ZAHLBAR IN DER SCHWEIZ - Bill Knox - E-Book

ZAHLBAR IN DER SCHWEIZ E-Book

Bill Knox

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2021
Beschreibung

Was wie ein harmloser Urlauber-Konvoi quer durch Europa aussah, war in Wirklichkeit ein raffiniertes Unternehmen, bei dem heißes Geld in die Schweiz geschmuggelt werden sollte. Jonathan Gaunt, Ermittler beim schottischen Schatzamt, begleitete und beobachtete die Tour bis zum Genfer See, wo ein tödliches Finish auf ihn wartete...   Der Roman ZAHLBAR IN DER SCHWEIZ von Bill Knox (* 1928 in Glasgow; † März 1979) erschien erstmals im Jahr 1977; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte im Jahr 1978. Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

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BILL KNOX

 

 

Zahlbar in der Schweiz

 

Roman

 

 

 

 

Apex Crime, Band 263

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

ZAHLBAR IN DER SCHWEIZ 

Erstes Kapitel 

Zweites Kapitel 

Drittes Kapitel 

Viertes Kapitel 

Fünftes Kapitel 

Sechstes Kapitel 

Siebtes Kapitel 

 

 

Das Buch

 

Was wie ein harmloser Urlauber-Konvoi quer durch Europa aussah, war in Wirklichkeit ein raffiniertes Unternehmen, bei dem heißes Geld in die Schweiz geschmuggelt werden sollte.

Jonathan Gaunt, Ermittler beim schottischen Schatzamt, begleitete und beobachtete die Tour bis zum Genfer See, wo ein tödliches Finish auf ihn wartete...

 

Der Roman Zahlbar in der Schweiz von Bill Knox (* 1928 in Glasgow; † März 1979) erschien erstmals im Jahr 1977; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte im Jahr 1978.

Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

  ZAHLBAR IN DER SCHWEIZ

 

 

 

 

 

 

 

  Erstes Kapitel

 

 

Fasziniert sah Jonathan Gaunt zu. Der magere, blonde Mechaniker legte eine Hand auf den dröhnenden Motor auf dem Prüfstand. Die Augen hielt er fast geschlossen; ein Ausdruck angestrengter Konzentration lag auf seinem schmalen unrasierten Gesicht.

Die Umgebung war nicht eindrucksvoll. Der alte Schuppen war abbruchreif. Aus dem einzigen Fenster, mit zersprungener Scheibe, blickte man hinaus auf das träge, grüne Wasser eines Kanals. Jenseits lag eines von Edinburghs übelsten Mietkasernenvierteln.

Der Mechaniker hieß Dan Cafflin. Er war taubstumm, arbeitete allein und wies alle Aufträge ab, wenn er mehr Lust verspürte, zum Fischen zu gehen - was häufig vorkam. Doch Gaunt wusste, dass er in der schottischen Hauptstadt wahrscheinlich der beste Automechaniker war. Keiner konnte einen Motor so genau einstellen wie er. Mit seinen empfindsamen Fingerspitzen registrierte Dan Cafflin den Herzschlag der Maschine; ihm übermittelte jede Vibration eine individuelle Botschaft.

Und die Maschine, die auf dem Prüfstand lag, gehörte zu Jonathan Gaunts neuester Errungenschaft, einem kleinen, dunkelroten Chrysler, der am anderen Ende des Schuppens wartete. Gaunt sah Cafflin noch ein paar Sekunden zu, dann wandte er sich einem Mann zu, der soeben den Schuppen betrat. Es war ein korpulenter Mann im dunklen Anzug«.

»Hören Sie den Unterschied, Henry?«, fragte er enthusiastisch.

Henry Falconer, rechte Hand des Remembrancer, wie der noch gebräuchliche mittelalterliche Titel des Leiters einer der höchstqualifizierten Fachabteilungen des schottischen Finanzministeriums lautete, zeigte ein schwaches Lächeln, das alles Mögliche hätte bedeuten können. Dann winkte er Gaunt, ihm zu folgen.

Gaunt nickte. Er tippte Dan Cafflin auf die Schulter, gab ihm zu verstehen, dass er zurückkommen würde, und folgte Falconer aus dem Schuppen ins Freie. Falconer marschierte ihm voraus über das freie Gelände und blieb am Kanalufer stehen. Es war ein heißer, sonniger Sommertag, und das Wasser des Kanals stank nach faulendem Tang und schlimmerem.

