Verlag: Piper ebooks Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Weihnachten in der kleinen Bäckerei am Strandweg E-Book

Jenny Colgan  

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E-Book-Beschreibung Weihnachten in der kleinen Bäckerei am Strandweg - Jenny Colgan

Es weihnachtet sehr an Cornwalls Küste, und Polly hat nur ein Ziel: Dieses Fest der Liebe muss das Beste aller Zeiten werden. Aber wann verläuft das Leben schon nach Plan? Prompt schneit ihre Freundin in der Bäckerei vorbei und vertraut ihr ein heikles Geheimnis an, das bald nicht mehr zu verbergen sein wird. Außerdem ist da noch die leidige Frage, wer die Bäckerei weiterführen darf. Wird es Polly trotzdem gelingen, mit ihrem Freund Huckle und Papageientaucher Neil das fröhlichste aller Feste zu feiern?

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E-Book-Leseprobe Weihnachten in der kleinen Bäckerei am Strandweg - Jenny Colgan

Mehr über unsere Autoren und Bücher:www.piper.deÜbersetzung aus dem Englischenvon Sonja HagemannISBN 978-3-492-97877-4© Jenny Colgan 2016Titel der englischen Originalausgabe:»Christmas at Little Beach Street Bakery«, Sphere Books, London 2016

© der deutschsprachigen Ausgabe:Piper Verlag GmbH, München 2017Covergestaltung: zero-media.net, MünchenCoverabbildung: FinePic®, MünchenDatenkonvertierung: Fotosatz Amann, MemmingenSämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben. In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten

Dritter. Wir weisen darauf hin, dass sich der Piper Verlag nicht die Inhalte Dritter zu eigen macht.

Für euch Träumer und eure großen und kleinen Träume.Selbst wenn sie nur die Ausmaße eines Papageientauchers haben.

»Frieden findet man nicht durch Hass, mein Junge. Das wird dich nur noch mehr von der Welt abschließen. Und verflucht ist unser Dorf nur, wenn du es dazu machst. Für uns hier ist dieser Ort gesegnet.«

Brigadoon

Liebe Leser,

vielen Dank, dass ihr euch für dieses Buch entschieden habt, den (vermutlich) letzten Band der Bäckerei-Trilogie. Ich fand es so wunderbar, über die Abenteuer von Polly, Huckle und dem frechen Papageientaucher Neil zu schreiben.

Wenn ihr gerade erst neu dazugekommen seid, braucht ihr eigentlich gar nicht viel zu wissen: Vor einiger Zeit ist Polly nach der Pleite ihrer Firma auf die Gezeiteninsel Mount Polbearne gezogen und hat sich dort ein neues Leben aufgebaut.

Sie wohnt in einem Leuchtturm, weil sie die Vorstellung romantisch fand (Anmerkung: In Wirklichkeit nervt es tierisch!), und zwar zusammen mit Huckle, ihrem lässigen amerikanischen Freund, und natürlich ihrem zahmen Papageientaucher. Polly backt jeden Tag Brot für die Einwohner von Mount Polbearne und die Besucher der Insel, und damit seid ihr jetzt auch schon auf dem Laufenden!

Noch eine Bemerkung zum Schauplatz:

Da ich als Kind viel Zeit in Cornwall verbracht habe, ist es für mich nicht nur ein echter Ort mit richtigen Menschen, sondern auch eine Art Märchenland aus meiner Fantasie. Es kommt mir vor wie meine Version von Narnia oder einem der anderen Zauberreiche, die ich früher so gern besucht habe – ich war völlig besessen von Bevor die Flut kommt und natürlich von den Fünf Freunden oder der Dolly-Reihe.

In meiner Kindheit haben wir bei unseren Cornwall-Aufenthalten immer ein altes Häuschen in der Nähe von Polperro gemietet, in dem früher Zinnbergleute gelebt hatten. Meine Mutter war ein großer Fan von Daphne du Maurier und erzählte meinen beiden Brüdern und mir gerne schaurige Geschichten über Schiffbrüche, Piraten, Gold und Plünderer, wenn sie abends an unseren schmalen Betten saß. Wir waren begeistert, haben uns aber auch so sehr gegruselt, dass immer einer von uns die halbe Nacht aus Albträumen hochgeschreckt ist. Meiner Meinung nach war das normalerweise mein kleiner Bruder, obwohl der das wohl anders sehen würde.

Im Vergleich zum kalten Schottland war das sonnige Cornwall für mich das reinste Paradies. Es war jedes Jahr etwas Besonderes, wenn unsere Eltern uns diese Bodysurfbretter aus dickem Styropor gekauft haben. Damit rannten wir morgens früh ins Wasser, um den ganzen Tag auf den Wellen zu reiten, immer und immer wieder, bis wir fix und fertig waren und sich an den Rändern meiner überkreuzten Badeanzugträger der Sonnenbrand bemerkbar machte. Dann zogen wir uns auf das Handtuch zurück, um ein in Frischhaltefolie eingeschlagenes Butterbrot zu essen, wobei immer auch etwas Sand zwischen den Zähnen knirschte.

Später briet mein Vater Fisch auf einem kleinen Grill, den er jedes Jahr eigenhändig aus Ziegeln und einem Rost baute, und ich saß im hohen Gras, las Bücher und wurde von Insekten gestochen.

Und weil man in den Ferien abends lange aufbleiben darf, fuhren wir danach noch nach Mousehole oder St Ives, kauften uns ein Eis und spazierten damit vor den Schaufenstern der Kunstgalerien im Hafen entlang. Manchmal verspeisten wir auch heiße, salzige Pommes oder kauften uns Buttertoffee, von dem ich völlig besessen war, obwohl mir davon immer schlecht wurde.

Das waren glückliche Zeiten, und es war mir so eine Freude, sie mir für mein erstes Buch über Mount Polbearne wieder in Erinnerung zu rufen. Damals unternahmen wir auch einen Tagesausflug nach St Michael’s Mount – wie es sich für Cornwallbesucher eben so gehört –, und ich weiß noch, wie gruselig und zugleich faszinierend ich es fand, als die Pflastersteine der alten Straße dorthin langsam in den Wellen verschwanden. Das war der romantischste und magischste Moment in meinem Leben, darum fand ich es auch so toll, an diesem Ort später meine Bücher spielen zu lassen. Wenn ich durch sie auch nur einen Bruchteil des Glücks weitergeben kann, das Cornwall in mein Leben gebracht hat … tja, dann wäre ich wirklich froh.

Jenny XXX

KAPITEL 1

In dieser Geschichte geht es um ein bestimmtes Weihnachtsfest, eigentlich fing aber alles mit etwas wirklich Schlimmem an, was schon im Frühling passierte. Diesen verdammten Vorfall im Frühling werden wir nur kurz beleuchten, denn die Gezeiteninsel Mount Polbearne in Cornwall ist zu dieser Jahreszeit ein viel zu schönes Fleckchen Erde, um nicht davon zu erzählen.

Dort führt ein Fahrdamm zu einem uralten Örtchen, das früher mal mit dem Festland verbunden war, bis der Meeresspiegel anstieg. Jetzt verschlingt die Flut zweimal am Tag das alte Kopfsteinpflaster, was die kleine Stadt zu einem sowohl sehr romantischen als auch äußerst unpraktischen Wohnort macht.

