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Der Roman entführt in die Welt der Beduinen, wie sie nur Insider kennen. Er bietet mehr als eine ungewöhnliche Reise voller Abenteuer. In die Schilderung einer fremden Kultur ist eine romantische und erotische Liebesgeschichte verwoben. Das Dasein in der Natur gewährt überraschende Erkenntnisse, die das praktische Leben und das spirituelle Wachstum betreffen. Die Protagonisten sind durch ihr jeweilige Herkunft geprägt. Durch die Sichtweise des anderen tritt die eigene unbewusste Persönlichkeit hervor, und scheinbare Gegensätze erweisen sich als Einheit. Die Vermählung wird vollzogen.
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Seitenzahl: 378
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Ute-Maria Graupner
Wüste als Mahal
Gegensätze werden zu eins
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
KLAPPENTEXT
KOMMENTARE
Die Autorin
PROLOG
DAS ERSTE MAL
ÜBERRASCHUNG unerwarteter Gefühle
Einfach-Sein, eine andere Art zu leben
ES WAR EINMAL, und es ist noch
das zeichen ist ein Schlange
BESONDERS SPORTLICH UND REINLICH,
DIE WOLFSFRAU und der Wolf
GEFAHREN EINER ANDEREN KULTUR werden gemeistert
LIEBE als Zuhause
DER REGEN in der Wüste
GEGENSÄTZE, die sich nicht nur anziehen
NOCH mehr Fremdes und Vertrautes
VARIATIONEN der Hingabe
DIE SPRACHE DER AUGEN, nicht nur bei den Menschen
ALLES GANZ NORMAL, wie immer
SCHLANGENBEWEGUNGEN und deren Folgen
VERLOREN geglaubt
PRÜFUNGEN für Beduinen und Europäer
EINSICHT und Entschuldigung
ZWEIFEL werden zerstreut
DAS WESENTLICHE, was im Leben zählt
DIE FAMILIE und ihr Alltag
Das VIERTE WUNDER, passiert es doch?
MITGEFÜHL in der Fremde
ÜBERWINDBARE GEGENSÄTZE, das eigentliche Wunder
NACHWORT
Impressum neobooks
Der Roman entführt in die Welt der Beduinen, wie sie nur Insider kennen. Er bietet mehr als eine ungewöhnliche Reise voller Abenteuer. In die Schilderung einer fremden Kultur ist eine romantische und erotische Liebesgeschichte verwoben. Das Dasein in der Natur gewährt überraschende Erkenntnisse, die das praktische Leben und das spirituelle Wachstum betreffen. Die Protagonisten sind durch ihr jeweilige Herkunft geprägt. Durch die Sichtweise des anderen tritt die eigene unbewusste Persönlichkeit hervor, und scheinbare Gegensätze erweisen sich als Einheit. Die Vermählung wird vollzogen.
„Die Hauptperson Esthes hat zunächst einmal meine ungeteilte Bewunderung, was die Selbständigkeit dieser Figur angeht und ihren existenziellen Mut, sich dieser für sie zunächst ganz konträren Umgebung auszusetzen und sich immer wieder in ihren Werten und Grundüberzeugungen in Frage stellen zu lassen. Das im Roman entstehende Lebensbild der Beduinen-Kultur ist sehr interessant und man erfährt viel Wissenswertes wie im Vorübergehen.
Sehr gut gefällt mir die offene, aber nie voyeuristische oder gar schwülstige Darstellung von Sexualität im Roman. Es zeigt sich bald, dass es nicht seelenloser Sex ist, um den es hier geht, sondern im besten Sinne um Erotik als Ausdruck und Basis existenzieller Beziehung. Das Motiv einer Verbindung aus Hingabefähigkeit und Machtverzicht der Hauptfigur fesselt durch seinen moralischen Anspruch, der sich umso schöner immer wieder mit der körperlich-seelischen Ebene eint. Am Ende spürt man einen Ausblick auf eine Art von Ekstase, die dadurch entsteht, dass man sich bewusst in die völlige Abhängigkeit von jemand anderem begibt - ein sehr spannendes Motiv.
Die stärksten Momente des Romans liegen für mich gegen Schluss, wo der Unterschied von Verliebt-Sein und Liebe auftaucht, wo das Wort "Ich liebe Dich" als etwas Heiliges bezeichnet wird, wo die Perspektive auftritt, dass gerade die Bedingungslosigkeit einer Beziehung stärker und intensiver sein kann als eine konventionelle Partnerschaft.
All dies sind Fragen und Motive, bei denen dann - nach meinem Gefühl - eigentlich auch der jeweils prägende kulturelle Gegensatz der Protagonisten in den Hintergrund tritt und ich oft den Eindruck hatte: das ist jetzt "klassisch" die Mann/Frau-Thematik, das hat mit kulturellen Prägungen kaum noch etwas zu tun.“
Jens Heisterkamp, Redakteur info3-Anthroposophie im Dialog
„Erfrischend, ereignisreich, lebendig und voller Liebe für die Wüste geschrieben.“
Michael Heise, Autor und Begründer von peraspera.
„Man merkt, dass da jemand aus Erfahrung spricht, neben der rein menschlichen Beziehungsgeschichte, die ich eigentlich fast immer spannend finde, wenn sie ein gewisses Maß an Zündstoff enthält (und diese Geschichte enthält viel Zündstoff) – neben dieser Geschichte also ist es einfach interessant, quasi von innen heraus einen Blick auf Gesellschaft und Leben der Beduinen zu werfen. Ich habe den Eindruck, die Autorin ist tief genug eingedrungen, um europäischen Leserinnen und Lesern wirklich ein anschauliches, wohl zutreffendes Bild zu vermitteln. Und gleichzeitig ist es eine Europäerin, die dann das, was sie erlebt und kennen gelernt hat, einem europäischen Publikum vermitteln kann. Fremdheit und Vertrautheit ziehen sich gleichermaßen durch. Dabei fungieren die Reiseteilnehmerinnen als Prototypen der ahnungslosen Leser; durch ihre Fragen und Verhaltensweisen wird die Fremdheit, die man wohl beim ersten Kontakt mit einer so andersartigen Kultur empfindet, auch im Buch dargestellt...“
Tillmann Haberer, Autor und evangelischer Pfarrer.
Von Ute-Maria Graupner erschienen in italienischer Sprache im April 2011 die Anthologie „Storie impertinenti“, Edizioni Duca della Corgna, Castiglione del Lago, und der Kurzgeschichtenband „Wie immer“. Die Autorin bereist die Sahara seit vielen Jahren und konnte dort Land und Leute studieren.
Der Ort des Geschehens ist die Wüste. Sie ist ein Ort der Freiheit, der Mystik und der Sinnlichkeit. Sie scheint zu verzaubern. Da das Leben dort in einer ursprünglichen und einfachen Weise erfahren wird, fördert sie Erkenntnisse, die in der Zivilisation nicht möglich wären. Gegensätze werden überwunden und bilden neue Einheiten.
So finden die zwei Protagonisten zueinander, trotz völlig konträren Lebensweisen, unterschiedlichen Gewohnheiten und ihren für den anderen fremden Religionen. Ihre erotischen Erlebnisse sind ebenfalls durch gegenläufige Traditionen geprägt und repräsentieren die Vereinigung der Gegensätze von Weib und Mann.
