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Ein Lehrer auf der Flucht vor sich selbst stolpert durch Bayern – zwischen Klosterbräustüberl, Hotelbar und Schlosspark. Klaus-Dieter sucht Sinn, doch findet nur Zefix-Momente: schräge Begegnungen, gebrochene Identitäten und eine Gesellschaft, die Dampf ablässt statt Antworten gibt. Der wahre Gegner? Das Verbiegen, um dazuzugehören. Wer hält Stand – und wer zerbricht? Ein Roman über Heimat, Humor und die Frage, wer wir ohne Masken sind. Trauen Sie sich – steigen Sie ein in die Reise.
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Seitenzahl: 424
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Kenan Öcek
Zefix
Gesamtausgabe Fluchend durch Bayern
Kenan Öcek
Zefix
Satire
Fiktion
Reisebuch
Impressum
Titel:Zefix Autor: Kenan ÖcekVerlag: Schwelle Verlag
Dieses Werk wurde mit Unterstützung digitaler Werkzeuge erstellt:
Lektorat / Satz / Layout optional: Chat GPT
Alle Inhalte wurden sorgfältig geprüft, insbesondere im Hinblick auf Urheber- und Nutzungsrechte.
© [2025] Schwelle Verlag / Kenan Öcek. Alle Rechte vorbehalten.
Verlagssitz:Schwelle VerlagKenan ÖcekWeitoldstraße 293047 RegensburgDeutschland
Verantwortlich im Sinne des § 5 TMG / § 55 RStV:Kenan Öcek
ZEFIX
Fluchend durch Bayern
Dies ist kein Wohlfühlbuch.
Dies ist Satire. Satire mit Promille.
Wer heute Satire schreibt, wird oft gefragt:
„Darf man das?“
Die Antwort: Ja. Und man muss.
Satire ist nicht der Cousin des Kabaretts.
Sie ist das uneheliche Kind aus Zorn, Zweifel und Zigarettenrauch.Sie kratzt. Sie lacht. Und sie küsst dahin, wo es weh tut.
Dieses Buch ist kein Bekenntnis. Es ist ein Befund.
Ein Spiegel – verzerrt wie ein Zirkusspiegel, aber nicht gelogen.
Manche Szenen sind erfunden. Die Absurditäten nicht.Es geht um Bier, Geld, Glauben – und den heiligen Kasten.Mehr noch: um das, was uns zusammenhält:
Lüge. Hoffnung. Humor.
Ich kenne meine Grenzen – und das ist Freiheit.
Wer sie kennt, kann sie gezielt berühren oder überschreiten.Mit Absicht. Und Haltung.
ZEFIX ist Satire.
Satire meint’s ernst – aber nicht persönlich.
Wer beleidigt ist, möge weiterblättern. Oder mitlachen.
Wer zitiert, zitiere vollständig.
Wer klagt, klagt gegen die Kunstfreiheit.
Artikel 5 des Grundgesetzes schützt diese Arbeit.
Wer trotzdem klagt, klagt gegen das Recht,
den Finger in die Wunde zu legen.
Viel Erfolg dabei.
ZEFIX® – Der Beipackzettel für Geist und GebeinTherapeutische Anwendung bei akuter geistiger Blähung
Hersteller:ZEFIX® – Das Institut für emotionale EntlüftungGegründet im Zugabteil zwischen Bamberg, Bierdunst und Burnout-Selbsthilfegruppe.
Vertriebsform & PreisgestaltungZEFIX® – erhältlich in gut sortierten Buchhandlungen und geistigen Nebenstraßen.Packung mit 1 Exemplar: ca. 18,00 €Zuzahlung entfällt – außer du hast keine Meinung, dann kostet’s extra.Apothekenaufschlag 500 %:Begründung: Emotionale Risikozulage, intellektueller Mehrwert und das tägliche Ringen mit dem inneren Schweinehund.Auch erhältlich im Kombipack mit Notizblock für spontane Wutreden.
Wichtiger Hinweis:Nicht rezeptpflichtig – nur bewusstseinspflichtig.Einzige Voraussetzung zur Einnahme: Lesefähigkeit und ein Restfunke Trotz.
Zusammensetzung / Wirkstoffe:ZEFIX® ist kein Medikament im klassischen Sinne –es ist eine therapeutische Entgleisung, ein Abgang im besten Moment.Ein intellektueller Furz gegen mentale Verstopfung.Wärmer als Applaus, ehrlicher als Applaus – und mit einem Timing, das kein Orchester hinbekommt.ZEFIX® – rezeptfrei, aber nicht folgenlos.Bei anhaltender Besserung fragen Sie bitte niemanden. Genießen Sie die Nebenwirkungen.
Wirkstoffe:37 Grad spontane Wahrheit0,7 % Schwefelverbindung (gesellschaftlich betrachtet)1 Messerspitze peinliches Schweigen100 % natürliche Reaktion auf UnsinnRückstandsfreie Selbsterkenntnis
Wirkmechanismus:Flatulenz – ob körperlich oder geistig – entsteht durch Druck:im Bauch, im Kopf, im Herzen.Wird er unterdrückt, entstehen Störungen.Wird er freigesetzt, entsteht Erleichterung.
Anwendungsgebiete:ZEFIX® hilft bei:
akuter Weltüberforderung
chronischem Weltekel
innerer Gereiztheit
intellektueller Selbstverstopfung
„Ich kann nicht mehr“-Syndromen
Realitätsintoleranz
Dosierung & Anwendung:ZEFIX® kann Spuren von Einsicht, Wut und Erlösung enthalten.Nicht während politischer Diskussionen anwenden.Empfohlene Tagesdosis:
Morgens: 1× zur Erdung
Mittags: 2×, wenn die Welt wieder spinnt
Abends: 1× zum inneren FriedenAuch in heißen Varianten erhältlich:→ SAKRMENT® (scharf)→ HALLELUJA® (erleuchtet)
Nebenwirkungen:
Sprachlicher Wandel hin zu Klartext
Seelenbelüftung bei geschlossenen Augen
Fremdscham beim Sitznachbarn
Chronische Wahrheit
Unkontrolliertes Kopfnicken beim Lesen
Wenn Heiterkeit auf Melancholie trifft, kann das zu Diarrhö führen, sowohl körperlich als auch geistig.
Sächsischer Dialekt beim Aufwachen
Die leise Erkenntnis, dass Fluchen auch Beten sein kann
Spontane Lust, wieder zu leben – aber mit mehr Trotz
Warnhinweise:Nicht geeignet für Zyniker ohne Restironie.Während der Anwendung kann es zu plötzlichen philosophischen Klarheiten kommen.Fluchen ersetzt kein Gespräch – macht es aber oft erträglicher.Nicht in der Nähe von Menschen konsumieren, die Sätze sagen wie:„Reg dich doch nicht so auf.“
Aufbewahrung:Zwischen Selbstironie und Trotz lagernNicht über 40 °C oder unter SelbstachtungVor Besserwisserei, Dogmatik und chronischer Gleichgültigkeit schützen
Szene 1: LETZTER AKT IN LICHTERFELDE
Ein Bewerbungsgespräch mit Abgrund
„Hoch emotional war es nicht.
Eher wie ein Bewerbungsgespräch für einen Job, den ich schon verloren hatte, bevor ich wusste, dass ich ihn wollte.
Andrea, meine Noch-Ehefrau, legte mir das Urteil hin – als wär’s ein Wochenplan.
‚Sie bekommen die Kinder. Das Haus. Den Bonsai. Den Q7. Und das gute Geschirr.‘
Ich bekam: den Reclam-Band Nr. 114 – Faust I, zerlesen, voll Weinflecken und Textmarker-Verzweiflung.
Und einen IKEA-Stuhl mit wackeligen Beinen und einer kaputten Rückenlehne.
Symbolisch passend: wackelig, aber zusammenklappbar.
Andrea schaute mich an, als hätte ich den Thermomix beleidigt.Oder schlimmer: ihren Algorithmus.
‚Klaus, du bist… ein Anachronismus. Ein Erklärbär mit Doppelkinn.‘
Ich wackelte mit dem Zeigefinger – mein letzter Trumpf.
Der deutsche Zeigefinger: Aufrecht, moralisch, zitternd.
‚Ich verbitte mir diesen Ton! Ich bin immer noch der Vater dieser... dieser...‘
‚...dieser Netflix-Kulissen-Kinder?‘
Ich fluchte. Hochdeutsch.
Mit Satzzeichen. Mit Grammatik. Mit Subjunktiv:
‚Das ist... eine bodenlose Entgleisung deines Sprach- und Werteempfindens, Andrea!‘
Stille.
Die Kinder – drei an der Zahl – zückten ihre Handys.
Ich sah mein Spiegelbild im iPhone.
Ich war kein Mann mehr.
Ich war ein GIF.
Drei Sekunden Hochformat: Ich, der Zeigefinger-Fuchtler. Die Stimme überschlägt sich. Die Haltung zu gerade.
Mein Sohn schnitt es, legte drüber einen „Faust“-Stempel – Goethes Faust, mit blauem Auge.
Dann schickte er’s mir per WhatsApp.
Bildunterschrift:
„Faust liebt dich. Ich nicht.“
Ich starrte das Handy an.
Und wusste nicht, wem ich zuerst die Schuld geben sollte.Meinem Sohn.
Meiner Ex.
Oder dem verdammten Goethe.
Andrea schloss die Tür.
Ich hörte sie nur noch sagen:
„Er wird schon wieder Goethe zitieren.“
Und ich tat es.
Ich stand auf, hielt den Reclam-Band wie einen Rettungsring, und sagte halblaut:
„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust...“
Und irgendwo dazwischen – riss es.
Nicht laut. Kein Splittern. Nur ein leises, inneres „Knack“.Ein Haarriss, der bleiben wollte.
