World of Warcraft, Band 2: Der Aufstieg der Horde - Christie Golden - E-Book

World of Warcraft, Band 2: Der Aufstieg der Horde E-Book

Christie Golden

4,9

Beschreibung

Vor langer Zeit lebten die stolzen Clans der Orcs auf der idyllischen Welt Draenor in relativem Frieden mit ihren geheimnisvollen Nachbarn - den Draenei. Doch die ruchlosen Agenten der Brennenden Legion hatten andere Pläne für die beiden arglosen Völker. Der Dämonen-Lord Kil'jaeden schmiedete einen perfiden Plan, um die Draenei zu vernichten und die Orc-Clans in einen Abgrund aus Hass und Zerstörung zu reißen. Ein völlig eigenständiger Roman um Magie, Krieg und Heldentum - basierend auf den preisgekrönten Videogame-Bestsellern von Blizzard Entertainment.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 395

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
4,9 (49 Bewertungen)
44
5
0
0
0



Amerikanische Originalausgabe: "World of Warcraft: Rise of the Horde" by Christie Golden, published by Simon and Schuster, Inc., 2006. Deutsche Übersetzung 2007, 2008 von Panini Verlags GmbH, Rotebühlstraße 87, 70178 Stuttgart. Alle Rechte vorbehalten. Copyright © 2008 Blizzard Entertainment, Inc. All Rights Reserved. Warcraft, World of Warcraft, Blizzard Entertainment are trademarks or registered trademarks of Blizzard Entertainment in the U.S. and/or other countries. All other trademarks are the property of their respective owners. No similarity between any of the names, characters, persons and/or institutions in this publication and those of any pre-existing person or institution is intended and any similarity which may exist is purely coincidental. No portion of this publication may be reproduced, by any means, without the express written permission of the copyright holder(s). Übersetzung: Mick Schnelle Lektorat: Peter Thannisch Redaktion: Mathias Ulinski, Holger Wiest Chefredaktion: Jo Löffler Umschlaggestaltung: tab indivisuell, Stuttgart Cover art by Glenn Rane Satz und eBook: Greiner & Reichel, Köln ISBN 978-3-8332-1972-6www.paninicomics.de/videogame

Dieses Buch widme ich mit großem Dank Chris Metzen, für seine fortdauernde Unterstützung und die Begeisterung für dieses Projekt.

Dank auch an all die fantastischen Rollenspieler in World of WarCraft, mit denen ich die Ehre hatte, spielen zu dürfen, wie Aron und Erica Jolly-Meers, Lacey Coleman und viele andere. Ganz besonderer Dank gebührt Sean Rich, der mich überhaupt erst zum Rollenspiel gebracht hat.

Es lebe der Schattenrat!

Prolog

Die Macht, die der Fremde ausstrahlte, umkreiste ihn in Wellen aus herrlichen Farben, umgab ihn wie einen Umhang und bildete auf seinem mächtigen Schädel eine Krone aus Licht. Seine Stimme erschallte gleichzeitig in Ohren und Geist und raste durch das Blut wie eine süße, lang vergessene Melodie, an die man sich plötzlich erinnerte.

Was er anbot, war verführerisch, erregend und ließ das Herz vor Verlangen pochen. Aber dennoch, dennoch war da etwas, dass…

Als er fort war, wandten sich die Anführer der Eredar einander zu und unterhielten sich leise.

„Er verlangt wenig für das, was er uns anbietet“, sagte der Erste. Er streckte sich, und zwar sowohl in der physischen als auch der metaphysischen Welt, und sandte so Echos seiner Stärke aus.

„Eine solche Macht“, murmelte gedankenverloren der Zweite. Er war der Elegante, der Schöne, und sein Wesen war herrlich und strahlend. „Und er sagt die Wahrheit. Was er uns gezeigt hat, wird geschehen. Niemand kann bei so einer Weissagung lügen.“

Der Dritte war still. Es stimmte, was der Zweite gesagt hatte: Das machtvolle Geschöpf hatte ihnen sein Angebot auf eine Art und Weise unterbreitet, die keine Täuschung ermöglichte. Aber dennoch hatte dieses Wesen, dieser… Sargeras etwas an sich, das Velen missfiel.

Die anderen beiden Anführer waren gleichzeitig auch Velens Freunde. Er stand Kil’jaeden, dem Mächtigsten und Entscheidungsfreudigsten der drei, sehr nah. Schon seit Jahren waren sie befreundet. Jahre, die verstrichen waren, ohne dass die Wesen, für die Zeit bedeutungslos war, es bemerkt hätten. Dass Kil’jaeden das Angebot in Betracht zog, erschien Velen bedeutsamer als Archimondes Meinung. Denn obwohl der normalerweise gründlich nachdachte, ließ er sich durch seine Eitelkeit leicht beeinflussen.

Velen dachte wieder an das Bild, das ihnen Sargeras gezeigt hatte. Welten, die sie erobern konnten. Und was weitaus wichtiger war: die sie erforschen und untersuchen konnten. Die Eredar waren vor allen Dingen neugierig. Derart mächtigen Wesen war Wissen so wichtig wie niederen Geschöpfen Fleisch und Trank. Sargeras bot ihnen einen verlockenden Blick auf Dinge, die ihnen gehören konnten, wenn sie nur…

…ihm Treue schworen.

…und dies auch für ihr Volk taten.

„Wie immer ist unser Velen vorsichtig“, sagte Archimonde. Die Worte hätten ein Kompliment sein können, stattdessen erschienen sie Velen herablassend. Er wusste, was Archimonde wollte. Dabei war Velen klar, dass der andere seine Unschlüssigkeit nur als ein kleines Hindernis auf dem Weg ansah, den er beschreiten wollte.

Velen lächelte. „Ja, ich bin vorsichtig, und manchmal hat uns genau diese Vorsicht ebenso gerettet wie deine Entscheidungsfreudigkeit, Kil’jaeden, und dein Ungestüm, Archimonde.“

Beide lachten. Einen Moment lang spürte Velen die Wärme ihrer Zuneigung. Dann verstummten sie, und er begriff, dass sie sich bereits entschieden hatten. Als sie gingen, sank Velens Herz. Dabei hoffte er, dass er trotzdem die richtige Entscheidung gefällt hatte.

Die drei hatten immer gut zusammengearbeitet. Ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten ermöglichten es stets, ein Gleichgewicht zu finden. Das Ergebnis waren Harmonie und Friede für ihr Volk. Er wusste, dass Kil’jaeden und Archimonde nur das Beste für ihre Schützlinge wollten. Das galt auch für Velen, und bislang hatten sie sich stets geeinigt.

Velen fröstelte. Warum verunsicherte ihn dieser so selbstsichere, einnehmende Sargeras derart? Die anderen waren offenbar geneigt, sein Angebot anzunehmen. Sargeras hatte ihnen gesagt, dass die Eredar genau das waren, wonach er gesucht hatte: ein starkes, leidenschaftliches und stolzes Volk, das ihm dienen konnte und dazu beitragen würde, alle Welten zu vereinen. Er hatte ihnen versprochen, dass er sie verändern, sie verbessern, stärker machen würde. Er wollte ihnen ein Geschenk machen, wie es im Universum einmalig war. Und tatsächlich nie zuvor war solche Macht, wie Sargeras sie repräsentierte, mit der Einzigartigkeit der Eredar zusammengebracht worden. Geschah dies, konnte das, was Sargeras ihnen verheißen hatte, tatsächlich wahr werden.

