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Seit der Ankunft der Jäger hat sich ein Schatten über Los Angeles gelegt. In den Wäldern um die Stadt lauert der Tod und der brüchige Frieden zwischen den Clans wird erneut auf die Probe gestellt. In Cassidys Leben ist nichts mehr wie zuvor. Ihre Alpha Becca ist verschwunden, und nun zieht auch noch King bei ihnen ein. Als die Jäger die Schlinge um die Wölfin enger ziehen, scheint der unausstehliche Kerl ihre einzige Chance lebend davonzukommen. Aber kann sie dem Mann vertrauen, dessen Wolf sie vernichten will?
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Katania de Groot
Wolfkisses
Clanmächte
Seit die Jäger in Los Angeles Einzug gehalten haben, schiebt sich ein leichter Schatten über die Stadt.
Waren die Clanrivalitäten bis jetzt die größte Sorge der Wölfe, sind es jetzt ihre Leben, die bedroht werden.
Angst breitet sich aus und obwohl auch dieses Mal die Romantik nicht zu kurz kommt, habe ich für euch wieder Triggerwarnungen im Buch angebracht.
Die Infos dazu findet ihr wieder auf den letzten Seiten im Buch.
Dort findet ihr auch das Personenregister.
Alles Liebe,
Katania
Stille lag wie eine dämpfende Decke über dem Raum. Alex sah aus dem Fenster, der Ausblick aus dem achten Stock des Hotels war beeindruckend. Am Horizont konnte er sehen, wie sich dunkle Wolken bedrohlich über dem Meer zusammenzogen, ganz als würden sie seine Laune widerspiegeln.
»Alex. Du kannst diese Entscheidung nicht ewig herauszögern.«
Christoph und Grace saßen auf den Sesseln vor ihm. Die Geschwister waren mit einem Anliegen zu ihm gekommen, das persönlicher nicht hätte sein können.
Alex riss seinen Blick von den Wellen los und sah Grace an.
»Das willst du doch gar nicht.«
»Bitte, wenn du einer Hochzeit nicht zustimmst, wird meine Mutter es als mein Versagen ansehen.« Grace flehte. Es war ein ungewohnter Anblick, die Tochter einer der mächtigsten Jägerfamilien so zu sehen.
»Was sollte das bringen? Du willst nach England zurück, ich möchte in Los Angeles bleiben. Dein Vater will hier Jäger stationieren und ich habe mich dafür gemeldet.«
Christoph stand auf. »Diskutiert das ohne mich weiter. Ihr kennt meine Meinung. Es wäre für jeden von uns dreien das Beste, wenn ihr beiden einfach heiraten würdet.«
Alex zuckte zusammen. Es war das erste Mal, dass Christoph seine Meinung zu dem Thema so deutlich aussprach.
Der Klang der sich schließenden Tür hatte etwas Endgültiges. Christoph hatte sie allein gelassen und Grace war ebenfalls aufgestanden. Unruhig lief sie im Raum auf und ab.
»Ich verstehe dich. Ich verstehe, warum du nicht in unsere Familie einheiraten willst. Aber es gibt keine Liebe für Jäger und wir wissen beide, wenn es zwischen uns schon keine Liebe gibt, dann doch zumindest Respekt. Das ist immerhin mehr, als die meisten Paare haben.«
Alex senkte den Blick. Er wollte zu einer möglichen Hochzeit nichts mehr hören. Heute nicht, morgen nicht. Am liebsten nie wieder.
»Du würdest nicht glücklich werden.«
»Meinst du, ich werde glücklich, wenn meine Mutter mich an eine der anderen Familien verkauft? Wir wissen nicht einmal, wen sie dafür in Betracht zieht, nur dass sie bereits verhandelt.«
Er sah auf. Grace stand wieder vor ihm. Die Verzweiflung in ihrem Blick ließ ihn fast nachgeben. Was bedeutete schon eine Hochzeit?
Das Weitergeben des Familiennamens und bestenfalls eine Freundin an seiner Seite. Mehr würde es mit keiner anderen Frau sein. Zumindest mit keiner, die vom Rat akzeptiert würde.
»Bitte Alex, komm mit mir nach Hause.«
Alex schüttelte den Kopf. Es war drei Wochen her, dass er Becca das letzte Mal gesehen hatte. Drei Wochen, in denen ihm klar geworden war, dass er sie mehr vermisste, als er für möglich gehalten hatte.
Er wollte bleiben, die Stadt beschützen. Becca beschützen. Zumindest für die erste Zeit.
»Es wäre auch für dein Herz besser. Das kühlere Wetter in England belastet es nicht so wie die Hitze hier.«
Alex‘ Stimme war schneidend, als er Grace unterbrach: »Meinem Herzen geht es seit drei Wochen wieder deutlich besser, ein Umstand, der nicht rechtfertigt, dass du mich länger auf die Ersatzbank schickst. Nicht, wenn wir doch wissen, dass es Wölfe in Los Angeles gibt. Bitte flieg einfach nach Hause und nimm um Himmels Willen deinen Bruder mit.«
Alex wollte nicht zurück in seine Heimat. Der Ortswechsel, weg von seinem Familienanwesen, hatte ihm gut getan. Es war Zeit für den nächsten Schritt. Weg von den Tosnys. Selbst wenn sie ihn aufgezogen hatten, in den letzten Wochen war ihm bewusst geworden, dass er seinen eigenen Weg gehen musste. Und vielleicht, mit genug Zeit, konnte er sogar Becca wiedertreffen. Irgendwann, wenn sie ihn nicht mehr hasste. Wenn sie ihm verzeihen könnte, dass er ein Jäger war.
Graces Hand lag auf dem Türknauf, als sie noch einen letzten Versuch startete. »Denk darüber nach Alex, bitte. Du bist der Einzige, der mich davor retten kann, in eine fremde Familie einzuheiraten.«
Die Hilflosigkeit auf ihrem Gesicht ließ Alex peinlich berührt aus dem Fenster blicken. Grace war es gewohnt, zu bekommen, was sie wollte, und in diesem Moment war ihr die Angst deutlich anzusehen. Er betrachtete das Meer, das unbeeindruckt von menschlichen Problemen seinen Gezeiten nachging. Die Wellen hoben sich in ihrem unbeeinflussbaren Rhythmus. Fast glaubte er, das Wasser rauschen zu hören. Ein absurd friedliches Bild.
Ein lauter Knall zerschnitt seine Gedanken.
Es war ein Geräusch, das er selbst bei ohrenbetäubendem Lärm jederzeit erkannt hätte. Eine Kugel, die den Lauf einer Waffe verlassen hatte. Sofort übernahm der Jäger in Alex das Kommando und dieser erlaubte ihm keine Panik. Alex sprang auf und sprintete auf die Tür zu. Grace war längst auf den Flur geeilt.
Das Bild, das sich ihm bot, als er aus der Suite stürmte, ließ ihn erstarren. Im gleichen Moment, in dem seine Füße stoppten, spürte er, wie sein Brustkorb sich krampfhaft zusammenzog.