Szene 2: BUSFAHRT IN DIE NEUE REALITÄT
Im Bus schaute er noch einmal auf das GIF.
Er wollte es nicht glauben.
Er war doch der perfekte Vater gewesen. Der verlässliche Ehemann.Kein Alkohol. Keine Zigaretten. Keine Seitensprünge. Keine Exzesse.
Hinter ihm kicherten zwei Jugendliche.
„Ey, schau mal – starkes GIF!“
Lachen. Leises Faust-auf-Auge-Geklopfe.
Klaus schluckte. Schob das Handy wortlos in die Manteltasche.Er drehte sich nicht um.
Sagte nichts.
ein Gedanke im Kopf: Es ist sein Sohn, der’s aufgenommen und editiert hat. → „Mein Sohn. Der Mediengestalter meiner Schmach.“
Starrte nur auf die elektronische Anzeige:
„Noch zwei Haltestellen.“
Er stieg aus.
Die Tür schloss zischend hinter ihm.
Im Fenster: zwei Grimassen.
Die Jugendlichen schlugen sich gegenseitig mit der Faust unters Auge, zogen Fratzen, als wollten sie sagen:
„Faust liebt dich. Wir nicht.“
Dritter Stock, Altbau.
Er schloss auf, trat ein.
Lies die Tür langsam ins Schloss fallen, als müsste er niemandem beweisen, dass er angekommen war.
Der kaputte Stuhl – sein Anteil an der Trennung – flog im hohen Bogen zwischen die Kochnische und den kleinen Tisch.
Ein Bein splitterte ab.
Er setzte sich trotzdem.
Wackelig.Wie das ganze verdammte Leben.
Szene 3: PSALM 23, VERSION „PFÄNDUNG“
Nächster Morgen.
Zwei Tage vor den Sommerferien.
Klaus-Dieter rief in der Schule an.
Er klang wie jemand, der nicht krank ist, aber etwas in ihm… fiebert.
„Hallo, ich fühl mich nicht wohl. Peter soll übernehmen, wenn er kann. Gibt ja eh keinen Unterricht mehr.“
Er legte auf.
Schaute aus dem Fenster.
Alles flach.
Dann neigte sich sein Kopf.
Nach oben.
Himmel.Blau-weiß.Wolken zogen. Gedanken auch.
Bayern.
Andrea hatte den Schwedenurlaub storniert – „aus Gründen“.Jetzt saß er hier.
Mit Instantkaffee für 4,99€ aus dem Supermarkt.
Er murmelte: „Ade Fairtrade, Ade kolumbianischer Hochland Kaffeebohnen“
Der Geschmack? Wie Trauer in Pulverform.
Er ging zu seiner Hausbank, um dort einige Dinge zu erledigen.
Die Bank.
Elias, der Kundenberater, begrüßte ihn wie immer:
„Guten Morgen, Herr Wohlberg. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“
Klaus-Dieter:
„Was hab ich noch auf dem Konto?“
Elias räusperte sich. Blätterte. Wirkte nervös.
„Äh… 67,58€.“
Dann, fast automatisch:
„Ihr Konto wurde gepfändet. Wir haben einen Gerichtsbeschluss erhalten.
Ich empfehle, es in ein Pfändungsschutzkonto umzuwandeln – damit bleibt Ihnen wenigstens das Existenzminimum.“
Klaus-Dieter sitzt. Regungslos.
Sein Blick auf dem Monitor.
Sein Atem kurz.
Sein Kontostand: 67,58€
Er greift in seine Manteltasche.
Zieht eine zerknitterte kleine Bibel hervor.
Die Konfirmationsbibel seiner Mutter.
Er schlägt sie auf.
Psalm 23.
Klaus-Dieter (flüsternd):
„Der Herr ist mein Hirte… ich werde nichts mehr haben.“
Elias (verwirrt):
„…bitte?“
Klaus-Dieter (lauter werdend):
„Er weidet mich auf dürrem Papier, und führet mich zu leeren Automaten.
Er sättigt meine Kontodaten mit Leere, und führt mich auf finsteren Pfaden der Finanzordnung – um seines Paragrafen willen!“
Elias (leicht panisch):
„Herr Wohlberg… möchten Sie vielleicht ein Wasser?“
Klaus-Dieter (steht auf – glasig, aber aufrecht):
„Und ob ich schon wanderte im Tal des Pfändungsdrucks,ich fürchte kein Lastschriftverfahren!
Denn du bist bei mir, Andrea – dein Anwalt und dein Urteil,sie schlagen mich.“
Stille.Kunden drehen sich um.
Ein Handy hebt sich.
Ein roter Punkt blinkt.)
Klaus-Dieter (plötzlich ruhig – beinahe feierlich):
„Dit is mir schnurz piepe.“
Er klappt die Bibel zu.
Verbeugt sich leicht.
Dreht sich um. Er verließ die Bank.
Hinter ihm: das Rote Meer des Rückzugs.
Stolz wie Moses. Nur ohne Wunder.
Szene 4: DER ENTSCHLUSS
Kein Elch. Dann eben Löwe.
Schweden abgesagt. Andrea. Gründe? Verblasst, wie Rauch in einem leeren Raum.
Also: Kein Elch. Dann eben Löwe. Ein König muss herrschen, selbst wenn sein Reich nur aus Schatten besteht.
Er wirft ein paar Habseligkeiten in seinen kleinen Rollkoffer. Kein Blick zurück. Die Tür fällt ins Schloss. Der Schlüssel unter der Matte – ein stummer Verrat an allem, was einmal Heimat war.
Vor dem Bankautomaten bleibt er stehen. Herzklopfen. Angst. Entschlossenheit. Die Karte steckt bereits. 6950€ Lohn, plus Urlaubsgeld. Ein ganzer Schatz, ein letzter Trost.
Er zögert. Die Finger schweben über den Tasten. 5 – 0 – 0 – 0.Das Geld gleitet heraus. Lautlos, fast feierlich. Wie ein höflicher Abschied von der Sicherheit, die er nie wollte. Er steckt es ein. Innen links. Direkt aufs Herz. Ein stilles Versprechen: Ich gehöre mir selbst.
Hauptbahnhof. Über ihm flackert ein Schild, wie eine warnende Flamme in der Dunkelheit: DB. Rot auf Weiß. Kaputte Hoffnung.Klaus-Dieter starrt. Die Welt wankt. „Beschissen… denkbar beschissen. Oder… der Beginn? Vom Glück? Ha.“
Er tritt an den Schalter. Jeder Schritt ein Echo seiner eigenen Entscheidung. Jeder Atemzug schwer wie Blei.
Klaus-Dieter:„Deutschlandticket. Bitte.“
Die Schalterdame (kalt, unnahbar, Wächterin der Normalität):„Digital oder physisch?“
Er schluckt. Ein Moment der Klarheit.
„Physisch. Bitte.“
Eine flache, weiße Karte wandert über den Tresen. Er nimmt sie wie einen Schlüssel zu einem Exodus, zu einem neuen Kontinent. Deutschland. Für 58€ im Monat. Gültig in allen Verkehrszonen – außer der Ehe.
Andrea hat ihm alles genommen. Haus. Q7. Kinder. Glück. Aber Deutschland? Deutschland kann ihn noch tragen. Noch befördern. Noch auf die Gleise setzen, die in die Freiheit führen.
Er hebt den Kopf. Die Züge rollen, das Licht flackert, die Gleise glitzern im Regen. Alles wartet. Alles beginnt jetzt. Die Welt brennt, aber er ist bereit.
Szene 5: AM BAHNSTEIG
Regen.Er prasselt, nicht nur auf die Jacke. Nein. Er hämmert wie ein Trommelwirbel gegen seinen Schädel. Tropfen laufen über die Stirn, kriechen ins Auge. Brennen. Als wollten sie ihn daran erinnern: Du bist noch da.
Die Gleise zittern. Nein – sein Herz zittert. Metall auf Metall. Atem auf Atem. Alles verschmilzt.
Innere Stimme (flüsternd, zersplittert):
„Lauf. Spring. Bleib. Geh. Komm. Es ist zu spät. Es ist zu früh.“
Er presst das Deutschlandticket gegen die Brust. Weiß. Flach. Kalt.
„58 Euro im Monat“, denkt er, „für einen Exodus. Wer hätte gedacht, dass Freiheit so billig ist?“
Er lacht. Kurz. Trocken. Es klingt wie Husten. Ein alter Mann dreht sich um. Stiert ihn an, als hätte er die Pointe verpasst.
Die Anzeigetafel flackert: WÜRZBURG. Buchstaben tanzen, zerfallen, setzen sich neu zusammen. W – Ü – R – … dann nur noch WÜR. Er starrt.
„WÜR“ wie „würde“. Wie „würde ich“. Würde ich gehen? Würde ich bleiben? Würde ich leben?
Andrea (im Kopf, eiskalt):
„Du bist ein Anachronismus, Klaus. Ein Erklärbär. Mit Doppelkinn.“
Ihr Gesicht taucht im Schimmer der Pfütze auf.
Lippen bewegen sich, aber kein Ton. Dann doch ein Satz:
„Er wird schon wieder Goethe zitieren.“
Klaus-Dieter kneift die Augen zusammen. Faust I in seiner Manteltasche. Nass, wellig, fast ein Schwamm. Worte tropfen heraus. „Zwei Seelen wohnen, ach!“ – das Echo dröhnt zwischen den Gleisen.
Innere Stimme (rau, höhnisch):
„Zwei Seelen? Du hast keine mehr. Andrea hat sie dir genommen. Dein Sohn hat sie zu einem GIF geschnitten.“
Ein Zug rauscht durch. Lichtkegel blenden. Für einen Sekundenbruchteil sieht er sich selbst im Fenster – ein Mann mit Koffer, tropfend, verzogen, verzerrt. Ein Fremder.
