Wiebke werden II (E-Book) - Wiebke ter Lichten - E-Book

Wiebke werden II (E-Book) E-Book

Wiebke ter Lichten

0,0
7,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Es muss etwa im Sommer 2018 gewesen sein, als mich meine Freundin aus heiterem Himmel fragte, ob ich jemals daran gedacht hätte, mich komplett in eine Frau verwandeln zu lassen. Sie meinte vor, dass es interessant sein könnte. Ich druckste ziemlich herum, und ehrlich gesagt war mir der Gedanke vielleicht schon mal für den Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf gegangen, aber ich hatte ihn verworfen, weil ich absolut sicher war, dass das Ergebnis nicht annähernd meinem Qualitätsstandard entsprechen würde. Dann kam Weihnachten 2018 und ihr Geschenk war genau das: ein Makeover. Sie hatte mit der Geschäftsführerin eines Service gesprochen, alle Optionen geprüft, Vorbereitungen getroffen, das volle Programm. Keine Chance für mich zu kneifen! Am Valentinstag 2019 fand das Styling statt und Wiebke wurde geboren. Seitdem entwickle ich eine weibliche Persönlichkeit und habe begonnen, diese Welt als Frau zu erobern, alles unterstützt von meiner geliebten Freundin. Dieser Band 2 ist ein Tagebuch meiner Aktivitäten und Gefühle als Frau seit September 2020 bis zum Dezember desselben Jahres. Spätere Ausgaben werden veröffentlicht, so wie sich meine alternative Persönlichkeit entwickelt und genügend Material vorhanden ist.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 173

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Prolog

10. September: Therapie oder nicht?

20. September: Bedauern in Hamburg

10. bis 17. Oktober: eine weitere Wiebke- Woche

Samstag, 10. Oktober: ein Besuch bei Freunden in Kiel

Sonntag, 11. Oktober: Kiel und Hamburg, reisen in hübsch

Fazit der zwei Tage

Montag, 12. Oktober: Hamburg, ein Folgeouting en femme

Fazit des Tages

Dienstag, 13. Oktober: Erschöpfung, Verlegenheit, Besichtigung und ein Beinahe- Zusammenbruch

Fazit des Tages

Mittwoch, 14. Oktober: ein entspanntes Bergfest

Fazit des Tages

Donnerstag, 15. Oktober: Reisen in hübsch & Make Up- Unterricht

Fazit des Tages

Freitag, 16. Oktober: mehr Make Up-Unterricht & Treffen mit Freunden

Fazit des Tages

Samstag, 17. Oktober: Wochenabschluss und Fahrt nach Hause

Fazit der Woche

Sonntag, 25. Oktober: wachsendes Unbehagen und ein Vertrauensbeweis

Montag, 26. Oktober: Die Perücke ist zurück!

Dienstag, 26. Oktober: Haarentfernungsberatung

3. und 4. November: Wiebke vertritt ihren Wirt bei der Arbeit

5. und 6. November: ein vorübergehender Rückschlag?

7. und 8. November: ein schlechter Traum und eine Wiederaufführung

11. und 12. November: Geburtstag

19. November: Einkaufsfahrt nach Hamburg

21. November: schon wieder Hamburg

27. November: Lidstraffung?

5. Dezember: ein Treffen in meiner Heimatstadt

14. Dezember: Es passiert nicht viel

15. Dezember: zwei lang erwartete Nachrichten und eine, auf die ich hätte verzichten können

Mein Brief an „railbow“

Schriftverkehr mit meiner Bank

23. Dezember: ein Tag mit Claudia

26. bis 30. Dezember: Wiebke besucht Irene

26. Dezember: Reisevorbereitungen

27. Dezember: Wo nie zuvor ein Mensch gewesen ist…

28. Dezember: Sightseeing in Forst

30. Dezember: zurück nach Hause, das Jahr abschließen

31. Dezember: Ein Jahresrückblick

Alphabetisches Personenverzeichnis

Nachwort

Über die Autorin

Impressum

Wiebke werden II

Teil II des Tagebuchs einer noch überwiegend männlichen Person, die sich mit Trans- Themen und dem weiblicher werden befasst (September 2020 bis Dezember 2020)

Vorwort

Recht genau vier Jahre nachdem ich begonnen habe, dieses Tagebuch zu führen, habe ich einen Stand erreicht, der mir fast ein normales Leben als Frau ermöglicht. Aus heutiger Sicht bin ich auf die Bände 1 bis 3 meines Tagebuchs nicht sonderlich stolz. Sie sind ganz wesentlich vom Erstaunen über mich selbst gekennzeichnet und beinhalten Details, die ich damals für wichtig hielt, heute aber nicht mehr. Ich könnte sie natürlich überarbeiten, aber ich würde damit etwas verfälschen. Es ist für mich auch wichtig und interessant zu verstehen, wie ich damals gedacht habe, und deswegen lasse ich alles so wie es ist. Leser:innen seien mir bitte gnädig!