Die Namen der Hauptfiguren weisen auf charakterliche Merkmale hin. Der arabische Name Omar bedeutet Vertrauter, der Höchste oder auch der Erstgeborene. Esthes leitet sich von dem Namen Isis ab, der ägyptischen Schutzgöttin der Mütter, Frauen und Toten, sowie für das Gelingen einer Geburt.
Die ursprüngliche Bedeutung des deutschen Wortes, Vermählung, bezieht sich auf den Einigungsprozess zweier Sippen, deren Kinder eine Ehe schließen wollten. Er findet seinen Abschluss in einem gemeinsamen Treffen der beteiligten Familien. Das geschlossene Bündnis und den Ort dieses Treffens nennt man Mahal. Der Begriff Vermählung ist nicht als das Happy End einer Liebesgeschichte zu verstehen, sondern als das Ergebnis eines Prozesses. Es symbolisiert das Glück und die Freiheit eines Menschen, dem eine Verbindung von Gegensätzen gelingt.
Die Traditionen der Beduinen, ihre Lebensweise in der Wüste, ihre Mentalität und ihre Weltsicht werden aus der Sicht einer Fremden beschrieben, die sich dort zu Hause fühlt.
Der Leser wird in einer einfachen Sprache mit Gefühlen konfrontiert, die er auch in sich wiederfinden kann. Er setzt sich einer Faszination für das Wesentliche aus, das in einem bescheidenen Dasein zutage kommt. Durch philosophische Gedanken, Betrachtungen zu Sexualität und durch Einblicke in Lebenseinstellungen eines anderen Kulturkreises wird er zum Nachdenken angeregt. Er nimmt teil an der Sinnlichkeit des Seins und taucht ein in das Leben der Wüste.
Der drahtige Bursche bleibt zwischen Sandhügeln stehen. Bevor die Dunkelheit der Nacht alles in sich verschlingt, erscheinen sie wie gezackte Rücken von Dinosauriern. Ibrahim reckt sein Ohr in die Richtung, aus der er die grunzenden Laute der Dromedarstuten hört, so wie sie es schon seit Tausenden von Jahren Chameliers getan haben. Eindeutig - die Urlaute klingen nach brunftigen Kühen.
Einen halben Mond lang schon starrt der Sohn des alten Nadirs allein in die züngelnden Flammen seines nächtlichen Lagerfeuers, und da draußen fällt nur sein letzter Blick des Tages auf das Gewimmel der Sterne. Bereits seit zwei Wochen hat er den Brotteig allein geknetet, bloß für sich Holz zu Glut werden lassen und einsam den Fladen im heißen Sand gebacken. Außer zu den wenigen Gesprächen über Handy hatte er mit keinem Menschen ein Wort gewechselt. Vierzehn Tage schon hält der Tierhüter Ausschau nach Spuren im Sand, die sich immer wieder im gelben Gekräusel verlieren und lauscht auf das, was er endlich vernehmen kann.
Diese kleine Gruppe Kamelweibchen - zusammen mit den Jungtieren mögen es vielleicht sechs oder sieben Tiere sein - war in der Zeit seiner Suche einfach nicht auszumachen. Dabei ist er verantwortlich für die wild lebenden Dromedare von Ali, Omar und Brahim. In guten Zeiten sind das bis zu 25 Tiere.
Das Terrain, auf dem er nach den Kamelen der Leute aus seinem Dorf Ausschau hält, reicht von Ain Kaspar, der Wasserstelle mit den letzten Schilfpflanzen, die er je in der Wüste gesehen hat, bis zu den hohen Dünen im Westen, den Vorläufern des Grand Erg. Sein Arbeitsbereich ist nicht größer als das von Selim, Hamed und Nasser, seinen Freunden, die ihre Regionen ebenso nach frei lebenden Stuten und Jungtieren absuchen.
Dreimal hat er schon sein graues Handy, das mit einer Plastikhaube gegen den feinen Sand geschützt ist, benutzt. Er hat Rajid gefragt, ob Selim, Hamed oder Nasser die fehlenden Dromedarstuten gesehen hat. Rajid, der am alten Brunnen, dem vereinbarten Treffpunkt der Chameliers 1) auf erlösende Antwort wartet, erklärte jedes Mal, bei Allah, ich habe noch nichts gehört.
1) Chamelier frz. Kameltreiber, Kamelführer, Dromedarhüter,
Als Ibrahim Ben Nadir vor einem Monat kontrollierte, ob alle weiblichen und jungen Tiere gesund sind, ist die kleine Herde etwa fünf Tage Fußmarsch von hier entfernt gewesen. Ihren
üblichen Marschtempo nach zu schließen, hätte er sie jetzt weiter westlich von seinem damaligen Standpunkt aus treffen müssen. Doch da sind weder sie noch Spuren von ihnen. In diesem Jahr ist der Regen ausgeblieben und somit gibt es weniger Grün in der gelben Landschaft. Die Route der Tiere in freier Wildbahn lässt sich schlechter einschätzen als gewöhnlich.
Der Hirte bleibt stehen. Er presst seine Augen zusammen, nimmt die Silhouette großer Körper am Horizont wahr. Langsam schreitet er auf die dunklen Flecken zu. Köpfe an langen gebogenen Hälse recken sich in seine Richtung. Chrrr! Der Nomade öffnet den Reißverschluss der Jacke. In dem Anorak mit der abgeblätterten Werbung für eine Skischule in den französischen Alpen kramt er nach Zigaretten. Wieder bleibt er stehen. Diesmal, um sich eine anzuzünden. Den linken Fuß legt er auf den rechten Oberschenkel ab. Einbeinig lehnt er sich gegen seinen selbst geschnitzten Stock. Er beobachtet, wie die Stuten ihre Köpfe wieder senken. Außer für erfahrene Tierhüter, wie Ibrahim, ist für niemanden die Silhouette der Herde von den Dinosaurier-Dünenketten zu unterscheiden. Der Beduine steht noch immer auf einen Bein, betrachtet die Konstellation der Sterne und den Stand des schmalen Mondes, um den Standort der Tiere zu bestimmen.
Zügig, richtig schnell läuft der drahtige Mann zurück, als wäre die riesige Sandfläche wie eine Landebahn bei Nacht markiert. Wieder zieht er die Plastikhülle aus der Tasche, in der sein Handy verpackt ist, starrt auf das hellgrün erleuchtete kleine Fenster, drückt auf der transparenten Folie herum. Das Piepsen ist in der Stille der Nacht meilenweit zu hören.
"Selim? Ja, gut! Sie sind an dem Platz, wo wir das Junge an den Schakal verloren haben!" knurrt Ben Nadir ohne den Rhythmus seiner Schritte zu verändern.
"Ja, treib sie mit zu Rajid! Mach's gut!" Die dunkle Gestalt nimmt den noch dunkleren Gegenstand vom Ohr, schiebt ihn in die Anoraktasche. Chrrrr surrt der Reißverschluss von Ibrahims Jacke. Der Tierhüter geht wie so oft in den letzten Tagen schweigend durch Schweigen, still durch Stille. Nur seine Schritte im Sand sind zu hören. Zeit und Raum sind von ihm nicht messbar. Ihr Ausmaß wird durch die immerwährende Ruhe verwischt.