Becca lag vor Christoph auf dem Boden. Mit schmerzverzerrtem Gesicht kroch sie rückwärts von dem Jäger weg. Doch hier wusste jeder, vor einer weiteren Kugel würde sie nicht fliehen können. Christoph zielte in aller Ruhe und unbeirrt auf ihren Kopf.
»Was ist hier los?« Alex hörte seine eigene Stimme durch den Flur hallen. Als könnte er Becca nur mit Worten aus dieser Situation befreien! Rauschen dröhnte ihm in den Ohren und für einen Moment hatte er Probleme, das Gleichgewicht zu halten.
»Werwolf«, fauchte Christoph, Antwort und Warnung zugleich. Alex’ Welt geriet ins Wanken.
Christoph versuchte Grace mit seiner freien Hand davon abzuhalten, näher an Becca heranzutreten. Doch im Gegensatz zu Alex brauchte die Jägerin keinerlei Bedenkzeit, um ihre Entscheidung zu treffen. Geschick entwand sie sich ihrem Bruder und gerade, als Becca den Mund öffnete, um etwas zu sagen, trat Grace mit voller Wucht zu. Christophs Warnung schien sie nicht zu überraschen. Im Gegenteil, sie wirkte, als hätte sich etwas bestätigt, das sie schon lange gewusst oder zumindest erwartet hatte.
Die Haut über Beccas Augenbraue platzte auf. Sofort überströmte Blut ihr bleiches Gesicht. Ihr Blick schien den von Alex zu suchen und mit schmerzverzerrter Miene stemmte sie sich vom Boden hoch. Zwischen die Geschwistern hindurch fixierte sie ihn. Seine Hände zitterten, als er Blut über ihre bebenden Lippen quellen sah.
Werwolf, hallte es in Alex‘ Ohren. Er machte einen Schritt auf sie zu. Hatte der Jäger recht? War Becca der Feind? Ein weiterer seiner Schritte brachte Alex näher an sie heran. War ihre ganze Anwesenheit hier nur ein Versuch gewesen, ihn zu manipulieren, ihn in eine Falle zu locken? War sie jetzt zurückgekommen, um ihn zu töten? Das Rauschen in seinen Ohren wurde lauter, Alex nahm kein anderes Geräusch mehr wahr. Trotz Beccas Verrats schrie alles in ihm danach, sie zu schützen.
Grace trat ein weiteres Mal in Beccas Gesicht. Dieses Mal traf sie die Schläfe der am Boden Liegenden.
Bewusstlos sackte Becca zusammen.
Grace war noch keinen ganzen Schritt zurückgetreten, als Christoph sich bereits über die Bewusstlose beugte. Er hatte eine Spritze aus seinem Jackett gezogen und rammte sie ihr in den Arm. Nur am Rande nahm Alex den zufriedenen Gesichtsausdruck des Jägers wahr, während er selbst nach vorne schnellte.
Noch ehe er seinen Ziehbruder erreicht hatte, hatte dieser die wässrig violette Flüssigkeit in ihr Fleisch geleert.
Wolfsbane. Konzentriert. Eine ganze Ampulle war eine viel zu hohe Dosis. Wenn Christoph recht hatte und Becca ein Werwolf war, würde sie nicht so schnell aufwachen. Vielleicht sogar nie wieder.
»Was hast du getan?« Entsetzt ging Alex neben Becca in die Knie. Hilflos sah er in ihr gequältes Gesicht.
»Was nötig war. Sie stellt eine Gefahr dar und zwar eine, die wir von diesem Flur entfernen sollten, bevor jemand kommt.«
Grace schob eilig einige auf dem Boden liegende Dokumente in eine Mappe und hob diese auf.
Das schmale Paket an ihre Brust drückend, legte sie Alex ihre freie Hand auf die Schulter. »Lass uns gehen. Christoph kümmert sich um alles.«
Alex schüttelte gereizt ihre Hand ab, er konnte Grace in diesem Moment nicht ertragen. »Verschwinde Grace, das hier ist noch nicht vorbei.«
»Natürlich ist es das. Sie ist ein Wolf, wir sind Jäger. Aber ich lasse euch mit diesem Problem alleine. Leichen entsorgen ist ja auch eigentlich eine klare Männerangelegenheit.« Grace wandte sich ab und stieg über die Bewusstlose, als würde nicht ein gefährliches Raubtier dort liegen, sondern lediglich ein schlafender Labrador.
Alex‘ Blick haftete an Becca. Sein Brustkorb zog sich zusammen, als sein Herz stockte. Seine Hände zitterten. Er sah auf, wandte sich verzweifelt an Christoph: »Bist du dir sicher? Weißt du genau, dass sie ein Wolf ist? Gibt es Beweise?«
Er brauchte Gewissheit.
»Sieh dir die Reaktion ihres Körpers an. Ich habe sie mit leichter Silbermunition verwundet.« Nach kurzem Zögern fügte er hinzu: »Die Kugel steckt in ihrer Schulter.«
Blut lief von der Platzwunde an ihrer Augenbraue über ihr Gesicht und mischte sich mit dem der Schusswunde, ehe es auf den ohnehin roten Teppich tropfte.
Vorsichtig, um sie nicht weiter zu verletzen, schob Alex den getränkten Träger ihres Tanktops zur Seite. Sofort waren seine Finger klebrig und rot von ihrem Blut.
Auch in der Bewusstlosigkeit wehrte sich ihr Körper gegen das Silber unter ihrer Haut. Kleine Bläschen bildeten sich am Rand der Wunde, es wirkte, als würde ihr Blut schäumen. Trotz des Silbers und des Wolfsbane, die Wunde schloss sich. Langsam, doch deutlich sichtbar.
Alex hob die Hand, um ihr über die Wange zu streichen, ließ sie jedoch wieder sinken, als ihm bewusst wurde, was er da tat. Beccas Gesicht hatte nichts Friedliches an sich. Es war vor Schmerz verzogen und ihre Augenlider flatterten, als wollte sie sich wieder ins Leben kämpfen, doch gegen das Gift in ihren Adern würde sie keine Chance haben.
»Ziemlich hübsch für ein Tier, auch wenn ich Menschen bevorzuge.« Christophs Stimme holte ihn in die Gegenwart zurück. Die Anzüglichkeit darin missfiel Alex. Doch er konnte ihm nicht widersprechen.
Er strich eine von Beccas Strähnen zur Seite, die durch das Blut in ihrem Gesicht klebte. »Ja, das ist sie.«
Alex zog seine Waffe. Im gleichen Moment verkrampfte sich sein Brustkorb. Er ignorierte das Gefühl der Enge und konzentrierte sich auf die unmögliche Aufgabe, die vor ihm lag. Die Pistole in seiner Hand schien Tonnen zu wiegen.
