Verlag: Piper ebooks Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

Wütende Wölfe E-Book

Nicola Förg  

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E-Book-Beschreibung Wütende Wölfe - Nicola Förg

Bestseller-Autorin Nicola Förg verwebt im 10. Band ihrer erfolgreichen Alpenkrimi-Reihe (u. a. »Tod auf der Piste«, »Hüttengaudi«, »Scharfe Hunde« und »Rabenschwarze Beute«) um die Kommissarinnen Irmi Mangold und Kathi Reindl atmosphärische Landschaftsbeschreibungen, eine spannende Krimihandlung, charmante und lebensechte Charaktere und die aktuelle Diskussion um die Rückkehr der Wölfe zu einer packenden Lektüre.

Eigentlich sollte Kommissarin Irmi Mangold abgehärtet sein gegen Tod und Verdammnis, aber drei bizarre Fälle – darunter ein toter Mann gefangen in den Schlageisen einer so genannten »Wolfsgrube« – erschüttern sie tief. Ihr Sabbatical als Almhirtin hin oder her: Sie muss nun doch Tatorte erfühlen, unbequeme Fragen stellen, denn schließlich geht es hier um »ihre« Kühe und »ihre« Alm!

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Für Gisela, »Giisi«

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Inhalt

Cover & Impressum

Zitat

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Epilog

Nachwort

Danksagung

Guide

 

 

 

Rules of the Pack  Take care of the young for they are our future Never question your existence Keep your wild spirit Be sociable Live life like play Love your freedom Live for the hunt, hunt to live Move swiftly … Leave only tracks

Dolores J. (Del) Goetz

    PROLOG

Es regnet schon wieder. Wie kann es eigentlich so viel regnen? Und warum wird es dann immer gleich so kalt? Meine Omi sagte immer: Hier ist es sieben Monate Winter und fünf Monate schlecht. Ach, Omi, warum bist du so früh gestorben? Du hast mich alleingelassen. Mama redet mir in alles rein. Sie sagt, ich käme nach dir. Mit dir war es viel schöner. Sie reißt alles an sich. Weil ich es nicht kann. Weil ich zu jung bin. Und zu instabil, sagt sie. Omilein, du hättest verstanden, daß ich nicht hierherwollte.

Ich glaube, bei schönem Wetter wäre es erträglicher. Wir könnten Blumen pflücken, ein Picknick machen. Mit Sonne ist alles leichter. Aber es regnet die ganze Zeit. Bindfäden, junge Katzen und Hunde. Warum regnet es Katzen und Hunde? Ich gehe trotzdem immer raus, weil ich allein sein muß. Die anderen werden mir immer unangenehmer, ich halte ihr falsches Lachen nicht mehr aus.

Und er geht mir auf die Nerven. Ständig. Daß er es einfach nicht verstehen kann. Ich muß an die Luft, auch wenn ich nun keine trockenen Schuhe mehr habe. Aber das ist ja auch schon egal. Noch zwei Tage, die nicht vergehen. Draußen kleben die Wolken an den Berghängen. Zäh wie Buna, hätte Oma gesagt. Was ist eigentlich Buna? Ich habe sie nie gefragt. Ich frage eh ungern. Man macht sich so schnell lächerlich. Dann lieber raus in den Regen.

     1

Als Erstes fiel Irmi die Hose auf. Es war dasselbe Modell, das sie selbst trug. Braun mit beige. Dreckig dazu.

Die Frau wischte sich den Schweiß aus der Stirn und lächelte. Es war ein offenes Lächeln, eines, das die Augen miteinbezog. Sie ließ sich neben Irmi auf die Bank plumpsen.

»So eine Affenhitze nachmittags um vier. Sogar im Wald. Ich hab so was von keine Kondition.« Es war sekundenlang still, dann lachte sie auf. »Wir sind ja schon im Partnerlook. Flexibund, der passt sich der Wampe an.«

Normalerweise hätte Irmi das als extrem übergriffig empfunden und als Entree wahrlich ungeschickt, aber sie musste unwillkürlich grinsen. »Ja, Engelbert Strauss − das Prada der Bauern.«

»Entschuldigung! Ich bin unmöglich. Trample einfach hier herein, ohne mich vorzustellen. Luise Manner. Wie die Waffeln.«

»Irmi Mangold. Wie das Gemüse.«

Sie lachten beide. Und Irmi fiel ein Granitblock vom Herzen. Sie hatte das Schlimmste befürchtet. Eine vegan bewegte Lehrerin. Eine zimperliche Jurastudentin mit unpassendem Schuhwerk. Eine Hausfrau, deren sechs Kinder schon aus dem Haus waren und die unentwegt von den Heldentaten derselben sprach. Eine Schriftstellerin auf Recherche. Es gab genug Szenarien weiblicher Befindlichkeiten, die Frauen auf eine Alm trieben. Und obwohl Irmi noch nichts über das Leben von Luise Manner wusste, hatte diese sofort ihre Sympathie geweckt, und bekanntlich gab es für den ersten Eindruck keine zweite Chance.

Das Einzige, was Irmi beunruhigte, war deren tierisches Gefolge. Zumal eines der Exemplare nun anhob, in den Bergkessel hineinzuplärren. Ein gewaltiger Sound, der an den Hängen widerhallte. Was seinerseits einen kniehohen weißen Hund auf den Plan rief, der gegen den Lärm anbellte. Es dauerte eine geraume Weile, bis Irmi den Kläffer zu sich rufen und ihm die Schnauze zuhalten konnte.

»Der Hundeprofi wäre entsetzt, aber anders kriegt man ihn nicht ruhig«, erklärte sie.

Mittlerweile war auch das laute, gießkannenartige Geplärre des anderen Tiers verstummt.

»Darf ich vorstellen? Das sind Giacomo, Pedro, Fränzi und Gritli«, präsentierte Luise ihre Tiere.

»Zwei Esel und zwei Maultiere?«

»Ja, zwei Eselherren der Rasse Martina Franca und zwei Schweizer Damen, bei denen die Mama jeweils eine Freibergerin war und der Vater ein Esel. Wie im richtigen Leben. Die heißen Fränzi und Gritli.« Sie lachte.

»Und der da?« Luise wies auf den weißen Hund, dem eine rosa Waschlappenzunge aus dem Hals hing.

»Raffaelo. Man kann auch Raffi zu ihm sagen. Ist gar nicht meiner, er war plötzlich auf der Alm. Wahrscheinlich ist er über den Sattel gekommen, aber keiner weiß, wo er ursprünglich herstammt. Kein Chip, keine Marke, kein Nix.«

»Enchantée, Raffi«, sagte Luise. Augenblicklich warf sich der Hund auf den Rücken und ließ sich den lockenpelzigen Bauch kraulen.

