Wiebke werden I (E-Book) - Wiebke ter Lichten - E-Book

Wiebke werden I (E-Book) E-Book

Wiebke ter Lichten

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Beschreibung

Es muss etwa im Sommer 2018 gewesen sein, als mich meine Freundin aus heiterem Himmel fragte, ob ich jemals daran gedacht hätte, mich komplett in eine Frau verwandeln zu lassen. Sie meinte vor, dass es interessant sein könnte. Ich druckste ziemlich herum, und ehrlich gesagt war mir der Gedanke vielleicht schon mal für den Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf gegangen, aber ich hatte ihn verworfen, weil ich absolut sicher war, dass das Ergebnis nicht annähernd meinem Qualitätsstandard entsprechen würde. Dann kam Weihnachten 2018 und ihr Geschenk war genau das: ein Makeover. Sie hatte mit der Geschäftsführerin eines Service gesprochen, alle Optionen geprüft, Vorbereitungen getroffen, das volle Programm. Keine Chance für mich zu kneifen! Am Valentinstag 2019 fand das Styling statt und Wiebke wurde geboren. Seitdem entwickle ich eine weibliche Persönlichkeit und habe begonnen, diese Welt als Frau zu erobern, alles unterstützt von meiner geliebten Freundin. Dieser Band 1 ist ein Tagebuch meiner Aktivitäten und Gefühle als Frau seit diesem schicksalhaften Tag bis September 2020. Spätere Ausgaben werden veröffentlicht, so wie sich meine alternative Persönlichkeit entwickelt und genügend Material vorhanden ist.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 182

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Wiebke werden ITagebuch einer überwiegend männlichen Person, die sich mit Transgenderthemen und dem weiblicher werden befasst (Feb. 2019 - Sep. 2020)

Vorwort

Recht genau vier Jahre nachdem ich begonnen habe, dieses Tagebuch zu führen, habe ich einen Stand erreicht, der mir fast ein normales Leben als Frau ermöglicht. Aus heutiger Sicht bin ich auf die Bände 1 bis 3 meines Tagebuchs nicht sonderlich stolz. Sie sind ganz wesentlich vom Erstaunen über mich selbst gekennzeichnet und beinhalten Details, die ich damals für wichtig hielt, heute aber nicht mehr. Ich könnte sie natürlich überarbeiten, aber ich würde damit etwas verfälschen. Es ist für mich auch wichtig und interessant zu verstehen, wie ich damals gedacht habe, und deswegen lasse ich alles so wie es ist. Leser:innen seien mir bitte gnädig!

Prolog

Zum heutigen Zeitpunkt, im August 2020, bin ich 53-jähriger Vater eines 14-jährigen Sohnes, alleinerziehend in den letzten zwölf Jahren. Da mein Sohn und ich zusammen leben, habe ich praktisch keine Zeit, Wiebke, meine weibliche Seite, zu Hause auszuleben, außer zum Beispiel in den seltenen Fällen, in denen er seine Mutter besucht. Er sieht sie nicht regelmäßig, da sie an einer manchmal einschränkenden Krankheit leidet. Es gibt Fälle, in denen er sie besucht und sofort zurückkommt. Selbst wenn er weg ist, muss ich also vorsichtig sein.

Im ersten Kapitel dieses Buches berichte ich von meiner ersten Vollverwandlung zur Frau am 14. Februar 2019 lesen. Vor diesem Datum hatte ich keinen weiblichen Namen und hatte auch nicht das Gefühl, dass etwas fehlte. Aber in Wirklichkeit fehlte tatsächlich etwas! Ich habe begonnen, eine weibliche Persönlichkeit, einen weiblichen Geschmack und einen weiblichen Stil zu entwickeln. Ich weiß, dass dies eine Reihe von Versuchen und Irrtümern sein wird. Mein weibliches Selbst hat ein Bild von sich selbst entwickelt und möchte der Welt zeigen, dass es existiert.

