Wiebke sein I (E-Book) - Wiebke ter Lichten - E-Book

Wiebke sein I (E-Book) E-Book

Wiebke ter Lichten

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Beschreibung

Es muss etwa im Sommer 2018 gewesen sein, als mich meine Freundin aus heiterem Himmel fragte, ob ich jemals daran gedacht hätte, mich komplett in eine Frau verwandeln zu lassen. Sie meinte vor, dass es interessant sein könnte. Ich druckste ziemlich herum, und ehrlich gesagt war mir der Gedanke vielleicht schon mal für den Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf gegangen, aber ich hatte ihn verworfen, weil ich absolut sicher war, dass das Ergebnis nicht annähernd meinem Qualitätsstandard entsprechen würde. Dann kam Weihnachten 2018 und ihr Geschenk war genau das: ein Makeover. Sie hatte mit der Geschäftsführerin eines Service gesprochen, alle Optionen geprüft, Vorbereitungen getroffen, das volle Programm. Keine Chance für mich zu kneifen! Am Valentinstag 2019 fand das Styling statt und Wiebke wurde geboren. Seitdem entwickle ich eine weibliche Persönlichkeit und habe begonnen, diese Welt als Frau zu erobern, alles unterstützt von meiner geliebten Freundin. Dieser Band 7 ist ein Tagebuch meiner Aktivitäten und Gefühle als Frau zwischen August und Dezember 2022. Er heißt erstmals nicht mehr “Wiebke werden” sondern “Wiebke sein”, denn so ist es nun.

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Seitenzahl: 181

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Wiebke sein I

Teil VII des Tagebuchs einer trans Frau, der erste “angekommene” Teil (August bis Dezember 2022)

Prolog

Dies ist der siebte Teil meines Tagebuchs und ich empfehle dringend, zuerst die früheren Teile zu lesen.

Es muss etwa im Sommer 2018 gewesen sein, als mich meine Freundin aus heiterem Himmel fragte, ob ich jemals daran gedacht hätte, mich komplett in eine Frau verwandeln zu lassen. Sie meinte vor, dass es interessant sein könnte. Ich druckste ziemlich herum, und ehrlich gesagt war mir der Gedanke vielleicht schon mal für den Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf gegangen, aber ich hatte ihn verworfen, weil ich absolut sicher war, dass das Ergebnis nicht annähernd meinem Qualitätsstandard entsprechen würde. Dann kam Weihnachten 2018 und ihr Geschenk war genau das: ein Makeover. Sie hatte mit der Geschäftsführerin eines Service gesprochen, alle Optionen geprüft, Vorbereitungen getroffen, das volle Programm. Keine Chance für mich zu kneifen! Am Valentinstag 2019 fand das Styling statt und Wiebke wurde geboren. Seitdem entwickle ich eine weibliche Persönlichkeit und habe begonnen, diese Welt als Frau zu erobern, alles unterstützt von meiner geliebten Freundin.

Dieser Band 7 ist ein Tagebuch meiner Aktivitäten und Gefühle als Frau zwischen August und Dezember 2022. Er heißt erstmals nicht mehr “Wiebke werden” sondern “Wiebke sein”, denn so ist es nun.

03. August: Wiebke im Homeoffice

Es ist ja kaum noch der Rede wert, auch heute vertrat ich meinen Mann wieder im Homeoffice. Es war ein sehr warmer Tag.

04. August: Outing bei Carina Holmecke

Heute hatte Martin Geburtstag und ich habe ihm gratuliert. Wie gut, dass ich mit Sabrina zufällig ein Foto gemacht habe, das sich für die Gratulation eignete.

Er bedankte sich für die Gratulation und fand das Bild “heiß”, was wiederum mich freute.