»Ich hab schon gehört, dass du Tiere mitbringst. Wenn’s passt, sag ich einfach du?«, meinte Irmi, woraufhin Luise lächelnd nickte. »Dass es allerdings Esel und Mulis sind, hätte ich nicht gedacht«, fuhr Irmi fort. »Ich hätte eher Hühner oder so vermutet.«

»Mensch, die Kaninchen!« Luise eilte zu einer der Maultierdamen und hob die seitlich befestigten Körbe ab. »Nicht, dass die einen Hitzschlag bekommen.« Sie sah sich um, entdeckte den eingezäunten Bereich für die Hühner und kippte vier Zwergkaninchen mit Hängeohren hinein. »Gehören eigentlich meiner Enkelin. Kein Interesse mehr.«

»Seid ihr dann vollzählig?«, fragte Irmi belustigt.

»Momentan schon, aber man kann ja nie wissen, was so kommt.« Sie ließ sich wieder auf die Bank plumpsen. Anmut war nicht gerade ihr zweiter Vorname. »Hast du ein Bier?« Noch ein Felsbrocken, der Irmi vom Herzen fiel: Luise war keine Antialkoholikerin.

Irmi ging einige Stufen in einen Keller hinunter, der direkt neben der Eingangstür lag. Dort standen Bierkisten, genug für den Moment. Mit zwei Flaschen kam sie zurück.

»Glas?«, erkundigte sie sich vorsichtshalber.

»Madl! Natürlich nicht!«

Die beiden ließen die Flaschen zusammenklingen und tranken auf einen erfolgreichen Almsommer.

Irmi war am Samstag mit einer großen Erleichterung aufgestiegen. Ihr Herz hatte sich gehoben mit jedem Höhenmeter, der hinter ihr lag. Und es flog, als sie die Hütte zum ersten Mal betrat. Knapp sechzig Jahre hatte die Bäckenalm brachgelegen. Sie war verfallen, überwuchert, verkrautet gewesen – und nun im Rahmen eines Forschungsprojekts auferstanden wie Phönix aus der Asche. Den Neubau hatte man aus schweren Rundhölzern wie ein kanadisches Blockhaus errichtet, allerdings ohne ein hundert Meter entferntes Plumpsklo und einen kalten Brunnen vor dem Hüttentor. Stattdessen gab es hier Hüttenmoderne mit Solar- und Biokläranlage.

Irmi und ihre Mitstreiter sollten das tun, was man jahrhundertelang getan hatte: Sie sollten fünfundzwanzig Milchkühe hüten und Käse herstellen – alles im Dienst der Forschung. Der Almsommer hatte früher den Rhythmus der Bauernfamilien geprägt. Es war eine harte Arbeit gewesen, bei der man stark von den Naturgewalten abhängig war. Daher hatte man sich mit inständigen Bitten an den Herrgott gewandt, vor allem aber an Petrus, den Wetterköchler. Über Jahrhunderte war die Alm von Juni bis Ende September mit Leben erfüllt gewesen. Von den Bergweiden kehrte man am Ende des Sommers zurück ins Tal – beim Almabtrieb, der in der Schweiz Alpabfahrt oder Alpabzug und im Allgäu Viehscheid heißt. Voller Demut und Dankbarkeit darüber, gesund geblieben zu sein. Die Kühe wurden mit Kränzen geschmückt, in die man oft einen Spiegel gab, um die bösen Geister zu erschrecken und in die Flucht zu schlagen. Die aus Latschen, Vogelbeerzweigen, Silberdisteln, Enzian, Erika und Bärlapp gewundenen Kronen waren für die Touristinnen ein Grund, ihre Oktoberfestdirndl anzulegen und »Süß!« zu quieken. Für einen Hirten bedeutete der aufwendige Schmuck der Tiere jedoch viel mehr. Damit präsentierte er die Arbeit des Sommers auf der Alm, an deren Ende er den Besitzern im Tal saubere, gut genährte, gesunde Kühe übergeben wollte.

Als das Rumoren in Irmis Innerem begonnen hatte, war es Januar gewesen. Sie hatte vor dem düstersten Abgrund ihres bisherigen Berufslebens gestanden. Bodenloses Schwarz, ein Kriminalfall, der sie mehr gepackt und ihre Emotionen stärker durcheinandergewirbelt hatte als jeder andere zuvor. Ein totes Kind, ein zerbrechliches kleines Mädchen – dieses Bild stieg immer wieder in ihr auf. Was mit kurzen Nadelstichen begonnen hatte, mit einem Schmerz, der auch wieder nachließ, war schließlich zu einem ständigen Bohren geworden, als ihr Bruder verkündet hatte, er werde heiraten. Und das mit fünfzig Jahren! Ausgerechnet ihr kleiner, meist unbeweibter eigenbrötlerischer Bruder, Bernhard, der überzeugte Junggeselle! Sie gönnte ihm seine Zsofia von Herzen, wünschte den beiden alles Glück der Erde, Liebe, Lust, Vertrauen, Stille und Gespräche, von ihr aus sogar noch ein Kind. Aber was sollte mit ihr geschehen? Konnte und wollte sie unter diesen Umständen auf ihrem gemeinsamen Hof wohnen bleiben? Was würde ihre Rolle sein? Auf einmal hatte sie sich überflüssig gefühlt, überflüssig wie ein Kropf.

Also hatte sie angefangen, nach einer Lösung zu suchen oder wenigstens nach einem Ort, wo sie in Ruhe darüber nachdenken konnte, wie es weitergehen sollte. Sie brauchte Abstand, zumindest für eine gewisse Zeit. Irmi war keine Frau für einen Rucksacktrip um die Welt. Und erst recht nicht für eine Kreuzfahrt. Sie war ein Madl aus den Bergen und für die Berge. Schon bald stand fest: Ein Almsommer war für sie der einzig vorstellbare Fluchtweg.

Als sie begann, sich zu informieren, wurde ihr schnell klar, dass viele auf die Alm wollten, die meisten beseelt von Aussteigerromantik. Und es war gar nicht so einfach gewesen, eine passende Alm zu finden. Umso reizvoller, ja aufregender war die Offerte erschienen, an einer Projektalm mitzuwirken. Zusammen mit einer zweiten Sennerin und begleitet von einem Doktoranden der ANL, der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege. Der junge Wissenschaftler würde auf der Alm insbesondere zwei Fragestellungen untersuchen. Zum einen interessierte ihn, wie Kühe aus einem Laufstall im Unterallgäu zurechtkommen würden, die quasi als Gastgraserinnen angeheuert wurden. Würden sie sich im wahrsten Sinne des Wortes durchbeißen? Die zweite Fragestellung sollte lauten: Was für einen Einfluss hatte das Gras der Almwiesen auf die Milchqualität? Und gab es bei der Milch Unterschiede zwischen den Hornträgerinnen und den Kühen ohne Horn? Ein weiterer junger Forscher wollte untersuchen, ob die Almmilch von horntragenden Kühen für Allergiker besser verträglich war. Dazu würde er öfter hier oben vorbeikommen, um sich Milchproben abzuholen. Es würde spannend werden, und schon jetzt war Irmi klar, dass man sich mit solchen Fragen auf einen verminten Boden der Ideologien begab. Doch das schreckte sie nicht.

