Nicht unmöglich - Klaus Bock - E-Book

Nicht unmöglich E-Book

Klaus Bock

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Beschreibung

Was ist Leben? Was ist Zeit? Und was bitte soll das mit dem Floppen, Flippen oder Fluppen? Dieses Buch stellt keine Antworten bereit. Es stellt sie sich. Und zwar auf eine ganz eigene, hintersinnige, humorvolle und herrlich absurde Weise. Wenn Sie sich je gefragt haben, – ob Einstein wirklich Drillinge hatte, – ob Kleopatra Pickel hatte, – ob Caesar bei Maischberger funktionieren würde, – wie das Leben entstand (Spoiler: es war ein Unfall), – und ob Ihr Tod womöglich nur ein übermüdeter Beamter mit Doppelschicht ist – dann sind Sie hier richtig. In zwölf Geschichten wird das Universum aus den Angeln gehoben, in Zeitreisen zerknautscht, mit Metaphysik verknotet und mit einem sehr feinen Schmunzeln wieder zurückgestellt. Die Texte kreisen um das Leben, den Tod, die Evolution, das Vergessen, das Staunen – und das unfassbare Glück, in diesem absurden Theater mitspielen zu dürfen. Wer Douglas Adams liebt, Terry Pratchett verehrt und Stanisław Lem heimlich um seine kosmische Ironie beneidet, wird sich in diesen Geschichten zuhause fühlen – zwischen schwarzem Humor, philosophischer Schwerkraft und der großen, leisen Frage: Warum sind wir hier – und wohin, zum Teufel, führt dieser Flur?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 327

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Klaus Bock

Nicht unmöglich

Geschichten zwischen Diesseits und danach

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Nicht unmöglich

Mein Tod, mein Freund

Metamorphose

Gaia will neu beginnen

Shorty im Glencheck

Eine Reise mit Vernunft und Unvernunft

Öde 1037

Zeitvolle Gedanken

Die letzte Spätzin, die es noch wusste

Leben, alles Leben will leben!

Ich habe die Schöpfung mal nachgerechnet

Wo Gott Mist baute: Die Sintflut

Wo Gott sich irrte oder "Ich bin dann mal weg..."

Leben wir? Ich glaube ja, wir glauben es nur

Die Frage nach..., vor allem nach dem Leben und dem Ganzen

Meine Zeitreisen

Die Einsteins

Ein letzter Gedanke zum Universum ...

Nie allein. Wirklich nicht.

Nachruf. Nicht auf mich, ich lebe ja noch. Auf meine Wohnung

Nachgedanken statt eines Nachwortes

Parlamentarische Zoologie

Impressum neobooks

Vorwort

von einem, der sich erinnert

Man sagt, das Leben sei eine Reise, aber niemand erwähnt, dass der Fahrplan unleserlich ist und der Schaffner eine Vorliebe für Verspätungen hat. Ich bin nicht sicher, ob ich mich je auf diese Reise begeben habe, oder ob ich bloß auf einem Bahnsteig stand, als der Zufall rief: „Einsteigen bitte!“ Und seitdem schreibe ich eben mit, wer oder was mir unterwegs begegnet. Nicht um zu belehren. Eher, um das Staunen nicht zu verlieren.

Die folgenden Geschichten sind das Ergebnis eines langen Spaziergangs durch seltsame Gedankengärten. Ich habe mich umgesehen, mit Dingen gesprochen, die gar nicht sprechen sollten – mit dem Tod zum Beispiel, oder dem Leben, der Evolution, einer Katze, mit einer gewissen Gaia, und ja, auch mit dem Vergessen. Nicht alle Begegnungen waren angenehm. Andere waren so komisch, dass ich sie selbst kaum glauben würde, hätte ich sie nicht aufgeschrieben. Wieder andere so wahr, dass ich hoffe, sie nie zu vergessen – obwohl ich genau weiß, dass ich es tun werde.

Was Sie hier lesen, ist weder ganz erfunden noch ganz erlebt. Es ist ein Zustand, eine Schwebe zwischen Möglichkeit und Poesie, zwischen Denkspiel und Wirklichkeitsgerumpel. Wenn Ihnen also beim Lesen der Gedanke kommt: Das ist doch Quatsch, dann beglückwünsche ich Sie. Und wenn Sie im nächsten Moment leise denken: Aber vielleicht..., dann sind Sie genau dort angekommen, wo ich wohne, nämlich in der schrägen Kurve zwischen „Was wäre, wenn?“ und „Warum eigentlich nicht?“

Dies ist kein Buch, das Sie schlauer machen will – aber vielleicht... vielleicht ein bisschen wacher für das, was zwischen den Dingen liegt. Für das Leben, das nicht in Kalenderwochen rechnet. Für den Augenblick, in dem eine Frage wichtiger ist als jede Antwort. Und wenn Sie irgendwo laut lachen, obwohl es eigentlich gar nichts zu lachen gibt – dann weiß ich: Ich habe Sie gefunden.

Treten Sie ein. Der Zug ist sowieso schon eingelaufen.

Zwei Männer, ein Dorf, eine Telefonzelle. Carsten und Henning Pogwisch geraten ins Grübeln über Zufall, Schicksal und einen windgetriebenen Zettel. Ein Dialog über Wahrscheinlichkeiten, Metaphysik und das, was zwischen Kaffeetasse und Windstoß liegt. Lakonisch, komisch, tiefgründig – norddeutscher Existenzialismus.

Nicht unmöglich

„Moin Carsten1“, sagte Henning Pogwisch als er aus seinem aufgemotzten Ford-Mustang mit unglaublich vielen PS in Polizeiblau mit Silber und der Leiste mit den Blinklichtern auf dem Dach und dem Schriftzug POLIZEI auf den Seiten, ausstieg. Das war der wahrscheinlich ungewöhnlichste Streifenwagen in Deutschland – vor allem auch deshalb, weil der dem Polizisten, nämlich Henning Pogwisch persönlich gehörte und nicht dem Innenminister oder wem auch immer. Und Henning genoss das Fahren in SEINEM Streifenwagen mit der US-Sirene, die hier zwar verboten ist – aber er ist schließlich die Polizei! Wer wollte ihm etwas verbieten oder ihn gar anzeigen?

Er setzte sich zu Carsten auf die Bank, die einen ungewöhnlich langweiligen Blick auf Telefonzelle, Kirche und Friedhof und – heute – einen riesigen Trecker bot, und sagte, „schöner Tag heute, nicht?“

„Jo“, nickte Carsten.

