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In ihrem (vermutlich) ersten Leben habe ich die Katze Mathilda als Schiffsjunge auf dem Segler "Johanna" kennengelernt. Als ich Vollmatrose auf der Johanna II war, war sie wohl schon in ihrem zweiten oder dritten Leben mit mir unterwegs. Denn Schiffskatzen wie Mathilda leben gefährlich: Wind, Wetter, Hafenhunde – und Menschen. Sagen wir es einmal so: Nicht jeder Matrose mag Schiffskatzen. Auf der Johanna III, einem kleinen Motorschiff, fuhr ich als Steuermann – und wieder war sie da. Ich schätze im fünften oder sechsten Leben. Später, auf der Johanna IV, einem Hafenschlepper, war ich Kapitän – und sie natürlich wieder mit an Bord. – nicht immer, meistens oder jedenfalls manchmal. Jetzt... Hier und heute auf dem Peilturm von Kap Arkona dürfte sie in ihrem neunten und damit letzten Leben sein. Aber immer noch taucht sie auf. So wie heute Nacht.
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Seitenzahl: 50
Veröffentlichungsjahr: 2025
Klaus Bock
Geisterinsel der Katzen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Es geht los
In Reval
Mathildas Geburt
Die Pfeife des Klabautermanns
Mathildas Erbe
Die Nacht, in der die Katzen fehlten
Mathildas Abschied
Mirja – Das Kätzchen, das den Wind zähmte
Der Biss in den Nebel
Warum die Welt Katzen braucht
Am Anbeginn von allem war das Schnurren
Warum Katzen nie alle Mäuse ja-gen
Warum jedes Schiff eine Katze braucht
Warum Katzen nie einem Spiegel trauen
Geisterinsel der Katzen
Wenn die letzte Katze gegangen ist
Nachtrag und Logbuch-Eintrag 237:
Impressum neobooks
Geisterinsel
der Katzen
Erzählt als Podcasts und
aufgeschrieben für dieses Büchlein
von
Klaus Bock
Ein großes Danke an Monika
für ihre aufmerksame Textkontrolle, ihre kritischen Bemerkungen und wertvollen Hinweise
Ich mag Katzen, bin wohl auch ein Katzenliebhaber, das merkt man den Geschichten in diesem Bändchen an, glaube ich, und das darf man, soll man auch.
Ich bin mit Katzen groß geworden, und ich habe mein Leben lang, Katzen um mich gehabt. Ich habe nie geglaubt, eine Katze zu besitzen, mir war klar, das funktioniert nicht.
Als ich vier Jahre alt war, hat mich die Katze meiner Großmutter ziemlich schwer am Arm verletzt, jeden-falls habe ich in meiner Erinnerung „geblutet wie Sau“.
Ich habe damals wohl sofort eingesehen, dass ich den Fehler gemacht hatte, und dass nicht etwa die Katze „Schuld“ gehabt hatte, denn ich hatte unge-fragt und forsch in das Nest der Katze mit frisch geborenen Jungen gegriffen. Mein Fehler! Man hat mir hinterher erzählt, ich hätte weder geweint noch eine Träne vergossen, weil ich begriffen hatte, dass das mein Fehler gewesen wäre.
Naja, mit vier Jahren... Ich weiß nicht. Aber es mag meine Beziehung zu Katzen schildern... Jedenfalls hatte ich seitdem Respekt aber keine Angst vor Kat-zen.
Hallo, Ihr Leute da draußen, Moin, guten Tag oder gute Nacht – je nachdem, wann Sie mich hören. Denn..., klar, es hört mich ja nicht jeder live, jetzt mitten in der Nacht, die meisten ja doch tagsüber.
Trotzdem, Sie sind beim Nachtprogramm von Radio Kap Arkona gelandet. Und Sie kennen mich ja längst, also muss ich mich nicht mehr vorstellen.
Wie meistens sitze ich hier oben in der gläsernen Kuppel auf dem Peilturm von Kap Arkona, unter dem weiten schwarz-samtenen Himmelszelt, das aus-sieht, als sei es von Tausenden Sternen durchbohrt.