Aber dennoch, dennoch…

Velen ging zum Tempel. Das machte er immer, wenn er Sorgen hatte. An diesem Abend waren auch ein paar andere dort. Sie saßen im Kreis um eine Säule, in jenem Raum, der auch den wertvollen Ata’mal-Kristall beherbergte. Das Artefakt war alt, so alt, dass sich keiner der Eredar an seine Herkunft erinnern konnte. Die Legende besagte, dass er ein Geschenk war, das sie vor langer Zeit erhalten hatten. Der Kristall hatte es ihnen ermöglicht, ihre geistigen Fähigkeiten zu verstärken und gleichzeitig ihr Wissen um die Geheimnisse des Universums zu erweitern. In der Vergangenheit hatte man ihn benutzt, um Kranke zu heilen und um Visionen zu empfangen.

Letzteres wollte Velen an diesem Abend tun. Respektvoll ging er nach vorn und berührte den dreieckigen Kristall. Die von ihm ausgehende Wärme, die sich wie ein kleines Tier in seine Handfläche schmiegte, beruhigte ihn. Er atmete tief ein, ließ die vertraute Kraft in sich hineinströmen, senkte dann die Hand und verließ den Kreis.

Velen schloss die Augen. Er öffnete jeden Teil von sich, der empfangen konnte: Körper, Geist und magisches Gespür. Alles, was er anfangs sah, schien nur Sargeras’ Versprechungen zu bestätigen. Er sah sich selbst, gemeinsam mit Kil’jaeden und Archimonde, als Herren über ihr eigenes ehrbares und stolzes Volk und über zahllose andere Welten. Macht umgab sie, eine Macht, so berauschend wie eine Droge. Strahlende Städte gehörten ihnen samt deren Bewohner. Mit Jubel und Anbetungsrufen wurden sie gehuldigt. Technologie, von der Velen noch nicht einmal geträumt hatte, harrte der Erforschung. Folianten in fremden Sprachen wurden für ihn übersetzt und enthüllten eine Magie, die er sich bis dahin nicht hatte vorstellen können.

Es war herrlich, und sein Herz schwoll vor Freude.

Er sah Kil’jaeden an. Sein alter Freund lächelte. Archimonde legte ihm die Hand kameradschaftlich auf die Schulter.

Dann schaute Velen an sich herab.

Und schrie vor Entsetzen auf.

Sein Körper war plötzlich riesig, aber verzogen und deformiert. Seine vormals glatte blaue Haut war schwarz, braun und rau, wie ein einst stolzer Baum, der krank geworden war. Licht strahlte von ihm aus. Aber es war nicht das reine Licht machtvoller positiver Energie, sondern von kränklichem Grün. Verzweifelt drehte er sich zu seinen Freunden um. Sie hatten sich ebenfalls verwandelt. Auch von ihnen war nichts geblieben von dem, was sie einst gewesen waren. Stattdessen waren sie jetzt…

Man’ari.

In der Sprache der Eredar stand es für etwas fürchterlich Falsches, etwas Unnatürliches und Besudeltes, und es schien mit der Kraft eines schimmernden Schwertes in seinen Geist gerammt zu werden. Er schrie wieder, und seine Knie zitterten. Velen wandte seinen Blick von dem verunstalteten Körper ab und suchte nach dem Frieden, dem Wohlstand und dem Wissen, die Sargeras ihm versprochen hatte. Er sah nur Gräueltaten. Wo vorher eine jubelnde Menge gestanden hatte, gab es nur noch verstümmelte Leichen und solche, die wie er selbst, wie Kil’jaeden, wie Archimonde, in Monster verwandelt worden waren. Zwischen den Toten bewegten sich Wesen, wie Velen sie noch nie gesehen hatte. Merkwürdige Hunde, aus deren Rücken Tentakel wuchsen. Kleine pervertierte Gestalten, die tanzten, herumtollten und über das Gemetzel lachten. Vermeintlich schöne Kreaturen, die ihre Flügel ausbreiteten und sich mit Freude und Stolz das anschauten, was sie angerichtet hatten. Wo ihre Hufe den Boden berührten, starb die Erde. Nicht einfach nur das Gras, sondern der Boden selbst. Alles, was Leben spendete, wurde ausgelöscht.

Das also plante Sargeras für die Eredar. Das war die „Verbesserung“, die er ihnen in so leuchtenden Farben ausgemalt hatte. Wenn sich Velens Volk mit Sargeras verbündete, verwandelten sie sich in diese Monstrositäten, diese Man’ari. Und irgendwie begriff Velen, dass er nicht nur einen Einzelfall gesehen hatte. Es würde nicht nur diese eine Welt fallen. Es wären Dutzende oder Hunderte oder gar Tausende.

Wenn er Sargeras beistand, würde alles zerstört werden. Diese Legion der Man’ari würde sich weiterwälzen, unterstützt von Kil’jaeden und Archimonde und… möge alles, was gut und rein war, ihm beistehen… und unterstützt von Velen selbst. Sie würden nicht aufhören, bevor alles derart verändert und verderbt war wie dieses Land, das Velen in seiner verstörenden Vision gesehen hatte. War Sargeras wahnsinnig? Oder, schlimmer noch, durchschaute er all das und wollte er es so?

Blut und flüssiges Feuer strömten, regneten auf ihn herab, verbrannten ihn, bespritzten ihn, bis er zu Boden fiel und weinte.

Gnädigerweise verschwand die Vision. Velen blinzelte, stolperte. Mittlerweile war er allein im Tempel, und der Kristall glühte tröstend. Er war dankbar für diese Linderung seiner Qualen.

Es war noch nicht geschehen. Noch nicht.

Was Sargeras ihnen versprochen hatte, stimmte tatsächlich: Die Eredar würden verändert werden, und ihre drei Anführer würden Macht erhalten, Wissen und Herrschaft bis sie nahezu Göttern gleich wären.

Aber sie würden alles verlieren, was ihnen teuer war, würden die verraten, die sie eigentlich beschützen sollten.

Velen fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Er war erleichtert, dass sie nur mit Schweiß und Tränen bedeckt war und nicht mit dem Feuer und Blut aus seiner Vision. Noch nicht. Sollte es möglich sein, alles aufzuhalten oder zumindest die Verwüstungen, welche die Legion anrichten würde, zu begrenzen?

Die Antwort, die er erhielt, belebte ihn und war süß wie ein Schluck klaren Wassers in der Wüste: Ja.

Sie kamen sofort, antworteten auf seine mentale Bitte. Es dauerte nur ein paar Augenblicke, bis ihre Geister gereinigt waren und sie sahen, was er gesehen hatte, und sie fühlten, was er gefühlt hatte. Für einen kurzen Moment wusste er, dass sie seine Empfindungen teilten, und Hoffnung stieg in ihm auf. Es bestand noch eine Chance…

Archimonde fröstelte. „Das ist kein Blick in die Zukunft. Es ist nur eine Ahnung.“

Velen starrte auf seinen alten Freund, dann schaute er Kil’jaeden an. Kil’jaeden war nicht so von Eitelkeit geblendet wie Archimonde. Er war entscheidungsfreudig und weise und…

„Archimonde hat recht“, sagte Kil’jaeden leise. „Das hier ist nicht echt, nur ein Bild in unserem Geist.“

Velen starrte ihn an, und Schmerz wallte in ihm auf. Betrübt löste er ihre Gedanken von seinen. Von nun an würde, was in seinem Kopf und Herzen war, dort bleiben. Er würde seine Gedanken niemals wieder mit den beiden teilen, die einst die Erweiterung seiner Seele gewesen waren.

Kil’jaeden dachte, er würde aufgeben. So hatte Velen es beabsichtigt, und er lächelte, als Kil’jaeden ihm die Hand auf die Schulter legte.