»Samstagmorgen«, bemerkte Falconer missmutig, den Blick auf das schmutzige Kanalwasser gerichtet, »da sollte ich eigentlich auf dem Golfplatz sein. Menschenskind, sogar meine Frau hat begriffen, dass der Samstagmorgen zum Golf spielen da ist.« Stirnrunzelnd besah er seinen dunkelblauen Anzug. »Jeder Mensch muss mal seine Frustrationen loswerden - das weiß doch heute schon jedes Kind.«

Gaunt wartete, die Hände in den Taschen der Lederjacke, die er über einem weizengelben Sporthemd zur dunkelgrünen Hose trug. Auf der anderen Seite des Kanals watschelte eine Entenfamilie in Reih und Glied das Ufer entlang. Er beobachtete sie, während er darauf wartete, dass Falconer zum springenden Punkt kommen würde.

»Bei uns ist da eine kleine Sache auf getaucht, die erledigt werden muss«, bemerkte Falconer nach einem Moment des Schweigens. »Sie haben im Augenblick nicht allzu viel auf dem Hals.« Er blickte zum Schuppen hinüber, wo immer noch der Automotor brummte. »Wie lange dauert es, bis Ihr neues Spielzeug wieder zusammengesetzt ist?«

»Dan sagte mir, dass ich den Wagen morgen abholen kann.« Gaunt musterte Falconer aufmerksam. Gaunt war ihm direkt unterstellt. Und wenn Falconer am Samstagmorgen Dienstgeschäften nachging, so konnte das allerlei bedeuten. »Was ist es denn für eine Sache?«

»Ich möchte, dass Sie am Montag mit dem Auto in die Schweiz fahren«, erklärte Falconer, ohne auf Gaunts Frage einzugehen. »Genauer gesagt, der Remembrancer hat bestimmt, dass Sie fahren.«

»Fahren?« Gaunt riss verwundert die Augen auf. »Erlaubt das Budget keine Flugreise?«

»Sie fahren mit dem Wagen«, versetzte Falconer entschieden. »Sie werden sich verhalten wie ein Tourist auf Urlaubsreise, auf der Suche nach landschaftlicher Schönheit, Sonne und - äh - Sex auf Schweizer Art.« Er sah Gaunt an und grunzte. »Das dürfte Ihnen doch eigentlich nicht allzu schwerfallen.«

Jonathan Gaunt war Anfang Dreißig, hochgewachsen, kräftig gebaut. Wenn er überhaupt einen dunklen Anzug besaß, so hatte Falconer ihn noch nie darin gesehen. Er hatte ein schmales, etwas knochiges Gesicht und meist nachdenklich blickende graugrüne Augen. Das zerzauste helle Haar war für einen seriösen Beamten des Staates entschieden zu lang.

Er hatte überhaupt nichts von einem Beamten. Falconer sah das Grinsen um Gaunts Mund und fühlte sich gereizt.

»Glauben Sie ja nicht, dass das ein Honiglecken für Sie wird«, sagte er barsch. »Am Montag in aller Früh erfahren

Sie die Einzelheiten.«

»Aber Sie wissen sie jetzt schon.« Gaunt wusste, dass Falconer sich gern bitten ließ. »Na los, Henry, sagen Sie mir, worum es geht.«

»Es handelt sich um eine Angelegenheit, die uns von den Freunden beim Finanzministerium übergeben wurde«, erklärte Falconer jetzt beinahe väterlich. »Um einen Bruch der Devisenbestimmungen, angeblich Devisenschmuggel.«

»Große Sache?«, fragte Gaunt.

»Wahrscheinlich - wenn es kein falscher Alarm ist«, erwiderte Falconer gewissenhaft. »Wir - äh - wir sind uns da noch gar nicht sicher. Es ist aber möglich, dass wir auf eine großangelegte Geldwäsche-Operation gestoßen sind, auf eine Gruppe von Leuten, die lukrative Geschäfte damit macht, dass sie für ihre Kunden heiße britische Pfund ins Ausland bringt und sie auf einem Schweizer Konto in kühle Fränkli verwandelt.«

»Getreu dem angestammten Recht jedes britischen Steuerhinterziehers«, murmelte Gaunt.