Gegen 18 Uhr erwartete ich Carina Holmecke zu Besuch. Ich habe sie vor einiger Zeit im Supermarkt wiedergetroffen, oder richtiger: Sie hat mich wiedergefunden und an der Fischtheke angesprochen, ich hätte sie zumindest wegen der Maskenpflicht, die zu dem Zeitpunkt herrschte, nicht wiedererkannt. Ende der 80er waren wir für einige Zeit ein Paar, bis ihre Mutter an Krebs gestorben ist und sie ihrem Leben eine komplett andere Wendung gegeben hat. Wir haben uns aus den Augen verloren und ich vermutete sie in Freiburg im Breisgau. Es war eine ziemliche Überraschung zu erfahren, dass sie schon seit 10 Jahren wieder in meiner Gegend war. Seit diesem zufälligen Treffen haben wir uns ab und zu mal getroffen. Sie ist Krankenschwester und konnte mir schon in Bezug auf meine Rückenprobleme helfen, hat dann von meiner Krebserkrankung mitbekommen und auch dafür eine wertvolle Hilfestellung geleistet. Ihre freigebige Art und unsere gemeinsame Vergangenheit haben mir den Wunsch reifen lassen, sie in Bezug auf Wiebke ins Vertrauen zu ziehen.

An diesem Abend war es soweit, obwohl ich das eigentlich gar nicht geplant hatte. Denn wir hatten ja schon durch meine Krankheitsentwicklung mehr als genügend Gesprächsstoff. Aber spätestens als wir zum Thema Hormone kamen und was das eigentlich mit mir macht, wurde es immer schwerer, sinnvolle Überlegungen zu äußern, ohne Wiebke mit einzubeziehen und anzusprechen. Ich habe ihr also mit etwas Einleitung direkt meinen zweiten Coming Out- Brief zu lesen gegeben und ihr auch Bilder gezeigt.

Sie bemerkte wie die meisten anderen auch die Freude in meinem Gesicht, war zusätzlich aber auch neidisch auf meine Fähigkeit, hochhackige Schuhe zu tragen. Sie hat einen ausgeprägten Hallux und muss flaches Schuhwerk tragen. Außerdem sagte sie, dass ihr meine langen Fingernägel schon aufgefallen waren und dass ich mich eigentlich schon in der Zeit damals recht weiblich verhalten hatte. Sie hat sich für mich gefreut und war nicht im mindesten irritiert. Es ist schön, dass das jetzt auch erledigt ist.

05. August: Homeoffice

Kurz und bündig: ein weiterer Wiebke- Tag im Home-Office.

06. August: Besuch in Hattingen

Heute hat der Mann in mir Lenny in Hattingen besucht. Bei dem Besuch habe ich ihm Bilder vom letzten Sonntag bei Ralph und Sabrina gezeigt. Er konnte sich ein Nicken und Lächeln nicht verkneifen, wollte aber nicht kommentieren, als ich ihn fragte, was genau gerade bei ihm im Kopf vorgegangen war. Allerdings äußerte er die Vermutung, dass er mich demnächst ja so öfter sehen würde, weil ich zu Hause so rumlaufen möchte, und ich habe das bestätigt. In seinen Blick interpretierte ich Überraschung, Anerkennung und sogar ein bisschen Stolz hinein.

Erst am Nachmittag des nächsten Tages ist mir noch etwas anderes wieder eingefallen, was er gesagt hat. Er hat mir empfohlen, nicht zu einem CSD zu gehen, weil das "nur noch Party ist und keine Demonstration”. Wie es scheint hat er sich deutlich mehr mit dem Thema beschäftigt als mir bisher klar geworden ist.

07. August: Zum ersten Mal Golf

Der Mann in mir spielt ja schon seit etwa sieben Jahren Golf, nicht kontinuierlich, aber immerhin. Es war schon seit langem ein Traum, dass auch Wiebke mal Golf spielt, und eine entsprechende Ausrüstung, also Kleidung, hatte ich ja schon besorgt. Heute war es soweit! Ich habe mich um 8 Uhr mit Mark verabredet, mit dem ich als Mann schon oft gespielt habe. Wir hatten schon mehrere Versuche gemacht, einen morgendlichen Termin zu finden, aber mal war der Platz wegen eines Turniers gesperrt, mal hatte einer von uns keine Zeit.

