Wolfkisses: Loyalität - Katania de Groot - E-Book

Wolfkisses: Loyalität E-Book

Katania de Groot

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Beschreibung

Im Licht des neuen Morgens scheinen die Clans den Verrat der Nekare überstanden zu haben. Doch der Friede trügt: Cage holt bereits zum Gegenschlag aus, und auch die Jäger planen ihre nächsten Schritte. Während Cassidy versucht, King zu vergessen, ist dieser noch längst nicht mit ihr fertig... Band 3 der Wolfkisses-Reihe

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Vorwort
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Nachwort
Trigger
Impressum

Katania de Groot

Wolfkisses

Loyalität

 

Band 3 der Reihe

Vorwort

 

Willkommen zurück in Los Angeles!

King und Cassidy haben sich entschieden, die Sicherheit der Clans vor ihr eigenes Glück zu stellen. Ob das gut gehen kann?

Wie in den vorherigen Büchern findet ihr die Informationen zu den Triggern auf den letzten Seiten. Diese können Spoiler enthalten.

In diesem Buch anders: Das Personenregister findet ihr auf der Wolfkisses - Homepage:

www.wolfkisses.de

Dort gibt es auch weitere Informationen zu der Reihe und noch einmal eine Triggerliste.

Aber jetzt wünsche ich dir viel Spaß beim Lesen!

Alles Liebe,

Katania

Kapitel 1

 

Das Tor zur Lagerhalle, die auch ihr Labor beinhaltete, stand einen Spalt breit offen. Alarmiert stellte Grace den Motor ab. Sie griff zielsicher in das Handschuhfach und holte die Waffe heraus, die sie dort geladen aufbewahrte. Obwohl sie sich selbst um die Glock kümmerte, überprüfte sie gewohnheitsmäßig das Magazin.

Sie öffnete die Autotür und stieg aus. Grace war sich sicher, dass sie das Tor am Vorabend ordnungsgemäß verriegelt hatte. Das hieß, jemand musste nach ihr hier gewesen sein. Jemand, der es nicht für nötig erachtete, die Sicherheitsvorkehrungen zu befolgen. Und das wiederum bedeutete nichts Gutes.

Sie trat in das dämmrige Licht der Halle, die nur durch ein paar verschmutzte Deckenfenster beleuchtet war, und sah sich misstrauisch um. Außer dem gleichmäßigen Klackern ihrer Absätze, das von den Wänden widerhallte, hörte sie lediglich das Summen der Belüftungsanlage, die Büro und Labor auf einer angenehmen Temperatur hielt.

Auf den ersten Blick konnte sie keine Veränderungen wahrnehmen. Erst, als sie sich den rostigen Containern näherte, die sie als Zellen nutzten, bemerkte sie die offenstehenden Türen.

»Verdammt!« Jemand war ihnen auf die Schliche gekommen.

Sie senkte die Waffe, als sie einen Blick in die einzelnen Einheiten warf.

Die Einbrecher hatten wohl gefunden, was sie gesucht hatten, denn die Versuchsobjekte waren weg.

Bei dem vorletzten Container hielt Grace inne, als ihr ein Funkeln ins Auge stach, von etwas, das halb unter der dünnen Matratze verborgen war.

Mit wenigen Schritten überbrückte sie die Distanz, bückte sich nach dem Ding und hob es neugierig auf. Die Haarspange ihres letzten Zugangs. Sie erinnerte sich daran, sie in den dunklen Locken der jungen Wölfin gesehen zu haben. In Graces frisch manikürten Händen wirkte das Schmuckstück jedoch eher wie ein Kinderspielzeug. Etwas Billiges, das man auf dem Touristenmarkt bekam – fehlte nur noch die Aufschrift: I Love L.A. Grace schnaubte. Blech, nicht einmal echtes Silber. Andererseits, kein Werwolf würde silbernen Schmuck tragen.

Gewohnheitsmäßig drehte sie die Spange um, um sich auch den Verschluss anzusehen, als ein mattes Blinken sie auf die versteckte Elektronik hinwies. Mit dem Daumennagel strich sie über den unauffällig eingearbeiteten Sender. So hatten die Wölfe das Labor also gefunden - das Miststück hatte sich absichtlich gefangen nehmen lassen!

Sie dachte an die junge Frau, die der anderen Gefangenen zum Verwechseln ähnlich gesehen hatte. Cassidy, so hieß sie doch. War es darum gegangen? Die Helfer zum Versteck der Jäger zu führen, um die zerbrochene Frau zu retten?

Grace warf einen Blick in den letzten Container. Es war der, in dem Becca inhaftiert gewesen war. Hatte die junge Wölfin für sie ihr Leben riskiert?

Aber woher hätte sie wissen sollen, dass Becca überhaupt noch lebte? Graces‘ Studien zufolge zerbrach die Verbindung zur Clanmacht, wenn die Fähigkeit, sich zu wandeln, erst einmal ausgemerzt war.

Oder war es um etwas ganz anderes gegangen?

Grace ballte die Faust um den elektrischen Verräter, bevor sie ihn angewidert fallen ließ. Bestimmt hatten diese abstoßenden Tiere ihn mit Absicht hier platziert, in der Hoffnung, ein Jäger wäre dumm genug, ihn mitzunehmen und die Feinde so zu einem weiteren Versteck zu führen.

Dieses Spiel würden die Jäger sicherlich nicht mitspielen.

Sie stand auf und strich den Blazer ihres Kostüms glatt. Erst danach drehte sie der Zelle den Rücken zu, wobei sie ihre Pumps gezielt auf die Spange setzte, die unter dem Gewicht knackte. Der Verschluss und auch die elektrischen Teile brachen.

Grace ging zurück zum Eingang der Lagerhalle und fuhr ihren Wagen durch das immer noch geöffnete Rolltor hinein. Sorgfältig schloss sie es von innen ab - außer ihr war niemand anwesend und es war ihr lieber, wenn es auch dabei blieb.

Erst danach durchquerte sie die Halle abermals, diesmal in Richtung der Büros. Sie betrat die Abstellkammer, in der alibimäßig ein alter Staubsauger und ein Besen an einen unscheinbaren Spind gelehnt standen, ignorierte die Putzutensilien und öffnete stattdessen den Schrank. Eine fast unsichtbar eingearbeitete Rückwand ließ sich mit sanftem Druck nach oben schieben und gab den Blick auf einen mit Touchscreen ausgestatten Monitor frei. Mithilfe eines versteckten Fingerabdrucksensors entsperrte sie den Computer. Auf ihm wurden die Überwachungsdaten gespeichert, zu denen sie allein Zugang hatte und von denen niemand sonst wusste. Es gehörte nicht zum Standard, die Labore, die ihr Vater fast überall errichten ließ, mit Kameras auszustatten, aber Grace traute Christoph bei diesem Projekt nicht. Ihr Bruder war unberechenbar und sie traute ihm zu, dass er aus irgendwelchen Gründen Mitleid mit Rebecca Moretti bekommen hatte. Seit das Weibsbild ihm die Adresse dieses Werwolfhauses gegeben und damit ihren gesamten Clan verraten hatte, hatte Christoph noch mehr Zeit in ihrer Zelle verbracht.

Belohnung, so hatte ihr Bruder es genannt und damit gerechtfertigt, wieso er sie dabei so wenig leiden ließ. Zu wenig für Graces‘ Geschmack. Vor allem, wenn man bedachte, dass sie an der angegebenen Adresse nur leere Räume vorgefunden hatten.

Grace startete die Aufnahme an der Stelle, an der sie selbst das Labor zum letzten Mal verlassen hatte.

Der Zeitstempel verriet ihr, dass Christoph tatsächlich noch einmal bei seinem Lieblingsobjekt gewesen war. Drei Stunden später hatte aber auch er die Halle verlassen. Sie konnte deutlich sehen, wie er die Alarmanlage aktivierte, ehe er das Licht ausschaltete und ging.

Ihre Vermutung, dass Christoph weich geworden war, schien sich also nicht zu bestätigen; zumindest hatte er sein neues Lieblingsspielzeug nicht befreit. Vielleicht würde es ihnen jetzt, wo es weg war, trotzdem zugutekommen, dass er so viel Zeit dafür investiert hatte.

Das Objekt hatte wie zu erwarten eine Abhängigkeit zu seinem Foltermeister entwickelt. Wie tief Christoph allerdings wirklich in ihren Kopf eingedrungen war, würde sich in den nächsten Tagen zeigen: Von einem Angriff auf Alex über die Rückkehr zu Christoph war alles eine Option. Selbst die Möglichkeit eines Blutrausches stand im Raum, doch davon würden sie höchstens aus der Zeitung erfahren.

