht wandern meine Gedanken irgendwann zu meinem Ex Brian. Er schläft jetzt bequem ausgestreckt in unserem Bett. In seinem Bett. Es war eigentlich nie wirklich unseres. Drei Jahre lang habe ich ihn zu seinen Bedingungen geliebt. Unsere Beziehung vor der Öffentlichkeit geheim gehalten. Von den Krümeln Zuneigung gezehrt, die er zu geben bereit war.

Irgendwo tief in mir wusste ich immer, dass er nicht in der Lage war, meine Liebe zu erwidern, auch wenn er es ab und zu sagte. Aber genauso oft hat er mich weggestoßen. Er »vergaß«, was wir vorgehabt hatten, oder entschied sich in letzter Minute um. Er machte das nur, damit ich mir nie zu sicher war – um zu beweisen, dass er mich eigentlich nicht in seinem Leben brauchte.

Irgendwann wurde ich zur Klette und stellte ihm ein Ultimatum, das er vorgab, sich zu Herzen zu nehmen. Aber dann? Ging er fremd, nur damit ich auch ja wusste, dass er das Sagen hatte.

Das ist die Kurzfassung. Und jetzt schlafe ich in meinem Auto, weil er sofort unser Bankkonto eingefroren hat, als ich die Stadt verließ. An einer Tankstelle in Massachusetts stellte ich fest, dass er auch meine Kreditkarten gesperrt hat.

Mein tauber Hintern mal außen vor – es ist schwer, Schlaf zu finden, wenn man alle seine Lebensentscheidungen anzweifelt.

Schließlich bricht der Tag an. Ich blinzele den Schlaf aus den Augen und mache einen Plan. Zuerst werde ich ins Colebury Diner gehen und mir ein günstiges Eiergericht bestellen. Dann putze ich mir dort auf der Herrentoilette die Zähne und wasche mein Gesicht.

Es sind dreißig Minuten Fahrt nach Norwich, wo ich nach der Kochschule mal ein einmonatiges Praktikum bei King Arthur Flour gemacht habe. Ich werde gegen acht Uhr dort sein, dann ist Frühstückspause. Mein ehemaliger Chef wird immer noch auf deren Website aufgeführt. Ich werde ihn mit meinen neu hinzugewonnenen Erfahrungen beeindrucken, sodass er mir sofort einen Job anbieten wird.

Und falls das nicht klappt, fahre ich bei jeder Bäckerei in Vermont vorbei. Irgendwo wird es klappen.

Zwei Stunden später komme ich entmutigt aus dem schicken neuen Gebäude von King Arthur. Die gemütliche, zu klein geratene Küche, in der ich gelernt habe, Sauerteig anzusetzen, ist Geschichte. Der glänzende neue Verkaufsraum war mir genauso fremd wie die Gesichter darin. Mein ehemaliger Chef ist inzwischen im Management und arbeitet jetzt in einem anderen Gebäude.

»Ich stelle dir ein klasse Empfehlungsschreiben aus, Rod«, sagte er, als ich die Nummer anrief, die mir die Verkäufer in der neuen Bäckerei gegeben hatten. »Füll ruhig schon mal einen Bewerbungsbogen aus. Ich weiß allerdings, dass unser Bäcker mehrere Bewerbungen pro Woche bekommt.«

»Super, das mache ich«, sagte ich, während meine Zuversicht sank.

»Meld dich nächsten Monat noch mal, falls du dann immer noch etwas suchst. Für die Weihnachtszeit brauchen sie immer zusätzliche Verstärkung hinter der Ladentheke.«

»Mach ich. Danke.« Ich füllte die Bewerbung aus, was ganze fünf Minuten dauerte.

Doch jetzt steige ich wieder in mein Auto und werfe den Motor an. Noch nie habe ich mich so von der Welt im Stich gelassen gefühlt wie jetzt gerade. Ich habe keinen Wohnsitz. Keinen Job. Und auch keine echten Freunde, denn sie sind alle Kollegen von der Arbeit in Tennessee, die ich hinter mir gelassen habe, oder – noch schlimmer – Kumpel von Brian.

Die beängstigende Wahrheit lautet, dass niemand es merken oder nach mir suchen würde, wenn ich heute vom Erdboden verschwände.

Außerdem brauche ich Kaffee. Niemand sollte seine Beinahe-Midlife-Krise auf Koffeinentzug lösen müssen, stimmt’s?