Ich hatte mir den Wecker auf 6 Uhr gestellt, schon am Vorabend die Golfsachen rausgelegt, das Auto gepackt und mir die Nägel lackiert. Es kostete mich keine besondere Überwindung zum Aufstehen, direkt nachdem der Wecker geklingelt hatte, die Aussicht auf das, was bevorstand, war Motivation genug. Ich bin also in die Golfklamotten geschlüpft und habe mich geschminkt. Dabei habe ich einen frisch zubereiteten Ingwertee getrunken. Etwas essen wollte ich nicht, denn das liegt bloß schwer im Magen. Ich wollte um 7:20 Uhr auf der Driving Range sein und hatte reichlich Zeit eingeplant, sodass ich noch ein bisschen ausruhen und Tee trinken konnte, nachdem ich fertig war. Dann bin ich passend losgefahren.

Der Golfplatz liegt ein klein bisschen höher als mein Wohnort und als ich dort ausstieg, strich mir ein frischer Wind um die Beine. Da habe ich noch gedacht, es wäre eine gute Entscheidung gewesen, nicht wie ursprünglich geplant eine 7- Den- Strumpfhose anzuziehen, sondern ein 20den- Exemplar. Es stellte sich aber später heraus: diese Entscheidung war falsch, mir war auf der Runde an den Beinen ziemlich warm. Schon um 8 Uhr waren etwa 15 Grad Außentemperatur und das, verbunden mit der körperlichen Anstrengung, bedeutet für die Zukunft: entweder ziehe ich gar keine Strumpfhose an oder eine sehr, sehr dünne. Ich denke, ich würde mich eher für dünne entscheiden.

Vom Auto aus bin ich mit meinem Trolley und dem Golfbag zunächst auf das Putting Green für ein paar Einlochübungen und dann zur Driving- Range gegangen. Es war genauso, wie ich es mir vorher gewünscht hatte: weder auf dem Putting Green noch auf der Driving Range war irgendjemand außer mir, trotz des großartigen Wetters. So hatte ich die Möglichkeit, unbeobachtet mit der für mich völlig neuen Situation zurecht zu kommen. Als erstes habe ich gemerkt, meine Brüste waren weit weniger im Weg als ich mir vorher vorgestellt hatte, ich habe sie beim Spielen fast nicht gemerkt, nur meine Schläge waren zunächst 10 bis 15 m kürzer. Was andererseits wirklich im Weg war, waren meine Haare. Ich hatte einen Haarreif mitgenommen, den ich später am Loch eins auch mal kurz probiert habe. Er hätte geholfen, sah aber ganz furchtbar aus, weswegen ich ihn nicht weiter getragen habe. Später habe ich an die Haare nicht mehr gedacht, sie waren einfach da. Und der Skort, den ich getragen habe, war weitaus bequemer als alles, was ich als Mann zum Golf anziehen könnte. Etwa 15 Minuten vor dem Tee Off kam auch Mark auf die Driving Range. Er ist ein Schnelleinspieler, spielt meist nur wenige Bälle auf der Range und geht dann direkt zum Abschlag. Ich war schon fast warm als er kam, habe noch zwei, drei Bälle gespielt und ihm dann etwa zwei Minuten zugesehen, bevor wir nach einer Begrüßung und Umarmung gemeinsam zum Abschlag gegangen sind.

Weil Mark ja vom Herrenabschlag (gelb) spielte und ich heute vom Damenabschlag (rot), war er immer als erstes dran. Ich muss wirklich sagen, das empfinde ich als einen großen Vorteil für Frauen, denn man kann sich erstmal ein bisschen auf der Bahn akklimatisieren, Atem schöpfen und einfach zusehen. Nachdem Mark seinen Abschlag gemacht hatte, sein Ball lag mitten auf dem Fairway, habe ich ebenfalls abgeschlagen.