Prolog

Dies ist der zweite Teil meines Tagebuchs, und ich empfehle, mit dem ersten Teil zu beginnen, wenn Sie den nicht schon gelesen haben.

Zum 31. Dezember 2020 bin ich ein 54-jähriger Vater eines 15-jährigen Sohnes, seit dreizehn Jahren alleinerziehend. Da wir zusammen leben, bleibt mir nur wenig Zeit, um Wiebke, meinen weiblichen Charakter, zu Hause ausleben zu können. Ich muss immer noch vorsichtig sein.

Ich berichte hier über meine Fortschritte seit dem Ende meines ersten veröffentlichten Tagebuchs. Allein aus der Tatsache, dass ich 19 Monate gebraucht habe, um den ersten Teil zu schreiben, und weniger als vier Monate, um diesen zweiten Teil in vergleichbaren Größe zu erstellen, kann man schließen, dass die Geschwindigkeit, mit der sich Wiebke entwickelt, um ein Vielfaches gestiegen ist.

In meiner jetzigen Beziehung von fast elf Jahren habe ich von Anfang an, noch vor dem Start, offen über meine Situation kommuniziert. Meine Freundin unterstützt mich immer noch aktiv, das erste Makeover war ihr Weihnachtsgeschenk. Zwischenzeitlich macht sie sogar mit anderen Partnern eine eingeschränkte Peer-Beratung.

Ich habe angefangen, einen dritten Teil zu schreiben, und wieder werden Episoden zu diesem Tagebuch hinzugefügt, sobald sie geschehen. Das dritte Buch wird Themen aufgreifen, die ich in diesem Buch offen gelassen habe, weil es nichts Neues zu berichten gibt.

Ein besonderer Dank geht auch hier an Rhonda Scharf für das Korrekturlesen der englischsprachigen Originalversion dieses Buches. Ohne sie gäbe es auch diese deutschsprachige Version nicht, weil ich kein einziges Buch veröffentlicht hätte.

10. September: Therapie oder nicht?

Nach meiner Rückkehr aus Hamburg haben Hedda und ich natürlich ausführlich über alles gesprochen. Bisher waren sie und ich in Bezug auf meinen Sohn auf einer Seite, in dem Sinne, dass wir beide es für richtig hielten, ihm nichts über Wiebke zu erzählen, zumindest bis seine Pubertät vorbei ist.

Das hat sich sehr zu meiner Überraschung geändert. Ich denke immer noch, ich sollte meine andere Persönlichkeit noch nicht mit ihm teilen, er hat schon genug durchgemacht. Aber Hedda befürchtet eine versehentliche Begegnung und hat mich gebeten, mit einem Therapeuten über die Möglichkeiten zu sprechen, die ich habe. Bisher hatte Hedda normalerweise Recht, wenn sie etwas gesagt hat (nicht nur über mich). Sie hat die Gabe, Dinge viel früher als andere zu sehen. Sie war zum Beispiel diejenige, die Verhaltensänderungen bei mir bemerkte, als mein Testosteronspiegel schwankte. Also bin ich bereit, ihr zuzuhören.

Ich habe einige spezialisierte Therapeuten in meiner Nähe recherchiert. Es gibt nicht so viele, aber ich fand zwei, einen Mann und eine Frau, die besser zu passen scheinen als die anderen, und ich kontaktierte die Frau am 10. September und beschrieb meine Gedanken. Am 28. September kontaktierte ich sie erneut, weil es keine Antwort gegeben hatte.