»Genau. Aber gesetzwidrig.« Falconer starrte nachdenklich auf seine Armbanduhr. »Hm, ein paar Löcher könnte ich vor dem Mittagessen noch spielen, wenn ich jetzt gleich losfahre.«

»Wir sprachen von der Reise in die Schweiz, Henry«, erinnerte Gaunt ihn unnachgiebig. »Wohin geht sie denn überhaupt? Vielleicht will ich mir das mal auf der Karte ansehen.«

»Soviel ich weiß, handelt es sich um die Gegend um Montreux«, antwortete Falconer vage. »Das hat bis Montag Zeit. Ich – äh - ja, mit ein bisschen Glück kriege ich noch eine Partie hin.«

Er nickte Gaunt zu und ging davon zu seinem Wagen. Einen Augenblick später fuhr er ab.

Gaunt schnitt den Enten, die ins Wasser gegangen waren und jetzt an ihm vorüberpaddelten, eine Grimasse. Dann drehte er sich um und ging zum Schuppen. Dan Cafflin war immer noch in die Auskultation des brummenden Motors vertieft. Gaunt sah ihm einen Augenblick zu, dann schlenderte er zu dem Wagen hinüber, zu dem der Motor gehörte.

Er hatte den in England gebauten Chrysler Alpine eine Woche zuvor aus dem einfachen Grund gekauft, da sein Mini-Cooper nicht mehr mitmachte. Der Chrysler war größer, aber nicht zu groß. Gaunt hatte ihn zu einem erheblichen Preisnachlass bekommen, da er ein Vorführwagen gewesen war. Das war, angesichts Gaunts derzeitiger finanzieller Lage, sehr wichtig. Insbesondere da er für den Mini-Cooper noch weniger bekommen hatte, als er erwartet hatte.

Er hatte den Wagen direkt aus dem Ausstellungsraum zu Dan Cafflin gebracht, um ihn prüfen und einstellen zu lassen. Wie er allerdings bei seiner Bank aus den roten Zahlen wieder herauskommen sollte, war ihm vorläufig noch schleierhaft.

Das Brummen des Motors verstummte. Gaunt drehte sich um. Cafflin deutete einladend zu einer Thermosflasche mit Kaffee und zwei angeschlagenen Tassen. Sie teilten sich den Kaffee, dann kam Gaunt auf sein finanzielles Problem zu sprechen.

»Macht es Ihnen was aus, wenn ich erst Ende des Monats zahle, Dan?«

Dan, der ihm die Worte von den Lippen ablas, grinste und schüttelte den Kopf. Dann griff er zu einem Bleistiftstummel und kritzelte etwas auf einen schmierigen Block. Er zeigte es Gaunt.

»Länger?« Gaunt dankte ihm lächelnd. »Nein, das ist nicht nötig. Bis dahin schaffe ich es schon.«

Er hoffte es jedenfalls. Mit der Kaffeetasse in der Hand beugte er sich über den Motor.

Dan Cafflins Methode, einen Motor einzustellen, lief einfach darauf hinaus, dass hier ein geschickter Handwerker sich ein Fließbandprodukt vornahm und es verbesserte. Brachte man ihm einen Motor, so nahm er ihn völlig auseinander, polierte und schliff dann jedes einzelne Teil so lange, bis er mit dem Ergebnis vollkommen zufrieden war. Er wechselte nur wenige Teile aus, wie vielleicht die Ventilklappen, dann begann er langsam und sorgfältig, den Motor wieder zusammenzubauen.

Doch das Ergebnis war immer fast ein Wunder, eine Maschine mit einer beinahe unglaublichen Leistungssteigerung.

Cafflin versetzte ihm einen leichten Puff und begann wieder zu schreiben. Gaunt wartete.

Sie hatten sich vor drei Jahren in einem Militärkrankenhaus kennengelernt. Lieutenant Gaunt vom Fallschirmspringerregiment hatte bei einem Probesprung im Rahmen einer Routineübung eine Rückenverletzung davongetragen, als der Schirm sich nur teilweise geöffnet hatte. Sergeant Cafflin vom Königlichen Panzerregiment war in einem jener kleinen kriegerischen arabischen Staaten, wo immer ein paar britische Militärberater saßen, auf eine Mine getreten. Gaunt musste langsam erkennen, dass er nicht nur mit seiner Rückenverletzung würde fertigwerden müssen, und Cafflin hatte lernen müssen, ohne Gehör und ohne Worte weiterzuleben.

Nach ihrer Entlassung hatten sie sich eine Zeitlang aus den Augen verloren. Dann waren sie einander ganz zufällig in der Princess Street in die Arme gelaufen. Beide hatten ihre ersten Erfahrungen mit der Rückkehr ins Zivilleben hinter sich, und Gaunt fand, dass Cafflin seine Aufgabe besser bewältigte als er.

