Weil wir uns lieben - Colleen Hoover - E-Book
Beschreibung

Der dritte Teil der Geschichte von Will und Layken

Ein Auf und Ab der Gefühle? Das ist die Liebesbeziehung von Will und Layken seit dem ersten Tag, an dem sie sich trafen. Erst jetzt, nach ihrer Hochzeit, scheint ihr Glück perfekt zu sein - wäre da nicht Wills Vergangenheit, die einen Keil zwischen die beiden zu treiben droht . . .

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EPUB

Seitenzahl:459


Colleen Hoover

Weil wir uns lieben

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Katarina Ganslandt

Deutscher Taschenbuch Verlag

Für meine Mutter

1.

Honeymoon

Könnte ich aus sämtlichen Liebesgedichten, Liebesgeschichten, Liebesliedern und Liebesfilmen, die ich je gelesen, gehört oder gesehen habe, die Stellen herausfiltern, die so schön waren, dass mir der Atem stockte, wäre das Ergebnis doch immer noch nichts im Vergleich zu dem, was ich hier und jetzt empfinde.

Dieser Moment ist einfach … unvergleichlich.

Das Gesicht mir zugewandt, den Arm unter dem Kopf angewinkelt, liegt sie neben mir. Ihre Haare sind auf dem Kissen aufgefächert und umfließen ihren Hals und ihre Schultern. Ihr Blick ist auf ihren Zeigefinger gerichtet, mit dem sie kleine Kreise auf meinen Handrücken malt. Wir kennen uns seit fast zwei Jahren, aber ich habe sie noch nie so gelöst erlebt. Alle ihre Sorgen scheinen in dem Augenblick verflogen zu sein, in dem wir gestern »Ja, ich will« zueinander gesagt haben. Lake muss die Last, die ihr das Leben auferlegt hat, jetzt nicht mehr allein tragen. Ich werde ihr etwas davon abnehmen können, und das ist genau das, was ich mir von dem Moment an gewünscht habe, in dem wir uns das erste Mal begegnet sind.

Sie sieht lächelnd zu mir auf, dann wird sie plötzlich rot, lacht und vergräbt das Gesicht im Kissen.

Ich beuge mich zu ihr und beiße sie zärtlich in den Nacken. »Lachst du etwa über mich?«

Sie hebt das Gesicht, schüttelt den Kopf und kichert. »Nein, über uns. Da haben wir uns so lang zusammengerissen und jetzt sind wir gerade mal einen Tag verheiratet und ich komme mit dem Zählen schon nicht mehr hinterher.«

»Ich hab längst aufgehört zu zählen«, behaupte ich, schlinge einen Arm um ihre Taille und hebe sie mit einem Ruck auf meinen Schoß. Als sie sich vorbeugt, um mich zu küssen, sind ihre Haare im Weg. Ich taste nach dem Haargummi, das auf dem Nachttisch liegt, und binde sie ihr zu einem Knoten zurück. »So«, sage ich, nehme ihr Gesicht in beide Hände und ziehe es zu mir. »Besser.«

Layken hat immer davon geträumt, einmal in einem Hotel zu übernachten, das seinen Gästen flauschig weiche Bademäntel zur Verfügung stellt, aber jetzt, wo ihr Wunsch wahr geworden ist, hängen sie unbenutzt im Badezimmer. Ihre hässliche Bluse liegt neben dem Bett, wo ich sie gestern Abend hingeworfen habe. Ich muss wohl nicht betonen, dass die letzten vierundzwanzig Stunden die schönsten meines Lebens waren.

Lake haucht Küsse von meinem stoppeligen Kinn bis zum rechten Ohrläppchen hinauf.

»Bist du hungrig?«, flüstert sie.

»Und wie! Aber nicht auf Essen …«

Sie richtet sich grinsend auf. »Vergiss nicht, dass wir noch vierundzwanzig Honeymoon-Stunden vor uns haben. Wenn du das durchstehen willst, solltest du deinen Energievorrat auffüllen. Außerdem haben wir das Mittagessen vergessen. Ts.« Lake schüttelt den Kopf. »Wie konnte das nur passieren?« Sie rollt sich von mir herunter und angelt nach der Speisekarte, die auf dem Nachttisch steht.

»Aber bitte keine Burger«, flehe ich.

»Keine Sorge.« Sie verdreht die Augen. »Wenn ich nur das Wort höre, wird mir schon schlecht.« Nachdem sie das Angebot überflogen hat, tippt sie mit dem Finger auf die Karte. »Beef Wellington. Wie wär’s damit? Das wollte ich schon immer mal essen.«

»Klingt gut.« Ich rutsche zu ihr hinüber, um einen Blick auf das Foto zu werfen. Mhmm, Rinderfilet im Teigmantel. Lake greift zum Telefon und ruft beim Zimmerservice an. Während sie unsere Bestellung aufgibt, küsse ich mich ganz langsam an ihrer Wirbelsäule entlang zu ihrem Po hinunter und amüsiere mich darüber, wie sie krampfhaft versucht, ernst zu bleiben. Als sie fertig ist, legt sie das Telefon weg, kriecht unter mich und zieht die Decke über uns beide.

»Du hast exakt zwanzig Minuten«, flüstert sie. »Reicht dir das, um mich zu beglücken?«

»Worauf du dich verlassen kannst.«

 

Das Beef Wellington war sensationell. Das einzige Problem ist, dass wir jetzt so pappsatt und müde sind, dass wir uns kaum noch bewegen können. Zum ersten Mal, seit ich Lake über die Schwelle dieses Zimmers getragen habe, schalten wir den Fernseher an. Eine kleine Verschnaufpause tut uns sicher ganz gut.

Unsere Beine sind ineinander verschlungen und Lakes Kopf liegt auf meiner Brust. Mit der einen Hand kämme ich durch ihre seidenweichen Haare, mit der anderen streichle ich an der Innenseite ihres Arms auf und ab. So eng aneinandergeschmiegt, kommt mir selbst etwas so Alltägliches wie Fernsehen aufregend vor.

»Will?« Lake stemmt sich auf den Ellbogen und sieht mich an. »Darf ich dich was fragen?« Sie streicht langsam über meinen Bauch und lässt die Hand dann an der Stelle liegen, wo mein Herz schlägt.

»Klar. Kann ich dir aber auch so verraten. Ich drehe jeden Morgen zwölf Runden im Stadion auf dem Uni-Campus und mache zweimal täglich hundert Liegestütze.« Als sie die Augenbrauen hochzieht, deute ich auf meinen Bauch. »Sag bloß, du wolltest gar nicht wissen, wie ich zu diesem phänomenalen Sixpack komme?«

Sie lacht und boxt mich zärtlich in den Solarplexus. »Nein, stell dir vor, das wollte ich nicht wissen.« Dann beugt sie sich herunter und küsst mich auf die empfindliche Stelle direkt unterhalb meines Nabels. »Obwohl deine Bauchmuskeln wirklich ganz okay sind.«

Als sie wieder hochkommt, lege ich eine Hand an ihre Wange und sehe sie ernst an. »Du weißt, dass du mich alles fragen darfst.«

Sie seufzt, lässt sich ins Kissen fallen und starrt an die Decke. »Geht es dir auch so, dass du manchmal ein schlechtes Gewissen hast?«, fragt sie dann leise. »Weil wir so glücklich sind, meine ich.«

Ich drehe mich zu ihr und sehe sie eindringlich an. »Du darfst auf keinen Fall ein schlechtes Gewissen haben, weil du glücklich bist, Lake. Glücklich zu sein ist genau das, was sie sich für dich gewünscht haben.«

Sie versucht zu lächeln. »Das weiß ich. Es ist nur … keine Ahnung. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, um sie wieder lebendig zu machen, würde ich das sofort tun. Aber das würde ja auch bedeuten, dass wir uns nie kennenlernen würden, und …

Manchmal fühle ich mich schuldig, weil ich denke, ich …« Ich lege meinen Zeigefinger an ihre Lippen. »Schsch. Denk nicht solche Sachen, Lake. Damit machst du dich nur verrückt.« Ich gebe ihr einen Kuss auf die Stirn. »Ich weiß genau, was du meinst. Aber es bringt überhaupt nichts, sich Gedanken darüber zu machen, was gewesen wäre, wenn. Es ist, wie es ist.«

Sie greift nach meiner Hand, flicht ihre Finger in meine und küsst sie. »Mein Vater hätte dich so toll gefunden.«

»Und meine Mutter hätte dich so toll gefunden«, sage ich.