Ein Lächeln umspielte Graces Lippen. Nun, da Becca frei war, schien die nahe Zukunft unberechenbar.

Sie schob den fast schon aufregenden Gedanken zur Seite und konzentrierte sich wieder auf die Aufnahme, die im Schnelldurchlauf vor ihr ablief.

In der Halle auf dem Bildschirm war es endgültig dunkel geworden. Auch durch die Dachfenster fiel kein Licht mehr auf den Betonboden darunter.

Erst ein paar Stunden nachdem Christoph gegangen war, wurde das Tor erneut geöffnet.

Ohne es zu merken, beugte Grace sich ein wenig näher zum Monitor, als könnte sie dann besser sehen, was als Nächstes geschah. Autoscheinwerfer beleuchteten die Halle und Alex trat ein. Grace erstarrte. Nicht, dass sie Alex diesen Verrat nicht zugetraut hätte, aber woher wusste er von dieser Halle? Steve und Christoph hatten sich alle Mühe gegeben, das Projekt vor ihm zu verheimlichen.

Zwei Pick-ups, deren Fahrer Grace nicht kannte, folgten ihrem Ex-Verlobten nach innen. Sie runzelte die Stirn. Wie lange arbeitete er schon mit Leuten aus Los Angeles zusammen? Wie war er mit ihnen in Kontakt geraten? Waren es Wölfe, oder einfach Handlanger?

Sie verlangsamte die Aufnahme erst, als Alex Beccas Zelle betrat, und schaltete auf Standbild, als er mit der Frau im Arm wieder herauskam.

Sie presste ihre Lippen vor Wut zusammen, zwang sich dann aber, ruhig durchzuatmen. Eigentlich war es egal. Nein, besser, denn es kam ihr gelegen. Mit diesen Bildern hatte sie Alex wieder in der Hand. Es galt nur noch, den richtigen Zeitpunkt für ihren nächsten Schachzug abzuwarten.

Bei dem Gedanken besserte sich ihre Laune deutlich.

Vergnügt öffnete sie die Schublade, in der sich der Laptop mit den Daten befand, und entfernte die Kabel, die ihn mit Strom versorgten. Dieses Druckmittel würde sie um keinen Preis hierlassen.

Ihr nächster Weg führte sie in das mit Planen abgetrennte Labor. Dort entfernte sie die Festplatte ihres PCs, ehe sie die Proben aus einem Kühler entnahm. Diese hatte sie den Wölfen abgenommen, um die Veränderung in ihrem Blut zu dokumentieren. Dass die Tiere weg waren, hieß gar nichts. Sie würde ihre Forschung trotzdem fortsetzen, und vielleicht gab es für den ein oder anderen doch noch einen Weg der Heilung.

Zufrieden sah sie sich um. Jetzt blieb nur noch, einen Anruf zu tätigen, damit Christoph ein Team zur Spurenbeseitigung schickte. Sobald die mit der Lagerhalle fertig wären, wären auch die letzten Hinweise verschwunden, die vielleicht noch in ihre Richtung deuteten.

Grace brachte den Laptop ins Auto und setzte sich hinters Steuer. Im Rückspiegel überprüfte sie, ob ihr Lippenstift noch saß, ehe sie zu ihrem Telefon griff.

Sie war froh, dass sie weder Christoph noch ihrem Vater persönlich mitteilen musste, was passiert war. Ihre eigene Arbeit war unangetastet, doch die der beiden schien verloren. Sie glaubte kaum, dass auch nur einer von ihnen es allzu gut aufnehmen würde.

Tief Luft holend wählte sie Christophs Nummer aus ihren Kontakten. Erst nachdem es einige Male geklingelt hatte, hob er ab.

»Was willst du?« Er klang, als hätte sie ihn geweckt. Kein Wunder, die Sonne ging gerade erst auf und er hatte am Vorabend nach billigem Parfüm und Alkohol gerochen. Wie damals, als er sich Trish angelacht hatte. Hoffentlich hatte er das neue Flittchen nicht auch noch geschwängert.

»Die Testobjekte sind weg«, erwiderte Grace mitleidlos. Sie wusste, dass sie gelassener klang, als sie war. Doch vor ihrem Bruder konnte sie sich keine Schwäche eingestehen.

»Was?« Verständnislosigkeit schwappte durch die Telefonverbindung.

»Die Tiere in Halle Drei. Jemand hat sie befreit.«

Sie konnte regelrecht hören, wie die Müdigkeit von ihrem Bruder abfiel. »Verdammt!«

Grace zuckte bei seinem Tonfall zusammen und beeilte sich, weiterzusprechen, damit sie das Gespräch schnell beenden konnte. »Ich habe sowohl die Proben dabei als auch die Daten, die ich brauche, und bringe sie an einen sicheren Ort. Kümmerst du dich darum, dass Vater es erfährt?«

Christoph knirschte hörbar mit den Zähnen.

Diese Aufgabe ihm zu übertragen war eine reine Sicherheitsmaßnahme: Steve würde außer sich sein und Grace dachte nicht daran, diejenige zu sein, an der beide Männer ihre Wut ausließen. Besser, sie gingen sich gegenseitig an die Gurgel.

Nun klang es fast, als würde ihr Bruder knurren. Sie konnte es verstehen. Sein Projekt war noch nicht abgeschlossen, irgendwer hatte ihm sein Spielzeug weggenommen und obwohl er selbst nichts für das Verschwinden der Tiere konnte, würde Steve die Schuld ihm, seinem ältesten Sohn, geben.

»Christoph, kümmerst du dich auch um die Spurenbeseitigung?«, setzte sie ihre zweite Frage hinterher, auch wenn sie stattdessen lieber aufgelegt hätte.

Sie hörte, wie er tief durchatmete, nur um dann mit einer gefährlich freundlichen Stimme zu antworten: »Ja, natürlich, Liebes. Ich kümmere mich um alles.«

Liebes. Ein kalter Schauer lief Grace über den Rücken. Es war die Phrase, die Christoph nur zu zwei Gelegenheiten benutzte: Wenn er mit einem Testobjekt arbeitete oder wenn kalte Wut in ihm brannte.

Sie erwiderte nichts mehr, sondern legte endlich auf und nahm sich vor, ihm in nächster Zeit aus dem Weg zu gehen.

 

***

 

»Wo warst du gestern Abend?«

Christoph stellte die Frage, noch während er in das Zimmer stürmte, was auch das letzte bisschen Schlaf von Eliza abschüttelte. Sie streckte den Kopf unter der dünnen Decke hervor und während sie sich die blonden Locken aus dem Gesicht strich, musterte sie ihn aus zusammengekniffenen Augen.

Der Jäger hatte sich bedrohlich über dem Bett aufgebaut, jedoch entglitt ihm sein Gesichtsausdruck, als er Eliza erkannte. Verdutzt sah er auf sie herunter, anscheinend unsicher, ob sie sich nicht doch noch in Alex verwandeln würde.

»Was willst du?«, antwortete sie mit einer Gegenfrage und gähnte unbeeindruckt des morgendlichen Besuchers.

Als wäre es vollkommen alltäglich, dass Christoph in ihr Schlafzimmer einbrach. Andererseits sah auch sein Haar aus, als hätte es heute noch keinen Kamm gesehen. Verwuschelt standen die braunen Strähnen in alle Richtungen ab.

»Wo ist Alex?« Sein Ton hatte an Schärfe verloren, doch sein Blick huschte wachsam umher, als würde er erwarten, dass sein Ziehbruder sich im Badezimmer oder gar im Schrank versteckte.

Was hatte Alex nun schon wieder angestellt?

»Kannst du dich erstmal für eine Frage entscheiden? Entweder wo ich gestern war oder wo Alex jetzt ist«, kaufte Eliza sich Zeit, während sie weiter die kleinen Hinweise beobachtete, die Christophs Nervosität anzeigten. Die meisten hatten Probleme damit wahrzunehmen, was den Jäger wirklich bewegte, doch es war ihm nie lange gelungen, seine Emotionen auch vor ihr zu verbergen. Allerdings galt das in beide Richtungen und Christophs Augen verengten sich in dem Moment, in dem ihm klar wurde, dass sie ihn hinhielt. Seine Nervosität schlug wieder in Wut um.