In der blauschwarzen Nacht bewegt sich Ibrahim auf einen kaum wahrnehmbaren hellen Bereich in der Ferne zu. Lange bevor er Rajid zu sehen bekommt, riecht er den Rauch des Feuers. Dieser Geruch bedeutet für ihn, wie für jeden Beduinen, der draußen in der Wüste arbeitet, Freundschaft, Geborgenheit, Wärme und die Sicherheit auf einen Gesprächspartner zu treffen. Schweiß gebadet erreicht er die Feuerstelle. Die Nächte Ende Oktober sind noch warm, und ein Beduine öffnet den Reißverschluss seiner Jacke nur einmal am Tag. Außer den kleinen an der Tasche, dann wenn er sein Handy oder Zigaretten herausfummelt.
"Salemaleikum“, ertönt Ben Nadirs Stimme.
"Maleikumsalem!" antwortet Rajid, als ob er bis an sein Lebensende Zeit hätte, diese Worte auszusprechen. Er richtet sich auf und schlägt seine Hand vor die Brust als Zeichen der Freude, seinem Freund wieder zu begegnen.
"Wie geht es dir, deiner Familie und deinen Tieren?" Ibrahim erwartet nicht wirklich eine Antwort. Er weiß, dass Rajid keinen Kontakt mit seiner Familie hatte, seit er in der Wüste wartet bis die Chameliers alle weiblichen Tiere zusammengetrieben haben, für die sie verantwortlich sind.
"Wie geht es dir, deiner Familie und deinen Tieren?" Auch Rajid erwartet keine Antwort, denn auch er weiß, dass sein Freund seit einiger Zeit allein in der Wüste unterwegs ist.
"Mit Allahs Hilfe habe ich sie gefunden!" Ben Nadir seufzt.
"Wo?" fragt Rajid.
"Dort, wo die gebärende Dromedarkuh vom Schakal verfolgt wurde."
"Bei Allah der Schakal kann riechen! Kannst du bei einer Frau riechen, ob sie schwanger ist?"
"Ein besonderes Tier! Schade, dass er in die Kehle lebender Kälber beißt, wenn sie noch halb im Mutterleib stecken."
"Ich habe beobachtet, wie die Mutter das tote Junge aus der Fruchtblase holte und sauber leckte. Drei Tage hat sie es umkreist, bis sie wieder weiter gezogen ist."
"Hast du den Schakal auch gesehen?"
"Nein, er hat sich wie sonst seine Beute erst geholt, nachdem ich und die Mutter weg waren. Aber ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass er immer in der Nähe war."
"Diesmal hat keine der Stuten allein geworfen. Wenn er sich wie bei der letzten Geburt anschleichen wollte, haben ihn die anderen Weibchen vertrieben. Allah, der große Gott hat ihn woanders hin geschickt.“
„Ja, ja! Der Schakal hat keine Aufgabe mehr, seitdem die Gazellen verschwunden sind.“
"Diesmal ist die Herde vollständig! Von Omar sind fünf Tiere dabei, mit Alis Brandzeichen habe ich vier Stuten gesehen und mit dem von Brahim sechs. Und die drei Jungtiere." Im Schein des hellen Feuers glänzt das erhitzte Gesicht Ibrahims, und seine Augen strahlen.
"Komm, nimm einen Tee!" Rajid, der Sohn des alten Hamed, der sich trotz seiner Blindheit völlig sicher in der Umgebung des kleinen Dorfes bewegt, steckt das braun verfärbte, kleine Teeglas in den Boden. Er dreht es zwei Mal hin und her und schwenkt es mit Wasser aus. Der dunkle Teerest vermischt sich mit dem feinen Sand und dem Wasser zu einem Brei. Im hohen Bogen schüttet er die flüssige Masse in die Dunkelheit. Dann wischt er mit dem rauen Filz seines Burnus den Rand des Glases trocken. Er setzt es neben ein rot glimmendes Stück lange Kohle, die er als bizarre Wurzel mit anderen Hölzern aus seiner dürren Umgebung heran geschleppt hatte, bevor die Sonne untergegangen ist. Dazu bedient er sich eines Stockes um den Weg abzuklopfen. Das Geräusch, wenn er auf Gestrüpp oder Holz trifft ist ihm wohl bekannt. Aus der Höhe seines aufgestellten Knies gießt er eine dunkelbraune, durchsichtige Flüssigkeit aus der verbeulten Emailkanne in die kleine Öffnung des Glases, das er mit der anderen Hand umschlingt. Selbstverständlich geht kein Tropfen daneben. Er kann am Sprudelgeräusch des Tees hören, wann das Glas voll ist, und wie heiß das Getränk ist. In Zeitlupe stellt Rajid die Kanne wieder in die zuckende Glut zurück.
Es war immer so. In jeder Paarungszeit, in der die Freunde die frei lebenden Stuten zusammen trieben, blieb Rajid am alten Brunnen zurück geblieben, um zuerst auf Nachrichten und später auf die Freunde zu warten. Die sehenden Chameliers strömten aus, um die Dromeare ihres Dorfes zu finden und zum Brunnen zu treiben. Mit jedem Jahr wurden die Bewegungen von Rajid, dem Wartenden, etwas langsamer. Jetzt ist er perfekt im Füllen der endlosen Zeit, die Wartende zur Verfügung haben.
Die beiden Männer liegen auf kleinen Wollteppichen und starren ins Feuer. Rajid schwört auch er könne Flammen in seiner steten Dunkelheit erkennen. Die Leiber der Männer ruhen auf der Seite und bilden eine Art Festung um die Feuerstelle. Rajid ist durch einen wollenen Umhang gegen die Nacht in seinem Rücken geschützt. Sein Burnus riecht nach Beduine, eine Mischung aus Feuer, Kamel und Tabak.
"Wann hast du deinen Dromedarhengst aus der Wüste geholt?" Gemächlich reiht sich Wort an Wort aus Rajids Mund.
"Vor drei ein halb Jahren!"
"Erst fünf ein halb Jahre alt?"
"Mhhm!"
"Vielleicht noch zu unreif für die Paarung?"
"Mhhm!"
"Sollen wir lieber gleich Abdullahs Tier für die Begattung nehmen?"
"Abdullah meint, dass mein Bulle ein besonders starkes Tier und auch jetzt schon zur Paarung fähig sei. Ich habe ihn gut im Griff. Wir werden sehen, wie er es macht."
"Inshallah! Wir können ihn ja ablösen, wenn er nicht mehr als sieben Weibchen schafft. Es sind diesmal etwa zwanzig!"
"Inshallah. Ich fahr dann mal", erklärt Ibrahim. "Ich hole ihn schon jetzt. Damit wir morgen beginnen können, wenn auch Selim mit den restlichen Stuten hier sein wird."
"Bis dann." Ibrahim nimmt ein brennendes Stück Holz und hält es gegen das Gebüsch. In einen der Sträucher leuchtet es metallfarben. Er schmeißt den glühenden Stock zurück ins Feuer, kramt zwischen trockenen Blättern und Ästen ein Mofa hervor. Ein fester Tritt auf das Pedal, der Motor brummt. Fahrer und Gefährt verschwinden, schweben hinein in der Dunkelheit, als ob es keinen Weg gäbe. Es ist nur noch das nörgelnde Motorgeräusch zu hören, wenn ein Zweirad auf einer Piste mit versandeten Stellen fährt. Allmählich verliert sich das Nörgeln in der Stille der Nacht.