Sie lächelt. »Es gibt da noch eine Sache, die ich loswerden muss, dann lasse ich dich in Ruhe, okay?« Ihre Augen blitzen. »Ich bin sehr, sehr froh, dass diese Idiotin Vaughn dich damals abgeschossen hat.«

Ich lache. »Und ich erst.«

Lächelnd zieht sie ihre Hand weg und dreht sich mir zu.

»Glaubst du, du hättest sie sonst am Ende vielleicht noch geheiratet?«

Ich schüttle den Kopf. »Ist das dein Ernst, Lake? Willst du jetzt wirklich über Vaughn reden?«

Sie sieht mich kleinlaut an. »Irgendwie würde es mich schon interessieren, wie das damals gewesen ist. Du hast es mir nie richtig erzählt. Vielleicht wollte ich es auch gar nicht so genau wissen, weil es mir Angst gemacht hat. Aber jetzt, wo ich weiß, dass wir für immer zusammenbleiben, bin ich bereit dafür.« Sie hält einen Moment inne. »Ich würde einfach gern wissen, wie das damals für dich war, als sie Schluss gemacht hat.«

»Dir ist aber schon klar, dass das ein eher ungewöhnliches Gesprächsthema für Frischverheiratete ist, oder?«

»Ich will so viel wie möglich über dich erfahren«, sagt Lake achselzuckend. »Wie deine Zukunft aussieht, weiß ich. Jetzt möchte ich auch wissen, was in deiner Vergangenheit passiert ist. Außerdem …«, sie grinst, »brauchen wir eine Pause, bis sich das Beef in Energie verwandelt hat. Oder hast du eine Idee, was wir mit der Zeit sonst anfangen könnten?«

Ich bin zu erschöpft, um mich noch zu rühren, und obwohl ich vorhin behauptet habe, nicht mitzuzählen, bin ich mir ziemlich sicher, dass wir mit neun Mal Sex in vierundzwanzig Stunden den Honeymoon-Rekord gebrochen haben. Also wälze ich mich auf den Bauch, schiebe mir das Kopfkissen unters Kinn und beginne zu erzählen.

Die Trennung

»Schlaf gut, Caulder. Träum was Schönes.« Ich schalte das Licht aus und hoffe, dass er nicht gleich wieder aus dem Bett krabbelt und zu mir rüberkommt. Das ist jetzt die dritte Nacht, die wir beide wieder bei uns zu Hause verbringen. Ohne Mom und Dad. Gestern hat er zu viel Angst gehabt, um alleine zu schlafen, und wollte zu mir ins Bett. Auch wenn ich gut verstehen kann, dass er diese Nähe jetzt braucht, möchte ich nicht, dass das zur Gewohnheit wird.

Der Unfall ist jetzt zwei Wochen her, und ich habe immer noch nicht wirklich verarbeitet, was passiert ist. Keine Ahnung, ob die Entscheidung richtig war, meinen Bruder zu mir zu nehmen. Ich kann es nur hoffen. Mom und Dad sind sicher froh darüber, dass wir zusammenbleiben. Ich weiß allerdings nicht, ob sie es so gut finden, dass ich mein Stipendium an der Uni sausen lasse und stattdessen hier am staatlichen College weiterstudiere, um in unserem Haus wohnen bleiben zu können.

Korrigiere: Ob sie es gut gefunden hätten. Konjunktiv. Mir will immer noch nicht in den Kopf, dass sie nicht mehr leben.

Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis ich mich ganz an den Gedanken gewöhnt habe, dass Caulder und ich jetzt Waisen sind. Ich schleppe mich in mein Zimmer und lasse mich mit geschlossenen Augen aufs Bett fallen. Meine Kraft reicht nicht einmal mehr dafür, den Arm zu heben und die Nachttischlampe auszuknipsen. Ein paar Minuten später schrecke ich auf, als es an der Tür klopft.

»Ach, Caulder«, seufze ich und hieve mich hoch, um ihn zu überreden, sich wieder in sein eigenes Bett zu legen.

»Will?« Die Tür öffnet sich einen Spaltbreit, und zu meiner Überraschung steckt nicht Caulder, sondern Vaughn ihren Kopf ins Zimmer. Ich wusste nicht, dass sie heute noch mal vorbeikommen wollte, bin ihr aber unendlich dankbar. Es tut gut, dass sie spürt, wie sehr ich sie jetzt brauche.

»Hey.« Ich springe auf und ziehe sie in meine Arme. »Was machst du denn hier? Ich dachte, du wärst wieder ins College zurückgefahren.«

Sie schiebt mich ein Stück von sich weg und lächelt verkrampft. Dann geht sie zum Bett und setzt sich mit gesenktem Kopf, ohne mir in die Augen zu schauen. »Wir müssen reden.«

Ich habe sie noch nie in einer derartigen Verfassung erlebt. »Vaughn?« Ich setze mich neben sie und greife nach ihrer Hand. »Was ist los? Ist irgendwas passiert?« Als ich ihr eine Haarsträhne, die ihr aus dem Ballerinaknoten gerutscht ist, hinter die Ohrmuschel streiche, laufen ihr die Tränen übers Gesicht. »Vaughn …« Ich schlinge die Arme um sie und ziehe sie an mich. »Was hast du denn? Sag es mir!«

Sie bleibt stumm. Weil ich weiß, dass Mädchen sich manchmal einfach ausweinen müssen, warte ich geduldig. Als sie sich wieder halbwegs beruhigt hat, setzt sie sich auf und nimmt meine Hände in ihre. Sie sieht mich immer noch nicht an.

»Will …« Sie zögert. Der Tonfall, in dem sie meinen Namen sagt, lässt bei mir sofort sämtliche Alarmglocken schrillen. Jetzt hebt sie den Blick, schaut aber sofort wieder weg.

»Vaughn …?« Hoffentlich täuscht mich mein Bauchgefühl. Ich lege eine Hand unter ihr Kinn und drehe ihr Gesicht so, dass sie mich ansehen muss. »Was ist los, Vaughn?« Sogar ich höre das Zittern in meiner Stimme.

Sie schüttelt den Kopf, aber ich habe fast den Eindruck, sie ist erleichtert darüber, dass ich schon ahne, weshalb sie gekommen ist. »Es tut mir leid, Will. Es tut mir so leid, aber mir … mir ist das zu viel. Ich kann das nicht.«

Es fühlt sich an, als hätte mir gerade jemand eine Lkw-Ladung Felsbrocken über den Kopf gekippt. Ihr ist das zu viel? Das? Wann sind »wir« zu »das« geworden? Ich schlucke und schweige. Verdammt, was soll ich auch sagen?

Anscheinend sieht Vaughn mir an, wie fassungslos ich bin. Sie drückt meine Hände. »Es tut mir so unendlich leid«, flüstert sie noch einmal.

Ich ziehe die Hände weg, stehe auf und wende ihr den Rücken zu. Meine Augen brennen. Maßlose Enttäuschung und Wut steigen in mir auf, aber ich will sie auf keinen Fall sehen lassen, dass ich weine.

»Mit so etwas habe ich einfach nicht gerechnet, Will. Ich meine, ich … ich bin noch zu jung, um die Mutterrolle zu übernehmen. Die Verantwortung ist mir zu groß. Damit bin ich überfordert.«

Es ist wahr. Das passiert gerade wirklich. Sie macht Schluss mit mir. Zwei Wochen nachdem meine Eltern tödlich verunglückt sind. Das kann nicht sein. Vaughn hat sich das nicht richtig überlegt. Sie steht selbst unter Schock. Ich drehe mich zu ihr um. Auf einmal ist es mir völlig egal, dass sie meine Tränen sieht.

»Ich hab auch nicht damit gerechnet«, sage ich leise. »Glaub mir, ich verstehe total, dass du Angst davor hast.« Ich setze mich wieder neben sie aufs Bett und ziehe sie an mich. »Ich erwarte nicht, dass du die Ersatzmutter für Caulder spielst, Vaughn. Im Moment erwarte ich überhaupt nichts von dir, okay?« Als ich ihr einen Kuss auf die Stirn drücke, fängt sie sofort wieder an zu weinen. »Bitte tu das nicht«, flüstere ich. »Bitte. Bitte tu mir das nicht an, Vaughn. Nicht jetzt. Nicht in meiner Situation.«

Vaughn dreht den Kopf weg. »Ich muss es jetzt tun, weil ich später bestimmt nicht mehr die Kraft habe, es durchzuziehen.«

Sie steht auf und will zur Tür, aber ich halte sie zurück, schlinge die Arme um ihre Taille und presse meinen Kopf an ihren Bauch. »Bitte.«

Sie lässt ihre Hand durch meine Haare gleiten, dann beugt sie sich vor und küsst mich auf den Kopf. »Ich fühle mich so mies, Will«, flüstert sie. »Ganz schrecklich. Aber ich kann doch nicht aus Mitleid mit dir ein Leben führen, für das ich mich noch nicht bereit fühle.«

Ich schließe die Augen und lausche dem Echo von dem, was sie gerade gesagt hat.

