Wenn der rechte Rand regiert - Sally Lisa Starken - E-Book

Wenn der rechte Rand regiert E-Book

Sally Lisa Starken

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Beschreibung

Was, wenn der rechte Rand längst (mit)regiert?

Die bekannte Politikaufklärerin und Bestsellerautorin Sally Lisa Starken begibt sich auf eine investigative Reise durch Demokratien, die ins Wanken geraten sind: in die USA, wo die Wahrheit im Trump-Zeitalter zur Verhandlungssache wird, nach Polen, das zwischen Aufbruch und Rückschritt taumelt, und nach Italien, wo eine postfaschistische Regierung Normalität beansprucht.
Starken spricht mit Menschen, die bereits erleben, was es heißt, wenn demokratische Institutionen unter Druck stehen – und kommt zu einer beunruhigenden Erkenntnis: Autoritäre Strukturen festigen sich und beginnen Wirkung zu entfalten, lange bevor Mehrheiten ihnen zur demokratisch legitimierten Macht verholfen haben. Sie wirken in Sprache, Debatten und Strukturen – und verschieben Grenzen Stück für Stück.
Auch bei uns. Während die AfD in Umfragen führt und die Demokratie auch hierzulande ins Rutschen zu geraten droht, stellt sich die entscheidende Frage: Inwieweit können wir jetzt noch gegensteuern?
Dieses Buch gibt Antworten und zieht Lehren aus Entwicklungen anderer Länder, die ähnliche Erfahrungen bereits hinter sich haben. Denn: In welcher Welt wollen wir morgen aufwachen?

„Eine kluge, lebendige Erzählung, warum der autoritäre Umbau von Demokratien kein Naturgesetz ist. Und am Ende versteht man: Es liegt an uns. Sally Lisa Starken schreibt das Buch, das unsere Zeit braucht.“
Gilda Sahebi

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Seitenzahl: 483

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Zum Buch:

Politikaufklärerin und Bestsellerautorin Sally Lisa Starken begibt sich auf eine investigative Reise durch Demokratien, die ins Wanken geraten sind: in die USA, wo die Wahrheit im Trump-Zeitalter zur Verhandlungssache wird, nach Polen, das zwischen Aufbruch und Rückschritt taumelt, und nach Italien, wo eine postfaschistische Regierung Normalität beansprucht.

Starken spricht mit Menschen, die bereits erleben, was es heißt, wenn demokratische Institutionen unter Druck stehen – und kommt zu einer beunruhigenden Erkenntnis: Autoritäre Strukturen festigen sich und beginnen Wirkung zu entfalten, lange bevor Mehrheiten ihnen zur demokratisch legitimierten Macht verholfen haben. Sie wirken in Sprache, Debatten und Strukturen – und verschieben Grenzen Stück für Stück.

Auch bei uns. Während die AfD in Umfragen führt und die Demokratie auch hierzulande ins Rutschen zu geraten droht, stellt sich die entscheidende Frage: Inwieweit können wir jetzt noch gegensteuern?

Dieses Buch gibt Antworten und zieht Lehren aus Entwicklungen anderer Länder, die ähnliche Erfahrungen bereits hinter sich haben. Denn: In welcher Welt wollen wir morgen aufwachen?

Zur Autorin:

Sally Lisa Starken, geboren 1990, ist freie Journalistin, Autorin, Podcasterin und Content Creatorin. Mit Leidenschaft für politische Bildung macht sie komplexe Themen verständlich – ob vor der Kamera, auf Bühnen oder in sozialen Medien. Mit ihrem präzisen Blick auf gesellschaftliche und politische Dynamiken beleuchtet sie aktuelle Herausforderungen und als gefragte Stimme in der öffentlichen Debatte hat sie sich insbesondere mit den Themen Rechtsextremismus, -populismus, politische Proteste und soziale Ungerechtigkeit einen Namen gemacht. Ihr Ziel: Politik neu erzählen und zugänglicher machen, damit jede*r sie besser verstehen kann.

Auf Instagram und als Podcast-Host erklärt sie täglich Politik – aktuell in ihrem Format »Die Informantin«. Sie ist Autorin dreier Kinderbücher über Demokratie, Klimaschutz und Frieden. Bei Heyne erschien 2025 ihr Buch »Zu Besuch am rechten Rand«, das auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste stand.

Sally Lisa Starken

Wenn der rechte Rand regiert

USA, Italien, Polen – Deutschland: Demokratien am Kipppunkt?

Was wir jetzt für unsere Zukunft tun müssen

Wilhelm Heyne VerlagMünchen

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Originalausgabe 03/2026

Copyright © 2026 by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Redaktion: Matthias Auer

Umschlaggestaltung: Simon Franz & wilhelm typo grafisch unter Verwendung eines Fotos von © Daniel Dittus

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN 978-3-641-34196-1V001

www.heyne.de

Inhalt

Prolog Der Morgen danach

1. Kapitel Der Tag, an dem Trump wiedergewählt wurde

2. Kapitel Der globale Druck auf Demokratien

3. Kapitel Wie Demokratien kippen – vier Schauplätze der Erosion

4. Kapitel Polen – zwischen Aufbruch und Rückkehr

5. Kapitel USA – wenn Demokratie zur Kulisse wird

6. Kapitel Italien – die Normalisierung als Regierungsstil

7. Kapitel Das autoritäre Playbook

8. Kapitel Die AfD-Strategie für Deutschland – der Kulturkampf

9. Kapitel Deutschland – Bist du vorbereitet?

10. Kapitel Der Morgen danach – Wege für Deutschland

11. Kapitel Was, wenn wir nicht wegsehen?!

Dank

Quellenangaben

Für Margita.

Weil du geglaubt hast,

dass die Welt besser werden kann.

Für Gerd.

Mit dir über Politik zu diskutieren,

ist ein Geschenk, das bleibt.

PrologDer Morgen danach

Wie fühlt es sich an, wenn wir als Gesellschaft »am Morgen danach« aufwachen und merken, dass etwas nicht mehr stimmt? Wenn sich das politische Klima so deutlich verändert hat, dass vertraute Koordinaten nicht mehr passen? Wenn Parteien, die früher als radikal galten, jetzt als »normal« eingestuft werden – oder eben sogar als regierungsfähig? Wenn Rechtsextremismus bzw. Autoritarismus nicht mehr nur eine Wahlkampfrhetorik ist, sondern eine Regierungsstrategie?

Wenn wir in dieser Situation überrascht sind, haben wir zu lange weggeschaut. Zu leise gesprochen. Zu wenig hingehört.

So kippen Demokratien. Nicht plötzlich. Nicht mit einem großen Knall. Sondern langsam. Schritt für Schritt. Es beginnt nicht mit dem Bruch der Verfassung, sondern mit der Erosion von Vertrauen. In die Politik, in die Institutionen, in die Idee, dass das Gemeinsame überhaupt noch etwas zählt.

In meinem ersten Buch Zu Besuch am rechten Rand bin ich quer durch Deutschland gereist, um mit Menschen zu sprechen, die die AfD gewählt haben oder es zumindest vorhatten. Ich wollte ihre Beweggründe verstehen und nachvollziehen können, ab wann demokratische Kräfte den Kontakt zu ihnen verloren haben. Ich habe Menschen getroffen, die sich misstrauisch abwandten und zurückzogen, sich nach Sicherheit sehnten und diese bereitwillig fanden in zu einfachen Antworten auf die Komplexität unübersichtlicher werdender Zeiten.

Schon während der Recherchen zu diesem Buch wurde für mich unmittelbar spürbar, was sich vorher vor allem analytisch abgezeichnet hatte: dass viele der Erfahrungen, die mir Menschen aus ihrem Leben in Deutschland schilderten, in anderen Ländern auf ähnliche Weise zu konstatieren sind. In einigen dieser Länder ist eine solche Entwicklung nicht beim Protest stehen geblieben, sondern hat längst zu einem Machtwechsel geführt. Dort regiert der rechte Rand. Er ist nicht mehr nur Opposition, nicht mehr lautstarke Protestbewegung, sondern gestaltende Kraft in Regierungen. In Italien, in Ungarn, in Polen, in Argentinien oder seit Januar 2025 auch wieder in den USA. Deutschland ist also keine Ausnahme beim Rechtsruck, sondern sogar bislang eines der Schlusslichter in einer weltweiten Entwicklung von autoritär auftretenden Regierungen.

Ist das tröstlich? Zumindest lässt sich etwas Positives daraus ziehen. Ich denke, gerade dieser Umstand, so herausfordernd die Zeiten auch sind – zum Beispiel im Umgang mit der AfD –, kann eine Chance sein: Wir können beobachten, was andernorts geschieht, und daraus lernen. Die Erfahrungen in anderen Ländern sind keine universellen Muster – dafür sind ihre Geschichte und Gesellschaften zu verschieden. Und doch: Die grundsätzlichen Entwicklungen – der Aufstieg autoritärer Kräfte im internationalen Kontext – ähneln sich so sehr, dass wir daraus auch für uns drängende Fragen ableiten können: Was macht Demokratien heute so anfällig für autoritäre Beeinflussungen? Was passiert mit einer Demokratie, wenn autoritäre Kräfte an die Macht kommen, und was können wir aus internationalen Beispielen lernen, um diesen Entwicklungen in Deutschland entgegenzuwirken? Im Hinblick auf die extreme Rechte und gerade vor allem eben auf die AfD?

Im Kern geht es um die Frage, wie wir unsere Demokratie resilienter gegenüber dem Zugriff vom rechten Rand machen können, bevor es zu spät ist.