„Ich möchte nichts von dem aufgeben, das ich für gut und richtig halte, nur weil ich mich vor dem Unangenehmen fürchte“, sagte Kil’jaeden. „Und das willst du sicher auch nicht.“

Velen konnte keine Lüge riskieren. Er schaute deshalb nur zu Boden und seufzte. Einst hätte Kil’jaeden und selbst Archimonde eine solch schwache Fassade durchschaut. Aber in diesem Moment waren ihre Gedanken von ihm abgelenkt; sie dachten an die scheinbar grenzenlose Macht, die ihnen verliehen werden würde. Es war zu spät, um sie zu beeinflussen. Diese beiden einst großartigen Wesen waren zu Sargeras’ Spielzeugen geworden, und sie waren auf dem besten Weg, Man’ari zu werden. Velen wusste mit erschreckender Sicherheit: Wenn die beiden ahnten, dass er sich gegen sie stellte, würde die Konfrontation tödlich enden. Er musste überleben, und wenn auch nur, um sein Volk vor Verdammnis und Zerstörung zu bewahren.

Deshalb nickte er, sagte aber nichts, und es wurde beschlossen, dass die drei Anführer der Eredar sich mit Sargeras verbündeten. Archimonde und Kil’jaeden verschwanden schnell; sie wollten die notwendigen Vorkehrungen treffen, um ihren neuen Herrn willkommen zu heißen.

Velen war tief betrübt über ihre Unfähigkeit. Er wollte gern sein ganzes Volk retten, wie er es einst geschworen hatte. Aber er wusste, dass das unmöglich war. Die meisten würden Kil’jaeden und Archimonde vertrauen und ihnen in den Untergang folgen. Aber es gab ein paar, die so denken würden wir er. Die auf sein Wort hin alles aufgeben würden. Das war unbedingt notwendig, denn ihre Heimatwelt Argus würde in Kürze zerstört werden, verschlungen vom Wahnsinn der dämonischen Legion. Wer das überlebte, musste fliehen.

Aber wohin?

Velen schaute auf den Ata’mal-Kristall, während ihn Verzweiflung durchströmte. Sargeras würde kommen. Es gab keinen Ort auf dieser Welt, wo man sich vor ihm verstecken konnte. Doch wie war es dann möglich, ihm zu entwischen?

Tränen trübten seinen Blick, als er den Kristall anschaute. Sicherlich waren es die Tränen, die den Kristall schimmern und pulsieren ließen. Velen blinzelte. Nein, es war kein Lichteffekt. Der Kristall glühte, und vor Velens erschrecktem Blick erhob er sich von seinem Podest und schwebte heran, bis er sich direkt vor ihm befand.

Berühre ihn, ertönte eine Stimme sanft in Velens Kopf. Zitternd vor Ehrfurcht streckte er seine starke blaue Hand aus und erwartete, die vertraute Wärme des ruhigen Prismas zu fühlen.

Energie durchströmte ihn, und er schnappte nach Luft. Es war genauso intensiv wie die schwarze Energie, die ihn während seiner Vision durchströmt hatte. Aber diese war so rein, wie die andere verderbt gewesen war. Velen spürte plötzlich Hoffnung und Stärke in sich aufsteigen.

Das seltsame glühende Feld um den Ata’mal-Kristall wuchs, breitete sich aus und nahm Gestalt an. Velen blinzelte, fast geblendet von der Strahlung, aber er wollte nicht weggucken.

Du bist nicht allein, Velen von den Eredar, flüsterte ihm die Stimme zu. Sie war beruhigend, süß, wie der Klang von fließendem Wasser und das Rauschen des Sommerwinds. Die Strahlung schwand leicht, und vor Velen schwebte ein Wesen, wie er es noch nie gesehen hatte. Es schien aus lebendem Licht zu bestehen. Sein Zentrum war ein sanfter goldener Schimmer, der äußere Radius ein glühendes, beruhigend wirkendes Violett. Merkwürdige, metallisch aussehende Hieroglyphen wirbelten durch das Zentrum in einem wirbelnden Tanz von Farben und Licht, verzaubernd und mit hypnotischer Kraft. Es sprach weiter zu ihm, und für Velen klang es, als hätte man dem Licht selbst eine Stimme gegeben.

Wir haben die drohende Gefahr auch gespürt, die diese und andere Welten befallen wird. Wir kämpfen darum, das Gleichgewicht zu halten, denn was Sargeras plant, wird alles auseinanderreißen. Chaos und Zerstörung werden die Folgen sein, und die Dinge, die gut, rein und heilig sind, werden für immer verloren gehen.

Wer… was… Velen konnte nicht einmal eine Frage in seinem Geist formulieren, so überwältigt war er von der Herrlichkeit des Wesens.

Wirsind die Naaru, sagte das strahlende Wesen. Nenne mich K’ure!

Velens Lippen versuchten die Wörter zu bilden, und als er sie laut aussprach „Naaru… K’ure…“, schmeckte er ihre Süße, als ob das Aussprechen der Namen ihm einen Teil ihres Wesens verliehen hätten.

Hier beginnt alles, fuhr K’ure fort. Wir können es nicht aufhalten, weil deine Freunde einen freien Willen haben. Aber du hast mit einem schmerzenden Herzen darum gebetet, jene zu retten, die noch zu retten sind. Und deshalb werden wir tun, was in unserer Macht steht. Wir werden die von euch retten, deren Herzen dem Schrecken Sargeras‘ widerstehen.

Was muss ich tun? Wieder füllten sich Velens Augen mit Tränen, diesmal Tränen der Erleichterung, Tränen der Freude.

Versammle all die, die deiner Weisheit lauschen. Geh auf den höchsten Berg am längsten Tag des Jahres. Nimm den Ata’mal-Kristall mit, den wir euch vor langer, langer Zeit gegeben haben. So werden wir dich erneut finden. Wir kommen und nehmen euch mit.

Einen Moment flackerte Zweifel wie eine Schattenflamme in Velens Herz auf. Er hatte noch nie von Lichtwesen wie den Naaru gehört. Und auf einmal forderte ihn eines dieser Wesen auf, dieser K’ure, dass er das heiligste Objekt seines Volkes stehlen solle. Er behauptete sogar, dass sie es gewesen waren, die Naaru, die es den Eredar überhaupt gegeben hatten.

Vielleicht hatten Kil’jaeden und Archimonde ja recht.

Vielleicht war Velens Vision nicht mehr als ein Produkt seiner Angst.

Aber selbst als diese wirren Gedanken durch seinen Geist rauschten, wusste er, dass es nur die letzten Reste seines Wunsches waren, dass alles beim Alten blieb. So wie es gewesen war, bevor sich alles so schrecklich verändert hatte. Vor Sargeras.

Er wusste, was er zu tun hatte, und er neigte den Kopf vor dem herrlichen tanzenden Wesen aus Licht.

Der Erste, den Velen rief und dem er am meisten vertraute, war Talgath, ein alter Freund, der ihm bereits in der Vergangenheit geholfen hatte. Alle Hoffnung ruhte auf diesem Freund, denn er konnte unbeobachtet dahin gehen, wohin Velen nicht konnte. Talgath war zu Beginn skeptisch, aber nachdem Velen ihre Geister verschmolzen und ihm die dunklen Visionen gezeigt hatte, stimmte Talgath schnell zu. Velen erzählte ihm nichts von den Naaru und ihrem Hilfsangebot, weil er selbst nicht wusste, wie die Hilfe genau aussehen würde. Er versicherte Talgath nur, dass es einen Fluchtweg gab, um dem Schicksal, das er dem Freund gezeigt hatte, zu entgehen.