„Hast wieder Deinen frisch gewaschenen Trecker dabei, oder?“

Das war eine mehrfach dumme Bemerkung. Frage konnte man es eigentlich auch nicht nennen, denn der Trecker war so groß, dass er unübersehbar zwischen Bank und Kirche stand und aus dem niedrigen Blickwinkel von der Bank aus den Kirchturm völlig verdeckte und sogar überragte.

Der Trecker gehörte Carsten so, wie der Polizeiwagen Henning gehörte. Und der Trecker war immer frisch gewaschen. Carsten ohne frisch gewaschenen Trecker, das gab es gar nicht – höchstens auf´m Acker. An machen Tagen wusch Carsten ihn zweimal, einmal vorm Acker und einmal danach. Ungewaschen war schlicht unmöglich. Und in Hinsicht auf das Folgende: Es war schlicht nicht nicht wahrscheinlich, es war unmöglich.

Aber damit sei für jetzt alles über Autos gesagt.

„Jo“, nickte Carsten, weil er den Trecker dabei hatte, und der frisch gewaschen war.

„Was treibst Du denn so, ich meine hier auf der Bank gegenüber vonne Kirche, in die eh keiner mehr geht? Außer nix... Musst Du Deine Pflugscharen nicht durch irgendeinen Acker schleifen, Carsten?“

„Nee.“

„Ja, das sieht man“, sagte Henning, „darin büsst ja gut, ich mein´ im Nixtun!“

„Jo!„

Und damit war für eine Weile alles gesagt, fand Carsten, aber dann fuhr er doch noch fort: „Du ja man ook, Henning, nich... Hast wohl auch nix zu tun, wat? Keine Kriminalen hier? Keine Kriminellen? Kein Mord? Nix?“

„Nee!“ Henning musste sich bei dem Gedanken schütteln, dass da ernsthafte Arbeit auf ihn warten würde. „Nee, zum Glück. Sonst müsst ich ja...“

Henning Pogwisch ist die Polizei hier im Dorf in Ostholstein. Polizei, Verkehrs- und Kriminalpolizei, alles in einem. Meistens hat er Glück und hier ist nix los, dann kann er ausspannen und sich von den Tagen mit Mord und Totschlag erholen, die es hier gar nicht so selten gibt.

„Jo, denn müsstest Du ja mit tatü tata..., oder so.“

„Genau!“ Pause. „Und warum sitzt Du nun hier so rum?“

„Kannst die Bullenfragerei nich´ lassen, was? Na gut, Henning, weil Du´s bist: Ich warte auf ´n Anruf.“

Carsten nickte in Richtung der gelben Telefonzelle, die eine der letzten in Ostholstein sein dürfte, die noch als solche und nicht als Büchertauschzelle funktionierte, und die ca. drei Meter neben der Bank und gegenüber der Kirche eigentlich sinnlos in der Sonne stand. Höchstens, dass sie Schatten auf den Briefkasten warf, der zweimal wöchentlich geleert wurde. Nicht jedes Mal war ein Brief drin.

Die Holsteiner reden nicht so viel, müssen Sie wissen – und schreiben schon mal gar nicht. Todes- und Geburtsanzeigen und Hochzeitsanzeigen, ja, aber der Rest ging andere eigentlich nix an, finden sie.

Wahrscheinlich hatten Post oder Telekom, wer auch immer die immer noch originalgelbe Telefonzelle zuständig war, sie einfach vergessen, weil sie so selten benutzt wurde, oder sie hatten sie genauso einfach im wahrsten Sinne nicht mehr auf dem Schirm, weil das Computerprogramm für die Verwaltung von Telefonzellen nicht mehr einwandfrei lief.

Das wusste man nicht. Andererseits interessierte niemanden im Dorf, warum die Zelle da noch stand, sie fanden es im Dorf nur ganz gut, dass sie noch eine hatten. Die seit kurzem für Tourismus zuständige neue Werbeagentur aus Kiel hatte unlängst Fotos von der Zelle machen lassen, weil die jungen Grafiker der Agentur „Telefonzelle ansich“ geil, aber auch so etwas von geil fanden: Historisches Zentrum nannten sie das mit Kirche von 1250 und Telefonzelle von 1950! Genau 700 Jahre Differenz, das konnte kein Zufall sein, fanden die, da könne man doch etwas draus machen... In den anderen Dörfern der Umgebung hatten sie nämlich keine mehr! Nach der Währungsreform mit der Euro und Cent eingeführt worden waren, war die Zelle das letzte Mal technisch upgedatet worden. Seitdem wurde sie weiterhin regelmäßig abkassiert. Das sprach gegen das Vergessenhaben.

„Auf ´n Anruf? Inne Telefonzelle?“

„Jo.“

„In der da?“, Henning zeigte mit dem Daumen in Richtung Zelle.

„Jo“, nickte Carsten zustimmend.

„Echt? Geht das denn eigentlich? Glaub´ ich nich´. Ich meine, kann man denn inner Telefonzelle angerufen werden?“

Carsten zuckte mit den Schultern. „Im Krimi geit dat, heb ick seen...“

„Und wer soll Dich da anrufen?“

Carsten zuckte mit den Schultern. „Egal, ist mir wurscht.“

„Aber irgend jemand, den Du kennen tust, weiß, dass Du jetzt neben der Telefonzelle sitzt und auf den Anruf wartest?“

„Nee.“

„Ja, Carsten, warum soll der Dich denn anrufen?“

„Das weiß ich doch nicht. Guck mal“, und damit drehte Carsten sich zu Henning, „Mensch Henning, denk´ doch mal nach. Tu doch nicht so, als ob Du das nicht können tätest. Das ist doch so: Das weiß der andere, der ruft mich doch an, ich den doch nicht! Ich weiß das doch erst, wenn der angerufen hat. Und dann kann ich ihn doch erst fragen, warum er mich angerufen hat. Ist doch logisch, Henning. Muss ich Dir das wirklich erklären? Ich mein, pass mal auf: Du sitzt doch auch in Deinem Büro und wartest auf Anrufe. Da weißt Du doch auch nicht, wer das ist, und was der will. Ist doch dasselbe, oder?“

Darüber musste Henning Pogwisch erst einmal nachdenken, denn da schien tatsächlich etwas dran zu sein... Schließlich sagte er kopfschüttelnd: „Nee, nee, Carsten, die Leute haben ja meine Nummer...“

„...und wer hier anruft, hat die Nummer doch auch, muss er ja, sonst könnte er ja nich´.... Außerdem steht die nämlich da drinnen auf dem Telefon...“

„Echt?“, fragte Henning offenbar beeindruckt, „Ist da so?“

„Jo. Hab´ selber nachgeguckt.“

„Und Du wartest hier auf der Bank in der Sonne auf einen Anruf, der nie kommen wird?“, wollte Henning wissen.