Rund um einen Hafen mit einem kleinen Strand drängen sich Häuschen und Geschäfte, darunter Pollys kleine Bäckerei am Strandweg, die zur Unterscheidung von der ursprünglichen Inselbäckerei so genannt wird. Vielleicht fragt ihr euch jetzt, wie sich denn in so einem kleinen Ort gleich zwei Bäckereien halten können, aber dann habt ihr da offensichtlich noch nicht eingekauft. Polly ist unter den Bäckern nämlich so was wie Phil Collins unter den Schlagzeugern. Nee, Moment, das ist vielleicht nicht der passendste Vergleich. Na ja, auf jeden Fall kann ich euch versichern, dass sie wirklich toll backt.

Ihr Sauerteigbrot ist nussig und knackig und hat die allertollste Kruste, ihre Baguettes sind leicht und luftig. Sie macht köstliche, reichhaltige Focaccias mit Olivenöl und zarte, leicht herbe Käsescones. Neue Sachen probiert sie erst einmal zu Hause in der Leuchtturmküche aus, in der Bäckerei hat sie jedoch beeindruckende Industriebacköfen, darunter einen tollen Holzofen. Wenn der Duft ihrer Backwaren durch das kleine Städtchen wabert, zieht er Hungrige und Neugierige von nah und fern an.

Im Hafen gibt es außer der Bäckerei noch Andys Pub Red Lion. Dort nimmt man es mit den offiziellen Öffnungszeiten nicht immer so genau, vor allem, wenn der Biergarten mit den funkelnden Lichterketten an warmen Abenden voll ist und vom Wasser her der Duft der See herüberweht. Auch der supertolle, aber teure Fish-and-Chips-Wagen nebenan gehört Andy, der deshalb ein viel beschäftigter Mann ist. Im Hafen selbst klimpern und klappern die Kutter der Fischereiflotte, die früher den Menschen auf Mount Polbearne ihr Auskommen gesichert hat. Heute wird die Arbeit auf den Booten allerdings durch Jobs in der Tourismusbranche auf Platz zwei verwiesen.

Auf der Insel schlängeln sich kleine Kopfsteinpflasterstraßen den Hügel hinauf, der schon seit Generationen von denselben Familien bewohnt wird. Noch vor einiger Zeit plagte die Menschen hier die Angst, ihre Gemeinschaft würde nach und nach aussterben. Dann ist jedoch Polly hergezogen und hat die Bäckerei übernommen, nachdem ihr Grafikdesign-Unternehmen pleitegegangen war. Das fiel mit einer neuen Beliebtheit der Insel zusammen, in deren Zug auch ein schickes Fischrestaurant eröffnet hat, und manche halten Polly sogar für den Grund all dieser Veränderungen. Inzwischen werden auf der Insel auch wieder Kinder geboren, und man hat einfach das Gefühl, dass es bergauf geht.

Jetzt müssen nur alle gucken, wie sie ihre eigentlich zauberhaften, aber ziemlich heruntergekommenen Häuschen irgendwie renovieren können, ohne sie dafür an reiche Leute aus London und Exeter zu verscherbeln. Die würden sich nämlich unter der Woche hier nicht blicken lassen, auf Dauer allerdings die Preise so sehr in die Höhe treiben, dass die Menschen aus der Gegend sich hier nichts mehr leisten könnten.

Aber mal abgesehen von ein oder zwei Ausnahmen haben die Gezeiten und der Mangel an vernünftigem WLAN den Ort bislang mehr oder weniger vor einer Invasion bewahrt. Noch ist alles weitgehend so, wie es seit Hunderten von Jahren war, es könnte also schlimmer sein.

Der Sommer ist hier allerdings ein wenig verrückt, weil es immer voll ist und alle viel zu tun haben. Dann versucht nämlich jeder, in kurzer Zeit so viel Geld wie möglich zu verdienen, um damit durch den langen, kalten Winter zu kommen. Im Frühling läuft das Geschäft mit den Touristen nur langsam an, obwohl es um Ostern herum normalerweise einen kleinen Ansturm gibt. Erste Ausflügler reisen mit großer Hoffnung an und verbergen ihre Enttäuschung, wenn der Wind, der an diesem trügerischen Küstenabschnitt schon viele Schiffe zum Kentern gebracht hat, ihnen die Zuckerwatte ins Gesicht bläst. Sie müssen sich eingestehen, dass die Fischkutter im Hafen nicht nur für ihre Videokameras so beeindruckend auf und ab tanzen, sondern tatsächlich von Wellen mit weißer Schaumkrone hin und her geworfen werden. An Bord flicken immer noch Fischer mit roten Fingern Netze oder brüten heutzutage öfter mit gerunzelter Stirn über Computerausdrucken, um mit Informationen über Fischschwärme und ihre Bewegungen den möglichen Fang zu errechnen.

Dann verschwinden die enttäuschten Osterurlauber irgendwann wieder. (Aber die Triumphierenden, die bis zum Dienstag geblieben sind und dafür mit einem perfekten und zauberhaften goldenen Tag belohnt wurden, werden den ihren Freunden die nächsten fünf Jahre unter die Nase reiben.) Jetzt kann Mount Polbearne kurz verschnaufen, bevor die Menschenflut des Sommers über den Ort hereinbricht: Kinder mit Keschern und ihre Eltern, die von den Urlauben ihrer Kindheit träumen, als sie an breiten goldenen Stränden frei herumtollen durften. Die Erwachsenen merken dann aber rasch, dass der Fahrdamm links und rechts ja gar nicht abgesichert ist und die Flut unglaublich schnell kommt. Außerdem erfüllt das, was 1985 völlig okay war und von ihren Eltern erlaubt wurde, sie heute mit Entsetzen. Na ja, und darüber hinaus brauchen sie auch vernünftiges WLAN, was Mount Polbearne nun wirklich nicht bieten kann. Aber jetzt müssen sie eben das Beste daraus machen.

Im April atmet Mount Polbearne also einmal tief durch, und man kann beim Blick bis zum Festland sehen, wie die Bäume zu blühen beginnen und sich mit riesigen Girlanden in Weiß und Rosa schmücken. Tage, die kühl und unbeständig anbrechen, werden plötzlich mit strahlendem Sonnenschein belohnt. Wenn die Sonne den Morgennebel vertrieben hat, wird es langsam warm, und die sprießenden Pflanzen fangen zu duften an. Emsig bauen Vögel ihre Nester, und generell zeigt sich England im Frühling mit dem hellen Grün der knospenden Bäume und allgemein zauberhafter Stimmung einfach von seiner besten Seite.

Aber leider wird unsere Geschichte nicht lange hier verweilen, sondern beginnt nur in diesem Moment. Es ist generell eine Zeit des Neuanfangs, in der man Fleecepulli und Fernseher hinter sich lässt und ins frische Morgenlicht blinzelt.

Allerdings wurde die Idylle an diesem Apriltag nun davon unterbrochen, dass Polly Waterfords beste Freundin, die mit Huckles bestem Freund verheiratete blonde und schicke Kerensa, laut ins Telefon fluchte.

»Jetzt hör mal mit dem Geschimpfe auf«, bat Polly vernünftig und rieb sich die Augen. »Ich versteh ja kein Wort.«

Aber dann war die Verbindung zwischen Polbearne und dem Festland, wo Kerensa in einer riesigen und lächerlich prunkvollen Villa mit ihrem genialen (und ziemlich lauten) amerikanischen Ehemann Reuben lebte, mal wieder unterbrochen.