Autoritäre Bewegungen haben dort leichtes Spiel, wo Demokrat*innen zu spät oder gar nicht reagieren und wo die Geschwindigkeit politischer Verschiebungen unterschätzt wird. Was wäre also, wenn wir diesmal früher hinschauten? Wenn wir uns fragen würden, wie unsere Zukunft aussehen könnte, bevor wir sie aus der Hand geben? Wenn wir die Entwicklungen in anderen Ländern nicht nur mit Sorge betrachteten, sondern als Warnung? Oder – im besten Fall – als Anleitung für Veränderung?

Die Fragen, die sich in anderen Ländern längst gestellt haben, werden auch uns einholen. In manchen Fällen tun sie das schon. Die erneute Wahl von Donald Trump, der Aufstieg von Giorgia Meloni in Italien, der vorläufige Machtverlust und dann schließlich der wiederholte Aufschwung der rechtspopulistischen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) in Polen – all das sind keine isolierten Ereignisse. Es sind Anhaltspunkte für tiefer liegende gesellschaftliche Verschiebungen. Sie zeigen, wie autoritäre Narrative erst salonfähig, dann dominant werden. Wie Institutionen untergraben, Medien auf Ideologien ausgerichtet, Minderheitenrechte eingeschränkt werden können – und das alles oft unter dem Deckmantel demokratischer Prozesse. Sie zeigen aber auch: Noch ist nicht alles verloren. Es gibt Gegenbewegungen. Mutige Stimmen. Proteste. Neuanfänge. Und Entwicklungen zurück aus autoritären Strömungen. Nichts ist am Ende in Stein gemeißelt. Es gibt also Handlungsmöglichkeiten – oder?

Mit Neugier habe ich mich erneut auf den Weg gemacht. Diesmal nicht durch Deutschland, sondern hinaus in die Welt. In Länder, die bereits mit autoritärer Macht in Verantwortung zu kämpfen haben. In der Krise, in der Polarisierung, aber auch im Versuch der Erneuerung. USA. Italien. Polen. Drei Länder, drei Szenarien. Drei mögliche Blicke in unsere eigene Zukunft.

Dieses Buch fragt: Welchen Weg nehmen wir? Den der Spaltung und autoritären Normalisierung oder den der mühsamen, aber möglichen Korrektur? Ich will Antworten suchen. Nicht um Angst zu schüren, sondern um sichtbar zu machen, was gefährdet ist und was noch möglich.

Am Ende dieses Buches lade ich euch ein, mit mir mehrere mögliche Zukunftsbilder für unser Land zu betrachten: einen Weg in die Dystopie, in der demokratische Prinzipien ausgehöhlt werden – und einen in die Utopie, die aus Mut, Widerstandskraft und Erneuerung wächst. Beide Szenarien gewinnen Gestalt aus den Erfahrungen und Geschichten, die ich unterwegs gesammelt habe. Beide sind denkbar. Beide sind möglich. Und beide hängen davon ab, was wir heute tun – und was wir nicht tun. Denn der Blick in andere Länder zeigt nicht nur, was schiefgehen kann. Er zeigt auch, was möglich ist.

Wir leben in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen – ökonomisch, technologisch, gesellschaftlich und geopolitisch. Verunsicherung schafft Orientierungslosigkeit, einfache Antworten wirken verlockend. Dabei bieten diejenigen mit einfachen Antworten oft nur Rezepte aus der Vergangenheit an, die heute nicht mehr schmecken. Nie zuvor hatten wir mehr Möglichkeiten: mehr Wissen, mehr Teilhabe, mehr Verbindung. Warum also nicht gestalten, statt sich zu fürchten?

Dieses Buch ist Einladung und Anstoß, unsere eigene Demokratie in Deutschland neu zu denken und zu erkennen, was wir jetzt noch verändern und gestalten können. Wie wir konkret eine in großen Teilen rechtsextreme Partei wie die AfD stoppen können.

Denn wenn wir eines sicher wissen: Der Morgen nach der Wahl kommt.

Die Frage ist nur: In welcher Welt wollen wir dann aufwachen?

1. KapitelDer Tag, an dem Trump wiedergewählt wurde

Ich bin buchstäblich auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Es ist der 6.November 2024, 4 Uhr morgens Ortszeit in Mooresville, North Carolina. Auf CNN sehe ich, wie Trump zum Mikrofon stolziert, um sich als Wahlsieger feiern zu lassen, hinter ihm seine Familie und Wegbegleiter: »Sehen Sie, was passierte, ist das nicht verrückt? Dies ist ein neuer Anfang. Wir werden unserem Land helfen zu heilen. Wir schreiben heute Abend aus einem bestimmten Grund Geschichte.« Auf seinem Rednerpult steht in großen Lettern »Trump will fix it« (Trump wird es in Ordnung bringen). Über ihm ein großes Banner mit der Aufschrift »Dream Big Again« (Träume wieder groß).

Ich sinke auf den Teppichboden hinunter, lasse meinen Kopf gegen das Sofa hinter mir fallen und schaue ungläubig und stumm auf den Fernseher. Er hängt in einem Wohnzimmer eines schönen Einfamilienhauses in Mooresville bei Charlotte in North Carolina. In der linken Hand halte ich mein Handy, das ununterbrochen klingelt. Es sind Kolleg*innen, die anrufen und hören wollen, wie es sich anfühle, mittendrin zu sein, und nach meiner Einschätzung fragen, wie es ab hier weitergehe. Sie wissen, dass ich hier bin, um zu beobachten, zu verstehen und zu berichten.

In der rechten Hand halte ich meinen Laptop, auf dem ich acht Tabs verschiedener amerikanischer Nachrichtenplattformen geöffnet habe. Ich verfolge live, wie Kommentator*innen versuchen, die Lage zu erklären. Von überall erklingt Trumps Stimme, eine jubelnde Menge, überraschte Nachrichtensprecher*innen. Und ich sitze hier in meinem geblümten Schlafanzug und denke, dass es für diesen Moment keine Erklärung gibt, die uns wirklich helfen würde.

Ich denke an die Gespräche in Deutschland – an hitzige Talkshows mit AfD-Gästen, empörte Headlines, an die Erschöpfung vieler, die für Demokratie kämpfen. Und ich weiß: Diese Wahl hier in den USA wird auch für uns in Europa nicht folgenlos bleiben. Ein zweites Mal Trump – das ist mehr als eine außenpolitische Zäsur. Es ist ein globales Signal an autoritäre Kräfte, dass sie mit Lügen, Hass und Spaltung gewinnen können. Wenn in den USA ein Mann wiedergewählt wird, der seine Abwahl nie anerkannt hat, der Institutionen offen angreift und eine Bewegung hinter sich versammelt, die Demokratie nur gelten lässt, wenn sie selbst gewinnt – dann zeigt das, wie rasch demokratische Regeln überall zur Verhandlungsmasse werden können, wenn wir sie nicht entschlossen verteidigen.

Und genau diese Augenblicke, in denen Demokratie auf dem Prüfstand steht, sind es, an die man sich immer erinnern wird. Wie hast du dich gefühlt, als du am Morgen nach dem Brexit aufgewacht bist? Als der Ukrainekrieg ausbrach, als Trump das erste Mal gewählt wurde? Als die AfD die größte Oppositionskraft in Deutschland wurde? Vielleicht hast du noch vor Augen, was du in diesen Momenten getan oder gedacht hast. Bei mir ist es so.

Und nun ereignet sich so ein Augenblick hier in dieser äußerst ordentlichen Vorstadtsiedlung im Swing State North Carolina. Die Welt gerät aus den Fugen. Hier, wo der Rasen akkurat auf die gleiche Länge gemäht wird, als hätte es eine Anweisung dafür gegeben. Die Einfahrten frisch gekehrt, jede Mülltonne steht an ihrem Platz. Am nächsten Morgen wird hier alles seinen gewohnten Gang gehen. SUVs rollen aus den Garagen, Kinder in Schuluniformen steigen mit Rucksäcken auf den Rücksitz, Eltern winken sich gegenseitig zu, bevor sie zur Arbeit fahren.

Es wird alles normal wirken. Wären da nicht die Flaggen im Vorgarten oder die Aufkleber auf den Heckscheiben, die zeigen, dass dieses Land gespaltener Meinung ist: Das Haus am Ende der Straße mit »Make America Great Again« über dem Eingang – in geschwungenen goldenen Lettern – und direkt daneben das Nachbarhaus, vor dem ein leicht verblasstes »Biden Harris 2020«-Schild schief in der Erde steckt. Auf der einen Seite gibt es Menschen, die Trump als ihren Helden feiern, auf der anderen Seite solche, die an Kamala Harris geglaubt haben, die erste Schwarze Frau, die für das Präsident*innenamt kandidiert hat und sich nicht gegen Trump durchsetzen konnte.

Alles wirkt ruhig an diesem Morgen in der Nachbarschaft.

Aber eigentlich ist gerade nichts wirklich stabil.

Nirgendwo auf der Welt. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Da ist sie wieder.

Trump liebt dich

Zwei Wochen zuvor. Ich sitze im Flieger Richtung North Carolina. Vor einigen Stunden habe ich mich von meinem Partner am Flughafen verabschiedet und bin nun allein auf dieser Reise. Für drei Wochen besuche ich Freundinnen, die mit ihren beiden Kindern in Mooresville bei Charlotte wohnen. Ich möchte in ihren Lebensalltag eintauchen, erleben, wie sich der gesellschaftliche und politische Ausnahmezustand in den USA ganz konkret anfühlt – und was es heißt, sich möglicherweise einem historischen Wendepunkt dieser Demokratie zu nähern.