»Sag mal, wann wollte eigentlich unser junger Wissenschaftler dazustoßen?«, fragte Luise, nachdem sie eine Weile faul in der Sonne gesessen hatten. »Schließlich sind wir ja so was wie Laborratten. Ich hoffe nur, wir müssen am Ende des Versuchs nicht im Dienst der Forschung sterben.«

»Das hoffe ich allerdings auch«, meinte Irmi lächelnd. »Heute oder morgen wollte der junge Forscher kommen. Aber um ehrlich zu sein, mache ich mir weniger Sorgen um uns als um die Kühe, die morgen hier eintreffen sollen.«

»Du glaubst, die schwäbischen Holsteinerinnen brechen sich die Haxn?«

»Das auch, aber mehr noch fürchte ich, dass wir alle Viecher mit schwersten Leberschäden verlieren.«

»Wie das?«

»In den letzten Jahrzehnten sind hier auf dem Almboden vor allem Sauerampfer und Huflattich gewachsen, aber auch Eisenhut und Jakobskreuzkraut. Kreuzkraut ist ein virulentes Zeug, das kommt immer wieder. Wir werden unter anderem die Weiden abgehen und Kreuzkraut rupfen müssen, wo wir es sehen. Aber nur mit Handschuhen. Die Pflanze ist auch für Menschen giftig. Und für Equiden erst recht.« Irmi warf einen Blick auf die Mulis.

»Aber fressen die das denn?«

»Ohne Blütenstand schon, insbesondere die jungen und unerfahrenen Tiere.«

»Mir war ja klar, dass das kein Spaziergang wird«, meinte Luise. »Aber in der Nachbarschaft, in der Nähe der Brunnenkopfhäuser, gibt es doch noch eine Art Projektalm, oder? Wie machen die das denn?«

»Anderer Bewuchs. Weniger Giftpflanzen, hat man mir gesagt. Da wurden auch nur fünf Murnau-Werdenfelser aufgetrieben. Die Fragestellungen der Wissenschaftler drüben richten sich mehr auf Bodenqualität, Wasserhaltevermögen und Biodiversität.«

»Die Biodiversität schwindet vermutlich, wenn eine Alm brachliegt und nicht beweidet wird«, sagte Luise. »Dabei hat es diese Alm schon ewig gegeben, oder?«

»Fast«, entgegnete Irmi. »Ich hab ein bisschen nachgelesen. Die Alm wurde 1405 erstmals erwähnt, und 1480 gab es schon den ersten Zoff oben am Sattel. Die Ettaler und die Schwangauer hatten regelrechte Weidekriege.«

»Ich hab auch ein bisschen gestrebert«, sagte Luise mit einem Lächeln. »Die Bäckenalm galt lange als perfekte Alm, mit gutem Wasser und einer geschützten Lage in einem nach Osten geöffneten Kessel.«

Irmi nickte. »Und stell dir vor, es gab mal eine Idee, die Queralpenstraße von Ettal nach Füssen durchs Sägertal über den Bäckensattel zu bauen.«

»Komm! Das ist ja komplett irre!«

»Das war die Mentalität damals. 1927 gab es doch schon Pläne für eine Straße vom Bodensee bis zum Königsee.«

»Gottlob wurde ja nur ein Bruchteil davon realisiert. Wann wurde die Bäckenalm überhaupt endgültig aufgelassen?«

»Ich glaube, um 1960 herum war hier Schluss mit der Almwirtschaft. Wie auf vielen anderen Almen auch. Der Ruf von Fendt, Schlüter und Kramer wurde lauter, und es gab allmählich keine Mägde und Knechte mehr. Die Landwirtschaft begann sich zu ändern. Damals glaubte man, zum Guten. Was uns an den Ausgangspunkt zurückbringt. Die vielen verschiedenen Kleesorten und Rispengräser haben wenig Chancen gegen den Sauerampfer hier bei uns.«

Im Nachhinein fiel ihr auf, dass sie »bei uns« gesagt hatte. Erstaunlich schnell hatte sie sich mit der Alm identifiziert und Luise in ein gemeinsames Wir integriert.

»Aber noch mal zu dieser anderen Alm. Wer steht denn hinter der ganzen Sache?«, wollte Luise wissen.

»Das läuft über das SUSALPS-Projekt. Ein Landwirt aus der Schöffau hat seine Tiere zur Verfügung gestellt. Ein cooler Typ ist das, der auch bei anderen Beweidungsprojekten mitmacht. Und das Ganze wird meines Wissens begleitet vom Campus Alpin, der Uni Bayreuth, der TU München und noch ein paar Behörden. Die Situation drüben ist auch insofern anders, als die Alm sozusagen im Schlund des Wandertourismus liegt. Unsere Alm ist etwas ab vom Schuss, und wir haben die kompliziertere Aufgabe, zwei Herden zu betreuen. Eine mit Holsteinerinnen aus dem Unterland und eine Herde mit behornten Kühen aus dem Oberland. Die gehört einem Heumilch-Landwirt, der zwar konventionell wirtschaftet, aber eben nur Heumilch erzeugt. In jedem Fall wird alles dokumentiert werden.«

»Na, da werden die Hänge ja nur so widerhallen von universitärem Gequatsche«, bemerkte Luise grinsend.

»Kein Faible für Akademiker?«

»Och, das würd ich so nicht sagen. Es gibt saudumme Professoren und clevere Maurer und das Ganze vice versa. Kommt auf den Menschen an. Sag, was hast du eigentlich vorher gemacht?«

»Kripo Garmisch, Hauptkommissarin.«

Luise pfiff durch die Zähne. »Na, dann bin ich ja in besten Händen.«

»Und du?«, fragte Irmi.

»Dies und das. Kein stringenter Lebenslauf – muss ich zugeben. Zwischendurch bloß mal Hausfrau. Zuletzt war ich Landrätin.«

»Was?«

»He! Du schaust mich an, als hätte ich Cholera. Oder BSE. Oder Schweinepest. Landrätin ist ein ehrbarer Beruf! Ich war eine von nur fünf Frauen in Bayern. It’s a man’s world, das weißt du ja sicher auch.«

»Echt nur fünf?«

»Ja, von einundsiebzig Landräten insgesamt in Bayern.«

Eine Landrätin auf der Alm, das war ja großartig!