Heute und wohl auch noch bei dem nächsten Malen hatte ich dabei eine besondere Schwierigkeit. Natürlich kenne ich den Platz in- und auswendig, es ist schließlich mein Heimatclub. Aber durch die andere Position des Abschlags und die geringere Entfernung zum Loch hatte ich fast einen anderen Platz vor mir. Ich kenne meine Längen und auch die Platztopographie, aber ich musste teilweise komplett umdisponieren, zumindest beim Abschlag. An mehreren Löchern wurde mir plötzlich klar, warum an einer Position ein Bunker ist, den ich bisher für völlig überflüssig hielt. Insofern hatte ich heute möglicherweise einen Vorteil durch die geringeren Entfernungen zum Loch, andererseits aber auch den Nachteil, den Platz nicht mehr wirklich zu kennen. Ich hatte mir zusätzlich auch noch einen anderen Spielansatz vorgenommen, weniger Krafteinsatz, dafür mehr Präzision. Im Ergebnis kann ich sagen, das hat hervorragend geklappt, und ich nehme aus dieser Erfahrung auch einige Erkenntnisse für mein Spiel als Mann mit:

● Das Spiel entscheidet sich nicht oder jedenfalls nicht signifikant durch die Länge des Abschlags. Golf wird im kurzen Spiel gewonnen.
● Meine insgesamt ruhigere Spielweise führte zu einer deutlich verringerten Rückenbelastung, im Unterschied zu sonst hatte ich auf der ganzen Runde überhaupt keine Probleme mit dem Rücken. Das ist definitiv etwas, was sich beizubehalten lohnt!

Ich habe mich auf der Runde gefühlt wie ein Fisch im Wasser, es war einfach ganz ganz toll! Mark war auch der großartigste Begleiter, den man sich vorstellen könnte, und er hat auf der Runde viele, viele Fotos gemacht.

Bei diesem ersten Mal waren mir die erspielten Punkte völlig egal, es kam mir nur auf die Erfahrung an, als Frau Golf zu spielen. Als am Loch 6 plötzlich ein Einzelspieler hinter uns war, der noch keine Startzeit gebucht hatte, als ich vor unserer Runde nachgesehen hatte, habe ich mich sehr erschrocken und meinen Abschlag völlig verhauen. Der zweite Abschlag war wieder in Ordnung und wir haben den Einzelspieler dann durchspielen lassen.

Ebenfalls am Loch 6 habe ich einen Ball im Gebüsch verloren. Ich sagte, ich würde nicht danach suchen, dabei würde ich mir bloß die Strumpfhose zerreißen. Mark sagte ungläubig, ihm sei gar nicht aufgefallen, dass ich eine trage, er hätte sich nur schon gefragt, wie ich so unglaublich glatte Beine hinbekomme.

Am nächsten Tag, als ich meine Golfuhr an den Rechner angeschlossen habe, wurde mir klar: Wenn ich den einen aus Schreck verhauenen Abschlag nicht mitzähle, habe ich in dieser ersten 9- Loch- Runde von Rot 19 netto Punkte erspielt. Ich finde, das ist ein unglaubliches Ergebnis! Die Runde gehört mit zu meinen besten jemals gespielten. Mir ist schon klar, dass das nicht vergleichbar ist, weil ich ja von Rot gespielt habe, aber trotzdem, ich hätte mich auch mit 0 Punkten zufrieden gegeben, weil es darum ja gar nicht ging. Ich bin nun Feuer und Flamme, das schnellstmöglich wieder zu machen, und Mark hat sich ähnlich geäußert.

Wir hatten ja sehr früh angefangen zu spielen, deswegen waren wir schon vor 10 Uhr mit der Runde fertig, obwohl wir uns reichlich Zeit gelassen haben. Die Gastronomie im Clubhaus öffnete erst um 11 Uhr, deswegen (und auch, weil ich gar nicht weiß, ob ich mich wirklich getraut hätte) habe ich Mark vorgeschlagen, dass wir bei mir noch einen Kaffee trinken. Er hat dem zugestimmt, musste aber erst noch im Clubbüro seine Runde bezahlen. Ich bin schon mal vorgefahren, habe die Kaffeemaschine angestellt und mich schnell umgezogen. Meine Golfsachen waren zwar nicht unbedingt verschwitzt, aber doch nicht mehr so angenehm zu tragen. Als Mark ankam, hatte ich bereits die Terrasse vorbereitet und wir haben uns dort mit dem Kaffee hingesetzt.