»Eliza, sag mir einfach, was ich wissen will«, knurrte er gereizt.

Eliza ließ sich von seinem Gehabe nicht beeindrucken. Sie streckte sich erst einmal ausgiebig. Die hauchdünne Decke deutete mehr von ihrem Körper an, als sie verhüllte, und die Jägerin hatte vor, diesen Umstand für sich zu nutzen.

»Ich war gestern Abend mit Alex im Dojo«, antwortete sie schließlich mit einem Schulterzucken. »Es ist etwas hitziger geworden und irgendwann haben wir unser Training zwischen die Laken verlegt. Aber das ist etwas, das ich dir nicht näher erklären muss, oder?« Die Jägerin wusste nicht, was sie zu dieser Lüge verleitet hatte, doch allein Christophs ungläubiges Gesicht war es wert. Sie setzte sich auf und lächelte Christoph möglichst unschuldig an. »Und wo Alex heute Morgen ist, kann ich dir nicht sagen. Ich habe wohl verschlafen. Normalerweise bin ich um diese Zeit schon im Wald und laufe meine Runde.«

Das wiederum war die Wahrheit. Sie hatte keine Ahnung, wo Alex sich gerade befand. Allerdings hoffte sie, dass er nicht zu den Wölfen gegangen war. Über einen Ausrutscher konnte sie schweigen, einen weiteren würde sie melden müssen. Sie schluckte nervös. Ihr Gesicht neigte dazu, sie bei jeder Lüge bloßzustellen. So dicht wie möglich an der Wahrheit zu bleiben und Christoph mit der Umgebung abzulenken, war die einzige Chance, mit ihrer Flunkerei durchzukommen. Also schlug Eliza die Decke zurück und stand auf. »Und genau das werde ich jetzt nachholen. Das heißt, du musst den ersten Kurs übernehmen. Es ist zwar nur eine Anfängergruppe, die Krav Maga lernen will, aber es sind ein paar vielversprechende Kerle dabei. Und seien wir ehrlich: Keiner möchte mich mies gelaunt auf die Neuen loslassen, die du noch als Fußsoldaten rekrutieren willst.«

Christophs Blick glitt an Elizas Körper entlang. Sie wusste genau, was er sah. Verwuschelte Haare, nackte Beine, ein T-Shirt seines Ziehbruders, das sich wie eine Eroberungsflagge um ihren Körper schmiegte. Absolut nichts deutete darauf hin, dass Schlafen das Einzige war, was sie und Alex in diesem Bett gemeinsam taten.

»Eliza, sag mir bitte Bescheid, wenn du was von Alex hörst. Es ist wichtig.« Christophs Stimme war nun eindringlich. Wieder hatte er seine Taktik geändert. Die Wut, von der sie wusste, dass Christoph sie gerne wie ein Schutzschild zur Schau stellte, schien leiser Sorge gewichen zu sein, während er ihre Bitte gekonnt ignorierte. Sie konnte jedoch nicht zuordnen, ob ihr Gegenüber sich um Alex oder um sich selbst Gedanken machte. Vielleicht lag sie aber auch falsch und er versuchte lediglich, sie zu manipulieren.

Ohne Christophs Anwesenheit weiter zu beachten, drehte sie sich von ihm weg, hin zur Kommode, in der ihre Sachen verstaut waren. Sie öffnete die oberste Schublade, schob unauffällig den zusammengefalteten Zettel von ihren Sportsachen und fischte stattdessen eine der Laufhosen heraus.

»Was ist jetzt, übernimmst du meinen Kurs?«, fragte sie in einem genervten Tonfall, während sie auch ein frisches Shirt und einen Sport-BH aus der Schublade zog. Wenn der Jäger mit wechselnden Emotionen zum Ziel kommen wollte, konnte sie ohne Probleme in das Spiel einsteigen.

»Ich habe keine Zeit dafür«, wehrte Christoph ab. Jetzt, wo sie ihn sich genauer ansah, wirkte er gehetzt. Seine Blicke wanderten immer wieder zu seiner Armbanduhr, als würde ihm die Zeit davonlaufen. Fehlte nur noch, dass er seinen Vater vorschob.

»Dann sage ich die Krav Maga Stunde ab.« Sie schob die Lade mit ihrer Hüfte zu und wandte sich gleichgültig zu ihm um. »Schade, weil dir damit ein paar vielversprechende Rekruten durch die Lappen gehen.«

Sie wussten beide, dass das eine Katastrophe wäre. Wenn die erste Stunde ausfiel, würde das ein unseriöses Licht auf das Dojo werfen und gut die Hälfte der Interessierten würde nicht wiederkommen. Selbst wenn kein Jägermaterial dabei war, diente das Trainingscenter noch immer als gewinnbringende Tarnung, während sie hier versuchten, Struktur in die amerikanischen Jäger zu bringen.

Christoph fluchte. »Na gut, aber du schuldest mir was. Und wenn du was von Alex hörst, sagst du mir sofort Bescheid!«

»Dir Bescheid zu geben wird wie immer meine oberste Priorität sein.« Sie verbarg den sarkastischen Unterton erst gar nicht. Er war selbst schuld, dass er sie geweckt hatte.

Christoph ignorierend, drehte sie sich wieder ihrer Kommode zu. Eliza schlüpfte aus ihrem Shirt, um sich stattdessen den Sport-BH und die Laufhose anzuziehen.

Das Geräusch von leisen Schritten, gefolgt vom Klicken der sich schließenden Tür, verriet ihr, dass Christoph gegangen war.

Sie ließ das Top, welches sie gerade in die Hand genommen hatte, fallen und riss die Schublade wieder auf.

Der Zettel war von Alex. Er wusste nur zu gut, dass sie ihn hier finden würde, ohne dass ein überraschender Besucher ihn zuvor in die Hände bekam. Hin und wieder benutzte er also doch seinen Kopf.

Die Nachricht war kurz:

 

Sean ist tot. Er ist nicht im Kampf gestorben. Habe den nächsten Flug nach Frankreich genommen, bin am Freitag wieder da.

 

Eliza wurde schlecht. Blass setzte sie sich auf das Bett und las den Zettel ein weiteres Mal. Sean. Einer der Jäger, die ihre mysteriöse Krankheit teilten.

Er war auch ihr Freund gewesen; und der von Christoph. Alex hatte kein Recht gehabt, alleine zu fliegen.

Sie zerknüllte den Zettel und schleuderte ihn wütend in die Ecke. Sean war zwei Jahre jünger als sie gewesen. Wie konnte es sein, dass er tot war?

Sie schloss die Augen und wartete ab, bis die Tränen nicht länger damit drohten, auszubrechen.

Das Bitterste daran war: Der Kampf, den er verloren hatte, stand ihr noch bevor. Wenn die Forschungsabteilung keine neuen Erkenntnisse fand, würden sie und Alex genauso verlieren wie er. Das Leben der meisten Jäger war kurz, aber ihres war gerade noch ein wenig kürzer geworden.

Eliza stand auf. Sie hob den Zettel vom Boden und schob ihn in die Tasche ihrer Hose. Sie würde laufen. Ein Lauf durch den Wald hatte schon immer ihre Emotionen beruhigt.

Kapitel 2

 

King hob den Kopf, nur um ihn augenblicklich wieder auf das Sofapolster sinken zu lassen. Sein Schädel dröhnte. In seinen Ohren klingelte es und die Welt schien sich konstant zu drehen. Er schloss die Augen, in der Hoffnung, sie damit anhalten zu können, doch der Geruch nach Bier und Wodka stieg ihm in die Nase und verstärkte seine Übelkeit noch mehr.

Immerhin. Die Befreiungsaktion war ein Erfolg gewesen. Becca war wieder zu Hause und die Jäger hatten keine Ahnung, wer sie gerettet hatte. Ob Cage schon davon erfahren hatte? Bestimmt. Es war unmöglich, etwas vor dem Alpha des Rudels geheim zu halten.

Mühsam drehte King sich auf den Rücken, eine Entscheidung, die er sofort bereute. Obwohl das Licht der ersten Strahlen noch lange nicht die übliche Intensität der Sonne von Los Angeles erreicht hatte, schien es sich doch durch seine Augenlider zu brennen.

Vorsichtig blinzelte er, doch der Raum um ihn herum festigte sich im Dunst der Alkoholnachwirkung nicht wirklich. Er stöhnte.

Alles nur, um seinen Vater davon zu überzeugen, dass er nichts mit dem Verschwinden der Daichin-Alphas aus dem Lager der Jäger zu tun hatte.