Wieder wurde ihm der Block unter die Nase gehalten. Er überflog die gekritzelten Worte. Dann schüttelte er grinsend den Kopf.

»Kommt nicht in Frage«, erklärte er mit Entschiedenheit. »Wenn Sie von einem schnellen Bier reden, weiß ich schon, was mir blüht. Der Wagen muss bis Montag fertig sein. Das kann mich Kopf und Kragen kosten.«

Cafflin warf den Kopf in den Nacken, öffnete den Mund und ließ das merkwürdige, heisere Bellen hören, das bedeutete, dass er lachte.

Dann machte er sich wieder an die Arbeit.

 

Am Montag schien über Edinburgh immer noch die Sonne. In der Princess Street trugen die Mädchen ihre leichtesten Sommerkleider sehr zum Entzücken manch dunkelgewandeten, schwitzenden Geschäftsmannes. Selbst die Granitpfeiler des trutzigen mittelalterlichen Schlosses glänzten heiter im Sonnenschein.

Die Stadt, die mehr an den strömenden Regen und pfeifenden Wind gewöhnt war, blühte förmlich auf unter den steigenden Temperaturen. Im Justizpalast erlaubte ein Vorsitzender Richter seinen Kollegen, die weißen Rosshaarperücken abzunehmen, und belustigt stellte man fest, dass er unter seiner seidenen, mit Hermelin verbrämten Robe offene Sandalen trug. In der Lothian Road kam es zu einer Auffahrkarambolage, in die mehrere Autos verwickelt waren, als eine braungebrannte Blondine mit ihrem Einkaufskorb die Fahrbahn überquerte. Im zoologischen Garten fing man an, sich um Pinguine und Eisbären zu sorgen.

In der George Street, dem Geschäftszentrum der Stadt, hingen die Fahnen über den Eingängen zu Konsulaten und Regierungsbehörden schlaff an ihren Stangen. Über den grauen Schieferdächern lag ein flirrender Hitzeschleier, und sogar die Verkehrspolizisten verpassten ihre Strafmandate mit nur minimalem Enthusiasmus.

Als Jonathan Gaunt im Finanzministerium ankam, war es elf Uhr. Der Portier hatte sich tief in den kühlen Schatten des Foyers zurückgezogen. Gaunt stieg hinauf in den zweiten Stock, wo sich die Büros der Abteilung des Remembrancer befanden. Allgemeine Lethargie schien in der Luft zu liegen.

Henry Falconers Sekretärin, eine gutgebaute dunkelhaarige Frau Anfang Dreißig, zog vielsagend die Augenbrauen hoch, als Gaunt eintrat, und warf dann einen demonstrativen Blick auf ihre Uhr.

»Ich bin spät dran«, stimmte Gaunt zu.

»Das habe ich schon zu hören bekommen«, versetzte sie trocken.

Er grinste und ging weiter in Falconers Büro.

»Wo, zum Teufel, sind Sie so lange geblieben?«, fragte Falconer entrüstet. »Ich habe Ihnen doch gesagt, Montag in aller Frühe. Oder hatten Sie das vergessen?«

Gaunt schüttelte nur den Kopf. Falconer hatte sein Jackett ausgezogen. Das kam nicht oft vor. Schweißperlen standen auf seinem breiten, flächigen Gesicht, doch die Krawatte saß noch ganz korrekt, und nicht ein Knopf an seiner Weste war offen.

»Ihnen scheint heiß zu sein, Henry«, bemerkte er teilnahmsvoll. »Warum schnappen Sie sich nicht Hannah und zischen mit ihr ein eiskaltes Bier?«

»Weil meine Frau dahinterkäme«, knurrte Falconer. »Also, wo waren Sie so lange?« Ein beunruhigender Gedanke schoss ihm plötzlich durch den Kopf. »Ihr Wagen ist doch in Ordnung, oder?«

Gaunt nickte. Er holte sich einen Stuhl und ließ sich Falconer gegenüber nieder.

»Ich habe mich mal kurz mit einem Bekannten unterhalten«, erklärte er beschwichtigend. »Sie sprachen von Devisenbestimmungen und von der Schweiz. Er kennt sich in diesem Zusammenhang aus - und er weiß, wie die Schweizer Banken arbeiten. Für mich war das gewissermaßen ein Intensivkurs über die Arbeitsmethoden der Mafia.«

»Das hätte ich Ihnen auch sagen können«, brummte Falconer. »Eine Schweizer Bank sagt Ihnen normalerweise nicht mal das Datum, wenn Sie nicht eine Kontonummer vorweisen können.« Argwöhnisch krauste er die Stirn. »Wer ist dieser Bekannte von Ihnen?«

»Er war mal in der Bankbranche, ist aber jetzt im Ruhestand«, gab Gaunt vage Auskunft.