Ich war unglaublich glücklich mit dem Erlebten und habe das auch mehrfach so gesagt und mich für seine Begleitung bedankt. Schon auf dem Platz habe ich ihn am Grün des Lochs 3 gefragt, wie er meine Bewegungen wahrnehme, ob das mit meiner Rolle stimmig sei. Denn es wäre ja durchaus möglich, dass ich (deutlich) männliche Bewegungsabläufe zeige. Aber er sagte, er habe kein Störgefühl. Wenn er meine Bewegungen mit denen seiner Frau Annika vergleiche, wäre das absolut stimmig. Das wiederholte er nun noch mal, sogar ohne dass ich ihn nochmal darauf angesprochen habe. Er sagte noch mehr: Der Einzelspieler, der uns überholt hatte, habe mit Sicherheit auch kein Störgefühl gehabt, denn sein Verhalten uns gegenüber war absolut unbefangen und normal, ich hätte mich also gar nicht so erschrecken müssen. Und weil das Verhalten so natürlich sei, sehe er auch kein Problem, nachmittags und mit größerer Platzbelegung zu spielen, er sei sich sicher, dass niemandem etwas auffallen würde.

Er bemerkte noch etwas von unserem Treffen vor einigen Wochen, bei dem Annika dabei gewesen war. Er habe sich da über einen recht langen Zeitraum zurückgelehnt und einfach der Kommunikation zwischen Annika und mir gelauscht. Dabei sei ihm aufgefallen, dass Annika mit mir ganz anders sprach als vorher mit Thomas, und er hatte generell den Eindruck, das sei ein Gespräch unter Frauen, aus dem er sich sowieso heraushalten sollte. Er ergänzte noch, wie sehr ihn das zum Schmunzeln gebracht hätte (ohne dass ich es damals gemerkt habe), weil ihm das klar gemacht habe, wie vollständig und authentisch mein Rollenwechsel war. Wir haben ins Auge gefasst, baldmöglichst in Gütersloh zu spielen, also in seinem neuen Heimatclub.

Einen Tag später schrieb er mir per WhatsApp, er könne sich durchaus vorstellen, dass der nächste für mich logische Schritt ein Gespräch mit dem Clubmanager sei, um im Verein meinen Eintrag von männlich auf weiblich ändern zu lassen, und dass dies innerhalb der nächsten Wochen passieren könnte. Ich konnte dieser Überlegung zunächst überhaupt nicht folgen, weil sie etwas kryptisch formuliert war, und natürlich ist das nicht wirklich eine Möglichkeit, der Club wird sich ganz sicher nur auf offizielle Dokumente beziehen wollen. Und es würde ein weitergehendes Outing bedeuten, von dem wahrscheinlich auch meine Mutter betroffen wäre, schon allein deswegen möchte ich es nicht. Aber wenn Mark so eine Überlegung hat, zeigt das für meine Begriffe seine vollständige Akzeptanz.

08. und 09. August: Homeoffice

Auch an diesen beiden Tagen war Wiebke im Homeoffice und an beiden Tagen hatte ich das Bedürfnis, mich schicker zu machen als für den Anlass erforderlich. Am 8. August war ich in der Mittagspause im Supermarkt einkaufen und habe Altkleider zum Recycling gebracht.