Um den Schein zu wahren, hatte King den Alkoholkonsum nachgeholt, den er der Öffentlichkeit am Vorabend zuerst nur vorgespielt hatte. Zusammen mit Jonah hatte er gefeiert, aber trotz ihres Sieges war der fade Nachgeschmack geblieben. Cassidy hatte von ihm das bekommen, was sie sich am meisten gewünscht hatte: Sie hatte ihre Alpha zurück. Die Tante, die sie vergötterte.

Dafür hatte er Cassidy verloren.

King schloss die Augen wieder, nicht fähig, dem Schmerz zu widerstehen, den die Welt heute für ihn bereithielt. Aber zumindest für den Augenblick hatte der Alkohol ihn genug betäubt, um die Gedanken an die weiße Wölfin zu verdrängen.

King hatte sich regelrecht in die Bewusstlosigkeit getrunken, mit dem festen Vorsatz, die nächsten Tage das Haus nicht zu verlassen. Trotzdem wünschte er sich in diesem Moment, er hätte mehr getrunken, denn noch immer jagten ihn die Gedanken.

»Willst du nicht rangehen?«, fragte Jonah verdächtig gut gelaunt.

»Was?«

»Das Telefon. Es klingelt schon seit einer Stunde immer wieder.«

King blinzelte und hob unter Anstrengung den Kopf vom Sofakissen, um nach seinem Freund zu sehen. Jonah stand in der Küche. Seine Haare waren noch feucht von der Dusche und nichts deutete darauf hin, dass er am Vorabend mindestens genauso viel getrunken hatte wie King selbst.

Elende Clanmacht. Zwar war er noch immer der Warith des Clans, doch den Zugriff auf die Heilung verwehrte sein Vater ihm weiterhin. Jonah hatte dieses Problem nicht.

»Ich hasse dich«, grummelte der Warith der Nekare in Richtung seines Freundes und bewegte sich in eine sitzende Position. Doch selbst die Zeitlupe, die er sich zugetraut hatte, war zu schnell. Der Druck in seinem Kopf schwoll an und zwang ihn fast wieder auf die Kissen.

Doch Jonah hatte recht. Das Klingeln, das er hörte, war gar nicht in seinem Kopf. Es war das Klingeln des Telefons. Ungewohnt, denn eigentlich rief niemand auf dem Festnetz an. Leider schien dies keiner dem penetranten Anrufer mitgeteilt zu haben. »Warum gehst du nicht dran?«

»Nichts Gutes passiert, wenn man an ein Festnetztelefon geht«, erwiderte Jonah gelassen. »Davon abgesehen: Es ist dein Anschluss, nicht meiner.«

King zog eine Grimasse, quälte sich torkelnd durch den Raum und hob ab.

Rückwirkend wäre es vermutlich klüger gewesen, mit dem Stechen zu leben, das der penetrante Ton in seinem Kopf verursachte, oder das Kabel aus der Wand zu reißen. Die persönliche Assistentin seines Vaters war in ihrer Beharrlichkeit nämlich nicht weniger anstrengend. Vermutlich einer der Gründe, warum sie auch nach fünf Jahren noch für Cage arbeitete. Sie machte King klar, dass sein Vater ihn erwartete. Sofort. Keine seiner Ausreden schien sie zu beeindrucken und schließlich stimmte er seinem unausweichlichen Schicksal zu.

Jonah war so gnädig zu warten, bis King ebenfalls in den Aufzug gestiegen war. Vielleicht wollte er aber auch nur sichergehen, dass sein Freund den Weg zum Aufzug überhaupt fand. Er würde ihn nicht begleiten, auch wenn King es sich wünschte, denn Jonah kehrte heute als Geisel zu den Hazima zurück. Nachdem er die Nacht schon außerhalb des ihm zugestandenen Bereichs verbracht hatte, war es dringend nötig, sich dort heute sehen zu lassen. Allein schon, um den Schein zu wahren – so wie alles, was sie gerade taten, nur diesem einen Zweck diente.

King selbst hatte nicht mehr das Glück, in einem fremden Clan zu wohnen. Stattdessen musste er bei seinem Vater antanzen. Alleine. So früh am Morgen bedeutete das nie etwas Gutes.

Während Jonah auf seine Triumph stieg, um zu Tyson zurückzukehren, nahm King sich ein Taxi und fuhr zum Glasturm. Mit etwas Glück hatte Cage doch irgendwie erfahren, dass es sein Sohn gewesen war, der die Geiseln aus dem verhassten Clan befreit hatte, und richtete ihn wortlos hin. Dann wären zumindest die Kopfschmerzen und der Kater nicht länger ein Problem.

Oder Cassidy.

King wusste, dass er mit ihrer Rettung den Plan seines Alphas ganz schön durcheinandergebracht hatte. Cage hatte davon geträumt, den Clan der Daichin zu übernehmen, indem er Cassidys Willen mit Hilfe der Jäger brach und sie dazu zwang, Cage die Treue zu schwören. Sie hätte ihn zu ihrem Warith gemacht. Und dann, das wusste jeder, hätte er sie umgebracht, damit ihre Clanmacht auf ihn überging.

Nach der Aktion, bei der King sie seinem Vater ausgeliefert hatte, würde sich Cassidy zum Glück hüten, auch nur in die Nähe des Clangebiets zu kommen. Damit war sie außer Reichweite und in Sicherheit. Vorerst zumindest.

***

Die Aufwärtsbewegung des Fahrstuhls verschlimmerte die Übelkeit, die schon während der Fahrt immer penetranter geworden war. Allerdings war King sich sicher, dass der Fahrer eine höllische Freude dabei empfunden hatte, möglichst schnell um jede einzelne Kurve zu fahren.

Mit einem Ping öffneten sich die Türen und King stolperte in den marmornen Vorraum.

Erleichtert darüber, Boden unter den Füßen zu haben, der sich nicht bewegte, torkelte er durch die Halle und auf direktem Weg in Cages Büro. Er hielt sich nicht damit auf, darauf zu warten, dass er hereingebeten wurde, sondern stolperte sofort hinein und ließ sich auf einen der Besucherstühle fallen. Gott allein wusste, wie er es in diesem Zustand wieder nach Hause schaffen sollte.

Die Stühle waren neu. Noch unbequemer als die Letzten. Scheinbar hatte Cage sich nach dem letzten Zwischenfall dazu entschlossen, nicht nur das Blut entfernen zu lassen, sondern die ganze Einrichtung auszutauschen. Der Gedanke an den Jäger, der Cassidy fast getötet hatte, weckte Kings Wut. Für einen Moment lenkte sie ihn ab, doch der Geruch von Neuwagen, der von den neuen Stühlen aufstieg, holte ihn in die Gegenwart zurück und schlug King weiter auf den Magen. Die Übelkeit zähmte ihn schneller, als eine kalte Dusche es gekonnt hätte.

Die Welt drehte sich karussellartig.

So viel zu festem Boden.

Er stützte sein Gesicht in seinen Händen ab und betete, dass es aufhörte. Betete, dass er aufwachte und bei Vanessa in dem kleinen Zimmer war, nur eine Wand entfernt von Cassidy. Oder besser noch, im gleichen Bett.

Wie ertrugen die Menschen es, sich jedes Wochenende in den Clubs zu betrinken, wenn der Preis dafür Leiden am nächsten Tag bedeutete? Hassten sie sich selbst so sehr? Oder sahen sie es als gerechte Strafe für ihre zahllosen Fehler?

Der Gedanke an seinen letzten Morgen mit Cassidy schoss ihm durch den Kopf. Er hatte in der Nacht davor ebenfalls getrunken gehabt, aber soweit er sich erinnerte, war der Kater ausgeblieben. Warum?

»Ich würde dir ja einen Stuhl anbieten, aber du hast dich ja schon selbst bedient.« Die schneidende Stimme seines Vaters ließ King zusammenzucken. King verscheuchte die Frage nach der unerwarteten Heilung. Er knurrte stattdessen und sah auf, seinem Vater direkt in die Augen. Sie waren genauso grün wie seine eigenen und machten es Cage unmöglich zu leugnen, dass er sein Vater war.

»Kann ich nicht einmal einen Tag Ruhe haben? Ich habe dir die kleine Daichin doch geliefert.« Es zerriss ihn fast, in diesem herablassenden Ton über Cassidy zu reden. Doch es war genau das, was von ihm als Warith der Nekare erwartet wurde.