Aus Mitleid mit mir?

Abrupt lasse ich sie los und straffe die Schultern. Vaughn weicht zurück, als ich aufstehe, zur Tür gehe und sie für sie aufhalte. »Du hast recht. Mitleid ist das Letzte, was ich von dir will«, sage ich.

»Will, ich … bitte«, stammelt sie. »Bitte sei deswegen nicht sauer auf mich.« Sie sieht mich mit tränenfeuchten Augen an. Immer wenn sie weint, werden sie tiefblau. So oft habe ich ihr gesagt, dass sie dann genau die gleiche Farbe wie das Meer haben. Aber als ich ihr jetzt in die Augen sehe, empfinde ich fast so etwas wie Abscheu und muss daran denken, wie tückisch und tödlich die See sein kann.

Ich wende mich ab, klammere mich mit beiden Händen an den Türstock und presse die Stirn gegen das Holz. Mit geschlossenen Augen atme ich tief durch. Die Verzweiflung und Trauer der letzten zwei Wochen und jetzt auch noch das … es fehlt nicht mehr viel und ich explodiere.

Vaughn legt mir tröstend eine Hand auf die Schulter, aber ich schüttle sie ab. Von plötzlicher Wut erfüllt, fahre ich zu ihr herum. »Zwei Wochen, Vaughn!«, stoße ich um einiges lauter als beabsichtigt hervor. Ich senke die Stimme, weil ich Caulder nicht wecken will. »Meine Eltern sind gerade mal zwei Wochen tot, und alles, woran du denken kannst, ist … dass dir das zu viel ist?«

Vaughn presst die Lippen aufeinander und schiebt sich dann an mir vorbei in den Flur. Ich folge ihr ins Wohnzimmer und sehe wie betäubt zu, wie sie ihre Umhängetasche von der Couch nimmt und zur Haustür geht. Bevor sie sie öffnet, dreht sie sich noch einmal zu mir um. »Eines Tages wirst du mir dafür dankbar sein, Will. Ich weiß, dass du es jetzt noch nicht so sehen kannst, aber du wirst erkennen, dass es so das Beste für uns war.«

»Das Beste für dich, Vaughn!«, sage ich hart. »Du tust das, was für dich das Beste ist!«

Sobald die Tür hinter ihr zugefallen ist, ist es mit meiner Beherrschung vorbei. Ich stürze in mein Zimmer, knalle die Tür zu und schlage mit der Faust dagegen. Einmal, zweimal, dreimal … mit aller Kraft. Als ich den Schmerz nicht mehr spüre, schließe ich die Augen und presse die Stirn gegen das Holz. In den vergangenen zwei Wochen ist so viel Schreckliches passiert … ich habe keine Ahnung, wie ich es schaffen soll, das hier auch noch zu überstehen.

Verdammte Scheiße, warum passiert mir das alles? Was ist bloß aus meinem Leben geworden?

Irgendwann lasse ich mich aufs Bett fallen, stütze die Ellbogen auf die Knie und vergrabe hemmungslos schluchzend das Gesicht in den Händen. Mom und Dad, die in ihrem gläsernen Rahmen auf dem Nachttisch stehen, sehen lächelnd zu, wie ich zusammenbreche. Sehen lächelnd zu, wie die Wucht dessen, was ich in den letzten zwei Wochen aushalten musste, mich endgültig in die Knie zwingt.

Warum haben sie nicht daran gedacht, dass so etwas passieren kann? Warum haben sie keine Vorkehrungen getroffen, um zu verhindern, dass ich mit der gesamten Verantwortung vollkommen allein dastehe? Ihre Fahrlässigkeit hat mich nicht nur mein Stipendium gekostet, sondern auch meine große Liebe und wahrscheinlich meine gesamte Zukunft. Ich nehme das Bild vom Nachttisch, lege die Daumen auf ihre Gesichter und drücke so fest zu, bis das Glas knirschend zerbricht. Dann schleudere ich den Rahmen gegen die Wand, wo er in tausend Scherben zerbricht – genau wie mein Leben.

Ich lasse mich aufs Bett zurückfallen und will gerade die Lampe ausknipsen, als die Tür aufgeht.

»Verschwinde, Vaughn. Bitte.«

Als ich den Kopf hebe, sehe ich Caulder in der Tür stehen. Er zittert am ganzen Körper und schluchzt bitterlich. Seit unsere Eltern verunglückt sind, habe ich ihn oft so weinen gesehen. Der Anblick seines bleichen, verzerrten Gesichts zerreißt mir jedes Mal aufs Neue das Herz.

Diesmal hilft er mir aber auch dabei, wieder zur Vernunft zu kommen und zu erkennen, was das Wichtigste ist.

Ich wische mir mit dem Handrücken über die Augen und winke ihn zu mir. Als er vor mir steht, hebe ich ihn auf meinen Schoß, wo ich ihn sanft wiege, während er mir das T-Shirt nass heult. Ich streiche ihm über die Haare, küsse ihn auf die Stirn und drücke ihn fest an mich.

»Wie sieht’s aus, Kumpel? Willst du heute noch mal hier bei mir schlafen?«

2.

Honeymoon

»Was für eine egoistische Schlampe.« Lake schüttelt empört den Kopf.

»Ja«, sage ich lächelnd. »Zum Glück.« Ich verschränke die Hände hinter dem Kopf. »Aber an dieser Theorie, dass die Geschichte sich immer wiederholt, ist irgendwie echt was dran.«

»Wie meinst du das?«

»Na ja, überleg doch mal. Vaughn hat mit mir Schluss gemacht, weil sie nicht nur aus Mitleid weiter mit mir zusammenbleiben wollte. Und du hast mit mir Schluss gemacht, weil du dachtest, ich wäre nur aus Mitleid mit dir zusammen.«

»Ich habe nicht mit dir Schluss gemacht«, widerspricht Lake heftig.

Ich lache und setze mich auf. »Und wie du mit mir Schluss gemacht hast! Ich kann sogar wortwörtlich zitieren, was du damals zu mir gesagt hast, bevor du zur Tür rausgestürmt bist. ›Es ist mir egal, ob du Tage, Wochen oder Monate brauchst.‹ Für mich ist das eindeutig Schlussmachen.«

»War es nicht. Ich wollte dir Zeit geben, über alles nachzudenken.«

»Zeit, die ich nicht gebraucht habe.« Ich lasse den Kopf wieder aufs Kissen zurückfallen und sehe sie an. »Für mich hat es sich jedenfalls verdammt so angefühlt, als hättest du mit mir Schluss gemacht.«

»Manchmal müssen sich Menschen voneinander entfernen, um zu spüren, wie sehr sie einander brauchen«, zitiert Lake aus einer der Stern-Botschaften ihrer Mutter.

Ich streichle über ihren Handrücken. »Lass uns trotzdem darauf achten, dass wir uns nie wieder voneinander entfernen«, flüstere ich.

Sie sieht mich an und in ihren Augen liegt so viel Verletzlichkeit. »Nie wieder.«

Ihr Blick wandert forschend über mein Gesicht, dann spielt ein Lächeln um ihre Mundwinkel. Sie sagt nichts, aber das muss sie auch nicht. In diesen Momenten, in denen es nur sie und mich gibt, spüre ich ganz deutlich, wie sehr sie mich liebt.

»Wie war das eigentlich, als du mich das allererste Mal gesehen hast?«, fragt sie leise. »Warum hast du mich so schnell gefragt, ob ich mit dir ausgehen möchte? Ich will alles wissen, was du über mich gedacht hast, okay? Auch die nicht so schmeichelhaften Gedanken.«

Ich lache. »Die hatte ich nicht, Lake. Schmutzige Gedanken vielleicht, aber keine, die nicht schmeichelhaft gewesen wären.«

Sie grinst. »Die musst du mir natürlich auch erzählen.«

Das Kennenlernen

Ich klemme mir das Telefon zwischen Schulter und Ohr, um mir gleichzeitig das Hemd zuknöpfen zu können. »Versprochen, Grandma«, sage ich leicht gestresst. »Am Freitag fahr ich gleich nach der Schule los. Wir sind dann gegen fünf bei euch, okay? Aber jetzt muss ich Schluss machen, sonst kommen wir beide zu spät. Ich ruf dich morgen noch mal an.«

Als ich das Telefon in die Station zurückstelle, trottet Caulder ins Wohnzimmer, seinen Rucksack über eine Schulter gehängt und einen in Tarnfarben bemalten Plastikhelm auf dem Kopf. Er versucht ständig, irgendwelches Kriegsspielzeug in die Schule zu schmuggeln. Letzte Woche war er schon fast am Schultor, als mir auffiel, dass er ein Pistolenhalfter umgeschnallt hatte.