„Jo.“

„Weiß Du was, Carsten?“, sagte Henning nach einer Zeit überlegenden Schweigens, „Entweder ist das doof oder... oder das ist schwer philosophisch, finde ich..., aber wirklich! Philosophisch... Doch, eher philosophisch.“

„Ja, nich? Das ist wie bei die alten Griechen, die war´n doch auch alle Philosophen... Ich meine, der in der Tonne da, der da gelebt hat, das war doch auch fast ne Telefonzelle, oder?“

Von einem Griechen in einer Telefonzelle hatte Hanning noch nie etwas gehört.

„Naja, ich weiß nicht, Carsten, ich glaube, die hatten noch kein Telefon, oder? Kam das nicht erst später? Bei den Römern? Obwohl, zuzutrauen wäre denen das schon“. Henning meinte das nicht ernst, was Carsten aber nicht bemerkte.

„Naja, könnt ja auch einer aus Zufall anrufen, oder weil ihm die Nummer so gut gefällt? Könnte ja auch ein Ferngespräch sein“, gab Carsten zu Bedenken.

„Nö“, sagte Henning, „Zufall? Glaub ich nicht. Zufall...? Nee, so ´n Quatsch. Ich glaub nicht an Zufall. Die Wahrscheinlichkeit, dass einer, der die Nummer von der Telefonzelle nicht kennt und sie aus Zufall wählt, der aber nicht weiß, dass Du hier auf der Bank auf seinen Anruf wartest... Carsten, das ist unmöglich, dass das passiert! Das sage ich Dir als Bulle und als Freund. Unmöglich!“

„Aber die Waaascheinlichkeit2 ist nicht null, Henning“, gab Carsten zu bedenken, „ich meine, es ist eben nicht unmöglich, verstehst Du, es ist NICHT unmöglich. Denn wenn es unmöglich wäre, dann wäre die Wahrscheinlichkeit gleich Null. Vielleicht, wenn hier keine Telefonzelle wäre, dann wäre es von mir aus unmöglich. Aber die Telefonzelle steht ja da, und das Telefon funktioniert auch. Also, könnte auch einer anrufen. Ich glaube nicht, dass es absolut unmöglich ist, nee, wirklich nicht. Und denn muss doch einer da sein, der den Hörer abnimmt, oder?“

„Doch“, sagte Henning, „unmöglich, denk doch mal nach, Carsten, wer auf dieser Welt sollte Dich unter einer ihm unbekannten ...“

„Das hast Du eben schon gesagt, ich bin doch nicht blöd, Henning, ein bisschen langsam vielleicht, aber nicht doof. Und weil es nicht unmöglich ist, könnte es passieren! Es könnte geschehen! Könnte... Sag mal, siehst Du auch immer diese Zahlenreihen und Zahlenmuster im Kopf, wenn Du die Augen zu machst? Geht mir andauernd so...“

Carsten schloss die Augen. „Da“, sagte er, „da ist sie... ist sie nicht schön und so einfach...“

Henning schloss auch die Augen, sah aber nichts.

„Ach was“, winkte Henning ab, „ich seh ´nix, son Tüttelkram...“

„Nee, nee, Henning, das ist eben kein Tüttelkram! Guck mal, das ist wie bei dem Stück Zeitung da...“, Carsten deutete auf ein Stück von der BILD am Boden vor ihnen, „ Guck mal, das liegt da jetzt ganz ruhig, es geht ja kein Wind, nicht einmal ein Hauch! Absolut windstill ist das. Dass das Stück Papier jetzt oder gleich oder irgendwann einfach mal so hochfliegt, um im Papierkorb daneben zu landen, das ist ziemlich unwahrscheinlich, das gebe ich zu, aber es ist nicht unmöglich!“

„Sag ´mal, spinnst Du jetzt, Carsten? Bist Du total durchgeknallt? Was redest Du denn für ´n Scheiß von wegen Zahlen und Mustern in Deinem Kopf und von Wahrscheinlichkeit und Unmöglichkeit und so... Hör mal, Carsten, Du bist das – Carsten! Zahlen kennst Du doch nur ´was, wenn im Dörpkro ums Be-Zahlen geht...“

„Ja, ich weiß ja, Ihr haltet mich alle für doof, bin ich aber nicht. Ich glaube nämlich, ich habe nur eine besondere Begabung, ich weiß nur nicht, welche. Hab´ ich von gelesen, das gibt´s. Ich guck mir auch immer die Sendungen übers Universum und so an, die nachts laufen. Da kannst Du nicht doof sein, wenn Du das zu verstehen willst, Henning, nee, nee...“

„Na gut, von mir aus bist Du sonderbegabt, deshalb warst Du ja auch in der Sonderschule, aber das sage ich Dir, das ist einfach unmöglich, dass das Papier, das da liegt, einfach in den Mülleimer fliegt, absolut unmöglich, das sag´ ich Dir! Ich, Henning Pogwisch.“

„Geht doch!“

„Geht nich!“

„Doch!“

„Nein!“

„Doch, doch, doch!“

In dem Moment kam von irgendwo her ein kleiner Windstoß, der selber nicht wusste, warum er gerade jetzt und genau hier windstieß, wirbelte das Papier in einer ungewöhnlich seltenen und selbst für Supercomputer unkalkulierbaren Bahn ca. 2 Meter hoch, und als der Windstoß nach einem Moment genauso unerwartet, wie er gekommen war, wieder einschlief, fiel das Stück Zeitung mit einer letzten eleganten Kurve auf den Rand des Papierkorbes, balancierte einen Moment, als ob es nicht wisse, in welche Richtung es fallen sollte und fiel dann in den Papierkorb. Und, das sei hier erwähnt, blieb dort.