„Bin das ich? Oder ein Fahrgast, der nie aussteigt?“
Durchsage. Hallend, verkrümmt:
„Zug nach Wür… Wür… WÜ…“
Die Stimme bricht ab. Oder ist es sein Gehör?
Er geht einen Schritt näher. Kante. Schotter unter den Schuhen.Herzschlag. Herzschlag. Herzschlag.
Innere Stimme (drängend, fast hysterisch):
„Spring! Nicht in den Tod. In das Leben. In den Zug. In die Entscheidung. Los!“
Er ballt die Faust. Drückt das Ticket so fest, dass es sich biegt, knickt, fast reißt. Weiß wird grau.
Dann: die Scheinwerfer. Der Zug bremst. Ein grollendes Zischen, als atme ein Ungeheuer. Türen fahren auf, zischen wie Zähne, die ihn verschlingen wollen. Menschen strömen heraus. Gesichter ohne Augen. Schatten, die reden, lachen, flüstern.
Klaus-Dieter atmet. Ein. Aus. Herz rast. Er tritt vor.
Ein Schritt. Noch einer. Der Boden klebt, Regen, Blut, Angst – egal.
Innere Stimme (sanft, fast väterlich):
„Jetzt. Jetzt beginnt es.“
Er hebt den Kopf. Augen weit, Pupillen schwarz. Der Zug steht still, als würde er nur auf ihn warten.
Ein letzter Blick zurück: der Bahnsteig leer. Nur Tropfen. Nur Wind.
Er steigt ein.
Türen schließen.
Die Welt draußen verschwimmt.
Klaus-Dieter (flüstert, fast kindlich):
„Und wenn ich schon wanderte im Tal der Gleise… ich fürchte kein Zurück.“
Der Zug ruckt an.
Die Nacht verschlingt ihn.
Szene 1: SACHSE. IM ZUG.
Im Zug nach Bamberg
Klaus-Dieter stand im Gang.
Der Schweiß klebte ihm in den Achseln, das Reclam-Heft war durchweicht.
Sein Rollköfferchen klapperte beleidigt über die Spalten im Boden – wie eine zweite Meinung, die keiner hören will.
Er hielt ihn schräg, um niemandem im Weg zu stehen, aber irgendwie stand er immer im Weg.
Als hätte er die Geometrie des Lebens verlernt.
Doch es war nicht der Koffer, der ihn so müde machte.
Es war der unsichtbare Rucksack auf seinem Rücken.
Der, den man nicht abstellen kann, nicht im Gepäckfach, nicht im Leben.
Gefüllt mit Schuld.
Mit Scham.
Mit all den „Was-wäre-wenns“ und einem zerlesenen „Faust“,der ihm inzwischen mehr Fragen stellte als Antworten gab.
Klaus-Dieter war körperlich anwesend.
Geistig: auf Standby.
Dann:Ein Doppelsitz vor ihm.
Belegt.
Nicht von einem Passagier – von einer Erscheinung.
Trainingsjacke. Knallbunt. Jersey.
Sonnenbrille auf der Stirn.
Sandalen mit Socken.
Drei Zeitungen, eine Bierdose, und ein zerfledderter Kosmos-Katalog von 1997 lagen auf dem Nebensitz wie ein Altar der Abgeklärtheit.
Heiko (ohne aufzublicken):
„Gänsefleesch ma n bissl rückn?“
Klaus blinzelte.
Links. Rechts.
Sein Gehirn suchte die Vokale, die Konsonanten, die Rettung.
Klaus-Dieter (verhalten höflich):
„Entschuldigung… was?“
Heiko (etwas langsamer, aber nicht freundlicher):
„Gänsefleesch ma wech da! Ich bin keen Rucksacktourist, ich bin der Wind!“
Klaus-Dieter (fast entschuldigend):
„Ich esse kein Geflügel im Zug. Danke.“
(Er lächelte. Diplomatisch.
Wie ein Botschafter in einer Region, die er nicht kannte.)
Heiko (blickt auf, grinst):
„Na gugge da!
Ein Preiß wie aus’m Schulbuch!
Margoo...“(lacht sich eins)
„Du bisd dor größde Diggnischl von alln!“
Klaus-Dieter nickte.
Ein Reflex.
Ein Fehler.
Heiko rückte seine Tasche um fünf Zentimeter.
Die Bewegung war minimal – aber sie bedeutete:
Setz dich. Oder steh weiter blöd rum.
Heiko (brummt, ohne Regung):
„Nei, du Sollklopps! Ruggä! De Gang!“
Er zeigt mit dem Ellbogen auf die leere Stelle neben sich. Nicht mit dem Finger – der bleibt unbeteiligt. Sächsische Höflichkeit funktioniert über Druckausgleich und Bieratem.
Klaus-Dieter setzte sich.
Der Sitz quietschte.
Heikos Ellbogen lag sofort halb auf seiner Seite.
Klaus-Dieter (leise):
„Diggnischl… ist das eine Art… regionale Begrüßungsformel?“
Heiko (grinst mit Zähnen):
„Nee du! Das is'n Zustand. Wenn de zu dumm bist zum Fluchen und zu stolz zum Schweigen.“
Gedankenstrom während der Fahrt
Klaus-Dieter sah aus dem Fenster.
Die Landschaft zog vorbei.
Grün. Dann leer.
Dann Baum. Dann leer.
Er spürte:
Etwas in ihm hatte den Tritt aus der alten Welt noch nicht verarbeitet.
Er war immer noch zu höflich für die Katastrophe.
Immer noch zu funktional für den Kollaps.
Aber da hatte sich ein feiner Riss eingenistet.
„Faust liebt dich. Ich nicht.“
Der Satz seines Sohnes klang nach.
Er war viral. Innerlich.
Heiko öffnete ein Bier.
Bot ihm keins an.
Und das war okay.
Klaus war nicht hier, um getröstet zu werden.
Er war hier, um sich neu zu erfinden.
Oder wenigstens: neu zu verlaufen.
Heiko (beugt sich rüber, Bieratem, aber freundlicher Blick):
„Weißte, de Leit heut, die glotzn alle bloß noch auf ihr Handy. Früher, da hammwa de Funkstunde gehabt. Jaaa! Mit Antenne! Da is noch Bildung reingeflogen durchs Fenster! Heute? TikTok, Clickbait, Influenza und Gendersterne… als ob de deutsche Sprache en Ausschlag wär!“
(Klaus-Dieter blinzelt. Wie auf einem anderen Kanal.)
Heiko (nickt verschwörerisch):
„Und was die heut für Wörter ausm Sack zieh’n! Cringe, Lowkey, Flexen – sach mal, sind wir hier aufm Trainingsplatz oder in der Gosch? Bei uns hat’s geheißn: Setz dich hin, halt de Schnauze und lern was. Aber nee… Sprachkultur ist jetzt Cancel Culture, höhöhö.“
(Er lacht einmal tief aus dem Bauch, dann wird er plötzlich sentimental – wie Sachse eben sind.)
Heiko:„Wenn de mich fragst, Deutsch stirbt nich durch Ausländer. Deutsch stirbt, weil wir zu faul zum Sprechen sind. Und zu stolz zum Zuhören. Na gugge da. Philosophisch, wa?“
Klaus (flüstert, tonlos, wie zu sich selbst):
„Warum… warum hab ich Germanistik studiert? Alles umsonst… hier spricht ja keiner mehr Deutsch.“
Heiko (grinst, schlägt ihm kumpelhaft auf den Oberschenkel):„Doch! Ich! Sächsisch is nur Deutsch mit Herzrhythmusstörung!“
(Und dann prostet er ihm mit dem letzten Schluck Bier zu.)
Klaus-Dieter sitzt neben Heiko. Doch sein Blick ist nicht mehr panisch – er ist konzentriert. Forschend. Wie im Museum für Aussterbendes Alltagsdeutsch.
Er beobachtet:
Heikos Mund bewegt sich kaum.
Die Lippen: eher Idee als Muskelpartie.
Die Laute: kommen nicht frontal – sondern aus irgendeinem geheimen Quellraum unter der Zunge.
Wie aus einer Fontäne.
Oder eher: wie aus einer Fontaine, die seit ’89 leckt.
Klaus zückt unbemerkt einen kleinen Notizblock. Schreibt:
✍Notiz in seinem Reiseheft:
„Sächsisch: Mischung aus Glottis und Gulasch. Heiko spricht, als hätte seine Zunge Hausarrest.“
„Der Satzbau verbeult. Die Grammatik: höflich beurlaubt.“„Und doch – eine eigene Poetik. Eine Wärme, ein Knistern wie Radiotapete.“
Heiko (quatscht weiter, ohne Luft zu holen):
„Weißte, das Schlimmste sin ja die mit’m ’Ich bin offen für alles‘ auf Tinder – aber wehe, du hast auf dem ersten Bild ’ne Bratwurst mit Senf. Weggerutscht, wie auf’m zu kurzen Teppich!“
(Klaus notiert mechanisch:)
„Heiko → analoger Barde mit Bierflasche als Laute.“
Heiko (blickt aus dem Fenster, melancholisch):
„Früher ham wir uns gegenseitig Briefe geschrieben. Heute löschen sich die Leut, bevor sie gespeichert werden.“
Klaus hält inne.
Denkt kurz nach.
Schreibt dann nicht.
Er schaut nur.
Auf Heikos kaum bewegten Mund.
Und denkt:
Vielleicht ist er ja doch ein Prophet. Nur eben: einer, den keiner versteht.
Szene 2: BAHNHOF WÜRZBURG
Der Zug bremst. Der Moment kommt.