»Darüber wollte ich mit dir sprechen.« Die Schärfe war aus Cages Stimme verschwunden und etwas gewichen, das King einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Unsicher runzelte er die Stirn, während sein Vater mit fürsorglicher Stimme weitersprach. »Die Halle, in der wir die Alpha der Daichin gefangen gehalten haben, ist abgebrannt.«

Abgebrannt? Ein Zittern durchlief Kings Körper. Der Gedanke, dass Cassidy ohne ihren Plan noch in der Halle gewesen wäre, verstärkte seine Übelkeit. Und auch, wenn er wusste, dass der Brand wahrscheinlich dazu gedient hatte, die Spuren zu vertuschen, übernahmen seine Reflexe. Zusammen mit der Übelkeit seines Katers reagierte sein Körper auf die Vorstellung von Cassidy, die in Flammen stand. Der Warith zog in letzter Sekunde den Designermülleimer zu sich, der eher als Dekoration diente, als nützlich zu sein, und übergab sich. Er krallte sich an dem metallenen Rand fest und würgte geräuschvoll. Ihr Plan hätte Cassidy fast getötet. Er hätte fast Cassidy getötet.

King war dankbar, Cage in diesem Moment nicht ansehen zu müssen. Er kannte seinen Alpha gut genug, um zu wissen, dass er jede Reaktion beobachtete und die Besorgnis in seiner Stimme kaufte er ihm nicht ab.

»Herrgott, King, das ist widerlich«, herrschte Cage seinen Warith an.

King hob den Kopf aus dem Eimer und sah in das vor Ekel verzogene Gesicht seines Vaters.

»Sie ist tot? Ich habe sie umgebracht?« Ein weiteres Würgen schüttelte seinen Körper, ließ seine Überraschung über diesen Unfall glaubwürdig wirken. Tonlos stammelte er die nächste Frage: »Ich habe eine Alpha auf dem Gewissen?«

Die Blässe, die ebenfalls eine Nebenwirkung der Alkoholvergiftung war, würde ihm jetzt helfen.

In diesem Moment erbarmte sich Cage seines Sohnes. »Nein. Die Halle wurde angezündet, um das Verschwinden meiner Gefangenen zu verschleiern. Sie ist letzte Nacht geflohen und ich weiß nicht, wie.«

King atmete auf.

Verärgert fuhr der Alpha fort: »Kein Grund, erleichtert zu sein. Mir wäre es lieber, sie wäre tot. Wir wissen nicht, wo sie ist oder wie sie es angestellt hat. Im Moment ist sogar unklar, ob die Jäger uns hintergangen haben oder ob das Miststück uns einfach nur vorführt.«

»Tot nützt sie dir auch nichts«, warf King ein. »Wer weiß, welchen Wolf die Aleashira als Nächstes gewählt hätte, wenn Cassidy gestorben wäre. Wenn sie lebt, haben wir immerhin noch eine Chance, dass wir sie irgendwie umdrehen können. Die Daichin sind noch nicht verloren für dich.« Selbst in seinen Ohren klang es lahm. Die eine Chance, die Cage gehabt hatte, war durch Cassidys Flucht vereitelt worden. Und noch schlimmer: Anstatt Cassidy auf die Seite der Nekare zu ziehen, wie es Kings Auftrag gewesen wäre, hatte die Alpha King auf ihre Seite gezogen. Ein Versagen, von dem Cage niemals erfahren durfte.

»Mein Plan funktioniert nicht, wenn keiner von uns Zugriff auf sie hat. Aber den Daichin gehen langsam die Wölfe aus, die das Zeug zum Alpha haben. Wer auch immer als Nächstes an der Reihe gewesen wäre, hätte vielleicht nicht so penetrant darauf bestanden, den Clan zu behalten. So oder so. In der ganzen Angelegenheit bist du der Einzige, der mich nicht enttäuscht hat.«

King versteifte sich. Das war ein Satz, den er von seinem Vater noch nie gehört hatte, einer, den zu hören er nie gehofft hätte, und für einen Moment überkam ihn ein schlechtes Gewissen.

Ein stechender Schmerz fuhr in Kings Kopf und ließ ihn stöhnen, doch im nächsten Moment war er wieder fort und auch sein Magen beruhigte sich augenblicklich. Die Clanmacht hatte die Vergiftungserscheinungen eliminiert.

King konnte es nicht glauben. Sein Alpha hatte ihm vergeben und ihm den Zugang zur Clanmacht wieder gewährt?

»Schau nicht so überrascht, du bist immerhin mein Sohn.«

Cage öffnete die Schublade und holte einen kleinen Karton heraus. Er schob ihn über den Tisch zu King hinüber, der das Logo der Firma sofort erkannte.

»Ein neues Handy? Ich bin keine dreizehn mehr, ich kann mir so etwas mittlerweile selbst kaufen.« Trotz der Einwände befreite King den Apparat aus seiner Verpackung.

»Wozu? Die Firma hat etliche der neuesten Generation auf Reserve. Ich habe es von der IT gleich einrichten lassen wie dein Voriges, auch deine Nummer hat sich nicht verändert. Versuch einfach, es nicht gleich in irgendeinen Kanal zu werfen.«

King schaltete es ein, stand auf und schob das Handy in seine Hosentasche. Er war sich sicher, dass es genauso verwanzt war wie das, das er gestern Abend zerstört hatte. Im Moment mochte Cage ihm vielleicht über den Weg trauen, doch sein Vater hatte schon immer mehr von Kontrolle gehalten als von Vertrauen.

King schüttelte den Kopf, als er an den Peilsender in seinem Arm dachte. Sie hatten ihn herausgeschnitten, um seine Abwesenheit am vorherigen Abend zu verschleiern. Anstatt ihn wieder einzusetzen, trug er ihn nun an einer Kette um den Hals. Hauptsache Cage glaubte zu wissen, wo er sich befand.

»Sag mir Bescheid, wenn du was Neues erfährst. Ich wüsste zu gerne, wo Cassidy steckt«, verabschiedete King sich.

Cage brummte etwas, das eine Zustimmung sein konnte. Dem Warith brannte es unter den Fingernägeln, noch etwas zu sagen, doch sein Vater hatte sich wieder dem Monitor seines PCs zugewandt. Ein deutliches Zeichen, dass er dieses Gespräch für beendet ansah.

Seufzend ging King zur Tür.

Jetzt, wo der Kater verschwunden war und er wieder halbwegs gerade denken konnte, musste er dringend einen Weg finden, sich seinem Alpha wieder anzunähern.

Was würde Cage von ihm erwarten, was er als Nächstes tat?

Er sah auf das neue Handy und grinste. Kaum, dass die Bürotür hinter ihm zugefallen war, tippte er eine Nachricht an Jonah:

 

Hab von Cage ein neues Handy bekommen. Cassidy ist verschwunden. Unklar ob Flucht oder Verrat der Jäger.

 

Den Verdacht weiter von sich abzulenken konnte schon mal kein schlechter Anfang sein und mehr als diese Nachricht brauchte es nicht, um seine Glaubwürdigkeit zu untermauern. Cage trackte mit Sicherheit auch bei diesem Handy jedes Gespräch mit, und es wäre seinem Vater bestimmt seltsam vorgekommen, hätte King diese Information nicht sofort mit Jonah geteilt.

 

***

 

Sie wollte die Augen nicht öffnen. Nicht den neuen Tag begrüßen und nicht darüber nachdenken, was sie alles geopfert hatte. Stattdessen drehte Cassidy sich um und kuschelte sich noch einmal in ihre Decke. Die Umarmung des Stoffes verschaffte ihr nicht den erhofften Trost. Zwar haftete der Geruch von King noch leicht an ihrem Kissen, doch er war nur noch eine vage Erinnerung, die bereits von neuen Gerüchen überdeckt wurde. Helen hatte nicht zugelassen, dass Cassidy die Nacht alleine verbrachte, und sich kurzerhand zu ihr ins Bett gekuschelt, um ihr den Trost zu spenden, den nur die Anwesenheit eines anderen Menschen geben konnte.

Am Morgen war Cassidy jedoch alleine aufgewacht. Luxus, wenn man bedachte, dass ihr Bett eigentlich nicht breit genug für zwei ausgewachsene Personen war. Dafür fühlte sie sich taub, als wäre sie in Watte gepackt. Die Auswirkungen ihres Handelns waren noch nicht vollständig in ihrem Verstand angekommen und über ihren Gedanken hing immer noch der Schleier der Verdrängung.