Aber hier unten – hier unten oder besser hier ein bisschen oben auf dem Turm ist es dunkel. Stock-dunkel. Weiter hinten kann ich die paar Lichter von Juliusruh sehen, nein, eher ahnen. Als einziges Licht glüht hier bei mir nur das rote Aufnahmelicht. Naja, und der Leuchtturm schickt alle paar Sekunden seine Lichtfinger zu mir herüber. Wir – das Licht und ich – sind sozusagen auf Augenhöhe. Nun, nicht ganz, aber der kleine Unterschied interessiert nicht.
Ein leiser Wind streicht über das Kap und um den Turm, kaum mehr als ein Flüstern. Das ist hier selten, meist braust es hier ein wenig oder mehr. Ich bin allein. Vor mir das Mikrofon, die alten Aufnahme- und Sendegeräte, auf die ich so stehe. Ziemlich viel analoge Technik, wenn Sie verstehen, was ich meine. Und ganz leise surrt das Tonband. Gemütlich.
Und natürlich steht hier – wie immer, treue Zuhörer kennen das schon – mein Glas Barolo. Dieses ist das letzte aus dieser Flasche. Aber die Nacht ist ja auch schon lang. Wie gesagt: Ich bin allein.
Sonst, also manchmal hatte ich ja schon Besuch – meist ziemlich seltsame Gestalten. Der Geist des alten Leuchtturmwärters Schilling zum Beispiel. Oder Svantevit, der viergesichtige Gott, der hier früher einmal verehrt wurde. Und demnächst – so habe ich irgendwo gehört – will auch der tote Kapitän eines Schoners vorbeischauen. Sein Schiff soll um 1840 vor dem Kap gesunken sein. Mal schauen, was er zu er-zählen haben wird.
Moment mal – was war das? Da war doch ein leises Geräusch, so leise, so zart, dass es das Mikrofon gar nicht aufnehmen konnte. Jetzt wieder!
Ich drehe den Kopf. Ah – natürlich. Du! Da bist du ja wieder. „Schön, dass Du da bist!“
Es ist eine Katze. Aber nicht irgendeine – es ist Mat-hilda. Sie besucht mich hier manchmal, wenn ich Nachtschicht habe.
Na, komm her, Mieze... Miez, Miez, Miez. Wir kennen uns doch. Eigentlich schon immer. Sie müssen wis-sen: Mathilda ist eine alte Katze. Eine sehr alte.
Und da mir im Moment einmal keine Geschichte für euch da draußen an den Geräten einfällt, dann er-zähle ich eben eine von Mathildas Geschichten. Das könnte interessant werden. Denn Mathilda hat – wie alle Katzen – neun Leben.
In ihrem (vermutlich) ersten Leben habe ich sie als Schiffsjungen auf der Johanna kennengelernt. Als ich Vollmatrose auf der Johanna II war, war sie wohl schon in ihrem zweiten oder dritten Leben mit mir unterwegs. Denn Schiffskatzen wie Mathilda leben gefährlich: Wind, Wetter, Hafenhunde – und Men-schen. Sagen wir es einmal so: Nicht jeder Matrose mag Schiffskatzen.
Auf der Johanna III, einem kleinen Motorschiff, fuhr ich als Steuermann – und wieder war sie da. Ich schätze im fünften oder sechsten Leben. Später, auf der Johanna IV, einem Hafenschlepper, war ich Kapi-tän – und sie natürlich wieder mit an Bord. – nicht immer, meistens oder jedenfalls manchmal.
Jetzt... Hier und heute dürfte sie in ihrem neunten und damit letzten Leben sein. Aber immer noch taucht sie auf. So wie heute Nacht. Ob sie traurig ist, dass es ihr letztes Leben sein könnte? Ich glaube nicht, sie hat viel erlebt in ihren neun Leben, sogar mehr, als die meisten anderen Katzen.
Na komm, Mathilda, ich hab noch ein Stück geräu-cherten Hering von meinem Abendbrot für Dich. Als hätte ich gewusst, dass Du heute kommen würdest, wie früher auf See.
Kennenlernen
Kennengelernt – und damit wende ich mich wieder an Euch und Sie, mein Publikum – haben wir – Mat-hilda und ich – uns übrigens damals in Reval. Und damals ist wirklich lange her, ungefähr 60 Jahre. Das ist zu viel für eine Katze, aber Sie denken dran, eine Katze hat mehrere Leben.