»Wer war das denn?«, fragte Huckle, der in der sonnigen Küche des von ihnen bewohnten Leuchtturms vor dem Toaster auf sein Brot wartete. Obwohl es für so spärliche Bekleidung eigentlich nicht warm genug war, trug er nur Boxershorts und ein verblichenes graues T-Shirt. Polly störte sich nicht daran. Heute war Sonntag, und damit ihr einzig freier Tag in der Woche. Und hier saß sie nun und überlegte, ob sie sich etwas von der gesalzenen Butter aus der Gegend aufs Brot schmieren sollte oder etwas von Huckles Produkten, zum Beispiel einen süßen Orangenblütenhonig, der gut zum sanften Wetter an diesem Morgen passte.

»Das war Kerensa«, erklärte Polly. »Und sie hat geschimpft wie ein Rohrspatz.«

»Tja, das klingt nach ihr. Worum ging es denn?«

Während Polly erfolglos ihre Freundin zurückzurufen versuchte, antwortete sie: »Ach, das könnte bei ihr doch alles Mögliche sein. Vermutlich hat sich Reuben mal wieder wie ein Arschloch benommen.«

»Davon können wir wohl ausgehen«, bemerkte Huckle mit gerunzelter Stirn, während er den Toaster nicht eine Sekunde aus den Augen ließ. »Mensch, es sollte wirklich mal jemand einen Hochgeschwindigkeitstoaster erfinden«, fügte er dann hinzu.

»Was?«, fragte Polly. »Einen Hochgeschwindigkeitstoaster?«

»Das Brot braucht viel zu lange«, beklagte sich Huckle.

»Wovon redest du da nur?«

»Ich hatte wirklich Lust auf Toast und wollte was von deinem Sauerteigbrot rösten, weil das ja den besten Toast der Welt ergibt.«

»Dann weiß ich jetzt endlich den Grund, warum du mit mir zusammen bist«, grinste Polly.

»O mein Gott, das duftet einfach so gut, ich kann es kaum erwarten, meine Zähne in diese tolle Sauerteigbrotscheibe zu schlagen.«

Als er auf den Knopf drückte, sprangen zwei noch nicht ganz fertig getoastete Scheiben goldgelbes Brot heraus. »Siehst du?« Er bearbeitete sie mit dem Messer. Die Butter war immer noch hart, weil sie direkt aus dem Kühlschrank kam, und riss ein Loch in die weiche Krume. Finster starrte Huckle auf seinen Teller. »Ich gerate jedes Mal in Panik und hole die Scheiben zu früh raus, und das versaut mir dann das ganze Toasterlebnis.«

»Dann mach doch einfach noch welchen.«

»Hab ich ja schon versucht, aber es funktioniert einfach nicht.«

Huckle schob trotzdem zwei weitere Scheiben in den Toaster. »Das Problem besteht darin, dass ich die erste Fuhre schon aufgegessen habe, bevor die zweite fertig ist. Es passiert jedes Mal dasselbe, das ist der reinste Teufelskreis.«

»Und wenn du dich einfach mit geöffnetem Mund über den Toaster beugst und wartest, bis dir das Brot in den Mund springt?«, schlug Polly vor.

»Ja, das ich hab ich mir auch schon überlegt«, nickte Huckle. »Vielleicht sollte ich mich dafür mit einer Sprühdose bewaffnen, um die Scheiben im Flug zu buttern. Dann muss ich sie nicht mit dem Messer malträtieren.«

»Dass ich mal jemanden treffen würde, der noch besessener von Brot ist als ich, hätte ich nicht gedacht. Und ich kann kaum glauben, dass ich das jetzt wirklich ausspreche, aber ich fürchte, dass du dir vielleicht zu viele Gedanken über das Thema Toast machst.«

»Wenn ich doch nur diesen Hochgeschwindigkeitstoaster erfinden könnte«, seufzte Huckle, »dann würde ich bestimmt mehr Geld verdienen als Reuben.«

Die getoasteten Scheiben sprangen nach oben. »Mund auf! SCHNELL! SCHNELL!«, rief Polly.

Danach gingen sie einfach wieder ins Bett, weil Polly als Bäckerin, im Gegensatz zu Huckle als Honigverkäufer, an allen anderen Tagen furchtbar früh aufstehen musste, sodass ihre Arbeitszeiten nur selten zusammenfielen.

Polly schickte Kerensa eine Nachricht, dass sie sich beruhigen sollte und sicher alles gut werden würde. Sie versprach außerdem, ihre Freundin später zurückzurufen, und stellte dann ihr Handy aus.

Und das würde sich als schrecklicher, schrecklicher Fehler herausstellen.

KAPITEL 2

Eins sollten wir vielleicht klarstellen: Die ganze Angelegenheit war weder Pollys noch Huckles Schuld, sondern Kerensas, wie wir noch sehen werden. Ein kleines bisschen hatte es auch mit Selina zu tun, die es in einer Million Jahren nicht zugeben würde, aber Verrücktes tatsächlich noch unterstützte. (Manche Menschen sind einfach so, oder? Sie mischen die Dinge gern auf.)

Aber es war auch ein kleines bisschen Reubens Schuld, weil er – und das kann ich gar nicht oft genug betonen – selbst für seine Verhältnisse an diesem Tag ein echtes Arschloch war.

Er hatte nämlich ihren Hochzeitstag vergessen, ihren ersten Hochzeitstag! Und als Kerensa ihn darauf aufmerksam machte, meinte er nur, na ja, dass er in der Vergangenheit doch genug von diesem ganzen Romantikscheiß mitgemacht hätte. Seiner Meinung nach wäre es damit jetzt, wo sie verheiratet waren, nun aber wirklich gut, oder? Er hätte das schließlich alles brav erledigt, außerdem lief es doch super, und Handtaschen hätte sie inzwischen ja wohl genug, nicht wahr? Und jetzt müsse er sowieso ein Flugzeug nach San Francisco nehmen und Wichtiges mit seinem Börsenteam besprechen – was nur persönlich ging.

Kerensa beschwerte sich, weil sie von seiner Reise keine Ahnung gehabt hatte. Da entgegnete er nur, dass sie sich eben seinen Terminkalender hätte ansehen sollen, den ihr sein Assistent gemailt hatte. Als er erklärte, dass er in zwei Stunden losmusste, fragte Kerensa, ob sie nicht mitkommen könnte, weil sie gehört hatte, dass es in San Francisco im Frühling wirklich schön sei. Und da sagte Reuben nur, nein, das ginge wirklich nicht, weil er furchtbar beschäftigt sein würde. Dann küsste er sie zum Abschied und schlug ihr vor, vielleicht ein Stündchen in den Fitnessraum zu gehen, dafür hätten sie ihn doch schließlich eingerichtet.

Also, ihr seht wohl schon, was ich meine. Reuben hatte gar keine bösen Absichten, aber so war er nun mal: Wenn er arbeitete, dann verwandelte er sich in eine Art Steve Jobs und dachte eigentlich an niemanden mehr außer sich selbst. Und deshalb war er eben auch so reich wie Steve Jobs, zumindest mehr oder weniger. Auf jeden Fall war er eine ziemlich große Nummer.