Die überraschende Kandidatur der damals knapp 60 Jahre jungen amtierenden Vizepräsidentin Kamala Harris als demokratische Präsidentschaftskandidatin im Sommer 2024 rückte die Frage nach einem politischen Neuanfang in den USA weltweit ins Zentrum – und löste auch in Deutschland großes Medienecho aus. Die ersten Reaktionen in den deutschen Leitmedien waren von Hoffnung und Sympathie geprägt. Harris’ Nominierung wurde vielfach als Signal der Erneuerung und als »Chance für die Demokratie« interpretiert. Eine Frau, die sich gegen Trump wirklich durchsetzen könnte.1

In Umfragen wurde diese Stimmung deutlich bestätigt: Laut Daten des ARD-DeutschlandTrends hätten drei Viertel der Deutschen für Harris gestimmt.2 Ihre Kandidatur wurde als gesellschaftlicher »Erdrutsch«3 bezeichnet und in vielen Leitartikeln als historische Zäsur4 eingestuft – war sie doch die erste Frau und erste Person of Color mit realistischen Chancen auf das Präsidentenamt.5

Doch im Verlauf des Wahlkampfs änderte sich der Tonfall. Und mit zunehmender Polarisierung in den USA wurde auch in den deutschen Medien immer öfter Skepsis laut. Während der Wahlkampf im Juli und August vielfach optimistisch begleitet wurde, berichteten Redaktionen ab Herbst wiederholt über Harris’ sinkende Chancen gegen Trump.6

Während ich hoch über den Wolken im Flugzeug sitze, kommen mir die Gespräche der vergangenen Wochen in den Sinn. Mit Freund*innen, die meinten: »Hoffentlich gewinnt Harris.« Und dann, leiser: »Aber ehrlich gesagt glaube ich nicht daran.« Mit Kolleg*innen, die von Trump sprachen wie von einer Naturkatastrophe. Es war spürbar, wie sich die Stimmung drehte.

Wie das passieren konnte, hängt viel mit den politischen Ereignissen vor der Wahl zusammen, die wir uns an dieser Stelle zur besseren Einordnung anschauen sollten:

Schon zu Beginn des Wahlkampfs 2024 stand Präsident Joe Biden mit 81 Jahren als ältester amtierender Präsident in der Geschichte der USA im Fokus. Alters- und Gesundheitsfragen dominierten die Debatte um seine Kandidatur – besonders nach einem schwachen TV-Duell mit Trump auf CNN Ende Juni 2024. Bidens zögernde Antworten, sein unsicherer Blick, Sprachfehler und der Eindruck, er sei gar nicht richtig anwesend, wurden von Medien und Öffentlichkeit aufgenommen.7 Biden wirkte wie ein leichtes Opfer Trumps, der Biden – ungeachtet seines eigenen Alters von damals 78 Jahren – immer wieder gezielt angriff: »Ich glaube nicht, dass er weiß, was er gesagt hat.«8

Donald Trump nutzte Bidens Schwäche auch zuvor schon strategisch – in Kampagnenvideos, Postings auf seiner eigenen Plattform Truth Social und in Reden, wie zum Beispiel einige Monate zuvor auf einer Rally in Pennsylvania: »Ich denke nicht, dass er weiß, dass er am Leben ist.«9

Auf großen Druck aus seinen eigenen Reihen zog Joe Biden seine Kandidatur schließlich am 21.Juli 2024 zurück und sprach Kamala Harris seine Unterstützung aus,10 die auf dem Nominierungsparteitag der Demokraten im August 2024 dann offiziell zur Kandidatin für das höchste Amt bestimmt wurde.11 Die damalige Vizepräsidentin stellte ein neues Wahlkampfteam zusammen und präsentierte eine Agenda, die bezahlbaren Wohnraum, Preiskontrolle bei Medikamenten, Unterstützung für Familien, Schutz des Rechts auf Schwangerschaftsabbruch sowie Investitionen in Klimaschutz in den Mittelpunkt rückte.12

Doch auch Harris wurde zum Ziel persönlicher, teils rassistischer Angriffe. Ende September sagte Trump auf einer Rally, sie sei »geistig beeinträchtigt geboren«,13 vor der nationalen Vereinigung Schwarzer Journalisten in Chicago stellte er ihre afroamerikanische Identität infrage.14 Eine Aussage, die zu der Zeit ein zweites Mal viral ging, war die des Republikaners J.D. Vance, der neben Trump als Vizepräsident kandidierte: Er hatte bereits 2021 geäußert, die Demokraten seien ein Haufen »childless cat ladies« (kinderlose Katzenfrauen), die ein miserables Leben führen würden.15 Später führte dieser Kommentar zu einem popkulturellen Moment, als sich Taylor Swift mit ihrer Katze auf dem Arm in den sozialen Medien zeigte und sich für Kamala Harris aussprach.16

Der Wahlkampf der Republikaner verlagerte sich zunehmend auf eine persönliche, teils inhaltsleere Ebene, geprägt von Attacken und Symbolpolitik.17 Die Demokraten rund um Harris konterten mit Witz, Fassung und positivem Agenda Setting. Ein besonders prägnantes Beispiel war Harris’ Wahlkampfslogan »Freedom«, der von der gleichnamigen Hymne der US-Sängerin Beyoncé begleitet wurde. Beyoncé erlaubte nicht nur die Nutzung des Songs, sondern unterstützte Harris auch öffentlich – eine kraftvolle Botschaft. Der Ruf nach Freiheit, das Abstreifen von Ketten, das Aufstehen gegen Unterdrückung: Passender hätte die musikalische Untermalung kaum sein können.18

Zum eigentlichen Wendepunkt des Wahlkampfs war es allerdings schon am 13.Juli bei einer Trump-Rally in Butler, Pennsylvania, gekommen: Ein Schütze gab vom Dach eines nahe gelegenen Gebäudes acht Schüsse auf Trump ab, verletzte ihn am Ohr und tötete einen Zuschauer. Weitere erlitten Verletzungen, und schließlich wurde der Schütze selbst vom Secret Service erschossen.19 Das Bild des blutverschmierten Trump mit erhobener Faust, das direkt nach der Tat entstand, wurde sofort zum Kampagnensymbol. In einem Video sieht man, wie er dabei ruft: »Fight, fight, fight!« (Kämpft, kämpft, kämpft!)20

Trump positionierte sich damit selbst als Kämpfer für die Sache seiner Anhänger*innen, den man nicht stürzen kann, und schuf ein weiteres Sinnbild für seinen Kampfgeist und die »Wir gegen die«-Mentalität.

Eine Woche später inszenierte er sich als Verteidiger der Demokratie: »Ich habe eine Kugel für die Demokratie eingesteckt.«21 In der Folge solidarisierten sich viele Republikaner*innen mit ihm durch das Tragen eines Verbands am Ohr22, stilisierten Trump zum Helden und bisweilen sogar zum Messias. Einige weiße Evangelikale waren sich sicher: Trump sei der Auserwählte, der das Böse in den USA bekämpfe, er werde von Gott beschützt.23

Dazu muss man wissen: Evangelikale Christen, insbesondere weiße Evangelikale, bilden seit 2016 die mit Abstand wichtigste und treueste Wählergruppe von Donald Trump.24 Trotz seiner offen säkularen Lebensweise, mehreren Scheidungen und öffentlichen Skandalen25 erhielt Trump bei allen Wahlen seit 2016 zwischen 77 und 82% der Stimmen dieser Gruppe.26 Man könnte fast sagen, die Verbindung ist eine strategische Allianz, denn Trump versprach, ihre ultrakonservativen Werte wie den Schutz des ungeborenen Lebens und die Einschränkung des Abtreibungsrechts sowie die ultrarechte Besetzung des Supreme Courts voranzutreiben.27 Im Gegenzug bekommt er ihre Stimmen, und seine »göttliche Mission« überstrahlt damit jeden seiner Fehltritte.

Nach dem Anschlag auf Donald Trump wurden Wut und Empörung noch stärker zu politischen Ressourcen; statt differenzierter Analysen bestimmte Trump mit einfachen Schlagworten den Diskurs. Einfache Schuldzuweisungen – Einwanderer, Demokraten, Medien – ersetzten die Analyse der komplexen Wirklichkeit. Die Grenzen wurden gezogen zwischen »wir« und »die«, ein bekanntes Muster rechtsextremer und autoritärer Bewegungen. In Kapitel 3 werden wir näher darauf eingehen.

Viele von Trumps Anhänger*innen schätzten gerade seine emotionale Art, zu sprechen. Sie fühlten sich in ihrer Wut und ihrem Frust verstanden. Die Debatte wurde lauter, absurder und nicht differenzierter. Der Wahlkampf zeigte, wie schwer sich Fakten gegen Gefühle durchsetzen und wie erfolgreich populistische Emotionalisierung sein kann.

Ein Beispiel dafür lieferte Trumps Aussage beim ersten TV-Duell gegen Harris am 10.September 2024: »In Springfield essen die Menschen Hunde. Die Menschen, die ins Land kommen, essen Katzen. Sie essen die Haustiere der Menschen, die dort leben.«28

Diese Behauptung wurde durch lokale Behörden und überregionale Medien wie USA Today, Reuters, die BBC und die New York Times als komplett haltlos und rassistisch widerlegt29, und doch setzte sich dieses Narrativ in den Köpfen so fest, dass auch wir dieses Zitat aus dem Stegreif noch in Jahren Trump zuordnen können und die viral gegangenen Songs, die daraus gemacht worden sind, in unseren Köpfen hören werden. Als Soundtrack eines Wahlkampfs, der nicht über Inhalte, sondern über Erregung und Identitäten geführt wurde.