20. September: Bedauern in Hamburg

Heute war ich wieder in Hamburg, um Freunde aus meinem männlichen Leben zu treffen, die mein Soul- Musik- Hobby teilen. Trotz Corona hatte jemand abends ein Open- Air- Konzert an einem Kreuzfahrtterminal organisiert. Vorher kamen viele von uns in einem Restaurant zusammen. Die meisten von uns haben sich seit Beginn der Pandemie nicht mehr gesehen und wir haben die Gesellschaft der anderen sowie die Musik sehr genossen. Wer auch immer das Restaurant reserviert hatte, hat in Bezug auf Wiebke eine interessante Wahl getroffen, natürlich ohne sie zu kennen. Das Restaurant befand sich nur wenige hundert Meter vom Restaurant Fischereihafen entfernt,in dem ich am 28. Juli mit Martin gewesen bin und in dem ich mein Outfit in der Damentoilette gewechselt hatte. Ich ging für einen Moment dorthin und schwelgte in Erinnerungen. Und das stimmte mich auch irgendwie auf den Rest des Tages ein. Später, als wir mit dem Essen fertig waren und es Zeit war, zum Kreuzfahrtterminal zu fahren, nahm ich die S- Bahn (andere fuhren mit dem Auto und es stellte sich heraus, dass das doppelt so lange dauerte), um dorthin zu gelangen. Und ich kam an mindestens einem Dutzend Orten vorbei, an denen Wiebke bereits gewesen war. Es hat mich ziemlich traurig gemacht, dass ich nicht als Wiebke teilnehmen konnte. Mehr als einmal war ich kurz davor, jemandem von ihr zu erzählen, aber ich hielt mich zurück. Ich nehme an, dass es mit der Zeit schwieriger wird, mich zurückzuhalten.

10. bis 17. Oktober: eine weitere Wiebke- Woche

Samstag, 10. Oktober: ein Besuch bei Freunden in Kiel

Viel früher als erwartet, durfte ich wieder eine ganze Woche Wiebke sein. Anfangs hatte ich geplant, eine ganze Woche lang Sport an der Ostseeküste zu treiben. Ich mache das seit 10 Jahren einmal im Jahr, es macht Spaß und ist kostengünstig, meine Krankenversicherung deckt einen Teil davon ab. Aber dieses Jahr wurde es wegen Corona abgesagt. Ich hatte mich sowieso eine Woche zu Hause freigeschaufelt und beschloss dann, die Zeit für Wiebke zu nutzen. Mein Sohn sollte für eine vorher vereinbarte Woche bei seiner Mutter bleiben und am Freitagnachmittag das Haus verlassen. Natürlich hat er seinen eigenen Kopf und hat das Haus erst am Samstagmorgen verlassen, obwohl ich schon gegangen bin. Das Packen war deswegen etwas umständlich. Ich musste sehr vorsichtig sein und konnte nicht alles so zusammenstellen, wie ich wollte. Außerdem musste ich vorher nie für eine längere Zeit Wiebke- Sachen für kühleres Wetter packen. Und als ich das Haus verließ, hatte ich das Gefühl, etwas sehr Wichtiges vergessen zu haben.

Am frühen Morgen, kurz nach sieben, ging ich zum Bahnhof und stieg in einen Zug nach Kiel, um dort Freunde zu besuchen. Die Reise war diesmal sehr angenehm, ich musste in Osnabrück einmal umsteigen und der nächste ICE brachte mich direkt nach Kiel.

Ich wurde am Bahnhof, der sich neben dem Hafen befindet, von meiner Freundin Svea abgeholt und sie brachte mich zu ihrer Wohnung. Dort traf ich ihren siebenjährigen Sohn und ihre Partnerin Isabel.

Wieder eine Vorstellung: Svea ist seit etwa zwei Jahren von ihrer zweiten Frau getrennt und lebt seitdem alleine. Sie und ihre Frau hatten eine Partnerschaft, die lange Zeit mit Sveas trans Themen zurechtkam. Am Ende hat es dann auch aus anderen Gründen nicht geklappt. Svea wurde vor Jahren offener androgyn und feminisierte ihr Aussehen im Laufe der Zeit sichtbar, sowohl privat als auch beruflich. Den meisten Menschen hat sie sich jedoch erst vor einigen Monaten erklärt, als sie in einer Reihe von Coming-Outs das Offensichtliche thematisierte und sagte, sie sei eine trans Frau. Inzwischen hat sie ein neues Schild an ihrer Bürotür, eine neue E-Mail-Adresse usw. und lebt durchgängig als Frau. Vor ein paar Monaten traf sie Isabel und sie verliebten sich. Isabel arbeitet unter der Woche in Hamburg und pendelt am Wochenende nach Kiel. Sie hat sich vor einem Jahr geoutet und ihre Frau hat eine (nicht einvernehmliche) Scheidung beantragt. Ihre Kinder werden von ihr entfremdet und sie nimmt deshalb Medikamente gegen Depression. Der Umgang mit ihrer zukünftigen Ex- Frau ist noch schlimmer geworden, nachdem sie einige Wochen zuvor auch gesetzlich eine Frau geworden ist.