Und da stand Kerensa nun mutterseelenallein im riesigen luxuriösen Flur ihres enormen, unglaublichen Hauses mit seinem eigenen Strand an der Nordküste von Cornwall und zog in Erwägung, erst einmal eine Runde zu heulen. Aber dann beschloss sie, doch lieber wütend zu werden. In letzter Zeit lief das nämlich immer öfter so, und Reuben schien einfach nicht zu verstehen, dass Kerensa nicht an Reubens persönlichen Assistenten verwiesen werden wollte. Der war nämlich Amerikaner und supercool und trug teure Klamotten, und Kerensa fühlte sich durch ihn ein wenig eingeschüchtert, obwohl ihr doch sonst wenig imponierte. Außerdem bekam sie Reuben ja kaum noch zu Gesicht, seitdem er letztes Jahr nach seiner Beinahepleite wieder voll durchgestartet war.

Kerensa beschloss also, wütend zu werden, und rief stinksauer Polly an. Die hatte an ihrem freien Tag aber erstens schlechten Empfang, zweitens wichtige Fragen zum Thema Toast mit Huckle zu erörtern und zeigte vor allem nicht das Mitgefühl, das Kerensa unter diesen Umständen gebraucht hätte. Dies sollte Polly später bitter bereuen.

Also rief Kerensa ihre andere Freundin an, Selina, die vor zwei Jahren selbst eine schlimme Zeit durchgemacht hatte, als sie Witwe geworden war. Deshalb wurde sie gelegentlich immer noch ein wenig weinerlich. Selina hatte früher auf dem Festland gelebt und war beruflich erfolgreich gewesen, bevor sie sich aus Versehen in einen Fischer verliebt hatte.

Und jetzt hatte sie eine tolle Idee: Da ihr auch furchtbar langweilig war, schlug sie einen Trip nach Plymouth vor, um dort ins schickste Restaurant zu gehen und die teuersten Sachen von der Karte zu bestellen. Die Rechnung könnte Kerensa dann an Reuben schicken und ihm für das schöne Geschenk zum Hochzeitstag danken, wenn sie ihn das nächste Mal sah.

Kerensa fand den Vorschlag toll, also machten sie genau das. Was mit einem Mittagessen und weitschweifigen, endlosen Klagen über die Männer in ihrem Leben losging, lief allerdings ein wenig aus dem Ruder. Sie trafen eine Gruppe junger Frauen bei einem Junggesellinnenabschied, die sie sofort in ihre Runde aufnahmen, und schauten sich mit ihnen zusammen dann eine »Tanzshow« an. Ich überlasse es mal eurer Fantasie, um was für eine Art von Spektakel es sich dabei handelte, auf jeden Fall kam dabei ziemlich viel Babyöl zum Einsatz. Außerdem gab es in diesem »Tanzlokal« eindrucksvolle Männer mit brasilianischem Akzent und flambierten Sambuca, und danach begann in Kerensas Gedächtnis alles zu verschwimmen. Als sie am nächsten Morgen in einem unglaublich schicken Hotel aufwachte, konnte sie sich noch vage daran erinnern, dass sie zu unchristlicher Zeit an die Rezeption gewankt war und mit einer Platinum-Kreditkarte gewedelt hatte. Und sie erinnerte sich auch noch an etwas anderes, und zwar so genau, dass sie sich die Szenen am liebsten hätte rausoperieren lassen, wenn das denn möglich gewesen wäre.

Er war bereits weg, in der Dusche entdeckte sie jedoch ein langes schwarzes Haar.

Ich weiß, übel, oder? Ich hatte euch ja gewarnt.

Oh, und es kommt noch schlimmer. Denkt mal an etwas Bedauernswertes, was ihr irgendwann in einer wilden Partynacht angestellt habt, und multipliziert es mit einer Million.

Kerensa kehrte mit einer kichernden, nur leicht katergeschädigten Selina nach Hause zurück, die das alles zum Schreien fand. Sie war aber offenbar auch geistesgegenwärtig genug gewesen, selbst immer schön viel Wasser zu trinken, so eine Art von Freundin war die nämlich. Jedenfalls erkannte Kerensa dann, dass Polly ein furchtbar schlechtes Gewissen gehabt haben musste, weil sie sich nicht um ihre Freundin gekümmert hatte. Deshalb hatte sie Reuben angerufen und ihm quasi befohlen, nach Hause zu fliegen und nett zu seiner Frau zu sein.

Also hatte Reuben seine Termine in San Francisco verschoben, sich auf den Rückweg gemacht und im Duty-Free-Shop jedes einzelne Parfüm gekauft, weil er nicht mehr wusste, welches seiner Frau gefiel. Nun marschierte er ins Haus, wo eine unglückliche Kerensa sich den ganzen Morgen übergeben hatte und mit einer Mischung aus Katerstimmung und schlechtem Gewissen die Kacheln im Badezimmer entlanggekrochen war. Er zog Kerensa in seine Arme, schwor ihr seine unsterbliche Liebe und versuchte dann, sie dramatisch die Treppe hinaufzutragen. Das klappte allerdings nicht, weil er die ganze Nacht im Flugzeug gesessen hatte und weil Kerensa nicht nur fünf Zentimeter größer war als er, sondern auch gerade am liebsten gestorben wäre. Aber sie taten zusammen trotzdem ihr Bestes, während die frühe Aprilsonne durch die riesigen, vom Fußboden bis zur Decke reichenden Fenster in ihr weitläufiges, kreisrundes Schlafzimmer fiel auf ihr groteskes/spektakuläres Bett (bitte je nach persönlicher Vorliebe streichen). Und danach nahm Reuben Kerensa während der nächsten sechs Monate überallhin mit.

Das war also diese furchtbare Sache, die im April passiert ist. Und wenn das hier ein Film wäre, dann würde an dieser Stelle zu unheilvoller Musik der Vorspann beginnen …

KAPITEL 3

Drei Wochen vor Weihnachten

»Dieses Jahr«, verkündete Polly entschlossen und setzte sich unter der Bettdecke auf, »schmiede ich einen Plan und lege mir eine Liste an. Dieses Mal wird nicht wieder alles ein Desaster.«

»Wann war Weihnachten denn je ein Desaster?«, fragte Huckle und drehte sich schläfrig um. Er war noch lange nicht bereit, das Bett zu verlassen.

Polly stand mitten in der finstersten Nacht auf, wie sie das im Winter nun mal monatelang tat. Die Heizkosten bereiteten ihnen in dieser Zeit so einiges Kopfzerbrechen, dabei wurde es im Leuchtturm ja eigentlich selten richtig warm.

Polly hatte ja anfangs gedacht – und gehofft –, dass der Leuchtturm vom Thema Heizen her wie ein riesiger Schornstein funktionieren würde, dass die ganze Hitze nach oben ziehen und alle Räume warm halten würde, wenn sie unten den Ofen anmachte. Aber so war es leider überhaupt nicht. Die Küche wurde warm, der Rest des Gebäudes aber nur, wenn sie die uralte, ächzende und nur widerwillig funktionierende Heizung etwa fünf Stunden lang laufen ließen. Dabei ignorierten sie mal lieber die Tatsache, dass sie in einem Gebäude mit Energieeffizienzfaktor I lebten, welches in keinster Weise isoliert war und eigentlich gar nicht als Wohnraum gedacht war. Die Treppen im Turm rauf- und runterzulaufen, war die reinste Tortur, und sie mussten sich zu dieser sportlichen Betätigung gegenseitig mit Herausforderungen und Bestechungen anspornen.