10. August: Homeoffice und Video Call mit Ophélia

Auch heute war wieder Wiebke im Homeoffice. Es war ein ausgesprochen ruhiger Tag, alle wussten bereits, dass dies für mindestens die nächsten vier Wochen mein letzter Arbeitstag sein würde, und behelligten mich deswegen nicht mehr mit neuen Aufgaben. Daher hatte ich die Möglichkeit, eine E-Mail an eine endokrinologische Praxis zu schreiben, in der ich um einen Termin bat. Mit viel Bedacht habe ich den schriftlichen Weg gewählt, die Sachlage ist meines Erachtens zu kompliziert, um sie in einem schnellen Telefonat zu vermitteln bzw. zu verstehen. Ich schrieb folgendes:

“Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bitte um einen Termin zur Abklärung des im folgenden beschriebenen Sachverhalts. Leider ist der Sachverhalt recht kompliziert, weswegen ich zur Vermeidung von Missverständnissen den schriftlichen Weg zur Terminanfrage wähle. Ich wäre mir alles andere als sicher, welchen der auf Ihrer Website dargestellten Fachbereiche ich wählen sollte...

Im Jahr 2015 wurde bei mir ein Testosteronmangel festgestellt und in der Folge mit Depotspritzen behandelt. Schon vor dieser Behandlung habe ich jährlich meinen PSA- Wert ermitteln lassen, er lag durchweg unter 1. Während der Testosterongabe habe ich diesen Wert ebenfalls ermitteln lassen, er war nach wenigen Monaten signifikant auf über 4 gestiegen und stieg dann weiter auf bis zu 8. Ich habe die Behandlung daraufhin abgebrochen und habe kein Testosteron mehr zuführen lassen. Es lässt sich ja nicht ermitteln, ob ein ursächlicher Zusammenhang bestand, aber der Anstieg kam nach dem Abbruch der Behandlung zum Stillstand und oszillierte seitdem zwischen ca. 6 und 9.

Anfang des Jahres habe ich den Urologen gewechselt und der neue Urologe hat meine Prostata biopsiert. Es liegt Prostatakrebs vor, der auch im Rippenbereich metastasiert hat. Ich habe bereits Bicalutamid genommen und eine Spritze Leuprone erhalten, die in drei Monaten aufgefrischt wird. Die Metastasen wurden im Rahmen eines PSMA-PET-CT festgestellt und zufällig wurde auch eine Vergrößerung meiner Schilddrüse um mehr als das Doppelte des Üblichen festgestellt. Sie soll nun operativ verkleinert werden.

Zusätzlich bin ich nach Jahrzehnten der Verleugnung seit Oktober vergangenen Jahres in einer Psychotherapie wegen Transidentität (MzF). In dieser Therapie habe ich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit erkannt, dass der festgestellte Testosteronmangel möglicherweise gar kein Mangel im eigentlichen Sinn ist, mein lebenslanges Verhalten, das wir aufgearbeitet haben, deutet darauf hin.

Ich würde nun gerne die hormonelle Gesamtsituation ganzheitlich betrachtet sehen und ggf. daraus Hinweise für eine bestmögliche Behandlung ableiten (lassen). Wenn schon nichts anderes, lässt sich die gegenwärtige Situation in Bezug auf die Testosteronsuppression ggf. nutzen im Hinblick auf eine Hormonersatztherapie. Jeden ihrerseits vorgeschlagenen Termin ich wahr, es sei denn ich bin z.B. im Rahmen einer Reha abwesend. Ich freue mich auf ihre Rückmeldung!

Mit freundlichen Grüßen,”

Nun warte ich auf die Rückmeldung…

Gegen Mittag schrieb ich Ralph an. Gestern habe ich mal wieder vegetarische Frikadellen gemacht und habe das Rezept etwas verändert. Ich habe ein Brötchen dazu getan, mehr Senf und mehr Zwiebeln und überhaupt mehr Gewürze verwendet. Dieses Mal waren sie für meine Begriffe noch besser als schon beim ersten Mal. Und heute fiel mir ein Test ein: Ralph ist der größte Fleischesser, den ich kenne. Eine Frikadelle hatte ich noch und die Idee war, sie ihm zu essen zu geben. Das schrieb ich ihm, natürlich ohne vorher zu sagen, dass sie vegetarisch ist. Er kam kurz vor 5 und klingelte. Zu der Zeit sprach ich gerade mit Hedda am Telefon, beendete das Gespräch aber und bat ihn herein. Ich konnte keine Irritation mehr feststellen, als ich ihm die Tür aufmachte, sein Verhalten war völlig natürlich. Ich erzählte kurz, warum ich am Telefon gewesen war und wir tauschten auch andere Informationen aus, während ich die Frikadelle warm machte. Dann setzte ich sie ihm vor, gab ihm Senf und Ketchup dazu, aber er wollte sie zunächst in Natura probieren. Ihm fiel auf, dass Käse darin war und er fragte etwas später, ob auch Reis da drin sei. Da habe ich das Rätsel aufgelöst und ihm gesagt, dass die Frikadelle vollständig vegetarisch ist und gar kein Fleisch enthält. Er äußerte sich sehr lobend, das sei tatsächlich ein vollwertiger Ersatz.

