Wolfkisses: Ankunft der Jäger - Katania de Groot - E-Book
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Katania de Groot

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Beschreibung

In L.A. weiß jeder Wolf genau, wo er hingehört. Luke ist ganz unten, King ganz oben und sie lieben die gleiche Frau. Etwas, das King nicht auf sich sitzen lassen kann. Erst, als Sofie in tödliche Gefahr gerät, stellen sie fest, dass die Bedrohung aus einer unerwarteten Richtung kommt. In einem anderen Teil der Stadt wird aus einer Hochzeitsgesellschaft die größte Bedrohung für die Wölfe. Die Jäger sind in der Stadt und wenn sie erfahren, dass sie ausgerechnet einen Werwolf zum Personenschutz angestellt hat, gibt es nichts, was einen Krieg verhindern kann. Becca muss sich entscheiden. Kann sie dem Herz eines Jägers vertrauen oder setzt sie ihr Leben vergeblich aufs Spiel?

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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Wolfkisses – Ankunft der Jäger
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Vorschau
36. Nachwort
37. Impressum

Katania de Groot

Wolfkisses – Ankunft der Jäger

1. Kapitel

 

Trotz der Mittagshitze musste der Betrieb ohne störende Unterbrechungen aufrechterhalten werden. Die pingeligen Hotelgäste hatten bei den unmenschlichen Temperaturen unter der Mittagssonne von Los Angeles weit weniger Geduld als gewöhnlich. Heute schien es eine Zumutung für sie zu sein, auch nur eine Sekunde zu lange auf die Erfüllung ihrer Wünsche zu warten. Ein Umstand, der Luke jede Hoffnung auf Trinkgeld zunichtemachte. 

Er bewegte sich nur ein paar Millimeter in der vergeblichen Hoffnung, eine kühlere Brise zu erwischen. Die Hoteluniform klebte unangenehm an seinem Rücken. Wer auch immer die langen Hemdsärmel für angemessen hielt, saß garantiert in einem klimatisierten Büro. Luke zupfte an der Weste aus schwerem Anzugstoff und wünschte dem Designer insgeheim die Pest an den Hals.

Obwohl das Hotel direkt in der Bucht lag, regte sich kaum ein Luftzug. Darauf bedacht, seinen Platz im Schatten nicht einmal mit der Schuhspitze zu verlassen, verlagerte Luke sein Gewicht nur minimal, ehe er wieder zu einer Statue erstarrte. Zwei andere Laufjungen waren vor ihm an der Reihe. Bereit, loszuhetzen, um irgendein belangloses Zeug zu erledigen.

Dennoch ließ sich daran nicht ablesen, wie lange er noch in der Hitze ausharren musste. Es konnte durchaus dauern, bis Jerome ihn losschickte. Am besten, er bewegte sich bis dahin so wenig wie möglich.

 

Das Klackern von Absätzen ließ ihn aufsehen und wie erwartet erspähte er Trish durch die Seitentür des Hotels.

»Verdammt!« Der Fluch kam von Sunny, der die Blondine ebenfalls bemerkt hatte. Die beiden Runner tauschten einen flüchtigen Blick. Trish bedeutete meistens Ärger. Sie hatte schnell herausgefunden, dass weder Luke noch Sunny ihr einen Gefallen abschlugen. Da sie jedoch keine Befugnis über die Pagen hatte, bedeutete dies, dass diese unerlaubt ihren Wartebereich verlassen mussten.

Aber wenn Luke ehrlich war, hätte er jetzt liebend gerne einen Auftrag für sie erledigt. Zumindest, wenn er dafür einen klimatisierten Raum betreten konnte.

Trish hatte es zu ihrer persönlichen Aufgabe erklärt, in dem Fünf-Sterne-Hotel einen möglichst reichen Ehemann zu finden. Bis sie dieses Ziel erreicht hatte, verbrachte sie ihre Zeit liebend gerne mit den Männern anderer Frauen. Dass sie ihre Arbeit dabei sträflich vernachlässigte, kaschierte sie, indem sie die Runner einsetzte, um ihre Aufgaben zu erledigen. Im Gegensatz zu Luke war Sunny in Deckung gegangen, kaum das Trish an der offenen Tür vorbeirauschte. Erst, als sich das Klappern ihrer Absätze wieder entfernte, wagte er sich in den Schatten zurück.

Luke schmunzelte und schloss die Augen. Er genoss einen sanften Windzug, der durch seine Haare strich. Die Einheimischen ließen sich von den Temperaturen nicht im Geringsten stören. Für Luke waren sie eine Qual. Er war mit seinen Eltern unfreiwillig in die Stadt gekommen, und die Hitze erinnerte ihn jeden Tag daran, dass er seine Heimat lieber nicht verlassen hätte. Er öffnete die Augen wieder. War die Stadt der Engel direkt neben dem Höllentor gebaut worden? Wie sonst wollte man diese Temperaturen erklären?