Der kleine Mann saß in einer Zelle im Saughton-Gefängnis und würde da auch noch eine Weile bleiben. Aber er hatte tatsächlich einmal für eine Bank gearbeitet - bis zu dem Tag, als er versucht hatte, sich mit einem Koffer voll Geld, das der Bank gehörte, in die Schweiz abzusetzen. Es hatte ihm Freude gemacht, Gaunt zu erklären, welche Fehler ihm unterlaufen waren und wie man so eine Sache besser machen konnte. Gaunt allerdings war ziemlich sicher, dass Falconer für solche Kontakte wenig Sinn hatte.

»Nun, ein guter Rat hilft immer«, meinte Falconer verdrossen. Seine Augen wanderten zu Gaunts offenem Kragen. »Ich kann mich an Zeiten erinnern, als die Leute sich in dieser Abteilung noch vorschriftsmäßig kleideten, wenn sie zum Dienst kamen.«

»Sonst wären sie wohl wegen unsittlicher Zurschaustellung ihres Körpers belangt worden?«, fragte Gaunt. Seine graugrünen Augen zwinkerten. »Wetten, dass sogar der liebe Gott heute seine wollenen Unterhosen zu Hause gelassen hat?«

Falconer schloss schockiert die Augen über so viel Respektlosigkeit, doch er sagte nichts dazu. Er klappte einen dicken Ordner auf, der vor ihm lag, und blätterte einen Moment lang schweigend den Inhalt durch.

Gaunt wartete und lauschte dem Ticken der altmodischen Standuhr, die in einer Ecke des Büros stand. Die Uhr, deren Zifferblatt aus Messing in der Sonne wie ein Spiegel blitzte, stand dort, weil Falconers Frau sich geweigert hatte, sie in ihrem Haus zu haben.

Er war Falconers Frau nur einmal begegnet, und das hatte ihm gereicht. Es hatte jedoch nicht seinen gesunden Respekt für Falconers Scharfsinn und seine Kontakte gemindert. Und Scharfsinn und gute Kontakte wurden in der Abteilung des Remembrancer dringend gebraucht.

Waren schon immer dringend nötig gewesen. Der mittelalterliche Remembrancer war ein Leibdiener der frühen schottischen Könige und Königinnen gewesen, halb wandelndes Notizbuch, halb schlechtes Gewissen. Seine Aufgabe bestand darin, sich an ihrer Stelle aller möglichen Dinge zu erinnern - oder aber wenn es ihnen lieber war, sie zu vergessen.

Daraus hatte sich die heutige Behörde entwickelt, eine kleine, aber aktive Abteilung, die sich um die meisten Dinge kümmerte, die für Schottland wichtig waren. Besonders solche Probleme kamen in Frage, mit denen sich größere, schwerfälligere Behördenapparate nicht befassen konnten. Das reichte von der Erledigung nachrichtendienstlicher Aufgaben bis zur Bewachung der schottischen Kronjuwelen, von der Beaufsichtigung der Gerichtshöfe bis zur Führung von Büchern über jedes einzelne eingetragene Geschäftsunternehmen im Land.

»Ja, es ist alles da«, sagte Falconer unvermittelt und blickte auf. Er klappte den Ordner zu und schob ihn zu Gaunt hinüber. Dann zog er sein Taschentuch heraus und wischte sich die Schweißbäche vom Gesicht. »Hannah hat alles hineingepackt, wie immer - Vorgeschichte, Routen, Zeiten, alles was Sie brauchen.« Er schüttelte den Kopf. »Ich wollte, die Frau würde einmal einen Fehler machen - nur einmal.«

»Solange Ihre Frau nicht dahinterkommt?«, meinte Gaunt fragend.