„Siehste“, sagte Carsten mit Stolz und Triumph in der Stimme“, „hast´ das gesehen? Sag ich doch: Was hab´ ich gesagt – Unwahrscheinlich aber nicht unmöglich! Bingo!“

Henning sah ihn mit offenem Mund an. „Wie hast Du das gemacht, Carsten? Das war doch ein Trick, oder? Komm, Carsten sag´ schon, wie hast Du das gemacht?“

„Ich hab´ nun mal gaaanix gemacht, hast Du doch gesehen, nicht einmal bewegt habe ich mich. Ich hab´ da keine Aktien drin, null...“

Henning stand auf, um Papierkorb und Zeitungspapier zu untersuchen. Er wandte sogar alle Kriminaler-Tricks an, die er sich von den Kieler Kriminaltechnikleuten bei diversen Tatortuntersuchungen sogar bei Serienmorden, die es hier ohne weiteres gegeben hatte, und bei deren Untersuchungen er beteiligt gewesen war, indem er Kaffee für ´s Kieler Experten-Team gekocht hatte, abgeschaut hatte. Er hatte sogar blaue Gummihandschuhe aus der Hemdtasche geholt und angezogen, um alles richtig zu machen. Er ging in die Knie, plierte von oben und unten, von schräg und gerade, von links und von rechts... Nein, da war kein unsichtbares Band, nix.

„Na, und nun? Glaubst´ mir nun? Unwahrscheinlich, gebe ich zu, aber nicht unmöglich!“

Henning war völlig perplex von dem Geschehen, dessen Zeuge er gerade geworden war. Er saß auf der Bank neben Carsten, als ob ein Wunder geschehen sei, er war – das konnte man wirklich so sagen – geplättet und gebügelt. Er zog die Handschuhe wieder aus und rieb sich die Augen, atmete tief, um schließlich zu stammeln:

„Das, Carsten, das war ein... Gottesbeweis, Carsten, Gott lebt doch!“

Das oder was immer er noch sagte oder sagen wollte, stammelte Henning immer noch völlig verblüfft. Er glaubte immer noch an einen Trick. Aber der müsste so gut sein, dass er ihn Carsten nicht zutraute.

„Ach watt, vertell keen Tünkram, Henning, von wegen Gottesbeweis... Sag´ ich doch, Henning: Unwahrscheinlich? Ja. Unmöglich? Nein!“

In dem Moment trat der Pfarrer vor die Kirche, schaute zweifelnd am Turm empor, schüttelte den Kopf... Dann sah er Carsten und Henning trotz des großen Treckers. „Sagt ´mal“, rief er zu ihnen rüber, „habt Ihr da wen gesehen? Ich meine die Glocke hätte ganz leise...?“

„Gebimmelt? Nee, das kann nur drinnen bei Euch gewesen sein, hier war nix zu hören, nee, da ist auch keen een gewest, Herr Pfarrer“ ,rief Carsten zurück, „nur so ´n büsschen Wind. Vielleicht hat der ja die Glocke...? Ach so, ja, und ne hohe Unwahrscheinlichkeit war da! Aber nur ganz kurz, sonst eigentlich nix und niemand!“

Der Pfarrer glaubte verstanden zu haben, dass Carsten gesagt hätte, dass kurz eine hohe Unwahrscheinlich da gewesen wäre, aber da er die Tatsache und dass Carsten das gesagt hätte, nicht für nur unwahrscheinlich sondern für unmöglich fand, ging er nicht weiter darauf ein.

„Ja, also dann, danke, meine Kinder, und für Gott...“, sagte der Pfarrer, der früher mal in Bayern tätig gewesen war, hob grüßend die Hand und schlug ein Kreuz in ihre Richtung. Mit „für Gott“ verschwand er kopfschüttelnd wieder hinter seiner Kirchentür.

„Hat der eben ein Kreuz in unsere Richtung gemacht, Henning? Sag ´mal, ist der doof oder was, der weiß doch, dass wir nicht zu seinem Verein gehören, sondern zu Thor und seiner Götterbande... Da kann der doch nicht einfach...“

„Lass man, Carsten, das hat der ja nicht bös´ gemeint, vielleicht hat er ja auch einen Hammer gemacht...“

Carsten war fast aber nicht ganz beruhigt, würde der Pfaffe den Hammer machen? Naja, vielleicht hatte Thor das ja auch nicht mitbekommen. „Und wieso Kinder?“, wollte Carsten wissen, „hat der Kinder zu uns gesagt, Henning? Ich meine, wir sind doch keine Kinder mehr, und seine schon ´mal gaaanich, oder? Apropos Kinder, Henning“, wechselte Carsten das Thema, „hast Du gestern die Sendung über das lütte Universum gesehen, das ganz junge, gleich nach dem großen Knall, den keiner gehört hatte, weil da erstens noch keine Luft war, die ihn hätte übertragen können und zweitens kein Mensch, der den Knall gehört hätte?“

„Nee“, schüttelte Henning den Kopf, der schon die Sache mit der Zeitung noch nicht verdaut hatte, auf den Urknall ging er daher nicht ein, deshalb fragte er interesse- und tonlos, „wieso?“

„Naja, da haben die das mit der Geburt des Universums gezeigt. Du, das war mal ganz klein – ungefähr so. Oder noch kleiner...“. Mit den Händen zeigte Carsten die Größe einer sehr großen Honigmelone an. „Süß, nicht? So ein kleines Universum, das muss man doch knuddelich finden, nich`? Überleg doch ´mal, Henning, das ganze Universum und passt in zwei Hände voll...“.

Nun gut, in zwei von Carstens Händen, die die Größe und Form von Schaufeln hatten. „Aber nicht lange, ham die gesagt, denn ist das gewachsen, ziemlich schnell sogar – wächst ja heute noch, aber deutlich langsamer. Merkt man aber gaaanich, das Wachsen, das geht an uns vorbei... Ist doch komisch, oder, da ist man im Universum, ist man nämlich, und denn wächst das, und Du bekommst nix davon mit... Und denn soll das ja auch noch rotieren – aber sooo langsam, dass keiner ´was davon mitkriegt!“

„Tatsächlich?“, fragte Henning Pogwisch, der gedanklich immer noch zwischen Telefonzelle und Papierkorb schwankte. War das immer noch derselbe Carsten, den sie im Dörpkro alle kannten? Der Carsten, der ´n büschen langsam bis doof war? Der Ostholstein-Meister im Geradeaus-Pflügen, der bei Kurven jämmerlich versagt hatte? Der Carsten, der jedem im Dorf für zwei bis drei Bier im Dörpkro den Rasen mähte – egal wie groß der Rasen war? Der Carsten, der bei den Frauen vor allem auf Kurven, und wenn die da waren, auf große Möpse stand – naja, das gehört hier jetzt thematisch eigentlich nicht her, höchstens wegen der hohen Unwahrscheinlichkeit des Auftretens dieser unberechenbaren Kurven – vergessen Sie´s gleich wieder!