Ich ziehe ihm seelenruhig den Helm vom Kopf und werfe ihn auf die Couch. »Sorry, Kumpel, aber der bleibt hier. Setz dich schon mal ins Auto, ich muss noch meine Tasche packen.«

Während Caulder murrend rausgeht, sammle ich schnell die Hefte zusammen, die auf der Küchentheke verstreut liegen. Ich habe gestern bis nach Mitternacht Arbeiten korrigiert. Obwohl ich erst seit acht Wochen unterrichte, kann ich mittlerweile nachvollziehen, warum sich so wenige Studenten dafür entscheiden, Lehrer zu werden. Der Job macht viel mehr Arbeit, als ich gedacht hätte. Eilig schiebe ich den Stapel in meine Umhängetasche und stürze zur Haustür hinaus.

»Na toll«, murmle ich, als ich den Umzugswagen sehe, der gerade rückwärts in die Einfahrt gegenüber fährt. Das ist jetzt innerhalb von einem Jahr schon die dritte Familie, die in dieses Haus einzieht. Eigentlich habe ich keine Lust, schon wieder jemandem beim Möbelschleppen zu helfen. Erst recht nicht nach einer Nacht, in der ich nur vier Stunden geschlafen habe. Hoffentlich sind die Leute mit dem Ausladen fertig, wenn ich heute Nachmittag nach Hause komme, sonst fühle ich mich doch wieder verpflichtet zu helfen.

Ich schließe die Tür ab und laufe zum Wagen. Caulder sitzt nicht auf dem Beifahrersitz. Stöhnend werfe ich meine Tasche auf die Rückbank und sehe mich nach ihm um. Er sucht sich immer die ungünstigsten Momente aus, um Verstecken zu spielen. Wir sind sowieso schon zehn Minuten zu spät dran.

Ich schaue nach, ob er sich vielleicht mal wieder im Fußraum hinter den Sitzen verkrochen hat, aber dort ist er nicht. Im nächsten Moment höre ich ihn hinter mir lachen. Ich drehe mich um und sehe, dass er drüben steht und mit einem Jungen redet, der ungefähr in seinem Alter ist. Hey, vielleicht ist es doch ganz gut, dass eine neue Familie einzieht. Wenn er sich mit dem Sohn anfreunden würde, hätte ich vielleicht öfter meine Ruhe.

Ich will ihn gerade ungeduldig rufen, als ich das Mädchen am Steuer des Umzugswagens bemerke. Sie ist höchstens zwanzig, aber die Lässigkeit, mit der sie das schwergängige Fahrzeug rückwärts in die Einfahrt navigiert, ist echt beeindruckend. Ich lehne mich gegen mein Auto und frage mich, ob sie es schafft, den Transporter an den Gartenzwergen vorbeizumanövrieren, die am Rand der Einfahrt stehen. Könnte schwierig werden.

Meine Erwartung, dass mindestens einer der Gipszwerge dran glauben muss, erfüllt sich nicht. Sie hat den Wagen innerhalb kürzester Zeit bravourös eingeparkt. Aber statt auszusteigen und ihre Leistung zu bewundern, stellt sie den Motor aus, lässt das Fenster herunter, stemmt den Fuß gegen das Armaturenbrett und bleibt sitzen.

Ich habe keine Ahnung, warum ich so interessiert rüberschaue. Fasziniert geradezu. Sie trommelt mit den Fingern aufs Lenkrad, dann greift sie sich in die Haare und löst ihren Pferdeschwanz. Die Haare fallen ihr bis auf die Schultern und mir stockt kurz der Atem.

Wow.

Caulder und der andere Junge fechten auf der Straße gerade irgendeinen imaginären Schwertkampf aus. Ist sie seine Schwester – oder womöglich seine Mutter? Nein, sie sieht nicht so aus, als könnte sie schon einen Sohn in seinem Alter haben. Worauf wartet sie? Warum steigt sie nicht aus? Der Vermieter steht in der geöffneten Haustür und wartet offensichtlich auch.

In diesem Moment kommt ein Jeep angefahren und hält vor dem Haus.

Oh nein, bitte lass das jetzt nicht ihren Mann sein, denke ich und wundere mich dann selbst über diesen Gedanken. Ich habe gar keine Zeit für irgendwelche Liebesgeschichten. Erst recht nicht mit jemandem, der direkt gegenüber wohnt.

Trotzdem atme ich erleichtert aus, als eine Frau mittleren Alters aus dem Wagen steigt. Vermutlich ist das die Mutter des Mädchens. Während sie zum Haus geht und den Vermieter begrüßt, stelle ich erstaunt fest, dass ich ebenfalls dabei bin, über die Straße zu gehen. Ich habe plötzlich das dringende Bedürfnis, dieser Familie beim Ausladen zu helfen.

Das Mädchen im Umzugswagen hat mich noch nicht bemerkt. Ich weiß nicht, warum ich mich so von ihr angezogen fühle … Vielleicht ist es ihr Gesichtsausdruck. Sie sieht irgendwie traurig aus. Und aus irgendeinem Grund berührt mich das. Ich starre wie in Trance zu ihr. Nicht weil sie so hübsch ist – was sie definitiv ist –, sondern wegen ihres Blicks. Ich würde gern wissen, was sie denkt.

Nein, ich muss es wissen.

Im nächsten Moment gibt sie sich einen Ruck, sagt etwas zu den Jungs und öffnet dann die Tür, um auszusteigen. Mir wird plötzlich klar, dass ich wie ein Idiot mitten in der Einfahrt stehe und sie anstarre. Ich sehe zu meinem Auto und frage mich, ob ich es schaffen kann, unbemerkt wieder zu verschwinden, aber da ist es schon zu spät. Caulder und der Junge kommen um den Umzugswagen gerannt und prallen lachend gegen mich.

»Niiieecht! Sie ist ein Zombie!«, kreischt Caulder, als ich die beiden an den Kragen ihrer T-Shirts packe und festhalte. Das Mädchen kommt steifbeinig, mit schräg gelegtem Kopf und ausgestreckten Armen um den Wagen herum und röchelt: »Menschenfleeeeisch!«

»Ich hab sie!«, rufe ich. Die Jungs versuchen sich strampelnd loszureißen, worauf ich meinen Griff verstärke. Das Mädchen bleibt vor mir stehen, lässt die Arme sinken und wir sehen uns an.

Wow, denke ich zum zweiten Mal innerhalb von zwei Minuten. Ihre Augen leuchten in dem unglaublichsten Grün, das ich je gesehen habe. Ich versuche es mit irgendetwas zu vergleichen, das ich kenne, aber mir fällt nichts ein. Dieses Grün ist so einzigartig, dass man dafür einen eigenen Namen erfinden müsste.

Nachdem ich sie jetzt aus der Nähe sehe, stelle ich erleichtert fest, dass sie wirklich auf keinen Fall die Mutter des Jungen sein kann. Sie ist eindeutig in meinem Alter. Dann ist der Junge vermutlich ihr Bruder. Ich muss sofort herausfinden, wie sie heißt, damit ich bei Facebook nachschauen kann, ob sie in einer Beziehung ist.

Jesus, Will. Reiß dich zusammen.

Aus Angst, sie könnte mir ansehen, was ich denke, zwinge ich mich, den Blick von ihr zu lösen. Der andere Junge nutzt meine Unaufmerksamkeit, reißt sich los und versetzt mir einen Hieb mit seinem unsichtbaren Schwert. Ich schaue das Mädchen wieder an und flüstere tonlos: »Hilfe.«

»Menschenfleeeisch«, röchelt sie noch einmal. Dann stürzt sie sich auf Caulder und tut so, als würde sie ihm ein Stück Fleisch aus dem Nacken beißen. Danach kitzelt sie die beiden, bis sie kreischend zu Boden gehen, steht triumphierend auf und lacht. Als sich unsere Blicke kreuzen, lächelt sie verlegen. Aber ihre Unsicherheit verfliegt so schnell, wie sie gekommen ist, und wird dann durch ein Strahlen ersetzt, das mir fast den Atem nimmt.