Ich war als Mann gereist und betrat die Wohnung natürlich in männlicher Präsentation. Wer meinen ersten Band gelesen hat, weiß, dass ich das hasse, weil es bedeutet, dass ich mich in einem Zwischenzustand zeigen muss, nicht männlich und nicht weiblich. In diesem Fall hatte ich noch größere Bedenken, weil der 7-Jährige Junge ja auch da war. Aber Svea versicherte mir, dass es vollkommen in Ordnung sei. Nachdem wir uns ausgiebig begrüßt hatten, bekam ich etwas Platz und Zeit, mich umzuziehen und mich zu schminken. Ich habe ungefähr eine Stunde gebraucht. Da ich wusste, dass wir später an den Strand gehen würden, falls das Wetter mitspielt, entschied ich mich für eine Strumpfhose, meine enge silberne Hose, das weiße Spaghetti- Top und die weiße Bluse, ich würde die gelben Sneakers ergänzen, wenn wir das Haus verlassen.

Während ich mich schminkte, hörte ich, wie Sveas Sohn sie fragte, was Wiebke mache. Svea antwortete, sie schminke sich. Dann fragte er warum und Svea sagte, Wiebke sei manchmal auch gerne eine Frau. Er sagte 'ah' und spielte dann weiter. Als er mich nach der Verwandlung sah, war er nicht im Geringsten irritiert und nahm mich einfach wie ich war. Ganz im Ernst: Wenn Erwachsene das so einfach könnten wie dieses Kind, wäre die Welt ein viel besserer Ort!

Svea ist ein absoluter Profi was Make Up angeht, deshalb hat sie mein Make Up ein bisschen ergänzt. Danach sah es, wie ich gestehen muss, viel besser aus.

Als ich fertig war, stiegen wir alle in Sveas Auto und machten uns auf den Weg zur Ostsee. Svea brachte uns nach Stein (Probstei) im Kreis Plön, einem winzigen Dorf mit 800 Einwohnern, in dem Svea mit ihrer Frau und ihren Kindern nur 300 m vom Strand entfernt gelebt hatte. Dort gibt es auch eine Seebrücke, auf der wir gelaufen sind. Wir haben natürlich Fotos gemacht.

Als Wiebke am Meer zu sein, war etwas, was ich schon lange machen wollte. Da ist dieses Bild in meinem Kopf, wo ich barfuß in einem kurzen Rock oder Kleid am Sandstrand spazieren gehe, starker Wind kommt von vorne, die Sonne scheint auf mein Gesicht, und ich trage meine Riemchensandaletten in der Hand. Interessanterweise sind diese Schuhe in meiner Vorstellung weiß, obwohl ich nicht glaube, dass ich tatsächlich weiße Schuhe kaufen würde, es sei denn, es handelt sich um Turnschuhe. Das muss ein tief verwurzeltes Klischee sein, das ich da im Kopf habe.

Naja, dieses Bild an der Ostsee im Oktober umzusetzen funktioniert natürlich nicht ganz, aber es war trotzdem großartig, dort zu sein. Der Wind war genauso stark wie in meiner Vorstellung und nichts geht über den Geruch des Meeres, egal was man anhat. Und sonnig war es auch!

Svea steckt normalerweise voller Wunder und Überraschungen. Ihr Sohn hatte bereits Pommes an einem Stand bekommen, an dem wir vorbeikamen, und für Isabel und mich holte sie ein Stück Räucherlachs aus ihrer Handtasche, das wir dort aßen. Die ganze Zeit war Sveas Sohn ein unglaublicher Schatz! Nach einer Weile stellten wir fest, dass im Oktober wirklich Herbst ist, weil der Wind kalt ist. Also fuhren wir zurück nach Kiel.

Hatte ich erwähnt, dass Svea voller Überraschungen ist? Sie hatte im Voraus angekündigt, dass wir später am Nachmittag grillen würden. Was sie nicht erwähnt hatte, war das 1 kg Stück Roastbeef, das sie aus ihrem Kühlschrank hervorholte. Sie legte auch etwas Kräuterbutter auf Ciabatta- Brot und geschnittene Paprika, Zucchini und Karotten, die sie alle auf den Grill legte, nachdem sie das Roastbeef in sechs riesige Steaks geschnitten hatte. Wir haben das meiste davon gegessen, begleitet von Rotwein und Champagner, es war wunderbar.

