WIR. - Louisa Dellert - E-Book

WIR. E-Book

Louisa Dellert

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14,95 €

Beschreibung

Klimakrise, rassistische Attentate, die Corona-Pandemie oder fehlende Gleichberechtigung: Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass auf der Welt etwas schiefläuft. WIR.stehen als Gesellschaft vor riesigen Herausforderungen, denen WIR.Lösungen entgegensetzen müssen. Was WIR.brauchen? Eine neue Debattenkultur! Louisa Dellert begibt sich auf eine digitale Deutschlandreise. Sie spricht mit Betroffenen über die Themen, die uns alle etwas angehen: Feminismus, Migration, Alltagsrassismus, Chancen(un)gleichheit, digitale Gewalt und mehr. Das Buch ist eine Einladung, um Vorurteile abzulegen, einander zuzuhören, miteinander zu streiten und voneinander zu lernen. Denn: Das Morgen können WIR.nur zusammen gestalten! Die Themenkomplexe im Buch: - Feminismus - Klimakrise - Chancen(un)gleichheit in Deutschland - Migration und Flucht - (Alltags-)Rassismus in Deutschland - Digitale Gewalt

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Seitenzahl: 259

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Louisa Dellert

WIR

Weil nicht egal sein darf, was morgen ist.

Originalausgabe

2. Auflage 2021

Verlag Komplett-Media GmbH

2021, München

www.komplett-media.de

ISBN: 978-3-8312-7097-2 (eBook)

ISBN: 978-3-8312-0592-9 (Print)

Redaktionelle Mitarbeit und Recherche: Nils Frenzel

Lektorat: Matthias Michel, Wiesbaden

Korrektorat: Ralf Dürr, München

Umschlaggestaltung: FAVORITBUERO, München

Satz und Layout: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

Dieses Werk sowie alle darin enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrecht zugelassen ist, bedarf der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das Recht der öffentlichen Zugänglichmachung.

INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT

1. THEMENKOMPLEX: FEMINISMUS

1.1 Wellen des Feminismus

1.2 »Egal wer, Hauptsache ein Mann«. Als Informatikerin in einem IT-Unternehmen

1.3 Alleine unter Männern: Frauen in der IT-Branche

1.4 Nach ihrer Pfeife: Schiedsrichterin Franzi

1.5 Marathon Women: Frauen im Sport

2. THEMENKOMPLEX: DIE KLIMAKRISE

2.1 Was ist die Klimakrise?

2.2 Das Abkommen von Paris und das 1,5-Grad-Ziel

2.3 Das letzte Dorf. Der Garzweiler Tagebau und die Umsiedlung von Berverath

2.4 Klimaschutz konkret: Die Verantwortung der Politik

2.5 Wege aus der Klimakrise: Die Energiewende

2.6 Die Welt zusammen in die richtigeRichtungbewegen. Ein Interview mit dem Meeresbiologen Robert Marc Lehmann

2.7 Extremwetter in Deutschland: Die Hochwasserkatastrophe vom 14. Juli 2021

3. THEMENKOMPLEX: CHANCEN(UN)GLEICHHEIT IN DEUTSCHLAND

3.1 Teufelskreis Hartz IV. Ein Gespräch mit Nina aus Berlin

3.2 Kein Teil unserer Gesellschaft? Wie Menschen mit Behinderung benachteiligt werden

3.3 »Er hat es sich ja nicht ausgesucht, im Rollstuhl zu sitzen«. Ein Perspektivwechsel mit Kathrin und Marvin

4. THEMENKOMPLEX: MIGRATION UND FLUCHT

4.1 Ghazal und ihr Weg vom Flüchtlingsheim zum Sportbund

4.2 Gastarbeit und Einwanderung

4.3 »Manchmal habe ich das Gefühl zu schweben«. Gastarbeiterkind Özlem zwischen den Generationen

4.4 Ali, der Sohn aus Pakistan

4.5 Moria und die europäische Verantwortung

5. THEMENKOMPLEX: (ALLTAGS-)RASSISMUS IN DEUTSCHLAND

5.1 Wie die Corona-Pandemie (Alltags-)Rassismus verstärkt hat

5.2 Eine »gelbe Gefahr«. Lehrerin Daniela und Asian Hate

6. THEMENKOMPLEX: DIGITALE GEWALT

6.1 Mit Medienkompetenz gegen Hass im Netz

6.2 Wenn digitale Gewalt zum Tod führt. Der Mordfall Walter Lübcke

6.3 »Dieses Land ist zu schön, um es Menschen zu überlassen, die Hass und Hetze verbreiten«. Im Gespräch mit dem SPD-Politiker Karamba Diaby

6.4 »Wie eine Faust, die aus dem Screen kommt«. Ein Interview mit Anna-Lena von Hodenberg, der Gründerin von HateAid, über digitale Gewalt

6.5 Über unsere Diskussionskultur und warum digitale Gewalt jeden gesellschaftlichen Fortschritt aufhält

7.