»Hallo. Ich heiße Will«, sage ich und strecke ihr die Hand hin. »Wir wohnen da drüben.« Ich nicke in Richtung unseres Hauses.

»Hi.« Ihre Hand ist weich und kühl, und in dem Moment, in dem unsere Finger sich berühren, fährt eine kleine Schockwelle durch meinen Körper. Ich kann mich nicht erinnern, wann ein Mädchen zum letzten Mal eine solche Wirkung auf mich gehabt hat. Oder liegt es an meiner durchgearbeiteten Nacht, dass ich plötzlich weiche Knie bekomme?

»Ich bin Layken«, sagt sie. »Dann sind wir ab sofort Nachbarn. Wir ziehen nämlich gerade … hier ein.« Sie wirft über die Schulter einen Blick auf das Haus hinter sich und sieht dann wieder zu mir.

Irgendwie macht sie nicht den Eindruck, als würde sie sich freuen, hierherzuziehen. Im Gegenteil, sie schaut auf einmal wieder so wie vorhin, als sie hinter dem Steuer saß. Warum rührt mich ihre Traurigkeit so sehr?

»Tja dann, willkommen in Ypsilanti«, sage ich wenig originell, und erst in diesem Moment wird mir bewusst, dass ich immer noch ihre Hand festhalte. Ich lasse sie schnell los und vergrabe meine Hände tief in den Taschen meiner Jacke. »Wo habt ihr denn vorher gewohnt?«, versuche ich meine Verlegenheit zu überspielen.

»In Texas?«, sagt sie, und es klingt, als stünde ein Fragezeichen hinter ihrer Antwort.

War das eine blöde Frage von mir? Ja, klar war die Frage blöd. Blöder Small Talk war das. »Texas, echt?«, frage ich, was noch viel blöder ist. Sie nickt, sagt aber nichts. Was soll sie auch sagen? Ich fühle mich wie einer dieser unangenehmen Nachbarn, die ihre Nase in Angelegenheiten stecken, die sie nichts angehen. Weil ich nicht weiß, was ich sagen soll, ohne alles noch schlimmer zu machen, entscheide ich mich dafür, den Rückzug anzutreten. Ich packe Caulder, werfe ihn mir über die Schulter und erkläre Layken, dass ich ihn zur Schule fahren muss. »Heute Abend soll es übrigens noch mal deutlich kälter werden. An eurer Stelle würde ich versuchen, heute schon so viel wie möglich auszuladen. Falls ihr Hilfe braucht, kann ich nachher gerne rüberkommen. Wir sind so gegen vier wieder zurück.«

Sie lächelt. »Das ist nett. Danke.«

Diesmal höre ich aus ihrer Stimme den Hauch eines Südstaatenakzents heraus. Zum dritten Mal: Wow. Bis jetzt habe ich nicht gewusst, wie sexy ich diesen Akzent finde. Leicht benommen gehe ich über die Straße und halte Caulder die Beifahrertür auf. Während er ins Auto klettert, werfe ich noch einen Blick über die Straße. Laykens Bruder rammt ihr gerade sein unsichtbares Schwert in den Rücken, worauf sie einen Schrei ausstößt und in die Knie sinkt. Ich finde es rührend, wie sie mit ihm spielt. Nachdem er auf ihren Rücken geklettert ist und ihr den Todesstoß versetzt hat, hebt sie den Kopf und ertappt mich dabei, wie ich sie anstarre. Hastig schließe ich die Beifahrertür und gehe um den Wagen herum. Ich lächle verlegen, winke und würde mir am liebsten selbst eine scheuern. Sie muss mich für den letzten Vollidioten halten.

 

Vor der dritten Stunde habe ich mir noch schnell einen Kaffee besorgt. Jetzt sitze ich im Klassenzimmer am Pult, warte auf meine Schüler und schütte zwei Päckchen Zucker in den Becher. Ich brauche Energie. In dem Kurs, den ich gleich habe, gibt es einen Typen, mit dem ich leider nicht besonders gut klarkomme. Javier scheint es darauf anzulegen, mich zu provozieren.

Ich sehe auf, als Eddie zur Tür hereingetänzelt kommt. »Morgen, Mr Cooper«, begrüßt sie mich strahlend. Dieses Mädchen ist ein echtes Phänomen. Ich habe sie noch nie lustlos oder schlecht gelaunt erlebt. Irgendwann muss ich sie mal fragen, wie sie das macht.

»Morgen, Eddie.«

Sie drückt ihrem Freund Gavin einen verliebten Kuss auf die Wange und lässt sich dann auf ihren Platz in der ersten Reihe fallen. Ich kenne die beiden noch aus meiner eigenen Schulzeit hier, als sie ein paar Klassen unter mir waren. In dem Jahr, in dem ich meinen Abschluss gemacht habe, wurden sie ein Paar und sind seitdem unzertrennlich. Vor allem mit Gavin bin ich mittlerweile richtig gut befreundet. Beide nennen mich natürlich beim Vornamen, aber in der Schule bin ich »Mr Cooper« für sie. Gavin und Eddie sind definitiv meine Lieblingsschüler, auch wenn ich mir das natürlich nicht anmerken lassen darf. Nick mag ich auch noch ganz gern. Er ist Gewichtheber und entsprechend kräftig gebaut – ein sanfter Riese.

Als alle Teilnehmer des Lyrikkurses eingetrudelt sind, bitte ich sie, die Bücher herauszuholen. Während ich für den Test, der bald ansteht, noch einmal die verschiedenen Formen der Lyrik mit ihnen bespreche, schweifen meine Gedanken immer wieder zu meiner neuen Nachbarin ab.

Layken.

Eigenartiger Name, aber schön.

 

Nach sechs Unterrichtsstunden und mindestens zehnmal so vielen Gedanken an Layken biege ich mit Caulder wieder in unsere Einfahrt. Ich hole den Karton mit den Arbeiten aus dem Kofferraum, die ich später noch korrigieren muss. Als ich mich umdrehe, steht plötzlich Laykens jüngerer Bruder hinter mir und sieht mich stumm an. Mehrere Sekunden vergehen, ohne dass er ein einziges Wort sagt oder auch nur blinzelt. Was soll das werden? Ein Blickduell? Wartet er vielleicht darauf, dass ich mich vorstelle? Ich klemme mir den Karton unter den linken Arm und strecke ihm die rechte Hand hin.

»Hey. Ich bin Will.«

»Kel ist Name mein«, sagt er.

Ich starre ihn leicht irritiert an. Spricht man in Texas so?

»Ich kann ganz schnell rückwärts sprechen«, klärt er mich auf. »So, weißt du? Sprechen rückwärts schnell ganz kann ich.«

Aha, interessant. Kann es sein, dass dieser Junge noch spezieller ist als Caulder? Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass es so jemanden überhaupt gibt.

»Kel, kennenzulernen … dich … Freude … eine mir ist … es«, sage ich mit einiger Mühe. Er grinst, dann dreht er sich um und rennt über die Straße. Caulder, der inzwischen auch ausgestiegen ist, läuft ihm hinterher. Mir fällt auf, dass der Umzugswagen nicht mehr in der Einfahrt steht, sondern mit geschlossener Klappe vor dem Haus parkt. Also haben sie anscheinend schon alles ausgeladen. Schade, ich hatte mich richtig darauf gefreut, zu helfen.

Den Rest des Tages verbringe ich damit, die Arbeiten zu korrigieren. Als ich selbst noch Schüler war, hätte ich mir niemals vorgestellt, dass das so zeitaufwendig ist. Anschließend mache ich Caulder und mir schnell Nudeln zum Abendessen und gehe dann duschen. Als ich aus dem Bad komme, schlendere ich zum ungefähr zehnten Mal wie zufällig zum Wohnzimmerfenster und werfe einen Blick auf die gegenüberliegende Straßenseite. Layken hat sich leider den ganzen Tag nicht draußen blicken lassen.

»Warum guckst du eigentlich dauernd aus dem Fenster?«, erkundigt sich Caulder hinter mir.

Ich zucke zusammen und ziehe hastig den Vorhang wieder zu. Mir war nicht klar gewesen, dass er auf der Couch sitzt. Ich packe ihn an den Handgelenken und ziehe ihn auf die Füße. »Ab ins Bett«, sage ich streng.