Beide steigen aus. Am Bahnsteig riecht es nach Bremsstaub und Entscheidung.
Heiko blickt nicht zurück.
Dann – ein kurzer Blick zu Klaus-Dieter. Und der letzte verbale Pfeil:
Heiko (leise, aber mit Nachhall):
„Weeste, Preiß…
Sproch is wie Senf.
Wenn's zu süß is, glaubt dir keiner.
Wenn's zu scharf is, frisst's dir’s Hirn weg.
Aber wenn's passt… dann schlotzn’s dir von der Seele.“
Kurz schweigt er. Dann noch ein Nachschlag:
„Du bist’n Glas voller Wörter,
aber der Deckel sitzt noch drauf.
Mach auf. Lass knattern.
Aber mit Würde, verstehste?
Mit Herz. Un mit’m Arsch in der Hose.“
Draußen quietscht ein Taxi.
Heiko grinst. Zieht den Reißverschluss seiner Trainingsjacke höher.
Ein letzter Ellbogenstoß in die Luft – sowas wie ein Gruß.Dann ist er weg.
Klaus-Dieter bleibt zurück. Zwischen Gleis 4 und dem, was jetzt kommt.
Allein.Die Tür schließt sich.
Und irgendwo zwischen den Achselhöhlen und dem Zwerchfellmacht sich ein kleiner Wind aus Trotzfreiheit breit.
Klaus-Dieter verlässt den Bahnhof.
Würzburg. Sonne. Kopf leer. Magen knurrt.
Ein Bäcker muss her. Etwas Zucker für die Seele, etwas Teig gegen den Weltekel.
Er sieht das Schild: „Mohn & Seele“.
Klein. Verheißungsvoll. Ein Versprechen auf Hefe und Heimat.
Er tritt ein.
Drinnen: der Duft von Mehl, Kaffee und einer Prise Misstrauen.Willkommen im Unterfranken-Modus.
Klaus-Dieter (freundlich, aber hungrig):
„Ein Schnippe, bitte.“
Die Verkäuferin friert in ihrer Bewegung ein.
Verschränkte Arme. Stirn in Falten.
Ein Blick wie ein Vorschlaghammer im Leerlauf.
Verkäuferin:„Des is a Weck, du Depp.“
Stille.Klaus-Dieter blinzelt. Zwei Mal.
Scannt den Laden auf versteckte Kameras.
Dann dämmert es:
Das ist kein Streich. Kein Sketch. Kein pädagogisches Experiment.Das ist Bayern. Live. Unverblümt. Und kurz angebunden.
Er korrigiert sich:
„Dann… einen Weck, bitte.“
Sie gibt ihm das Gebäck, als wär's ein Prüfungszertifikat.Ein kleiner Kassenbon aus Anerkennung.
An einem Stehtisch nippt ein älterer Herr an seiner Kaffeetasse.Er mustert Klaus-Dieter – von den Schuhen bis zum unsichtbaren Hochdeutsch auf der Stirn.
Grantler (knurrig):
„De Preißn warn früher schlimmer. Aber höflicher.“
Er nimmt einen Schluck. Dann, fast väterlich:
Grantler:„Nächstes Mal: Weckla sagen. Klingt wenigstens nach Heimat.“
Klaus-Dieter denkt:
Okay. Ein Weck. Keine Schrippe.
Der Mensch hat dem Brot einen neuen Namen gegeben,damit er seinen Frust besser kauen kann.
Er beißt ab.
Knusprig.Irgendwie nach Provinz. Und nach Trotz.
Noch kein echter Fluch.
Aber: die erste Reibung mit der Realität.
Szene 3: ANKUNFT
Klaus-Dieter schleppte seinen kleinen Rollkoffer über das holprige Kopfsteinpflaster der Altstadt.
Das linke Rad blockierte bei jeder dritten Fuge – wie ein trotziges Kind an der Supermarktkasse.
Er murmelte:
„Na prima. Willkommen im Regionalhimmel.“
Kein Fluch. Noch nicht.
Nur gepflegter Frust. In vollständigen Hauptsätzen.
Um die Ecke: ein schiefes Holzschild.
„Grand Grantlhof – Fremdenzimmer mit Herz & Widerwillen.“Darunter, in verblasster Farbe, vermutlich mit Bierlack gemalt:„Wer fragt, kriegt Antwort. Ob’s ihm g’fallt, is a andere G’schicht.“
Er blieb kurz stehen.
Schaute auf die Wandtafel:
Gepflegte Zimmer
Gepflegte Essen
Gepflegte Grantln – Gratis
69€ pro Nacht, Frühstück inbegriffen
Willkommen in Unterfranken.
Hier wird nicht gelächelt. Hier wird überlebt.
Einchecken
Drinnen roch es nach Bohnerwachs, Erinnerungen und einem leichten Urinrest.
Dazu: Kaffee.
Alt.Stark.Unversöhnlich.
Hinterm Tresen:
Hildegard.Kurzhaarfrisur wie mit’m Geodreieck gezogen.
Brille an Kordel.
Gesicht wie ein Abreißkalender:
Man sah jedem Tag an, dass er schlechte Laune gemacht hatte.
Klaus-Dieter (freundlich, urban bemüht):
„Guten Abend. Ich hab reserviert für morgenfrüh. Einzelzimmer.“
Hildegard (ohne aufzublicken):
„Des merkt ma.“
Klaus-Dieter (kleines Räuspern):
„Ich heiße Klaus-Dieter –“
Hildegard:„Schlüssel liegt unterm Jesus. Zimmer drei. Zweiter Stock.Kein Fahrstuhl.
Und ja – des Wasser braucht a bisserl, bis’s warm wird. So wie mein Mann.“
Hinten im Halbdunkel grunzte Günther, der grantelnde Gatte.Wollsocken in Sandalen.
Thermounterhemd von 1987.
Schnurrbart wie ein Trennstrich fürs Leben.
Günther (brummt):
„Zimmerschlüssel is ned verlierbar. Hat a Eigengewicht.Wennst drauftrittst, stirbst langsam – aber ordentlich.“
Der erste Abend
Zimmer 3.
Schmal.Beruhigend.Blümchentapete.Ein Kreuz überm Bett.
Und ein Bild von einem lächelnden Jesus, der aussah, als denke er:
„Du wolltest es ja so.“
Klaus-Dieter setzte sich aufs Bett. Es quietschte.
Er atmete aus.
Der Tag war lang gewesen:
Der Brötchenschock, der Dialekt, der Abschied von Heiko.
Draußen bellte ein Hund. Oder ein Mensch.
In Franken war das nicht immer eindeutig zu klären.
✍Notiz in seinem Reiseheft:
„Unterkunft gefunden.
Freundlichkeit: unterkühlt.
Humor: radioaktiv.
Aber die Decke ist warm.
Vielleicht ist das ja Liebe.“
Szene 4: „HILDEGARD SPEZIAL“
Nächster Morgen.
Frühstücksraum.Tischdecke mit Plastikfolie.
Radio läuft: BR Heimat.
Ein Akkordeon jammert irgendwas in Moll.
Hildegard serviert – wortlos.
Kein „Guten Morgen“. Nur ein Nicken – wie bei Beerdigungen mit Kaffee.
Auf dem Teller:
Zwei hauchdünne Scheiben Paprikawurst (mit Loch – vermutlich Sparmaßnahme)
Eine halbe (!) Essiggurke, diagonal geschnitten – Symbol für gelebte Effizienz
Ein Weck – rebellisch knusprig
Butter: einzeln verpackt, Zimmertemperatur: ungeklärt
In einem Schälchen: Hagebuttenmarmelade – rot wie Spätromantik
Hildegard (ohne Ironie):
„Des is Frühstück. Net diskutierbar.
Wer was anderes will, soll sich a Seminar buche.“
Klaus-Dieter (kleinlaut, ergeben):
„Ich… danke.“
Er biss in den Weck.
Es schmeckte nach Brot.
Aber auch ein bisschen nach Trotz.
Und nach Vergangenheit.
✍Notiz in seinem Reiseheft:
Unterfranken – Einstieg in die Dialekthölle light.
Hier sagt man nicht „Guten Tag“.
Hier sagt man: „Was willst’n?“ – und meint vielleicht beides.Schrippe wird als Beleidigung behandelt.
Fluchen funktioniert noch nicht.
Aber ein „Hmpf!“ zählt als Fortschritt.
Frühstück als Charaktertest.
Szene 1: MORGENDLICHER EINSTIEG:
Klaus-Dieter fühlt sich… bereit.
Er hat brav sein Frühstück gefressen – die Paprikawurst war okay, aber irgendwas daran schmeckte „gefühlt vor der Wende“.
Beim Zähneputzen notiert er:
✍Notiz in seinem Reiseheft:
„Frankenfrühstück – nährt Geist und Körper.“
Heute soll’s kulturell werden.
Er will beweisen, dass er mehr ist als ein zynischer Preuße mit Dialektphobie.
Ankunft im Dom:
Der Würzburger Dom:
Ein Monolith aus Stein, Weihrauch und Schuldgefühl.
Barocker Wahnsinn. Orgeln. Gold. Gestapelter Ernst.
Klaus betritt das Gotteshaus.
Flüstert:„Beeindruckend. Hier kann selbst ein Atheist ehrfürchtig werden.“
Doch nach den ersten Orgelklängen beginnt in seinem Bauch ein eigenes Konzert.
Konzert im Inneren:
Er sitzt neben einer Familie.
Ein Sonnenstrahl fällt durch die Rosette.
Die Orgel saugt göttlich durch die Lungen.
Der Pfarrer spricht über Sünde und Erneuerung.
Klaus denkt:
„Ich bin offen für Erneuerung.“
Er will Kultur aufnehmen.