Nach dem Makeover hatte ich mir zunächst den Namen "Riva" gegeben. Meine Freundin Hedda hatte im Laufe der Zeit immer öfter gesagt, dass sie diesen Namen nicht mögen würde. Ich hatte dafür Verständnis, war offen für Vorschläge und bereit, ihn zu ändern, obwohl ich ihn als meinen Namen ansah und nicht als Rolle, die ich spielte. Wenn ich ihn schon ändere, dann wollte ich aber unbedingt einen Namen, den niemand sonst in meinem Umfeld hat, denn sonst hätte ich sofort ein Bild im Kopf, das mich an diese Person und ihre Charaktereigenschaften erinnert. Etwa im April/ Mai 2020 habe ich meinen Namen in Abstimmung mit Hedda in Wiebke geändert.

Das namenlose Wesen in den Jahrzehnten zuvor hatte nicht darüber nachgedacht, wie andere sie sehen, denn es war absolut klar, dass niemand jemals von ihr erfahren würde. Aus dem gleichen Grund hatte sie nie einen Namen. Trotzdem hat sie eine lange Geschichte. Um diesen Text lesbarer zu machen, werde ich dieses Wesen auch als Wiebke bezeichnen, obwohl sie eigentlich noch nicht Wiebke war.

Die junge Wiebke hat eine erste bewusste Erinnerung daran, im Alter von sechs Jahren neidisch auf Mädchen gewesen zu sein. An einem heißen Sommertag sah ich zwei Mädchen in Sommerkleidern im Schulbus nach Hause fahren und die Sandalen der jeweils anderen anprobieren (abscheuliche Modelle übrigens, es waren die 70er!). Etwas Undenkbares für Jungs! Zumindest dachte ich das damals, und wenn ich ehrlich bin, denke ich das immer noch. Meine damaligen Gedanken: Sie haben viel mehr Freiheiten als ich, niemand hält das, was sie tun, für anstößig! Ich wusste, dass ich das selbst nicht tun durfte.

Ich war immer ein hervorragender Schüler, besonders in der Grundschule (und ich rühme mich dessen nicht, ich beschreibe nur die Fakten) und habe mir im Alter von vier Jahren das Lesen beigebracht. In meinem letzten Jahr im Kindergarten las ich den anderen Kindern und der Kindergärtnerin Geschichten vor. Schulkameraden nannten mich manchmal "Professor". Darüber hinaus habe ich fast immer kontrolliertes und vernünftiges Verhalten gezeigt. Das fand großen Anklang bei den Erwachsenen, wurde viel gelobt und löste einen sich verstärkenden Teufelskreis aus: Man wird für das gelobt, was man tut, und das verstärkt das gewünschte Verhalten. Wahrscheinlich bin ich deshalb mit Aufgaben betraut worden, die meiner Ansicht nach nicht altersgemäß waren. Und einige der Dinge, die mir zugewiesen wurden, machten mich nicht gerade zu einem Liebling bei den anderen Kindern. Ich wurde akzeptiert, aber nicht allgemein gemocht. Meine Eltern drängten mich, meinem jüngeren Bruder bei seinen Hausaufgaben zu helfen und ihn zu unterrichten. Weder er noch ich wollten das und es hat unsere Beziehung bis heute beschädigt. Da es nur um den Geist ging, spielte Körperlichkeit keine Rolle und wurde in den Hintergrund gedrängt. Vorsichtige Versuche, meine männliche Persönlichkeit ein wenig modischer anzuziehen, wurden verspottet oder sogar abgelehnt. Infolgedessen habe ich versucht, mich anzupassen, und bin lange nicht mehr aus der mir zugedachten Rolle ausgebrochen. Ich wurde (und werde immer noch von einigen) für meinen Intellekt bewundert, aber eben nur für meinen Intellekt. In der Zwischenzeit gibt es immerhin Menschen in meinem Leben, die mich auch wegen meiner normalerweise angenehmen Natur mögen.

Ich halte mich als Mann für nicht sonderlich gut aussehend. Als Wiebke am 14. Februar 2019 zum ersten Mal in den Spiegel sah, erblickte sie eine sehr attraktive Frau, die sie sofort mochte. Ein paar Tage später berichteten mir die, die dabei waren, dass ich in diesem Moment in Frieden mit mir selbst zu sein schien. Es ist wahr, ich war einfach ich! Weil ich in diesem Moment meine Physis voll und bedingungslos annehmen konnte. Was ich sah, war verlockend und wunderschön.