Manchmal sehnte sich Huckle nach dem kleinen Imkerhäuschen zurück, das er einst jenseits des Fahrdamms auf dem Festland gemietet hatte. Das war einfach deshalb schon viel wärmer gewesen, weil es nicht mehr oder weniger mitten im Meer gelegen hatte. Die Hütte hatte niedrige Decken und winzige Fenster gehabt und war mit weichen Kissen und Decken und Vorhängen ausgestattet gewesen. Mit ihren nur zwei kleinen Schlafzimmern hatte er sie mit dem Kamin und vier Heizöfchen problemlos warm halten können.

Wenn er noch weiter zurückdachte, kam ihm das Zuhause seiner Kindheit in den Sinn. Er stammte aus Virginia in den USA, und da war es ohnehin fast das ganze Jahr über warm gewesen – manchmal sogar zu heiß. Wenn es doch einmal kalt geworden war, hatte sein Vater einfach den riesigen Ofen im Keller angeworfen und damit augenblicklich das ganze Haus auf eine angenehme Temperatur gebracht. Vor Huckles Umzug nach England hatte sein Vater dann warnend zu ihm gesagt: »Du weißt schon, dass da die Häuser nicht geheizt werden, oder?«

Damals hatte Huckle das noch für eine altmodische und urige Angewohnheit gehalten, auf einer Stufe mit der Tatsache, dass die Engländer ihr Bier gern lauwarm tranken und scheinbar keine vernünftigen Zahnärzte hatten. Inzwischen dachte er jedoch bedauernd an das Gespräch zurück und fragte sich, ob er seinen Vater vielleicht noch um andere gute Ratschläge bitten sollte, bevor sein Hirn völlig einfror.

Polly zog sich einen dritten Pullover über.

»Das ist mein Lieblingspullover«, behauptete Huckle. »Der ist irgendwie noch formloser als die anderen und verleiht dir diese sexy Marshmallow-Man-Silhouette.«

Polly warf einen Strumpf nach ihm.

»Die ist aber immer noch attraktiver als eine Gänsehaut«, fand sie. »Außerdem hast du noch gar nichts zu meinem tollen Plan mit der Liste gesagt.«

»Es ist fünf Uhr morgens«, knurrte Huckle. »Eigentlich hättest du mich nicht einmal wecken sollen. Das war fies und grausam, und deshalb wird gleich meine tödliche Rache über dich hereinbrechen.«

Er packte sie am Knöchel, zog sie zu sich heran und versuchte, sie unter die warme Decke zu zerren. Ehrlich gesagt gefiel es ihm ja, unter all den Lagen warmer Klamotten nach dem verborgenen Schatz Pollys weicher weißer Kurven suchen zu müssen. Er freute sich bereits auf die Berührung seiner kalten Hand auf ihrer warmen Haut.

Polly kicherte und quietschte.

»NEIN! VERGISSES! Ich hab noch tausend Sachen zu erledigen, und die Kunden wollen alle nur Lebkuchen.«

»Du duftest ja selbst nach Lebkuchen«, murmelte Huckle und schob den Kopf unter ihre Pullis. »Das ist einfach unglaublich. Da werd ich gleichzeitig hungrig und so richtig scharf. Irgendwann verbannen die mich bestimmt noch aus dem Supermarkt, weil ich mich in Fru T. Bunn verwandele, den perversen Bäcker.«

Polly verzog das Gesicht.

»O Gott, Huckle, ich kann nicht, wirklich nicht. Da bin ich endlich aufgestanden und so richtig wach … Wenn ich jetzt nicht loslege, krieche ich zurück ins Bett und verlasse es nie wieder.«

»Tja, dann mach das doch, komm her zu mir und bleib ewig bei mir unter der Decke! Und das ist ein Befehl!«

»Aber dann müssen wir verhungern.«

»Quatsch, wir leben einfach von Luft und Lebkuchen.«

»Und sterben einen frühen Tod.«

»Der wäre es unter solchen Umständen wert. Wo steckt denn Neil?«

Neil war der Papageientaucher, den Polly aus Versehen adoptiert hatte, nachdem er sich als Küken den Flügel gebrochen hatte. Sie hatte ihn gesund gepflegt, und seitdem versicherten ihr alle, dass er bald davonfliegen und zu seinem Schwarm zurückkehren würde. Bislang war das aber nicht passiert.

»Draußen.«

Sie schauten einander an. Huckles Haare standen in alle Richtungen ab, er hatte in seinem alten College-T-Shirt geschlafen und roch wie eine Mischung aus warmem Heu und Honig. Wie immer lag auf Huckles Miene ein träger, amüsierter Blick, als wäre die ganze Welt nur ein Spiel. Sein ewiger Optimismus ließ ihn auch in schlimmen Situationen glauben, dass sich irgendwann alles zum Besten wendete.

Als Polly nun einen Blick auf den Wecker werfen wollte, legte Huckle die Hand darüber. Dabei warteten auf sie doch Lieferungen, Rechnungen, Papierkram, Backen und Bedienen …

Hastig zog sich Polly kurze Zeit später wieder an und versuchte, gleichzeitig eine Nachricht für ihren Mitarbeiter Jayden zu schreiben, um ihm zu signalisieren, dass sie spät dran sei. »Was passiert denn nur«, murmelte sie, »wenn wir irgendwann schon ewig zusammen sind und die Sache mit dem Sex einfach einschläft?«

»Das wird nicht passieren.«

»So was kommt aber vor.«

»Nicht bei uns.«

Huckle sah sie warnend an. Die beiden hatten sich im Sommer verlobt, Polly wechselte aber jedes Mal das Thema oder schob vor, dass sie viel zu beschäftigt sei, wenn Huckle mit ihr über die Zukunft reden wollte.

Er wusste, dass sie sich irgendwann mal zusammen hinsetzen und vernünftig darüber sprechen mussten. Ihm war natürlich auch klar, dass Polly immer viel zu tun hatte, aber darin sah er eigentlich kein Problem. Für Huckle hätten die Dinge nicht klarer sein können – sie liebten einander und wollten für immer zusammenbleiben, gemeinsam eine Familie gründen. Gut, manchmal kam ihm schon in den Sinn, dass er Polly ja gerade deshalb liebte, weil sie eben nicht wie andere Frauen war. Aber ihm drängte sich doch der Gedanke auf, dass solche Aussichten auf eine feste Bindung andere Frauen doch sicher glücklich machen würden.

Wieder einmal beschloss er, dass jetzt wohl einfach nicht der richtige Zeitpunkt war. Er grinste seine Freundin an.

»Kannst du nicht einfach mal irgendetwas fünf Minuten lang genießen?«

Polly lächelte. »Doch«, behauptete sie. »Außerdem waren das gerade bestimmt mehr als fünf Minuten.« Sie runzelte die Stirn. »Allerdings hab ich nun völlig das Zeitgefühl verloren.«

»Gut, damit musst du eben klarkommen. Koste unser Glück aus, das ewig dauern wird. Und ich gönne mir noch eine Runde Schlaf.«

Das tat er tatsächlich, und noch während Polly ihre dicken Wollsocken hochzog, entspannten sich seine Züge schon völlig, und Huckle schlief ein. Als er nun so vor ihr lag, wurde Polly von solcher Liebe für ihn erfasst, dass ihr Herz zu zerspringen drohte. Es machte ihr sogar Angst, wie sehr sie ihn liebte, und vor allem hatte sie Bammel vor den nächsten Schritten, die jetzt anstanden.