Seit drei Kilometern ist Ibrahims geliebter Dromedarbulle unruhig. Seine Schritte werden größer und schneller. Immer häufiger brüllt er in die Weite hinaus, dass er zur Paarung bereit ist. Weißer Schaum leuchtet um seine Schnauze. Wie Stalaktiten tropft er aus den Winkeln des dunkelbraunen Fleisches. Seine bewegliche Gaumenblase hängt aus der Schnauze, um seine Auf- und Erregung kund zu tun. Das sonderbar weiche Stück Fleisch baumelt bei jeder Bewegung hin und her und macht deutlich, dass das männliche Tier den Geruch der fruchtbaren Weibchen wittert und reif für eine Paarung ist. Es reckt sich in die Richtung des Sammelplatzes beim alten Brunnen und stößt Brunstschreie aus. Nun weiß Nadirs Sohn, dass sich die Dromedarstuten bereits am Treffpunkt aufhalten. Das männliche Huftier richtet sich auf, wirkt bedrohlich, als ob andere Bullen in der Nähe wären. „Brrrrrrh", ächzt der Hengst und schüttelt sich. Weißer Speichelschaum wirbelt durch die Luft.
Sein Besitzer duckt sich, um nicht vom Schaumgestöber getroffen zu werden. Er löst die Kordel vom Hals des kräftigen Tieres und hobbelt die Vorderbeine seines Dromedars. Die Schritte des langbeinigen Huftieres sind nun kleiner. Ibrahims Gang entspannt sich. Das Brüllen der noch jungen Männlichkeit ertönt umso häufiger in der Stille des Sandes.
Bei Allah, er ist perfekt erzogen! Gut zwei Jahre lang hat Ibrahim seinem Bullen alles beigebracht. Sein Herz schlägt schneller. Sein Tier ist jung, kräftig und wird für den besten Nachwuchs sorgen. Der Dromedarbesitzer weiß, die erste Paarungszeit ist die Reifeprüfung seiner Domestikation, die zeigt, wie gut das ausgewachsene Tier gelernt, und er, der Trainer, gelehrt hat. Mit seinem Tier wird es nicht zu Rivalitätskämpfen und Verletzungen kommen, wie in der letzten Saison d’Amour. Wie dumm damals diese fremden Chameliers waren, die die Karawane mit Touristen viel zu nahe am Begattungsplatz vorbei führten. Bei Gott, sie hätten lange im Voraus merken können, dass brunftige Weibchen und ein zur Paarung bereiter Bulle in der Nähe waren. Ibrahim schüttelt den Kopf. Nein, diese Tierhüter hatten ihre Kamele nicht im Griff. Sie konnten die Bisse und Tritte der rivalisierenden Bullen einfach nicht verhindern.
Er kann sich noch genau an den Kampf um die Weibchen erinnern, den er als kleiner Junge erlebte. Damals durfte er mit zur Paarung in die Wüste gehen, um ein echter Beduine zu werden, wie sein Onkel erklärte. Dabei war er gerade so groß wie ein Bein des größten Tieres seines Oheims. Dennoch hat er niemanden erzählt, dass er damals Angst hatte. Bis zu diesem Erlebnis hatte er die sonst so friedlichen Säuger nie als Bedrohung erlebt. Doch auf jenem Gang zur Begattung traten die drei Bullen aufeinander ein, bissen sich gegenseitig. Aus ihren dröhnenden Mäulern spritzte der weißer Schaum der Erregung. Die Dhulas 2) klatschten wie nasse Lappen, die aus den Mäulern hingen, gegen das wohlriechende Fell, das er als Kind so liebte. Ein Hengst warf sich mit seinem Körpergewicht auf den Hals des Bullen seines Onkels und wollte ihn ersticken. Ibrahim weiß noch ganz genau, wie die röchelnden Schreie des Unterlegenen in seine Ohren drangen und in ihm dieses sonderbare Gefühl auslösten. Dieses Leben-Tod-Gefühl, wie er es als kleiner Junge nannte, begegnete ihm später wieder, als er allein und verletzt in der Wüste lag, und der Akku seines Handys leer war.
2) Dhula: Rachenbeutel, ein aufblasbarer, rosa Sack, der als Zeichen der Gattungsbereitschaft, um Weibchen anzulocken und um Dominanz anderen männlichen Tieren gegenüber zu behaupten aus dem Maul des Dromedars hängt. Wenn er aufgeblasen ist, ähnelt sie einer langen, geschwollenen, rosa Zunge. Quelle: Erklärung der Beduinen direkt.
Sein Onkel und die anderen Tierhüter konnten damals nicht zulassen, dass die Hengste so lange mit miteinander kämpften, bis nur ein Bulle unbesiegbar übrig blieb. Das wäre der Ruf der Natur, um nur das Erbgut mit Genen der meisten Kraft zu verbreiten. Sie hätten riskiert, dass die zwei besiegten Männchen instinktiv in die Wüste geflüchtet wären. Mit ihrer Fähigkeit, sich mit 65 Kilometern in der Stunde davonzumachen, wären sie nicht mehr einzuholen gewesen. Sie mussten sogar mit lebensgefährlichen Verletzungen oder dem Tod eines der männliche Tiere rechnen. Heute nehmen die Tierhüter nur einen Hengst mit in die Wüste, wenn die Weibchen begattet werden sollen. Wenn dieser es nicht schafft, alle zu befruchten, dann erst holen sie das nächste Männchen aus dem Dorf.
Seinerzeit war es Ibrahims Oheim und den anderen Chameliers gelungen den Hengst, der auf dem Bullen des Onkels lag von ihm herunter zu treiben. Sie bewarfen ihn mit Steinen und bohrten einen Stock in sein Hinterteil. So gelang es dem unterlegenen Tier dann doch noch, sich zu befreien. Es war knapp gewesen für das Kamel seines Onkels, jedoch erholte es sich bald wieder.
Gerade weil Dromedare ihm die Nähe zwischen Leben und Tod von Kindesbeinen an vor Augen geführt haben, empfindet Ibrahim Faszination für diese großen Wüstentiere. Als junger Kerl mit 15 Jahren begann er, die wild lebenden Stuten des reichen Mohamed Ben Naser und des alten Said zu betreuen. Die paar Dinar, die er dafür bekam, sammelte er in der alten Hirtentasche seines Großvaters. Gott hab ihm selig. Eines war sehr bald klar: Ibrahim wollte sein eigenes Dromedar. Vor drei Jahren und sechs Monaten in der vierten Woche des Ramadans erfüllte Allah ihm seinen Wunsch. Er konnte sich mit dem Inhalt der Hirtentasche seinen eigenen Hengst leisten. Nur diesen einen wollte er.
Ibrahim streift mit seiner breitflächigen Hand über den Hals seines geliebten Tieres. Schon kurz nach der Geburt, als es das erste Mal auf seinen vier Beinen stand, durchfuhr es Ben Nadir. Er spürte die Manneskraft in dem frisch geborenen Kalb. Es war wertvoll, es war teuer. Aber Allah Akbar hat ihn bei seinen Plänen unterstützt. Zwei Wochen half er täglich bei der Dattelernte des reichen Mohameds und zusätzlich bezahlte er die übliche Kaufsumme, um seinen Jungbullen zu bekommen.