Er selbst bevorzugte kühleres Wetter. Leider hatten seine Eltern ihn nicht gefragt, sondern waren vor zehn Jahren einfach in den Sonnenstaat gezogen. ›Eine Chance für die Familie‹ hatten sie den Umzug genannt, und in der Zeit, in der sie sich prächtig in die bestehende Gemeinschaft eingegliedert hatten, blieb Luke am unteren Ende der Rangfolge zurück.

Das Leben in Los Angeles war ein Fluch, nicht nur in beruflicher Hinsicht. Auch nach all der Zeit vermisste Luke die Berge, in denen er aufgewachsen war. Er legte den Kopf schief und blickte zum Parkplatz, die einzige Aussicht, die den Runnern blieb. Sobald seine Ersparnisse für einen Neuanfang reichten, würde er die Stadt verlassen, Richtung Kanada oder vielleicht Alaska. Hauptsache, die Hitze war nicht so drückend und er konnte hin und wieder durch den Schnee rennen.

Der Gedanke erheiterte ihn. Zahllose Menschen kamen nach Los Angeles, die Taschen gefüllt mit sterbenden Träumen, die sie verzweifelt am Leben halten wollten. Nur er wollte diesem Ort am liebsten sofort den Rücken kehren.

Sein Hemd klebte mittlerweile nicht nur an seinem Rücken, auch der Stoff der Ärmel legte sich unangenehm auf die Haut und sorgte dafür, dass seine ohnehin schon schlechte Laune noch mieser wurde.

Am kommenden Wochenende würde in der Orangerie eine Hochzeit stattfinden. Seit der erste Teil der englischen Gesellschaft eingetroffen war, gab es eine neue Regel. Den Runnern war es nun nicht mehr gestattet, in der klimatisierten Lobby auf ihre Aufträge zu warten. In den Augen der englischen Aristokratie war das ›Herumlungern der Laufburschen in der Eingangshalle‹, wie einige Gäste es bezeichnet hatten, inakzeptabel. Jerome hatte sofort reagiert und die Pagen kurzerhand auf die kleine Terrasse neben der Küche verbannt.

»Luke? Bist du startklar?«

Luke sah verwundert auf. Jerome stand vor ihm.

»Immer, aber ich glaube, Sunny ist vor mir dran.«

»Sunny hat aber noch keinen Führerschein und ich brauche jemanden, der rüber nach Pasadena fährt. Die Braut hat dort diesen kleinen Blumenladen gesehen und möchte, dass die Floristin heute zu diesem Wettbewerb herkommt, du weißt schon, der bei dem die Braut sich ihren Blumenschmuck aussucht«, ratterte der Concierge gelangweilt die Details des Auftrags herunter. 

Ein Dienstleister, der nicht einmal ein eigenes Auto unterhielt, um seine Ware in das Hotel zu bringen? Doch welcher Braut schlug man schon einen Wunsch aus, vor allem, wenn sie die Macht hatte, die ganze Gesellschaft kurzfristig ins Hilton umzubuchen?

»Die Gestecke stehen zur Abholung bereit.« Jerome warf Luke die Schlüssel zu einem SUV zu und legte eine Mappe auf den Abstelltisch neben der Tür. »Immerhin kommst du so aus der Hitze.«

Ohne eine Erwiderung abzuwarten, verschwand Jerome wieder im Gebäude. Das ganze Gespräch hatte stattgefunden, ohne dass er auch nur einen Schritt aus dem gekühlten Teil des Hotels getan hatte.

Luke griff nach der Mappe, deren Leder sich glatt und kühl anfühlte. Ein kurzer Blick hinein verriet ihm die Adresse des Ladens. Blumen abholen bei einer Sofie Francis. Warum nicht?

Die Straßen nach Pasadena waren zu jeder Zeit heillos überfüllt, doch Luke hatte es nicht eilig. Mit etwas Glück kam er erst kurz vor Feierabend wieder am Hotel an. Auf dem Weg zum Parkplatz ging er in Gedanken die beste Route zur angegebenen Adresse durch. In Pasadena kannte er sich nicht gut genug aus, spätestens dort würde er das Navi einschalten müssen, um den Laden zu finden.

»Hey, pass auf, wo du hinläufst!«

Erschrocken wich Luke Becca aus, die er um ein Haar umgerannt hätte. Er stieß einen leisen Fluch aus und fügte schnell ein »Sorry« hinzu, um die Personenschützerin nicht noch mehr zu verärgern.

Doch sie winkte nur ab und wandte sich wieder der Umgebung und dem Mann zu, der neben ihr herging. Einerseits war es beruhigend, dass sie ihn nicht als Gefahr einstufte, andererseits kränkte es Luke. Selbst wenn er den Wolf meistens unterdrückte, der in ihm schlummerte. Normalerweise erkannte die Clanmacht einen fremden Wolf, sobald er sich näherte. Gerade, wenn der Gegenüber um so viel dominanter war als er selbst. Doch heute hatte die Aleashira ihn nicht wie sonst vor Becca gewarnt, sonst hätte er einen Bogen um sie gemacht. »Wozu eine Clanmacht, wenn sie zu nichts taugt?«, presste er zwischen den Lippen hindurch, leise genug, damit die beiden Personen, die ihn passierten, nichts davon hörten.