Mit Gedanken wie diesen im Gepäck sitze ich also im Flugzeug nach North Carolina, um die Wahl selbst zumindest zeitweise live beobachten zu können. Um genau diese Wahl hautnah mitzuerleben. Ich will verstehen, was da unter der Oberfläche brodelt. Und ob das, was dort geschieht, auch Europas Zukunft und unsere in Deutschland vorzeichnet. Diese Wahl ist mehr als eine innenpolitische Entscheidung. Sie ist ein Seismograf für den Zustand der westlichen Demokratie.

So ganz fremd – und das verursacht bei mir ein Gefühl des Unwohlseins – ist uns die Entwicklung auch in Deutschland nicht. Auch hier erlebe ich, wie leichtfertig inzwischen mit autoritären Positionen gespielt wird. Wenn ein diffuses Sicherheitsgefühl zunehmend über individuelle Freiheit gestellt wird. Wenn der Ton schärfer wird – nicht nur bei der AfD, sondern auch in der sogenannten politischen Mitte: »Müsste nicht endlich wieder das deutsche Volk, die deutsche Politik selber entscheiden können, ob, wie viel und wer kommt? [sic]«30 – Markus Söder, Ministerpräsident aus Bayern. Oder: »Die Leute haben die Schnauze voll davon, dass dieser Staat möglicherweise die Kontrolle verloren hat bei Einwanderung und Asyl.«31 – Christian Lindner, ehemaliger Bundesfinanzminister. Migration als zentrales politisches Thema im Herbst 2024 (und darüber hinaus) – ausgelöst unter anderem durch das Attentat von Solingen, befeuert durch die Migrationsforderungen der AfD und verschärft durch deren Übernahme durch andere demokratische Kräfte. Plötzlich war ständig und überall von »mehr Grenzkontrollen« die Rede, von »gesunder Härte«, von »Grenzen der Toleranz«. Als ob es normal wäre, wurde über »notwendige Härte« oder gar einen »gesunden Nationalismus« gesprochen.32

Politiker*innen der politischen Mitte glaubten, man könne autoritäre Kräfte kontrollieren, für sich nutzen und später wieder loswerden. Vielleicht ein Fehler; vielleicht aber sind wir mitten in einer Entwicklung, die wir bislang für unmöglich hielten: Was, wenn das autoritäre Zeitalter längst begonnen hat?

Die Beantwortung dieser Frage ist für mich ein weiterer Grund für dieses Buch und vor allem, diese Reise anzutreten. Denn um zu verstehen, warum die Dynamik in den USA global bedeutsam ist, reicht der Blick auf das eigene Land nicht aus. Die USA stehen im Zentrum eines weltweiten Wandels. Die liberale Demokratie galt lange als Vorbild, doch heute verschiebt sich das Machtgefüge. Die Politikwissenschaftler Alexander Cooley und Alexander Dukalskis sprechen in einem Artikel der Zeit darüber wie folgt: »Wir erleben eine Zeitenwende. Autoritäre Regime treten heute mit einem neuen Selbstbewusstsein auf.«33 Während Demokratien sich in endlos erscheinenden Krisen verheddern, von sozialen Spannungen über Wirtschaftskrisen bis hin zu den Auswirkungen globaler Digitalisierung, präsentieren sich Autokratien nach außen modern, effizient, souverän.34

Frühere Annahmen, Demokratie würde sich im Zuge der Globalisierung fast automatisch verbreiten, haben sich nicht bestätigt. Vielmehr haben Autokraten gelernt, sich zu behaupten und zu modernisieren – und demokratischen Regierungen zugleich die Narrative zu entreißen: Sie inszenieren Kontrolle, Durchsetzungsfähigkeit; sie diffamieren demokratische Grundmechanismen wie Pressefreiheit oder unabhängige Justiz – und verkehren sie in ihr Gegenteil: erklären sie zu Hindernissen für echte Führungsstärke.35

Das Entscheidende für unsere Geschichte: Wenn die Demokratie in den USA gefährdet ist, dann drohen globale Kipppunkte. Dukalskis warnt: »Wenn dort die freiheitlichen Institutionen versagen, hätte das weltweite Folgen. Dann würde die liberale Ordnung, wie wir sie kennen, schlicht zerbrechen.«36 Das gesamte bislang werteorientierte internationale System geriete ins Rutschen. Die USA fungieren als globales Vorbild; ihr Bröckeln, ihr möglicher demokratischer Kollaps wären nicht bloß ein amerikanisches Problem, sondern ein Signal an Autokraten weltweit – verbunden mit der Einladung: Wer lügt, spaltet, die Presse und den Rechtsstaat angreift, kann erfolgreich sein.

Angesichts dieser Erosion der liberalen Ordnung fragen sich Politolog*innen und Historiker*innen, wie lange die Demokratie dem globalen autoritären Wandel noch wird entgegentreten können. Die Zusammenfassung der gegenwärtigen Trends ist dabei eindeutig: Das Jahr 2024 mit der Wahl Trumps markiert laut vielen Analysen einen historischen Wendepunkt – der Politikwissenschaftler Ulrich Menzel beschreibt es als Übergang vom »liberalen amerikanischen Jahrhundert zum autoritären chinesischen Jahrhundert«, geprägt durch eine Rückkehr der Anarchie und Machtpolitik, in dem liberale Ordnungsmuster zunehmend zerbröseln und autoritäre Alternativen Normalität werden.37

Im Westen, insbesondere in Deutschland, bleibt die Entwicklung keineswegs folgenlos. Der führende Soziologe Wilhelm Heitmeyer – Leser*innen meines ersten Buches Zu Besuch am rechten Rand erinnern sich – hat schon früh auf die »Mentalitätsverschiebung« hingewiesen, die seit der Finanzkrise 2008/09 zu einer stärkeren Akzeptanz autoritär-nationalradikaler Positionen geführt habe. Und zwar nicht nur am äußeren Rand, sondern im Kern der Gesellschaft. Heitmeyer spricht von »autoritären Versuchungen«, die durch das Gefühl wachsender Kontrollverluste und sozialer Abstiegserfahrungen in der globalisierten Welt befeuert würden. Die Radikalisierung rechtspopulistischer Bewegungen in Deutschland und Europa ist oft weniger ein plötzlicher Bruch, sondern die logische Fortsetzung dieser schleichenden Prozesse.

Und: Das vermeintliche »Verschwinden des Autoritären« sei ein Mythos. Die gesellschaftlichen Prozesse hin zu autoritär-nationaler Politik reichten deutlich tiefer, seien an wirtschaftliche und soziale Wandlungsprozesse gekoppelt und würden durch internationale Unsicherheiten zusätzlich befeuert.38

An dieser Stelle halte ich inne. Der Anfang ist gemacht, die zentralen Fragen sind umrissen. Jetzt beginnt der wichtigere Teil: raus aus der Analyse, hinein in den Alltag. Dort, wo Politik keine Theorie ist, sondern Erfahrung. Wo sich das Vertrauen in Demokratie, Institutionen und die eigene Zukunft konkret entscheidet: Ich reise in die USA.

Für meine Recherchen habe ich bewusst North Carolina gewählt. Nicht nur, weil meine Freundinnen dort wohnen, sondern auch, weil der Bundesstaat exemplarisch für die politischen Bruchlinien Amerikas steht und hier jede Wahl zur Nagelprobe wird: Mal entscheidet sich die Mehrheit für die Demokrat*innen, mal für die Republikaner*innen. Das macht North Carolina zu einem echten Swing State – einem Ort, an dem die politische Zukunft des Landes immer wieder neu verhandelt wird. Hier verlaufen die gesellschaftlichen Gräben nicht am Rand, sondern mitten durch Städte, Dörfer und Familien.

Das Flugzeug landet. Ich schalte mein Handy ein, und es piept sofort. Eine Push-Nachricht leuchtet auf: »This text is not for everyone. You’re getting it because i love you, Sally Lisa.« Der Absender: Donald Trump.

Was man vom Vorgarten aus sehen kann

Vom Flughafen in Charlotte bis nach Mooresville sind es etwa 30 Minuten Fahrt. Ich sitze neben meiner Freundin Svenja in ihrem grauen SUV und lasse den Blick aus dem Fenster schweifen. Trumps »Dream Big Again« (Träume wieder groß) und Harris’ »We are not going back« (Wir gehen nicht zurück) in XXL-Format flankieren die Bundesstraße, ein Reigen politischer Gegensätze auf großen Werbetafeln. Wir nehmen die Ausfahrt, und der Weg führt uns durch weitläufige Vororte. Niedrige Häuser mit Veranden direkt an der Straße, in jeder Einfahrt Pick-ups und Limousinen, Stars and Stripes an den Türpfosten, amerikanische Flaggen an Haustüren. In den Vorgärten stecken Campaign Signs, die unmissverständlich zeigen, wer in diesem Haus gewählt wird.

Vor meiner Reise sagte jemand zu mir, in North Carolina gebe es mehr Kirchen als Wohnhäuser. Ein Provinzmythos, dachte ich. Doch jetzt, mit jeder Kreuzung, an der ein weiteres Kirchenschiff aufragt, beginne ich an meiner Einschätzung zu zweifeln.