Genau wie die erste Waffe, die an diesem Tag abgefeuert worden war, enthielt sie Silberkugeln. Nicht die leichte Munition, die Christoph bevorzugte. Alex‘ Kugeln waren modifizierte Hollow Point Geschosse aus Silber. Sie platzten unter der Haut auf und verteilten sich im Fleisch des Getroffenen. Sie vergifteten den Wolf, selbst wenn er im ersten Moment entkam.
Christophs Kugeln waren die eines Forschers, Alex hatte die eines Jägers. Im Gegensatz zu seinem Ziehbruder machte Alex keine Gefangenen. Niemals.
Bilder blitzten auf, wie er vor Wochen mit Becca in seinem Hotelzimmer verschwunden war. Wie entsetzt sie über Milas Strafe gewesen war. Der Hass in ihren Augen, als sie ihm gesagt hatte, sie wolle ihn nie wieder sehen.
Der Kampf in seinem Inneren entspannte sich etwas. Sie hatte gewusst, dass er ein Jäger war. Damit musste ihr auch klar gewesen sein, welche Konsequenzen es für sie haben würde, zu ihm zu kommen.
Er überprüfte, ob das Magazin eingerastet war, und richtete die Waffe auf Beccas Kopf.
Als würde sie die Gefahr, die von ihm ausging, fühlen, stöhnte sie vor Schmerzen auf. Doch es war lediglich das Wolfsbane, das endlich seine volle Wirkung entfaltete. Und auch Alex‘ Herz schien noch einmal zu rebellieren. Sein Atem ging rasselnd, sein Oberkörper krümmte sich.
»Ich kann das nicht.« Alex senkte die Waffe wieder. Seine Schultern sackten herunter, als er verzweifelt zu Christoph aufsah.
»Verdammt Alex, verschwinde, bevor jemand die Polizei schickt.« Christoph zog Alex nach oben, weg von Becca. »Ich kümmere mich um sie, das muss nicht deine Aufgabe sein.«
Alex sah, wie Christoph einen Schalldämpfer auf seine Waffe schraubte.
»Geh jetzt«, forderte Christoph ihn noch einmal auf und diesmal ging Alex. Er taumelte in sein Zimmer. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss und schnitt ihn so von der Szene auf dem Flur ab. Er stolperte zum Schreibtisch und goss sich ein Glas Whiskey ein. Seine Hände waren klebrig. Er starrte auf seine roten Finger.
»Sie ist ein Monster. Es ist unsere Aufgabe«, flüsterte er. Doch die Worte konnten die Leere nicht füllen, die ihn zu erdrücken drohte. Vor seinem inneren Auge erschien das Bild von ihr. Blutüberströmt. Das gleiche Blut, das ihm jetzt noch an den Händen klebte.
Alex fühlte nicht, wie seine Beine nachgaben, er spürte nur den Aufprall auf dem Boden. Der Schmerz in seiner Brust wurde unerträglich und im nächsten Moment verschwamm der Raum vor seinen Augen zu einem einheitlichen Farbbrei, bis endlich Dunkelheit die Erlösung brachte.
Die Luft flimmerte. Es wirkte, als wären große Pfützen auf der Straße, doch King wusste, dass es sich nur um optische Täuschungen handelte. Der Warith der Nekare war gerade ausgestiegen. Er ließ seine Tasche neben sich auf den Gehweg fallen und überprüfte auf seinem Handy, ob er sich verfahren hatte. Doch laut der Navigationsapp war er am richtigen Ort. August. Was für ein scheiß Monat, um aus seinem klimatisierten Apartment in ein heruntergekommenes Haus am Stadtrand zu ziehen. Im Moment war ihm nicht einmal klar, ob es in der Absteige, vor der er jetzt stand, Strom und fließend Wasser gab.
Die wegen der Hitze geschlossenen Fensterläden hingen schief in den Angeln. Der Lack war an mehreren Stellen aufgeplatzt und blätterte langsam auf die Überreste von verdorrtem Gras. Die Veranda sah ebenfalls nicht sonderlich vertrauenserweckend aus. Vermutlich würde das Ding in dem Moment zusammenbrechen, in dem er es wagte, die Treppe hinaufzusteigen.
Sein Wolf rebellierte. Auch die Clanmacht drängte King, in seinen Wagen zu steigen und nach Hause zu fahren. Diese Austauschgeschichte war ohnehin eine schlechte Idee gewesen. Sich freiwillig als Geisel für die Hazima zu melden, war ihm im ersten Moment richtig und vermutlich sogar ein wenig nobel vorgekommen. Drei Wochen später zweifelte er an dem ganzen Vorhaben und noch mehr an seinem Verstand. Es war sein schlechtes Gewissen Sofie gegenüber gewesen, das ihn in diese verdammte Lage getrieben hatte. Das und die Neugierde darauf, wie der Clan lebte, dessen Existenz seinem Vater ein Dorn im Auge war.
King sah die Straße entlang. Vielleicht hatte er auch einfach die falsche Adresse bekommen?
Mit einem leisen Knarzen öffnete sich die Tür und jagte damit seine Zweifel zum Teufel. Sein Wolf knurrte, als Cassidy auf die Veranda trat. Sie strich sich eine Locke aus dem Gesicht und musterte King abschätzig.
»Ist das alles?«, fragte sie mit einem Blick auf die Sporttasche neben ihm. Dann sah sie die Straße hinab, als würde sie einen Truck erwarten, der den Rest seiner Sachen brachte.
»Ich reise mit leichtem Gepäck.« King machte keine Anstalten, die Tasche aufzuheben oder sich sonst irgendwie zu bewegen. Im Moment blockierte die Wölfin ohnehin den Eingang und es sah nicht aus, als hätte sie vor, ihn ohne Bitte durchzulassen. Eine Bitte auf die sie lange warten konnte. Er war ein Warith, verdammt noch mal. Der Erbe des Alphas bat nicht darum, durchgelassen zu werden, und schon gar nicht ein Mädchen im Blumenkleid.
King seufzte. Er war noch nicht mal eingezogen, und schon verteidigte Cassidy ihr Revier. Der erste Machtkampf hatte begonnen. Durch die drei Stufen, die sie über ihm stand, sah sie auf ihn herab, aber etwas sagte ihm, dass sie keinerlei körperliche Überlegenheit brauchte, um ihm das Gefühl zu geben, unerwünscht zu sein. Sie musterte ihn, als wollte sie seine Gedanken bestätigen, dann schlenderte sie über die knarzenden Dielen der Veranda auf ihn zu. Barfuß stieg sie eine Stufe nach der anderen hinunter, ohne King dabei aus den Augen zu lassen. Nur wenige Zentimeter vor ihm blieb Cassidy stehen und sah ihm lauernd in die Augen, als würde sie erwarten, dass ein Dämon sich darin zeigte.