 

Den groß gewachsenen Mann in Beccas Begleitung hatte Luke schon mehrmals im Hotel gesehen. Er wohnte seit zwei Wochen dort, hielt sich aber meist außerhalb auf. Wie bei ihrem ersten Treffen jagte der Blick des Mannes Luke einen kalten Schauer über den Rücken. Der Fremde war definitiv kein Wolf, doch Lukes Instinkte sagten ihm, dass er nicht weniger gefährlich war als Becca, die Alphawölfin, die er für seinen Personenschutz angeheuert hatte. Die schulterlangen Haare hatte der Fremde zu einem strengen Pferdeschwanz gebunden, was im Kontrast zu seinem Dreitagebart stand. Seine raubtierhaften Bewegungen waren ebenso präzise wie die von Becca. Genau wie sie war er bereit, jederzeit vorzuschnellen, sollte es nötig sein.

Unbeirrt setzte Luke den Weg zu seinem Wagen fort. Ein Schwall heiße Luft traf ihn beim Öffnen der Tür. Unbarmherzig hatte die Sonne den Wagen in einen Backofen verwandelt. Luke startete den Motor im Leerlauf, um die Klimaanlage ihre Arbeit verrichten zu lassen. Statt gleich in den Wagen zu steigen, beobachtete er das auffällige Paar, das sich zielstrebig auf den Hoteleingang zubewegte. Im Moment sah es allerdings so aus, als wäre die größte Gefahr für den Fremden, dass er in seinem Designeranzug an einem Hitzschlag starb. Ein Schicksal, vor dem Becca ihn nicht würde retten können.

Als hätte er den spöttischen Gedanken gehört, drehte er sich noch einmal um. Stechend blaue Augen musterten Luke, doch offenbar kam der Fremde zu dem Ergebnis, dass von Luke keinerlei Gefahr ausging. Kleinmachen, ducken, unauffällig sein. So kam Luke am besten durchs Leben. Er gab kein Ziel ab, das sich zu bekämpfen lohnte.

 

»Fuck, ist das heiß.« Luke hatte sich in den Wagen gebeugt, um die Adresse ins Navi einzugeben. Doch auch nachdem das System den optimalen Weg berechnet hatte, zögerte er das Einsteigen hinaus. Noch immer war es unerträglich heiß in der Blechkiste. Er nutzte die Zeit, um eine andere Aufgabe zu erledigen.

Die Einteilung der Umgebung in drei Reviere brachte die ein oder andere Schwierigkeit mit sich. Luke hätte längst einen besser bezahlten Job haben können. Wenn es nicht die Regelung zwischen den Rudeln gegeben hätte. Es war ihm ausdrücklich verboten, sich für längere Zeit in einem fremden Clan-Gebiet aufzuhalten. Es ohne Ankündigung zu betreten, war ebenfalls keine gute Idee.

Mit dem Handy schickte er eine kurze Nachricht an die Nummer, die jeder Wolf kannte, um sich für seine Tour anzumelden. Wenn er das vergaß, waren ihm Knochenbrüche und Schürfwunden sicher. Mit den Clans war nicht zu spaßen. Das Handeln jedes Einzelnen hatte weitreichende Konsequenzen. Trieben sich zu viele Wölfe in einem Teil der Stadt herum, erweckten sie unweigerlich die Aufmerksamkeit der Menschen. Zwar konnten die meisten die Clanmacht, die jeden Wolf umgab, nicht benennen, aber sie reagierten instinktiv darauf. Erfuhren die falschen Personen von ihrer Anwesenheit, wurde es blutig. Ein paar Schrammen waren nichts im Vergleich zu den Toten, die es gab, sobald L. A. in das Visier der Jäger geriet.

Allein die Vorstellung von Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, seine Rasse auszurotten, verursachte ihm Übelkeit. Nicht einmal die Hitze schaffte es, der Kälte, die sich in ihm ausbreitete, etwas entgegenzusetzen.

Er selbst hatte das Glück, bisher nie einem Jäger begegnet zu sein. Doch die Geschichten der Clans, die nicht mehr existierten, wurden schon den Kleinsten erzählt. Keiner sparte dabei an blutigen Details. Jedem Welpen wurde eingebläut, was passierte, wenn die Menschen von ihrer Existenz erfuhren. Im größten der drei Clans, den Nekare, gab es einen verkrüppelten Werwolf. Duke fehlte ein Auge, und seine rechte Hand war so oft gebrochen worden und wieder zusammengewachsen, dass er sie nach jahrelanger Qual hatte abnehmen lassen. Luke hatte den Werwolf aus Schottland nur einmal an der Reviergrenze gesehen. Er war ein gebrochener Mann. Immer auf der Hut, mit Angst vor seinem eigenen Schatten. Luke seufzte. In das Gebiet der Nekare würde er nun unweigerlich kommen und der Clan war nicht für seine Gastfreundschaft bekannt.