Und der Carsten sollte zwischen unwahrscheinlich und unmöglich unterscheiden können? Der knuddelte mit kleinen Universen? Irgend etwas war komisch, fand Henning Pogwisch, vielleicht war da ja doch etwas an den Mustern in seinem Kopp dran?

„Und das ist ja noch nicht alles,“ sagte Carsten, „es könnte ja sein, Henning, das musst Du Dir mal überlegen, dass das ganze Universum irgendwann meint, es sei groß genug geworden und wieder in sich zusammenfällt... Jaha! Und dann läuft die Zeit nämlich rückwärts, und je älter Du wirst, desto jünger wirst Du in Wirklichkeit wieder. Oder so ähnlich? Jedenfalls haben die das gesagt. Ich meine, manches ist ja wirklich kompliziert, manche Zuschauer kriegen da ja bestimmt Kopfschmerzen von..., andere schalten einfach ab!

Aber stell dir das mal vor, wenn sich das Universum, das da draußen, sich plötzlich entschließen würde, wieder umzukehren und wir beide würden wieder jünger werden. Aus Männern würden Kinder, aus Kindern Babies – und denn, nee, das wird jetzt wirklich eklig, denn krabbeln wir irgendwann unseren Müttern wieder in den Bauch und da werden wir auch immer kleiner, bis schließlich der Pfarrer aus dem Zimmer geht und seinen Samen aus ihr zurückgesaugt hat. Denn is´ er inner Zukunft oder so mal unser Vadder gewesen und Mutti muss die ganzen schönen Unterhaltsgelder, die sie vonne Kirche für mich bekommen hat, zurückbezahlen... Nee, also weißt Du, ich meine, ist doch so, manchmal spinnen die schon, die im Fernsehen. Also vor allem nachts...“

Genau, das fand Henning auch.

Kaum waren sie gegangen, um bei Elsa im Dörpkro ein Bier auf den Schreck zu trinken, klingelte das Telefon. Niemand nahm ab, es war ja niemand da.

Ein Mann trifft regelmäßig seinen persönlichen Tod auf einer Parkbank. Sie reden über Leben, Zeit, Multiversen – und ob man sich der Ernte entziehen kann. Philosophisch, absurd, norddeutsch trocken: Eine Freundschaft zwischen Endlichkeit und Erkenntnis.

Mein Tod, mein Freund

Kapitel 1

Es mag Sie vielleicht überraschen, und vielleicht interessiert es Sie auch nicht, aber ich erzähle im Folgenden, dass und wie ich ab und zu meinen persönlichen Tod auf der alten Bank an der Telefonzelle schräg gegenüber von der alten Kirche, in die keiner mehr geht, treffe.

Ich weiß ja nicht, ob Sie das auch machen, also Ihren Tod treffen. Manche mögen das für gruselig halten, ich weiß. Andere mögen nicht drüber reden. Redet ja keiner gerne darüber – über den eigenen Tod.

Das wundert mich, denn das Sterben und damit der Tod gehört ja genauso zum Leben wie das andere Ende vom Leben, die Geburt.

Sie kennen dieses Lied: „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei...“. Der Autor irrte kolossal, denn auch das Leben hat zwei Enden, nämlich – wen wundert es jetzt noch – Geburt und Tod. Da beißt keine Maus einen Faden ab. Isso! Basta.

Aber jetzt, wo ich das hier hingeschrieben habe, fällt mir auf, dass auch kaum jemand über seine Geburt redet, genauso wenig wie über echten Sex, und ich meine nicht den, mit dem die Kerle im Dörpkro angeben, ich meine den richtigen, der ab und zu zuhause stattfindet. Sind wohl Tabus: Geboren werden, sterben und dazwischen (zu) wenig Sex haben.

Wissen Sie, ich bin in dem Alter, in dem Verwandte, Freunde, Bekannte und Nachbarn so langsam mit dem Sterben beginnen, die Einschläge scheinen näher zu kommen. Deshalb habe ich mir ohne akuten Anlass neulich einen schwarzen Anzug und eine schwarze Krawatte zugelegt – sozusagen „in spe“ oder „auf Vorrat“. Man weiß ja nie. Irgendwann werden sie schon sterben, das ist keine Frage des „ob“, sondern nur des „wann“. Ich bin dann nicht nur traurig, sondern auch vorbereitet.

Und wenn´s mich unerwartet als nächsten treffen sollte, weiß mein Nachbar, was er meinem Bestatter als „letztes Hemd“ mitgeben soll. Meinen schwarzen Anzug – mein letzter Witz nach dem Leben, denn der hat Taschen. Nicht, dass da was drin sein sollte, aber wegen dem Spruch3 vom letzten Hemd... Warum? Darum!

Gut, dann mag es Sie also überraschen, wenn ich im Folgenden einfach so und völlig tabulos über meinen Tod rede (nicht über mein Sterben), weshalb ich es vielleicht erklären sollte.

Warum treffe ich ihn an der Telefonzelle? Telefonzellen gibt es ja kaum noch. Die Frage ist hier ja nicht, warum es keine Telefonzellen mehr gibt, sondern eher, warum es überhaupt noch welche gibt, wo doch heute jeder mit einem Handy rumläuft. Die Erklärung läuft leider darauf hinaus, transdimensional zu sein.

Also diese Telefonzellen…, wissen Sie, mit denen das ist nämlich so... Einfach ist es jedenfalls nicht... Vielleicht sollte ich doch lieber erst die Sache mit dem Tod erklären, schon weil es einfacher ist.

Also reden wir über meinen Tod! Meinen persönlicher Tod. Ich weiß ja nicht, ob Sie wissen, wie das mit dem Tod geht – und ich meine nicht das Sterben, ich meine den Typen, der Sie irgendwann irgendwo abholt und hinüberbringt. Von mir aus auch über den Styx. Und glauben Sie mir, da gibt es noch keine App dafür, sollte mich wundern, wenn es je eine geben sollte.