Er, der Sohn von Nadir Ben Chemel, wurde bewundert. Auf seinen stattlichen Hengst wurde er im Café und auf der Straße angesprochen. Die meisten seiner Freunde wollten ihm beim Domestizieren helfen. Jetzt würde es wieder so sein. Ibrahim würde der Stärkste sein, weil sein Bulle der Stärkste ist. Die Jungs im Café werden ihn umarmen und bewundernde Worte zurufen. Der Hirte beginnt zu summen. Er wird heiraten. Er ist sich sicher. Es wird eine der schönsten Beduininnen aus seinem Dorf sein, nein aus allen Dörfern, die es bis hin zur Stadt gibt. Gleich, wenn die Wochen der Begattung vorbei sind, wird er die schöne Aminah fragen.
Während der Besitzer die Kordel zwischen den Vorderbeinen seines Deckhengtes löst, zerren alle Chameliers, die auf dem Sammelplatz am alten Brunnen anwesend sind, an den Stricken mit Hilfe derer Ibrahims Tier noch von den Weibchen zurück gehalten wird. Nachdem sie ihn losgelassen haben, trottet der brüllende Bulle auf die Dromedarkühe zu, richtet sich in all seiner Stattlichkeit auf. Die Erweiterung des Gaumens ist aufgeblasen und hängt als rot-weiß ovaler Ballon aus dem schäumenden Maul. Riesig ist die Dhula, 36 cm lang. Ben Nadir hat sie gemessen. Der brunftige Bulle riecht hier und da an den Hinterleibern brünstiger Weibchen. Immer wieder blickt er in die einsame Stille, als ob ihm von dort andere Hengste seine Stuten streitig machen würden und schleudert den vermeintlichen Rivalen aus der Weite des Sandes tiefe Urlaute entgegen. Es ist seine Herde, zumindest für diese Paarungszeit. Und sie umfasst weit mehr als jene fünf bis sieben Weibchen wie damals, als alle Dromedare noch wild lebten. Er ist der Stärkste für diese Paarungszeit. Er allein wird diese Weibchen besteigen, zumindest einen Teil davon. Einige Stuten präsentieren ihre Geschlechtsteile. Der Speichelschaum zieht lange Fäden zwischen dem männlichen Maul und den Stellen, die das Tier beim Schnüffeln berührt. Weibchen grunzen, schreien aus heiserer Kehle. Zwei der Weibchen knien, um dem Deckhengst anzulocken. Er dagegen stupst gegen eine stehende Kuh, treibt sie vorwärts, will gerade sie besteigen. Die Auserwählte läuft ein paar Schritte. Der Bulle hinterher, sie bleibt stehen. Der Hengst drückt unsanft seinen Kopf gegen den Rumpf. Die Dame kniet sich nicht, läuft weiter, Ibrahims Tier wieder hinter her. Die Doula wackelt im Rhythmus seines Gangs. Endlich kniet sich das Weibchen, lässt ihn an sich heran. Ohne Eile steigt der Bulle auf. Wie ein Kind, das zum ersten Mal auf seinem Schaukelpferd reitet, sitzt er auf der Dromedarkuh. Seine Deckbewegungen sind gemächlich, wie der Gang dieser Wüstentiere, wenn keine Paarungszeit ist. Jetzt drückt sich sein Oberkörper dicht an den weiblichen Leib. Der Rumpf, der lange Hals und der Kopf bilden eine gerade braune Linie vor dem hügeligen Hellgelb des Sandes. Sein Blick erforscht, ob andere männliche Tiere in der Nähe sind. Denn dann müsste er sich unmittelbar nach dem Höhepunkt dem Kampf mit dem Rivalen stellen. Es kommt keine Eile in ihm auf, obwohl er auch die anderen Weibchen noch decken muss. Dreimal reckt sich der Körper des Kamels bildet diese lange Linie vom Rumpfende bis zum Kopf. Die für die erste Begattung im Leben von Ben Nadirs Dromedar auserwählte Stute wirft den s-förmig gebogenen Hals zurück. Die Köpfe der beiden berühren sich. Der Akt ist zu ende. Der Bulle rutscht von der knienden Kuh. Sie sitzen nebeneinander, schauen sich an wie ein altes Ehepaar.
Nach einer Weile erhebt sich Ibrahims Tier und kommt auf seinen Chamelier zu. Sein Gang ist erhaben. Ben Nadir ist stolz. Die Paarung ist geglückt. Auf dem leeren Getreidesack häuft er Weizen für sein Dromedar auf, damit es genug Energie zur Verfügung hat, um alle Stuten zu decken. Seine Beduinenfreunde drücken ihre Körper gegen die nahenden Stuten. Das Korn ist für den Deckhengst und nur für ihn! Und nur für ihn hat Ibrahim Säcke voll mit Weizen von Aboullah mit dem Pick-Up heran schaffen lassen. Vielleicht bekommt davon auch Abdoullahs Zuchtkamel. Aber nur dann, wenn sein Hengst nicht genug Kondition für alle weiblichen Tiere hat oder kein Interesse mehr an ihnen zeigen sollte und abgelöst werden muss.
Ben Nadirs ausersehener Bulle trottet gesättigt durch die Herde. Schaumspuren ziehen den langen gebogenen Hals hinunter. Auf seinem Maul thronen Schaumkrönchen, als ob Rasierschaum nicht vollständig entfernt wurde. Die Dhula baumelt im Gleichklang seiner Hufe. Er ist der Größte, bei Allah man sieht es an seinem Gang! Ibrahim Ben Nadir Ben Chemel beboachtet, mit welcher Ruhe sich das Tier seiner Aufgabe widmet. Es schnuppert wieder bei welchen Weibchen es sich lohnt, das Liebesspiel erneut zu beginnen. Es wurde zu Recht als Deckhengst ausgewählt, und auch der Besitzer fühlt sich auserwählt. Allah ist auf seiner Seite. Sein Bulle weiß, was zu tun ist. Er kann die weiteren Paarungen der Natur überlassen. Der Gigant beginnt erneut das Liebesspiel, jagt eine Stute, deren Duftnote Bereitschaft signalisiert, stupst gegen sie, drückt sie nach unten, bis sie zu Boden geht. Durch die Trockenheit ertönen gurgelnde Geräusche, als ob Luft in ein mit Wasser gefülltes Gefäß geblasen wird. Ibrahims Dromedar beginnt den nächsten Aufritt, ebenso gemächlich wie jenen davor. Wie ein Tourist am Spätnachmittag in einer Hollywoodschaukel wiegt er sich in den Höhepunkt hinein, bleibt auf seiner Kuh sitzen, schaut sich immer wieder um. Irgendetwas in ihm erinnert ihn stets daran, dass normalerweise in der Natur konkurrierende Bullen auftreten können. Dann gleitet er von der Begatteten herunter, schwingt sich in den Stand, trottet zum Wassertrog und schlürft ihn in kürzester Zeit leer. So wie es die Herdentiere tun, die zwei Wochen lang trockene Sandregionen durchquert haben, und an einem Wasserloch in weniger als zehn Minuten 100 Liter Wasser in sich hinein saugen können!