Gegen sieben Uhr abends waren wir mit dem Essen fertig, aber wir hatten noch nicht fertig getrunken. Nach einer Nacht voller Diskussionen über Beziehungen, allerlei transbezogene Themen, Scherzen und Mädchengesprächen fanden wir kurz nach vier Uhr morgens ein Ende. Es war einfach vernünftig, ich glaube aber, dass uns die Themen für die nächsten vier Tage nicht ausgegangen wären. Wir gingen alle ins Bett, nachdem wir uns abgeschminkt hatten.

Sonntag, 11. Oktober: Kiel und Hamburg, reisen in hübsch

Drei Stunden später wachte ich von Geräuschen aus der Küche wieder auf. Das Unvermeidliche war natürlich passiert, Sveas Sohn zeigte sich unbeeindruckt von drei Frauen, die die ganze Nacht geredet hatten und wollte etwas Aufmerksamkeit. Wie gut weiß ich das aus der Zeit, als mein Sohn sieben oder jünger war! Während ich Mitleid mit Svea hatte, versuchte ich erfolglos, wieder einzuschlafen. Zehn Minuten später stand ich auf, duschte und schminkte mich, nachdem ich eine schwarze Strumpfhose, eine Jeanshose, das weiße Spaghetti- Oberteil und eine gelbe Kurzarmbluse angezogen hatte, was später mit meinen schwarzen 8cm- Schnürstiefeln ergänzt wurde.

Isabel war viel erfolgreicher im Weiterschlafen, sie wachte ungefähr eine Stunde später auf, schnappte ein bisschen frische Luft, entschied dann, dass sie einen Kater hatte und schlief wieder ein, während Svea mir wieder mit meinem Make Up half. Svea, ihr Sohn und ich frühstückten und ich erinnerte Svea versehentlich daran, dass sie später einen Kuchen backen wollte. Eines ihrer vielen Talente ist, dass sie eine hervorragende Konditorin ist. Sie wird immer wieder gebeten, wirklich großartige Torten zu machen. Das arme Ding würde an diesem Tag keinen Schlaf aufholen können.

Schließlich war es Zeit für mich zu gehen, also packte ich. Ich vermisste meine rote Brille und konnte sie nicht finden, aber ich hatte meine Abreise schon verschoben, den geplanten ICE verpasst und musste jetzt einen Nahverkehrszug nehmen, also ging ich trotzdem. Sveas Sohn war sehr zutraulich geworden. Er gab mir eine Lego- Figur von Darth Vader mit einem Schwert und sagte, der würde mich beschützen. Dann umarmte er mich. Es war zum Dahinschmelzen, wie süß er war!

Ich hatte mir für diese Woche vorgenommen, so viele Dinge wie möglich als Wiebke zu tun, und dazu gehört natürlich auch das Reisen. Ich nahm meinen Koffer, Rucksack und Handtasche, ging zur nächsten Bushaltestelle und fuhr mit dem Bus zum Bahnhof. Von dort fuhr ich mit dem Nahverkehrszug nach Hamburg.

Während der 90- minütigen Fahrt habe ich viel auf meinem Handy geschrieben, ungestört und völlig entspannt. Es ist höchst eigenartig, wie schnell sowohl der Nervenkitzel als auch die Angst, en femme zu reisen, nachlassen. Meine erste und bislang auch letzte Zugfahrt als Wiebke war im Februar dieses Jahres und damals war es zunächst unerträglich und dann ganz normal. Diesmal war es von Anfang an ganz normal. Ich liebe es wirklich, wie ich mich in der Öffentlichkeit frei bewegen und einfach beiläufig ignoriert werden kann, weil ich nicht auffalle!