Bevor er in sein Zimmer verschwindet, dreht er sich noch einmal zu mir um. »Du hast aus dem Fenster geschaut, weil du Kels Schwester noch mal sehen wolltest, stimmt’s? Bist du in sie verknallt?«

Ich ignoriere seine Frage. »Gute Nacht, Caulder.«

»Ich weiß es sowieso!«, ruft er und zieht dann schnell die Tür hinter sich zu.

Nachdem ich noch ein bisschen ferngesehen habe, merke ich, dass ich so kaputt bin, dass ich dringend ins Bett muss. Bevor ich in mein Zimmer gehe, kann ich es mir nicht verkneifen, noch ein allerletztes Mal zum Fenster zu gehen. Mein Herz macht einen Satz. Diesmal steht im Haus gegenüber ebenfalls jemand am Fenster und späht durch einen Spalt zwischen den Vorhängen. Als sie eilig zugezogen werden und das Licht ausgeht, muss ich grinsen.

Layken.

 

»Es ist so kalt, so kalt, so kalt, so kalt!«, beschwert sich Caulder und hüpft mit klappernden Zähnen von einem Fuß auf den anderen, während ich mich abmühe, die vereiste Windschutzscheibe freizubekommen.

»Dann setz dich schon mal rein, bis ich das Auto so weit habe«, sage ich und stelle die Standheizung an. Als ich die Fahrertür schließe, sehe ich, dass Layken gerade aus dem Haus gegenüber tritt. Sie bückt sich, nimmt eine Handvoll Schnee vom Boden auf, betrachtet ihn fasziniert und lässt ihn dann schnell wieder fallen. Sie hat nichts als eine Schlafanzughose und eine dünne Sweatshirtjacke an. Ich schüttle grinsend den Kopf. Nur eine Südstaatlerin kann auf die Idee kommen, bei diesen Minusgraden so nach draußen zu gehen. Und was hat sie da an den Füßen? Sind das etwa Hausschuhe? Auf dem eisglatten Asphalt? Noch bevor ich sie warnen kann, ist es schon passiert. Sie macht einen Schritt, rutscht slapstickreif aus und knallt rücklings der Länge nach hin.

Im ersten Moment muss ich lachen, weil die Szene wirklich zu komisch aussah. Aber als ich sehe, dass sie in der Einfahrt liegen bleibt, ohne sich zu rühren, bekomme ich einen Schreck. Hoffentlich hat sie sich nicht ernsthaft verletzt. Zum Glück macht sie gleich darauf Anstalten, sich aufzurappeln.

Während ich über die Straße laufe, um ihr zu helfen, sehe ich, dass sie einen zerbrochenen Gartenzwerg unter sich hervorzieht. Der böse Blick, mit dem sie ihn bedenkt, ist echt süß. Es sieht fast so aus, als würde sie den armen Kerl dafür verantwortlich machen, dass sie ausgerutscht ist. »Das ist keine gute Idee!«, rufe ich, als sie gerade ausholen will, um ihn wegzuschleudern.

Sie dreht den Kopf und sieht mich an.

»Alles okay?«, frage ich und muss grinsen, weil sie so unglaublich wütend aussieht.

Sie wird rot und schaut schnell weg. »Mir würde es besser gehen, wenn ich dieses verdammte Ding zerschmettern dürfte.«

Ich nehme ihr den lädierten Zwerg aus der Hand. »Verschone ihn. Gartenzwerge bringen Glück«, behaupte ich und stelle ihn schnell wieder zu seinen Kameraden, bevor sie ihn doch noch völlig zerstört.

»Wirklich?«, sagt sie skeptisch und betrachtet ihre Schulter. »Scheint bei mir nicht zu wirken.«

Jetzt erst bemerke ich das Blut, das durch den Sweatshirtstoff sickert. »Oh, tut mir leid. Ich hätte niemals gelacht, wenn ich gewusst hätte, dass du dich verletzt hast.« Als ich ihr die Hand hinstrecke, um ihr hochzuhelfen, sehe ich, dass der Blutfleck immer größer wird. »Die Wunde muss auf jeden Fall versorgt werden. Habt ihr Verbandszeug?«

Layken schaut zum Haus und schüttelt zweifelnd den Kopf. »Wenn ich wüsste, wo ich es hingepackt habe …«

Ich habe einen Erste-Hilfe-Koffer im Wagen. Soll ich ihn ihr schnell bringen oder ihr anbieten, sie bei mir zu Hause zu verbinden? Dann komme ich zu spät in die Schule. Und ich bin jetzt schon spät dran.

Ich ringe noch mit mir, als mir plötzlich ein Duft in die Nase steigt, der es mir unmöglich macht, noch einen klaren Gedanken zu fassen. Vanille … Und dazu noch dieser süße texanische Akzent … Dieses Mädchen ruft etwas in mir wach, von dem ich gar nicht gewusst habe, dass es in mir schlummert.

Oh Mann, ich glaub, ich hab ein echtes Problem.

Die Schule kann warten.

»Dann komm schnell mit zu uns rüber.« Ich ziehe meine Jacke aus, lege sie ihr um die Schultern und führe sie über die verschneite Straße. Zwar bin ich mir ziemlich sicher, dass sie auch gut ohne meine Hilfe gehen könnte, aber aus irgendeinem Grund will ich sie nicht loslassen. Ich freue mich, ihr helfen zu können. Es ist schön, wie sie sich an mich lehnt. Es fühlt sich irgendwie … richtig an.

Ich bringe sie ins Wohnzimmer und gehe den Verbandskasten holen. »Ich hab Pflaster gefunden«, sage ich kurz darauf und deute auf einen der Barhocker, die an der Küchentheke stehen, die das Wohnzimmer von der offenen Küche trennt. »Setz dich doch.«

Layken hat die Wand mit unseren Familienfotos entdeckt und betrachtet die Bilder.

Bitte stell mir keine Fragen über meine Eltern. Bitte.

Um ihr keine Gelegenheit zu geben, das Thema anzusprechen, über das ich jetzt wirklich nicht mit ihr reden möchte, tue ich, als wäre ich schwer beschäftigt. »So. Erst mal muss die Wunde gesäubert werden.« Ich kremple mir die Ärmel hoch, drehe den Wasserhahn in der Küche auf und halte ein Stück Küchenpapier darunter. Obwohl ich eigentlich überhaupt keine Zeit habe, tue ich alles, um den Moment, in dem wir uns wieder trennen müssen, hinauszuzögern. Ich kann mir selbst nicht erklären, warum mein Wunsch, sie näher kennenzulernen, plötzlich zu einem so dringenden Bedürfnis geworden ist. Als ich mich mit dem feuchten Küchentuch zu ihr umdrehe, wendet sie hastig den Kopf. Ich weiß nicht, warum sie plötzlich verlegen ist, aber die leichte Röte auf den Wangen steht ihr gut.

»Schon okay«, sagt sie und nimmt mir das Tuch aus der Hand. »Das schaffe ich alleine.«

Ich schneide in der Zwischenzeit ein breites Stück Pflaster von der Rolle. Während ich die Folie abziehe, wird mir plötzlich bewusst, wie still es hier ist. Fieberhaft überlege ich, was ich sagen kann, um das unbehagliche Schweigen zu durchbrechen.

»Wieso warst du eigentlich so früh morgens im Schlafanzug draußen unterwegs? Müsst ihr noch Sachen ausladen?«

Sie schüttelt den Kopf und wirft das zerknüllte Küchenpapier in den Mülleimer. »Kaffee«, brummt sie nur.

Das ist zwar nicht wirklich eine Erklärung, aber vielleicht will sie damit andeuten, dass sie um diese frühe Uhrzeit noch nicht imstande ist, längere Antworten zu geben. »Verstehe, du bist also kein Morgenmensch.« Insgeheim hoffe ich, dass ihre leicht abweisende Haltung tatsächlich etwas mit der Uhrzeit zu tun hat, und nicht bedeutet, dass sie mich unsympathisch findet. Ich lege das Pflaster auf den Schnitt in ihrer Schulter, der zum Glück nicht besonders tief ist, und drücke es vorsichtig fest. Sie bekommt eine Gänsehaut und reibt sich fröstelnd über die Oberarme.

Habe ich diese Gänsehaut etwa verursacht?

»Siehst du«, sage ich und streiche noch einmal völlig unnötigerweise über das Pflaster. »Alles wieder gut.«

Layken räuspert sich. »Danke.« Sie lässt sich vom Hocker gleiten. »Und übrigens bin ich sehr wohl ein Morgenmensch – sobald ich meinen ersten Kaffee getrunken habe.«

Kaffee. Natürlich, sie braucht Kaffee. Ich habe Kaffee!