Wieder durchquert er das Rudel der Stuten, bleibt hier und da stehen, untersucht schnüffelnd weiblichen Urin auf Empfängnisbereitschaft. Er frisst von dem aufgehäuften Weizen! Das ist ein gutes Zeichen! Bei Allah! Die Chameliers wissen davon zu berichten, dass oft Bullen nach zwei Wochen Saison d'Amour völlig ausgemergelt sind, weil sie ein Drittel ihres Gewichts verloren haben. Doch dieser Dromedarhengst verfügt über Ruhe. Sie wird die Kraftquelle seiner Deckungsarbeit sein. Denn sein Instinkt leitet ihn an, erst dann wieder zu schlafen, wenn alle Weibchen befruchtet sind. Die Tierhüter jedoch können in den nächsten Tagen beruhigt schlafen. Das Gebrüll, das Gegurgel und die Urschreie der sich Paarenden werden sie in den Schlaf wiegen und ihnen die Sicherheit geben, dass der ausgewählte Bulle seinem Status, auserwählt zu sein, gerecht wird.
Die Geräusche verlieren sich allmählich und im selben Tempo kehrt die Stille an den Ort zurück. Bald wird sich der Raum wieder in ihr verlieren und nichts auf die Unruhe gelungener Begattungen hinweisen. Die zurückbleibenden Dromedarstuten erheben ihre langen Hälse, wenden sich ab von den wenigen Weizenkörner, die Ibrhaims Bulle nicht in Begattungsenergie umgesetzt hat. Den weiblichen Tieren sind sie nicht als Nahrungsmittel vertraut, weil es sie in der Freiheit der Wüste nicht gibt. Sie blicken der sonderbaren Karawane hinter her. Zwischen Wüstentieren schlürfen Männern in Jeans und weiten Wollgewändern, die bis eben noch über das starke Kamel gesprochen haben! Bei Allah Ibrahims Hengst hat alle Weibchen bestiegen! Ein schon kaum mehr hörbares Mofa quetscht sich durch rutschigen Sand. Die drei Transportkamele von Rajid schaukeln gemächlich durch die Dünen. Vor ihnen trottet ohne Packtaschen Ben Nadirs sichtbar dünn gewordener Dromedarhengst. Seine Dhula ist nicht mehr zu sehen. Vorbei das Schaumgestöber und die Brunftschreie!
Die begatteten Weibchen verschmelzen wieder mit ihrem vertrautem Terrain der beruhigenden Eintönigkeit. Sie werden sich und ihre Frucht von pieksenden Sträuchern und trockenem Blattwerk ernähren, während sie in kleinen Gruppen abwandern, in verschiedene Richtungen streben, je nachdem von welchen Salzpflanzen und grün schimmernden Dornengestrüpp sie sich verlocken lassen, oder aus Gott weiß welcher Richtung sie dem Geruch des bis zu 30 Kilometer entfernt liegenden Wasser folgen.
Im Laufe des unendlich langen Jahres werden die Hirten ab und zu in die Wüste gehen, nur mit der Kleidung, die sie auf dem Leib tragen, und der Hirtentasche aus Ziegenwolle voll mit Proviant. Wenn sie Grüppchen der Huftiere gefunden haben, deren Brandzeichen sie kennen, schauen sie nach, ob sie trächtig sind. Und die Stuten werden ihnen vertrauen, weil auch sie die Männer am Geruch wieder erkennen. Die Chameliers begrüßen die neue Generation, die 13 bis 14 Monate nach der Saison d'amour das Licht der Wüste erblickt. Sie wissen, dass sie bei den Geburten nicht benötigt werden. Der einzige Feind trächtigen Stuten, der Schakal, ist selten geworden. Er hatte auch nie viel Chancen an die Neugeborenen heranzukommen. Und die Kamelhüter werfen einen Blick auf die Säuglinge, ob sie sich gut ernähren können und auf die Jungtiere, wie weit sie in ihren ersten zwei Lebensjahren durch ihre kleine Gruppe weiblicher Dromedare geschützt werden. So war es schon immer, so ist es, und inshallah so wird es auch morgen noch sein.
„Ja, ist gut, ich komme. Ich organisiere einen Wagen, um euch abzuholen", sagt Omar am Telefon.
Eine innere Aufregung, als Esthes seine Stimme hört. Nein, das kann nicht sein. Sie muss sich getäuscht haben.
Sie hatte Ihre Frauen oder Mädels, so wie sie ihre Reisebegleiterinnen bezeichnet, zu ihrem geliebten Campingplatz im Wüstensand geführt. Dort wollen sie sich für den Gang in die Wüste vorbereiten und an das fremde Klima gewöhnen.
Aber Ria hat Migräne. Hilde ist es zu viel Betrieb. Sylvia mag generell keine Campingplätze und hat sich nur angeschlossen unter der Voraussetzung vor Ort „nein“ sagen zu können. Karla passt sich grundsätzlich der Meinung von Gudrun an, die sich selten äußert. Anne ist zu müde, um irgendeine Entscheidung zu treffen und überhaupt... Also ruft Esthes bei Omar an, dass er einen Wagen kommen lassen möge, damit sie in das einfache, ruhige Hotel des Beduinendorfes umziehen können.
Esthes sitzt mit einigen der Mädels bei einem Büchsenbier in ihrem Zimmer, wie Mohamed der wichtigste Mann am Platz, die kleine Sitzecke unter den Palmenwedeln nennt. Dort hatte die von der Region begeisterte Frau schon mehrere Wüstenaufenthalte vorbereitet und auf der Bank der Sitzecke ihr Bett aufgeschlagen. Auf Esthes Lieblingscampingplatz ist trotz Islam und Ramadan Billigbier erhältlich. Esthes weiß in diesem trockenen, alkoholfreien Land dieses Getränk besonders zu schätzen. Die anderen trinken Tee oder Wasser. Ria sitzt in irgendeiner Dunkelheit und versucht, ihre Migräne so unbelastet wie möglich vorüberziehen zu lassen. Karla erforscht die Campingplatz-Umgebung.
Omar kommt also. Esthes wird ihn schon heute Abend sehen und nicht erst morgen früh zur Besprechung ihres Vorhabens. Ein kleiner Schmetterlingsschlag in ihrem Brustkorb. Hat sie ihn überhaupt bemerkt? Sie wird die alten Themen souverän übergehen. Sie wird nicht einmal erwähnen, dass es alte Themen gibt. Wie ein sich anschleichendes Tier taucht das fast schwarze Gesicht von Omar im Lichtkegel auf. Hilflos lächelnd erhebt sich Esthes, um die Begrüßungszeremonie der vier Rechts-Links-Küsschen zu vollziehen. Der Beduine riecht nach Dromedar, Tabak und Männerschweiß. Seine Haut sieht gegerbter aus. Er hat offensichtlich viel im Freien gearbeitet. Seine Härte der Gesichtszüge wird unterstrichen durch die viel zu kurzen Haare. Es bedarf keiner Nachfrage, so wie früher. Was zwischen ihm und ihr war, es ist vorbei. Die blauen Augen der Europäerin wandern in dem vertrauten Gesicht umher. Diese Selbstverständlichkeit besteht noch immer. Ruhig hält der Mann mit den braunen Augen ihrem Blick stand, sagt kein Wort bis sie damit zu Ende ist. Sein Sweatshirt mit den durchgewetzten Stellen passt in Esthes Augen nicht zu seinen ordentlichen Jeans. Es ist egal. Es geht sie nichts mehr an. Sie weiß, sie kann sich als Guide auf ihn verlassen, das reicht.