Helen hätte drüben bei Tyson im Haus bleiben können, wo sie wohnte, seit die Jäger das Motel der Daichin gestürmt hatten. Dank der vielen Daichin im Gebiet der Hazima war Cassidy, die ursprünglich als Geisel hierhergekommen war, wenigstens nicht mehr allein in dem ihr immer noch fremden Clan. Seit gestern war auch Becca wieder dazugekommen. Sie hatten sie ebenfalls bei Tyson untergebracht und Helen hatte nicht nur Cassidy trösten, sondern auch ihrer Alpha die nötige Ruhe geben wollen.

Ihrer ehemaligen Alpha, verbesserte Cassidy sich selbst. Es war unwahrscheinlich, dass Becca dieses Amt jemals wieder übernehmen konnte. Sie war zwar nicht tot, wie sie zuerst geglaubt hatten, aber der Wolf in ihrer Tante war weg und die Clanmacht beachtete die geschundene Frau nicht weiter.

Sah also nicht so aus, als könnte Cassidy die Verantwortung so schnell wieder abgeben.

»Becca ist zu Hause«, flüsterte Cassidy und zwang sich dazu, die Augen zu öffnen. Sie starrte an die Tapete, die an dieser Stelle so abgerieben war, dass man schon die Wand darunter erahnen konnte.

»Becca ist zu Hause«, wiederholte sie und schob die Decke von ihrem Körper. Cassidy weigerte sich, daran zu denken, welchen Pakt sie mit King eingegangen war. Weigerte sich, an seinen letzten Blick zu denken, an den letzten Kuss.

»Becca ist zu Hause«, sagte sie ein drittes Mal und setzte sich auf. »Und das ist alles, was zählt.«

Das Schluchzen, das sie unterdrückte, strafte ihre Worte Lügen. Schlussendlich hatte Cage doch gewonnen. Sie hatte King gegen Becca getauscht und mit ihm war etwas gegangen, an das sie nie geglaubt hatte. Er hatte ein Stück von ihr selbst mitgenommen und nichts konnte es ersetzen.

Die eine Nacht, die sie zusammen verbracht hatten, würde sie in den Augen der Nekare zu seiner Trophäe machen. Etwas, das sie nie hatte sein wollen. Dass er sie ausgeliefert hatte, würde seinen Status im Clan stärken. Viel wichtiger, es würde ihn vor seinem Vater stärken, der keinen Grund mehr hatte, seine Treue anzuzweifeln.

Cassidy schlüpfte in Shorts und ein Top und verdrängte den Gedanken an King. In den nächsten Tagen würde sie auch ohne den Warith der Nekare genug zu tun haben. Mit etwas Glück genug, um ihn zumindest zeitweise aus ihrem Kopf zu vertreiben. Sie überprüfte ihr Handy, doch wie erwartet zeigte das Display keine neue Nachricht. Von wem auch? Helen hatte bei ihr geschlafen. Tory, Cassidys Mutter, kümmerte sich zusammen mit Tyson um die gebrochene Alpha und King ... Sie stockte bei dem Gedanken. King würde ihr in nächster Zeit nicht schreiben. Sie würden gar nicht miteinander schreiben, zumindest nicht, solange es keine Clanangelegenheiten betraf.

Cassidys Blick glitt zur Wanduhr, deren Zeiger mit leisem Ticken unermüdlich voran rückten. Ob Valerie schon da war? Bestimmt. Sie hatte die Ärztin noch in der Nacht angerufen und sie gebeten, sich Becca anzusehen. Sie wollte Gewissheit darüber, wie es ihrer Tante ging. Sie vertraute dem Tierarzt zwar, den die Hazima für solche Fälle riefen, aber die auf menschliche Chirurgie spezialisierte Daichin war trotzdem ihre beste Option. Vor allem jetzt, da Beccas Wolf verschwunden war.

Wieder ein Gedanke, den Cassidy vertrieb, ehe sie die Bürste durch ihr dunkles, lockiges Haar zog. Prüfend sah sie in den Spiegel. Trotz der Clanmacht konnte sie die dunklen Ringe unter ihren Augen sehen. Sie lachte freudlos. Die Aleashira heilte nun einmal keine Verletzungen, die man sich selbst zufügte. Und in diesen Schlamassel hatte sie sich ganz alleine katapultiert.

Cassidy straffte ihre Schultern. Es war Zeit, sich dem neuen Tag zu stellen.

Kapitel 3

 

Es kam für Valerie nicht oft vor, dass die Alpha ihres Clans mitten in der Nacht anrief und die Ärztin darum bat, in ein fremdes Territorium zu fahren. Schon gar nicht, um einen unbekannten Patienten zu behandeln. Sie hatte keine Ahnung, was sie erwartete, und sie hatte auch nicht gefragt. Cassidy hatte sie gebeten, zu kommen, und seinem Alpha schlug man so eine Bitte nicht ab. Dehydration und Unterernährung. Das waren ihre einzigen Informationen, aber das war genug, um zu wissen, welche Utensilien sie mitbringen musste.

Sie parkte ihren Jeep auf der Straße vor Tysons Garten und rieb sich müde über die Augen. In der Nachtschicht war die Hölle los gewesen. Man hätte meinen können, dass die Leute in einer Sonntagnacht vorsichtiger waren, gerade wenn man bedachte, wie schnell sie kaputt gingen. Trotzdem war sie kaum aus dem OP herausgekommen.

Sie atmete durch und stieg aus, ehe sie die große Sporttasche vom Rücksitz nahm. Ein schmaler Weg führte über den Rasenstreifen vor dem Haus direkt zu der Veranda mit der Eingangstür. Sie hatte die oberste Stufe kaum erreicht, als die Tür von innen aufgerissen wurde. Tory stand auf der Schwelle und Valerie wurde das Gefühl nicht los, dass sie etwas Wichtiges verpasst hatte.

Bei den Daichin war allgemein bekannt, dass Tory dem charismatischen Alpha der Hazima aus dem Weg ging, wann immer er auftauchte, um zum Beispiel wie früher für Becca irgendetwas am Motel zu reparieren. Als Cassidy sich bereit erklärt hatte, als Geisel zu den Hazima zu ziehen, hatte man den Streit zwischen Becca und ihrer Schwester bis zu Valerie hinunter ins Erdgeschoss hören können. Torys Worte waren wenig schmeichelhaft gewesen und jeder im Clan war tagelang sowohl der Alpha, als auch ihrer Zwillingsschwester aus dem Weg gegangen.

Obwohl es mehr als ein Gerücht gab, wusste keiner genau, was zwischen den Dreien vorgefallen war. Klar war nur: Tory hatte es Tyson nie verziehen.

»Deine Patientin ist drinnen.« Mehr sagte Tory nicht. Ein harter Zug um ihre Lippen ließ sie älter wirken, als sie war. Sie sah müde aus und ihre sonst geglätteten dunklen Haare wellten sich in einem lockeren Pferdeschwanz. Mit einer kaum wahrnehmbaren Geste deutete sie Valerie den Weg.

Verunsichert durch Torys Verhalten trat die Ärztin ein. Die Rollläden waren halb geschlossen und sperrten die noch schwache Morgensonne größtenteils aus. Nur einige Sonnenstrahlen hatten sich durch die Ritzen verirrt und spendeten gerade genug Licht, dass man überhaupt etwas sah.

»Sie reagiert nicht gut auf das Licht«, erklärte Tory, als sie neben sie trat.

»Wer reagiert nicht gut auf das Licht?«, fragte Valerie gereizt nach. Sie hatte genug von der Geheimniskrämerei. Gleichzeitig sah sie sich in dem schummrigen Licht um und erstarrte, als sie die ausgemergelte Person entdeckte, die auf dem Sofa saß. Eine Decke war über ihre Beine ausgebreitet. Strähnig und nass hingen die Haare herab. Sie wirkten fast schwarz und waren viel kürzer, als die Patientin sie gewöhnlich trug. Ihre sonst sonnengebräunte Haut war so blass, dass sie durchscheinend wirkte, und Valerie konnte deutlich sehen, wie die Knochen sich abzeichneten.

Zu deutlich.

Dehydration und Unterernährung, schoss es ihr durch den Kopf.

Trotz des erbärmlichen Zustandes erkannte sie ihre Alpha sofort. Ihre tote Alpha.

»Becca«, beantwortete sie sich die Frage selbst und wusste nun auch, warum sie versucht hatten, die Identität ihrer Patientin geheim zu halten. Sie schluckte, um ihr Entsetzen zu verbergen. »Was ist passiert?«

Eine Alpha - auch eine ehemalige Alpha – sollte nicht in einen solchen Zustand geraten. Die Clanmacht verhinderte es.