Doch stattdessen kommt:
Ein Geräusch. Innen.
Nicht laut, aber eindeutig.
Eskalation mit Würde:
„Paprikawurst, du Hure Babylon!“
Klaus schwitzt.
Der Dom: riesig.
Die Toilette: unsichtbar.
Ein liturgischer Marathon ohne Fluchtweg.
Der Pfarrer spricht von „Vergebung“ und dem „langen Weg zur Läuterung“.
Klaus denkt:
„Ich brauche keine Vergebung. Ich brauche einen Abort.“
Er öffnet das Reclamheft.
Von außen: Interesse an Goethe.
Von innen: Überlebenskampf.
Pfarrer:„Manchmal müssen wir loslassen, um frei zu sein.“
Klaus flüstert:
„Wenn du wüsstest, Bruder…“
Ein Kind singt Solo.
Klaus wankt.
Er verlässt die Bank wie ein Tourist in der Wüste – auf der Suche nach einer Oase mit Spülung.
„Jetzt nicht, Gott. Nicht hier.“
Rausgang – ohne Exit:
Zu viele Menschen. Zu wenig Hoffnung.
Dann: eine kleine Bewegung.
Ein Fehltritt der inneren Schwerkraft.
Die Kathedrale wird still.
Nicht akustisch. Innerlich.
Klaus schreitet – steif, langsam, würdevoll.
Wie einer, der gerade sein letztes Kleingeld verloren hat.
Er sagt nichts. Sieht niemanden an.
Nur sein Schritt ist… leicht breiter als nötig.
Etwas ist passiert.
Etwas… Tropfendes.
Oblate & Offenbarung:
In seinem Kopf läuft’s in Dauerschleife:
Der Pfarrer.
Schnell, eifrig, freundlich:
Pfarrer (feierlich, mit fränkischem Nachdruck):
„Däs is da Leib Kristi, mei Jong.“
(das „Kristí“ klingt, als würde man in ein altes Weihrauchfass blasen – ehrfürchtig, aber zäh)
Klaus-Dieter (erschrickt, flüstert):
„N’ee… also… kein Fleisch bitte…“
(Dialektsymphonie: ein Berliner, der versucht, höflich Nein zu sagen und dabei klingen will wie jemand mit Ahnung vom Sakrament.)
Doch bevor sein Vegetarier-Geständnis ganz aus dem Hals kann, ist es schon passiert.
Der Pfarrer – geübt in liturgischer Penetration – schiebt ihm die Oblate rein
wie ein USB-Stick
in einen Port, der weder offen noch kompatibel war.
In dem Moment:
Ein leises, inneres „Plopp“ – fast poetisch.
Nur nicht für seine Unterhose.
Und jetzt das Publikum: Alte Dame (hinter ihm, streng fränkisch, laut genug für drei Bänke):
„A so a G’fret! Der konn ned amol a Manna vertragn!“
(„So ein Theater! Der kann nicht mal das Manna vertragen!“)
Und schaut ihm seitlich an.
„Du nimmst den, ned weilst glabst – weilst musst!“
Ministrant (flüstert, leicht panisch):
„Der hod in die Hos’n gladd!“
(„Der hat in die Hose... geglatscht.“)
Zweite Dame (beugt sich zur ersten):
„Des kimmt vom vegana Lebm! Dei Darm derf aa amol bet’n!“(„Das kommt vom veganen Leben! Sein Darm will halt auch mal beten!“)
Der stille Exorzismus:
Später. Im Bad.
Klaus steht vor dem Waschbecken.
In der Hand: eine vollgelebte Unterhose.
Jetzt wieder leer.
Wasser läuft.
Seife: „St. Franziskus Hygieneschaum – extra stark.“
Er flüstert:
„…Verdammt.“
Dann friert er ein.
Nicht wegen des Fluchs.
Sondern weil es sich richtig anfühlt.
Nicht wie ein Ausbruch.
Mehr wie ein inneres Bekenntnis.
✍Notiz in seinem Reiseheft:
„Unterfranken – du hast mich angefasst. Innen.
Nicht wie ein Schlag.
Mehr wie ein Tritt, den man gebraucht hat.
Ich begreife langsam:
Fluchen ist nicht gleich wüten.
Manchmal ist es nur Ehrlichkeit – in einer Sprache, die sich traut, Dampf zu machen.
„Franken – du bist kein Landstrich. Du bist ein Härtetest in Brotteigform.
Ich wollte Würde.
Ich bekam: Hagebutte, Paprikawurst und das Jüngste Gericht in der Hose.“
Szene 2: MOST & MORALVERDUNSTUNG
Klaus-Dieter steht in der Würzburger Residenz.
Ein Marmorsaal wie aus einem Dekadenzfilm. Gold, Stuck, Geigenmusik vom Band – weht durch die Gänge wie der Nachhall eines höfischen Furzes. Er trägt jetzt die Ersatzunterhose trockene Liebestöter.
Gedankenluftzug:
„Früher wurde hier gefrühstückt mit Austern und Gebet.Heute: Most vom Ausschank und ein Flammkuchen mit Ziegenkäse – ein Gericht wie eine Beziehung: zu weich, zu heiß, zu teuer.“
Er setzt sich in den Hofgarten. Nippen. Kauen.
Die Sonne knallt. Der Bauch: rebellisch. Wieder.
Aber diesmal ist er vorbereitet.
Er atmet tief.
Wie ein Samurai, der weiß: Der letzte Hieb geht an den Darm.
„Ich habe Gott überlebt. Ich überlebe auch den Ziegenkäse.“
„Der Mensch ist nicht gemacht für diese Mixtur: Barock & Ballaststoffe.“
Er hebt sich vom Tisch und geht.
Klaus-Dieter, vom Most und Flammkuchen innerlich belagert, taumelt durch die Galerie.
Er hält sich am vergoldeten Geländer fest. Eine Touristengruppe läuft vorbei.
Der Guide erklärt:
„Hier nächtigte Napoleon. Und dort oben sehen Sie…“
Klaus-Dieter (murmelnd):
„…ein Loch in meinem Verdauungstrakt.“
Dann sieht er es:
Ein Schild mit stilisiertem Männlein/Weiblein und dem Wort „Toiletten →“
Er biegt um die Ecke, in die Residenztoiletten, prachtvoll gefliest.Erleichterung. Fast Tränen.
Doch als er die sauberen, modernen Sanitäranlagen betritt, ist er… enttäuscht.
Dort, zwischen Rokoko und Reue, hockt er.
Gedankenmonolog:
„Kein goldener Eimer. Kein Klo mit Samtdeckel.
Nicht mal ein Fresko über’m Pissoir.
Einfach nur: funktional.
Früher scheißten sie in die Ecke – aber mit Haltung und Stuck.
Heute ist alles gefliest – sogar die Demut.“
Er verlässt die Kabine. Würdevoll.
Wäscht sich die Hände. Blick in den Spiegel.
„Die Residenz hat schon Könige gesehen, Revolutionen…Sie wird auch mich überstehen.“
Klaus mit Augenzwinkern: „Unterfranken, du hast mein Inneres geleert. Jetzt auch mein Äußeres.“
Beim rausgehen.
Klaus entdeckt neben der Toilette ein historisches Schild mit dem Text:
„Hier entleerte sich Fürstbischof X. während der französischen Belagerung von 1796.“
Er nickt.
„Ich bin nicht allein. Geschichte wiederholt sich. Nur mit Spülung.“
Zurück im Garten
Klaus-Dieter sitzt an einem schattigen Tisch im Hof der Residenz.Vor ihm immer noch: ein Glas Most, eine halb abgebissene Scheibe Flammkuchen.
Er atmet tief durch.
Neben ihm hatten sich während seiner Abwesenheit ein älteres fränkisches Ehepaar Platz genommen, beide in Kurzarm-Hemden in Partner-Look, beide rot im Gesicht.
Hitze. Gereiztheit. Dialektschärfe wie Chilisoße im Ohr.
Die Frau wedelt sich Luft zu.
Der Mann schiebt den Flammkuchen wie beleidigt auf dem Teller rum.
Das Gespräch am Nebentisch (wird unabsichtlich zur Live-Fluchoper):
Frau (nörgelnd):
„Des is doch koa Sommer mehr, des is a biologische Kriegserklärung!“
Mann (schwitzt, seufzt):
„Wos hob i gsacht? I hob gsacht: Lass ma heid dahoam bleim! Aber naa, Madame will Kultur...“
(kippt den Most runter)
Frau (schiebt nach):
„Der Herrgott soi si schämen. Erst schickt er uns de Glut, dann setzt er uns in die Sonne!“
Mann (explodiert):
„Zefixhaleluja no amoi, is des a Hitz! I schwitz wie a Sau im
Backofen! Wenn’s no a bissla heißer wird, fängt mei Leber zum Singa an!“
Frau (nickt, trocken):
„Dann kriagst an Gospel. Du bist eh voller Schuld.“
Klaus-Dieter (innerer Monolog):
„Ich verstehe kaum ein Wort... und doch alles.
Das ist kein Dialekt. Das ist ein Aggregatzustand.
Aggression in Vokalform.
Wut als Wortkunst.“
der Mann ruft rüber:
„Naa, wos glotzt'n so? Bei euch in Berlin schwitzt ihr doch bloß virtuell!“
Und Klaus denkt sich:
„Ich lerne. Wort für Wort. Schweiß für Schweiß.