»Oh, sie käme dahinter«, versetzte Falconer entschieden. »Sie kennen die Frauen immer noch nicht, wie?« Er brach ab, und sein Gesicht lief rot an. »Entschuldigen Sie. Das war eine verdammt blöde Bemerkung von mir.«

»Schon gut«, erwiderte Gaunt, obwohl Falconers Worte ihn getroffen hatten. Sie wussten beide, dass die Wunde noch nicht verheilt war. »Behalten Sie nur Ihre geheimen Begierden für sich.«

»Das tue ich.« Falconer lächelte verlegen. »Also - fangen wir mit den grundlegenden Dingen an. Sinn der Devisenbestimmungen ist es, die Bewegung privater, dem Vereinigten Königreich gehörender Gelder, die ein- oder ausgeführt werden, zu überwachen und zu beschränken.« Er machte eine Bewegung der Verzweiflung. »Man muss schon ein Genie sein, um auch nur die Hälfte des Kleingedruckten zu verstehen, aber Gott sei Dank brauchen wir so weit nicht zu gehen.«

»Amen«, stimmte Gaunt dankbar zu.

Währungsgeschäfte waren erlaubt, wenn man offiziell im Devisenhandel tätig war oder aber ein Ölscheich oder eine Bank war. War man aber John Smith, privater Bürger, so sahen die Vorschriften ganz anders aus. Der Sinn solcher Vorschriften war einleuchtend, und sie hatten größtenteils internationale Geltung. Wäre nicht ein gewisses Maß an Kontrolle vorhanden, so stürzten die Devisenmärkte von einer Krise in die andere. Sogar die Kinder würden dann versuchen, ihr Taschengeld eine Woche in Deutsche Mark, in der nächsten in Französische Franken umzutauschen.

»Wenn mein Geld plötzlich mehr Wert ist als ihr Geld...« Falconer machte eine Pause und zuckte die Achseln. »Nun, irgendwo steckt da für den einen ein Gewinn drin und für den anderen ein Verlust.«

Gaunt erkannte, dass jetzt ein Vortrag fällig war und dass er nichts tun konnte, um ihn zu verhindern. Er zündete sich eine Zigarette an und machte es sich auf seinem Stuhl so bequem wie möglich.

»Bei uns im Land gibt es viele Leute, die ihr Geld liebend gern in einer härteren Währung horten würden als in Sterling«, begann Falconer. »Jedes Mal, wenn das Pfund wieder abrutscht, müssen sie bluten. Hinzu kommt, dass ein Teil ihres Geldes heiß ist, und zwar in dem Sinn, dass das Finanzamt von seinem Vorhandensein nichts wissen darf.« Er tippte auf den Ordner. »Das sind genau die richtigen Kunden für das Geldwäsche-Geschäft - eine Garantie, dass ihr Geld sicher und wohlbehalten aus dem Land geschmuggelt und in der Schweiz in Schweizer Franken umgewechselt wird.«

»Festpreisvertrag«, meinte Gaunt, der an seinen Schnellkurs in der Gefängniszelle dachte. »Und billig ist das nicht.«

»Aber viel billiger als Steuern«, knurrte Falconer. »Und verdammt gut aufgezogen. Die Zollfahndung ließ die letzte große Geldwäsche-Aktion auffliegen, von der wir Wind bekommen hatten. Da wurde das Geld gleich sackweise von Wochenendseglern über die Nordsee geschmuggelt.«

Gaunt grinste belustigt. Doch das hätte er nicht tun sollen.

»Was ist daran so komisch?«, fragte Falconer ärgerlich. »Zu lachen gibt’s da überhaupt nichts. Sie spekulieren doch gern an der Börse, nicht?«

»Im kleinen«, erinnerte Gaunt ihn.

Falconer gehörte zu den wenigen Leuten, die von dieser besonderen Schwäche wussten, der er nur nachgeben konnte, weil ein gewisser Effektenhändler namens John

Milton Humor hatte.

»Ich bin der Spieler im Westentaschenformat.«

»Der besser Bingo spielen sollte«, fügte Falconer mit grimmigem Spott hinzu. »Aber wenn Sie Anteile ausländischer Unternehmen kaufen wollten, müssten Sie in den meisten Fällen einen Aufschlag zahlen, den die Regierung Ihrer Majestät einsteckt. Die ganz Schlauen tun das nicht. Die verwenden das Geld, das außerhalb Englands liegt, und lachen sich einen Ast über die Dummheit solcher Leute wie Sie.«

»Und diesmal?«, fragte Gaunt, um Falconer zum Kernpunkt zurückzubringen, ehe der Vortrag zur Predigt wurde.