»Dass du dieses kleine Opfer bringst, ändert nichts daran, dass du dich Luke gegenüber wie ein Arsch verhalten hast.«
Sie war gut einen halben Kopf kleiner als er, hatte in diesem Moment jedoch weit mehr Kampfeslust als erwartet in den bernsteinfarbenen Augen. Das konnte sein Wolf nicht auf sich sitzen lassen. Er drängte King vorwärts. Knurrte und mahnte ihn, die Frau vor sich in ihre Schranken zu verweisen. Die Clanmacht wollte die Daichin im Staub liegen sehen. Doch King ließ sich nicht auf das Spiel ein. Noch nicht.
»Es ist eine grausame Welt da draußen, das lernst du auch noch«, antwortete er stattdessen in einem gelangweilten Tonfall, der sie zur Weißglut bringen sollte.
Cassidy verdrehte lediglich die Augen. Sie wandte sich von ihm weg, der Geruch von frischem Sommerregen streifte Kings Sinne.
»Vanessa, unsere Gastgeberin, ist drinnen. Sie wird dir alles zeigen. Wenn du Glück hast, sogar wie man sich benimmt.«
Als hätte sich ihr Interesse an King von einem Moment zum nächsten in Luft aufgelöst, schlenderte Cassidy den Gehweg entlang. Vermutlich, um jemand anderem das Leben schwer zu machen. Er sah ihr nach und unterdrückte dabei das Bedürfnis, ihr zu folgen.
King zügelte den Jagdreflex seines Wolfes und konzentrierte sich stattdessen wieder auf das Haus vor sich. Doch sofort lenkte die Clanmacht seine Gedanken wieder zurück zu der Wölfin. Ihr Geruch hing ihm noch immer in der Nase. Ein süßes Versprechen auf andauernde Rivalität. Zumindest würde es so nicht allzu langweilig werden. Mit einem Kopfschütteln hob er seine Tasche auf, um endgültig den Weg in sein neues Heim anzutreten.
***
Durch das Fenster sah Tyson, dass Cassidy mit Sunny auf der Veranda des Jungwolfhauses saß. Seit der Junge dem Job im Hotel nachging, galt er bei den Wölfen als erwachsen. Er war sofort weg von seiner Mutter, in die Wohngemeinschaft der Jungwölfe gezogen. Die Familienverhältnisse bei Sunny waren angespannt und für Sunny war es so am besten. Im Moment teilte er sich das Haus mit zwei anderen. Einem, verbesserte Tyson sich in Gedanken. Luke war an diesem Morgen ausgezogen. Cassidy war gerade noch rechtzeitig gekommen, um sich von ihm zu verabschieden, bevor dieser sich auf den Weg zu den Nekare gemacht hatte. Tyson war ein wenig in Sorge. Die Nekare-Clanmacht war dafür bekannt, die Gedanken ihrer Clanmitglieder zu korrumpieren. Aber Luke war so gutmütig, dass er vermutlich von keinem Interesse für die Aleashira sein würde, zumindest nicht für diese.
Zum wohl hundertsten Mal in den letzten drei Wochen griff Tyson nach dem Handy und wählte Beccas Nummer. Seit die Clanversammlung vorüber war, hatte er die Alpha der Daichin nicht mehr gesehen, dazu reagierte sie auf keinen seiner Anrufe, was eher selten vorkam. Normalerweise war er der Unzuverlässige, dessen Handy ständig ungeladen in irgendeiner Ecke herumlag.
Doch auch bei diesem Anruf erklärte die elektronische Stimme, dass der gewünschte Gesprächsteilnehmer nicht erreichbar war. Leise fluchte er. Zwar hatte sie nach den Verhandlungen mit Cage angekündigt, für einige Zeit in die Wälder zu verschwinden, aber als Packleader hieß das im Normalfall eine Woche. Längerer Urlaub war ein Luxus, den sie sich nicht leisten konnten. Auch wenn Tory sich in Beccas Abwesenheit immer um die administrative Seite des Jobs kümmerte. Es würde irgendwann unweigerlich zu einem Vorfall kommen, den sie als Alpha persönlich klären musste. Tory nahm seine Anrufe ebenfalls nicht entgegen, doch das war nichts Neues. Sie erreichte er ohnehin nur über Cassidy. Tyson nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank und tigerte weiter durch sein Haus.
Sein Blick wanderte durch das Fenster zu den Jungwölfen, die ausgelassen lachten. Er fragte sich, ob King in Zukunft mit ihnen lachen würde. Er war der Letzte aus dem Rudel der Nekare, den er bei sich erwartet hätte. Tyson erinnerte sich daran, wie Becca ihm den Namen des Warith als mögliche Geisel zugeraunt hatte, nachdem Cage dem Pakt widerwillig zugestimmt hatte. Hätte sie die Forderung gestellt, hätte Cage sofort abgelehnt. Es gab nichts, was der älteste Los Angeles-Alpha mehr hasste als Becca und ihren Clan.
Tyson hatte diese Idee ohnehin für übertrieben gehalten. Doch ehe er Kings Schatten Jonah als Geisel hatte nominieren können, hatte King sich freiwillig gemeldet.
Tyson nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche und sah zu Cassidy hinüber. Die kalte Flüssigkeit rann seine Kehle hinunter. Es war nutzlos, Alkohol zu trinken. Das Zeug wirkte bei ihm nicht, die Aleashira filterte das Gift sofort aus dem Blut. Aber wie viele andere mochte er den Geschmack von Bier und so landete es immer wieder in seinem Kühlschrank.
Cassidys Gesicht ließ sich lesen wie ein offenes Buch, es spiegelte ihre Gefühle zu jeder Zeit. Jetzt zum Beispiel hatte sie ganz offensichtlich kein Interesse daran, nach Hause zu gehen, und hielt sich stattdessen an ihrer halb leeren Flasche fest.
Tyson entschied, zwei Probleme auf einmal zu lösen.
Kaum, dass er die Haustür öffnete, sah Cassidy auf. Die Ähnlichkeit zu Becca war verblüffend. Die Moretti-Frauen teilten alle das gleiche widerspenstige Haar und die bernsteinfarbenen Augen, die im richtigen Licht fast golden wirkten.
Tyson betrat die Veranda und winkte Cassidy zu sich. Mit einem knappen Nicken gab sie ihm zu verstehen, dass sie seine Aufforderung bemerkt hatte. Er lächelte. Sie hatte die sture Art ihrer Mutter geerbt und würde sicher nicht sofort kommen, nur weil ein Alpha sie zu sich rief.
Tyson trat wieder ins Haus.
Fast zehn Minuten später hörte er die Dielen im Flur knarzen. Cassidy setzte sich zu ihm ins Wohnzimmer und wartete wortlos darauf, was Tyson ihr zu sagen hatte. Die Unterlippe hatte sie trotzig vorgeschoben und ihre Hände krallten sich in den Stoff ihres Kleides. Sie erwartete eine Standpauke und für einen Moment überlegte er, was sie wohl angestellt hatte. Bis jetzt war ihm nichts zu Ohren gekommen, aber so wie er sie kannte, war es nur eine Frage der Zeit.