Sie gehen zum Wagen und beginnen die vielen Taschen und Rucksäcke aufzuladen. Die Frauen sind müde. Omar und Esthes arbeiten allein. Sie hebt die Hände, um ein weiteres Gepäckstück aufzunehmen und es zum Kofferraum zu tragen. In dem Moment streckt auch Omar seine Hände aus, drückt sie an die ihren. Er lacht wie bei seinen geliebten Raufspielen und schiebt sie sanft nach hinten. Sie lacht auch und erschrickt. Ganz selbstverständlich hat sie mitgemacht, als hätte es das letzte Jahr nie gegeben. Okay, Freundschaft, das ist sicher angemessener als ein reines Arbeitsverhältnis...
Die Frauen steigen in den Kleinbus. Omar steht davor, als Esthes in die Sitzreihe hinter dem Fahrer klettert. Er setzt sich nach vorn. Tut nicht weh. Das war ja klar, dass dieser Platz nicht leer bleibt. Früher saß sie immer neben ihm bei solchen Fahrten. Sie gibt die Wünsche der Mädels für den Aufenthalt in der Wüste an ihn weiter. Er versteht schlecht, muss sich immer zu ihr umdrehen. Sie erhebt sich und zwängt sich durch den schmalen Zwischenraum zwischen Fahrer- und Beifahrersitz nach vorne. Der Beduine grinst, so wie er es immer getan hat, wenn sie deutlich ihren Willen zeigte. Das hat er geliebt. Das hat ihn heraus gefordert. Darüber ist sich Esthes im Klaren.
Das Organisatorische ist schnell abgeklärt. Esthes bleibt neben dem dunkelhäutigen Manne sitzen. Sie nimmt Witterung auf. Unerwartet löst sein animalischer Geruch wieder Wärme in ihr aus.
„Ich muss mit dir reden", sagt sie unvermittelt. So unvermittelt, dass sie selbst überrascht ist. Sie war sich doch so sicher, dass sie das nicht wollte. Der Wunsch zu reden war ihr in Europa noch wie eine Art Liebesbeweis vorgekommen. Liebe wäre das Letzte gewesen, was sie hätte beweisen wollen, nachdem sie sich so benutzt gefühlt hatte.
„Willst du auch mit mir reden?“ hört sie ihre Stimme.
„Ja", flüstert Omar, „unbedingt.“
Am Hotel angekommen werden Taschen mit der Kleidung für die Familien der Beduinen sortiert, viele Fragen müssen beantwortet werden, das Einchecken an der Rezeption benötigt Übersetzungshilfe und noch immer gibt es eine leichte Sorge um Ria wegen ihrer Migräne. Ehe Esthes noch zur Ruhe kommt, steht Omar an ihrer Seite und raunt: „Der Fahrer will nach Hause!“ Die Europäerin bezahlt den Fahrer. Sie mag diese Handlung nicht, vor Omar mit dickem Geldbeutel Trinkgeld zu geben.
Die Stille der Nacht ist angenehm. Esthes lauscht und lauscht. Einfach nichts. Sie lauscht noch einmal. Jetzt stellt sich die Sicherheit ein, dass wirklich Stille herrscht. Sie kann sich den Lärm schon nicht mehr vorstellen, der sonst in ihren Kopf allabendlich dröhnt. Die weiße Frau hat diesmal ein Zimmer für sich allein. Sie lässt die Tür des Bungalows offen, so dass sie den Schein des fast runden Mondes sehen kann. Während der Nacht gibt es nur die wenigen Geräusche, die sein dürfen, ohne dass sie Esthes' Gefühl von Stille wieder wegnehmen. Ein paar Hunde, die bellen, und das Rauschen der Palmen vor der Tür. Endlich Frieden. Frieden muss aus der Stille geboren worden sein.
Nach der vierten Tasse dünnen Morgenkaffees und vielen Überlegungen, wie all die Wünsche der Frauen unter einen Hut gebracht werden können, steht Omar neben Esthes. Wie schon so oft ist er aufgetaucht, ohne dass jemand sein Kommen bemerkt hat. Klar, er hat ja die Pässe nicht, um die Gruppe für den Aufenthalt in der Wüste anzumelden. Und er braucht Geld, um die Lebensmittel für die Tour einzukaufen.
„Bis später, ich komme mittags vorbei und hole die Frauen ab, die meine Familie besuchen wollen", erklärt Omar beim Gehen mit dem Blick, den er stets zeigt, wenn er beschäftigt ist.
Der Vormittag ist Stille. Stille, Sand, Weite, endlich wieder hier Sein! Die wüstenerfahrene Europäerin durchstreift den Garten des Hotels, der ohne Zaun in hellgelbe Dünen übergeht. Der mehlartige Sand unter ihren Füßen ist fest, aber nicht hart. Kein Knirschen beim Auftreten, nur das Rauschen des Windes ist zu vernehmen. Eine bisher kaum bemerkte Spannung lässt nach. Gedanken werden weniger. Esthes kehrt zurück zu sich selbst. Jetzt kann sie spüren, was sie vermisst hat. Einfach zu sein und sich in Ruhe zu erleben. Die weißhäutige Frau setzt sich unter einen Rizinusbaum, öffnet vorsichtig eine getrocknete Samenkapsel und lässt die gemusterten Perlen durch die Handfläche tanzen. In der Ferne beobachtet sie, wie Dromedare aus einem Rinnsal ihr Wasser schlürfen. Hier fühlt sie sich selbst immer so nah.
Die Mädels kommen zurück. Sie waren auf dem Friedhof, in den Oasengärten und haben ein paar Sanddünen erklommen. Sie haben Beduinen beobachtet, die auf einem großen, weiten Platz ohne Schatten darauf warten, dass ein paar Touristen auf ihren Dromedaren eine kleine Tour durch die Dünnen machen möchten. Was man an einem Vormittag alles entdecken kann! Esthes hatte die Zielobjekte ihrer individuellen Erforschung der Region immer auf viele Tage verteilt, um den Genuss zu erhöhen. Entsprechend der Erlebnisfülle gibt es Fragen über Fragen. Nicht alle kann Esthes beantworten. Sie verspricht, sich bei den Guides kundig zu machen.
Eine schwatzende Gruppe von Frauen sitzt bei Salat und Suppe im Garten. Die Reisegruppe hatte ihren Tisch unter einen Baum gestellt, der trotz Mittagszeit einen großen Schatten bietet. Neben dem Stamm lehnt plötzlich Omar. Sein Gespür zum richtigen Zeitpunkt aufzutauchen ist erstaunlich. Alle brechen auf, um Familienbesuche bei Omar und seinem Freund Monji zu machen.
Der Weg durch die Oasengärten ist geprägt von der unendlichen, beständigen Stille. Die Europäerinnen und der langbeinige Beduine spazieren unter grünen Dächern der Dattelpalmen. Sie haben schon seit Jahrzehnten Schatten gespendet. Die Blätter der mannshohen Sträucher und der Grantäpfelbäume dämpfen die Geräusche des Dorfes. Kinderrufe, der Schrei eines Esels, das Meckern der Ziegen klingen wie die Hintergrundskulisse eines Spielfilms. Die Kühle und das leichte Dunkel des Schattens beruhigen die Gemüter. Auch zwischen Omar und Esthes breitet sich die Ruhe aus, die sie das gemeinsame Gespräch finden lässt. Die anderen der Gruppe können die Sprache zwischen dem sonderbaren Paar nicht verstehen. Esthes fühlt sich sicher.