»Na, dann mal los«, murmelte Luke und stieg in den Wagen. Er genoss die kalte Luft, die die Klimaanlage ihm ins Gesicht blies. Dieser Luxus war ihm zu Hause nicht vergönnt und für einen Augenblick war er für die Anstellung in dem Hotel besonders dankbar. Heute würde sein einziges Problem darin bestehen, ein paar Blumen durch die Stadt zu fahren. Diese Aufgabe war nicht sonderlich aufregend. Ließ man die mangelnde Gastfreundschaft der Nekare außer Acht, war dies einer der angenehmeren Jobs, die er für Jerome erledigte.

2. Kapitel

 

Angespannt blickte Becca über den Parkplatz. Sie hasste es, unübersichtliche Orte zu überqueren, vor allem, wenn sie die Verantwortung für einen Kunden übernahm.

Aus den Augenwinkeln musterte sie ihren Klienten Alex. Er hatte von Anfang an darauf bestanden, dass sie seinen Vornamen benutzte. Becca war es lieber, professionelle Distanz zu wahren, doch als Geldgeber lag die Entscheidung bei ihm.

Zusammen mit der Matriarchin der Familie war er vor zwei Wochen für die Hochzeit seines Bruders angereist. Die Braut war ebenfalls seit einigen Tagen da, ein blasses, blondes Mädchen, hübsch anzusehen und nicht halb so dämlich, wie ihre zukünftige Schwiegermutter behauptete. Nur der glückliche Bald-Ehemann ließ auf sich warten. Dringende Geschäfte, soweit Becca mitbekommen hatte.

 

Alex versuchte, der Eintönigkeit so oft wie möglich zu entkommen. Heute hatte er sie zu einem Lasertag-Duell herausgefordert. Die unübersichtliche Halle war ein Albtraum für ihren Auftrag gewesen, doch sie musste Alex neidlos zugestehen, dass er sich für einen Anzugträger ausgezeichnet schlug. Ihre generelle Abneigung gegenüber Schusswaffen hätte fast Gleichstand bedeutet, doch gegen ihre wölfischen Reflexe kam kein Mensch an.

»Wer ist der Kerl?« Alex klang misstrauisch. Ständig schien er auf den nächsten Angriff zu warten. Gerade deutete er auf den dunkelhaarigen Hotelpagen, der auf dem Weg zu einem Auto ihren Weg kreuzte.

Luke war unaufmerksam gewesen, hatte sich aber entschuldigt und sich dann zügig getrollt, typisch für einen Wolf, der so weit unten in der Rangfolge stand.

»Das war Luke. Er arbeitet seit ein paar Jahren im Hotel. Es gab noch nie Probleme mit ihm«, erklärte Becca, bevor Alex den armen Kerl ansprang.

Er nickte, zufrieden mit dieser Auskunft, und setzte seinen Weg über den Parkplatz fort.

»Wir können das nächste Mal mit dem Wagen bis vor den Eingang fahren, es gibt hier Personal, um die Autos zu parken. Dann müssen wir weder durch die Hitze noch über einen schlecht überschaubaren Parkplatz«, merkte Becca an.

Alex zuckte mit den Schultern: »Es macht kaum einen Unterschied. Im Gegenteil, ich bevorzuge es, wachsam zu bleiben.«

Mit einem Seufzen deutete Becca auf seinen Anzug: »Wir könnten dann von einem klimatisierten Auto in ein klimatisiertes Hotel wechseln.«

Ein vernichtender Blick traf sie und sie beschloss, die Mission, Alex vor der Hitze zu retten, fürs Erste aufs Eis zu legen, am besten für immer. Die meisten Menschen mit zu viel Geld hatten ihre Macken. Wie er dazu kam, im Sonnenstaat immer langärmlige Kleidung zu tragen, fragte sie nicht. Er würde seine Gründe haben.

 

Kaum hatten sie die Hotellobby betreten, bildete sich Gänsehaut auf Beccas Armen. Fast beneidete sie Alex um sein Jackett, denn nichts deutete darauf hin, dass er die Temperaturschwankung überhaupt bemerkte. Er sah sich um. Sein Verhalten wirkte, als würde er sie beschützen, nicht umgekehrt.

Etwas an ihm ließ ihr immer wieder einen Schauer über den Rücken wandern, und zwar keinen von der guten Sorte. Die Clanmacht teilte ihre Gefühle allerdings nicht. Bei ihrem ersten Treffen hatte sie sich wie ein Hundewelpe nach ihm ausgestreckt. Am Anfang hatte sie seinen Geist immer wieder angestupst, bis sie schließlich aufgab und sich schmollend in Beccas Gedanken verkrochen hatte.