Die langen Jahrzehnte zwischen den frühesten Kindheitserinnerungen an eine weibliche Person in mir und 2019 sind kaum erwähnenswert. Ich glaube, ich habe ungefähr im Alter von zehn Jahren zum ersten Mal Frauenkleidung angezogen, manchmal war es entspannend, manchmal war ich nervös, weil ich Angst vor Entdeckung hatte. Es gab einige Versuche, das Bild zu vervollständigen, z. B. Versuche mit Make Up, mit schrecklichen Ergebnissen. Es gab Phasen, in denen ich mich um diese Seite kümmern wollte, und Zeiten, in denen ich versuchte, sie zu unterdrücken. Und mein Gewicht schwankte zwischen 77 und 94 Kilogramm, je nachdem, in welcher Phase ich mich befand. Manchmal ließ meine Lebenssituation Raum, um mehr Wiebke- Zeit zu ermöglichen. Im Wesentlichen habe ich so ziemlich alles durchgemacht, was auch andere in meiner Situation erlebt haben. Es gibt nichts Außergewöhnliches, vielleicht mit zwei Ausnahmen in späteren Jahren:

Ehrlichkeit und Vertrauen waren für mich fast mein ganzes Leben lang sehr wichtige Werte. Nach vielen Beziehungen zu Frauen, die nichts über meine andere Seite wussten, war ich es leid, mich verstecken zu müssen, und begann, mich zunehmend dafür zu hassen, unehrlich zu sein. Ich weiß, dass es nicht ideal war und ich hatte die Abfolge der Ereignisse nicht speziell geplant, in meiner Ehe öffnete ich mich erst ganz zum Ende hin. Die Ehe brach aus anderen Gründen auseinander.

Ironischer- und tragischerweise erfuhr ich erst nach der Scheidung, dass ich einen Schwager hatte, der jetzt meine Ex- Schwägerin ist. Meine Frau hat mich während unserer Ehe über dieses (wie sich herausstellte, nicht ganz so geheime) Geheimnis im Dunkeln gelassen. Man könnte argumentieren (und bis heute behaupte ich), dass meine Ex- Frau etwas bei mir gespürt haben muss, bevor wir uns überhaupt näher kamen, mit all dem Wissen, das sie von ihrem damaligen Bruder hatte. Meine Ex- Schwägerin und ich haben vor der Scheidung den Kontakt verloren und kennen uns heute nicht mehr.

In meiner derzeitigen schon zehn Jahre währenden Beziehung habe ich meine Situation von Anfang an offen kommuniziert, sogar schon bevor wir zusammenkamen. Meine Freundin unterstützt mich aktiv, das erste Makeover war ihr Weihnachtsgeschenk. Das ist ein unschätzbares Glück und ich werde nicht aufhören, sie dafür zu preisen und ihr zu danken!

Meine in den folgenden Kapiteln beschriebene Initiation hat zu dem zunehmenden Wunsch geführt, sowohl meine Weiblichkeit zu erforschen als auch Frau in der Welt da draußen sein zu können. Ich weiß nicht, wohin mich diese Reise führen wird. Kapitel werden diesem Tagebuch hinzugefügt, so wie sie entstehen.

Ein besonderer Dank geht an Rhonda Scharf für das Korrekturlesen der englischsprachigen Originalversion dieses Buches und für die Hilfe bei der Formulierung! Ohne sie gäbe es auch diese deutschsprachige Version nicht, weil ich kein einziges Buch veröffentlicht hätte.

14. Februar 2019: Valentinstag, mein erstes Makeover

Es muss etwa im Sommer 2018 gewesen sein, als meine Freundin Hedda mich aus heiterem Himmel fragte, ob ich jemals über eine komplette Verwandlung zur Frau nachgedacht hätte. Sie meinte, dass es interessant sein könnte. Ich druckste rum, sagte ja und nein, und ehrlich gesagt war mir der Gedanke vielleicht für den Bruchteil einer Sekunde in den Sinn gekommen, aber ich hatte ihn verworfen, weil ich absolut sicher war, dass die Ergebnisse nicht annähernd meinem Qualitätsstandard entsprechen würden.