»Hast du selber, also bist du freiwillig … oder abgewählt oder …«

»Mensch, Frau Hauptkommissarin, bring ich dich so aus dem Konzept? Ich habe nach zwei Legislaturperioden eine weitere abgelehnt. Zehn Jahre reichen. Mir sind dann auch die Dirndl ausgegangen!« Sie lachte hell.

»Wie viele hast du?«

»Acht oder so. Aber viele Schürzen. Du kannst ja nicht an zwei Tagen hintereinander dasselbe anhaben. Andererseits darfst du auch nicht zu prunkvoll rüberkommen, das wäre dann Putzsucht. Zu wenige Dirndl aber wirken ärmlich. Ein rechter Affentanz. Ein Mann hat dauernd denselben Trachtenanzug an, das stört keinen.«

»Und die Männer? Wie war die Akzeptanz?«

»Weißt du, ich bin ja kein Häschen. Wenn du eins sechzig groß bist und eine Zuckerpuppe, wird es schwerer. Ich hab gewichtige achtzig Kilo. Vielleicht auch mehr. Bestimmt sogar. Ich wiege mich schon seit vielen Jahren nicht mehr. Und ich hatte den großen Vorteil, dass ich bei Frauen beliebt war, weil die in mir keine Konkurrenz gesehen haben.«

Irmi lachte. Das passte zu ihren eigenen Erfahrungen. Es kränkte sie immer ein wenig, bohrte in der Seele. Geliebt von den Frauen, weil sie keine Gefahr für deren Männer darstellte?

»Und dann weiht man Straßen ein und schneidet Bänder durch? Geht zu jedem Leonhardiritt? Zu jedem Trachtenumzug und Schützenfest?«

»Es kommt auf die richtige Dosierung an. Mein Vorgänger war nie irgendwo zu sehen, das wurde ihm negativ ausgelegt. Wofür zahlen wir den eigentlich?, hieß es dann. Ich war schon sehr präsent, aber zu viel ist auch schlecht. Ich hab immer genau hingesehen: Ah, diese Woche war ich schon dreimal in der Zeitung, das ist zu viel. Und im Festzelt, ich sag es dir! Du wirst das kennen, das Antikorruptionsgesetz. Du darfst dich nicht einladen lassen. Am liebsten waren mir Veranstaltungen, wo ich erst am Nachmittag kommen musste. Da hab ich mir einen Kaffee geholt und einen Kuchen – und den selber bezahlt.«

»Ja, Bestechung steht schnell im Raum«, stimmte Irmi zu. »Aber nervt das nicht, wenn man dauernd in der Öffentlichkeit steht?«

»Na ja, ich bin ja kein Popstar oder Fußballer.« Sie gluckste. »Wusstest du eigentlich, dass die meisten nur wegen des BayWa-Balls Landrat werden?«

»Wegen was?«

»Der BayWa-Ball auf der Grünen Woche! Wenn man zu den erwählten dreitausend gehört, die eingeladen werden, dann ist man stolz. Der Landrat eures Landkreises jedenfalls ist ein Grüne-Woche-Junkie. Der findet immer ein Zelt, wo man bis viere in der Frühe sitzen kann. Und ich glaub, der fiebert jedes Jahr dem nächsten BayWa-Ball entgegen!«

Irmi grinste. BayWa-Ball! Allein der Klang. Der aufdringliche Geruch der Bayern-Bourgeoisie.

»Und du nicht, Luise? Kein Junkie?«

»Nö.«

»Das glaub ich dir. Und deine Partei? Nachtschwarz wie Bayern, kackbraun wie Trachtenhüte?«

»Nein, frei wie Freie Wähler. Frau Sheriff, Sie sind bayerische Staatsbeamtin, was für schwarzmalerische Reden. Sie sind ein Glied in der Kette der …«

»Ja, verschon mich mit Gliedern. Mein Chef ist ein spaßfreier, arroganter Altmacho. Den einige Monate los zu sein ist das große Los.« Irmi prostete Luise zu. »Hoffen wir, der junge Wissenschaftler ist kein eingebildeter Egomane.«

»Och, der ist jung. Den erziehen wir uns schon.«

Luise hatte in den Packtaschen der Mulis allerlei Gewürze und Zutaten transportiert. Jetzt kochte sie Spaghetti Aglio e Olio mit einem Salat, der bei jedem Gourmetitaliener hätte serviert werden können.

»Meine Tochter ist mit zwölf Vegetarierin geworden und mit achtzehn Veganerin«, bemerkte sie. »Da hast du genau zwei Möglichkeiten. Entweder leidest du an dem ewig öden Tofu, oder aber du lernst, wie man Geschmack an Seitan und Co. bekommt. Ich bin ganz schlecht im Leiden, also hab ich eben gelernt. Nur eins darfst du hier nicht erwarten: Hendl. Als Landrätin hab ich in meinen politischen Festzeltjahren definitiv den Hendlbedarf eines ganzen Lebens abgedeckt!«

Irmi lehnte sich zurück. Die Frau war ein Segen. Konnte sogar kochen. Raffi hatte sich mittlerweile eine fette Maus besorgt, die er zu ihren Füßen verzehrte. Nicht lange allerdings, denn von irgendwoher flogen Irmis Kater heran. Ihr Fauchen war das zweier feuerspuckender Drachen, gewaltige Zähne wurden gefletscht. Der Hund floh mit eingeklemmtem Schwanz, was bei seinem Ringelbüschel besonders kläglich aussah.

»Hoppala«, sagte Luise, »die zwei kenn ich noch gar nicht.«

»Kater und der Kleine heißen sie. Zu gscheiten Namen hat es nie gereicht«, meinte Irmi, und noch ein Felsbrocken von der Größe des Geiselsteins fiel ihr vom Herzen.

Sie hatte ihre Kater mitgebracht und versucht, sie am ersten Tag in der Hütte einzusperren. Was völlig misslungen war. In martialischem Chorgesang hatten sie die Wände angeschrien und an den neuen Holzbohlen gekratzt. Schließlich hatte Irmi aufgegeben und sich gesagt, die beiden könnten ja eigentlich nirgends hin, und sie wüssten ja, wo ihre Futternäpfe stünden. Sie wagte nicht zu glauben, sie würden ihretwegen zurückkommen. Die Kater erkundeten ihre Umgebung und kamen natürlich wieder, lagen auf der Bank vor dem Haus, träumten in die Sonne hinein. Ein Idyll. Dann war Raffi aufgetaucht, und Irmis Magen hatte Feuer gespien. Was, wenn der Hund …? Doch auch in dieser Hinsicht war schnell Entwarnung. Der Kleine hatte dem Hund kurz eine Scharte über die Nase gezogen – und der Kas war gebissen gewesen. Das würde sich alles einspielen hier oben.

Luise lachte hell. »Kein kluger Hund legt sich mit einer Katze an, und der Raffi ist doch ganz klug, gell, Raffi?«

Der Hund kam langsam und in weitem Bogen wieder, vorbei an den Feuerspeiern, und ließ sich den Wanst kraulen.