Valeries Wolf sträubte sich, warnte sie davor, näher zu treten. Becca fühlte sich falsch an. Etwas fehlte. Sie saß auf dem Sofa und schien teilnahmslos durch die Anwesenden hindurch zu sehen.

»Die Jäger«, antwortete eine tiefe Stimme hinter ihr und die Ärztin fuhr herum.

Unbemerkt war Tyson aus der Küche getreten. Er hatte eine Tasse dabei, die er vorsichtig mit beiden Händen trug, um sie auf den Wohnzimmertisch vor Becca abzustellen. Bei seinem Anblick wirkte es, als würde diese aus ihrer Trance erwachen. Mit schreckgeweiteten Augen sah sie zu Tyson hoch, dessen braune Augen sie besorgt musterten. Es schien einen Moment zu dauern, bis sie realisiert hatte, wer er war.

»Du musst etwas trinken. Die Brühe tut dir gut, selbst wenn es nur kleine Schlucke sind.« Fürsorge klang in seiner Stimme mit.

Gehetzt sah sie sich um, kam aber der Aufforderung nach und griff nach der Tasse, ehe sie vorsichtig einen kleinen Schluck nahm. Sie schloss die Augen. Ein Zittern lief über ihren Körper.

Langsam näherte Valerie sich ihrer Patientin. Sie hatte in der Notaufnahme schon viel Schlimmes gesehen, doch das waren alles Fremde gewesen. Das hier war Becca. Die Frau, mit der sie als Jugendliche manchmal zusammen abgehangen hatte, mit der sie jahrelang in einem Haus gewohnt hatte. Ihre Alpha, die immer für sie da gewesen war. Valerie stellte ihre Tasche auf dem Tisch ab und setzte sich neben die Patientin, die ihre Augen wieder aufgerissen hatte, aber es vermied, einen der Anwesenden direkt anzusehen.

»Valerie.« Beccas Stimme klang rau, als würde ihr sogar das leise Flüstern Schmerzen bereiten. Es lag Verzweiflung darin, aber auch Erkennen.

»Ich bin hier, um dir zu helfen«, erklärte die Ärztin und musste sich zwingen, mit ruhiger Stimme zu sprechen. »Ich würde dich gerne untersuchen, wenn das okay für dich ist.«

Kaum hatte Valerie die Untersuchung erwähnt, versteifte Becca sich. Etwas Brühe lief aus der Tasse und sie hätte sie vermutlich komplett verschüttet, wäre Tysons Reaktion nur etwas langsamer gewesen. Er nahm ihr den Becher aus der Hand und stellte so sicher, dass sie sich an dem Getränk nicht verbrühte.

Becca zitterte. Sie wagte es nicht, aufzusehen, sondern nickte lediglich steif.

»Ich brauche etwas mehr Licht.« Valerie sah Tyson an. Es war eine Anweisung, keine Bitte. Wenn sie in ihrer Rolle als Ärztin war, war es ihr egal, ob sie sich im Haus eines Alphas befand. Sie hatte eine Patientin und diese hatte Priorität. Dem musste sich auch Tyson unterordnen.

Tyson zuckte nicht einmal mit der Wimper. Er nickte Tory zu, die den Dimmer der Lampe nutzte, um die Helligkeit im Raum langsam zu erhöhen.

Erst mit dem Licht konnte Valerie die geschundene Haut besser erkennen. Dunkle Blutergüsse zogen sich über Beccas Arme. Sie erkannte tiefe Striemen und kleinflächige Verbrennungen, von denen sich die Haut ablöste. Stromverletzungen? Teilweise war das Gewebe um ihre Handgelenke bereits vernarbt, doch einige der Schnitte waren frisch. Bei einem Menschen hätte sie darauf geschätzt, dass sie nicht älter waren als ein paar Tage.

Gänsehaut lief Valeries Nacken hinab. Bei einem Menschen. Das war es, was das unangenehme Gefühl in ihr hervorrief. Erst jetzt fiel Valerie auf, was ihr Wolf längst gewittert hatte. In diesem Raum war ein Mensch. Was auch immer die Jäger mit Becca angestellt hatten, es hatte ihren Wolf getötet.

»Du heilst nicht«, stellte sie mit belegter Stimme fest und versuchte bei dieser Erkenntnis nicht allzu entsetzt zu klingen. Sie wandte sich Tory zu. »Sie heilt wie ein Mensch, nicht wie eine Alpha.« Bisher hatte sie nur ihre Arme gesehen und sie wollte sich gar nicht ausmalen, wie der Rest ihres Körpers aussah. »Wir müssen sie ins Krankenhaus bringen.«

»Sie bleibt hier.« Barsch hallte Tysons Stimme durch den Raum.

Becca sackte in sich zusammen, ihre schmale Gestalt wurde noch kleiner. Angestrengt sah sie auf den Boden. Ihre Lippen bewegten sich und sie murmelte vor sich hin, zu leise, als dass Valerie die Worte verstanden hätte, aber es klang wie ein Gebet oder ein Mantra.

»Sie ist eine Daichin, du hast ihr nichts zu sagen«, entgegnete Valerie und stand auf. Schützend stellte sie sich zwischen den Alpha und ihre Patientin. »Ich bin ihre Ärztin und ich sage, sie muss in ein Krankenhaus. Sie wurde misshandelt. Wer weiß, welche inneren Verletzungen sie hat? Wir müssen sie vollständig untersuchen und dann müssen wir sie sorgfältig behandeln. Nur so kann sie wieder gesund werden.«

Sie lieferte sich ein Blickduell mit Tyson. Ihr Wolf winselte und hielt es für keine gute Idee, aber die ganze Situation war ohnehin seltsam. Warum war Becca am Leben? Warum war sie hier? Wer hatte sie so lange versteckt und wer war in der Lage, einem Wolf so etwas anzutun?

»Valerie.« Beccas Stimme war nur ein Flüstern, doch die Ärztin drehte sich sofort wieder zu ihr um. »Ich will hierbleiben, ich kann nicht in ein Krankenhaus gehen, nicht so. Hier wird mich niemand vermuten. Hier bin ich sicher.«

Es klang, als würde sie etwas wiederholen, das man ihr eingetrichtert hatte. In ihrem jetzigen Zustand war schwer zu erkennen, was Becca wollte und was für sie der Weg des geringsten Widerstands war, aber wenn sie sich weigerte mitzukommen, hatte Valerie keine Chance.

Sie unterdrückte ein Knurren und nahm wieder neben ihrer Patientin Platz.

»In Ordnung.« Mit langsamen Bewegungen holte sie ein Stethoskop aus ihrer Tasche und deutete Becca, sich aufrecht hinzusetzen. Das schwarze Tank-Top, das die Wölfin trug, verdeckte die Blessuren nur unzureichend. Valerie konnte Schnitte sowie weitere Hämatome entdecken, unter dem Stoff zogen sich die Stromverbrennungen über ihren Körper. Sie wärmte den Kopf des Stethoskops vorsichtig in ihren Händen auf, ehe sie es auf die geschundene Haut legte. Beccas Atem ging flach, aber gleichmäßig, und auch ihr Herz pumpte erstaunlich kräftig. Ein wenig zu schnell, aber die Situation schien sie zu überfordern und Valerie schob es auf die Angst, die fast greifbar von Becca ausging.

Trotzdem verhielt die Patientin sich so ruhig wie möglich. Als sie auch den Blutdruck gemessen hatte, nahm sie das Stethoskop vorsichtig aus den Ohren.

»Wer hat dir die Wunden zugefügt?«

Valerie erwartete keine Antwort, doch Beccas Lippen bewegten sich und sie flüsterte leise einen Namen. »Christoph Tosney.«

Ein Zittern schüttelte den geschundenen Körper, als würde er versuchen, eine Erinnerung loszuwerden, die sich in ihn eingebrannt hatte.

»Wir finden ihn«, versprach Tyson leise. »Wir finden ihn und dann werden wir ihn töten.«

Ruckartig sah Becca auf. Als wäre die Schwäche von ihr abgefallen, fixierte sie Tyson mit eisernem Blick. »Nein. Sein Tod ist mein Privileg. Niemand außer mir wird diesem Mann auch nur ein Haar krümmen. Niemand außer mir wird ihn zur Strecke bringen.«

Genauso plötzlich, wie dieser Funke Leben in ihren Augen aufgeleuchtet war, verschwand er wieder. Als hätte Beccas kleine Eskapade all ihre verbleibende Kraft aufgebraucht.