Alex streckte die Hand aus und griff, ohne sich umzusehen, nach Beccas Arm. Er hielt sie auf ihrem Weg zu den Fahrstühlen an und deutete auf die Rezeption. Jerome nahm gerade zwei neue Gäste auf. Alex ließ Becca wieder los und mit schnellem Schritt bewegte er sich auf die Neuankömmlinge zu.

»Wurde auch Zeit, dass ihr kommt.«

Seine Hand landete auf der Schulter des Mannes, der mit dem Rücken zu ihnen stand. Der Angesprochene drehte sich um und fixierte Becca mit einem neugierigen Blick aus moosgrünen Augen. Sie erstarrte. Die Clanmacht in ihr wimmerte und verkroch sich schlagartig in der hintersten Ecke ihres Bewusstseins. Verwirrt sah Becca zu Boden, fing sich im nächsten Moment wieder und stellte sich aufrecht neben ihren Klienten.

»Alex!« Die Frau im Businesskostüm hauchte Alex einen Kuss auf die Wange, ehe sie sich zwischen ihn und Becca drängte, um sich bei ihm unterzuhaken. Sie war dank ihrer Absätze fast so groß wie er, und ihre blonden Haare fielen in sanften Wellen über ihre Schultern. »Ich finde es fürchterlich, was Christoph uns hiermit antut. Die Luft ist viel zu warm, der Flug war eine Katastrophe, das Taxi nicht klimatisiert. Außerdem roch es nach Erbrochenem.« Sie warf ihrem Begleiter einem bösen Blick zu. »Die Hochzeit hätte in England stattfinden sollen! Unser Anwesen wäre perfekt für eine derartige Feier!«

Die Blondine sah Alex nun zum ersten Mal direkt an und ihre Stimmung schien sich augenblicklich zu heben. Ihr Lächeln zeigte eine Reihe makellos weißer Zähne. In einem versöhnlicheren Ton fuhr sie fort: »Aber allein, dass du hier bist, ist ein Lichtblick. Das Haus war so leer ohne dich.«

»Freut mich, dass der Flug deine Laune nicht trüben konnte.« Alex strich über die Hand, die sich in den Ärmel seines Anzuges gekrallt hatte, und wandte sich an den Mann, dem in diesem Moment einige Schlüsselkarten überreicht wurden. »Es hätte euch nur einen Anruf gekostet, dann hätten wir euch vom Flughafen abgeholt. Oder zumindest einen anständigen Limousinenservice bestellt. Du weißt doch, wie deine Schwester ist.«

Der Fremde drehte sich zu Alex um. Kaum dass er seinen Blick von ihr genommen hatte, atmete Becca auf. Sein durchdringender Blick verunsicherte sie. »Danke für das Angebot, aber es war nicht nötig. Grace übertreibt wie üblich. Sie hat den ganzen Flug über geschlafen. Und über den Komfort der ersten Klasse lässt sich nun wirklich nichts Negatives sagen.«

Sein Blick streifte Becca ein weiteres Mal. Er ließ sich nicht anmerken, was er von ihr hielt, sondern übernahm ganz selbstverständlich die Führung und steuerte die Aufzüge an.

»Christoph, warte doch bitte auf uns.« Graces Stimme hallte durch die Lobby. Kurzerhand zog sie Alex hinter sich her. Becca blieb nicht anderes übrig, als der Gruppe zu folgen.

Christoph, der Bräutigam, war eingetroffen und er hatte seine reizende Schwester dabei.

Alex’ Körpersprache hatte sich seit der Begrüßung seines Bruders geändert. Er war ein wenig eingesackt und hielt den Blick gesenkt.

Becca dachte über die Art nach, wie Alex ‘deine Schwester’ gesagt hatte. Dazu kam, dass sie die Finger keine Sekunde von ihm ließ. Vermutlich waren die Verwandtschaftsverhältnisse doch nicht so klar, wie sie zuerst vermutet hatte.

Auch dem Äußeren nach sah er den beiden Neuankömmlingen nicht im Geringsten ähnlich. Es schien viel mehr so, als wären die beiden Alex’ Ziehgeschwister und keine direkten Blutsverwandten.

Der Bräutigam war es eindeutig gewohnt, den Ton anzugeben. Alex folgte ihm, ohne zu zögern.

Der Bräutigam war es eindeutig gewohnt, den Ton anzugeben. Alex folgte ihm, ohne zu zögern.

Christoph passte hervorragend in das Bild, das Becca von der englischen Gesellschaft hatte. Seine kurzen Haare waren zerzaust, nicht unordentlich, eher so, als hätte jemand viel Zeit damit verbracht, sie so zu drapieren. Kein Barthaar war auf den Wangen zu entdecken und seine grünen Augen wirkten um einiges sanfter als die blauen von Alex.