»Hast du was von Becca gehört?«
Er verzichtete darauf, sie zu bitten, sich mit King zu vertragen. Es gab keinen Grund, King vor ihr zu schützen. Der Junge würde irgendwann den größten der ansässigen Clans leiten, spätestens dann konnte ihn niemand mehr vor seiner direkten Konkurrentin verteidigen. Cassidy hob und schüttelte den Kopf.
»Nein, Mom auch nicht, aber sie kümmert sich um die Post. Wenn du willst, kann ich schauen, ob Becca einen Hinweis darauf hinterlassen hat, wo sie hinwollte. Manchmal macht sie das, wenn sie länger unterwegs ist.«
Tyson war unschlüssig. Es war nicht seine Aufgabe, in einem anderen Rudel für Ruhe zu sorgen. Andererseits gehörte Cassidy nicht nur in seine, sondern auch in Beccas Verantwortung und es konnte nicht schaden, wenn sie sich umsah.
»Ja, sieh nach, ob du erfährst, was deine Alpha treibt und gib Tory und mir Bescheid, wenn du etwas Neues herausfindest.«
Noch bevor er den Satz beendet hatte, war Cassidy aufgesprungen. Im nächsten Moment verließ sie auch schon das Haus. Erst, als sie in Tysons Wagen stieg, wurde ihm klar, dass sie auf dem Weg nach draußen seine Schlüssel gestohlen hatte. Er nahm noch einen Schluck aus der mittlerweile halb leeren Flasche. Diese Geisel war beinahe schlimmer als ein Sack Flöhe. Er wägte den Gedanken ab. Vor ein paar Jahren hatte es einen Flohbefall im Rudel gegeben und keiner, wirklich keiner, wollte jemals wieder einen Wolf shampoonieren.
»Komm schon einmal rein, ich bin gleich bei dir!«
Eine freundliche Frauenstimme riss King aus seinen Gedanken. Er betrat den Flur, der sich zu einem kleinen, aber gemütlichen Wohnzimmer erweiterte, und sah sich in Ruhe um. Die Wände waren in kräftigen Farben gestrichen, wirkten aber trotz der bunten Muster nicht überladen. Es roch wie in einem Teeladen und die Sofas mit den großen Polstern luden dazu ein, sich darauf zu werfen und wohlzufühlen. Ein Kater öffnete träge ein Auge und musterte King. Es war ein Tier mit zerzaustem Fell, eine Narbe verlief über das Gesicht und ließ vermuten, dass er sein zweites Auge im Kampf verloren hatte, vermutlich zusammen mit einem Stück seines Ohrs. Der Kater stand auf und sprang vom Sofa. Auf drei Beinen stolzierte er an King vorbei zur Haustüre. Der herablassende Blick des Tiers sagte ihm, dass Cassidy mit dem schwergewichtigen Kater vermutlich hervorragend auskam. Mindestens zwei der drei Bewohner des Hauses konnten ihn also nicht leiden. Das fing ja gut an.
Verloren stand er im Wohnzimmer. Um nicht nichts zu tun, musterte er eine Buddha-Figur, die auf einer Kommode aus Treibholz thronte, während er auf die Frau wartete, in deren Haus er auf unbestimmte Zeit leben würde.
»Du hast leider Cassidy verpasst. Sie ist los, um Luke zu verabschieden und Sunny zu besuchen.« Vanessa hatte unbemerkt das Wohnzimmer betreten, während er sich auf den Kater konzentriert hatte. »Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet ein Warith sich mit den Omegas anfreundet? Andererseits war die Daichin schon immer sehr liebevoll. Es war vermutlich nicht zu vermeiden.«
King lächelte gequält. Cassidy war ebenfalls ein Warith. Die ernannte Nachfolgerin ihrer Tante Becca. Kein Wunder, dass sie sich benahm, als gehöre ihr die Welt. Cage, sein Vater, hatte King eine Aufgabe gegeben, die sich lohnte.
Der Warith musterte Vanessa. Sie war in Cages Alter. Ihre blonden Haare, die sie locker zu einem Zopf gebunden hatte, waren von silbernen Strähnen durchzogen. Die Ruhe, die sie ausstrahlte, färbte auf King ab. Sogar sein Wolf beruhigte sich in ihrer Anwesenheit.
»Cassidy und ich sind uns gerade noch begegnet.«
Vanessa hob eine Augenbraue. Kings Stimme ließ keinen Zweifel daran, wie diese Begegnung verlaufen war.
»Es wird keinen Ärger mit euch beiden geben, oder?«, fragte sie besorgt. »Ich weiß, zwei Warith in einem Haus sind eine Herausforderung, gerade wenn man die Geschichte eurer Clans bedenkt. Aber ihr werdet es mir doch nicht schwerer machen als nötig?«
King wurde von der Zuneigung, die sein Wolf für diese Frau empfand, fast überrollt. Etwas an ihr machte es ihm unmöglich, sie nicht vor jedem Ärger schützen zu wollen.
»Nein, wir werden uns benehmen.« Er fühlte sich wie ein Schuljunge, der kurz vor einem Streich gerade noch erwischt worden war. Vielleicht war es ihre Rolle als Geschichtenwahrerin, die ihn so denken ließ. Sie hütete die Geschichte der Wölfe, egal, welchem Clan sie angehörten. Als Kind hatte er sie öfters gesehen. Vanessa war einst die beste Freundin seiner Mutter gewesen. Die beiden Frauen hatten sich oft getroffen, doch dann war seine Mutter zurück nach Europa gegangen und mit ihr war auch ihre beste Freundin aus Kings Leben verbannt worden.
»Was meinst du damit, wenn man die Geschichte unserer Clans bedenkt?« King hatte sich nie für die Vergangenheit der Aleashira interessiert. Er kannte das eine oder andere Märchen über ihre Entstehung, doch er wusste nicht, wie sie die Wölfe beeinflusste, deren Clans sie begleitete.
Vanessa deutete auf eine unscheinbare Tür. »Da geht es in dein Zimmer, richte dich erst einmal ein, ich mache uns Tee und dann kannst du mich alles fragen.«
King ging durch besagte Türe und warf seine Tasche auf das schmale Bett. Er hatte nicht gelogen, als er Cassidy gesagt hatte, dass er mit leichtem Gepäck reiste. Außer Kleidung und seinem Laptop hatte er nichts dabei. Kaum eine Minute, nachdem er sein Zimmer betreten hatte, verließ er es deshalb auch schon wieder. Er ging zu Vanessa in die Küche. Sie stand am Herd und kochte in einem altmodischen Teekessel Wasser auf. Er setzte sich an den Esstisch und beobachtete, wie sie verschiedene Kräuter zu einem Tee mischte.
Vanessa hatte keine Eile. Als der Kessel pfiff, goss sie das Wasser auf und kam mit zwei Tassen zu ihm an den Tisch.
»Cage hält nicht viel von den alten Geschichten, es wundert mich nicht, dass du sie nie gelernt hast.«
Sie schob ihm eine Tasse zu und ging noch einmal zur Anrichte, um Zucker und zwei Löffel zu holen.