»Was bist du eigentlich für einer?«, fragte Luise.

»Spitz«, erklärte Irmi. »Deutscher Mittelspitz. Witwe Bolte und Kneipp hatten ihn. Die Queen auch. Auf den Bauernhöfen stirbt er aus, diese Rasse will keiner mehr. Dabei sind die wirklich spitze. Man hat jetzt lieber irgendwelche Modehunde. Labradoodle und so.« Dass ihr Bruder nicht nur eine brandneu geehelichte Frau, sondern auch eine kleine Chihuahuadame hatte, war allerdings einem von Irmis Kriminalfällen zu verdanken und nicht Bernhards Vorliebe für Schoßhündchen.

»Na, dann haben die doch alle dasselbe Hobby«, meinte Luise. »Spitze sind Ratten- und Mäusefänger, das ist ihr Job. Wir hatten mal einen Mittelschnauzer. Das sind auch gute Mäusejäger.« Sie lachte. »Unserer mochte nur leider keine Türken. Jedes Mal, wenn er dunkelhaarige, leicht exotisch aussehende Männer mit dickem Schnauzbart erblickte, ist der völlig durchgedreht. Geht natürlich gar nicht in der Politik. Politisch ziemlich inkorrekt.«

»Und deshalb hast du ihn weggegeben?«

»Nein, er starb friedlich im Garten, nachdem die Familie fast an Atemnot verendet wäre. Seine Altersflatulenz hat uns beinahe umgebracht!«

Sie lachten beide schallend, und Luise zauberte noch einen Willi hervor. Das Almleben versprach gut zu werden. Schließlich stand Luise auf und brachte ihren Langohren je einen Gutenachtapfel. Die Hütte umgab ein Holzzaun, der etwa fünftausend Quadratmeter umschloss. Auf der Ostseite befand sich der Melkstall, auf der Westseite gab es einen Paddock mit einem Unterstand, wo man notfalls kranke Tiere separieren konnte. Irmi und Luise waren sich einig, dass man die vier Langohren am besten im Hofbereich belassen sollte, zum Eingewöhnen, bis die Kühe da waren.

Es war zehn, als sie zu Bett gingen. Irmi schaute hinaus in die Berge, wo der Tag wegdunkelte und die Sterne herauffunkelten. Ihr Herz war leicht, und doch war da Unbehagen. Morgen sollten die Kühe aufgetrieben werden. Hoffentlich ging das alles gut. Außerdem würde Irmi fürs Käsen verantwortlich sein. Sie hatte einen Kurs in Kempten besucht und festgestellt, dass die Kunst des Käsens viel mit Gespür und mehr noch mit Erfahrung zu tun hatte. Und mit dem richtigen Timing. Man musste die Festigkeit der Dickete abschätzen und entscheiden, wann der Käsebruch die richtige Konsistenz zum Abfüllen in die sortentypischen Formen hatte. Viele Probestücke waren verunglückt.

Es war vier, als Geräusche sie weckten. Man hörte Rumpeln und Raffis Bellen, das sich überschlug. Irmi griff sich ihre Stirnlampe, stürmte die Treppe hinunter und hinaus, wo Luise schon versuchte, ihre galoppierenden Mulis zu beruhigen. Die beiden Esel hingegen standen wie Statuen da, jede Körperfaser gespannt. Irmi hatte einen langen Moment Angst, das eine Muli würde den Zaun überspringen, aber dann stand es endlich still mit bebenden Flanken.

»Scheiße!«, sagte Luise leise.

Irmi lief in den Unterstand, der eine Futterkammer besaß. Sie packte einen Eimer mit Karotten voll und brachte ihn zu Luise. Allmählich scharten sich die Tiere um die beiden Frauen und kauten Karotten, einzig das völlig aufgelöste Muli riss immer wieder den Kopf hoch. Irmi sah in seine Augen. Das war ein Tier, das weit mehr als ein Gespenst gesehen hatte. Irmi war nie ein Fan von Pferden gewesen, sie hatte keine mädchentypische Reitkarriere durchlaufen. Pferde ließen sie kalt, aber in diesem Moment schob das Muli seine Samtschnauze ganz vorsichtig an ihrem Ohr entlang, und der schwere Kopf ruhte auf Irmis Schulter. Das Tier bebte noch immer und schien um Hilfe zu bitten. Irmi bekam feuchte Augen und begann, irgendwas Beruhigendes zu murmeln. Als sie zu Luise hinübersah, stellte sie fest, dass auch in deren Augen die Tränen standen. Auf einmal nahm das Maultier die erste Karotte und sabberte über Irmis Oberweite. Die beiden Frauen mussten lachen. Es hatte etwas Befreiendes. Tränen, die sich mit Lachen mischen, sind etwas ganz Besonderes, denn aus ihnen kann etwas Heiteres und Großes erwachsen.

Schließlich warfen sie Heu in den Unterstand. Irmi brachte Raffi Wasser, denn auch der Hund war völlig von der Rolle. Der Tag blaute schon herauf, als sie sich auf die Bank vor der Hütte sinken ließen. Luise hatte Kaffee gemacht. Sie schwiegen lange.

»Was war das?«, fragte Irmi irgendwann.

»Die Midgardschlange, der Tatzelwurm, ich weiß es nicht.« Luise suchte Irmis Blick. »Fränzi stand schon im Schlachthof, als Tierschützer sie im letzten Moment herausholten. Sie hätte Bündner Fleisch werden sollen. Maultiere gelten eigentlich als ganz cool. Fränzi ist da anders. Sie hat viel mehr vom Pferd als vom Esel. Ich glaube, sie hat dich ausgesucht. Du hast nun eine Freundin fürs Leben.« Da war kein Pathos in Luises Stimme, und Irmi verstand sie. Da war etwas Göttliches zwischen ihr und dem Tier gewesen.

»Hoffentlich erweis ich mich als würdig«, sagte Irmi leise. »Ich habe keine Ahnung von Pferden oder gar Mulis. Bisher haben die mir gar nichts gesagt.«

»Das macht nichts, Fränzi hat Ahnung von Menschen«, sagte Luise. Sie hatte Raffi auf dem Schoß, der inzwischen wieder ruhiger geworden war.

Der Morgen wurde immer heller. Das war gut. Licht vertrieb Gespenster und Vampire.

»Was war das nur heute Nacht?«, murmelte Irmi vor sich hin. Dann stand sie auf, ging am Zaun entlang und stutzte. Da waren Pfotenabdrücke, die zu groß waren für Raffi. Sie machte ein paar Fotos.

Luise war hinterhergekommen. »Spurensicherung, Frau Kommissarin?«

Irmi verzog das Gesicht.