Dann kam Weihnachten 2018, und ihr Geschenk war genau das: ein Makeover bei einem Hamburger Anbieter namens "Schwesternzeit". Sie hatte mit der Geschäftsführerin gesprochen, die Optionen geprüft, Vorbereitungen getroffen, das volle Programm. Keine Möglichkeit für mich, zu kneifen!

Am 13. Februar sind wir nach Hamburg gereist und haben dort übernachtet. Hedda hatte den Valentinstag als Tag für das Makeover gezielt ausgewählt. An diesem Morgen habe ich mich besonders gründlich rasiert, bevor wir zur Schwesternzeit gingen. Ich war unglaublich aufgeregt, immer wenn jemand unseren Weg kreuzte, war ich mir absolut sicher, dass er wusste, was wir vorhatten und in sich hinein kichern würde. Neben Schwesternzeit (am alten Standort, das Studio ist zwischenzeitlich umgezogen) war ein Friseurladen. Als wir vor der Tür standen war ich mir sicher, dass alle im Friseurladen zuschauen. Es war verheerend! Was noch verheerender war: Wir erfuhren, dass es eine Terminverwechslung gegeben hatte. Wir dachten, der Termin sei um 10 Uhr, in Wirklichkeit erwartete uns Karin, die Besitzerin, erst um 13 Uhr. Jetzt mussten wir die Zeit bis dahin vertrödeln, was mich einerseits erleichterte, aber andererseits würde ich diesen "Spaziergang der Schande" wieder machen müssen, was mir natürlich überhaupt nicht gefiel! Zumindest konnte ich mein Gepäck dort lassen. Wie auch immer, Hedda und ich gingen in ein Café und später spazieren, bevor wir zurückkamen.

Im Laufe der Jahre hatte ich eine beträchtliche Menge an Kleidung und Schuhen, etwas Schmuck und sogar eine schreckliche Perücke angesammelt. Ich hatte das alles mitgebracht und wir drei haben es gemeinsam durchgesehen. Karin fing an, Teile zusammenzustellen, die gut zusammenpassen würden (und ich weiß jetzt, dass sie währenddessen im Kopf auch ein Drehbuch für das Fotoshooting entwickelte). Wenn nötig, fügte sie etwas aus ihrem riesigen Fundus hinzu, aber es gab nicht viel, was wir von ihr brauchten. Wir haben drei verschiedene Outfits zusammengestellt, in denen ich fotografiert werden würde.

Sie bat mich, das erste Outfit anzuziehen, ein komplett schwarzes. Sie bat mich auch, zwei BHs zu tragen, einen sehr engen und einen normal großen (etwas, das ich immer noch mache). Der enge BH hilft dabei, die Anmutung eigener Oberweite zu schaffen, denn ich habe sowieso schon einen Brustansatz, der fast an ein Cup A heranreicht. Ich wurde zum Umziehen allein gelassen. Das Anziehen war kein Problem, ich hatte das hunderte Male gemacht. Mich meiner Freundin zu präsentieren war auch nichts Neues. Aber mich einer völlig Fremden zu zeigen, war etwas anderes. Ich kam nur sehr ungern aus dem Raum. Aber Karin war absolut professionell und tat so, als wäre es das Normalste der Welt. Und für sie ist es das natürlich auch! Sie hat eine wunderbare Art, mit diesen Situationen umzugehen. Ich beruhigte mich schnell ...