Wenn ich ihn, den Tod, im Folgenden als männlich darstelle, dann ist das, weil... – weiß ich auch nicht, ist mir so rausgerutscht. Von mir aus kann der gerne zwei oder drei Geschlechter haben oder sogar multigeschlechtlich sein. Oder nullgeschlechtlich oder divers. Ist mir piepe. Vielleicht vermehren sich die Tode ja per Fingerschnipps oder werden im Labor geklont oder 3D-gedruckt, oder sie vermehren sich durch Knospung wie Quallen. Mir alles egal – aber falls Sie das interessieren sollte, kann ich ihn ja mal fragen.

Eines steht allerdings fest. Felsenfest. Jeder, jeder einzelne hat seinen persönlichen Tod. Jeder Mensch, jede Katze, jeder Wurm. Jeder stirbt meist nur einmal – außer Katzen, die sterben sieben oder neun Mal.

Jeder hat also seinen persönlichen Tod (bei den Katzen bin ich mir nicht sicher; wegen der neun Leben). Eigentlich muss jeder sogar mehrere persönliche Tode haben, denn das Sterben kann eine|einen|divers ja jederzeit und überall treffen – ein Unfall, ein Infarkt, ein Mord. Alles das ist ja schnell mal geschehen. Wichtig ist: Jederzeit.

Und dann muss der persönliche Tod ja sofort bereit sein, eine|einen|diversen zu holen; sozusagen 24/7/365.

Seit ein paar Millionen Jahren – im Grunde seit Milliarden Jahren, also seit es Leben gibt – wird gestorben. Immer irgendwann. Selten geplant. Häufig wird gefressengestorben. Ein Naturgesetz.

So wie sich das Leben entwickelt hat, hat sich vielleicht auch der Tod entwickelt? Evolutionär? Darwin läßt grüßen.

Zwei Fragen muss ich mir für später merken: 1) sterben Tode eigentlich auch und 2) was ist, wenn der Tod durch Auffressen eintritt? Das muss ich meinen auch mal fragen.

Dass irgendwer im Leben schon einmal nicht gestorben sei, darf als Propaganda verschiedener Religionen abgetan werden. Oder im Roman. Perry Rhodan, der vom Bastei-Verlag als Erbe des Universums bezeichnet wird, und ein paar seiner engsten Freunde zum Beispiel, die besitzen angeblich so ein eiförmiges Gerät, den sog. Zellaktivator, das sie nie altern und auch nicht sterben lässt. Aber das sind Romanhefte ohne Anspruch auf Wahrhaftigkeit. Die können wir gleich wieder vergessen.

Also, wir waren uns einig, dass immer und überall gestorben werden kann, und dass der persönliche Tod dann bereit sein muss. Der Tod kann einen, der gerade am Sterben ist, ja nicht warten lassen beim Sterben.

Nehmen Sie zum Beispiel einen, der erschossen worden ist – der muss ja sofort sterben, der kann da ja nicht blutend liegen bleiben, bis der Tod irgendwann mal Lust, Zeit oder Gelegenheit hat vorbeizukommen. Das leuchtet ein.

Also muss der Tod, wie oben bereits gesagt, 24/7/365 in Bereitschaft stehen – und zwar ab Geburt, weil ja immer irgendetwas im Leben „seines“ Wesens schiefgehen kann. Es kann aber auch dauern. Bei Menschen in der Regel zwischen 60 und 100 Jahre, bei bestimmten Tiefseehaien 400 bis 500 Jahre, bei Mäusen Wochen und bei Eintagsfliegen Tage.

Mäusen und Fliegen sind für deren Tode kein Problem – kaum sind die Viecher da, sterben sie auch schon. Aber bei den anderen kann es also dauern.

Bei Pflanzen? Sie fragen, wie das bei Pflanzen sei? Echt, ehrlich, da habe ich mir noch keine Gedanken drum gemacht. Wieder so ein Punkt, den ich mal fragen könnte.

Im Grunde ist es wie bei der Feuerwehr – niemand will sie wirklich brauchen, aber jeder ist froh, dass es sie gibt. Und die Feuerwehrmänner sind ständig in Bereitschaft. So wie die Feuerwehrmänner Schichtdienst schieben, ist das auch beim Tod. Jeder Tod ist mehrere. Identische. Kopien voneinander oder Klone. Einer ist im Dienst, ein anderer ist in Bereitschaft, und die anderen haben frei oder sind bei Fortbildungen. Ich vermute allerdings, dass die Tode nicht an Stangen zum Einsatz rutschen wie Feuerwehrleute zum Auto.

Woher ich das weiß? Das hat mir mein Tod erzählt.

Kennengelernt haben wir uns im Krankenhaus. Übrigens formlos, niemand hat uns vorgestellt. Ich hatte eine schwere Infektion und wäre eines Nachts fast daran gestorben. Und ich war sogar so dicht am Tod, dass ich eine Nahtoderfahrung hatte – mit allem, was dazugehört: Helles Licht, Schweben, der Film „Rückblick aufs Leben“ – und mein persönlicher Tod war auch schon eingetroffen, so knapp war das.

Ich bin dann kurz vorm Sterben in diesem (Sterbe)Tunnel umgekehrt, als der Tod kurz mal aus dem Zimmer gegangen war (keine Ahnung, warum). Als er wieder reinkam, habe ich ihn gesehen. So richtig – als Wesen, das sich auf den einzigen Stuhl im Krankenhauszimmer setzte und sich sorgfältig die Hosen seines schwarzen Anzugs glattstrich.

Er hat mir später mal erzählt, dass nur Tote, also richtig Tote, ihren Tod sehen, fühlen und sprechen können. Aber nicht lange – die sind ja schon gestorben.

Auch er hätte noch nie mit einem Lebenden gesprochen, hat er gesagt. Ich wäre also eine Überlebender nach Nahtod-Erfahrung für ihn gewesen.

„Hallo“, murmelte ich von meinem Bett aus eher, als dass ich sprach – vielleicht dachte ich es auch nur.

„Oh“, antwortete er, „wieder da?“

Er schien erstaunt (war er ja auch).

Und nach einer Weile sagte er: „Wieso?“

Ich verstand nicht, was er mit wieso meinte.

Und nach einer Pause: „Wieso bist du wieder oder noch am Leben? Du warst fürs Sterben vorgesehen. Du solltest jetzt schon tot sein und wir unterwegs...“

„’tschuldigung“, dachte ich und wusste, dass er mich verstehen würde, „tut mir leid, wenn ich Ihre Pläne durcheinandergebracht habe …“

Er winkte mit etwas Rosanem ab, das entfernt an eine Hand erinnerte, nur mit der falschen Anzahl Finger und die noch in der falschen Reihenfolge.