Im Gespräch verwendete er vollständig die richtigen Personalpronomen und sprach mich auch als Wiebke an, was ich sehr positiv empfunden habe. Da er relativ spät gekommen war, hatte ich nicht mehr so viel Zeit und habe ihn recht schnell wieder hinauskomplimentiert. Wir hatten uns mit dem mittlerweile üblichen Corona- Gruß begrüßt, also Fäuste aneinander. Aber während wir zur Haustür gingen und über den Sonntagabend mit dem Kleid sprachen, drehte er sich plötzlich um und bot mir mit einem Lächeln eine Umarmung an. Daran war nichts gezwungenes, es wirkte auf mich vollkommen natürlich und es hat mich sehr gefreut.

11. August: Die Krebsbehandlung beginnt

Heute bin ich zum ersten Mal bestrahlt worden. Ich habe nichts davon gemerkt.

Etwas anderes schien viel wichtiger, ich wollte wieder Golf mit Mark spielen, dieses Mal in seinem neuen Club. Daher schrieb ich ihm:

"Guten Morgen Mark,

Es gibt vielleicht doch etwas, was du tun kannst. Ich leite das mal ein bisschen her, damit der Gedankengang klar wird.

Am Donnerstag beginnen ja meine Bestrahlungen, dafür habe ich bereits einen Termin, der nämlich um 10:30 Uhr stattfindet. Gleichfalls am Donnerstag bekomme ich meinen Termin für Freitag und dann am Freitag alle Termine für die folgende Woche. Meine Überlegung ist nun folgende:

Länger als eine Stunde wird die Bestrahlung wohl nicht dauern, das heißt, ich wäre gegen 13 Uhr wieder zu Hause. Wie das Ganze generell auf meinen Körper wirkt, weiß ich ja noch nicht, aber ich gehe nicht davon aus, dass mich gleich die erste oder zweite Bestrahlung komplett umhauen wird. Ich könnte mir daher durchaus vorstellen, am Donnerstagnachmittag ab 15:30 Uhr in Gütersloh Golf zu spielen. Den Platz habe ich mir schon virtuell angesehen.

Auch Alternativen habe ich überlegt: Wir kennen es von Ärzten, sie beschließen Ihre Arbeitswoche gerne Freitag Mittags. Auch wenn ich den Termin am Freitag noch nicht kenne, könnte ich vermuten, dass er am Vormittag stattfindet, und deswegen wäre auch der Freitagnachmittag, vermutlich auch wieder ab 15:30 Uhr eine Möglichkeit für mich. Und sicher könnte ich meinen Termin am Montag auf den Nachmittag legen, sodass Hitze ein kleineres Thema wäre.

Falls eine der Alternativen (oder sogar alle? lol!) zeitlich und von der Motivation her passt, würde ich mich sehr darüber freuen, aber du sollst dich natürlich nicht verbiegen! Und einen Disclaimer muss ich auch einbauen: Wenn mich wider Erwarten die Bestrahlungen vollkommen umhauen, dann müssten wir das natürlich wieder absagen. Und vielleicht haben wir ja auch Bedenken wegen der Hitze…

Liebe Grüße,

Wiebke"

Wir einigten uns auf Montag und die Bestrahlungstermine, die ich am Tag darauf mitgeteilt bekam, erlaubten das auch.

12. August: Outing bei Cassandra