Als nächstes bat Karin mich, mich vor einen großen Spiegel zu setzen, und warf einen langen Blick auf mein Gesicht, überprüfte und wägte ab. Sie fing dann an, mich zu schminken. Ich hatte vorher selten versucht, mich selbst zu schminken, daher waren alle Gefühle für mich ziemlich neu. Ich konnte keinem ihrer Schritte folgen, hatte einfach überhaupt keine Ahnung. Es fühlte sich sehr seltsam an. Währenddessen sprach Karin mit Hedda und fragte sie dies und das, ob Crossdressing Teil unserer erotischen Welt sein würde, wie wir zusammengekommen waren, was das alles für sie bedeutet. Sie lobte sie sehr für ihre Offenheit, nur etwa 10 - 20% ihrer Kunden sind mit ihren Partnerinnen da, nur ein Teil dieser Partnerinnen akzeptiert das Crossdressing und noch weniger unterstützen es. Ich durfte nicht sprechen, aber das zu hören, machte mich sehr stolz, obwohl es für mich nicht neu war! Ich weiß um, und ich schätze die fast einzigartig vorteilhafte Position, in der ich mich befinde!

Schließlich war das Make-up fertig, mit fast allem, was man sich vorstellen kann. Trotzdem betrachtete ich ein seltsam verzerrtes Bild eines Mannes im Spiegel. Dann war es Zeit für die Perücke. Ich erinnere mich nicht, ob ich die erste gewählt habe oder ob es Karin war. Wir haben eine rötliche gewellte Perücke gewählt. Mir wurde gesagt, ich solle meine Augen schließen und die Perücke wurde mir auf den Kopf gesetzt. Als nächstes wurde mir gesagt, ich solle mich umdrehen, damit ich mich nicht im Spiegel betrachten kann. Dann machte meine Freundin ein erstes Foto, nachdem ich meine Augen öffnen durfte. Und erst dann durfte ich mich selbst anschauen ...

Ich werde mich immer an diesen Moment erinnern: Ich schaute in den Spiegel und hatte zwei Gefühle fast gleichzeitig: Was ich sehe, ist eine Frau! Und die Frau, die ich sehe, bin ich! An mir ist nichts Männliches! Ich habe mich selbst erkannt, das ist, wer ich bin. Ich hätte damals anfangen können zu weinen, ich könnte jetzt im Rückblick weinen. Es war ein lebensverändernder Moment!

Ich brauchte etwas Zeit, um mich von dieser Welle von Emotionen zu erholen. Das nächste Gefühl, an das ich mich erinnere, war intensives Bedauern. In all den Jahren hatte ich nie eine vollständige Transformation versucht, weil ich zu 100% sicher war, dass nichts halbwegs Anständiges erreicht werden konnte. Und hier war ich!

Und ich hätte wieder anfangen können zu weinen. Karin sah das natürlich und wusste auch, wie man einen vollständigen Zusammenbruch verhindert. Sie hat mich beschäftigt. Ich musste aufstehen, sie passte mein Outfit und meine Haare an. Aber nun musste Hedda gehen, sie hatte Tickets für einen bestimmten Zug gebucht und wegen der Termingeschichte heute Morgen war es für sie Zeit zu gehen. Ich küsste sie zum Abschied, dankte ihr ausgiebig ... und dann waren da nur noch Karin und ich.

Ich erinnere mich, dass Karin mich ziemlich bald, nachdem Hedda gegangen war, nur lange angesehen und dann gesagt hat: "Hier ist viel mehr los als das, was du deiner Freundin erzählt hast, oder?" Ich hatte keine Ahnung, was sie meinte. Ich weiß nicht, was meine Antwort war, aber ich habe sie danach kontaktiert und wollte wissen, was sie gesehen hatte, was ich nicht gesehen hatte. Inzwischen weiß ich es. Schon damals hatte sie gespürt, dass ich nicht nur ein gewöhnlicher Crossdresser war.

Sie hatte die Veränderung meiner Gestik und Mimik gespürt. Und sie dachte, dass ich das tat, weil ich es schon gewohnt war, weil sie annahm, dass es schon viele Gelegenheiten wie diese gegeben hatte und ich meiner Freundin einfach nicht die ganze Wahrheit gesagt hatte. Ich sagte, ich wüsste nicht, was sie meinte, und ich weiß nicht, ob sie meiner Antwort damals glaubte, wahrscheinlich nicht, aber sie glaubt mir jetzt. In gewisser Weise haben mich diese Momente unter ihren Kunden einzigartig gemacht, meines Wissens hat sie das noch nie zuvor oder seitdem gehabt.