Als hätte sie Beccas Gedanken erraten, fuhr Grace mit dem Handrücken über Alex’ Wange. »Du musst dich mal wieder rasieren, der Bart steht dir nicht.«

Alex zuckte mit den Schultern. »Keine Sorge, zur Trauung werde ich frisch rasiert auftauchen und dir keine Schande bereiten.«

Die Aufzugtüren öffneten sich und, Christoph voran, betraten sie die Kabine.

»Wer ist die Frau?«, stellte der Bräutigam die Frage, die Grace sichtlich auf den Lippen brannte.

»Das ist Rebecca, sie ist mein Bodyguard. Nachdem du uns in dieses Loch schleifen musstest, gehe ich auf Nummer sicher.«

Christoph hob eine Augenbraue, sagte jedoch nichts dazu. Sein Blick glitt ein weiteres Mal über Becca. »Nichts für ungut, aber sie sieht eher aus, als bräuchte sie deinen Schutz.«

Grace kicherte. »Sie wird schon ihre Qualitäten haben.«

»Grace.« Mit einem Wort brachte Christoph seine Schwester zum Schweigen. Der Ton in seiner Stimme hätte Stahl schneiden können und sie sah betreten zu Boden.

Alex hingegen verzog keine Miene. »Ihre Referenzen sind hervorragend. Mehr muss ich nicht wissen.«

Mit seiner Schlüsselkarte schaltete Alex die Fahrt in den achten Stock frei und mit einem kleinen Ruck setzte die Mechanik sich in Gang. Die Fahrstühle waren so eingestellt, dass es keinen Zwischenstopp gab, zumindest nicht, wenn man auf dem Weg in die oberste Etage war.

Kaum hatten die Türen sich geschlossen, fiel die Anspannung von Alex ab. Grace behielt ihre bei, wobei sie Becca offen musterte.

»Wie geht es Mutter?«, fragte Christoph.

»Gut, allerdings ist sie schlecht gelaunt. Sie hasst Los Angeles. Sogar fast so sehr wie sie Irene hasst.« Becca merkte Alex an, dass er noch mehr sagen wollte, doch Christoph unterbrach ihn.

»Sie wird sich an den Gedanken gewöhnen. Das haben alle getan. Irene zu heiraten, ist das Beste, was ich tun kann. Mutter wird das mit der Zeit einsehen.«

»Es ist, als würdest du Mutter nicht kennen«, mischte Grace sich ein. »Sie würde eher tot umfallen, als dass sie deinem Püppchen auch nur einen Funken Respekt entgegenbringt.«

Christoph lächelte seine Schwester an. »Solange du das mit dem Respekt irgendwann hinbekommst, sollte es ja keine Probleme geben.«

 

Ein leises Läuten kündigte ihre Ankunft an und unterbrach so das Gespräch. Die Türen des Aufzugs glitten lautlos zur Seite. Ehe sie sich komplett geöffnet hatten, schob Christoph sich an Becca vorbei und betrat den Flur. Der Stoff seines Anzugs streifte ihre Haut und er kam ihr nahe genug, dass sie sein dezentes Aftershave riechen konnte. Sie zuckte zurück, was er mit einem Grinsen quittierte.

»Mein Zimmer ist da entlang«, stellte er fest und deutete nach rechts. »Grace, deines ebenfalls.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, schlenderte er den Flur entlang. Der dicke Teppich verschluckte jedes Geräusch seiner Schritte und die Selbstsicherheit, die er ausstrahlte, zeigte, dass er im Gegensatz zu Alex nichts und niemanden fürchtete. Zumindest nicht hier oben.

Alex’ Räume lagen dem Aufzug direkt gegenüber. Becca hatte von Anfang an den Verdacht gehabt, dass es sich dabei nicht um einen Zufall handelte. Er schien gerne alles im Blick zu haben.

Grace sah ihrem Bruder unschlüssig nach, folgte dann aber Alex, der die Tür zu seiner Suite aufsperrte.

»Becca, bleib bitte hier und gib mir Bescheid, wenn jemand die Etage verlässt«, wies Alex sie an.

Graces Lippen verzogen sich zu einem triumphierenden Lächeln, als sie an Becca vorbei in das geräumige Zimmer schritt. »Darling, ein Drink wäre jetzt angebracht! Du weißt, was ich gerne mag, würdest du mir einen mixen, während ich mich ein wenig frisch mache?«

Die Tür fiel ins Schloss und schnitt Becca vom weiteren Gespräch ab. Nein, diese beiden waren mit Sicherheit nicht verwandt. Sie blickte den leeren Flur entlang und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand. Wahrscheinlich würde der Auftrag ab jetzt genauso langweilig werden, wie sie im ersten Moment vermutet hatte.

 

Die Tür schloss sich hinter Alex und das beklemmende Gefühl der Enge stieg in ihm auf. Grace zog in einer fließenden Bewegung ihren Blazer aus und warf ihn zusammen mit ihrer Handtasche aufs Sofa. Sie nutzte den Weg zum Badezimmer, um aus ihren Schuhen zu schlüpfen. Die neue Freiheit genießend, stöhnte sie auf.