Unterfranken: Du bist ein Dampfbad aus Trotz und Zungensalat.“
Elsbeth (mustert ihn, als wär er eine zu weich gekochte Kartoffel):„Bist wohl ned von hier, hä?“
(Pause)„A Gesicht wie a zu spät gelieferts Päckla.“
Klaus-Dieter (denkt):
„Ich hab keine Ahnung, ob das ein Witz war – aber ich hab mit gelacht. Vorsichtshalber.“
Herbert (grinst, hebt den Most):
„Naa, des is a Preiß. Die erkennt ma am Gsichtsausdruck.So schau i a, wenn’s beim Metzger koa Stadtwurst mehr gibt.“
Klaus-Dieter (freundlich, aber vorsichtig):
„Ich bin auf Reisen. Unterwegs zu mir selbst, gewissermaßen.“
Elsbeth (trocken):
„Na hoffentlich findst dich. Und wenn ned, bleib halt do.Mir san eh scho voll mit Leut, die ned wissen, wo’s hingehört.“
Herbert (prostet ihm zu):
„Trink a Schluck, des hilft gega Selbstfindung.
Oder wenigstens gega des Denken drüber.“
Klaus hebt sein Glas – leicht irritiert, aber fasziniert.
Man sagt nie einfach „Hallo“. Man sagt: „Wos bistn du für oana?“
✍Notiz in seinem Reiseheft:
„Fränkische Flüche:
Nicht direkt böse – eher: emotionale Holzschnitte.
Wie Wut in Dialekt gegossen.
Jeder Satz klingt wie: ‚Ich bin sauer. Aber ich bleib zum Kaffee.‘Fränkisch: Sprache mit Föhnfunktion.“
Tageswort: „Zefixhaleluja“ – Bedeutung: Wenn die Hitze und der Herrgott gleichzeitig aufs Gemüt drücken.
Szene 1: EINHORN ODER HALBE TEUFEL
Der Morgen beginnt mit einem Knall.
Nicht draußen. Drinnen. Im Kopf.
Jesus – ein aus Gips gegossenes Andenken an bessere Zeiten – hat sich in der Nacht von der Wand über Klaus-Dieters Bett gestürzt.
Punktlandung: linke Stirnseite.
Jetzt trägt Klaus eine Beule mit violettem Kranz.
Ein Einhorn mit theologischer Botschaft.
Er tritt vors Waschbecken, fingert über die Schwellung.
„Auuuu…“ – leise, klagend, fast wie ein gregorianischer Schmerzlaut.Dann murmelt er beim Blick in den Spiegel:
„Entweder göttliches Zeichen. Oder bayerische Statik.“
Sein Blick wandert zum Heizkörper.
Darauf: Der Liebestöter Deluxe – stahlend weiß, mit Rippenstruktur und mit frommem Schlitz. Der war jetzt weniger göttlich als... gesegnet von gestern.
Selbst St. Franziskus Hygieneschaum – extra stark hat hier kapituliert.
Klaus schaut nach links. Dann nach rechts.
Und flüstert wie ein sündiger Messdiener:
„Zefixhaleluja.“(Fast. Zu früh. Er zuckt innerlich zurück.)
Er geht hinunter.
Die Küche riecht nach Filterkaffee, Wurst, altem Linoleum und fränkischer Weltordnung.
Hildegard steht am Küchentresen.
Günter lehnt am Türrahmen, die Zeitung gefaltet wie ein Kreuz.
Beide starren ihn an.
Klaus (trocken):
„Jesus ist gefallen.“
Stille.
Hildegard (bleich, kreuzigt sich):
"De Entkrist"
Günter (mit Blick auf die Stirn):
„Joa.“
Klaus:„Können Sie ihn wieder anbringen?“
Günter:„Joa.“
Klaus:„Und könnten Sie mir vielleicht eine Brotzeit einpacken? Ich will heut wandern – bevor die Gluthitze anfängt.“
Hildegard (nickt, mechanisch):
„Joa. Sofort.“
Szene 2: WANDERUNG & WELTSCHMERZ
Die Sonne steigt schneller als gedacht.
Klaus-Dieter stapft durch die Weinberge – begleitet von der Brotzeit und einer wachsenden inneren Gärung.
Sein Schritt: vorsichtig. Seine Stirn: pochend.
Doch dazwischen liegt Landschaft. Reben. Stille.
Vögel trillern. Der Main glänzt unten wie flüssiges Blech.Nur Klaus-Dieter röchelt leicht – weniger wegen der Steigung, mehr wegen des Vortags-Ziegenkäses, der noch eine Nachschicht schiebt.
Er setzt sich auf eine schiefe Bank, blickt ins Tal.
Gedanke:
„Unter mir: Franken.
In mir: Chaos.
Und in der Brotdose: zwei Scheiben Wurst, ein Ei, drei Zweifel.“
Er packt aus.
Das Brot ist dick geschnitten, das Ei hart, die Gurke rebellisch.Er beißt.
Schaut auf die Reihen der Reben.
„Sie wachsen alle in eine Richtung.
Das schafft man nur mit Draht, Sonne und Willen.
Vielleicht brauch ich das auch.“
Er lehnt sich zurück.
Schweiß tropft.
Ein Traktor zieht vorbei – der Fahrer winkt, ohne zu bremsen.Klaus-Dieter winkt zurück, fühlt sich kurz wie einer von ihnen.Dann sticht ein Insekt in seine Wade.
„Zef—…“Er beißt sich auf die Zunge.
Nicht jetzt. Noch nicht.
✍Notiz in seinem Reiseheft:
„Wandern ist nicht gehen.
Wandern ist denken mit Schweißfilm.
Die Reben sind ehrlich.
Sie wachsen nicht wegen der Aussicht, sondern trotz des Steins.Ich glaub, das ist’s.
Unterfranken will nicht gefallen.
Es will geprüft werden.“
Erleuchtung mit Druckstelle
Oben.Der Weg war steinig. Die Sonne gnadenlos.
Klaus-Dieter steht an einer kleinen Kapelle – windschief, von Efeu halb verschluckt.
Ein Rastplatz.
Ein schiefer Tisch.
Ein Kreuz, das schon bessere Wetterlagen gesehen hat.Er setzt sich.
Dann kommt es schleichend.
Erst ein dumpfer Schmerz.
Dann ein Pieken, ein Ziehen, ein Stechen.
Klaus flucht nicht. Noch nicht.
Er zieht den Schuh aus.
Die Socke klebt.
Eine Blase an der Ferse – groß wie ein Ministranten-Keks.Sein Gesicht verzieht sich.
Gedanke:
„Ich weiß nicht, was schlimmer ist.
Die Beule auf der Stirn oder die Blase an der Ferse. Mein Körper spielt Franken-Memory.“
Er schaut auf seine Wanderschuhe.
Teuer. Ungetragen.
„Urban Trail Edition“ stand auf dem Karton.
Klaus murmelt:
„Wer wandert, braucht keine Inspiration.
Wer wandert, braucht: Einlaufen. Und Pflaster.“
Er lehnt sich zurück.
Ein leichter Wind zieht durch die Bäume.
Für einen Moment ist alles still.
Die Beule pocht im Takt mit der Ferse.
Klaus-Dieter fühlt sich – komplett.
✍Notiz in seinem Reiseheft:
„Erkenntnis an Tag 3:
Nicht jede Erleuchtung hat was mit Gott zu tun.
Manchmal ist’s nur die Blase an der Ferse, die dich dran erinnert, dass Hochmut vor dem Wanderschuh kommt.“
Rückzug mit Wadenkrampf
Der Rückweg beginnt.
Klaus-Dieter – eine Mischung aus Wanderer, Märtyrer und orthopädischem Notfall – schleppt sich den Hang hinunter.Die Sonne brennt.
Die Fliegen ignorieren seine innere Zerrissenheit.
Die Blase an der Ferse schreit.
Und dann – aus dem Nichts:
Ein stechender Schmerz. Linke Wade.
Klaus krümmt sich.
Bleibt stehen.
Beugt sich vornüber wie eine zerknickte Gebetskerze.
Vor ihm: ein Feldkreuz.
Verwittert.Bemoost.Ein Christus mit melancholischem Blick, als wüsste er, was noch kommt.
Klaus’ Gesicht: verzerrt vor Schmerz.
„Das war kein Muskel mehr. Das war ein Akkord aus Sehnen, Stolz und Hybris.“
Er hält sich fest.
Nicht aus Ehrfurcht.
Aus Muskelversagen. Ein alter Traktor tuckert vorbei. Der Fahrer schaut nicht mal hin.
Klaus stöhnt:
„Ich bin kein Pilger. Ich bin ein Jammerlappen in Funktionskleidung.“
✍Notiz in seinem Reiseheft:
„Das Feldkreuz hat mir vergeben.
Nicht weil ich bußfertig war, sondern weil ich wie ein Sack Galle davor stand.
Unterfranken:Deine Wege sind schön – aber sie schlagen zurück.“
Nachklang:
Zurück in der Pension.
Klaus-Dieter sitzt mit aufgestellten Beinen da.
Die Ersatzunterhose ist durchgeschwitzt.
Ein kaltes Fußbad im Waschbecken.
Neben ihm steht ein Glas Weinschorle.
Der Geschmack ist fruchtig und säuerlich, wie seine Laune.
Er hebt das Glas.
Murmelnd:
„Prost.”
Szene 1: MORGENDÄMMERUNG
Klaus-Dieter ist den Tränen nah.
Nicht aus Rührung.
Aus reiner körperlicher Kapitulation.
Er steht im Bad.
Oberkörper frei.
Haltung: leicht gebeugt wie ein altes Emaille-Schild.
Alles tut weh.
Wirklich alles.
Zwei Beulen zieren jetzt seine Stirn – links und rechts.
Symmetrisch.Fast kunstvoll.
Ein Doppelschlag göttlicher Architektur.
„Teufel persönlich“, murmelt er, und tastet die Quaddeln ab.Und als wär das nicht genug:
Seine Nase – rot, geschwollen, leicht krumm.
Beim Sturz auf die rechte Schläfe hat sich auch noch das Nasenbein verabschiedet.