Der längste Tag des Jahres rückte näher. Während Archimonde und Kil’jaeden von Sargeras aufgesucht wurden, sandte Velen unter strengster Geheimhaltung an all jene seine Gedanken aus, denen er vollkommen vertraute. Andere wurden von Talgath rekrutiert. Danach sponn Velen ein feines magisches Netz über die beiden Verräter, die er einst für treue Freunde gehalten hatte. Es sollte verhindern, dass sie etwas von den hektischen Aktivitäten, die heimlich stattfanden, mitbekamen.

Mit verblüffender Geschwindigkeit und doch qualvoller Langsamkeit wurde das Netz vollendet. Als der Tag schließlich kam und sich die Eredar, die Velen ausgesucht hatte, auf der Spitze des höchsten Berges ihrer alten Welt versammelten, erkannte Velen, dass deren Zahl erschreckend gering war. Es waren gerade mal ein paar Hundert. Es waren diejenigen, denen Velen wahrlich traute. Er hatte nicht gewagt, mehr zu kontaktieren.

Erst vor Kurzem hatte Velen den Ata’mal-Kristall von seinem Platz entfernt. Er hatte die letzten Tage damit verbracht, eine Fälschung herzustellen, damit sein Fehlen nicht bemerkt wurde und kein Alarm ausgelöst wurde. Er hatte ihn mit äußerster Sorgfalt aus einem einfachen Stein geschnitzt und einen Schimmer darauf beschworen, damit er leuchtete. Aber er blieb tot, wenn man ihn berührte. Sobald jemand die Finger auf den Stein legte, würde der Diebstahl auffallen.

Den echten Ata’mal-Kristall hielt er nun nah an seinem Herzen, als er seine Leute beobachtete, wie sie den Berg hinaufstiegen, mit ihren starken Beinen und den festen Hufen. Viele waren schon da und schauten erwartungsvoll zu ihm auf. Die Frage lag in ihren Augen, wenn nicht auf ihren Lippen: Wie, so fragten sie sich, würden sie fliehen?

Das fragte sich auch Velen. Für einen Moment verzweifelte er, aber dann erinnerte er sich an das strahlende Wesen, das seine Gedanken mit den seinen verschmolzen hatte. Sie würden kommen. Er wusste es.

Aber jeder Moment, der ungenutzt verstrich, erhöhte die Gefahr der Entdeckung. Und viele waren noch nicht da, nicht einmal Talgath.

Restalaan, ein anderer alter und vertrauenswürdiger Freund, lächelte Velen an. „Sie werden bald hier sein“, sagte er beruhigend.

Velen nickte. Wahrscheinlich hatte Restalaan recht. Es gab keinerlei Anzeichen dafür, dass Kil’jaeden und Archimonde von seinem unglaublich gewagten Plan Wind bekommen hatten. Sie waren viel zu beschäftigt gewesen mit dem Gedanken an ihre zukünftige Macht.

Und trotzdem, trotzdem…

Derselbe Instinkt, der ihn davor gewarnt hatte, Sargeras zu trauen, meldete sich wieder. Irgendetwas stimmte nicht. Er bemerkte, wie er auf und ab lief.

Und plötzlich waren sie da.

Talgath und einige andere bewältigten den kleinen Anstieg, lachten und winkten. Velen entspannte sich. Er wollte ihnen gerade entgegengehen, als der Kristall, den er trug, einen machtvollen Stoß durch seinen Körper schickte. Seine blauen Finger umklammerten den Edelstein, und sein Geist öffnete sich der Warnung. Velens Knie zitterten, als die mentale Aura ihn schier überwältigte.

Sargeras hatte schon mit der Umsetzung seines Plans begonnen. Er hatte bereits angefangen, seine abscheuliche Legion zu erschaffen. Er hatte Eredar genommen, die dumm oder vertrauensselig genug gewesen waren, um Kil’jaeden und Archimonde zu glauben, und hatte sie in Man’ari verwandelt, wie Velen sie in seiner Vision gesehen hatte. Es waren bereits Tausende, von unterschiedlichster Art und mit unterschiedlichsten Fähigkeiten, die sich gerade außerhalb seiner Sichtweite befanden. Sie waren irgendwie getarnt. Wenn er nicht den Ata’mal-Kristall gehalten hätte, er hätte nichts bemerkt, bevor es zu spät gewesen wäre.

Und es konnte bereits zu spät sein.

Er schaute Talgath an und erkannte, dass die Verderbtheit von seinem alten Freund ebenso ausging wie von der Legion aus Monstern, die sich noch außerhalb seiner Sichtweite befand. Ein Gebet, das aus den Tiefen seiner verzweifelten Seele kam, durchfuhr seinen Geist:

K’ure! Hilf uns!

Da erschienen die Man’ari, kletterten den Berg hinauf. Sie spürten, dass sie entdeckt worden waren, und bewegten sich wie hungrige Jäger. Velen wusste, dass der Tod dem vorzuziehen war, was diese entstellten Eredar ihm antun würden. Velen ergriff den Ata’mal-Kristall und stieß ihn empor.

Als hätte sich der Himmel selbst geöffnet, erschien ein reiner Strahl hellen weißen Lichts. Seine Herrlichkeit schien direkt auf das kristallene Prisma, und vor Velens Augen spaltete sich das weiße Licht in sieben einzelne Strahlen von verschiedener Farbe. Schmerz durchzuckte Velen, als der Kristall zersplitterte. Die scharfen Kanten schnitten in seine Finger. Er schnappte nach Luft und ließ instinktiv den zersprungenen Kristall los. Dann jedoch beobachtete er verzückt, wie die Teile in der Luft schwebten. Jedes verwandelte sich in eine perfekte Kugel und nahm die sieben Farbschattierungen aus dem Licht an, das einst ein einziger Strahl rein weißen Lichts gewesen war. Die sieben Kristalle – rot, orange, gelb, grün, blau, indigo und violett – schossen nach oben und bildeten eine schützende Kuppel um die verängstigten Gestalten der versammelten Eredar.

In diesem Augenblick rannte Talgath mit hassverzerrtem Gesicht auf Velen zu. Doch er prallte gegen die Kuppel aus mehrfarbigem Licht wie gegen eine Wand aus Stein und stolperte zurück. Velen wirbelte herum und sah die Man’ari herankommen, knurrend und geifernd. Ihre Klauen tasteten über die Wand aus Licht, die Velen und seine Leute beschützte.

Ein tiefes Brummen durchdrang Velens Sinne, das er mehr fühlte als hörte. Er schaute nach oben, und an diesem Tag der Wunder sah er etwas, das selbst das Mysterium der sieben Steine des Lichts übertraf. Zunächst sah es aus wie ein herabsteigender Stern, so hell, dass Velen ihn nicht lange ansehen konnte. Als es näher kam, erkannte er eine feste Struktur, das Zentrum weich und rund wie die Kugeln, geschmückt mit herausragenden kristallenen Dreiecken. Velen weinte, als eine mentale Berührung seinen Geist erreichte:

Ich bin hier, wie versprochen. Bereite dich darauf vor, diese Welt zu verlassen, Prophet Velen.

Velen streckte die Arme nach oben, fast wie ein Kind, das von seinen liebenden Eltern in einer herzlichen Umarmung aufgenommen werden will. Die Kugel über ihm pulsierte, und dann fühlte Velen, wie er sanft in die Luft gehoben wurde. Er schwebte hoch und sah, dass die anderen ebenfalls zu diesem… Schiff schwebten. Zumindest hielt es Velen für ein Schiff, aber es vibrierte gleichzeitig auch wie eine lebende Substanz.