Es ist Ende Oktober, Halloween liegt in der Luft. Ein Totenkopf lehnt sich provokant an Trumps Konterfei im Vorgarten eines Einfamilienhauses. Vor der Highschool parken die gelben Schulbusse, und ein Banner kündigt den bevorstehenden Herbstball an. Hier biegen wir in unsere Wohnsiedlung ein, mein Zuhause für die nächsten Wochen. Die Einfamilienhäuser mit gepflegten Vorgärten und großzügigen Garagen sind in Form einer Acht angeordnet.

Eine der Garagen öffnet sich, zwei Golden Retriever stürmen auf uns zu und begrüßen uns freudig. Ich steige aus und habe das Gefühl, mir in den Arm kneifen zu müssen. Es wirkt wie ein Werbespot aus den 1950ern. Die Hunde, weiße Zäune, die Häuser aufgeräumt wie die Leben darin. Amerikanische Suburbs, gebaut für die Vorstellung von Sicherheit, Familie und der unausgesprochenen Ordnung, wer dazugehört und wer nicht. Eine Vorstadt-Utopie, die meist nur Fassade ist. Ein amerikanisches Versprechen ohne Fundament?

Es ist nicht mein erster Besuch bei Svenja. Wir kennen uns schon lange aus Bielefeld, wo wir beide aufgewachsen sind. Wir haben uns nie wirklich aus den Augen verloren. Auch jetzt, über Kontinente hinweg, telefonieren wir regelmäßig, wir sprechen über den Alltag und darüber, was uns bewegt. Vor ein paar Jahren hat Svenja die US-Amerikanerin Sarah kennengelernt, die beiden haben sich verliebt, heirateten, und Svenja wanderte in die USA aus. Vor Kurzem sind sie mit ihren zwei Kindern und den Golden Retrievern von Kalifornien nach North Carolina gezogen.

Seitdem sprechen wir oft darüber, wie es ist, als queere Familie in einer amerikanischen Vorstadt zu wohnen, in einem konservativen, politisch aufgeladenen Bundesstaat. Was hat sich verändert, was blieb gleich? Was bedeutet es, mittendrin zu leben, in einem Land, das sich neu formiert?

Nun tauche ich in ihren Alltag ein, in ihre Routinen und in die politische Realität, die sie erleben.

Aber vielleicht sollte ich zuallererst meinen Jetlag ausschlafen. Morgen, so denke ich, blicke ich genauer hinter die Filmkulisse der gepflegten Hecken und sauberen Einfahrten und frage, was diesen amerikanischen Traum heute tatsächlich noch zusammenhält.

Roadtrip Rally

»Was willst du heute als Erstes unternehmen?« Meine Freundin Svenja schaut mich über ihre dampfende Kaffeetasse hinweg am nächsten Morgen neugierig an. Während ich noch überlege, piept schon wieder mein Handy, eine weitere Nachricht vom Trump-Wahlkampfteam. Seit wir uns zu den Rallys angemeldet haben, reißt der Strom nicht ab: »Wir lieben dich«, »Amerika braucht dich heute Abend«, »Sei Teil der Geschichte«. Es wirkt wie ein minutiös getaktetes Begeisterungsorchester. Man wird Teil einer Zielgruppe, die keine Pause bekommt.

Svenja zuckt grinsend mit den Schultern. »Denk nur dran, dass heute Abend die Halloweenparty in der Nachbarschaft stattfindet, dein Dinokostüm liegt schon bereit.« Als wäre es das Normalste der Welt, sich als Velociraptor durch amerikanische Vorgärten zu schleichen. Aber gut. Bevor ich mich verkleide, sehen wir uns jedoch erst Trump an. Wie sagt man so schön: ein Spaß nach dem anderen.

Nachdem wir eine Runde mit den Hunden gedreht, ein Kind in den Kindergarten gebracht und ein weiteres Svenjas Frau Sarah übergeben haben, packt meine Freundin Snacks, Wasserflaschen und einen faltbaren Campingstuhl ein, »für den Fall, dass es dauert«. Ich greife mir einen Coffee to go, steige ins Auto und spüre eine merkwürdige Mischung aus Aufregung und Beklommenheit.

Schon bei meinem letzten Besuch in den USA hatte ich das Gefühl, die spannendsten Erlebnisse fänden vom Beifahrersitz aus statt. Fenster runter, Kopf raus und gucken. Häuser, Vorgärten, Menschen. Ihre Routinen, ihre Träume. Wie sie leben und was sie dafür brauchen – oft vor allem: ein Auto.

Unsere Rally heute, so nennt man die großen Wahlkampfveranstaltungen, bei denen die Kandidat*innen zu ihren Wähler*innen sprechen, findet in Gastonia, North Carolina, statt, nicht weit entfernt, vorbei am idyllisch glitzernden Lake Norman.

»Welcome to the show«, murmelt Svenja, betätigt den Blinker und biegt auf den großen Parkplatz eines Einkaufscenters ein.

Die Rally der Republikaner ist wie ein großes Konzert organisiert. Man parkt auf einem etwas abgelegenen Parkplatz und wird dann mit einem Shuttle zum Veranstaltungsort gebracht. Wir ergattern einen der letzten Parkplätze und machen uns auf den Weg zu den Bussen, vorbei an Ständen mit Trump-Souvenirs: kleine Trump-Figuren, Handtücher, T-Shirts, Aufkleber, Bilder von Trump, Trump-Badeenten, Fahnen und Hüte. Einige der aufgedruckten Botschaften stechen besonders heraus: »Jesus ist mein Retter. Trump ist mein Präsident.« Oder: »Frauen für Trump«. Und dann eben die bekannte rote »MAGA«-Baseballcap (Make America Great Again). Ich nehme eine der Caps hoch, drehe sie in den Händen und entdecke an der Seite einen weiteren Aufdruck »45 – 47«.

Ein Code, der sich auf allen diesen Mützen wiederfindet, auch auf denen, die Trump selbst trägt. Die Frage, was er bedeutet, lässt sich einfach beantworten: Trump war von 2017 bis 2021 der 45. Präsident der USA und möchte nun der 47. Präsident werden. Nur befindet sich zwischen den Zahlen auf der Mütze kein »und«, sondern ein Bindestrich. Die erste Verschwörung des Tages, und bei Weitem nicht die letzte.39

Donald Trump hält auch Jahre nach der US-Präsidentschaftswahl 2020 an der widerlegten Behauptung fest, ihm sei der Sieg durch massiven Wahlbetrug »gestohlen« worden. Er verbreitete diese Narrative in Reden, Interviews und auf Social Media40 und beflügelte damit eine Bewegung, die das Wahlergebnis bis heute infrage stellt.41 Trotz mehr als 60 erfolgloser Gerichtsverfahren, ausgiebiger Nachzählungen und wiederholter Bestätigungen durch republikanische und demokratische Wahlleiter, dass die Wahl des Demokraten Joe Biden im Jahr 2020 korrekt und ohne systematischen Betrug abgelaufen sei42, setzt Trump unablässig die Behauptung in die Welt, er sei »der wahre Präsident« geblieben – und damit eben nicht nur der 45., sondern auch der 46. und bald der 47.

Diese als »The Big Lie« (Die große Lüge) bekannte Erzählung43 wurde schon 2016 zum Kern der Mobilisierung seiner Anhänger*innen, denn auch dort sprach Trump bereits davon, dass Millionen von Menschen Hillary Clinton mit einer »illegalen« Stimme gewählt hätten.44 Die Auswirkungen seiner Desinformationskampagne wurden besonders deutlich am 6.Januar 2021, als Trump zu der Protestversammlung »Save America March« aufrief. Diese sollte sich gegen die offizielle Anerkennung des Wahlergebnisses von Biden an diesem Tag im Kongress aussprechen. In seiner Rede sprach er erneut von einer »gestohlenen Wahl«,45 forderte seine Anhänger auf, zum Kapitol zu gehen und gegen seine Abwahl zu protestieren: »Ich weiß, dass alle hier bald zum Kapitol marschieren werden. Um friedlich und patriotisch ihre Stimme zu erheben. Wir werden niemals aufgeben, wir werden niemals nachgeben.«46

Die Folge war der beispiellose Sturm auf das Herz der amerikanischen Demokratie: Hunderte drangen gewaltsam ins Kapitol ein, um die Bestätigung des Wahlsiegs von Joe Biden zu verhindern.47 Trump selbst stellte diesen Gewaltakt mit Todesfolge für fünf Menschen später als patriotischen Protest dar und weigerte sich, die eigenen Unterstützer klar zu verurteilen.48

Bis heute ist das Motiv der »gestohlenen Wahl« fester Bestandteil von Trumps politischen Auftritten, so auch im Wahlkampf 2024. Allein mit der kleinen Zahlenfolge »45 – 47« auf der Seite seiner so bekannten MAGA-Baseballcaps stellt er die Legitimität demokratischer Prozesse infrage und präsentiert sich und seine Bewegung als eigentlich rechtmäßige Repräsentanten des »wahren Amerika«.

Sachlich betrachtet wurden sämtliche Vorwürfe der Wahlmanipulation von Gerichten, der Presse und internationalen Wahlbeobachtern widerlegt. Dennoch ist das Misstrauen, das durch die ständige Wiederholung der »Big Lie« gesät wurde, längst zu einem zentralen Faktor der politischen Spaltung der USA und Teil der Identitätsbildung der Trump-Wähler*innen geworden. Sie glauben: Nur Trump könne man noch vertrauen, denn er spreche die Wahrheit aus, weil die anderen ihn delegitimieren wollten. Verkehrte Welt.