Also steuere ich den Wagen zurück nach Colebury. Kopf hoch, coache ich mich selbst. Ich kann doch nicht erwarten, dass sich meine Probleme nach einer Stunde Jobsuche erledigt haben. Ich gehöre zu den Menschen, denen nichts einfach in den Schoß fällt, sondern die sich für alles abrackern müssen. King Arthur ist die größte Bäckerei der Gegend, aber es ist nicht die einzige, die mich einstellen könnte.

Hoffe ich.

Es ist noch Vormittag, als ich das Busy Bean erreiche. Beim Aussteigen aus dem Auto riecht es nach gutem Kaffee. Der Duft nach starkem Kaffee in der kieferngeschwängerten Vermonter Luft ist wie Sirenengesang für mich. Während ich auf die Tür zugehe, steigt bereits meine Hoffnung. Komm schon, Vermont. Gib mir was, woran ich mich halten kann.

Als Erstes bemerke ich die von den breiten Holzdielen widerhallende Akustikgitarrenmusik. Der Kaffeeduft ist hier noch stärker. Und der Laden ist schnuckelig. Er ist voller bunt zusammengewürfelter Sitzmöbel mit dunklen Polstern und Animal Prints. Mit Kreide wurden freche Sprüche auf die breiten Deckenstützbalken geschrieben. Ein Reim sticht mir besonders ins Auge:

Rosen sind rot,

Veilchen sind blau,

Meinen Kaffee liebe ich

und nervst du mich, ehe ich ihn getrunken hab, mach ich dich zur Sau.

Ich stoße ein vergnügtes Schnauben aus. Könnte es etwa sein, dass ich unter meinesgleichen gelandet bin?

Vorsichtig nähere ich mich der Vitrine mit dem Gebäck. Ich hoffe, sie ist nicht voll mit den immer gleichen halb rohen Cookies und gummiartigen Bagels.

Aber nein! Sie ist voller hausgemachter Backwaren. Sie sind unspektakulär – hauptsächlich Muffins und Scones –, sehen aber zu gut aus, als dass sie fertig vom Großhändler angeliefert worden sein könnten. Mir knurrt der Magen, als ich die Auslage betrachte.

»Was darf’s sein?« Die Frage kommt von einer großen Frau mit dunklen, welligen Haaren. »Ich empfehle die Zitronenmuffins, die hat meine Partnerin nämlich eben frisch gebacken, und wenn du keine nimmst, esse ich wahrscheinlich umso mehr davon.«

»Ich nehme liebend gern zwei«, sage ich. Nicht nur, weil ich regelrecht am Verhungern bin, auf die Art lässt sich auch viel einfacher ein Gespräch anfangen. »Und einen kleinen Kaffee, schwarz, bitte.« Ich nehme mein Portemonnaie heraus. Bloß weil ich pleite bin, heißt das nicht, dass ich den Tag ohne Koffeinnachschub überlebe.

»Die dunkle Röstung oder die Frühstücksmischung?«

»Die dunkle Röstung. Frühstücksmischungen sind für Memmen.«

Die dunkelhaarige Schönheit lacht. »Das macht dann vier fünfzig.«

Das ist ehrlich gesagt ziemlich günstig. Ich schiebe ihr einen Fünf-Dollar-Schein hin. Nachdem sie mir das Wechselgeld herausgegeben hat, lasse ich die Bombe platzen. »Also, falls ihr zufällig Personal sucht, kann ich dann meine Kontaktdaten dalassen? Ich bin ausgebildeter Bäcker. Aber ich mache auch superguten Espresso.«

Die Frau erstarrt mit einer Hand an der Kassenschublade. »Du bist Bäcker«, sagt sie langsam. »Suchst du eine Teilzeit- oder eine Vollzeitstelle?«

»Na ja, eigentlich Vollzeit. Aber im Moment bin ich da nicht wählerisch. Wenn ich nicht das Passende finde, werde ich mehrere Jobs kombinieren müssen.«

»Hat er was von Vollzeit gesagt?«, fragt eine andere Stimme. Plötzlich erscheint eine hellhaarige Frau im Türrahmen hinter dem Tresen.

»Ja, hat er.«

Die Blondine kommt aus der Küche und klopft sich Mehl von den Händen. »Schätze, wir besprechen das jetzt also?« Sie tritt hinter dem Tresen hervor, sodass ich sie richtig sehen kann. Sie ist klein und zierlich und scheint schwanger zu sein.