Ein Gesicht wie aus’m Puppentheater.
Nur dass der Schmerz diesmal echt ist.
Er beugt sich vor den Spiegel.
Kratzt sich am Bauch.
Schnauft.Und sagt – ohne Humor, aber mit letzter Würde:
„Lieber Leser… diesmal war’s die rechte Seite.“
Der Spiegel schweigt.
Nur die Seife – „St. Franziskus – extra stark“ – steht da, als würde sie heimlich lachen.
Seine Ferse?
Eine matschige Landkarte aus Blasen und Druckstellen.Muskelkater bis in die Arschbacken – Andenken vom gestrigen Hangabstieg.
Klaus-Dieters Gangbild:
Ein 90°-Geodreieck auf Beinen.
Präzise, aber traurig.
Er versucht zu husten – schmerzt.
Er versucht zu lachen – schmerzt.
Er versucht zu vergessen – scheitert.
✍Notiz in seinem Reiseheft:
„Der Weg zur Selbsterkenntnis führt über Pflastersteine, Schmerzpunkteund zwei Stirnbeulen.
Wenn das göttliche Führung ist – dann bitte ich künftig um schriftliche Hinweise.“
Szene 2: MÄRTYRER DER WOCHE
Klaus-Dieter sitzt am Küchentisch.
Eine halbdurchsichtige Wattekugel steckt in seiner Nase –wie ein schlecht geplanter Architekturwettbewerb.
Um den Kopf: ein notdürftig gewickelter Verband.
Schief wie ein abgerutschter Heiligenschein.
Doch das Erbarmen hält sich in Grenzen.
Die Beulen sprengen den Verband – wie göttliche Notausgänge.
Links: lilablau.
Rechts: gelblich mit rotem Kranz.
Zusammen sehen sie aus wie zwei schlecht platzierte Heiligsprechungsstempel.
Hildegard schlägt beim Anblick des Gesamtbilds ein Kreuz über ihrer Kittelschürze.
Flüstert fast ehrfürchtig:
„Deifi mit Glanz um'n Kopp…“
Günter, der gerade die Kaffeekanne schwenkt, blickt langsam auf.
Seine Pupillen verengen sich.
„Joa.“
Klaus sagt nichts.
Greift zum Brötchen – als wär’s ein liturgisches Gerät.
Gedanke im Kopf:
„Das Schicksal hat Humor. Einen sehr mittelalterlichen.Wenn ich noch einen Tag bleib, wach ich mit Stigmata auf.“
Hildegard stellt ihm das Frühstück hin:
Zwei Scheiben Wurst, ein Ei, Gurke (diesmal nicht rebellisch), und ein sorgenvoller Blick.
Sie flüstert, als spräche sie mit einem Geistlichen auf Bewährung:„Wenn Sie woin, pack i Ihna a Kamillentee ei. Für’s Seelische.“
Klaus nickt – vorsichtig, wegen der Beulen.
„Danke. Und… könnten Sie mir bitte auch eine neue Unterhose dazulegen?
Die von gestern… hat Geschichte geschrieben.“
Günter, aus dem Hintergrund, murmelt:
„Da kennt sich unsa Fürstbischof a nimmer draussa…“
Szene 3: ABREISE MIT BEULENBONUS
Klaus – Verband, Watte und Würde – steht an der Küchentheke.Der Rucksack auf dem Rücken – leicht schief, wie er selbst.
Er greift ins Portemonnaie. Räuspert sich.
„Ich… würde heute gern abreisen. Was bin ich Ihnen schuldig?“
Hildegard rechnet kurz im Kopf.
Dann tippt sie auf ihren Taschenrechner – mit der Ruhe einer Steuerprüferin in Rente.
„Also… vier Nächte à neunundsechzig. Macht 276 Euro.“
Sie schaut auf.
„Aber… i zieh 1,50 Euro ab. Für den Spaßfaktor.“
Zeigt mit dem Bleistift auf die Beulen.
Klaus blinzelt.
„Wie bitte?“
„Na, is doch was wert, wenn einer hier so schön leidet.274,50 bitte.“
Sie lächelt – das erste Mal richtig.
Günter lehnt im Türrahmen.
Lächelt auch.
Sagt feierlich:
„Joa. Beehr’n Sie uns wieder.“
Klaus lacht.
Laut.Und für einen Moment – lachen Hildegard und Günter mit.Nicht grantelnd.
Nicht zynisch.
Einfach… ehrlich.
✍Notiz in seinem Reiseheft:
„In Unterfranken lachen sie nicht über Witze.
Sie lachen über dich.
Und wenn du mitlachst – gehörst du dazu – für einen Atemzug.“
Szene 1: DIE TÄUSCHUNG DER POSTKARTE
Ankunft – Schließfach, Zweifel, erste Neugier
Klaus-Dieter zieht seinen Rollkoffer über das Kopfsteinpflaster wie ein höflich hustender Gast.
Es klingt wie eine Entschuldigung auf Rädern.
Er bleibt vor dem Bahnhof stehen, schaut sich um – eine Mischung aus Disneyland und Zeitmaschine.
Er murmelt:
„So muss’s ausgesehen haben, kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg.
Oder kurz vor’m Instagram-Upload.“
Im Schließfach deponiert er sein Gepäck.
Nicht weil er plant, zu bleiben.
Sondern weil er’s sich offenhalten will.
Stadtgang – ein zu gut gebügeltes Gedicht
Er schlendert los. Kamera im Handy auf Standby.
Er ist kein Fotograf, aber heute macht er Fotos – weil er sich sonst gar nicht traut, hinzuschauen.
Die Gassen: wie von einer Modelleisenbahn geküsst.
Fachwerk, Türmchen, Blumenkästen.
Nicht ein Graffito. Kein schiefer Pflasterstein.
Bushaltestelle – Retterin mit Hut
Er will gerade umdrehen, vielleicht zum Schneeballenladen – da sieht er sie.
Eine ältere Dame. Hut, Handtasche, gerader Blick.
Sie mustert ihn, dann sagt sie:
„Früher war das hier mal ’ne Stadt. Jetzt isses a Freilichttheater.“
Pause.Dann:„Ich flieh nach Bad Windsheim. Do gibt’s wenigstens ka Schneeball’n.“
Sie steigt in den Bus.
Hinterlässt nur das leise Quietschen der Tür und ein Echo im Kopf.
Klaus bleibt stehen. Und spürt.
Nicht Zorn.
Nicht Trauer.
Aber etwas zieht sich zusammen.
Irgendwo zwischen Bauch und Hirn:
Der erste Fluchansatz. Noch kein Wort. Aber eine Ahnung.
✍Notiz in seinem Reiseheft:
„Rothenburg: Ich betrete die Stadt nicht. Ich betrete ein Bild. Und das Bild fragt nicht, ob ich hierhergehöre.“
„Rothenburg ist Disneyland für Erwachsene mit Geschichtsbewusstsein. Wunderschön. Aber unter Dauerverdacht. Jeder Moment wirkt wie ein Foto. Und ich? Ich bin der einzige, der kein Selfie will.“
„Diese Stadt ist wie ein zu perfekt gebügeltes Gedicht. Kein Komma zu viel. Kein Dreck am Pflaster. Kein Raum für Zweifel.“
Szene 2: STILLE MIT NEBENGERÄUSCHEN
Klaus findet den Klostergarten.
Ein Ort der Ruhe, angeblich.
Er setzt sich auf eine Bank, schließt die Augen.
Atmen.Loslassen.Eins werden mit dem Inneren…
„…und jetzt das Buch bitte nochmal emotional aufschlagen – aber mit Licht von links!“
Zwei Influencerinnen mit Kimono und Yoga-Matte turnen drei Meter neben ihm herum.
Der Satz „Oh mein Gott, ich fühl’s so“ wird mindestens sieben Mal wiederholt.
Klaus öffnet die Augen.
Er schaut sich um. Keine Mönche. Kein Gebet. Kein Schweigen.Nur ein QR-Code zum Klostergarten-Podcast.
Da – plötzlich – ein Rascheln.
Ein Schatten.
Ein Mönch steht neben der Bank.
Alt. Eingesunken. Kutte wie aus Buchenrinde.
In der Hand ein Rosenkranz.
Im Gesicht: ein Lächeln, das schon vieles gesehen hat.
Mönch (im fränkischen Dialekt):
„Wos is aus der Stille word’n, hä?
Heit drucken’s die Demut auf Kissen und verkaufen’s bei Etsy.“Er setzt sich, knarzt.
Schaut Klaus an, als hätt er durch die Schädeldecke in die Seele geschaut.
Mönch:„Du host a Beul am Hirn.
Früher häddn mir g’sagt:
Des is der Deifel, der gegen die Wand g’laufen is – in dir drin.“
Klaus starrt.
„Wer… wer sind Sie?“
Mönch (lächelnd):
„Nur a Echo. Von früher.
Ein Gedankerl mit Tonsur.
Mir hamm g’bet, du hockst da und hoffst auf WLAN.“
Er schaut zu den Influencerinnen.
Mönch:„Wenn der Faust heit leb’n däd – er würd ka’n Pakt mehr unterschreib’n. Er würd a Abo klick’n und sich Influencen lass’n.“Pause.„Wos de Beul braucht, is koa Licht von links. Sondern a Kasseler. Auf’n Schädel.
Und an Satz, der dir die Gänsehaut wieder auf die Haut druckt.“
Er steht auf.
Sein Schatten zuckt.
„Und wennst mi wieda brauchst – denk halt an nix. Dann komm ich scho wieder.“
Klaus blinzelt.
Der Mönch ist weg.
Nur ein Geruch von Weihrauch und Schweinsbraten hängt noch in der Luft.