»Man könnte meinen, dass man für das Geld, das ich ausgegeben habe, ein paar bequeme Schuhe bekommt. Aber nein, Frauen sollen ja vor allem schön aussehen, nicht war?«

»Solche Ansprüche habe ich an niemanden nach einem zwölfstündigen Flug.« Er hörte, wie sie den Wasserhahn im Bad aufdrehte.

»Du kannst dich schon einmal ausziehen.« Ihre Stimme klang durch das Rauschen des Wassers gedämpft. Ihre Aufforderung riss ihn aus seiner Starre und er schlenderte zu dem protzigen Schreibtisch in der Mitte des Raumes. Er legte das Jackett über den Schreibtischstuhl. Knopf für Knopf öffnete er sein Hemd. Langsam, das Unumgängliche hinauszögernd. Leise Schritte näherten sich ihm von hinten. Er drehte sich zu Grace, die sich augenblicklich an den letzten Knöpfen zu schaffen machte.

»Du könntest etwas Sonne vertragen«, stellte sie fest und strich den Stoff zur Seite, bis er über Alex’ Schultern glitt.

»Du weißt, wieso ich nicht in die Sonne gehe.«

Sie presste die Lippen zu einem Strich zusammen und ersparte ihnen beiden jegliche Bemerkung.

»Willst du es hier machen?«, fragte Grace und deutete auf die Unterlagen, die sich auf der Holzfläche türmten.

Alex zögerte. Sein Blick wanderte zwischen Sofa, Schreibtisch und Schlafzimmer hin und her. »Es macht keinen Unterschied, oder?«

»Wo immer du dich wohler fühlst.« Ihr Blick glitt wieder über seinen Brustkorb.

»Schlafzimmer.« Seine Stimme zitterte.

Grace ließ ihn stehen und holte ihre Handtasche. Sie schlenderte in das Schlafzimmer und drehte sich noch einmal zu ihm um. »Wann immer du soweit bist.«

Alex zögerte. Er sah zur Eingangstür und spielte mit dem Gedanken, einfach zu gehen. Aber er kannte Grace. Sie würde nicht locker lassen, bis sie bekam, weswegen sie gekommen war.

Also ergab er sich in sein Schicksal und folgte ihr.

»Du kannst Liegestütze machen, bis ich hier fertig bin.« Akkurat breitete sie den Inhalt ihrer Handtasche auf seinem Nachttisch aus.

»Wie kommst du mit dem Zeug eigentlich immer durch die Sicherheitskontrollen?«, fragte Alex und kam ihrer Aufforderung nach.

»Ich bin Ärztin.« Sie testete das Desinfektionsspray an ihrer Handfläche, ehe sie es neben Tupfer und Einwegkanülen legte. »Ich habe einen Patienten hier und benötige meine Materialien.« Sie wandte sich ihm zu. »Das sollte reichen.«

Kaum stand er wieder vor ihr, drückte sie ihm das kalte Stethoskop gegen den Brustkorb. Sie lauschte einen Moment, dann nahm sie ihr Folterwerkzeug wieder ab. Es hatte ihr Haar zerzaust, der Anblick erinnerte ihn an die Zeit ihres Studiums. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, doch es war verschwunden, bevor sie es bemerkte.

Alex setzte sich auf die Bettkante. Den Ablauf dieser Untersuchungen kannte er nur zu gut. Sie waren Teil seines Lebens, so lange er denken konnte. Grace band ihm den Oberarm ab. Ihr Blick blieb kurz an einem blauen Fleck hängen, der die Haut an seinem Rippenbogen dunkel verfärbte, doch sie sagte nichts dazu. Alex ballte die Hand zu einer Faust, bis die Vene deutlich hervortrat. Er spürte den Einstich kaum.

»Du hast mir am Telefon gesagt, dass dein Herz dir wieder Schwierigkeiten macht.« Obwohl sie sich auf die Füllmenge der Ampulle konzentrierte, konnte sie die Sorge in ihrem Blick nicht verstecken.

»Seit ich in Los Angeles bin«, bestätigte er. »Ich habe die Dosis erhöht, was es verbessert hat. Aber manchmal fühlt es sich an, als würden sich Eisenbänder um meinen Brustkorb legen.«

Sie verpackte die Blutprobe und setzte sich neben ihn. »Es scheint, als wäre alles in Ordnung, aber ich würde gerne eine Sonografie durchführen. Christoph kümmert sich darum, dass wir Zugang zu einem Gerät bekommen.« Sie legte ihre Hand auf seinen Arm. »Das hier ist keine komplette Untersuchung«, erinnerte sie ihn, ehe sie eine Spritze aus der Tasche holte. »Du bekommst eine stärkere Dosis und ich komme wieder, sobald meine Koffer vom Flughafen gekommen sind.«

Grace desinfizierte eine weitere Stelle auf seinem Arm. Auch diesen Einstich spürte er kaum. Das Brennen setzte erst ein, als der Inhalt der Spritze sich in seinen Adern ausbreitete. Alex keuchte und ballte die Hände zu Fäusten.