Ich gehe eilig zur Maschine, greife nach der Kanne, die noch warm ist, nehme einen Becher aus dem Schrank, fülle ihn und stelle ihn vor sie hin. »Bitte schön. Milch oder Zucker?«

Sie schüttelt lächelnd den Kopf. »Schwarz ist perfekt. Danke.«

Ich stütze mich auf die Theke und sehe zu, wie sie einen vorsichtigen Schluck trinkt, ohne den Blick von mir zu abzuwenden.

Ich glaube, ich habe mir noch nie so sehr gewünscht, eine Kaffeetasse zu sein.

Verdammt, warum muss ich nur zur Arbeit? Ich könnte ihr den ganzen Tag dabei zusehen, wie sie Kaffee trinkt. Als Layken leicht die Brauen zusammenzieht und sich wahrscheinlich fragt, warum ich sie so anstarre, werfe ich einen Blick auf meine Armbanduhr. »Oh, ich muss los. Mein Bruder muss zur Schule und ich komme sonst auch zu spät. Ich bring dich noch schnell rüber. Nimm den Kaffee ruhig mit.«

Layken betrachtet den Becher. Erst jetzt fällt mir auf, dass es der ist, den Caulder und ich mal unserem Vater geschenkt haben. Nachdenklich fährt sie mit dem Zeigefinger über den Schriftzug. »Du musst mich nicht rüberbringen«, sagt sie. »Ich glaube, das mit dem aufrechten Gang hab ich inzwischen drauf.«

Als sie durchs Wohnzimmer zur Haustür geht, sehe ich meine Jacke auf der Couch liegen. Ich schnappe sie mir und halte sie ihr hin. »Dann nimm wenigstens die mit. Nicht dass du unterwegs erfrierst.« Sie wehrt erst ab, aber ich lasse nicht mit mir verhandeln. Ich will wirklich nicht, dass sie friert, aber ich habe auch Hintergedanken. Wenn sie die Jacke mitnimmt, muss sie sie irgendwann auch zurückbringen.

»Na gut.« Sie legt sie sich lächelnd über die Schultern und verabschiedet sich.

Auf dem Weg zum Auto beobachte ich, wie sie mit kleinen Trippelschritten durch den Schnee geht. Ich finde sie wahnsinnig süß mit meiner riesigen Jacke über den Schultern und dem Schlafanzug darunter. Wer hätte gedacht, dass Schlafanzughosen und Darth-Vader-Hausschuhe so sexy aussehen können?

»Layken!«, rufe ich. Kurz vor der Haustür dreht sie sich noch einmal zu mir um. »Möge die Macht mit dir sein!« Ich lache und drehe mich schnell um, bevor sie etwas antworten kann.

»Was habt ihr denn so lang gemacht?«, fragt Caulder als ich die Fahrertür öffne. »Das hat ja ewig gedauert!«

»Tut mir leid«, sage ich. »Layken ist gestürzt und ich musste sie verarzten.«

»Wieso ist sie denn überhaupt hingefallen?«, will Caulder wissen.

»Weil sie bloß Hauschuhe anhatte. Darth-Vader-Hausschuhe, um genau zu sein. Sie ist auf dem Schnee ausgerutscht. Dabei ist sie auf einen Gartenzwerg gefallen und hat sich an der Schulter verletzt.«

Caulder kichert. »Echt? Sie hat Darth-Vader-Hausschuhe?«

Ich nicke und sehe ihn an. »Ja. Cool, was?«

3.

Honeymoon

»Es ist noch mal was ganz anderes, das alles von dir erzählt zu bekommen«, murmelt Layken neben mir. »Du fandest mich also süß?«

»Nein, nicht süß«, widerspreche ich. »Ich fand dich unglaublich schön.« Ich streiche ihr die Haare aus dem Gesicht, worauf sie mir einen Kuss auf die Handinnenfläche gibt. »Und du? Wie fandest du mich?«

»Bei unserer ersten Begegnung hab ich versucht, möglichst nicht darüber nachzudenken, wie ich dich finde.« Sie grinst. »Natürlich ist mir nicht entgangen, dass du toll aussiehst, aber ich war gerade mal fünf Minuten in Michigan und zu sehr mit den ganzen Veränderungen in meinem Leben beschäftigt. Dann haben wir uns am nächsten Morgen wiedergesehen und irgendwie ist meine Verknallung von da an immer größer geworden.«

»Deine Verknallung?« Ich lache.

Sie grinst. »Oh ja. Meine Verknallung wurde immer größer und größer. Besonders nachdem du mich so toll verarztet hast. Und nach unserer Tour zum Supermarkt war dann sowieso alles zu spät.«

Ich nicke versonnen.

»Allerdings. Und zwar nicht nur bei dir.«

Total verknallt

Im Wohnzimmer sitzend, versuche ich, den Unterrichtsstoff für die nächste Woche zu strukturieren, merke aber, dass meine Gedanken immer wieder über die Straße wandern. Was ist es nur, das mich an Layken so fasziniert? Das kann ich mir selbst nicht erklären. Ich weiß nur, dass sie mir den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf ging. Ich will mich nicht verlieben. Ehrlich gesagt wünsche ich mir fast, sie würde irgendetwas Bescheuertes sagen oder tun, um den Bann zu brechen.

Warum läuft mir dieses Mädchen ausgerechnet jetzt über den Weg? Ich stecke in einer Lebensphase, in der ich meine gesamte Energie für meine Ausbildung und meinen kleinen Bruder brauche, und habe wirklich keine Zeit für jemanden, der mich derart durcheinanderbringt. Gleichzeitig gibt es nichts, wonach ich mich mehr sehne, als sie wiederzusehen.

Caulder kommt zur Haustür reingepoltert, schleudert die Schuhe von den Füßen und läuft in die Küche. »Oh Mann, die Schwester von Kel hat mich gerade gefragt, wie man von hier aus zum Supermarkt kommt!«, erzählt er kopfschüttelnd. »Die ist, glaub ich, ganz schön dumm. Ich meine, woher soll ich das denn wissen? Ich kann doch gar nicht Auto fahren.« Er geht zum Kühlschrank und nimmt sich einen Saft raus.

»Was?« Ich springe sofort auf. »Ist sie noch draußen?« Als ich die Haustür aufreiße, sehe ich, dass der Jeep vor unserem Haus steht. Ich ziehe mir eilig Schuhe an und gehe hinaus. Jetzt sehe ich, warum Layken noch nicht losgefahren ist. Sie programmiert gerade ihr Navi.

Soll ich ihr anbieten, mitzufahren, oder würde sie das aufdringlich finden? Blöde Frage. Natürlich würde sie das aufdringlich finden.

Ich spähe ins Wageninnere. »Das ist keine gute Idee«, sage ich.

Sie sieht erstaunt auf und lächelt, als sie mich erkennt. »Was ist keine gute Idee?«, erkundigt sie sich und befestigt das Navi wieder in der Halterung.

Scheiße. Was ist keine gute Idee? Dass sie allein zum Supermarkt fährt? Ich habe einfach das Nächstbeste gesagt, was mir in den Kopf gekommen ist. »Äh … das Navi. Hier in der Gegend wird zurzeit ganz schön viel gebaut. Wenn du dem Ding da folgst, verfährst du dich garantiert.«

Sie öffnet den Mund, um etwas zu erwidern, als ein Wagen neben ihr hält. Die Frau auf dem Beifahrersitz beugt sich vor und spricht durch das geöffnete Fenster mit Layken. Das muss ihre Mutter sein. Die beiden sehen sich unheimlich ähnlich und haben den gleichen Akzent.

Während sie mit ihrer Mutter redet, nutze ich die Gelegenheit, um mir Layken etwas genauer anzusehen. Ihre Haare sind dunkelbraun, aber nicht ganz so dunkel wie die ihrer Mutter. Der Lack auf ihren Fingernägeln ist abgeplatzt. Irgendwie macht sie mir das noch sympathischer. Vaughn war immer perfekt gestylt und wäre niemals ungeschminkt aus dem Haus gegangen.

Kel, der auf der Rückbank des anderen Wagens saß und sich offensichtlich gelangweilt hat, springt raus. »Willst du mein Zimmer sehen?«, ruft er Caulder zu, der mittlerweile auch aus dem Haus gekommen ist. Als Caulder mich fragt, ob er darf, öffne ich kurzerhand die Beifahrertür und setze mich neben Layken. Es ist mir egal, ob sie mich aufdringlich findet. Das ist meine Chance und ich werde sie nutzen.