Mit diesen Gedanken steigen Svenja und ich in den Shuttlebus, der uns zum Venue bringen soll. Er ist voll besetzt, und viele Passagiere haben sich am Souvenirstand munter eingedeckt. Vorn im Bus steht eine Frau mit einer »Women for Trump«-Cap und fragt, wer das erste Mal auf einer Trump-Rally sei. Wer sich meldet, bekommt Applaus – ein einfaches Bekenntnisritual, das sofort Zugehörigkeit herstellt.

Svenja rutscht derweil immer tiefer in ihren Sitz und schaut mich an, als würde sie mir sagen wollen: »Auf einer Skala von 1 bis 10 – wie gut findest du deine Idee, dass wir jetzt hier sind?« Ich kann es ihr nicht verübeln.

Nach zehn Minuten Fahrt kommen wir an einem regionalen Flughafen an, der heute als Veranstaltungsort dienen wird. Auch hier wieder Souvenirstände, so weit das Auge reicht, und eine Schlange zum Einlass, derart lang, dass sie sich scheinbar durch ein ganzes Wohngebiet zu winden scheint.

Bis zur Ankunft Trumps sind es noch gut zwei Stunden. Wir stellen uns ebenfalls an. Die Menschen um uns herum jubeln sich gegenseitig zu, klatschen sich ab und feiern ihre Outfits.

Anscheinend haben hier alle außer uns eine richtig gute Zeit. Vor uns läuft ein Mann, Mitte dreißig, mit kurzen braunen Haaren und schmaler Figur. Seine Brille rutscht leicht auf der Nase, auf seinem schwarzen T-Shirt prangt unübersehbar: »Trump 2024«. Er erzählt, dass er Polizist sei, schon bei vielen Rallys von Trump gewesen sei und es kaum erwarten könne, ihn wiederzusehen. Er habe heute Morgen zu seiner Frau gesagt, er müsse hier heute unbedingt noch mal hin: »Ich meinte zu ihr: ›Entschuldigung, kann ich Trump bitte noch einmal sehen?‹ Ich will Trump sehen, ich will ihn nicht nur hören, ich will ihn sehen.« Er scheint tief beeindruckt zu sein. Seine Frau steht neben ihm und nickt zustimmend.

Als unser Gespräch endet, drehen sie sich um, und ich sehe, dass sie ein Tournee-Shirt von Taylor Swift trägt. Der Popstar hat sich gerade noch für Harris ausgesprochen.49 Wie passt das denn zusammen?

Was ich darüber hinaus auch wahrnehme, sind viele Menschen, die Mülltüten als Kleidungsaccessoires tragen. Auch das ein Coup von Trump, bekannt als »Trash Bag«-Protest.

Diese Inszenierung ist eine direkte Reaktion auf eine Aussage des damaligen Präsidenten Joe Biden: In einem Videogespräch mit der Organisation Voto Latino meinte er: »The only garbage I see floating out there is his supporters.«50 (Der einzige Müll, den ich da draußen sehe, sind seine Unterstützer.) Ausgelöst worden war die Debatte durch einen rassistischen Kommentar eines Comedians auf einer Trump-Veranstaltung. In diesem hatte besagter Comedian Puerto Rico als »Insel aus Müll« bezeichnet. Die Aussage Bidens, der auf diesen Vorfall reagierte, wurde von vielen Medien und der Trump-Kampagne aufgegriffen. Unmittelbar nach Bidens Aussage meldete sich das Weiße Haus zu Wort und wollte klarstellen, dass sich Biden nicht auf die Anhänger*innen selbst, sondern auf deren Rhetorik bezogen habe. Eine offizielle Abschrift seines Kommentars platzierte einen stillen Apostroph in »supporter’s«.51 Ob das nun der Wahrheit entsprach oder nicht, es interessierte niemanden mehr – die Geschichte war bereits viral gegangen.

Zu einem Wahlkampftermin in Wisconsin erschien Trump dann in einer orangefarbenen Warnweste und beantwortete der Presse aus dem Fahrerhaus eines Müllwagens heraus ihre Fragen.52 Auf der anschließenden Kundgebung stand er mit der Weste am Rednerpult und begann mit: »Zunächst muss ich sagen, dass 250 Millionen Amerikaner kein Müll sind.«53 Jetzt wisse man, was Biden und Harris wirklich über Trump-Wähler*innen denken würden.

Und so rufen sich die Menschen in dieser Schlange denn zu, sie seien stolz darauf, Müll zu sein, wenn man damit die arbeitende Mitte Amerikas meine …

So wurde ein weiteres verbindendes Element für das Wir-Gefühl der Trump-Anhänger*innen geschaffen: Biden mag uns nicht, die Demokraten lügen, und man kann sie nicht wählen. So einfach und gleichzeitig so perfide.

Wir kommen nur langsam in der Schlange voran. Eine selbst ernannte japanische Delegation geht ausgelassen mit wehenden Fahnen an der Schlange vorbei, ein Mitarbeiter aus Trumps Wahlkampfteam filmt aus einem fahrenden Caddy heraus die Menschen, damit man in den sozialen Medien zeigen kann, wie voll es ist. Ich denke, dass diese Schlange auch etwas künstlich geschaffen worden zu sein scheint, für das Gefühl, bei etwas ganz Besonderem dabei zu sein, denn der Eingang ist lange nach dem eigentlichen Beginn der Rally immer noch nicht offen.

Nach weiteren zwei Stunden rücken wir dann bis zum Eingang vor, an dem der republikanische Kandidat für das Amt des Vizegouverneurs, Hal Weatherman, allen die Hand schüttelt.

Auf dem Veranstaltungsgelände angekommen, mischen wir uns unter die Menge. Eine große Bühne auf der einen Seite, ein Feuerwehrauto mit ausgefahrener Leiter, an der eine riesige amerikanische Flagge weht, auf der anderen. Die Symbolik wirkt. Dazwischen etwa 3000 Menschen, die auf Trump warten.

Ich lächle den Menschen freundlich zu, frage sie, warum sie hier seien, warum sie Trump wählen wollten. Anders als bei meiner Recherchereise durch Deutschland zu meinem ersten Buch über die AfD komme ich hier einfacher ins Gespräch. Denn das Mitteilungsbedürfnis ist groß.

Ein Mann mit langen blonden Haaren und »MAGA«-Truckercap trägt ein Shirt mit der Aufschrift »Zählt alle legalen Stimmen«. Ich frage ihn, was das bedeuten solle. Er schaut mich fast irritiert an, zeigt auf die Aufschrift und sagt, dass man eben alle Stimmen von US-Bürgern zählen solle. Was er nicht sagt, aber damit meint: Nach der Wahl 2020 behauptete Trump wiederholt ohne Beweise, dass massenhaft »illegale Stimmen« (durch Nichtstaatsbürger oder mehrfaches Abstimmen) gezählt worden seien. Er sagte, wenn man »nur die legalen Stimmen« zählen würde, hätte er eigentlich gewonnen.54

Eine andere Frau erzählt mir, sie sei Mutter von zwei Kindern und wolle, dass Trump alle Grenzen schließe, damit keine Terroristen mehr in ihr Land kämen. Was ihr aber noch wichtiger sei: »Bringt Gott zurück in unsere Schulen und unsere Bildung.«

Ihre Mutter, Trump-Cap auf, Fan-Shirt an, stützt sich auf ihren Gehstock und legt mir ihre Hand auf die Schulter: »Wissen Sie, sie haben zweimal versucht, Trump zu töten, aber Gott hat ihn aus einem bestimmten Grund gerettet. Und wir sind der Grund, er liebt Amerika.«

Auch die Verschwörungserzählung, dass die vorherige Wahl »gestohlen« worden sei, begegnet mir an dem Tag oft. Ein junger Mann, ich schätze ihn auf Anfang zwanzig, trägt eine Trump-Fahne wie ein Superheldencape und erzählt mir, dass Harris eine Kriegstreiberin sei und es einen dritten Weltkrieg gebe, wenn sie gewinne, und er dann eingezogen würde.

Trump strahlt für die Menschen Sicherheit aus: »Er beschützt uns.« Harris hingegen bedeute Chaos.

Mir raucht der Kopf. 

Nach einer weiteren Stunde, die wir mit Warten zubringen, erklingt die amerikanische Nationalhymne. Es wird zusammen gesungen, dann gemeinsam für Trump gebetet. Auf einem großen Bildschirm werden währenddessen Argumente präsentiert, warum Harris unwählbar sei: Sie kümmere sich nicht um das vermeintliche Problem »illegaler Migranten und Terroristen«.

Die Menschen um mich herum werden allerdings auch ungeduldig, einige gehen bereits Richtung Ausgang. Ich frage einen Mann im Müllsack, warum er schon gehe, Trump werde er ja dann verpassen. Er zuckt mit den Schultern, sagt, er wisse ja, was Trump erzähle, er kenne und vertraue ihm. Ich frage mich, warum er dann überhaupt hergekommen ist, und beobachte, wie er noch schnell ein Selfie von sich mit der Bühne im Hintergrund macht. Geht es also hier auch wieder vorrangig um das Gefühl, Teil einer Gruppe zu sein?

Es passt zumindest zu meinen Beobachtungen, dass Menschen hier eher ihre Emotionen mit mir teilen und nicht ihre sachlichen Gründe, warum Trump eine bessere Politik umsetzen könnte.

Die Menschenmenge im Stadion lichtet sich allmählich, es sind nur noch gut 1000 Menschen vor Ort. Seit wir unser Auto auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums abgestellt haben, sind bereits vier Stunden vergangen – vier Stunden Warten auf Trump.