NACHWORT

ANMERKUNGEN

DANKSAGUNG

VORWORT

Stille. Niemand sagt mehr etwas. Der Vater meiner Freundin steht auf und verlässt den Küchentisch. Meine Freundin und ich sehen uns an. Wir denken wahrscheinlich dasselbe. Diese Unterhaltung war nötig. Vielleicht hätten wir nicht so ins Detail gehen sollen. Aber das Thema war uns nun mal wichtig. Es lag uns am Herzen, darüber zu sprechen.

Eigentlich läuft so ein Besuch bei meiner Freundin aus der Schulzeit immer ganz entspannt ab. Ich lasse die Großstadt Berlin hinter mir, um ein paar Tage ins niedersächsische Landleben einzutauchen. Es fühlt sich jedes Mal wie ein Stück Heimat an. Das Landleben kenne ich nur zu gut. Meine Freundin und ich haben uns immer viel zu erzählen und ich freue mich jedes Mal auf die gemeinsamen Abendessen mit ihrer Familie.

Der Vater meiner Freundin ähnelt einer Walnuss. Es dauert ein bisschen, bis man durch die Schale durchkommt, aber die Mühe lohnt sich allemal. Seine Standardbegrüßung, wenn ich ankomme: »Die Hauptstadt ist da! Achtung, jetzt müssen wir wieder politisch korrekt sein.« Ein Satz, den ich inzwischen mit einem müden Lächeln hinnehme. Denn ich weiß schon, was dann kommt. Es wird wieder heftig diskutiert werden.

Wir reden über die Gleichberechtigung von Mann und Frau, über Ungleichheiten zwischen dem Landleben und der Großstadt, darüber, wie die Klimakrise unsere Zukunft beeinflussen wird. Wir reden über unsere persönlichen Probleme und Herausforderungen im Alltag. Wir sind uns selten einig, der Vater meiner Freundin und ich. Aber immerhin hören wir jedes Mal einander zu und lassen uns gegenseitig ausreden – auch wenn das Essen darüber kalt wird.

Dieses Mal ist es anders. Die Unterhaltung ist angespannter als üblich. Wir sprechen über die »Flüchtlinge da hinten am Dorfrand«. Wir lassen einander nicht ausreden. Wir diskutieren, wir streiten. Unsere Ansichten gehen komplett auseinander. Ich, die in Berlin an Demonstrationen teilnimmt, um auf die Probleme und Herausforderungen geflüchteter Menschen aufmerksam zu machen, und der Vater meiner Freundin, der Angst davor hat, dass ihm die Menschen, für die ich demonstriere, alles wegnehmen.

Inzwischen schweigen wir am Tisch. Meine Freundin hat bereits aufgegeben, als ihr Vater das Wort »Flüchtlingsheim« ausgesprochen hat. Mein Gefühl sagt mir: »Wir sind uns einig, dass wir uns nicht einig sind.« Aber ich bin davon überzeugt, dass es hier mehr braucht als eine Einigung auf keine Einigung. Hier schweben ganz viele Vorurteile durch die Küche. Vorurteile gegenüber Menschen, die nicht anwesend sind. Vorbehalte gegenüber Menschen, mit denen der Vater meiner Freundin noch nie ein Wort gewechselt hat. An diesem Abend sind es Vorurteile gegenüber geflüchteten Menschen.

Die Unterhaltung ist zum Schluss emotional extrem aufgeladen. Das Essen ist kalt. Ich sage zu ihm, dass wir nicht über Menschen urteilen dürften, bevor wir nicht mit ihnen persönlich geredet hätten, und frage ihn, wieso er sich denn nicht einfach mal auf sein Fahrrad schwingt, zum Dorfrand fährt und sich dort mit den Menschen unterhält, über die wir die ganze Zeit gesprochen haben. Ich erzähle ihm von einer Frau aus meinem Heimatort, die aus ihrem Heimatland fliehen musste. Ich erzähle ihm, wie sehr sie darunter leidet, dass sie immer noch als »anders« wahrgenommen wird, und frage ihn, wie er es finden würde, wenn man ihn in einer Gemeinschaft ausschließen würde.