»Klar«, sage ich zu Caulder und greife nach dem Sicherheitsgurt. »Ich bin gleich wieder zurück. Ich zeige Layken nur schnell, wo der Supermarkt ist.« Sie wirft mir einen Blick zu, scheint aber zum Glück eher amüsiert als irritiert zu sein. »Leider bin ich ein ganz mieser Wegbeschreiber.« Ich versuche ein treuherziges Lächeln. »Hast du was dagegen, wenn ich einfach mitfahre?«

Sie legt lachend den Gang ein. »Nachdem du dich schon angeschnallt hast … Warum nicht?«

Dummerweise ist der nächste Supermarkt nur knappe fünf Minuten entfernt. In der kurzen Zeit könnten wir uns kaum unterhalten, geschweige denn näher kennenlernen. Deshalb beschließe ich, Layken einen kleinen Umweg fahren zu lassen.

»Dein Bruder heißt also Caulder, ja?«, fragt sie, als sie auf die Hauptstraße abbiegt.

Ich mag es, wie sie die erste Silbe seines Namens dehnt. Cauuuulder. »Ja, genau. Meine Eltern haben nach mir jahrelang versucht, noch ein Kind zu bekommen. Caulder wurde erst geboren, als Namen wie Will schon nicht mehr in Mode waren.«

»Mir gefällt dein Name.« Sie lächelt mich an, wird dann rot und richtet den Blick schnell wieder auf die Straße.

War das ein Kompliment? Flirtet sie etwa mit mir? Hoffentlich.

»Jetzt links.« Sie setzt den Blinker, fährt sich durch die Haare und sieht dabei so verführerisch aus, dass ich schlucken muss. Als sie beide Hände wieder um das Lenkrad gelegt hat, beuge ich mich zu ihr rüber, streiche ihre Haare nach hinten und ziehe ihr T-Shirt ein Stück über die Schulter. »Was macht deine Verletzung?«

Die Frage ist ehrlich gemeint, aber ich glaube, es war vor allem das Bedürfnis, sie zu berühren, das mich dazu gebracht hat. Layken zuckt kurz zusammen, als ich über das Pflaster streiche. »Das Pflaster ist nass geworden. Du brauchst bald ein neues«, sage ich.

»Du kannst mich ja gleich daran erinnern, welches zu besorgen.« Sie umklammert das Lenkrad und hält den Blick starr nach vorn gerichtet. Bestimmt ist sie solche verschneiten Straßen nicht gewohnt. Ich hätte ihr anbieten sollen, zu fahren.

Weil wir wohl beide nicht wissen, was wir sagen sollen, schweigen wir, und ich ertappe mich dabei, wie ich sie gedankenverloren betrachte. Wie alt sie wohl ist? Hoffentlich nicht älter als ich. Mädchen haben oft keine Lust, sich mit jüngeren Typen einzulassen. Ich muss unbedingt mehr über sie herausfinden.

»Okay, Layken«, sage ich bemüht lässig. »Dann erzähl doch mal was über dich.« Ich krümme mich innerlich, weil ich selbst finde, dass sich das total schleimig anhört, aber etwas Besseres fällt mir nicht ein.

Sie sieht mich mit einer hochgezogenen Augenbraue an und konzentriert sich dann wieder auf den Verkehr. »Och, da gibt es nicht viel zu erzählen.«

Wahrscheinlich fand sie den Spruch genauso blöd wie ich. Ich kann es ihr nicht verdenken. Aber ich würde wirklich gern mehr über sie erfahren. Mein Blick fällt auf den CD-Player. »Na gut, dann mach ich mir eben selbst ein Bild von dir.« Ich beuge mich vor und drücke auf die Ausgabetaste. »Der Musikgeschmack verrät ja normalerweise schon viel über einen Menschen.« Mit angehaltenem Atme ziehe ich die CD aus dem Schacht. Bitte mach, dass sie nicht Nickelback hört. In dem Fall wäre ich nämlich gezwungen, die Tür aufzureißen und aus dem fahrenden Wagen zu springen. Als ich lese, was sie mit Marker draufgeschrieben hat, muss ich lachen. »Layken’s Shit? Bezieht sich das auf die Qualität der Musik?«

Sie nimmt mir die CD aus der Hand, legt sie wieder in den Player und drückt auf Start. »Es bezieht sich darauf, dass es meine CD ist und Kel gefälligst die Pfoten davon lassen soll.«

Und dann passiert es … aus den Boxen dringen die schönsten Klänge der Welt. Okay, der Song ist genial. Alle Songs von den Avett Brothers sind genial, aber was ich höre, ist vor allem deswegen so schön, weil es die Vertonung der Wellenlänge ist, auf der wir beide surfen. Der Klang unserer Gemeinsamkeit. Die Musik meiner absoluten Lieblingsband, die ich seit zwei Jahren praktisch pausenlos höre … und jetzt kommt sie aus ihren Lautsprechern.

Kann das Zufall sein?

Als Layken sich vorbeugt und den Ton leiser dreht, lege ich meine Hand auf ihre. »Nein, mach wieder lauter. Den Song kenne ich.«

Sie grinst, als würde sie mir kein Wort glauben. »Ach ja? Wie heißt die Band denn?«

»Das sind die Avett Brothers«, antworte ich. Sie hört mir mit hochgezogenen Augenbrauen zu, während ich ihr erkläre, warum ich diesen Song so toll finde. Die Erkenntnis, dass sie die Band anscheinend genauso sehr liebt wie ich, erzeugt ein Gefühl in meiner Magengrube, das ich seit Jahren nicht mehr gespürt habe.

Schmetterlinge. Das sind Schmetterlinge!

Layken schaut auf meine Hand, die immer noch auf ihrer liegt. Ich ziehe sie schnell weg und reibe mir verlegen über den Oberschenkel. Hoffentlich hält sie mich jetzt nicht für völlig durchgeknallt. Aber als ich zu ihr rübersehe, habe ich das Gefühl, dass um ihre Mundwinkel wieder ein Lächeln spielt. Das ist gut. Das ist sehr gut.

Den Rest der Fahrt erzählt sie mir ein bisschen von sich und ihrer Familie. Ich erfahre, dass ihr Vater vor ein paar Monaten ganz unerwartet an einem Herzinfarkt gestorben ist und ihr kurz vor seinem Tod als Geburtstagsgeschenk Tickets für ein Konzert der Avett Brothers besorgt hatte. Sie hat es dann allerdings nicht über sich gebracht, ohne ihn hinzugehen. Ihre Mutter, Kel und sie haben eine echt harte Zeit hinter sich. Jetzt verstehe ich den traurigen Blick, der sich manchmal in ihre Augen schleicht. Ich kann ihre Trauer sehr gut nachempfinden, weil ich vor zwei Jahren etwas ganz Ähnliches durchgemacht habe. Trotzdem möchte ich ihr noch nicht von meinen Eltern erzählen.

Nach einer Weile erreicht unsere Unterhaltung einen Punkt, an dem es mir sicherer erscheint, das Thema zu wechseln, weshalb ich sie dann doch schnellstmöglich zum Supermarkt lotse. Als wir auf den Parkplatz einbiegen, bin ich erst einmal erleichtert, obwohl ich natürlich weiß, dass ich sie früher oder später darüber aufklären muss, dass meine Eltern tot sind und ich Caulders Erziehungsberechtigter bin.

»Puh«, sagt sie. »Der nächste Supermarkt ist aber ganz schön weit weg. Wir haben zwanzig Minuten gebraucht.«

Ich lege die Hand auf den Türgriff und zwinkere ihr zu. »Es gibt auch noch einen schnelleren Weg.« Als ich aussteige, denke ich, dass es bis jetzt eigentlich ganz gut läuft. Es ist so lange her, seit ich das letzte Mal mit einem Mädchen geflirtet habe, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich es überhaupt noch kann. Layken ist zwar ziemlich zurückhaltend, aber ich habe nicht das Gefühl, dass sie mich komplett daneben findet.

Mittlerweile schneit es ziemlich stark, und als ich sie mit hochgezogenen Schultern bibbernd dastehen sehe, greife ich nach ihrer Hand und renne mit ihr zum Eingang des Supermarkts. Sobald wir im Warmen stehen, schütteln wir uns lachend die Schneeflocken aus den Haaren. Es ist das erste Mal, dass ich ihr Lachen höre. Und was soll ich sagen? Auch ihr Lachen berührt mich.

An ihrer Wange klebt eine feuchte Haarsträhne, die ich zur Seite streiche. Als meine Finger ihre Haut berühren, wird ihr Gesicht ernst und sie sieht mir in die Augen.