»Vor vier Tagen erhielt das Finanzministerium einen Brief - anonym natürlich -, der in Genf auf gegeben wurde. Ein Blick genügte, um festzustellen, dass es um Schottland ging, und man reichte den Brief an uns weiter.« Falconer nahm aus dem Stapel von Papieren auf seinem Schreibtisch ein einzelnes fotokopiertes Blatt und schob es Gaunt hin. »Hier ist eine Kopie. Mir gefällt die - äh - Ökonomie des Ausdrucks.«

Gaunt überflog die Fotokopie und pfiff leise.

 

Am nächsten Montag findet eine Devisenschmuggeloperation statt. Start: Schottland. Ziel: Montreux. Die Sache läuft über Safari-Suisse. Dies aufgrund früherer Schwierigkeiten mit anderen Arrangements, von denen Sie vielleicht wissen. Es geht um einen Sterlingbetrag, der über zwei Millionen Schweizer Franken bringen wird.

 

Gaunt blickte noch einmal auf das Schreiben. Die Handschrift war groß und selbstbewusst, die Ziffer sieben im Datum war mit einem Querstrich gekreuzt, wie das auf dem Kontinent üblich war.

»Große Wäsche«, stellte er fest.

»Schmutzige Wäsche«, knurrte Falconer. »Die Handschriftenexperten konnten uns nur sagen, dass der Brief von einer Frau geschrieben sein könnte. - Haben Sie schon mal von Safari-Suisse gehört?«

Gaunt schüttelte den Kopf.

»Nun, wenn der Tip echt ist, dann geht die Sendung heute Abend raus, und zwar über den Royal Automobile Club, dessen Schirmherrin die Königin ist.« Falconer schluckte und fügte hastig hinzu: »Das ist natürlich nebensächlich.«

»Da bin ich aber froh«, meinte Gaunt sarkastisch. »Erzählen Sie weiter.«

»Safari-Suisse ist ein Reiseunternehmen, das Pauschalreisen für Autofahrer arrangiert«, erklärte Falconer. »Man benützt den eigenen Wagen, das Reisebüro bucht die Hotels, arbeitet die tägliche Reiseroute aus und was eben sonst noch dazugehört. Heute Abend fährt vom Waverley- Bahnhof ein Autozug mit Schlafwagen ab. Fünf Plätze sind für Safari-Suisse bestellt. Das heißt, es waren fünf - jetzt sind es sechs, mit Ihnen.«

»Und die Autos bleiben die ganze Fahrt zusammen.« Stirnrunzelnd rieb sich Gaunt das Kinn. »Was ist meine Aufgabe? Soll ich den Aufpasser spielen?«

Einen Moment lang verschleierten sich Falconers Augen auf merkwürdige Weise, dann nickte er.

»In gewisser Weise. Sie müssen versuchen festzustellen, welcher der Wagen das Geld mit sich führt. Auf diesen Safaris geht es gemächlich zu. Morgen Vormittag fahren Sie in Dover auf die Fähre. Die Strecke bis Montreux ist dann

in drei Tagesabschnitte aufgeteilt. Sie haben also Zeit, sich über Ihre Mitreisenden ein Bild zu machen.«

Gaunt sah ihn verwundert an.

»Warum so kompliziert das Ganze? Eine halbe Million Pfund ist ein Haufen Papier, auch wenn es lauter große Scheine sind. Der Zoll in Dover könnte die Wagen doch auseinandernehmen und...«

»Nein«, unterbrach Falconer ungeduldig. »Wir wollen die Drahtzieher, nicht die Laufburschen. Das bedeutet, dass wir ihre Spur aufnehmen und verfolgen müssen. Alles andere ist uninteressant.«

»Wenn der Tip echt ist.« Gaunt hatte Falconer die ganze Zeit scharf beobachtet, und etwas an der Art des Mannes schien ihm eine Warnung auszustrahlen. »Heraus mit der Sprache, Henry! Sie haben doch eine Überraschung für mich, nicht wahr?«

Falconer zögerte, dann nickte er ein wenig verlegen.

»Ich - äh - ja, darauf wollte ich gerade kommen. Er hieß Edward Woods und war Verkäufer in einem Uhrengeschäft in Liverpool.«

»War?« Gaunt zog eine Braue hoch.

»Ja, war. Er fuhr vor fünf Wochen nach Montreux. Die Schweizer fanden die verbrannten Überreste seines Wagens am Fuß einer Passstraße in den Bergen.«

»Und was war von Woods übrig?«

»Noch weniger. Es schien sich nur um einen ganz gewöhnlichen Verkehrsunfall zu handeln.«

»Aber?«, drängte Gaunt.