Mitten in seiner stillen Freude hörte Velen die Schreie der Man’ari, als ihre Beute zu entkommen drohte. Die Unterseite des Schiffs öffnete sich, und ein paar Sekunden später stand Velen auf festem Boden, wenn man ihn denn so nennen konnte. Er hockte sich hin und sah zu, wie der Rest seiner Leute in Sicherheit schwebte.

Als der Letzte angekommen war, erwartete Velen, dass sich die Bodenluke wieder schließen und das Schiff starten würde, dieses Schiff, das aus Metall bestand, das kein Metall war, Fleisch, das kein Fleisch war, und das Velen für die Essenz von K’ure hielt.

Stattdessen hörte er ein Flüstern in seinem Geist: Die Kristalle, wo einst einer war, sind nun sieben. Hol sie, denn du wirst sie brauchen.

Velen beugte sich über die Kante der Bodenöffnung und streckte die Hände aus. Mit erschreckendem Tempo schossen die sieben Kristalle auf ihn zu und schlugen so heftig in seine Handflächen, dass er nach Luft schnappte. Er sammelte sie ein, die unglaubliche Hitze, die sie ausstrahlten, ignorierend, und zog sich von der Bodenluke zurück. Sofort verschwand die Öffnung, als hätte sie nie existiert. Als er die sieben Kristalle umfasste, erstreckte sich sein Geist so weit, dass er befürchtete, ins Reich des Wahnsinns abzudriften. Scheinbar endlos schwankte er zwischen Hoffnung und Verzweiflung.

Hatten sie es geschafft? Waren sie entkommen?

Von seiner Position aus hatte Kil’jaeden einen unverdeckten Blick, als der Berg von seinen Sklaven gestürmt wurde. Für einen glorreichen Moment schmeckte er den Sieg, fast so süß wie der Hunger, den Sargeras in seinen Geist gepflanzt hatte. Talgath hatte seine Aufgabe bestens erledigt. Es war pures Glück gewesen, dass Velen im Augenblick des Angriffs den Kristall berührt hatte. Hätte er das nicht getan, sein Körper läge inzwischen am Boden, zu einer Handvoll Fleischstücke zerrissen.

Aber Velen hatte den Ata’mal-Kristall berührt, und er war gewarnt worden. Etwas war passiert – ein paar merkwürdige Lichter waren aufgetaucht und hatten den Verräter geschützt, irgendetwas hatte ihnen geholfen. Als Kil’jaeden aufsah, schimmerte das Schiff kurz und verschwand.

Er war entkommen! Verflucht sei er, verdammt! Velen war entkommen!

Die Man’ari waren nun voller Bestürzung und Enttäuschung. Er berührte all ihre Geister, doch sie wussten nichts. Was war das für ein Ding, das Velen unmittelbar vor Kil’jaedens Zugriff weggeschnappt hatte? Kil’jaeden schauderte. Sein Meister würde mit der Entwicklung nicht zufrieden sein.

„Was jetzt?“, fragte Archimonde.

Kil’jaeden drehte sich zu seinem Verbündeten um. „Wir werden sie finden“, knurrte er. „Wir finden sie und vernichten sie. Und wenn es tausend Jahre dauert.“

Eins

Mein Name ist Thrall.

Das Wort bedeutet in der menschlichen Sprache „Sklave“, und die Geschichte hinter dem Namen ist lang und soll ein anderes Mal erzählt werden. Durch die Gnade der Geister und das Blut der Helden, das durch meine Venen strömt, wurde ich Kriegshäuptling meines Volkes, den Orcs, und der Anführer einer Gruppe von Völkern, bekannt als die Horde. Wie es dazu kam, das ist ebenfalls eine andere Geschichte. Die Geschichte, die ich erzählen möchte, bevor die, die sie miterlebt haben, zu den ehrenwerten Ahnen entschwinden, ist die Geschichte meines Vaters und derer, die an ihn geglaubt haben, und derjenigen, die ihn und unser ganzes Volk verraten haben.

Was aus uns geworden wäre, hätten diese Ereignisse nicht stattgefunden, kann nicht einmal der weise Schamane Drek’Thar sagen. Die Wege des Schicksals sind oft merkwürdig, und kein gesundes Wesen sollte es je wagen, den vermeintlich angenehmeren Weg des „wenn nur“ einzuschlagen. Was passiert ist, ist passiert; mein Volk muss sowohl die Schmach als auch den Ruhm seiner Taten schultern.

Diese Geschichte handelt nicht von der Horde, wie wir sie heutzutage kennen, ein lockerer Verbund von Orcs, Tauren, Verlassenen, Trollen und Blutelfen, sondern vom Aufstieg der allerersten Horde. Ihre Geburt wurde wie bei jedem Kind durch Blut und Schmerz geprägt, und ihr rauer Ruf nach Leben bedeutete den Tod für ihre Feinde…

Für solch eine finstere und blutrünstige Geschichte beginnt sie sehr friedlich, mitten in den geschwungenen Hügeln und Tälern eines grünen Landes mit dem Namen Draenor…

Der Herzschlagrhythmus der Trommeln wiegte die jüngeren Orcs in den Schlaf, aber Durotan vom Frostwolfklan war hellwach. Er lag mit den anderen auf dem harten Waldboden im Schlafzelt, doch die großzügige Polsterung aus Stroh und einem dicken Spalthufpelz schützten ihn vor der Kälte der gefrorenen Erde. Trotzdem spürte er die Schwingungen der Trommeln durch den Boden. Seine Ohren wurden von ihrem Klang umschmeichelt. Wie gern wäre er dabei!

Durotan musste noch einen Sommer warten, bevor er am Om’riggor teilnehmen durfte, dem Ritus der Volljährigkeit. Bis zu diesem herbeigesehnten Fest musste er damit leben, mit den Kindern in das große Zelt abgeschoben zu werden, während die Erwachsenen um das Feuer saßen und über die Dinge sprachen, die zweifelsfrei geheimnisvoll und wichtig waren.

Er seufzte und wälzte sich auf dem Pelz. Es war nicht fair.

Die Orcs bekämpften sich nicht untereinander. Andererseits waren sie aber auch nicht sonderlich sozial eingestellt. Jeder Klan blieb unter sich, mit seinen Traditionen, Bräuchen, Eigenarten der Kleidung, Geschichten und Schamanen. Es gab sogar verschiedene Dialekte, die sich derart unterschieden, dass sich einige Orcs nicht miteinander unterhalten konnten, wenn sie sich nicht der Gemeinsamen Sprache bedienten. Sie wirkten fast so unterschiedlich wie die andere vernunftbegabte Rasse, die mit ihnen die Früchte von Wald, Feld und Flüssen teilte: die geheimnisvollen blauhäutigen Draenei. Nur zweimal im Jahr, im Frühjahr und Herbst, kamen die Klans zusammen, so wie sie es gerade taten, um die Zeit der Tag- und Nachtgleiche zu feiern.

Das Fest hatte am letzten Abend bei Mondaufgang begonnen. Allerdings hielten sich die Orcs bereits seit einigen Tagen an diesem Ort auf. Das Kosh’harg-Fest wurde seit Ewigkeiten auf dem heiligen Boden im Land, das die Orcs Nagrand nannten – „Land der Winde“ gefeiert, das im schützenden Schatten des „Geisterbergs“, des Oshu’gun lag. Obwohl rituelle Kämpfe nicht unüblich waren während des Festes, hatte es sonst nie Ärger oder Gewalttätigkeiten gegeben. Wenn sich die Gemüter erhitzten, wie es manchmal geschah, hielten die Schamanen die beteiligten Parteien dazu an, ihre Konflikte friedlich zu lösen, oder sie hatten den heiligen Bereich zu verlassen.