Doch dann auf einmal setzt endlich laute Musik ein, und er betritt die Bühne. Die noch übrig gebliebenen Menschen jubeln, zücken ihr Handy, filmen ihn, machen Selfies von sich vor der Bühne. Ich schaue mir zeitgleich Bilder auf Trumps Social-Media-Accounts an und habe das Gefühl, auf zwei verschiedenen Veranstaltungen zu sein. Auf meinem Bildschirm sieht es voll aus, die Reihen hinter ihm sind gefüllt mit Menschen, die Pappschilder hochhalten. Das entspricht der Wahrheit, nur schwenkt die Kamera eben nicht in die ziemlich karge Menge vor der Bühne.

Svenja raunt mir zu: »Es stimmt also, diese Rallys sind leer. Das ist alles nur Theater. Vielleicht verliert er dann ja doch.«

Zum ersten Teil des Satzes kann ich nur sagen: Svenja hat recht. In etlichen Medienberichten wird dasselbe Phänomen besprochen. Die Rallys sind nicht immer gut besucht, und viele Menschen verlassen sie vorzeitig.55

Nur ist die Schlussfolgerung daraus nicht, dass sie sich nicht für Trump interessieren oder er an Zuspruch verlieren könnte. Nein, nach meinen Beobachtungen kann man sagen, sie sind hier, weil sie sich mit anderen identifizieren, ein Foto für Social Media haben möchten, um anderen zu zeigen, dass sie zu Trump gehören. Sie wählen ihn, weil er dafür sorgt, dass sie sich gut fühlen, weil er ihnen eine Identität und ein Zugehörigkeitsgefühl zurückgibt. Und ich denke, einigen gefällt einfach das Versprechen, dass alles wieder einfacher wird – und die USA wieder das beste Land der Welt sind, wenn er gewählt wird.

Da sind sie, die einfachen Antworten, die einfachen Versprechen, die suggerieren, man könne ganz simpel die großen Probleme lösen – man müsse es nur wollen.

Wenn das die Beweggründe sind, finde ich es erstaunlich, dass sich vermeintlich intelligente Menschen damit abfinden und gleichzeitig alles akzeptieren, was auch Teil der vermeintlichen Lösung ist. Das ist mir häufiger begegnet: Menschen suchen die Lösung ihrer individuellen Probleme und akzeptieren schulterzuckend, wenn es für ganze Gruppen dadurch schwieriger wird. Darauf gehe ich in Kapitel 7 noch genauer ein.

Je länger ich Trump zuhöre, desto mehr merke ich, dass er die ewig gleichen Satzbausteine benutzt. Wiederholungen.

Seine Sprache wirkt spontan, volkstümlich, beinahe beiläufig, gerade darin liegt ihr vermeintlich authentischer Reiz. Trump grenzt sich dabei konsequent von den »Eliten« ab, inszeniert sich selbst als Stimme des einfachen Volkes, spricht von »uns« gegen »die da oben«, wobei oft unklar bleibt, wer genau zu seinem »Wir« gehört: die Menschen auf der Bühne, seine Partei, seine Anhänger*innen – oder er selbst, als Personifikation der Bewegung? Das macht aber nichts, denn die Zugehörigkeit funktioniert auch so.

Trumps Sprache ist nach meinem Eindruck radikaler geworden, und es dominieren offene Angriffe und Abwertungen, etwa wenn er Migrant*innen als »animals« (Tiere) bezeichnet.56 Trump setzt auf hochemotionale Formulierungen, persönliche Beleidigungen (»Sleepy Joe« – der schläfrige Joe, »Crazy Kamala« – die verrückte Kamala)57 und eine klare Sprache der Sieger und Verlierer: Wer nicht auf seiner Seite steht, hat verloren – und wenn er selbst vermeintlich verliert, ist von Betrug die Rede.

Das ist alles wenig neu und wenig überraschend, aber es schweißt offenbar zusammen. Für mich allerdings ist das kein Grund, länger hierzubleiben, Inhalte liefert er kaum. Auch um mich herum schafft er damit keine Begeisterung, aber die Unterstützung verliert er dennoch nicht.

Aus der breiten Massenbewegung früherer Jahre ist ein harter Kern entstanden, für den das gemeinsame »Wir gegen die« wichtiger ist als jede inhaltliche Botschaft. Was zählt, ist das Zugehörigkeitsgefühl – nicht das Argument, sondern das Ritual.

In dieser Atmosphäre verfestigen sich abgeschottete Wahrnehmungen, ein tiefes Misstrauen gegenüber allem außerhalb der eigenen Blase und eine Selbstgewissheit, die keinen Widerspruch zulässt. Die eigentliche Gefahr liegt dabei nicht im Lärm einer fast leeren Arena, sondern in der stillen Gewöhnung an genau diese Haltungen: Sie werden Teil des Alltags, eingebettet in Routinen, die politische Gegensätze nicht mehr aushalten müssen.

So entsteht eine neue Form der Normalität, eine engmaschige Parallelgesellschaft, in der politische Überzeugung zunehmend durch ein Gefühl ersetzt wird – das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Und damit verschiebt sich die Wirksamkeit politischer Kommunikation: weg von Inhalten, hin zu Identität. Trag die MAGA-Mütze, zieh dir einen Müllsack über, mach ein Foto von der Rally, stell dir ein Campaign Sign in den Garten – und du bist Teil des Teams. Du bist wieder wer, und alle können es sehen. Ein Meisterstück des Autoritären. Darauf gehe ich in Kapitel 2 näher ein.

Svenja und ich verlassen ziemlich erschöpft das Gelände und steigen in den voll besetzten Shuttlebus zurück zum Parkplatz. Eine Frau vor uns zeigt uns stolz ihren neuen Hoodie mit der Aufschrift: »God, Guns & Trump« (Gott, Waffen und Trump). Der Akkord, der je nach Betrachter*in so unterschiedlich klingt. Für mich wirkt das eher wie ein Widerspruch, für die Frau vor uns wie die Losung für Glückseligkeit. Wie viele dieser Trump-Sprüche kann man an einem Tag eigentlich ertragen?

Auf dem Weg nach Hause wird direkt vor uns die Bundesstraße gesperrt, Gegenkandidatin Kamala Harris ist auf dem Weg zu ihrem Auftritt in Charlotte, nur 30 Minuten entfernt von uns. Jon Bon Jovi und Khalid stehen als Support Acts auf dem Programm. Auch dort: eine Bühne, ein Publikum, ein gemeinsames Versprechen. Die Kulisse wirkt heller, die Botschaft versöhnlicher. Aber auch hier geht es letztlich vor allem um Zugehörigkeit und darum, die Massen hinter sich zu vereinen. Politik als Show, als Inszenierung, auf beiden Seiten und so nah beieinander. Man merkt, dass es gerade in den Swing States um alles geht. Ich frage mich, wo der Raum für Diskussionen bleibt, und realisiere, dass es darum schon lange nicht mehr geht. 

Als wir schließlich in unseren Vorort einbiegen, öffnet Sarah uns in einem T-Rex-Kostüm die Tür: »›Trick or treat‹ geht gleich los, beeilt euch.«

Die Vorstadtstraße ist voll mit Kindern, Eltern, blinkenden Lichtern. Aus einem Garten tönt eine Stimme: »Don’t be afraid … yet.« Ein bisschen Satire, ein bisschen Ernst. Und irgendwo dazwischen die Frage, was hier eigentlich noch als Gruselkostüm durchgeht und was längst kein Spiel mehr ist.

Im Leben der Demokraten

Tony ist Wahlkampfhelfer der Demokraten, trägt ein »Harris Walz«-Shirt und ist Student aus Washington. Er sitzt mir gegenüber in einem Café in Mooresville und sortiert Harris-Flyer und Friendship Bracelets (Freundschaftsarmbänder) in Kartons. Die Armbänder, die durch Taylor Swift und ihre Fans, die sogenannten Swifties, wieder Kultstatus erlangt haben, sind längst mehr als ein Fan-Gimmick. Was als Zeichen von Zusammenhalt bei Taylors Konzerten begann58, wurde von Harris’ Team für den Wahlkampf übernommen59: als Symbol für Gemeinschaft, Optimismus und politische Zugehörigkeit. Statt Songzeilen stehen politische Botschaften auf den bunten Perlen.

Tony zeigt auf einen Karton mit identischem Inhalt in der Ecke unter seinem Tisch und sagt, der sei für mich. Meine Begleitung werde mich gleich abholen. Er zwinkert mir zu: »Bringt euch nicht in Schwierigkeiten.« Ich lache nervös und denke daran, wie ich gestern vor der Tür einer verlassen wirkenden Farm stand, um Flyer mit den Demokraten zu verteilen, und wir von einem Farmer mit Gewehr und Hund nicht gerade freundlich wieder zum Auto eskortiert wurden.

Meine letzten Tage sahen ähnlich aus: Ich begleite Demokrat*innen bei ihrem Haustürwahlkampf. Zu zweit machen sie sich auf den Weg, klingeln bei Menschen, die potenziell Harris wählen würden, und erinnern sie an die Wahl. Sie nutzen dafür eine spezielle App, die anzeigt, in welchem Haushalt demokratisch und in welchem republikanisch gewählt wird. Bei Haushalten ohne Angabe ist es besser, nicht zu klingeln – das habe ich gestern gelernt. Abgesehen davon, dass man nicht weiß, wen die Person in der Vergangenheit gewählt hat, weiß man auch nicht, wer einem da begegnet. Denn zur Erinnerung: In North Carolina darf man Waffen besitzen und auch unter bestimmten Voraussetzungen bei sich tragen.