Sein Gesicht ist jetzt knallrot. Er faselt irgendwas von wegen »wenn wir Hilfe von denen bräuchten, bekämen wir sie auch nicht«. Eigentlich ist der Vater meiner Freundin ein guter Kerl. Er ist hilfsbereit, ab und zu auch mal ganz witzig, und hat immer ein offenes Ohr für seine Nachbarn und die anderen Dörfler. Ich frage ihn, ob er die Menschen im Flüchtlingsheim am Dorfrand nicht zur Dorfgemeinschaft zähle. Keine Antwort. Er steht auf, schaut mich vorwurfsvoll an und verlässt den Tisch.

Eine Woche später ruft mich meine Freundin an. Sie ist ziemlich aufgeregt. Was sie erzählt, kann ich kaum glauben. Ihr Vater hat eine Familie zum Grillen eingeladen. Eine Familie vom Dorfrand. Oft sei er, erzählt meine Freundin, mit dem Fahrrad unterwegs gewesen und habe tagelang mit niemandem darüber gesprochen. Wo genau er war, will ich wissen. »Meine Mutter hat sein Fahrrad am Flüchtlingsheim stehen sehen.« Ich grinse am anderen Ende der Leitung. Er scheint sich unser Gespräch zu Herzen genommen zu haben.

Nach diesem Telefonat kam mir die Idee zu diesem Buch. Denn wenn wir mal ehrlich zu uns selbst sind, fällt uns der Blick über den eigenen Tellerrand manchmal ziemlich schwer. Statt uns mit anderen Menschen, die mit unserer Lebensrealität wenig bis gar nichts zu tun haben, und deren Gefühlen zu beschäftigen, bleiben wir lieber in unserer Komfortzone, bei unseren eigenen Themen und Problemen. Und dadurch entstehen oft Vorurteile. Aber wie überwindet man Vorurteile und löst sie auf? Indem man Brücken baut. Aufeinander zugeht. Genau das möchte ich mit diesem Buch tun. Ich möchte Brücken zwischen unterschiedlichen Lebensrealitäten bauen. Brücken, auf denen wir uns begegnen können. Brücken, auf denen wir nicht nur einander zuhören, sondern auch voneinander lernen können. In meinem Kopf kreisten die unterschiedlichsten Fragen: Was sind die größten Herausforderungen, vor denen wir als Gesellschaft stehen? Was sind Themen, die in Gesprächen am Küchentisch oft polarisieren? Mit welchen Vorurteilen haben Menschen zu kämpfen? Und zwar nicht nur diejenigen, die von ihnen betroffen sind, sondern auch diejenigen, die sie mit sich herumtragen. Wo braucht es Lösungen? Wie kann ein gemeinsames Morgen aussehen? Kurz: Welche Brücken müssen gebaut werden?

Ich startete einen Aufruf im Internet auf meiner Instagram-Seite und fragte nach.

Das Feedback auf meinen Post war überwältigend. Sehr viele User:innen meldeten sich und erzählten mir von den Problemen und Missständen, denen sie tagtäglich ausgesetzt sind. So las ich mich durch beinahe 1.000 Nachrichten, die sich mal kürzer, mal länger fassten. Sechs Themen tauchten darin immer wieder auf: Feminismus bzw. Gleichberechtigung, die Klimakrise, Chancenungleichheit, Migration, Alltagsrassismus, digitale Gewalt. Kurze Zeit später fand ich mich auf meiner digitalen Reise an vielen verschiedenen Küchentischen in Deutschland wieder und hörte einfach nur zu.

Auf der Suche nach den großen Herausforderungen von morgen, denen wir heute schon begegnen sollten, wollte ich mich ganz bewusst zurücknehmen und vor allem die Menschen, mit denen ich mich unterhalten durfte, und die Fakten zu den unterschiedlichen Themenkomplexen sprechen lassen. Die Kombination aus den Interviews betroffener Personen und dem Faktenteil ist deshalb so wichtig, weil wir beides benötigen, um uns eine vorurteilsfreie Meinung bilden zu können.