Unten am Fuß der Treppe legte sie im Ofen Holz nach, damit Huckle es später warm haben würde. Dann schnappte sie sich einen Becher Kaffee und rannte nach draußen, wo ihr der Regen ins Gesicht klatschte. Natürlich wusste sie durch das Pfeifen des Windes durch die Fenster immer schon vorher, wie schlecht das Wetter sein würde, aber man musste sich trotzdem für diesen Moment wappnen. Und jetzt, im Dezember, war diesbezüglich auch kein Ende in Sicht.

So ist das eben, überlegte Polly, wenn man auf einem Felsen mitten im Meer lebte, wo an den sich windenden Straßen rauf zur Kirchenruine Häuschen aus grauem Schiefer standen, in derselben Farbe wie der steinerne Untergrund selbst. Den Fahrdamm vom Festland hierher mit dem Auto zu überqueren war zwar möglich, aber gefährlich. Deshalb ließen die meisten Touristen ihren Wagen lieber auf dem Parkplatz drüben stehen und kamen zu Fuß über das Kopfsteinpflaster herüber. Wenn sie die Zeit falsch eingeschätzt hatten und plötzlich die Flut einzusetzen begann, hörte man dann so einiges an Quieken und Quietschen. Die Fischer von Mount Polbearne mussten des Öfteren Gestrandete retten und verdienten sich gutes Geld dazu, indem sie mit ihren Booten einen überteuerten Taxidienst anboten.

Vor einem Jahr oder so hatte es mal Bestrebungen gegeben, eine ständig befahrbare Straße nach Mount Polbearne einzurichten. Aber dagegen hatten die Bewohner des Ortes heftig protestiert, die den einzigartigen Charakter ihrer Insel liebten. Sie hatten nicht gewollt, dass sich Polbearne nach Jahrhunderten plötzlich so veränderte, auch wenn es vielleicht praktischer gewesen wäre.

Pollys Sandwichstand an der Zufahrtsstraße war im Winter geschlossen, aber die Bäckerei hatte geöffnet, und dort war so viel los wie immer. Nebensaisontouristen stellten sich zu den Ostansässigen in die Schlange, um frisches, warmes Brot zu erstehen oder welche von den heißen Pasteten, die die Fischer so gerne auf den Kutter mit rausnahmen. Außerdem gab es dort auch noch luftige Croissants, die Tierarzt Patrick in seiner sonnigen Praxis verspeiste, während er auf zumeist bellende Patienten wartete. Muriel aus dem kleinen Lädchen, in dem man einfach alles kaufen konnte, fand vor allem die Frischkäse-Brownies toll. Dann wurden in Pollys Bäckerei auch noch Doughnuts für die Bauarbeiter der schicken Ferienwohnungen mit ihren Glasbalkonen und Stahlseilen feilgehalten und klassische Marmeladentörtchen, die vor allem von alten Damen gekauft wurden. Dass die Seniorinnen auf der Gezeiteninsel ihr ganzes Leben verbracht hatten, hörte man am tiefen Tonfall ihrer Stimme und ihrer leicht singenden Aussprache, die für die Region typisch war. Ihre Großeltern hatten noch Cornish gesprochen, und sie konnten sich an ein Mount Polbearne ohne Strom und Fernsehen erinnern.

Jetzt trotzte Polly dem heftigen Wind auf der mit Muscheln verzierten Treppe, die vom Leuchtturm nach unten führte, und kämpfte sich bis zur Promenade vor, deren niedrige Steinmauer nach dem jahrelangen Ansturm der tosenden Wellen langsam zu bröckeln begann. Dann näherte sie sich langsam dem Strandweg, der kleinen kopfsteingepflasterten Straße mit Blick raus aufs Meer.

Sie wusste ja, dass der Kauf des Leuchtturms eine total verrückte Idee gewesen war. Als sie erfahren hatte, dass der Turm zum Verkauf stand, hatte Polly reflexartig zugeschlagen. Danach hatte sich aber herausgestellt, dass am Leuchtturm noch unheimlich viel gemacht werden musste, und das konnte sie sich einfach nicht leisten. Trotzdem liebte sie dieses Bollwerk am Rande des Ortes mit seinen fröhlichen roten und weißen Streifen so sehr und war unglaublich stolz, wenn sie den Turm im Dunkeln leuchten sah. (Der immer noch funktionierende Lampenraum ganz oben gehörte weiterhin der Regierung.) In die Räume darunter schien das Licht nicht – es handelte sich um den einzigen Ort in ganz Polbearne, an dem man davon verschont blieb –, und sie hatten von ihren Fenstern aus freien Blick auf den Ärmelkanal. Die sich ständig verändernde Aussicht aufs Meer – das manchmal wütend und dramatisch war, manchmal unfassbar friedlich und im Glühen des Sonnenuntergangs oft den wunderbarsten, zauberhaftesten Anblick auf Erden bot – machte für Polly jeden Penny der elend hohen Hypothek und die eiskalten Morgen wieder wett.

Abgesehen vom Leuchtturm und ein paar Schiffslaternen im Hafen brannte um diese Uhrzeit nur in der Bäckerei Licht. Polly umrundete den Laden und lief zur Hintertür hinein.

Als die wohlige, bullige Wärme der Backstube sie in Empfang nahm, stieß sie einen Seufzer der Erleichterung aus und schälte sich aus ihrem riesigen Parka. Aber Pollys Wangen fingen nicht nur wegen der Hitze im Raum zu brennen an, als Jayden seine Chefin fragend anschaute. Ihr war vielmehr siedend heiß eingefallen, warum sie gerade zu spät kam.

»Äh, hi!«

»Die Käsestangen sind schon im Ofen!«, verkündete Jayden wichtigtuerisch. Er hatte sich im Vorjahr für Mowember einen Schnurrbart wachsen lassen und ihn dann beibehalten, weil er ihm so gut gestanden hatte. Außerdem trug er eine weiße Schürze über einem immer weiterwachsenden Bauch. Seine Wampe hatte viel damit zu tun, dass er die Ware gern auf ihre Qualität prüfte und generell viel mehr aus der Bäckerei aß, als Polly irgendwem raten würde. Insgesamt erinnerte er an einen fröhlichen Kaufmann etwa aus dem Jahr 1935, und das passte wirklich gut zu ihm. Jayden war bis über beide Ohren in Flora verliebt, eine junge Frau aus der Gegend, die ein Händchen für köstliches Gebäck hatte. Obwohl sie Jayden noch weiter mästete, blieb sie selbst dabei unerklärlich schlank, und die beiden sahen aus wie ein Paar aus einem Kinderlied.

Während der Nebensaison ging Flora nun zum College auf dem Festland, wo sie viel Zeit verbrachte. Sie hatte sich in Devon in einer Patisserie-Schule eingeschrieben, was Jayden ganz furchtbar fand. Und deshalb grummelte er auch ständig herum wie ein trauriges Walross, weil er ihre Abwesenheit nicht ertragen konnte. Polly fand ihre Romanze ja wirklich rührend, wünschte sich aber, Jayden wäre nicht auch den Kunden gegenüber so knurrig. Früher hatte er immer mit den alten Damen geflirtet und sie damit für den ganzen Tag aufgeheitert.