»Der Hund der Baskerville? Dartmoor im Ammergebirge?«

»Ich bin keine Fachfrau für Spuren. Ein großer Hund, das könnte sein.«

»Bruno is back?«

»Ich glaube, Bären haben andere Tatzen, und es dürfte sich in Bärenkreisen herumgesprochen haben, dass Bayern kein gutes Pflaster für Raubtiere ist.«

Die beiden Frauen standen noch da und starrten die Spuren an, als Raffi plötzlich wieder anschlug und bergwärts rannte. Wenig später tauchte eine Silhouette auf, von Raffi umtanzt. Die Silhouette materialisierte sich. Ein junger Mann kam näher, der einen gewaltigen Rucksack trug.

»Der frühe Vogel?«, bemerkte Luise lächelnd.

»Stimmt schon, ich bin ein Morgenmensch. Aber ein Nachtmensch eigentlich auch. Ich brauch nicht viel Schlaf«, erklärte der junge Mann, der sich als Tobias Altendorf vorstellte, Doktorand von der ANL.

Er war groß, sicher eins neunzig, und sehr schlank. Seine braunen Augen blickten wach in die Welt, auch wenn ein Großteil seines Gesichts mit einem dunklen Bart zugewuchert war. Schon seit zwei, drei Jahren hoffte Irmi, dass sich die Bartmode wieder ändern würde. Aber sie musste den jungen Mann, der wohl Ende zwanzig oder höchstens Anfang dreißig war, ja nicht mehr gut finden. Ins Beuteschema seiner Generation passte er sicher. Er wirkte in jedem Fall sympathisch.

»Und Sie beide? Auch schon wach?«

»Ihr beide«, korrigierte Luise. »Sonst fühl ich mich ja noch älter. Ich bin Luise …«

»Und ich bin Irmi.«

»Alles klar«, sagte Tobi und sah aus, als wäre er erleichtert, dass sich die beiden Frauen als nicht allzu kompliziert herausgestellt hatten. »Und ihr, was macht ihr gerade?« Sein Blick fiel auf den Boden.

»Wir hatten Besuch. Eines meiner Maultiere ist komplett durchgedreht. Der Hund auch«, sagte Luise.

Tobi ließ den Monsterrucksack zu Boden gleiten und kniete nieder.

»Hmm, könnte ein großer Hund gewesen sein. Diese Abdrücke sind sehr regelmäßig geformt und länglich, die dicken Krallen deutlich zu erkennen. Vorderpfoten etwas länger und breiter, Hinterpfoten etwas kürzer und schmaler. Und dann der geschnürte Trab. Füchse laufen so.« Er verzog das Gesicht. »Wölfe auch.«

»Ein Wolf? Du glaubst, das war ein Wolf?« Louise starrte ihn an.

»Die Wissenschaft glaubt nicht. Sie setzt auf Empirik. Für mich sieht es aus wie eine Wolfsspur, aber ich bin kein Experte. Ich würde das nachher mal ausmessen, für den Moment wäre ein Kaffee großartig. Ginge das?«

Er nahm den Rucksack auf, und sie gingen gemeinsam zur Hütte. Irmi zeigte Tobi sein Zimmer, Luise machte mehr Kaffee.

     2

Schließlich saßen sie alle in der weichen Morgensonne vor der Hütte. Der Kaffee tat gut, denn es war noch kühl. Irmi trug einen dicken Fleecepulli zu ihrer Schlafanzughose. Nicht gerade sexy, aber schließlich war sie aus Tobis Beutejahrgang eindeutig herausgewachsen, und außerdem schien er nicht gerade der Typ zu sein, der sich viel aus Optik machte.

»Wann habt ihr den Wolf denn gehört?«, fragte Tobi.

»Wenn es einer war. Das wissen wir ja noch nicht«, betonte Irmi.

Luise lächelte. »Das ist eine Kriminalkommissarin, die bezweifelt erst mal alles.«

»Echt?«, fragte Tobi beeindruckt.

»Ganz echt. Und die da«, Irmi wies auf Luise, »war mal Landrätin. Die können ewig reden, nichts sagen und dabei empathisches Interesse heucheln. Dabei denkt sie längst darüber nach, dass sie vergessen hat, zu Hause die Waschmaschine auszuräumen, dass ihre Strumpfhose zwickt und dass sie ekliges Sodbrennen hat.«

»Warst du auch mal Landrätin?«, konterte Luise grinsend.

Sie lachten alle drei.

»Also gut, wann habt ihr den unbekannten Besucher gehört?«, fragte Tobi.

»Gegen vier.«

»Das ist die Stunde der Wölfe, die Zeit der meisten Selbstmorde, die Zeit, in der die meisten Anrufe bei der Telefonseelsorge eingehen und in der Nachtarbeiter die meisten Unfälle bauen. Biologisch gesehen, ist das die Geisterstunde, in der das Lichtwesen Mensch das meiste Melatonin produziert. Es ist sein Tiefpunkt, seine Angstzeit«, sagte Tobias ernst. »Gab es nicht doch Wolfssichtungen im Ammergebirge?«

»Ja, aber soweit ich weiß, untersuchen die gerade den Urin, machen DNA-Proben. Da ist nichts erwiesen. Angeblich gibt es Bilder von ein paar Wildkameras. Und angeblich sind es zwei männliche Jungwölfe. Aber ich glaube, das ist alles Panikmache«, sagte Irmi, ohne selbst ganz überzeugt zu sein.

»Na ja«, sagte Tobi. »Wir sind ja in Bayern groß darin, Dinge zu leugnen, die offensichtlich sind. Die drei Affen wurden wahrscheinlich in Bayern erfunden. Aber der Wolf ist längst da.« Er zog sein Smartphone aus der Hosentasche und tippte rasch darauf herum. »Ich habe hier nur die Zahlen des Monitoringjahrs 2016/2017. Da gab es in Deutschland insgesamt sechsundsiebzig Wolfsterritorien. Nachgewiesen waren sechzig Rudel, dreizehn Paare und drei Einzeltiere. Mit zweiundzwanzig Rudeln und drei Paaren lebten die meisten davon in Brandenburg. Die Zahlen werden seitdem eher gestiegen sein.«

»Das ist ja ganz schön viel.« Irmi sah ihn überrascht an. »Für die meisten ist der böse Wolf doch ein Begriff aus dem Märchen: der Wolf, der die sieben Geißlein fressen will und Rotkäppchens arme Omi. Auch die Gebrüder Grimm haben dem Wolf meines Erachtens keinen Gefallen getan.«

»Richtig«, stimmte Tobi ihr zu. »In Geschichten ist es immer der böse, grimmige, reißende, wütende Wolf. Es gibt keine lieben Wölfe. Allerdings sollten wir uns auch bewusst machen, dass Wölfe früher eine reale Gefahr darstellten, wenn man durch wilde Wälder streifte.«