Manchmal wird, ja soll dieses Buch auch mal wehtun, weil es bewusst in Wunden fasst, die wir bisher noch gar nicht gespürt haben. Doch ein erhobener Zeigefinger soll dieses Buch nicht sein. Es ist eine Einladung dazu, ein neues gemeinsames WIR zu definieren. Und das geht nur, wenn wir einander zuhören.

1. THEMENKOMPLEX: FEMINISMUS

Ich schaue das Mädchen verdutzt an, während ich ihr Handy halte und erst mal damit klarkommen muss, was ich auf dem Display lese. Ich habe an ihrer Schule gerade einen Vortrag über »Hate Speech in sozialen Medien« gehalten. Die Fünfzehnjährige wollte unbedingt noch alleine mit mir sprechen. »Feminismus existiert nur, um hässliche Frauen in die Gesellschaft zu integrieren. Kein Mensch braucht diesen Schwachsinn«, steht in der Kommentarspalte unter einem YouTube-Video auf ihrem Smartphone. »Der Typ sagt in seinen Videos immer, dass Frauen mit ihrer Gleichberechtigung nerven und übertreiben«, erklärt sie mir. »Die Jungs in meiner Klasse feiern ihn voll ab und ich finde das schlimm. Als ich sie darauf angesprochen habe, haben sie sich über mich lustig gemacht und gesagt, dass ich mich nicht so anstellen soll – weil ich ja zum Glück nicht hässlich bin.«

Um den Jungs in der Schulklasse erklären zu können, weshalb Feminismus wichtig ist, braucht es Geschichten von Menschen. Geschichten, auf die wir gleich zu sprechen kommen werden. Aber vorher möchte ich erklären, was Feminismus bedeutet. In erster Linie ist Feminismus ein Oberbegriff für gesellschaftliche, politische und akademische Strömungen und Bewegungen, die ein gemeinsames Ziel haben. Sie treten für Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und die Würde aller Menschen ein – egal welches Geschlecht diese haben oder welchem Geschlecht sie sich zugehörig fühlen. Vor allem aber treten sie gegen etwas ein, das uns allen leider nur allzu bekannt ist: gegen Sexismus.1 Sexismus lässt sich als Gegenbegriff zu Feminismus verstehen und beschreibt eine auf das Geschlecht bezogene Diskriminierung. Gemeint ist damit jeder Ausdruck – sei es eine Handlung, Worte, eine Abbildung oder Gesten –, der auf der Idee basiert, dass manche Menschen aufgrund ihres Geschlechts minderwertig sind.

Das können abfällige Aussagen sein wie »Zickst du schon wieder rum, weil du deine Tage hast?«, vergiftete Komplimente wie »Für eine Frau kannst du ja gut einparken« oder – der Spieß kann auch umgedreht werden – »Heul nicht rum, echte Männer weinen nicht«. Solche Kommentare und bestimmte Rollen, die Frauen und Männern zugewiesen werden, sind oft ebenfalls sexistisch. Feminismus ist so viel mehr als die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Wenn ich in der Öffentlichkeit oder in kleiner privater Runde unter Freundinnen und Freunden über Feminismus spreche, dann ist oft eine Person darunter, die Feminismus mit Männerhass assoziiert. Eine zweite Person weiß nicht, was Feminismus bedeutet. Und wieder eine andere Person hat eine klare Vorstellung davon, wie sie Feminismus für sich persönlich definiert.

Ich nehme in solchen Gesprächen immer wieder wahr, dass der Begriff negativ behaftet ist. »Radikaler Männerhass« ist nur eine von vielen Aussagen, die mir dabei unterkommen. »Warum denn nicht einfach ein anderes Wort benutzen, statt immer von Feminismus sprechen?«, werde ich oft gefragt. Ich finde nicht, dass es einen neuen Begriff braucht. Viele Menschen haben in der Vergangenheit für ihre Rechte und Gleichberechtigung gekämpft – unter dem Überbegriff Feminismus. Wenn wir ein neues Wort einführen würden, würde sich das für mich falsch anfühlen, weil wir damit die Lebensleistung vieler kleinmachen.