Das Land der Gegend war saftig, fruchtbar und wirkte auf die Orcs beruhigend. Durotan fragte sich manchmal, ob das so war, weil die Orcs hier Frieden hielten, oder ob die Orcs friedlich waren, weil das Land sie dazu brachte. Er fragte sich oft solche Dinge und behielt sie stets für sich, weil nie jemand anderes solche Ideen äußerte.

Durotan seufzte still, seine Gedanken rasten, sein Herz schlug im antwortenden Rhythmus zu den Trommeln draußen. Die letzte Nacht war wundervoll gewesen, hatte Durotans Seele aufgewühlt. Als die Bleiche Dame in ihrer abnehmenden Phase hinter den Bäumen erschien, dabei immer noch hell genug, dass ihr mächtiges Licht auf dem weißen Schnee reflektiert wurde, erhob sich ein Gesang, in den jeder der tausend Orcs, die sich hier aufhielten, einstimmte: Großeltern, Krieger auf dem Höhepunkt ihrer Kraft, selbst Kinder, die auf dem starken Arm ihrer Mutter lagen. Die Wölfe, die sowohl Gefährten als auch Reittiere waren, beteiligten sich mit freudigem Geheul daran. Der Klang war durch Durotans Adern pulsiert, wie es das Trommeln an diesem Abend tat. Ein tiefer ursprünglicher Ruf des Grußes an das weiße Rund, das den Nachthimmel beherrschte. Durotan hatte sich umgeschaut und ein Meer machtvoller Wesen entdeckt, die ihre braunen Hände dem silbrigen Lichtglanz der Bleichen Dame entgegenstreckten. Wenn ein Oger dumm genug gewesen wäre anzugreifen, er wäre in wenigen Herzschlägen unter den Waffen der im Geiste vereinten Krieger gefallen.

Dann hatte das Fest begonnen. Dutzende Tiere waren vorher geschlachtet worden, bevor der Winter gekommen war. Man hatte sie getrocknet und in Vorbereitung auf das Fest geräuchert. Freudenfeuer wurden entfacht, deren warmes Licht sich mit dem entrückten weißen Glühen der Dame mischte. Dann hatte das Trommeln begonnen und seitdem nicht mehr aufgehört.

Auch Durotan durfte aufbleiben, bis alle gegessen hatten, wie alle anderen Kinder auch. Auf seinem Fell liegend schnaubte er herablassend über diesen Begriff. Dann waren die Schamanen losgezogen. Sobald die Eröffnungsfeier vorbei war, begab sich der Schamane jedes Klans auf den Oshu’gun, der über das Fest wachte. Dort betrat er die Höhlen, geleitet von den Geistern und den Ahnen.

Der Oshu’gun war selbst aus der Entfernung beeindruckend. Anders als andere Berge, die unregelmäßig und rau in ihrer Gestalt waren, erhob sich der Oshu’gun glatt und wohlgeformt wie eine Speerspitze. Er sah aus wie ein riesiger Kristall, der in die Erde gerammt worden war, so klar waren seine Linien und so hell glitzerte er im Sonnen- und Mondlicht. Einige Legenden erzählten, dass er vor hunderten von Jahren vom Himmel gefallen wäre. So etwas war so ungewöhnlich, überlegte Durotan, dass die Geschichten vielleicht stimmen konnten.

Obwohl der Oshu’gun sicherlich interessant war, hatte Durotan es immer für ein wenig ungerecht gehalten, dass die Schamanen dort die ganze Zeit des Kosh’harg-Festes verbringen mussten. So verpassten sie doch den ganzen Spaß. Aber das, so dachte er wiederum, galt ebenfalls für die Kinder.

Am Tag fanden die Jagden und Spiele statt, und es wurden Geschichten von den Heldentaten der Ahnen erzählt. Jeder Klan hatte eigene Sagen, und so bekam Durotan neben den Geschichten, die er bereits kannte, neue und aufregende Abenteuer zu hören.

So unterhaltsam das auch war und so sehr Durotan es auch mochte, er brannte doch darauf zu wissen, was die Erwachsenen beredeten, wenn die Kinder in ihrem Zelt schlummerten. Wenn sie ihre Körper streckten, voll gutem Essen und nachdem sie eine Pfeife geraucht und mehrere Bier getrunken hatten.

Er konnte es nicht länger aushalten. Leise stand Durotan auf, seine Ohren achteten auf jeden Laut, der anzeigte, ob noch jemand wach war. Er hörte nichts, und nach einer langen Minute bewegte er sich vorsichtig in Richtung Ausgang.

Es war ein langer Weg, und er kam in dem dunklen Zelt nur langsam voran. Schlafende Kinder aller Altersgruppen und Größen waren im ganzen Zelt verteilt. Sein Herz raste. Durotan stieg achtsam zwischen die kaum sichtbaren Körper und bewegte seine großen Füße mit der Eleganz des langbeinigen Sumpfvogels.

Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis Durotan schließlich den Ausgang erreichte. Er blieb stehen, versuchte seinen Atem zu beruhigen, streckte seine Arme aus und…

Er berührte einen großen, weichen Körper, der direkt neben ihm stand. Er riss seine Hand mit einem überraschten Zischen zurück.

„Was machst du hier?“, flüstere Durotan.

„Was machst du hier?“, fragte der andere Orc zurück.

Auf einmal musste Durotan grinsen, weil sie sich so dumm benahmen.

„Dasselbe wie du auch“, antwortete er, seine Stimme immer noch dämpfend. Die anderen waren offenbar noch nicht aufgewacht. „Wir können hier bleiben und weiter darüber reden oder es einfach tun.“

Durotan konnte anhand des Körpers, der vor ihm stand, erkennen, dass der Orc groß und männlich war, vielleicht in seinem Alter. Weder Geruch noch Stimme ließen sich einordnen, also war es niemand vom Frostwolfklan. Es war ein gewagter Gedanke. Nicht nur, dass er etwas so Verbotenes tat, wie das Schlafzelt ohne Erlaubnis zu verlassen, sondern das auch noch in Begleitung eines Orcs, der nicht von seinem Klan war.

Der andere Orc zögerte; ohne Zweifel gingen ihm dieselben Gedanken durch den Kopf. „Gut“, sagte er schließlich. „Machen wir‘s.“

Durotan streckte die Hände wieder aus, und er schob den Zeltvorhang beiseite. Dann kletterten die beiden jungen Orcs hinaus in die frostige Nacht.

Durotan drehte sich um, um seinen Begleiter anzusehen. Der andere Orc war muskulöser und ein wenig größer als er. Durotan war der Größte seines Alters in seinem Klan und nicht gewohnt, dass ihn andere überragten. Es war ein wenig beunruhigend. Als sein Gegenüber auch ihn anschaute, fühlte sich Durotan gemustert. Der andere nickte, offensichtlich zufrieden mit dem, was er sah.

Sie wagten nicht zu sprechen. Durotan zeigte auf einen nahe stehenden großen Baum, und leise liefen beide hinüber. Einen Moment, der sich für die beiden viel länger hinzog, waren beide ohne Deckung. Jeder Erwachsene, der seinen Kopf gedreht hätte, hätte sie gesehen. Aber es geschah nichts. Durotan war dennoch überzeugt davon, dass er so deutlich zu sehen war, als wäre helllichter Tag, so hell war das Mondlicht, das auf die weiße Fläche schien. Und sicher war das Knarzen des Schnees unter ihren Füßen so laut wie das Gebrüll eines wütenden Ogers.