»Da hätte ich eher vor dem Räuber Hotzenplotz Angst gehabt«, behauptete Luise. »Ihr glaubt also wirklich, ein Wolf hat uns besucht?«

»Deine Mulis waren schon sehr echauffiert, oder?«, meinte Irmi. »Wenn Tiere so panisch reagieren, müssen sie doch einen Grund haben.«

»Die Viecher sind allerdings zu groß, als dass sie ins Beuteschema eines Wolfs passen würden«, bemerkte Tobi. »Der Hund hat gebellt, was aber auch kein Wunder ist, denn der Wolf mag keine Hunde. Ebenso wenig wie Menschen übrigens. Seit im Jahr 2000 ein Wolfspaar in Sachsen das erste Wolfsrudel in Deutschlands freier Wildbahn seit der Ausrottung begründet hat, gab es noch keine einzige Situation, in der sich ein Wolf aggressiv gegenüber einem Menschen verhalten hätte. Der Mensch steht beim Wolf nicht auf der Speisekarte!« Tobi dachte kurz nach. »Zumindest nicht der erwachsene Mensch.«

»Schön. Ich bin eh zu fett und zu zäh«, erwiderte Luise und wechselte recht abrupt das Thema. »Wann kommen denn nun die Kühe?«

»Im Lauf des Vormittags. Sie werden, soweit es geht, mit Transportern am Sägertalbach entlangfahren. Wahrscheinlich bis unter die Diensthütte. Ab da werden sie gehen müssen«, berichtete Tobi.

»Und wo bist du eigentlich hergekommen, Tobi?«, wollte Irmi wissen.

»Ich bin gestern mit dem Radl auf die Kenzenhütte, hab da übernachtet und bin gelaufen, schnell über den Sattel.«

»Eine schöne Morgentour«, bemerkte Irmi.

»Ja, es war sehr schön. Wenn es morgens allmählich dämmert, wenn die Berge aus dem Schwarz auferstehen, das liebe ich. Aber der Weg war viel zu kurz.« Er lächelte.

Tobi richtete sich in seinem Zimmer ein. Er hatte sogar ein Satellitentelefon dabei, wobei das Handynetz recht passabel war, besser als bei Irmi am Hof. Der junge Mann hatte mehrere Laptops dabei und jede Menge Karten.

Irmi ging los, um die Tränken zu kontrollieren. Sie hatte in den ersten beiden Tagen hier oben Hilfe beim Setzen der Zäune gehabt. Die Alm war früher ohne Zäune ausgekommen, eben weil sie diese Lage im Kessel hatte, umstanden von hohen Wänden. Aber für das Projekt sollten die Kühe in jedem Fall kanalisiert und die Weideflächen bewusst gesteuert werden. Auch sollten die Steillagen nicht gleich zugänglich gemacht werden, denn die Unterlandkühe waren sicher nicht gut zu Fuß.

Es war halb elf, als sie Pfiffe hörten. Raffi preschte los, auf einen dürren hohen Mischling zu, der zwei Männer und ein kleines Mädchen begleitete sowie die Herde der behornten Kühe. Sie bestand aus fünf Murnau-Werdenfelsern, fünf Exemplaren Original Braunvieh, zwei Pinzgauern und drei Hinterwälder-Rindern, einer Rasse, die Irmi besonders interessierte. Aus dem Schwarzwald stammend, sehr robust und selten dazu. Die ganze Truppe, die hier soeben aufgetrieben wurde, bestand aus alten Landrassen, angepasst ans Leben in bergigen Gegenden. Mit harten Klauen, starken Gelenken, trittsicher, langlebig und bis ins hohe Kuhalter fruchtbar. Die Murnau-Werdenfelser mit Mehlmaul und Brille galten vielen als schönste aller Rassen, mit einem Herdbuch, das heute lächerlich klein war.

»Griaß eich, alles gut gegangen?«, fragte Irmi.

»Bestens«, meinte einer der Männer, der sich als Fritz Resle vorstellte. Er war Landwirt auf einem Hof im Graswangtal und mit Mitte dreißig noch relativ jung. Auf seinen Schultern saß sein etwa dreijähriger Sohn. Außerdem hatte er seine achtjährige Tochter dabei, ein Mädchen mit Affenschaukeln. Sie hatte herrliche Sommersprossen und rote Haare, eine kleine Pippi Langstrumpf war das.

»Ob’s die Holsteiner gut raufschaffen?«, gab Fritz Resle zu bedenken.

»Sind die denn schon da?«, entgegnete Tobi.

»Die Kühe sind schon ausgeladen worden. Sie sind momentan noch völlig verwirrt.« Der zweite Mann zuckte mit den Schultern.

»Ich geh denen mal entgegen«, sagte Tobi und stob davon.

Sie sahen ihm nach. Er rannte im Stil sehniger Bergläufer zu Tal. Fast schwebend.

»Gut zu Fuß, der Bursch«, bemerkte Fritz Resle. »Anders als die Kühe.«

»Ja, ich hab da auch meine Bedenken«, gab Irmi zu. »Wollt ihr erst mal tränken?«

Fritz Resle nickte, und sie ließen die Kühe auf die obere Weide, wo es eine neue Tränke gab. Nur einige Tiere tranken, zwei buckelten aus purer Lebensfreude gleich den Hang hinunter, und schon bald begannen alle zu grasen.

»Die Laurina, des is die gelbe Murnauerin, die kann sich eventuell etwas anstellen beim Melken«, erklärte Fritz. »Das gilt auch für die Grandezza, des is die braune mit der Blässe und dem krummen Horn. Auf die Elektra, die Hinterwäldlerin, die aa so hinterwäldlerisch schaugt, müsst ihr achten. Die ist etwas langsam, sehr rangniedrig, und ich glaub, auch etwas doof.« Er lachte.

»Na, die haben ja Namen!«

»Elegante Namen für echte Damen«, sagte Fritz. »Die Hanni hat euch eine Liste gemacht. Wo hast du die?«

Die kleine Pippi, die offenbar eine Johanna war, zog mit heiligem Ernst ein Blatt aus dem Kinderrucksack und entfaltete es zu einem Poster. Sie hatte jede Kuh gezeichnet, dabei ganz genau auf die Färbung geachtet und die Tiere mit dem Namen und mit allen Abzeichen versehen. Außerdem stand jeweils die primäre Charaktereigenschaft darunter: schnell, frech, ungeduldig …

»Und wer ist deine Lieblingskuh?«, fragte Luise.

»Die Elektra. Weil sie so doof ist. Auf die muss man schauen«, erklärte die erstaunliche kleine Hanni.

»Na, dann schau ich auf die auch ganz besonders«, meinte Luise. »Was hältst du von Schokokuchen?«

»Gut.«

»Und dein Bruder?«

»Der mag ihn auch. Der ist ein Vielfraß.«

»Kommt, dann holen wir welchen.«

Hanni und der kleine Fridolin folgten ihr in die Hütte. Luise war ein Füllhorn der Genüsse. Wo hatte sie denn nun wieder Schokokuchen her?