Menschen, die sich vom Begriff Feminismus angegriffen fühlen, sollten sich meiner Meinung nach eher die Frage stellen, warum das so ist. Warum werden viele – vor allem Männer – gleich emotional, wenn Frauen sich wünschen, dass sie in Diskussionen genauso wahrgenommen werden wie Männer oder dass Führungspositionen nicht ausschließlich von einem Geschlecht – dem männlichen – besetzt werden. Bei all dem, was ich hier schreibe, ist es mir sehr wichtig klarzumachen, dass das Ziel des Feminismus nicht darin besteht, statt Männern ausschließlich Frauen an die Spitzen von Politik und Wirtschaft zu bringen oder irgendwelche Machtverhältnisse radikal umzukehren. Ich möchte auch nicht allen Männern unterstellen, dass sie mit Absicht in Diskussionsrunden dazwischenreden oder Frauen weniger zuhören. Und nein, Männer sollen und dürfen nicht gecancelt werden. Vielmehr geht es mir um eine gerechte Verteilung und mehr Selbstbestimmung für Frauen, ja, für alle Geschlechter. Zwar ist in Deutschland »die rechtliche Gleichstellung von Frauen und Männern erreicht. An der tatsächlichen, alltäglichen Gleichstellung arbeiten wir noch« – wie die Bundesregierung selbst zugeben muss.2

Diese reale Ungleichheit zeigt sich zum Beispiel in der immer noch zum Teil unfairen, weil niedrigeren Bezahlung von Frauen gegenüber Männern; dazu später mehr. Die traurige aktuelle Faustregel: Je wichtiger die Position im Unternehmen, desto geringer die Anzahl der Frauen, die sie innehaben. Das belegt eine Studie der Initiative Frauen in die Aufsichtsräte (FidAR): In 103 von 186 untersuchten börsennotierten Konzernen gab es keine einzige Frau in der Vorstandsetage.3

Aber immerhin tut sich hier etwas. Mitte Juni 2021 hat der Bundestag das »Zweite Führungspositionen-Gesetz« beschlossen. Das Vorhaben der Großen Koalition sieht vor, dass in börsennotierten Unternehmen mit mehr als 2000 Beschäftigten und in Vorständen mit mehr als drei Mitgliedern künftig mindestens eine Frau dem Vorstand angehören muss.4

Das sind lobenswerte Bemühungen, aber nur erste Schritte. Ich finde: Es muss sich grundsätzlich etwas in unserem Denken ändern. Denn schon in unserer Sprache wird deutlich, dass Frauen benachteiligt sind. Die meisten Personenbezeichnungen für Handelnde sind in ihrer Grundform Maskulina.5 Also Lehrer, Arzt, Bürger. Durch das Anhängen des Femininsuffixes (meist »-in«) werden die weiblichen Bezeichnungen gebildet: Lehrerin, Ärztin, Bürgerin.

Wenn von einer Gruppe gesprochen wird, die aus Männern, Frauen und non-binären Personen besteht, kommt oft das sogenannte generische Maskulinum zur Anwendung: grammatikalisch die männliche Form, aber verstanden als geschlechterübergreifend. Bloß: Frauen zum Beispiel sind hier immer nur mitgemeint: 99 Sängerinnen und ein Sänger sind zusammen also 100 »Sänger«.6 Das generische Maskulinum, dem kein adäquates generisches Femininum gegenübersteht, hat Auswirkungen auf die Art, wie wir denken. Meinen Aha-Moment, seitdem ich versuche, konsequent geschlechtergerechte Sprache umzusetzen, hatte ich, als ich im Internet auf die folgende Geschichte stieß:

Ein Vater fährt mit seinem Sohn im Auto. Sie verunglücken. Der Vater stirbt an der Unfallstelle. Der Sohn wird schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert und muss operiert werden. Einer der Chirurgen eilt in den OP, tritt an den Operationstisch heran, auf dem der Junge liegt, wird kreidebleich und sagt: »Ich bin nicht imstande zu operieren. Dies ist mein Sohn.«7

Mein erster Gedanke, als ich die Geschichte zum ersten Mal gelesen habe, war: Ist der Vater aus dem Auto gar nicht der leibliche Vater? Handelt es sich vielleicht um ein homosexuelles Elternpaar? Richtig ist: »Chirurgen« wird geschlechterneutral gebraucht und meint gleichermaßen Männer und Frauen. Die Auflösung der Geschichte: Die Mutter eilt in den OP. Sie ist Chirurgin. Aber an eine Frau denken eben die wenigsten (inklusive mir), wenn von Chirurgen die Rede ist. Diese Geschichte zeigt, welche Macht unsere Sprache hat und wie sehr sie unsere Wahrnehmung beeinflussen kann.