Trotzdem erreichten sie schließlich den Baum und sanken dahinter zu Boden. Durotan stieß eine kleine Wolke aus, als er schließlich ausatmete. Der andere Orc drehte sich zu ihm um und grinste.

„Ich bin Orgrim aus der Familie von Telkar Schicksalshammer, vom Schwarzfelsklan“, flüsterte der Junge stolz.

Durotan war beeindruckt. Obwohl die Schicksalshammer-Familie nicht die des Häuptlings war, war sie bekannt und geachtet.

„Ich bin Durotan, aus der Familie von Garad vom Frostwolfklan“, antwortete Durotan. Daraufhin war es an Orgrim, darauf zu reagieren, dass er neben dem Erben eines anderen Klans saß. Und er tat es auch, indem er zufrieden nickte.

Einen Moment lang saßen sie einfach nur da und genossen den Ruhm ihrer Tat. Dann spürte Durotan, wie Kälte und Nässe durch seinen dicken Umhang drangen, und stand auf. Wieder zeigte er auf die Lichtung, und Orgrim nickte erneut. Sie linsten vorsichtig um den Baum und lauschten angespannt. Endlich würden sie von den Geheimnissen hören, die sie so interessierten. Über das Prasseln des Feuers und das tiefe, kontinuierliche Schlagen der Trommeln drangen Stimmen zu ihnen herüber.

„Die Schamanen haben diesen Winter schwer mit dem Fieber zu schaffen“, sagte Garad, Durotans Vater. Er griff nach unten und streichelte einen großen weißen Wolf, der am Feuer schlief. Das Tier, dessen weißer Pelz es als Frostwolf kennzeichnete, machte ein sanftes Geräusch des Wohlbehagens. „Sobald eins der Kinder gesund wird, wird das nächste krank.“

„Ich wünsche mir auch den Frühling herbei“, sagte ein anderer, stand auf und warf Holz aufs Feuer. „Mit den Tieren ist es auch nicht leicht. Als wir uns auf das Fest vorbereitet haben, hatten wir Schwierigkeiten, Spalthufe zu finden.“

„Klaga macht eine leckere Suppe aus den Knochen, aber sie weigert sich, uns zu verraten, welche Kräuter sie hineingibt“, sagte ein dritter und schaute eine Frau an, die ein Baby säugte.

Die Frau, offensichtlich Klaga, lachte. „Die Einzige, die dieses Rezept bekommt, ist die Kleine hier, wenn sie das richtige Alter hat.“

Durotans Mund stand offen. Er drehte den Kopf und schaute Orgrim an, der einen ähnlichen Ausdruck der Bestürzung zeigte.

Das war also so wichtig, so geheim, dass den Kindern verboten wurde, das Zelt zu verlassen, um zuzuhören? Gerede über Fieber und Suppen?

Im hellen Mondlicht konnte Durotan Orgrims Gesicht gut erkennen. Die Augenbrauen des anderen waren zu einem Runzeln zusammengezogen.

„Du und ich können etwas Interessanteres machen als das, Durotan“, sagte er mit ruhiger, rauer Stimme,

Durotan grinste und nickte. Davon war er überzeugt.

Das Fest dauerte zwei weitere Tage. Während der Tage und der Nächte, wenn sich die beiden jungen Orcs gemeinsam davonschlichen, forderten sie sich gegenseitig zu immer neuen Wettbewerben heraus. Laufen, Klettern, Kraft, Gleichgewicht, alles, was ihnen einfiel. Und jeder schlug abwechselnd den anderen, als hätten sie es so geplant.

Als Orgrim am letzten Tag laut den Ausgang des letzten Wettbewerbs verkündete, der in einem Unentschieden geendet hatte, drängte etwas Durotan dazu, das Wort zu ergreifen.

„Lass uns als Nächstes mal keinen normalen Wettbewerb bestreiten“, sagte er und fragte sich gleichzeitig, wie er auf diese Idee kam. „Wir sollten mal etwas tun, das einzigartig in der Geschichte unseres Volkes ist.“

Orgrims helle graue Augen leuchteten, als er sich zu dem anderen Orc vorbeugte. „Was schlägst du vor?“

„Lass uns beide Freunde werden.“

Vor Verblüffung stand Orgrim der Mund offen. „Aber… wir sind nicht vom selben Klan!“, sagte er in einem Tonfall, als hätte Durotan von einer Freundschaft zwischen dem großen schwarzen Wolf und einem Talbuk gesprochen.

Durotan winkte ab. „Wir sind keine Feinde“, sagte er. „Schau dich um. Die Klans treffen sich zweimal im Jahr, und es gibt keinen Streit.“

„Aber… mein Vater sagt, es ist so, weil wir nur so selten zusammenkommen“, entgegnete Orgrim und zog misstrauisch die Augenbrauen zusammen.

Enttäuschung schwang in Durotans Worten mit, als er antwortete: „Nun gut, ich habe gedacht, du wärst tapferer als die anderen, Orgrim aus der Schicksalshammer-Familie. Aber du bist auch nicht besser. Ängstlich, schüchtern und unwillig, über das hinauszublicken, was schon immer getan wurde, anstatt das zu machen, was möglich ist.

Die Worte kamen direkt aus seinem Herzen, aber hätte Durotan sie einstudiert, hätte er sie nicht überzeugender vorbringen können.

Orgrims braunes Gesicht lief dunkel an, und er riss die Augen weit auf. „Ich bin kein Feigling!“, stieß er wütend hervor. „Ich kneife vor keinem Wettbewerb, du Möchtegern-Frostwolf.“

Dann warf er sich auf Durotan, schlug den kleineren Orc nieder, und sie balgten sich, sodass die Schamanen kommen mussten, um ihre Wunden zu versorgen und den beiden einen Vortrag über unangebrachtes Verhalten auf heiligem Boden zu halten.

„Ungestümer Junge!“, schimpfte der Hauptschamane der Frostwölfe, ein alter weiblicher Orc, den sie Mutter Kashur nannten. „Du bist noch nicht zu alt, um wie ein ungehorsames Kind geschlagen zu werden, Durotan!“

Der Schamane, der Orgrim behandelte, sprach ähnliche Worte. Aber selbst während ihm das Blut aus der Nase lief und er dem Schamanen zusah, wie er eine klaffende Wunde an Orgrims Oberkörper versorgte, grinste Durotan. Und Orgrim fing seinen Blick auf und grinste zurück.

Der Wettbewerb hatte begonnen, der finale Test, so viel wichtiger als Rennen oder Steinewerfen, und keiner war gewillt, seine Niederlage einzugestehen, indem er zugab, dass die Freundschaft zwischen zwei Jungen aus unterschiedlichen Klans falsch war. Durotan hatte den Eindruck, dass dieser spezielle Wettbewerb erst enden würde, wenn einer von beiden tot war und vielleicht nicht einmal dann.

Zwei

Ich erinnere mich daran, wie wir das erste Mal auf die Tauren trafen. Ich erinnere mich an Cairne Bluthufs dunkle Stimme und sein ruhiges Gesicht. Ich erinnere mich, auf dem Boden gesessen zu haben, in einem Zelt, das in Windeseile abgerissen und wieder aufgebaut werden konnte, und dass ich mich dort seltsamerweise zu Hause fühlte. Wir rauchten Pfeife, teilten Essen und Trinken und redeten. Anfangs wirkten die Tauren wie Tiere auf mich. Aber sie waren voller Weisheit und Humor. Und als die erste Runde der Verhandlungen vorbei war, wusste ich, dass die Orcs in diesen Halbrindern einen ihrer wenigen Verbündeten gefunden hatten.