Während des Termins machte sie eine Menge Bilder in verschiedenen Outfits, ließ mich auf Arten posieren, die mich manchmal fast umfallen ließen, alles ging so atemberaubend schnell. Am Ende war ich so erschöpft, dass ich nicht einmal mehr lächeln konnte. Wir hatten drei Stunden gebucht, aber am Ende bekam ich fünfeinhalb Stunden (ein wiederkehrendes Muster, Termine, die ich mit Karin habe, enden niemals pünktlich). Ich nahm den letztmöglichen Zug nach Hause und ich hätte gerne mit Hedda vom Zug aus gesprochen, aber war das nicht machbar, es gab zu viele Ohren um mich herum. Also unterhielten wir uns stundenlang, nachdem ich wieder zu Hause war.

Ich erinnere mich nicht gut an das, was ich in den nächsten Tagen getan habe. Es scheint, als wäre ich auf Autopilot gelaufen, aber ich erinnere mich noch, dass ich vollkommen benommen war. Ich war traurig, glücklich, motiviert und alles zugleich. Als ich ungefähr eine Woche später endlich zur Besinnung kam, vereinbarte ich einen Folgetermin mit Karin für den 15. April.

Ich war mir sicher, dass ich das öfter machen wollte und hatte bereits den Drang, Schminken zu lernen. Ich habe online eine gute Perücke gekauft, die der ersten ähnelte, die ich bei Schwesternzeit ausprobiert habe, habe noch mehr Kleidung und Schuhe angeschafft und was sonst nicht alles.

Ach, und ich musste einen Namen wählen! Karin fragte mich, wie ich heiße, denn dann würde sie wissen, an wen sie die Bilder senden sollte, und ich hatte keine Ahnung, weil ich nie das Gefühl gehabt hatte, dass ich einen brauchen würde. Ich gebe zu, dass ich hier einen schwerwiegenden Fehler gemacht habe: Ich habe das alleine gelöst, ohne Hedda einzubeziehen. Ich kam auf Riva ter Lichten, was auf "Fluss zum Licht" anspielen sollte. Ich war ziemlich stolz darauf, bis ich herausfand, dass Hedda es doof fand. Eine Weile klammerte ich mich daran, aber schließlich suchten Hedda und ich nach einem Namen, den wir beide gerne hätten. Mein Vorname wurde dann in Wiebke geändert, aber es dauerte ein Jahr, bis ich das endlich durchgezogen habe. Deshalb gibt es im Internet immer noch URLs, Erwähnungen usw., die auf "Riva" lauten.

15. April 2019: zweiter Besuch der Schwesternzeit

Kurz nach dem ersten Makeover buchte ich einen weiteren Termin bei der Schwesternzeit. Wir einigten uns auf den 15. April (mein Sohn war zufällig in den Osterferien) und das Ziel war nicht ein Fotoshooting, sondern Make Up-Unterricht. Ich war mir sicher, dass ich so schnell wie möglich autark werden wollte. Als die Zeit gekommen war, habe ich trotzdem etwas zum Anziehen eingepackt, weil ich das Gefühl hatte, dass ich die Ergebnisse nur dann voll und ganz schätzen und bewerten kann, wenn ich auch für diesen Anlass angezogen bin.

Am Sonntag, den 14. April, nahm ich wieder den Zug und übernachtete in einem Hotel. Am nächsten Morgen ging ich mit all meinen Sachen zur Schwesternzeit. Der Termin war um 10 Uhr. Als ich ankam, war schon eine andere Kundin da, Lara. Sie hatte ein ähnliches Ziel, sie wollte lernen, wie man smokey eyes schminkt. Also saßen wir beide da, jede vor ihrem eigenen Spiegel. Lara war schon mit den Grundtechniken vertraut, so dass sie für nichts außer für die Augen eine Anleitung brauchte.