Szene 3: HANDWERKERSTUBEN
Klaus-Dieter steht zwischen Hobelbänken, Zwingen und Drechselspänen.Es riecht nach Leim, Holz und Schweigen.
Im Halbdunkel hängen Werkzeuge wie Reliquien – alles echt, alles alt, alles irgendwie… würdevoll.
Ein alter Herr zeigt gerade, wie man eine Schwalbenschwanzverbindung sägt.
Keine Show. Kein QR-Code.
Nur ruhige Hände und das langsame Singen der Säge.
Klaus-Dieter ist ganz kurz still im Kopf.
Dann:Ein Tippen auf die Schulter.
Ein amerikanischer Tourist mit Baseballcap, Regenponcho und aufgerissenen Augen.
Tourist (flüsternd, fast ehrfürchtig):
„Excuse me… do Germans still do all this stuff by hand? Like… always?“
Pause.
Klaus dreht sich langsam um.
Er öffnet den Mund.
Dann schließt er ihn wieder.
Der Satz mit „F…“ formt sich, schwillt an – aber er bleibt drinnen.Gerade so.
Stattdessen sagt er, betont freundlich:
„Only when it’s supposed to last longer than a season.“
Der Tourist nickt. Begeistert. „Wow.“
Klaus dreht sich wieder zum Werk an der Hobelbank.
Im Hintergrund kratzt das Holz.
Echt. Langsam. Widerständig.
✍Notiz in seinem Reiseheft:
„Handarbeit ist kein Klischee – sie ist der Widerstand gegen Wegwerfdenken.
Und gegen Fragen, die mit einem Selfie enden.“
Spaziergang an der Tauber – Idylle im Abseits
Ein Moment Frieden.
Er steht am Fluss. Hört Vögel.
Dann:Ein Zischen. Ein Bremsen.
Ein Mountainbiker rauscht an ihm vorbei, ruft:
„Mittelspur, Opa!“
Klaus schaut ihm hinterher.
✍Notiz in seinem Reiseheft:
„Idylle ist ein fragiles Biest. Es stirbt zuerst an Geschwindigkeit.“
Szene 4: TOPPLERSCHLÖSSCHEN
Er steht vor dem Schlösschen.
Mini-Koloss aus Stein und Stolz.
Fast wie’n Denkmal, das gleichzeitig droht und duckt.
Klaus-Dieter hebt leicht das Kinn.
„So muss sich Macht anfühlen“, denkt er. Bürgermeister-Phantasie. Retter der Stadt. Großer Mann in kleinen Gassen.
Dann zischt von der Seite:
„Entschuldigung! Bitte hinter die Fotolinie! Sie verdecken das Ensemble!“
Museumsaufseherin, Diavortrag in Menschform. Klaus tritt zurück.
Zurück ins Unsichtbare.
Aber dann:
Ein Husten.
Ein schwerer Schritt.
Ein Schatten fällt über den Kies.
Neben ihm steht plötzlich ein Mann.
Breit. Bärtig. Mantel bis zum Knöchel.
Schwert am Gürtel.
Gesicht wie aus’m Stadtarchiv ausgeschnitten.
„Wos glotzt denn so?“, fragt der Mann.
„Wolltst du g’spür’n, wie des is, Bürgermeister zu sei?“
Klaus starrt ihn an.
„Äh… ich wollt nur kurz… reinfühlen.“
„Reifühl’n? Reifühl’n?! Macht spürst ned durch’s Guck’n.Die spürst durchs Tragn.“
Er tippt mit zwei Fingern gegen sein Schwert.
„Heinrich Toppler. Dreißg Jahr Bürgermeister. Sechsmal belächelt, dreimal verflucht, einmal enthauptet. Des reicht für a Bio, oder?“
Ein Selfie-Stick schiebt sich von der Seite ins Bild.
Zwei Touristen grinsen mit Peace-Zeichen vor dem Schlösschen.Click. Lächeln. Weg.
Toppler schaut ihnen hinterher.
„Des mein i. Ihr wollt Bilder statt Bürden.
Aber da liegt der Dreck. Und Dreck is echt.“
Er dreht sich wieder zu Klaus.
„Du bist a Lehrer, oder?“
Klaus blinzelt. „Woher—?“
„Des sieht ma. Die wissn zu viel und fühl’n zu wenig.“
Er lacht leise. „Aber mach dir nix draus. So war ich aa.“
„Wer… sind Sie?“, fragt Klaus.
„Toppler. Heinrich. Bürgermeister, Bauherr, Bruder im Geist.Und jetzt: Kulissengeist.“
„Sie sind… tot?“
Toppler grinst. „In dem Kaff? Naa, do lebt ma weiter – in Kulissen und Kammermusik.“
Er beugt sich näher.
„Du bist a Zugroaster, gell? Denkst, Rothenburg is a Postkarte. Is a Trugbild. Aber unterm Fachwerk liegt a Haufen Geschichte.Und die beißt manchmal.“
Er tritt ein paar Schritte zur Seite.
Zeigt auf die Fotolinie.
„Die Linie trennt euch Heutige von eurer eigenen Geschichte. Weil ihr euch nimma traut, Dreck an die Finger zu krieg’n.“
Klaus überlegt. Dann sagt er:
„Vielleicht braucht’s heute andere Formen von Macht.“
Toppler schaut ihn an – belustigt.
„Papperlapapp. Macht is wie’n Beil. Ändert sich ned, nur weil ihr jetzt vegan seid.“
Pause.
„Sie waren also Bürgermeister in der Stadt…“
Toppler verschränkt die Arme.
„Sechsmal gewählt. Von Menschen, die heut über Parkgebühren streiten würden. Damals hamm wir uns gfragt: Pest oder Pfründ? Und manchmal beides.“
Klaus tritt einen Schritt näher.
„Sie gelten als Reformer.
Aber auch als Intrigant.
Einige sagen, Sie seien zu mächtig geworden.“
Toppler grinst.
„Wer mächtig is, is immer a bissl zu viel. Glaubst, du kannst was beweg’n, ohne dass was knirscht? Nur im Geschichtsbuch klingt Macht sauber.“
Dann schaut Toppler zum Schlösschen.
„Des da… des hab i baut. Mit Händ, mit Zorn, mit Ziegel.
Heut fotografier’n s’ Leut’s. Früher hamm s’ drin g’bettelt.“
Klaus-Dieter denkt laut:
„Und wie geht man um mit dem Gefühl, ein Außenseiter zu sein – obwohl man vorne steht?“
Toppler wird still.
„Weißt, was’s Schwerste war? Ned die Entscheidungen.Sondern des: Dass die Leut’ dir nur zuhören, wenn du ihnen recht gibst. Und wennst des ned machst – dann bist halt glei der Böse.“
Er tritt näher.
„Dann merk dir eins: Wenn’s di wieder hinter d’Linie schick’n – dann überleg, ob die Linie richtig is.
Oder bloß bequem.“
Er schaut zum Schlösschen.
„Des da – des ham sie mir nachträglich schön gemacht. Damals war’s bloß Stein. Heute is es Instagram.“
Klaus schnaubt.
„Und ich dachte, Lehrer sein wär einsam.“
Toppler schaut ihn an.
Lang. Direkt.
„Du erklärst Geschichte, oder? Dann erklär ihnen auch das:Die Wahrheit hat oft schlechte Presse. Und manchmal muss man fluchen, weil ein Fußtritt zu höflich wär.“
Klaus zieht das Notizbuch.
Toppler nickt.
„Schreib auf:
Macht is ned das Problem. Feigheit is’s. Und Erinnerung ohne Reibung is Tourismus.“
Dann wird er leiser.
„Und wennst wieder heimfährst – frag dich:
Willst du g’falln? Oder willst du spürn, dass du warst?“
Ein Windstoß.
Toppler hebt die Hand zum Gruß – und zerbröselt in den nächsten Moment.
Klaus bleibt stehen.
Vor dem Schlösschen.
Die Linie auf dem Pflaster scheint jetzt dünner.
✍Notiz in seinem Reiseheft:
„Heute hat mir ein Toter widersprochen.
Und ich hab endlich verstanden, warum Geschichte sich wie ein Spiegel anfühlt.“
„Toppler war kein Held.
Aber er war da.
Und das reicht für mehr als ein Foto.“
Szene 5: HENKERFÜHRUNG
Nacht in Rothenburg.
Die Gassen glänzen vom letzten Regen.
Der Bratenduft klebt wie Patina auf den Mauern.Vor dem alten Rathaus versammelt sich eine kleine Touristengruppe. In ihrer Mitte: Klaus-Dieter, müde, mit Notizbuch in der Manteltasche.
Dann erscheint er:
Der Henker.
Breit gebaut, LED-Leuchten an der Kapuze, Theateraxt, Mikrofon.
Henker (theatralisch):
„Werte Gäste! Tretet ein in die dunkle Geschichte dieser Stadt!Folgt mir – durch Schuld, Pest… und kirchliche Zensur!“
Er marschiert los.
Die Gruppe folgt wie auf Schienen.
Klaus-Dieter hinten – zwischen Neugier und Kopfschmerz.
Die Bühne aus Paletten
Hinter dem Spitalturm: eine Bühne aus Euro-Paletten.
Darauf drei Gestalten:
Pfaffe – Soutane über Skihose, trägt ein Bluetooth-Weihrauchfass.
Adliger – Hermelinmantel aus Plüsch, ein Zepter aus Staubwedel.
Bauer – Filzhut, Plastikmistgabel, angeklebte Warze.
Der Henker verkündet:
„Im Jahr des Herrn 1627 wurde die Magd Kunigunde hingerichtet – wegen Verführung, Fluch und einer beleidigenden Bemerkung über den Bürgermeister.“
Dann wird sie hereingeführt:
eine Schaufensterpuppe im Dirndl.