Großmutter sei vor vier Monaten gestorben. Omars Stimme klingt gedämpft. Esthes weiß es schon lange. Er hätte es ihr nicht zu sagen brauchen. Schon vor einem halben Jahr bei seinem überraschenden Anruf, um Geld für eine Operation zu bitten, spürte sie, hier ging es um Leben und Tod. Diese Verantwortung wollte sie einfach nicht übernehmen. Sie empfand es als eine Zumutung, dass sie diejenige sein sollte, die mit Hilfe von Geld für eine OP eine derartige Last tragen sollte. Es war eines von den unzähligen Anforderungen an sie als Europäerin, nur weil sie Europäerin war. Eine von diesen vielen Situationen, in denen sie sich ungeliebt und nur benutzt fühlte.
Endlich kann sich Esthes davon befreien.
„Verstehst du, ich bin geflüchtet vor den immer größer werdenden Problemen, die du an mich heran getragen hattest! Jedes Mal, wenn es bei euch Schwierigkeiten gab, habe ich geholfen. Aber ihr müsst euer Leben auch ohne mich regeln können.“ Ihre Stimme klingt drängend und hinterlässt einen Unterton von Schmerz. Omar blickt auf seinen Weg. Der Kopf ist gesenkt, als ob er eine Fährte aufnehmen möchte.
„Es tut mir leid", flüsterte er kaum hörbar. Er habe nie dieses Gefühl auslösen wollen, dass sie die Verantwortung übernehmen müsse. Sie läge nicht bei ihr, sondern bei ihm. Esthes wirkt versöhnlich. Sie versucht, in dem gesenkten Haupt seine Augen zu treffen. Der Beduine starrt auf den Sandweg.
„Ich weiß jetzt, dass ich dich als selbstverständlich gesehen habe mit den materiellen Möglichkeiten einer Europäerin. Vorher hatte ich nicht erkannt, dass du in deinem Land selbst nicht viel besitzt.“ Omar wird still. Esthes bleibt ruhig. Der groß gewachsene Mann schaut sie von unten an, ohne seinen Kopf zu heben.
„Ich habe endlich verstanden, dass alles, was du für uns hier getan hast, von deiner Leistung abhing. Du musstest dafür arbeiten, organisieren, und deine Gaben sind auch dir nicht zugeflogen, wie ich immer dachte.“
Die ganze Enttäuschung in Esthes ist wieder laut, so dass ihre Stimme anschwillt.
„Du hast dich mit all den Existenzproblemen deiner Familie an mich gewendet, und ich glaubte tatsächlich, ich müsste sie für euch lösen.“ Energisch schüttelt sie den Kopf.
Der Palmenhain eröffnet den Blick auf den Wochenmarkt, dessen Faszination sich die Mädels nicht entziehen können.
„Oh, gehen wir auf den Markt", ruft Hilde.
„Ja, klar. Wenn ihr wollt.“ Esthes lächelt wieder.
Die Düfte und Farben der großen, leinenfarbigen Gewürzsäcke, die oben offen in rot, orange und gelb die Menschen anlocken, bilden eine farbliche Komposition mit dem Hellgelb des Sandbodens. Geschrei der Händler, die mit wiederholenden Worten ihre Ware anbieten, paaren sich mit hohen Frauenstimmen, denen Kritik und Strenge zu entnehmen ist. Billigkram, neben stark duftendem Räucherwerk zur Vermeidung von Familienkrach, Existenznöten und Krankheiten – Inshallah - und künstlich duftenden Seifen in auffälligem Rosa und Giftgrün. Die Europäerinnen haben die Gelegenheit arabische Frauen in ihren weiten, bunten Gewändern zu beobachten. Manche davon sind nur Stoffbahnen, die mit Fibel und Gürtel gehalten werden. Sie sind umrandet von farbigen Kopftüchern, die locker über das Haupt geschwungen sind, so dass die Haarpracht sichtbar ist und deren Schönheit erahnen lässt. Nein, hier sieht man keine Frauen ohne Kopfbedeckung, wie in den Städten, aber auch keinen Tschador, Hijab oder keine Burqa, die Verschleierungen der streng muslimischen Länder. Die alten Beduininnen lassen ihre Mischung aus weißen und hennaorange farbigen Haar unter den bunten Stoffen hervorleuchten. Die Männer haben ein Tuch um ihre Köpfe gewickelt. Es bewegen sich blaue und vor allem cremefarbige Tsheshhat in allen Etagen, je nach Größe der Beduinen, die ihn um ihren Kopf geschlungen haben, um gegebenenfalls ihr Gesicht gegen Sand und Wind zu schützen. Darunter tragen die Alten ihre Kadwarrahat, gewebte, Knöchel lange Gewänder, und die Jungen Jeans und Pullover.
Die weißen Frauen strömen aus, um den Markt zu erobern. Omar setzt sich auf einen Mauervorsprung. Esthes schaut den Frauen hinterher. Sie wird nicht gebraucht. Sie setzt sich etwas entfernt von Omar. Jetzt starrt sie in den Sand. Es tut noch immer weh. Den Beduinen anzuschauen, fällt ihr schwer. Sie nimmt das Gespräch wieder auf.
„Ja, ich war so enttäuscht von dir. Keine persönlichen Worte, nur immer wieder Probleme, die du an mich heran getragen hast. Ich habe mich nur vereinnahmt, benutzt, aber nicht geliebt gefühlt. Du kamst mir so klein vor, wie ein Junge, der keine Verantwortung übernimmt, sondern sich bei Schwierigkeiten an die Mutter wendet. Und die Mutter war ich.“ Ihre Stimme klingt schwermütig und erschöpft. Sie bewegt den Kopf langsam hin und her. Ihre Augen werden feucht und dicke Falten erstrecken sich über ihre Stirn. Omar schaut in ihr Gesicht. Er erkennt an ihren Zügen, was sie in ihrem Inneren bewegt haben muss.
„Es tut mir leid!“ flüstert er erneut.
„Ich hatte so viel für dich getan. Du hast es nicht gemerkt. Und irgendwann hatte ich keine Kraft mehr. Meine war verbraucht, und deine war nicht da. Du warst einfach nicht für mich da", fährt Esthes fort. „Ich hatte kein Gegenüber, nur eine Stimme am Telefon. Und wenn ich diese hörte, kam sofort die Befürchtung in mir auf, was willst du nun schon wieder?“ Sie hebt ihren Kopf und schaut zu Omar hinüber. In der tiefen Verbindung ihrer Augen liegt Verstehen und Mitgefühl. Bevor Esthes Omar kennen gelernt hatte, waren ihr Blicke dieses Herzensverständnisses nicht vertraut.
„Und wenn ich dich konfrontiert hatte, dass du dich wie ein Kind verhältst, hast du zu mir gesagt, ich kann nichts machen, ich bin so arm. Es war ein Schock. Mir fehlten die Worte. Damals hatte ich verstanden, dass das immer so sein wird zwischen uns. Und das wollte ich nicht, einen Mann, der mir seine männliche Kraft vorenthält mit der Begründung, ich bin so arm. Ein Mann ist kein Mann, wenn er sich hinter seiner Armut versteckt.“ Eine Träne rollt über Esthes Wangen.
„Ich habe verstanden, was du meinst.“ Omar nickt. Wie ein reifer, alter Mann schaut er aus. „Ich habe mich geändert", erklärt der reife Mann. „Du wirst es noch sehen.“ Beschämt schaut er zu Boden.