Es war Nacht geworden, während wir sprachen, eine sanfte Nacht, die zu diesem schönen Land passte. Wir verließen das Zelt und schauten empor zu den Sternen, die zu zahlreich waren, um sie zu zählen. Der Wind strich sanft über unsere Gesichter. Ich wandte mich Drek’Thar zu, um ihn um Rat zu fragen. Zu meinem Erstaunen sah ich Tränen in seinem Gesicht, die im Mondlicht glitzerten.

„So waren auch wir einst, mein Häuptling“, sagte er mit gebrochener Stimme. Er hob die Arme, warf den Kopf in den Nacken und rief, während ihn der Wind umarmte und die Tränen auf seinem grünen Gesicht trocknete: „Verbunden mit der Erde, verbunden mit den Geistern. Stark auf der Jagd, gut zu unseren Kindern. Wir kannten unseren Platz in der Welt und achteten das Gleichgewicht von Geben und Nehmen. Die einzige Magie, die die Tauren praktizieren, ist die gute, die saubere Magie der Erde, und das sieht man dem Land an, so wie man Draenor einst ansah, wie sehr wir mit unserem Land verbunden waren.“

Ich dachte an die Bitte der Tauren, sie im Kampf gegen die bösen Zentauren zu unterstützen.

„Ja, ich fühle mit ihnen“, sagte ich. „Und es ist gut, wenn wir ihnen helfen können.“

Drek’Thar lachte, richtete seine blinden Augen auf mich und sah dabei mehr als jemand mit gesunden Augen. „Oh mein junger Thrall“, sagte er und lachte erneut, „du verstehst es noch nicht: Sie helfen uns.“

Durotan rannte so schnell er konnte mit seinen kraftvollen jungen Beinen. Er atmete hastig, Schweiß lief über seine rötlich-braune Haut, aber er zwang sich selbst, immer weiter zu rennen. Es war Sommer, und seine großen, breiten Füße waren nackt. Das Gras darunter war weich, und gelegentlich zertrat er eine grell-purpurne Blüte der Dassanblume. Der Geruch der zertretenen Pflanze, die als altes Heilmittel galt, stieg auf wie ein Segen und spornte ihn noch an, immer weiter und schneller zu laufen.

Er erreichte den Wald von Terokkar und drang in seine kühle graugrüne Tiefe ein. Er musste auf die Schlingwurzeln der edlen Bäume achten, um nicht darüber zu stolpern, und verlangsamte deshalb sein Tempo. Sanfte Lichter glühten im grünen Herzen dieses Forsts, und die Ruhe, die er ausstrahlte, stand im scharfen Kontrast zu Durotans Siegeswillen. Er lief wieder schneller, sprang über umgefallene Baumstämme, die mit Moos bedeckt waren, duckte sich unter Ästen mit der Eleganz eines Talbuks. Sein schwarzes Haar, lang und dick, flatterte hinter ihm her. Seine Lungen brannten, und seine Beine flehten ihn an aufzuhören, aber er biss die Zähne zusammen und ignorierte die Bitten seines Körpers. Er war ein Frostwolf, der Sohn des Klanhäuptlings, und kein Schwarzfels würde ihn…

Durotan hörte den Kriegsruf hinter sich, und sein Herz sank. Orgrims Stimme wurde so wie die von Durotan derzeit immer noch tiefer, bis sie irgendwann zu dem dunklen Grollen eines Erwachsenen werden würde, und Durotan musste zugeben, dass sie bereits recht beeindruckend klang. Er wollte seine Beine zwingen, sich noch schneller zu bewegen, aber sie waren so steif und schwer, als wären sie aus Stein. Bestürzt sah er aus dem Augenwinkel heraus, wie Orgrim in Sichtweite kam und dann, mit einem restlichen Energieschub, an ihm vorbeirannte.

Der Schwarzfels-Orc streckte seinen Arm aus, sprang nach vorn und berührte den vereinbarten Baumstumpf knapp vor Durotan. Orgrim lief noch ein Stück weiter, weil seine kraftvollen Beine, einmal in Bewegung, nicht so schnell stoppen konnten. Durotans Füße kannten diese Probleme nicht, der Erbe des Frostwolfklans fiel vornüber und konnte sich nicht mehr abfangen. Dann lag er mit dem Gesicht in der kühlen moosigen Erde und schnappte nach Luft. Er wusste, dass er hätte aufstehen müssen, um Orgrim erneut herauszufordern. Aber er war zu erschöpft, um irgendetwas anderes zu tun, als auf dem Waldboden zu liegen und sich zu erholen.

Neben sich hörte er, wie Orgrim dasselbe tat, und dann rollte der junge Orc auf seinen Rücken und begann zu lachen. Durotan fiel mit ein. Die Vögel und kleinen Tiere, die den Wald von Terokkar bewohnten, verhielten sich ganz still, während zwei Orcs fröhlich und laut herumalberten. Durotan dachte, während sich seine Lippen hinter den sich noch ausbildenden Hauern verzogen, dass das Gebrüll wahrscheinlich mehr wie der grimmige Kriegsschrei klang, mit dem eine Jagd angekündigt wurde.

„Ha!“, grunzte Orgrim, setzte sich auf und knuffte Durotan spielerisch. „Es ist zu einfach, ein Bürschchen wie dich zu schlagen.“

„Du hast so viele Muskeln, dass dein Hirn völlig verkümmert sein muss“, antwortete Durotan. „Können ist wichtiger als Kraft. Aber der Schwarzfelsklan hat davon natürlich keine Ahnung.“

In ihren Sticheleien lag keine Bosheit. Die Klans waren zuerst besorgt gewesen über die Freundschaft der beiden Jungen. Aber Durotans trotziges Argument, dass nur, weil etwas noch nie getan worden war, es nicht doch trotzdem getan werden konnte, hatte die Anführer beider Klans tief beeindruckt. Dabei half, dass die Frostwölfe und die Schwarzfelsen traditionell vom selben Temperament waren. Hätte Durotan eine solche Freundschaft mit einem Mitglied des Kriegshymnenklans oder den Knochenmalmern angestrebt, die für ihren enormen Stolz und das Misstrauen anderen gegenüber bekannt waren, wäre die kleine Flamme der Freundschaft sicherlich früh erloschen. So aber schauten die Älteren zu und warteten darauf, dass der Reiz des Neuen abstarb und jeder der Jungen wieder an seinen alten Platz zurückkehrte. Womit die Familienordnung wieder hergestellt wäre, die es gab, solange sich irgendjemand erinnern konnte.

Doch sie wurden enttäuscht.

Der Frost des letzten Winters war dem Frühling gewichen, mittlerweile herrschte die Wärme des Sommers, und ihre Freundschaft bestand noch immer. Durotan wusste, dass sie beobachtet wurden, aber solange sich niemand einmischte, störte er sich nicht daran.

Durotan schloss die Augen und ließ seine Finger über das Moos streifen. Der Schamane sagte, dass alle Dinge Leben enthielten, Kraft und einen Geist. Sie waren tief durchdrungen von den Geistern der Elemente Erde, Luft, Feuer und Wasser und dem Geist der Wildnis. Angeblich konnten die Schamanen die Lebenskraft in der Erde und auch in totem Stein erkennen. Alles, was Durotan fühlte, war die leicht feuchte Kühle des Mooses und der Erde unter seinen Händen.

Doch die Erde zitterte!