»Er sagt, dass es nur Märchen sind, so wie Menschen an Sternzeichen glauben, glauben wir an die Clanmächte«, bestätigte King ihre Annahme.
Sie lachte. »Ganz falsch liegt er damit nicht, nur dass wir wissen, dass es die Clanmacht gibt. Sie heilt unsere Wunden, sie verbindet uns untereinander, sie warnt uns vor Gefahren und sorgt dafür, dass wir andere Wölfe erkennen. Aber es ist typisch für Cage. Der Mann kann sich in Sekundenbruchteilen in einen Wolf verwandeln, glaubt aber nicht an Magie.«
Sie rührte sich zwei Löffel Zucker in den Tee.
»Was ist denn nun die Geschichte zwischen Nekare und Daichin? Oder besser, was weißt du über das erste Rudel?«
King seufzte, als er ihr erzählte, auf welchem Stand er war: »Nur die grobe Geschichte. Jede Aleashira war einst Mitglied im ersten Rudel gewesen. Ihre Nachkommen sind mittlerweile über die ganze Welt verteilt, aber sie haben nie losgelassen, sondern wachen noch immer über sie. Es ist nicht bekannt, wie viele Clanmächte es gibt, da manche sich zurückziehen und nach einiger Zeit wieder auftauchen.« Er machte eine kurze Pause, doch Vanessas Blick ermutigte ihn weiterzusprechen. »Wie damals, als die Hazima und die Daichin sich vom Clan meines Vaters abgespaltet haben. Es macht ihn rasend, dass ihr eure eigenen Clanmächte habt und unsere Clanmacht hasst es, dass ausgerechnet die Daichin wieder aufgetaucht ist. Warum weiß ich nicht.«
Vanessa nickte langsam und nahm einen Schluck von ihrem Tee. »Dann fangen wir ja nicht ganz am Anfang an. Gut. Daichin und Nekare haben im ersten Rudel zusammengelebt.
Damals, zur Zeit der ersten Wölfe. Und sie haben sich einmal geliebt, doch Daichin hat sich gegen Nekare entschieden, das hat sein Herz gebrochen. Von da an glaubte er nicht mehr an Beziehungen, sondern nur noch an Macht. Dein Vater ist ein gutes Beispiel dafür. Er war nicht immer so kaltherzig. Aber die Eifersucht der Clanmacht hat dafür gesorgt, dass er deine Mutter einsperren wollte. Sie ist nicht gegangen, sie ist geflohen. Und so wiederholt die Geschichte sich immer wieder.«
»Ich definiere mich nicht über meine Clanmacht. Ich kann sehr gut selbst entscheiden, wer ich sein will.«
Er verdrängte den Gedanken an seine Beziehung zu Sofie. An die Vorwürfe, die sie ihm gemacht hatte.
»Ist das so? Becca hat mir davon erzählt, wie du Cassidy das erste Mal getroffen hast. Dein Blick hat dich verraten. Du konntest dich nicht entscheiden, ob du ihr an die Gurgel gehen oder sie verführen willst. Eines davon bist du King, das andere ist die Clanmacht und sie wird von deinem Wolf unterstützt. Was meinst du, bist du stark genug, um deine Zukunft selbst zu wählen?« Sie stand auf. »Im Bücherschrank findest du noch ein paar Bücher zu dem Thema. Es gibt auch einige Abhandlungen darüber, wie Wölfe sich verändert haben, nachdem sie den Clan wechselten. Das heißt, wenn das Thema dich interessiert.«
Sie räumte ihre Tasse in die Spüle und wartet ab, ob King ihr noch eine Frage stellte. Der Warith schwieg.
»Ich muss zur Arbeit und auch wenn es schwer ist, versucht, euch zu vertragen.«
King nickte. Er hatte genug, worüber er nachdenken musste.
Die Wohnung, in die er ziehen sollte, lag in einem der Glasriesen der Stadt. Der Portier im unteren Stockwerk beobachtete neugierig, wie Luke durch den Haupteingang in das Gebäude stolperte. Mit seinen abgetragenen Jeans und der alten Sporttasche über der Schulter war er weit schäbiger gekleidet als das übliche Klientel, das hier ein und aus ging. Trotzdem grinste der junge Mann am Empfang ihm freundlich entgegen. Luke erkannte ihn als einen der Wölfe, die geholfen hatten, Sofie zu suchen.
»Hi!« Luke ging direkt auf das Stehpult zu. »Ich bin der Neue im Haus. Das ist hier doch ein Wohnhaus, oder?« Argwöhnisch wanderte sein Blick durch die Eingangshalle, die ihn eher an ein Bürogebäude erinnerte.
Eine fremde Aleashira streifte Lukes Gedanken, ehe der Portier antwortete.
»Ja, das ist es. Willkommen, ich bin Tom und habe hier generell die Frühschicht. Davon abgesehen habe ich auch deine Schlüsselkarte.«
Tom reichte Luke einen großen Briefumschlag, einen Stift und ein Formular, um den Empfang zu quittieren. »Schön, dich unter besseren Umständen wiederzutreffen.«
»Ja, wobei ich es mir nicht unbedingt einfach vorstelle, in einem fremden Clangebiet zu leben.« Tom nahm das unterzeichnete Papier wieder entgegen.
»Wenn hier alle so freundlich sind wie du, werde ich kein Problem haben.«
»Keine Chance. Ich bin eine unglaublich freundliche Ausnahmeerscheinung. Die anderen sind alle fiese, alte Köter, die kleine Kinder fressen.«
Luke lachte und Tom fuhr fort: »Der rechte Fahrstuhl bringt dich direkt in das Penthouse. Kann ich sonst noch etwas für dich tun?«
»Nein, danke. Ich fürchte, ich muss alleine in die Höhle des Löwen.«
»So schlimm wird es nicht. King kann launisch sein, aber er ist in eurem Clan, dein Mitbewohner ist ein cooler Typ und unter uns: die Wohnung ist klasse.«
»Danke dir. Aber ich werde vermutlich ohnehin die meiste Zeit bei Sofie sein.«
»Siehst du, gar nicht so schlimm hier.«
Luke öffnete den Umschlag. Eine Schlüsselkarte und ein gefalteter Zettel fielen ihm entgegen. Er nickte Tom noch einmal zu, ehe er in den Fahrstuhl stieg.
Während der Aufzug sich auf den Weg nach oben machte, öffnete er den dünnen Brief.
Mit sauberer Handschrift stand dort ein einziger Satz:
Wenn du ihr wehtust, wirst du das nicht überleben.
Keine Unterschrift. Aber das war auch nicht nötig. Luke wusste, dass die Nachricht von King kam und dass er es ernst meinte. Die Aufzugtüren öffneten sich vor ihm und Luke betrat zum ersten Mal seine neue Wohnung.