„Schon okay“, sagte er, ohne den Mund zu bewegen. Ich verstand ihn trotzdem laut und deutlich. „Ich hatte eh nichts anderes vor.“

„Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf? Soweit ich weiß, ist gerade keine Besuchszeit.“

„Oh“, sagte er, „Besuchszeiten, die gelten für mich nicht. Ich kann immer …“

„Und die Nachtschwester? Hat die Sie reingelassen?“

„Nein, aber das ist ja auch kein Wunder – die sieht mich ja nicht.“

„Vorbeigeschlichen?“, murmelfragte ich.

„Nein, vorbeigegangen, sie kann mich nicht sehen.“

„Äh?“

„Niemand kann mich sehen!“

„Äh? Ich sehe Sie doch. Wir reden doch auch miteinander, oder?“

„Oder stimmt. Nein – wir reden nicht miteinander, wir denken miteinander!“

Er schien etwas von einem Rechthaber zu haben.

„Das geht?“, fragzweifelte ich denkend.

„Nur, wenn man sich nahe ist …“

„Sind wir uns nahe?“

„Sehr. So nahe, wie zwei Wesen, von denen eines ein Sterblicher ist, nur sein können.“

„Einer ein Sterblicher? Wer?“, das kam von mir – überrascht stoßdenkend.

„Ich bin es nicht“, kam von ihm zurück. Lässig.

Pause.

„Ich bin sterblich, klar“, gab ich nach einigem Nachdenken zu. „Ich dachte, das sei jeder … Vielleicht meine Katze..., die vielleicht nicht.“

„Na ja, die sieht das vermutlich anders. Aber irgendwann laufen ihre Leben auch aus …“

„Sind Sie denn nicht sterblich? Sind Sie unsterblich? Geht das denn?“

„Ja und ja.“

Ich musste einen Moment nachdenken, dann verstand ich.

„Unsterblich, also …“, dachte ich zu ihm rüber.

„Unsterblich“, kam es zurück.

„Und warum sind Sie jetzt hier?“

„Ich wollte Dich holen. Abholen …“

„Äh?“, zu mehr war ich in diesem Moment nicht fähig. „Wieso?“, konnte ich nach einem Moment hinzufügen – aber ich hatte da so eine Ahnung, „waren wir denn verabredet?“

„In gewisser Weise schon“, meinte er lässig und kümmerte sich wieder um die Qualität seiner Hosenfalte, die ich nie perfekter gesehen hatte. „Ich bin Dein Tod. Mein Auftrag: dich abholen …“

„Mein Tod?“, fragdachte ich. „War ich denn schon so weit?“

„Nach meinen Unterlagen schon. Vorhin, vor 20 Minuten, hätte es passieren sollen.“

„Und warum bin ich nicht tot?“

„Keine Ahnung. Jedenfalls im Moment nicht. Da muss ich mal bei der Verwaltung nachfragen, was da schiefgegangen ist.“

„Verwaltung?“, fragte ich verblüfft. „Welche Verwaltung?“

„Leben und Tod“, sagte er wieder, ohne das zu bewegen, was man in seinem Kopf als Mund bezeichnen könnte – wenn man großzügig wäre. „Die Verwaltung heißt Leben und Tod, Unterabteilung: Menschen, Dienstgruppe: Überlebter Tod.“ Und nach einem Moment fragte er: „Soll ich? Interessiert’s Dich?“

„Klar, mach man los …“, dachte ich, bevor ich nachdenken konnte. Manchmal bin ich mit dem Gehirn einfach zu schnell, da sage ich was, bevor ich´s denken konnte!

„Mache ich“, dachte er mir zu. „Ich muss nur mal eben in die Telefonzelle in der Halle gehen, bin gleich wieder da …“

Er verließ das Zimmer, schloss die Tür, aber nur, um sie unmittelbar darauf wieder zu öffnen und hereinzukommen.

„Nanu?“, fragdachte ich, „was vergessen? Was wichtiges?“

„Nein“, sagte er, „ich hab’s geklärt …“

„In dem Moment? Ich dachte, Sie wollten in die Halle und telefonieren?“

„Nein“, dachte er, „oder ja – ich war in der Halle, und ich war in der Telefonzelle, und ich habe auch mit dem zuständigen Sachkalmar der Abteilung ‚Überlebter Tod‘ gesprochen und konnte das mit Dir klären!“

„Das ist doch Spinnkram“, dachte ich – und dass ich vielleicht doch noch an den Folgen der Nahtoderfahrung litt.

„Nein“, widerdachte er mir, „das ist kein Spinnkram, das ist ganz einfach. Das ist so ein Dimensionsdingens. Zeit, musst Du wissen, ist nur eine Einbildung, es gibt sie nicht wirklich. Eine verbreitete Theorie besagt, dass, wenn man es genau betrachtet, alles zur gleichen Zeit geschieht. Hier bei euch, in dieser Welt, in diesem Universum.

Ihr kennt die Theorie nicht, aber ihr habt ein Wort dafür: Gleichzeitig.

Zeit ist hier… es ist sogar für mich schwierig zu erklären. Na ja, ich will es mal so sagen: Die Zeit in diesem Universum ist so etwas wie ein Wollknäuel – ziemlich lang, sogar sehr lang, aber unordentlich aufgerollt. Ihr Wesen in diesem Universum merkt das nur nicht. Na ja, bis auf die Katzen – die haben es längst begriffen.“

„Oha“, brachte ich aus meinem Gehirn heraus.

„Ja“, dachte der, der sich als mein Tod vorgestellt hatte, „ich sag’s ja – ist schwierig …, vor allem für euch Menschen. Um im Wortspiel der Wolle zu bleiben: Ihr seid zu einfach gestrickt (er wollte sich kurz weglachen), um das zu verstehen. Zu einfach gestrickt...“. Er konnte sich gar nicht beruhigen vor Lachen.

„Nö“, dachte ich, „eigentlich nicht. Gar nicht. Leuchtet mir sofort ein. Ich musste als Junge meiner Mutter immer helfen, die Wolle aus dem Bündel zum Wollknäuel aufzuwickeln. Ist eigentlich ganz einfach, wenn man mal draufgekommen ist.“

„Tatsächlich?“, staundachte mein Tod.