»Danke, Jayden«, sagte Polly jetzt zu ihrem Mitarbeiter und holte sich erst einmal an der Kaffeemaschine Nachschub.

Sie hatten vor Kurzem damit angefangen, auch heiße Getränke anzubieten, und Polly hatte einen langen und äußerst koffeinhaltigen Tag lang bei einer Messe nach einer Kaffeemaschine gesucht, deren Erzeugnisse nicht entweder widerlich oder alle gleich schmeckten. Irgendwann war sie dann fündig geworden – wie ihr gleich klar geworden war, weil sich alle um diesen einen Stand geschart und Freigetränke abzustauben versucht hatten. Polly hatte dort sogar Verkäufer entdeckt, die doch eigentlich selbst ihre Maschinen an den Mann bringen wollten. Natürlich war das dort angebotene Modell mit Abstand das teuerste gewesen, und Polly würde von Glück reden können, wenn sie ihr Geld dafür in dreißig Jahren wieder reinkriegen würde. Viel konnte man einem Fischer, der achtzehn Stunden lang auf dem Wasser gewesen war, schließlich nicht für eine heiße Tasse Instantbrühe abknöpfen, deshalb deckte Polly mit den Einnahmen kaum ihre Kosten. Trotzdem freute sie sich bei ihrem Anblick jedes Mal über die Maschine.

Nur heiße Schokolade machte sie darin nicht, die wurde in einer Maschine einfach nichts. Nachdem sie das Gerät gekauft hatte, war Reuben, ihr lauter amerikanischer Freund, in den Laden marschiert. (Manche fanden den ja äußerst nervig, aber Polly hatte sich im Laufe der letzten Jahre an ihn gewöhnt.) Jedenfalls hatte Reuben verkündet: »Ich mache die beste heiße Schokolade aller Zeiten, und die darf man nicht in der Maschine zubereiten. Denk nicht einmal daran, sonst wäre unsere Freundschaft nämlich abrupt zu Ende!«

Zum Glück brachte er ihr so einiges von seiner speziellen, extra aus der Schweiz importierten Schokolade mit. Er hatte selbst ein Händchen fürs Kochen und zeigte ihr persönlich, wie man diese Schokolade mit sanft erwärmter Milch und Sahne anrührte. Wenn man die Schokolade langsam unterrührte, wurde sie zu einem dicken, wärmenden Sirup, der wie flüssiges Glück schmeckte. Am Schluss wurde das Meisterwerk dann noch mit extra dafür gedachten amerikanischen Marshmallows, einer Flocke Schlagsahne und einem Stückchen Schokolade dekoriert.

Polly rechnete diese heiße Schokolade separat ab und bot sie auch nur im Winter an, aber zu Reubens großer Genugtuung fanden alle im Ort – und in einem ziemlich weiten Umkreis –, dass sie ihren Preis absolut wert war. Tatsächlich läutete für viele Inselbewohner der Beginn der Heiße-Schokolade-Saison in der kleinen Bäckerei am Strandweg den Anfang der Adventszeit ein.

»Da draußen bläst der Südwestwind aber heftig«, bemerkte Jayden nun traurig. »Hoffentlich ist mit Flora alles in Ordnung.«

»Sie liegt drüben auf dem Festland in ihrem Campusschlafsaal mit Zentralheizung und kann jetzt noch drei Stunden heia machen«, sagte Polly. »Ich denke, sie wird schon klarkommen.«

»Wie mir die Kleine fehlt«, seufzte Jayden.

»Du fehlst ihr doch auch, deshalb bekommst du ja so viele Päckchen.«

Als fürchtete sie, es könne Jayden an Backwaren mangeln, schickte Flora ihm die Ergebnisse ihrer Anstrengungen alle paar Tage mit der Post. Manche kamen in recht akzeptablem Zustand an – die französischen Törtchen waren ein besonderes Highlight gewesen –, bei anderen, wie der Croquembouche, endete der Transport in einer ziemlichen Katastrophe. Postbote Dawson hatte schon mehrmals damit gedroht, Flora wegen schmutziger Klamotten zu verklagen. Der war sowieso schon sauer, weil er dauernd die Ebbe verpasste und dann bei Flut auf der Insel festsaß. Mount Polbearne war nun wirklich alles andere als der Traum eines Briefträgers, das musste man schon sagen. Andererseits hatten ihm alle Inselbewohner versichert, dass er Werbesendungen ruhig bereits auf dem Festland in den Papiercontainer werfen dürfte, und damit war schließlich beiden Seiten geholfen.

Aber dann war das mit Floras Backerzeugnissen losgegangen. Anfangs hatte Jayden dem Briefträger ja noch vom Gebäck angeboten, Dawson hatte jedoch beim ersten Mal abgelehnt und war jetzt zu stolz, um seine Meinung zu ändern. Wenn das Gebäck besonders toll geworden war – die Cremehörnchen waren zum Beispiel überraschend makellos eingetroffen –, dann verkaufte Polly sie und schickte den Erlös an Flora zurück. Das ärgerte Dawson dann auch, vor allem, wenn sie Münzen in den Umschlag legte.

»Morgen, Dawson«, sagte Polly jetzt an der Hintertür und nahm von ihm einen Haufen Rechnungen sowie eine nur leicht durchweichte Versandtasche entgegen. »Hätten Sie vielleicht gern eine Tasse Kaffee?«

Dawson murmelte etwas vor sich hin. Offenbar hatte er heute Morgen extra früh mit seinem Rad den Fahrdamm überquert, um die Flut zu umgehen, und war auch darüber verärgert. Wann die Post hier zugestellt wurde, schwankte – und zwar zwischen sechs Uhr morgens und zwei Uhr mittags.

»Aufs Haus«, fügte Polly hinzu.

Sie fürchtete, dass Dawson irgendwann von der Kälte und allem anderen komplett die Nase vollhaben, gar nicht mehr auf die Insel kommen und ihre Post einfach ins Meer schmeißen würde. Na ja, an manchen Tagen wäre das gar keine so schlechte Idee, dachte sie, während sie den endlosen Stapel Rechnungen durchsah.

Dawson murmelte wieder irgendetwas und zog sich dann in die tiefblaue Dunkelheit zurück. Polly zuckte mit den Achseln und schloss die Tür.

»Es ist doch wirklich wunderbar, wie gut wir uns nach nur zwei Jahren in die Gemeinschaft hier eingefügt haben und von allen akzeptiert werden.«

Jayden schnaubte. »Oh, Dawson war immer schon so. Ich bin mit ihm zur Schule gegangen, und da hat er immer geheult, wenn er Bratensoße essen musste. Also haben ihm alle ihre Bratensoße auf den Teller gekippt. Na ja, im Nachhinein kommt mir das jetzt nicht mehr so nett vor. Wir haben ihn auch Bratensoßendoofi genannt, nee, das war wohl ziemlich fies.«

»Oh!«, rief Polly und zog einen schlichten braunen Briefumschlag mit Mount Polbearner Absender hervor. Diesen Brief hatte Dawson demnach aus dem altmodischen roten Briefkasten auf der kleinen Hauptstraße der Insel geholt und ihn nach Looe mit rübergenommen, nur um ihn dann später den ganzen Weg wieder zurückzutragen.