»Nicht anspannen«, ermahnte Grace ihn. Sie nahm seine Hände in ihre. »Ruhig atmen. Ich weiß, es tut weh.«

Es dauerte fast fünf Minuten, bis sein Atem sich wieder beruhigte. Er zitterte.

»Es tut mir leid. Ich suche immer noch nach einer Formel, die weniger schmerzhaft ist.«

Alex schwieg. Er bewegte sich nicht, auch nicht, als Grace ihren Kopf an seine Schulter legte. Trotz des langen Fluges roch sie nach Blumen. Im Spiegel konnte er sehen, dass sie ihre Augen schloss. Behutsam legte er einen Arm um sie.

»Wir sind alle müde, darum hat Christoph uns hierher gebracht. Er denkt, ein wenig Urlaub würde uns guttun.«

Sie lachte. »Urlaub? Als ob ihr beide irgendwann Urlaub machen würdet.«

Sie stand auf und beugte sich zu ihm herab. Ihre Lippen streiften seine Wange, als sie ihm federleicht einen Kuss aufdrückte. »Ich lege mich eine Weile hin. Gehen wir heute Abend gemeinsam Essen?«

»Gerne. Ist sechs Uhr okay für dich? Ich würde gerne vorher noch etwas trainieren, vorausgesetzt, meine Ärztin erlaubt das.«

»Wie gesagt, Urlaub kennt ihr beide doch gar nicht. Viel Spaß beim Training.« Die Betonung lag klar auf dem letzten Wort.

»Sie ist meine Personenschützerin, nicht mehr.«

»Natürlich nicht, darum bist du ja auch im Aufzug nur fast an die Decke gegangen, als Christoph sich ihr genähert hat. Glaub nicht, ich hätte das nicht bemerkt«, neckte sie ihn und verließ das Schlafzimmer.

Ein Klopfen an der Tür ließ Alex aufhorchen. Er nahm sich ein Longsleeve aus dem Schrank und zog es sich über den Kopf, ehe er Grace in das Wohnzimmer der Suite folgte.

 

Becca genoss die kühle Wand in ihrem Rücken. Sie studierte das Muster der Tapete auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges und fand schnell den minimalen Fehler, der alles asymmetrisch werden ließ.

Das Surren der Lampen war so leise, dass es einen Menschen nicht weiter gestört hätte, doch in der fast greifbaren Stille der Etage setzte das Geräusch sich in ihren Ohren fest. Sie spürte die Clanmacht kaum, ein Umstand, dem sie mit Misstrauen begegnete.

Gelangweilt löste sie ihren Blick von dem Fehler an der Wand und schlenderte vor der Tür auf und ab. Fünf Schritte in eine Richtung, fünf wieder zurück. Sie strich mit ihren Händen über ihre Jeans. Geschlossene Räume, noch dazu ohne Fenster, waren nicht ihr bevorzugter Aufenthaltsort. Für einen Moment schloss sie die Augen und stellte sich vor, durch den Wald zu laufen. Dann lehnte sie sich erneut gegen die Wand.

Gedankenverloren fuhren ihre Finger die einzelnen Perlen des Rosenkranzes entlang, der wie immer an ihrem Handgelenk baumelte. Zierrat und Waffe zugleich. Er war wesentlich stabiler als die üblichen Schmuckstücke und hatte in ihrer Familiengeschichte schon mehr als einen Einsatz beim Erwürgen von Jägern gehabt. Die Zeit schien stillzustehen.

 

Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis Christoph auf dem Weg zum Pool Richtung Aufzug schlenderte.

Er hatte den Anzug abgelegt und gegen Shorts getauscht, eine grelle Kombination aus Farben, die wohl nur ein englischer Tourist wählen würde. Selbst eine Leuchtreklame wäre dezenter gewesen. Ein Handtuch lag über seinen nackten Schultern.

Kaum entdeckte er Becca, hielt er kurz inne und kam dann direkt auf sie zu.

»Er lässt dich wirklich hier draußen stehen? Nur damit er sich da drinnen mit Grace vergnügen kann?« Er lehnte sich neben ihr an die Wand. Sein Ton klang spöttisch, als er weitersprach. »Dabei ist Grace hier die größte Gefahr für ihn.« Er lächelte. »Oder bist es vielleicht sogar du?«

»Es ist mein Job, hier zu stehen«, erwiderte Becca steif. Seine Aufmerksamkeit lag auf ihr wie ein nasses Tuch und sie sehnte sich augenblicklich nach der Langeweile zurück. Christoph machte sie nervös. Viel schlimmer noch: Er verunsicherte die Clanmacht.

Er bemerkte ihre abweisende Art und gab ihr etwas Raum, indem er einen Schritt zurücktrat.

---ENDE DER LESEPROBE---