»Das war in diesem Jahr seine vierte Fahrt nach Montreux. Kein Mensch hat den Unfall beobachtet.« Falconer zuckte leicht die Achseln. »Natürlich wurden die Überreste des Wagens untersucht, aber die Schweizer fanden nichts - außer einiger ungewöhnlicher Veränderungen an der Karosserie, die als Verstecke für Schmuggelware sehr brauchbar gewesen sein könnten. Wenn Woods in den Devisenschmuggel verwickelt war, dann hatte er entweder seine Ware bereits abgeliefert oder sie war - äh...«

»Entfernt worden?« Gaunt fluchte leise. »Seien Sie nicht so zartfühlend, Henry. Die Ware war geraubt worden?«

»In dem anonymen Schreiben, das wir bekommen haben, steht Schwierigkeiten mit anderen Arrangements««, erinnerte ihn Falconer. »Es ist alles möglich. Denken Sie nur daran, dass es in der Schweiz kein Gesetz gibt, das die Einfuhr von Devisen verbietet, ob sie nun auf legalem oder illegalem Weg eingeführt werden. Es ist eher anzunehmen, dass die Schweizer den Leuten, die Devisen ins Land bringen, Orden verleihen.«

Gaunt nickte mit dem Gefühl, dass es viel schlimmer nicht mehr werden konnte.

»Angenommen, ich habe Glück und alles haut hin?«

»Sie bleiben auf der Spur bis zum Moment der Lieferung - dann berichten Sie. Sonst nichts«, erklärte Falconer mit Nachdruck. »Danach - nun, sogar die Schweizer schulden uns ein paar Gefälligkeiten. Wir können dann die Spur nach England zurückverfolgen und hoffentlich die ganze Organisation samt ihrer Kunden auffliegen lassen.« Sein breites, schweißnasses Gesicht verzog sich. »Das Devisengesetz gibt uns Handhabe genug gegen solche Leute.«

Das Telefon auf seinem Schreibtisch summte diskret. Hastig griff Falconer nach dem Hörer, meldete sich und murmelte ein paar Worte des Einverständnisses. Dann legte er auf, nahm Sein Jackett und schlüpfte hinein.

»Ich muss zum Remembrancer«, erklärte er Gaunt.

»Sie Glückspilz«, murmelte Gaunt. Er griff zu der Akte, die auf dem Schreibtisch lag. »Also, heute Abend geht’s los. Und wenn Sie schön brav sind, bringe ich Ihnen eine große Kuhglocke mit.«

Mit einem zerstreuten Nicken knöpfte Falconer sein Jackett zu und schob die Papiere auf seinem Schreibtisch hin und her. Gaunt ging hinaus und schloss die Tür hinter sich.

Als er an Hannah vorbeischlenderte, sah er, dass sie einen kleinen Spiegel in der Hand hielt und sich die Lippen anmalte. Ihre Schreibmaschine war zugedeckt, der Schreibtisch aufgeräumt. Sie errötete, als er leicht verwundert die Brauen hochzog. Gaunt nickte nur freundlich und ging weiter.

Er hatte den Eindruck, dass Henry Falconer nicht mit dem Remembrancer verabredet war. Doch das ging ihn schließlich nichts an.

 

Es war zweiundzwanzig Uhr, als Jonathan Gaunt im Waverley-Bahnhof ankam. Eine kühle Brise wehte durch die Princess Street. Über der Stadt begannen die Flutlichter ihr allabendliches Zauberspiel und verwandelten das Schloss in eine Märchenfestung.

Er fuhr in den Bahnhof hinein und folgte den Hinweisschildern zum Autozug nach Dover. Sonst war es still im Bahnhof, doch am Anfang des Bahnsteigs zum Autozug wartete bereits eine Schlange von Fahrzeugen.

Gaunt schloss sich mit dem Chrysler der Schlange an, dann nahm er seine Reisetasche mit den Sachen für die Nacht heraus und übergab die Wagenschlüssel einem wartenden Eisenbahnbeamten. Er meldete sich beim Empfangsstand und schritt den Zug entlang, auf der Suche nach seinem Schlafwagenabteil.

Es war im zweiten Wagen von vorn. Gaunt legte die Reisetasche ins Abteil und stieg wieder aus. Eine große, grüne Diesellok stampfte heran und wurde an die Wagenkette angekoppelt. Gaunt marschierte gemächlichen Schrittes den Bahnsteig hinunter.