Polly hielt also einen Brief von Samantha in der Hand, die auf der Insel zwar nur eine Ferienwohnung hatte, aber in Mount Polbearne trotzdem gern bei allem mitmischte. Sie hatte letztes Jahr ein Baby bekommen und sich besorgt über die Schulen in London und die horrenden Preise für Kindergärten dort geäußert. Außerdem waren Großstadtkinder ihrer Meinung nach viel zu übersättigt und blasiert (obwohl sich Polly und Kerensa insgeheim gedacht hatten, dass Samantha selbst sich doch gern so übersättigt und blasiert wie möglich gab).

Bei dem Schreiben handelte es sich um einen getippten Rundbrief, mit dem Samantha zu einer Debatte über die Neueröffnung der örtlichen Schule einlud. Inzwischen musste nämlich über ein Dutzend Kinder jeden Tag aufs Festland gebracht werden – was ja auch Kosten verursachte –, und es würde in den nächsten Jahren noch jede Menge Nachwuchs dazukommen.

Jayden und seine Altersgenossen – die jetzt Mitte zwanzig waren – waren als Letzte auf Mount Polbearne eingeschult worden. Inzwischen wurde das kleine Schulhäuschen auf der Insel nur noch für Ortsversammlungen und Feste genutzt.

Die hölzernen Pulte standen dort immer noch etwas verloren herum, und an zwei Seiten des Gebäudes waren die Inschriften »Jungen« und »Mädchen« über den Türen zu erkennen. Allerdings hatte an ihnen, wie an allem anderen auf der Insel, der Zahn der Zeit genagt, Gezeiten und Unwetter hatten ihnen ganz schön zugesetzt.

Jayden lächelte, als Polly ihm den Brief vorlas.

»Ach, die Schule hier war toll«, schwärmte er. »Na ja, mal abgesehen von Dawson.«

»Und ihre Neueröffnung würde auf jeden Fall die Fehltage verringern«, überlegte Polly, der aufgefallen war, wie oft die Kinder bei schlechten Wetterverhältnissen auf der Insel bleiben mussten.

»Dann gehen wir also zu dem Treffen«, beschloss Jayden.

»Auf keinen Fall!«, protestierte Polly. Für sie kam es einem Sakrileg gleich, dafür einen Winterabend mit Huckle zu opfern, bei dem sie an ihren Freund geschmiegt gegen halb neun einschlafen würde.

»Das solltest du aber«, fand Jayden. »Du bekommst doch schließlich auch irgendwann Kinder.«

Polly starrte auf den Ringfinger ihrer linken Hand, der immer noch auf den Verlobungsring von Huckle wartete. Der Ring aus Algen, den er ihr letzten Sommer angesteckt hatte, hatte dann doch nicht so lange gehalten, wie es ihre Beziehung hoffentlich tun würde.

»Hm«, murmelte sie und spürte, wie sie die vertraute Panik zu überkommen drohte, die sich beim Gedanken an die Zukunft immer bei ihr bemerkbar machte.

Natürlich wurde sie auch nicht jünger. Aber sie hatte so viel damit zu tun, die beiden Geschäfte über Wasser zu halten, dass sie unmöglich noch jemanden einstellen und in Mutterschutz gehen konnte. Und leider gab es da ja auch noch diesen albernen Leuchtturm, den sie einst für so eine tolle Idee gehalten hatte … Wie sollte sie unter diesen Umständen nur für ein Kind sorgen? Wie machten die Leute das bloß? Polly hatte wirklich keine Ahnung. Vermutlich würde Huckle auch demnächst heiraten wollen, und sie hatte doch nun wirklich genug um die Ohren …

Obwohl es immer noch so gut wie finster war, warteten draußen bereits die ersten Kunden. Nach einem entbehrungsreichen Leben hier am Rand der Britischen Inseln begannen die meisten alten Leute ihren Tag weiterhin früh. Und natürlich liefen jetzt auch die Kutter rechtzeitig für den Fischmarkt ein, sodass Restaurants und Pommesbuden die beste, frischeste Ware erstehen konnten. Im Sommer konnte Polly bereits ohne Jacke nach draußen gehen, wenn sie um diese Zeit ein Schwätzchen mit den Fischern halten und sich den Sonnenaufgang ansehen wollte. Im tiefsten, dunkelsten Winter traten hingegen alle eilig in den Laden und machten die Tür rasch hinter sich zu. Darunter waren alte Damen mit ihren Hündchen und auch Archie, der Kapitän der Trochilus, der völlig durchgefroren aussah. In dieser Gegend hörte man oft die alte Weisheit, dass es kein schlechtes Wetter gibt, nur schlechte Kleidung. Aber die Fischer hatten doch die allerbeste Ausrüstung, und ihr Leben da draußen war trotzdem noch hart, vor allem, wenn sie mit ihren steif gefrorenen Fingern Knoten lösen oder die Tür des Kühlraums öffnen mussten.

Und deshalb waren Archies Hände jetzt auch rot-weiß gesprenkelt. Polly reichte ihm eine Tasse vom besonders starken Tee, den sie hinten in der Backstube extra für ihn aufbewahrte, aber er brauchte eine Weile, bis er die Finger wieder strecken konnte.

»Hattet ihr einen guten Fang?«, fragte Jayden, der früher mal mit Archie zusammengearbeitet hatte und immer noch unfassbar dankbar dafür war, dass er nicht mehr rausmusste.

»Ja, nicht schlecht«, antwortete der Kapitän mit gesenktem Kopf und atmete den warmen Dampf des Tees ein. Aus Archies Mund bedeutete so eine Äußerung, dass es eindeutig bergauf ging.

Nun marschierte die alte Mrs Corning, eine von Pollys Stammkundinnen, auf die Theke zu.

»Wo ist denn dein Kalender?«, fragte sie und fuchtelte mit ihrem Stock herum. Wie zur Unterstützung bellte Brandy, ihr winziges Hündchen.

»Mein was?«, fragte Polly verwirrt.

»Dein Adventskalender! Heute geht doch der Advent los! Oder bist du etwa nicht in einer christlichen Gemeinschaft aufgewachsen?«

»Ich hab sie noch nie in der Kirche gesehen!«, warf da eine der anderen Seniorinnen ein, die eigentlich in ein Gespräch mit Jayden vertieft war.

Polly verdrehte die Augen. Sie hatte ja eigentlich gehofft, nach ihrer Verlobung mit Huckle würde das allgemeine Interesse an jedem einzelnen Schritt, den sie machte, endlich abnehmen. Aber es schien nur noch schlimmer geworden zu sein. Polly war in Exeter aufgewachsen, einer ziemlich großen Stadt, und fand das Leben in einem so kleinen Ort zwar angenehm, aber schon sehr anders.

»Mattie und ich kommen wirklich gut miteinander klar«, verkündete sie nun. Mattie war die Vikarin vom Festland, die alle paar Wochen rüberkam, um eine Messe abzuhalten. Polly sparte sich den Gottesdienst meistens – während der Saison arbeitete sie zu dieser Zeit nämlich, und außerhalb der Saison schlief sie tief und fest –, aber Mattie kam oft auf einen Kaffee vorbei, da Polly und sie etwa in demselben Alter waren und bei den meisten Dingen eine sehr ähnliche Einstellung hatten.

»Ist heute wirklich schon der erste Dezember?«, fragte sie.