„Ja“, dachte ich weiter, „das mit dem Zeitknäuel, in dem alles gleichzeitig passiert – das ist doch einfach. Viel schwerer finde ich die Sache mit den Schwerkraftdellen im Raum …“

„Soll ich’s Dir erklären?“, fragte er, offenbar erfreut.

„Nee, nicht jetzt. Ein andermal vielleicht. Ich bin müde. Ich würde jetzt einfach nur noch gerne wissen, warum ich nicht gestorben bin. Und wieso ich Sie immer noch sehen und mit Ihnen reden kann.“

„Ja“, sagte er, setzte sich sehr sorgfältig auf seine Hosenfalten achtend etwas anders auf den unbequemen Krankenhausstuhl und fuhr dann fort:

„Dass Du eben nicht gestorben bist, war eigentlich nicht vorgesehen. Du warst für jetzt als tot geplant. Nun schau nicht so... Eigentlich hättest Du sterben sollen, aber da ist was schiefgelaufen. Vielleicht war da ein Knoten im Zeitwollknäuel. Oder ein Dimensionsfussel hat sich eingeschlichen. Die bei ‚Überlebter Tod‘ waren interessiert an Deinem Fall, aber sie haben gerade viel um die Ohren. Du bist im Stapel ziemlich weit unten.

‚Dimensionsdingens‘, hat dein Sachkalmar gesagt – interessant, ja, aber nicht akut. Hat wohl irgendwas mit Phasenverschiebungen zu tun … Ich hab’s auch nicht verstanden. Aber wenn Du willst, bleib ich dran.“

„Ja“, dachte ich müde. „Würde ich wollen. Betrifft mich ja auch.“

„Da ist noch etwas, was ich Dir sagen sollte“, dachte der Tod. „Bis dein Fall des Nicht-Sterbens geklärt ist, kannst Du nicht sterben. Sorry. Bist sozusagen auf „on hold“.

Er entschuldigdachte das mit einem kleinen bedauernden Kopfnicken, das vielleicht auch nur eine minimale Erschütterung des Raum-Zeit-gefüges war.

„Echt jetzt?“, fragdachte ich. „Ich kann jetzt nicht sterben?“

„Nein.“

„Und wie lange kann das dauern?“

„Ach, die sind schnell …“

„Schade …“

„Na ja … in Deiner Zeit vielleicht ein paar hundert bis eintausend Jahre.“

Ich schluckte. „Sag mal, Sie kennen sich doch aus mit sowas – ist das gut oder schlecht?“

„Kommt drauf an“, dachte er, „was man draus macht.“

„Können Sie mir Bescheid sagen, wenn es so weit ist?“

„Ja“, dachte er. „Wir können uns treffen, wann immer du willst.“

Ich dachte einen Moment lang darüber nach und fand, dass die Vorteile überwogen. „Wo und wann und wie verabreden wir uns?“

„Nicht weit von hier. Eigentlich ganz nahe. Ich schlage vor, auf der alten Bank neben der Telefonzelle. Gegenüber von der Kirche, in die eh keiner mehr geht. Da ist selten jemand. Warum auch. Das würde mir gut passen. Und du musst nur an mich denken. Denk was Schwarzes. Denk an den Tod – muss nicht deiner sein. Ich melde mich dann.“

Und so geschah es.

Irgendwann.

Bald.

Kapitel 2

Es waren ein paar Wochen ins Land gegangen. Aus dem Krankenhaus hatten sie mich entlassen – nicht ohne mir zu sagen, dass es ein kleines medizinisches Wunder gewesen sei, dass ich überlebt hätte. Als ich „eher wohl ein großes“ geantwortet hatte, für das nicht sie verantwortlich gewesen seien, waren sie eingeschnappt gewesen, hatte ich den Eindruck. Na ja, was hatten die denn schon Ahnung von Knoten im Zeitknäuel oder von mehrdimensionalen Verschiebungen mit Phasenadaptationsstörung?

Und nein, liebe Leser, ich habe die Sache mit den Telefonzellen, deren Vorhandensein ich erläutern wollte, nicht vergessen. Keinesfalls. Kommt schon noch. Sie müssen nur weiterlesen. Vielleicht ist das ja ein alter Trick von Autoren seit Mark Twain, um die Leute bei Laune und am Lesen zu halten. Warum Mark Twain? Ein anderer ist mir gerade nicht eingefallen – beginnender Alzheimer kann sich so auswirken.

Was ich allerdings nicht vergessen habe, ist, wie ich mich mit meinem Tod verabreden kann: Einfach an etwas Schwarzes denken, hat er mir rübergedacht und an den Tod, aber nicht mal unbedingt an den eigenen.

Na, habe ich mir gedacht, dann denke ich an den von Gawliczek.

Gawliczek4, kannten Sie den? Der war mein Nachbar. Ich hatte ihn nie wirklich gemocht, dabei haben wir Jahrzehnte nebeneinander gewohnt. Er war mein Nachbar. Ach, das sagte ich schon. Und er ist verschieden – übrigens im selben Krankenhaus, in dem ich meinem Tod von der Schippe gesprungen bin. Er hat mich im letzten Moment holen lassen und da habe ich seltsame Typen kennengelernt... Komisch, irgendwie sind die Erinnerungen an die fort, wie weggeblasen oder ausradiert. Ich war natürlich auf seiner Beerdigung, obwohl ich damals noch keinen schwarzen Anzug hatte. War aber trotzdem da. Gehört sich ja so.

Ich sitze jetzt also auf der alten Bank neben der Telefonzelle, schräg gegenüber von der noch älteren Kirche. Auf der Bank, die er vorgeschlagen hat. Ich habe an Gawliczek gedacht und bin gespannt, ob das reicht.

Übrigens ist das Wetter schön: Blauer Himmel, kein Wölkchen am Firmament, die Sonne brennt – ungefähr 28 Grad. Im Moment lächle ich bei dem Gedanken, er könne aus der Hölle kommen. Dann wäre ihm die Temperatur vielleicht recht. Aber ich glaube weder an Hölle noch an Himmel. Ich glaube nix. Vor allem nicht mehr seit es KI gibt – diese Lügensoftware, die alles kann und alles besser: schreiben, malen, rechnen und denken. Na ja, das soll die Zukunft sein – , vielleicht, und wenn, dann ist es nicht mehr mein Ding. Denn irgendwann werde ich meinen Tod nicht mehr auf dieser Bank zum Schwätzchen erwarten, sondern zum ernsthaften und letzten Treffen. Zum Tod. Meinem.