Für mich war alles neu. Und Karin erklärte geduldig Techniken, beantwortete meine Fragen, von denen einige im Nachhinein wirklich dumm waren. Wir waren uns einig, dass sie die rechte Gesichtshälfte machen würde und ich würde versuchen, sie auf der linken Seite zu kopieren. Die linke Seite ist für mich viel einfacher, weil ich da sehen kann, was ich tue. Wenn es die rechte Seite wäre, hätte ich Probleme zu sehen, was ich mache, weil ich ein fast blindes linkes Auge habe. Wir diskutierten auch, ob es eine Technik geben würde, die mir über das linke Auge hinweg hilft, aber Karin kannte keine.

Wir gingen langsam durch den gesamten Prozess und ich machte mir Notizen zu den von ihr empfohlenen Produkten, der Abfolge der Schritte, was wo angewendet werden soll usw. Sie brachte mir sogar ein bisschen das Konturieren bei. Viele der Informationen blieben einfach nicht hängen, weil zu viel zu verarbeiten war. Aber wir haben einen Grundstein gelegt, auf dem ich später aufbauen konnte. Und sie hat mich mit einem maßgeschneiderten Starter- Kit aus ihrem Vorrat ausgestattet. Währenddessen bekam Lara auch Empfehlungen und das Ergebnis war erstaunlich, wie auch Lara selbst. Klein und zerbrechlich wie sie war, erfuhr ich später, dass sie in ihrem täglichen Leben A380- Flugkapitän ist. Sie hatte das süßeste Abendkleid mitgebracht, das man sich vorstellen kann, und sie hatte eine blonde lange Perücke und Riemchensandalen mit hohen Absätzen. Während sie neben mir saß, war sie in triste und weite Männerklamotten gekleidet, erst nachdem das Make Up fertig war, stellte sie alles zusammen. Als ich sie sah, fühlte ich mich wie mit einem Hammer geschlagen.

Vor diesem Termin hatte ich online eine Perücke bestellt, die der ersten des Makeovers ähnelte, aber sie war nicht rechtzeitig eingetroffen. Die von Karin war "in Wartung", also mussten wir Ersatz finden.

Ich hatte es nicht geplant, vielleicht hätte ich sogar den ganzen Termin abgebrochen, hätte mir jemand gesagt, was als nächstes passieren würde. Als meine Perücke dort war, wo sie hingehörte, nämlich auf dem Kopf, und Lara ein paar Bilder bei Tageslicht machen wollte, drängten mich beide, mich ihnen draußen anzu- schließen. Und ich tat es! Zum ersten Mal!

Es war furchtbar, ich hatte das Gefühl, entweder würde mich der nächstbeste Passant töten oder der Himmel würde zusammenbrechen. Natürlich passierte so etwas nicht ... und ehrlicherweise war meine erste Outdoor- Erfahrung wirklich nur, dass ich kaum aus der Tür ging, vielleicht sieben Meter. Karin machte Fotos, einen Service, den ich nicht gebucht hatte und für den sie nichts haben wollte. Ich stand da und grinste schief (ohne mich danach zu fühlen) durch zusammengebissene Zähne. Ich murmelte "Ich möchte wieder hinein" und hatte nur Angst, dass jemand "Freeeeak" schreien würde. Ich war sehr froh, als ich endlich wieder hineingehen durfte.

Die Zeit war bereits abgelaufen, wie es so oft vorkommt, wenn Karin mitgerissen wird, also haben Lara und ich unser Make Up entfernt und uns wieder in Männer verwandelt. Mit einem Haufen Make Up, Pinseln usw. fuhr ich zum Bahnhof. Lara kam mit und wir trennten uns, als ihr Zug abfuhr. Als ich alleine dort stand und auf den Zug wartete, dachte ich darüber nach, was passiert war und wie es wäre, wenn ich auf dem Bahnsteig stünde, ohne wieder in den Männermodus zurückgekehrt zu sein. Plötzlich wusste ich, dass ich das unbedingt wollte! Ich versprach mir, so schnell wie möglich zurückzukommen und Karin mich in diese Welt begleiten zu lassen.

23. Juli 2019: 3. Besuch in der Schwesternzeit, erstes Mal draußen