»Hi«, begrüßte ihn eine unangenehm vertraute Stimme. Lukes Nackenhaare stellten sich augenblicklich auf. Der Wolf in ihm tobte und Luke ballte die Hände zu Fäusten, bereit, sich zu verteidigen. Jonah hob abwehrend die Arme.
»Sachte Junge, als Omega hast du mir besser gefallen.«
»Weil ein Omega sich nicht wehrt, wenn er angegriffen wird?«
Zu gut war Luke der Angriff vor Sofies Laden noch in Erinnerung, an dem auch sein Gegenüber teilgenommen hatte. Jonah stand hinter der Theke der offenen Küche. Er nahm die Hände wieder herunter und schnitt einen Apfel in zwei Hälften.
»Sicher, weil gerade du dem Befehl deines Warith widersprochen hättest.«
Luke entspannte sich. In diesem Punkt hatte der Nekare recht. Er hätte sich dem Befehl eines Warith nicht widersetzt. Nicht, dass es bei den Hazima einen gegeben hätte. Tyson hatte es nie für nötig gehalten, einen Erben zu ernennen.
»Das heißt nicht, dass es richtig war«, fuhr Jonah gelassen fort. »King hat übertrieben, immerhin warst du ja in irgendeiner Form zum Arbeiten in der Gegend.«
»Das klingt verdächtig nach einer richtig miesen Entschuldigung.« Luke grinste. Vielleicht hatte Tom recht, vielleicht war Jonah gar nicht so übel.
Jonah biss in den halben Apfel. »Bilde dir nichts darauf ein, Frischling. Ob du Vorstadtwolf mit uns mithalten kannst, wird sich erst zeigen.«
Er stieß sich von der Theke ab und ging gemächlich an Luke vorbei zum Aufzug. »Ich muss dann mal los, mal sehen, was die Welt heute Neues zu bieten hat.«
Er deute im Vorbeigehen auf eine Tür, nicht weit vom Eingang entfernt. »Das da ist übrigens dein Zimmer.«
Luke blieb alleine zurück. Er trat durch die Tür, die Jonah ihm gezeigt hatte. Das Geräusch seiner Schritte wurde von einem dicken Teppich verschluckt. Er fluchte leise, als er sah, dass seine Schuhe Abdrücke auf dem hellen Boden hinterlassen hatten. Das Bett war riesig. Kingsize. Luke grinste bei dem Gedanken. Ein riesiges Fenster ließ die Sonne herein und ermöglichte den Blick über die Stadt. Sein neues Zuhause hatte nichts Heimisches an sich. Es hätte genauso gut ein Hotelzimmer im Black Diamonds sein können. Es war absurd groß. Vor allem, wenn man bedachte, dass hier nur eine einzelne Person wohnen sollte. Luke stellte die Tasche auf das frisch bezogene Bett und wandte sich fast augenblicklich wieder dem Ausgang zu. Er hatte nicht vor, seine Zeit in dieser Wohnung zu verbringen. Es fühlte sich falsch an, hier zu sein, als wäre er ein störender Gegenstand in einer viel zu sauber riechenden Welt.
Cassidy parkte Tysons Pick-up in einer Seitenstraße. Die letzten Meter würde sie zu Fuß gehen müssen, zumindest, wenn sie nicht vorhatte, solange um den Block zu kreisen, bis ein Parkplatz in der Nähe frei wurde. Durch dieses Viertel zu laufen ließ das Heimweh in ihr aufkeimen. Seit einem halben Jahr wohnte sie nun bei den Hazima. Doch sie vermisste die alten Straßen. Sie passierte den Eisladen, in dem ihre beste Freundin arbeitete, und bemerkte im ersten Moment gar nicht, dass ein Mann vor ihr rüpelhaft durch die Passanten pflügte.
Erst, als er sie anrempelte, nahm sie ihn wahr.
Cassidy drehte sich empört zu dem Fremden um. »Was soll das? Hier ist ja wohl genug Platz für alle!«
In ihrer Drehung streifte sie das Emblem am Oberarm seiner Jeansjacke. Ihre Haut reagierte mit stechendem Schmerz. Instinktiv drehte sie die Schulter von dem Fremden weg.
»Wenn hier so viel Platz ist, dann kannst du mir aus dem Weg gehen«, pöbelte er in ihre Richtung.
Cassidy schnaubte. Ihr Wolf knurrte und wäre dem ungehobelten Kerl am liebsten an die Kehle gegangen. Doch der Punk war schon weitergegangen. Eine Passantin sah aus, als wollte sie Cassidy ansprechen, doch die winkte ab und setzte ihren Weg fort. Mit schnellen Schritten verschwand sie um die nächste Ecke. Sie blieb nicht stehen, um sich die Wunde an ihrem Arm anzusehen. Kaum hatte sie die Hauptstraße verlassen, rannte sie auch schon los. Es konnte Zufall sein, dass ein Mann mit Silber auf der Jacke durch die Straßen lief, aber Cassidy glaubte nicht daran. Außer Atem kam sie drei Straßen weiter an das alte Motel. Vom Haupteingang aus kam man in die Zimmer, die tageweise vermietet wurden. Cassidys Weg führte jedoch auf die Rückseite des Gebäudes. Zwanzig Wohnungen waren hier in den letzten Jahren entstanden. In jeder wohnte mindestens ein Wolf, in den meisten jedoch ganze Familien.
Sie sah die Fassade hinauf. Im vierten Stock lebte Tory, Cassidys Mutter. Beccas Wohnung war direkt darunter.
Cassidy schlüpfte in den kühlen Flur und ließ erleichtert die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Der Tag war für die Tonne. Zumindest große Teile davon. Die Wunde brannte noch, doch das schäumende Blut wusch bereits die kaum sichtbaren Silberpartikel aus ihrem Fleisch. Gleich würde sich das Gewebe schließen und bei ihrer Mutter konnte sie dann ein sauberes Shirt überziehen, das die zurückbleibende Narbe verdeckte.
***
Der Schlüssel lag schwer in Alex‘ Hand.
Grace, die nicht nur seine Ziehschwester, sondern auch seine Ärztin war, hatte ihm geraten, es ruhiger angehen zu lassen. Aber sie hatte auch das Bedürfnis ihn einzusperren. Er hatte es in dem neuen Haus nicht länger ausgehalten und war an diesem Vormittag regelrecht vor ihr geflüchtet.
Er hatte sich ohnehin zu lange vor dieser Aufgabe gedrückt. Erst hatte es fast eine Woche gedauert, dass sie ihn aus dem Krankenhaus entlassen hatten, dann hatte Grace die Aufgabe als Wachhund übernommen.
Alex hätte einen anderen Jäger schicken können, um Beccas Wohnung nach Hinweisen auf Wölfe zu durchsuchen, doch er wollte nicht, dass jemand, den sie nicht kannte, in ihren Sachen stöberte. Außerdem wusste außer ihm ohnehin keiner, wo die Wohnung lag. Er hatte es nicht über sich gebracht, diese Information weiterzugeben. Er war so in Gedanken, dass er fast den dritten Stock verpasst hätte. Das Schloss entriegelte mit einem klackenden Geräusch. Die Tür war nur zugezogen und nicht abgeschlossen. Als hätte sie keine Angst vor einem Einbruch gehabt, nicht einmal, nachdem ein Jäger sie in ihrer eigenen Wohnung überrascht hatte.