Es gibt aber nicht nur Unterschiede, was die Sprache angeht. Werfen wir einen Blick auf die mediale Repräsentation: In Fernsehserien werden Frauen häufiger als Krankenschwestern (statt als Ärztinnen) gezeigt, Männer dagegen häufiger als Ärzte (statt als Pfleger), die – noch dazu gebildeter und belesener – mit ihren kompetenten Entscheidungen immer schnell zur Stelle sind. Das klingt vielleicht zunächst wie eine Lappalie, aber ebenso wie die Art, wie wir sprechen, beeinflusst auch die Art, wie Medien und Werbung Frauenbilder, ja generell Geschlechterbilder, entwerfen und transportieren, enorm unser Denken und Handeln.8

Was tut der Feminismus also, um eine Gleichberechtigung zu erreichen? Zunächst einmal analysiert er aus verschiedenen Blickwinkeln die Gründe für die fehlende Gleichberechtigung. Einige der Fragen, die sich dabei stellen, werden uns in den Gesprächen im Anschluss an diese Zeilen begegnen. Kurz zum Unterschied von zwei wichtigen Begriffen, die in diesem Zusammenhang oft verwechselt und falsch verstanden werden: Gleichstellung und Gleichberechtigung. Gleichberechtigung meint, dass jede Person die gleichen Chancen hat. Gleichstellung bedeutet hingegen, dass eine zahlenmäßige Gleichheit herrscht. Einige der Fragen, die der Feminismus stellt, liegen auf der Hand: Warum gibt es in einer großen, modernen IT-Firma nur eine einzige Frau, die dort als Technikerin beschäftigt ist? Wie kann es sein, dass bei vielen Sportereignissen Frauen seit Jahrzehnten unterrepräsentiert sind und strukturell weniger gefördert, wenn nicht sogar ausgeschlossen werden? Inwieweit prägen Schönheitsideale und Körperbilder Mädchen und Jungen und schränken sie in ihrer Entwicklung oder bei der Berufswahl ein? Und vor allem fragt der Feminismus im nächsten Schritt: Was kann jeder Mensch ganz individuell tun, um das zu ändern? Es ist gar nicht so einfach, hierauf Antworten und Lösungen zu liefern.

Trotzdem sucht der Feminismus schon seit über zwei Jahrhunderten nach Lösungsansätzen. Fest steht: In der Regel sind es immer ungerechte Machtverhältnisse und vorherrschende Strukturen, die eine wirklich gelebte Gleichberechtigung verhindern. Folglich versucht der Feminismus, diese Ungerechtigkeiten zu benennen und so umzukehren, dass jede und jeder das eigene Leben selbstbestimmt gestalten kann. Feminismus strebt somit eine gerechtere Gesellschaft für uns alle an. Und noch etwas steht fest: Bis dieses Ziel erreicht ist, haben wir noch einen langen Weg vor uns. Trotzdem gehen ihn seit mehr als zweihundert Jahren Menschen jeglichen Geschlechts und konnten bereits wichtige Teilerfolge erringen.

Nachdem 1958, das ist gerade einmal knapp 60 Jahre her, das »Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau auf dem Gebiet des bürgerlichen Rechts« in Kraft trat, wurde mit Elisabeth Schwarzhaupt 1961 erstmals eine Frau Bundesministerin.9 Einen großen Sprung machte der Feminismus im Zusammenhang mit der 68er-Bewegung – es entstanden feministische Zeitschriften und andere Medien. Engagierte Frauengruppen lösten gesellschaftliche Grundsatzdebatten aus. Und in jüngster Zeit führten von Frauen initiierte Hashtags wie #Aufschrei oder #MeToo10 zu einer neuen Debattenkultur über das Thema Alltagssexismus beziehungsweise strukturelle sexuelle Belästigung.

1.1 Wellen des Feminismus

Die Geschichte des Feminismus ist über die Jahrhunderte hinweg nicht in einer gleichmäßig ansteigenden Kurve verlaufen. Vielmehr waren es drei große Wellen. Nach frühen Frauenrechtlerinnen wie der 1797 gestorbenen Mary Wollstonecraft (die Mutter der »Frankenstein«-Autorin Mary Shelley) brach die erste Welle des Feminismus gegen Mitte des 19. Jahrhunderts in vielen Ländern Europas und den USA los.11