Die anderen nahmen auf der Terrasse Platz, es gab Käse und Speck, sie plauderten, und es verging sicher eine Stunde, bis die ersten Schwarzbunten in Sicht kamen. Langsam schoben sie ihre schweren Körper bergwärts, tastend waren ihre Schritte.

»Puh!«, sagte Luise. »Arme Mädels, ich kann euch das nachfühlen, wenn man zu fett ist und in die Berge gehen muss.«

Fritz grinste.

Sie waren übereingekommen, dass die zehn Unterlandkühe erst einmal einen Tag im Paddock verbringen sollten, um sich zu akklimatisieren. Irmi hatte dort Heu ausgelegt und hoffte, dass die Damen es annehmen würden. Sie hatten zur Vorbereitung bereits die letzten sechs Wochen mehr Heu bekommen und weniger Silage. Denn eigentlich waren das Hochleistungskühe, die von Silage und Kraftfutter lebten und deren Befindlichkeiten in Parametern auf dem Laptop des Bauern gespeichert waren.

Schließlich standen sie einfach nur da. Erschöpft, eine mit bebenden Flanken. Es wäre besser, wir hätten einen Tierarzt hier, dachte Irmi. Was nutzten eine Kriminalerin und eine Landrätin a. D. denn schon im Notfall?

»Haben die Namen?«, fragte Franzi.

»Nein, nur Nummern«, antwortete Tobi.

»Das ist aber arm«, sagte die Kleine.

»Gib ihnen doch Namen«, meinte Luise. »Und mal sie wie die anderen auch. Ich kann die ohne deine Hilfe eh nicht auseinanderhalten. Die sind für mich alle schwarz-weiß. Und gleich. Eher gleicher.«

Franzi lachte ein sonniges Lachen, und es wunderte Irmi schon nicht mehr, dass Luise auch Buntstifte vorrätig hatte. Die Namensgebung begann. Und es war Fritz, der einwarf, man müsse ihnen norddeutsche Namen geben. Am Ende gab es Svantje, Sveja, Svenja, Jule, Jette, Rieke, Frauke, Freia, Wiebke und Maike. Nicht nur die Namen Sveja und Svenja waren fast identisch, nein, die beiden Kühe sahen auch beinahe aus wie Zwillinge mit fast gleicher Zeichnung, wobei das kluge Kind sofort feststellte, dass Sveja einen längeren Schwanz habe und zudem eine breitere Blesse.

Hanni zog mit Luise, Fridolin und ihrem Onkel Lois – dem zweiten Mann – los, um die Bilder im Melkstall aufzuhängen. Tobi und seine zwei Kollegen von der Akademie, die mit den Kühen gekommen waren, saßen in der Stube und arbeiteten am Computer. Die beiden Hunde spielten. Irmi fühlte sich auf einmal leicht und schwer zugleich. Mit Kindern wie Hanni stand die Sonne im Zenit, der Mond lachte, und die Sterne applaudierten funkelnd. Mit der Aufgabe, die ihr in diesem Sommer bevorstand, hatte sie sich vielleicht aber doch überhoben. Hatte sie das Gewicht als zu leicht eingeschätzt?

»Sie ist reizend, deine Tochter«, sagte sie zu Fritz. »Und sie hat so viel Gespür.«

»Das hat sie von der Mama«, sagte er, und da lag eine tiefe Liebe in seiner Stimme.

Es gab sie noch, diese Familien, die auf dem festen Boden der Zuneigung Gerüste bauen konnten, die spielend in den Himmel reichten.

»Sie will Tierärztin werden, aber eine, die wenig operiert und viel mit Kräutern macht, hat sie gesagt«, fuhr er fort.

»Das schafft sie bestimmt«, meinte Irmi. »Sie wird alles schaffen.«

»Das glaube ich auch. Jetzt schon.« Fritz atmete tief durch. »Sie hatte einen ganz schweren Herzfehler. Wir waren zwei Jahre fast nur in der Klinik. Mit vier hatte sie noch eine OP.«

»Und jetzt ist alles gut?«

»Ja, Gott sei Dank. Und sie hat uns geholfen. Ohne diese Krankheit hätte ich vielleicht weitergemacht wie vorher. Also mit Vaters Landwirtschaft. Aber wir waren am Scheideweg. Die Frage stand im Raum, wie man mit dreißig Kühen im Vollerwerb leben kann. Wir waren uns auch sicher, dass wir der nächsten Generation nicht einen Berg von Schulden hinterlassen möchten durch dieses Höher-schneller-größer-Hamsterrad. Ich hatte noch einen Brotjob im Lagerhaus. Melanie, das ist meine Frau, arbeitet Teilzeit als Tierarzthelferin. Die Tage werden endlos lang: Stallzeit, acht Stunden Arbeit, Fahrzeit, wieder Stallzeit, schnelles, spätes Essen, wenig Schlaf. Das macht dich auf die Dauer krank. Ich wollte auch mal die Familie sehen. Die Kinder sollten mehr von ihrem Vater haben. Es kann alles so schnell vorbei sein.«

»Und deshalb habt ihr auf Heumilch umgestellt?«

»Ja, und erst mal Lehrgeld bezahlt. Heumachen ist, wie du sicher weißt, ein nervenaufreibendes Geschäft. Es braucht mindestens drei trockene, sonnige Tage, im Idealfall noch ein Lüftchen dazu.«

»Ja, die singenden Mägde hoch auf dem sonnenbeschienenen Heuwagen – das ist Romantik aus alten Schwarz-Weiß-Filmen. Diese Welt gibt es nicht mehr, und in Bayern ist es nicht umsonst so grün, es regnet halt viel. Meine Nerven liegen immer brach, wenn sich am Tag des Einführens ein Gewitter drohend heranschiebt. Mein Bruder und ich machen noch einen kleinen Teil Heu. Ich hasse es manchmal, so vom Wetter abhängig zu sein.«

»Ohne eine Heutrockenanlage geht es nicht«, meinte Fritz. »Aber du musst erst mal raushaben, mit wie viel Restfeuchte du das Grüngut in die Anlage gibst. Wir hatten eine steile Lernkurve, es gab genug Fehlschläge und sogar einmal die Verzweiflungstat, das Heu wieder auf die Wiesen zu verteilen. Die Nachbarn haben sich scheckig gelacht. Anfangs waren wir wie auf glühenden Kohlen, alle haben gemäht, bloß wir nicht.«

»Ich habe meinem Bruder auch schon öfter eine Umstellung angetragen. Mit Bio brauchst du ihm eh nicht zu kommen, aber Heumilch wäre für mich ein Kompromiss. Er meint freilich, die Milchleistung würde sinken.«