Ich hatte schon gedacht, dass niemand mein Ticket sehen wollte, und Hamburg war schon in Sicht, als endlich jemand kam. Ich hatte meine Netzkarte bereitgehalten, die mich zu kostenlosen Fahrten in Zügen der Deutschen Bahn berechtigte, hatte einen offiziellen Ausweis darunter und unter dem offiziellen Ausweis meinen zusätzlichen Ausweis des dgti. Die Zugbegleiterin schaute auf meine Netzkarte und drehte sich dann zu anderen Passagieren um. In dieser Bewegung muss ihr aufgefallen sein, dass sie dort ein Bild gesehen hatte, das nicht dem Geschlecht des Passagiers entsprach, der die Karte zeigte. Vielleicht hatte sie auch kapiert, dass der Name, den sie gelesen hatte, nicht weiblich war. Also kam sie zurück und warf einen zweiten Blick darauf. Ich fächerte die anderen Karten auf, als sie nachschaute. Sie muss diese Karte schon einmal gesehen haben, wer weiß, vielleicht in einem Diversity- Training, denn offensichtlich hat sie erkannt, was sie sah. Und obwohl sie eine Maske trug, konnte ich in ihren Augen das warme Lächeln sehen, das sie mir schenkte, bevor sie sagte "ah, ok!" und ging. Das war eine sehr angenehme Erfahrung!

Am Hamburger Hauptbahnhof stieg ich in eine S- Bahn um, die zur Landwehr fuhr, und ging dann zur Schwesternzeit, meinem Zuhause für die nächsten drei Tage.

Nachdem ich mich reingelassen hatte, fand ich mein Buch (Becoming Wiebke, Band 1) in der Post, was mich sehr freute, da es mein Geschenk zu Karins Geburtstag am Dienstag war.

Ich verstaute den Inhalt meines Koffers in einem Schrank und legte mich schlafen, weil ich dringend aufholen musste. Obwohl ich für den Rest des Tages nichts geplant hatte, nahm ich mein Make Up nicht ab, schlief sogar in BH und Strumpfhose, ich war einfach zu müde. Ich habe aber versucht, auf dem Rücken zu schlafen, damit das Make-up nicht ruiniert wird. Es hat funktioniert und das war auch gut so, denn als ich ungefähr zwei Stunden später aufwachte, zog ich mich wieder an und fuhr zurück zum Hauptbahnhof, um etwas Wasser und vietnamesisches Essen zu holen. Nach dem Abendessen habe ich meinen Nagellack ausgebessert, es war notwendig, die Qualität schien nicht allzu gut zu sein. Irgendwann schrieb Isabel mir eine Nachricht und sagte, sie hätten meine Brille gefunden. Da sie in Hamburg arbeitet, waren wir uns einig, dass ich sie später in der Woche treffen werde. Nachdem ich in mein Tagebuch geschrieben hatte, ging ich wieder ins Bett.

Fazit der zwei Tage

Es ist wirklich nicht so sehr der Ort, sondern die Menschen, bei denen man sich willkommen fühlt. Svea und Isabel hatten sich in dieser Hinsicht selbst übertroffen. Ich möchte sie wieder besuchen, wir haben nur einen Bruchteil der Themen behandelt, die wir haben. Wer weiß, vielleicht kann ich sogar mein klischeehaftes Bild am Strand in die Tat umsetzen. Zu sehen, wie unbeschwert Sveas Sohn mit den ungewöhnlichen Umständen umgeht, war herzerwärmend. Und die Problemlosigkeit bei der Ticketkontrolle war einfach fabelhaft.

Montag, 12. Oktober: Hamburg, ein Folgeouting en femme

Heute sollte das mit Abstand wichtigste Ereignis der ganzen Woche stattfinden. Ich hatte mich im August bei meinem besten Freund geoutet und er sagte, er würde Wiebke gerne kennenlernen. Als ich herausgefunden hatte, dass ich wieder eine Woche für mich haben würde, fing ich an, dieses Treffen zu planen. Der größte Teil des heutigen Tages war um diesen wichtigen Schritt herum organisiert. Aber schildern wir das Ganze in der richtigen Reihenfolge.

Wie fast immer bin ich um Viertel nach sechs früh aufgewacht. Das erste, was ich brauchte, war etwas zu essen für den Kühlschrank, aber der nahegelegene Supermarkt öffnete erst um acht, so dass viel Zeit blieb und ich in meinem gemütlichen Bett blieb (ich hatte Karin einen sanften Hinweis gegeben, dass die Matratze nicht mehr gut war und sie hatte tatsächlich eine neue gekauft). Aber nach einer Weile stand ich auf und duschte. Später sammelte ich alle Kleidungsstücke, die ich an diesem Abend tragen wollte, um meinen Freund zu treffen, nur um sicherzugehen, dass das, was ich brauchte, da war und ich nicht umdenken musste. Zum Glück hatte ich nichts vergessen und war zufrieden.