Andererseits hatte er im Training auch keine Chance gegen sie gehabt und er war sich sicher, dass sie nicht ihre ganze Kraft genutzt hatte.
Sie war auch zu ihm gekommen. Warum auch immer. Sie hatte sich darauf verlassen, dass er keine Bedrohung für sie war und die Gefahr, die von Christoph ausging, unterschätzt. Was hatte sie überhaupt in dem Hotel gewollt? Becca hatte klar gemacht, dass sie ihn nicht mehr sehen wollte und trotzdem, war sie zu ihm gekommen.
Lautlos schwang die Tür nach innen auf. Alex hielt einen Moment inne, dann betrat er die Wohnung. Kaum war die Tür hinter ihm wieder ins Schloss gefallen, entspannte er sich ein wenig. Allein herzukommen war eine dumme Idee gewesen.
An einem Ort, an dem ein Werwolf lebte, gab es unweigerlich auch einen zweiten und meistens auch einen dritten. Wie es sich für Rudeltiere gehörte, rotteten sie sich zusammen und bildeten kleine Gemeinschaften innerhalb der Gesellschaft der Menschen.
So heruntergekommen das Motel von außen auch wirkte, sobald man die Wohnung betrat war davon nichts mehr zu bemerken.
Auf den ersten Blick war alles, wie Alex es in Erinnerung hatte.
Er atmete tief ein. Der typische Geruch, den leerstehende Räume annahmen, wenn über einen längeren Zeitraum kein Fenster geöffnet wurde, mischte sich mit dem Geruch von Becca. Ein Heim, das bereits ahnte, dass es verlassen worden war.
Er blieb in dem kleinen Flur stehen, um sich in Ruhe zu orientieren. Auf einer Kommode lagen ein paar Briefe. Alex hob die obersten auf und ging die Absender durch. Nur Werbung; der Poststempel war auf den Tag datiert, an dem Christoph Becca im Wald verscharrt hatte.
Diese Post war alltäglich. Es gab nichts, was darauf hindeutete, dass hier eine Bestie gelebt hatte. Doch was hatte er erwartet? Eine Ausgabe von >Werwolf Weekly<?
Fast erleichtert wandte er sich ab und betrat das Wohnzimmer.
Verwelkte Pflanzen standen auf dem Fensterbrett. Für sie kam jede Hilfe zu spät. Eine dünne Staubschicht hatte sich über die Möbel gelegt. Wie ein Geist verfolgten ihn die Gedanken an Becca, und umso länger er sich hier aufhielt, umso mehr kehrte die Erinnerung an sie zurück.
Es verdeutlichte ihm, wie schnell ihre Präsenz aus seiner Welt verschwand. Wie kalt es in den letzten Wochen geworden war. Er hatte zugelassen, dass sie starb. Mehr noch, er hätte sie selbst getötet, wenn Christoph ihm diese Aufgabe nicht abgenommen hätte. Fast augenblicklich hatte Alex es bereut. Doch schon lange, bevor die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, war es zu spät gewesen, um Becca zu retten.
Sein nächster Weg führte in die Küche. Die Äpfel im Obstkorb waren mittlerweile runzelig. Fruchtfliegen kreisten darum und er vermied es, den Kühlschrank zu öffnen. Es sah aus, als würde niemand kommen, um die Wohnung aufzulösen. Vielleicht hatte er sich geirrt, vielleicht gab es keine weiteren Wölfe in diesem Teil der Stadt.
Eher beiläufig warf er einen Blick in das Badezimmer. Unter dem Waschtischschrank blitzte etwas Rotes hervor. Es hatte die Farbe von frischem Blut. Alex zog den Stoff heraus und erkannte das Kleid, das er Becca gekauft hatte. Der Abend der Hochzeit war kaum zwei Monate her, doch es fühlte sich an, als wäre seitdem sein ganzes Leben vergangen. Er hängte das Kleidungsstück an einen Haken.
»Was machst du hier?«
Alex zuckte zusammen, seine Hand schnellte zu seiner Waffe, ehe er den Reflex unterdrückte, sie zu ziehen, und sich umdrehte. Auf der anderen Seite des Wohnzimmers stand eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, deren Haare genauso widerspenstig schienen wie die von Becca. Die Ähnlichkeit war verblüffend. Nur das sommerliche Kleid, das sie trug, konnte er sich in Beccas Kleiderschrank nicht vorstellen.
Alex erinnerte sich an sie. Der euphorische Gesichtsausdruck von damals war einem verwirrten gewichen.
Er hatte sie hier im Haus getroffen. Es war der Abend gewesen, kurz bevor er mit Becca zusammen Christophs Geliebte aus dem Loch im Wald gezogen hatte. Ein Loch, in das ein Werwolf die Schwangere geworfen hatte.
»Ich kenne dich!« Er ging einige Schritte auf sie zu. »Du wohnst hier im Haus.«
Die Frau stolperte ein Stück zurück.
»Nicht mehr.« Sie ließ ihn nicht aus den Augen. »Wir sind in den letzten Wochen ausgezogen. Wo ist Becca? Ist sie bei dir?«
Die Bewegung ihrer Hand zog seinen Blick auf sich. Sie versuchte, eine frische Wunde zu verdecken. Eine, die in diesem Moment heilte. Trotz der Blasen, die das Blut warf, verschloss die Wunde sich und auch die Hand, die das Mädchen darübergelegt hatte, konnte den Schimmer nicht verbergen.
»Silber. Du bist wie sie.«
Der Satz kam ihm über die Lippen, noch ehe er an die Auswirkungen dieser Worte dachte.
»Wo ist sie?«
Die Stimme der jungen Frau war energisch, obwohl sie Schritt für Schritt weiter zur Wohnungstür zurückwich.
»Sie ist tot. Wir haben sie vor drei Wochen begraben«, antwortete Alex tonlos. Es endlich auszusprechen brachte ihm Erleichterung, die jedoch nur anhielt, bis die Wölfin die nächste Frage stellte.
»Und? Bist du zufrieden damit?«
Sie wartete seine Antwort nicht ab, sondern drehte auf dem Absatz um und stürmte davon.
Noch ehe Alex die Wohnungstür erreicht hatte, hörte er, wie sie die Treppen hinunterrannte. Sein Instinkt schrie ihm zu, ihr zu folgen. Doch er verharrte regungslos im Türrahmen und lauschte, wie die Geräusche mit wachsender Entfernung immer leiser wurden.
Alex versuchte, sich an das Gespräch zwischen Becca und der Fremden zu erinnern. Sie hatte ihre Eltern besuchen wollen, hier in diesem Haus. Sie war ein Werwolf.