Valerie erhob sich. »Ich lege dir einen Zugang, darüber können wir dich mit Flüssigkeit versorgen. Das hilft gegen die Dehydratation und ist auch für die Verbrennungen wichtig. Außerdem habe ich Nahrungsergänzungsmittel dabei, die dafür sorgen werden, dass du dich möglichst schnell erholst. Wenn es schlimmer wird, können wir dir auch Nahrung über die Venen geben, aber ich würde es lieber zuerst so probieren. Was die Wunden betrifft, vor allem die Verbrennungen: Ich werde dich mit einer antibiotischen Salbe behandeln, um eine Infektion zu verhindern.« Sie holte alle nötigen Utensilien aus der Tasche. »Und falls du Schmerzmittel brauchst, lasse ich dir auch etwas da, ja?«

Becca nickte abwesend und ließ die Behandlung über sich ergehen, als wäre sie selbst gar nicht anwesend. Vorsichtig legte Valerie ihr einen Venenzugang, entfernte die abgestorbenen Hautteile von den Verbrennungen und bestrich sie mit einer Salbe, bevor sie alle Wunden sorgfältig verband. Dann kümmerte sie sich um die kleineren Verletzungen.

Als sie fertig war, erklärte Valerie Tyson und Tory die Handhabung des Zugangs und der Infusionen und wie sie die Wunden zu versorgen hatten. Mehr gab es für sie im Moment nicht zu tun. Auch wenn sie gerne einen Ultraschall oder noch besser ein CT durchgeführt hätte, um innere Verletzungen auszuschließen. Oder wenigstens ein EKG geschrieben hätte. Aber solange Becca sich weigerte, mit ihr ins Krankenhaus zu kommen, konnte sie nicht viel für sie tun.

Tory nahm den Platz neben Becca ein, während Tyson der Ärztin deutete, ihm in die Küche zu folgen.

»Wie schlimm ist es?« Auch diesmal konnte Valerie deutlich die Sorge in seiner Stimme hören.

»Ich bin Chirurgin, keine Psychologin. Wenn sie keine gröberen Verletzungen hat – was ich nicht ausschließen kann, solange ich keine sinnvollen Untersuchungen mit ihr durchführen kann«, sie warf dem Alpha einen strengen Blick zu, »bekommen wir sie körperlich vermutlich wieder hin. Sie muss essen und trinken, damit ihr Körper sich erholt. Aber sie muss auch über das reden, was sie erlebt hat.« Valerie betrachtete Tyson. Etwas an seinen Bewegungen wirkte angestrengt. »Was ist mit dir? Ich sehe, du hast Schmerzen.«

Er erwiderte ihren Blick und beantwortete ihre Frage ohne Umschweife. »Ich habe eine Kugel abbekommen, gestern. Sie steckt noch. Ich werde Dylan demnächst bitten, sie rauszuholen.«

»Wo?«

»Hier.« Er deutete auf seine Schulter, in der Nähe des Schlüsselbeins.

Sie nickte ihm auffordernd zu. »Shirt weg.«

Er verdrehte die Augen, zog das Shirt aber am Kragen so weit hinunter, dass sie gute Sicht auf die sonnengebräunte Stelle hatte. Wie für einen Alpha zu erwarten war, sah man gar nichts.

»Mhm.« Sie betrachtete das Schlüsselbein einen Moment lang kritisch, dann sah sie Tyson wieder ins Gesicht. »Das kannst du natürlich dem Tierarzt überlassen, aber gerade steckst du in Menschenform und dafür bin ich die Expertin. Wenn ich heute Abend zu Becca komme, fahre ich vorher im Krankenhaus vorbei und bringe das nötige Besteck mit, um sie zu entfernen. Ich werde dann auch Beccas Blut abnehmen. Ich will wissen, wie sich die Zusammensetzung verändert hat.«

Tyson musterte sie eingehend, bevor er widerstrebend nickte. Immerhin schien dieser Alpha zu verstehen, dass eine ärztliche Anweisung über seinem Status stand.

Valerie kritzelte einige Dinge auf eine Liste und reichte sie Tyson. »Besorg das.« Sie schulterte die Tasche und nickte Tyson noch einmal zu, dann verließ sie das Haus.

Christoph Tosney, echote es in ihren Gedanken.

Becca konnte Anspruch auf seinen Tod erheben, aber Valerie wusste nicht, ob die ehemalige Alpha jemals wieder stark genug werden würde, es mit einem Jäger aufzunehmen.

Kapitel 4

 

Das Bild, das sich Cassidy zeigte, als sie die Küche betrat, war auf eine absurde Art idyllisch. Jonah saß am Küchentisch. Er hatte seinen Laptop vor sich und tippte. Seine braunen Haare waren verwuschelt, wie immer, wenn er den Motorradhelm noch nicht lange abgenommen hatte, aber es gab ihm das Aussehen, als wäre er gerade erst aufgestanden. Neben Jonah stand eine Tasse mit Tee und mit dem verschlissenen T-Shirt, das er trug, wirkte der Nekare, als gehörte er in dieses Bild. Ihm gegenüber saß Helen. Ihre grauen Augen funkelten streitsüchtig, während sie an einer Tasse nippte und Jonah nicht für eine Sekunde aus den Augen ließ. Irgendwann in den letzten Tagen hatte sie sich die Haare nachgefärbt und das Blau, in dem sie nun strahlten, ließ die Szene wie einen Comic wirken. Wie immer in Vanessas Küche, lag der Geruch von Gewürzen und Tee in der Luft und gab der Szene einen friedlichen Anstrich. Doch das Misstrauen, das von Helen ausging, war fast greifbar.

Jonah sah kurz auf, um Cassidy grüßend zuzunicken, ehe er sich wieder dem Bildschirm zuwandte. Nach der letzten Nacht hatte sie ihn nicht wieder in ihrem Clangebiet erwartet. Trotzdem schien er sich keinerlei Sorgen darüber zu machen, dass die Aktion vom Vortag Konsequenzen nach sich ziehen könnte.

»Er ist vor ungefähr zwanzig Minuten einfach hier aufgetaucht. Jetzt benimmt er sich so, als wäre nichts passiert. Er sagt, seine Sachen sind ohnehin noch hier und er wird weiterhin die Geisel sein. Zumindest bis Cage sich umentscheidet und jemand anderen schickt«, beantwortete Helen die Frage, die unausgesprochen im Raum hing. Helens Blicken fehlte nicht viel Abscheu, und sie hätten Jonah getötet, oder zumindest ernsthaft verletzt.

»Warum gehst du nicht ins Jungwolfhaus?« Cassidy sprach den Eindringling direkt an. Ihre Stimme war etwas schärfer als beabsichtigt. Doch ihn zu sehen, erinnerte sie an King und daran, dass sie sich nicht von jeder Kleinigkeit an ihn erinnern lassen sollte.

»Weil Vanessa dort gestern die befreiten Wölfe untergebracht hat und nicht einmal mehr Platz für einen Hundekorb ist. Davon abgesehen bin ich zu alt, um mir das Haus mit einer Drogensüchtigen zu teilen.«

Cassidy griff sich einen Apfel aus der Obstschale und biss hinein. »Und warum arbeitest du von unserer Küche aus?«

Genervt sah Jonah auf. »Homeoffice. Das ist ja jetzt erst einmal mein Zuhause, oder?«

»Über was schreibst du?« Eigentlich wollte sie es gar nicht wissen, aber sie würde die Stille, die unweigerlich folgte, sobald das Gespräch abbrach, nicht ertragen.

Jonah gab auf und wandte seine Aufmerksamkeit Cassidy zu. »Über ein Feuer, das in einer Lagerhalle ausgebrochen ist. Die Ursache war angeblich ein Drogenlabor, das in die Luft geflogen ist«, antwortete er mit vielsagendem Blick. »Cassidy, was willst du? Deine Freundin hat mich schon mit allerlei Beleidigungen eingedeckt, der Punkt auf der Tagesordnung wäre also erledigt.«

»Ich habe ihn nicht beleidigt«, mischte Helen sich sofort ein. »Ich habe ihm lediglich erklärt, dass er und sein Kumpel unfassbar fahrlässige Idioten sind und dass sie uns alle in unnötige Gefahr gebracht haben.

---ENDE DER LESEPROBE---