Der Haustürwahlkampf dient also nicht dem Zweck der kurzfristigen Überzeugung, sondern er soll dafür sorgen, dass so viele Menschen wie möglich ihre Stimme abgeben.

Während Wahlhelfer Tony und ich über unseren Bechern mit Kaffee sitzen, öffnet sich die Tür des Cafés, und eine blonde Frau mit Harris-Cap und pinkem Harris-Shirt kommt herein. Es ist Beth, die Vorsitzende der Demokraten hier im County. Sie kommt an unseren Tisch, begrüßt mich freudig und nimmt mich in den Arm. Wir kennen uns schon aus den letzten Tagen. Sie erzählt, dass sie gerade von einem Wahllokal komme, vor dem eine Gruppe Republikaner stehe, welche die Wählenden lautstark mit Reden von Trump beschalle.

In Deutschland ist es Parteien verboten, direkt vor dem Wahllokal Werbung für sich zu machen.60 Hier in den USA dürfen sich die Parteien nah an den Wahllokalen aufstellen, um dort ihre Wähler*innen zu feiern oder kurzfristig Unentschlossenen noch Wahlhilfen in die Hand zu drücken. Das ist in den USA auch schon vor dem eigentlichen Wahltermin möglich, da es dort das »Early Voting« gibt. Dabei kann man bereits vor dem offiziellen Wahltag seine Stimme abgeben. So will man die Teilnahme an der Wahl erleichtern und lange Warteschlangen am eigentlichen Wahltag vermeiden.61

Beth hat sich inzwischen zu uns gesetzt und fragt mich, wie mein Roadtrip nach Washington verlaufen sei. Ein paar Tage zuvor hatte ich mir einen blauen Ford Escape gemietet und war sechs Stunden quer durch dieses große Land gefahren, um mir gemeinsam mit 50 000 anderen Menschen Kamala Harris’ Abschlusskundgebung in Washington anzusehen. Wenn ich daran zurückdenke, werde ich fast ein bisschen emotional, denn das war wirklich ein »Once in a lifetime«-Erlebnis. Allein diese Reise auf sich zu nehmen, um Harris live zu sehen, die Hoffnung und die Verbundenheit der Menschen zu spüren und den Gegensatz zu den Trump-Rallys zu erleben. Zu beobachten, wie Menschen jubeln und tanzen, und auch wenn es ein bisschen schwarz-weiß und persönlich gefärbt wirkt: die Wähler*innen der Demokraten dabei zu sehen, wie sie mehr Hoffnung auf eine gute Zukunft ausstrahlen als die Besucher*innen der Trump-Rally. Das war ein wertvoller Moment, der mir als Journalistin noch einmal ein ganz anderes Gefühl für diese Wahl gegeben hat. Emotionen von »hoffnungsvoll« bis »beängstigend« beherrschen diesen Wahlkampf, das kann ich mit Sicherheit sagen – und die spürt man auch als Beobachterin.

Ich erinnere mich daran, wie eine junge Frau dort vor dem Weißen Haus in Washington zu mir sagte: »Ich kann nicht für meine Rechte kämpfen, wenn ich keine Demokratie habe, die mich schützt und meine Grundlage ist.« Für sie steht Harris genau dafür: den Schutz aller Menschen. Eine andere, etwas ältere Frau sagte mir, Trump und Harris seien der Unterschied zwischen Untergang und Hoffnung: »Kamala Harris will die Menschen zusammenbringen, anstatt sie zu trennen. Sie kommt mit Freude statt mit Pessimismus und Untergangsstimmung.«

Ich nehme den von Tony für mich vorbereiteten Karton entgegen und frage Beth, ob ich sie am morgigen Wahltag begleiten dürfe. Sie will am letzten Tag noch einmal von Wahllokal zu Wahllokal fahren und die Wahlkampfhelfer*innen unterstützen.

Beth nickt begeistert und verspricht, mich am nächsten Morgen mit einem besonderen Auto zu Hause abzuholen.

Wir verlassen das Café, und ich schließe mich noch einmal einer Gruppe Wahlkampfhelfer*innen an, die heute von Tür zu Tür gehen. Ich beobachte die Teams dabei, wie sie versuchen, auch die letzte Stimme für Harris einzusammeln. Danach bin ich mit meinen Freundinnen Sarah und Svenja zum Essen verabredet, um das Erlebte gemeinsam verdauen zu können.

Demokratie hat viele Gesichter. Heute trug sie statt eines Trump-Müllsacks eine Harris-Cap, ein pinkes Shirt und ein bisschen Erschöpfung.

I voted

Als ich am nächsten Morgen mit Sarahs und Svenjas Baby auf dem Arm die Treppe ihres Hauses in Mooresville herunterkomme, steht meine Freundin Sarah im Wohnzimmer und streckt mir einen Lolli und einen Sticker entgegen: »Die Geschenke für heute!«

Beides hat sie nach ihrem Gang ins Wahllokal bekommen. Auf dem Sticker steht »Ich habe gewählt!«. Verdient hat sie ihn: Der US-amerikanische Wahlzettel ist länger als so mancher Beipackzettel, denn nicht nur auf Bundesebene wurde abgestimmt – Sarah durfte auch für das Amt des Gouverneurs, Vizegouverneurs und ein paar weitere Spitzenämter in North Carolina ihr Kreuz setzen.

Auch in ihr Wahllokal durfte ich sie begleiten. Es war gut besucht, eine Gruppe »Women for Trump« stand draußen und erklärte uns, warum gerade Frauen Trump wählen sollten: weil er Familien und ungeborenes Leben schütze.

Mir kam in diesem Moment ein Werbespot von Harris in den Sinn, in dem man sieht, wie zwei Frauen sich über die Wahlkabinen hinweg anlächeln: »An dem einen Ort in Amerika, an dem Frauen noch das Recht haben zu wählen, können sie wählen, wie sie wollen, und niemand wird es je erfahren.« In der nächsten Szene des Spots fragen ihre Ehemänner, ob sie die »richtige Entscheidung« getroffen hätten, sie lächeln und bejahen.62

Und genau so lächelten wir die republikanischen Frauen freundlich an und gingen unseres Weges.

Ich stecke den Sticker ein, nehme mir meinen dampfenden Coffee to go vom Küchentresen und trete durch die Garage nach draußen. Svenja ruft mir hinterher, dass sie abends Pizza bestellen werde. Heute ist Wahlnacht, da sollten wir wenigstens genug im Bauch haben.

Ich schaue die Straße hinunter und warte auf Beth. Plötzlich biegt ein Pick-up um die Ecke. Ein überdimensionales pinkes Schild auf der Ladefläche titelt »Harris Freedom – Trump Fascism« (Harris Freiheit – Trump Faschismus). Jede Wette, das muss Beth sein.

Sie bringt den Pick-up grinsend vor mir zum Stehen: »Na, hast du Lust auf eine Ausfahrt?« Und ob ich das habe. Auf in diesen Wahltag!

It’s a good day for democracy

Auf den Rücksitzen stapeln sich Flyer, Plakate und Kampagnenschilder. Beth entschuldigt sich für die Hundehaare auf dem Sitz, auch sie hat einen Golden Retriever. Dann greift sie in ihre Jackentasche und zieht ein kleines Armband heraus. »Das ist für dich«, sagt sie. Es ist ein selbst gemachtes Friendship Bracelet – grüne Perlen, in der Mitte steht: »Democracy is brat.«

Der Satz lässt mich schmunzeln. Auf den ersten Blick klingt er wie eine freundliche Beleidigung. Aber wer im Sommer 2024 im Internet unterwegs war, weiß: »brat« war überall. Die knallgrüne Neonfarbe hat den Sommer geprägt, wie Barbie-Pink das Jahr davor. Die Sängerin Charli xcx brachte im Juni ihr Album Brat heraus und traf damit einen Nerv – »brat« stand plötzlich für alles, was direkt, ungeschönt, unperfekt war. Eine »Göre« sein, aber eine mit Haltung.63 Keine Inszenierung, sondern Kontrollverlust mit Stil.

Als Joe Biden Kamala Harris zur demokratischen Präsidentschaftskandidatin machte, twitterte Charli xcx: »Kamala IS brat.«64 Ein Satz, der saß und sofort viral ging. Das Harris-Team griff ihn auf und machte daraus eine identitätsstiftende Kampagne: Grün statt Blau. Selbstironie statt Pathos. Der Auftritt war laut, popkulturell aufgeladen und genau richtig für diesen Moment.65

Die neue Formel lautete: Pop x Politik. Der Brat-Wahlkampf war dafür das vielleicht deutlichste Beispiel. Politik ist ja längst nicht mehr nur eine Frage von Programmen und Parteitagen. Sie ist auch Stil, Sprache, Referenzrahmen. Wer Menschen erreichen will, muss da andocken, wo sie sich zugehörig fühlen.

Wo klassische Kampagnen langweilen, schafft Popkultur Verbindungen. Der Brat-Slogan hat mit einem Wort mehr erzählt als viele Strategiepapiere. Er symbolisiert Haltung, Widerspruch, Energie. Und genau das macht ihn politisch.

In Deutschland griffen die Grünen ihn dann unter dem damaligen Spitzenkandidaten Robert Habeck auf, zwar nicht eins zu eins, aber sie nutzen ihn für eine ähnliche Stimmung.66 Plötzlich wurde auch hierzulande Wahlkampf gemacht, der nicht auf Distanz, sondern auf Nähe setzte. Durch – um bei dem Beispiel der Grünen zu bleiben – einen Robert Habeck, der die Menschen von seinem Küchentisch aus ansprach und sich an einen solchen zu anderen nach Hause einladen ließ.67