»Also …« Ich weiß nicht recht, was ich sagen soll. »Wollt ihr eventuell jemanden als Verstärkung einstellen?«

»Wir müssen unbedingt«, sagt die Dunkelhaarige. »Aber wir haben es vor uns hergeschoben. Ich bin übrigens Zara Rossi.«

»Freut mich, dich kennenzulernen, Zara. Ich bin Roderick.«

»Und ich bin Audrey Shipley«, sagt die niedliche Blonde.

»Ach, die Shipleys.« Bei diesem Familiennamen horche ich auf. »An deine Familie erinnere ich mich. Ihr wart immer die, die alle Preise in der Schule gewonnen und Veranstaltungen in der Kirche organisiert haben.« Alle liebten die Shipleys. Und von ihnen gab es jede Menge.

»Tja, ich war nicht Überfliegerin genug, um in die Familie hineingeboren zu werden«, sagt Audrey. »Ich musste erst einen heiraten.«

»Da ist jedes Mittel recht«, sage ich, und sie lacht.

»Betreibt ihr zwei diesen Laden?«, frage ich, um ein Gefühl dafür zu bekommen, bei wem ich Eindruck schinden muss.

»Yepp!«, erwidert Audrey, während sie hinter dem Tresen herumwuselt und die unbenutzten Tassen geraderückt. Sie erinnert mich an eine fröhliche Hummel. »Wir sind Partnerinnen.«

»Oh«, sage ich zögerlich, weil ich mir nicht ganz sicher bin, was sie damit meint.

Zara lacht los, und es ist ein tiefer, volltönender Klang. »Keine Lebenspartnerinnen. Uns gehört nur beiden das Café.«

»Okay.« Ich stoße ein nervöses Lachen aus. »Sorry, dass ich gleich voreilige Schlüsse gezogen habe. Erzählt mal, wonach ihr sucht.«

»Wir brauchen jemanden in Vollzeit. Jemand Verlässliches mit guten Referenzen«, sagt Zara ohne jedes Zögern.

»Das trifft alles auf mich zu«, versichere ich. »Ich habe mal ein Sommerpraktikum bei King Arthur Flour gemacht. Das ist zwar schon ein paar Jahre her, aber sie verbürgen sich immer noch für mich. Bis vor Kurzem habe ich in einer großen Bäckerei in Nashville gearbeitet. Von dort habe ich ebenfalls ein Arbeitszeugnis.«

Zara nickt. »Dann kommst du ursprünglich aus Vermont?«

»Sozusagen. Ich bin ein Soldatenkind. Ich wurde hier geboren, dann sind wir aber weggezogen. Für meine letzten zwei Highschool-Jahre kamen wir wieder zurück.«

»Du warst in Colebury auf der Highschool, oder?«, fragt Zara. »Dachte ich es mir doch, dass du mir bekannt vorkommst.«

»Und jetzt bist du frisch wieder hergezogen?«, fügt Audrey hinzu.

»Ja«, sage ich und bemühe mich dabei, nicht unsicher zu wirken. »Ich möchte in Vermont bleiben, vorausgesetzt, ich finde einen Job.« Die Wahrheit lautet, dass ich nicht weiß, wie viel Zeit ich mir mit der Arbeitssuche lassen kann. Der sicherste Weg wäre, direkt wieder ins Auto zu steigen und zu versuchen, meinen Job in Nashville wiederzubekommen.

»Wieso bist du weg aus Tennessee?«, fragt Zara.

Soll ich die Wahrheit sagen oder lügen? Keine leichte Entscheidung. »Ich habe eine schwierige Beziehung beendet. Mir schien, die einzige Lösung war, gleich den Bundesstaat zu verlassen.« Das ist etwas untertrieben, aber die zwei brauchen nicht alle fiesen Einzelheiten zu wissen.

»Jetzt nimm ihn doch nicht so in die Mangel«, empört sich Audrey.

Zara lacht. »Ich habe fünf Jahre lang eine Bar geführt. Indem man die Leute in die Mangel nimmt, sortiert man die Spinner aus.« Sie lächelt mich verlegen an. »Entschuldige, aber so ist es nun mal.«

»Ach, das glaub ich gern«, sage ich in der Hoffnung, gefällig zu klingen.

»Na gut«, sagt Audrey. »Zara ist die Geschäftstüchtige. Sie bewahrt mich davor zu verkacken.«

Ich lache schallend, weil es verkehrt scheint, wenn eine derart niedlich wirkende Person Schimpfwörter raushaut.

»Aber lass mich dir noch ein bisschen was über das Busy Bean