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Das Kursbuch 212 beschäftigt sich mit der Frage, wie der Umgang mit knappen Gütern beziehungsweise mit Knappheit vor sich geht. So zeigt Marc Wittmann in seinem Beitrag, dass die Lebenszeit mit Ablauf der Zeit nicht einfach objektiv knapper wird. Vielmehr verändert die knapper werdende Lebenszeit zugleich die Zeiterfahrung und die Verarbeitung von Zeit. Überhaupt kommt Wittmann zu dem Ergebnis, dass das Subjekt nicht nur irgendwie Zeit verarbeitet, sondern genau genommen ein zeitliches Phänomen ist.
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Seitenzahl: 20
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Inhalt
Marc WittmannZeit und ExistenzWenn die Zeit knapp wird
Der Autor
Impressum
Marc WittmannZeit und ExistenzWenn die Zeit knapp wird
Spätestens wenn der Mensch die Halbzeit seines Lebens erreicht hat, wird ihm die Zeitlichkeit und damit seine Endlichkeit bewusst. Die Midlife Crisis kann donnernd als Zäsur über uns hereinbrechen, vielleicht am 50. Geburtstag. Das Gefühl einer zunehmenden Zeitknappheit ob der ins Bewusstsein rückenden Endlichkeit kann sich aber auch langsam einschleichen. Die Hochkulturaffinen unter uns kennen die folgende Stelle. Die Zeilen von Hugo von Hofmannsthal, der die Marschallin in der Oper von Richard Strauss ihre erlebte Zeitknappheit mit den Worten beginnen lässt: »Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding«, zeugen von Bewusstsein der verrinnenden Zeit. Die Marschallin, die Angst hat, zu alt für ihren Geliebten zu sein, spürt die Zeit rieseln und steht in ihrer Verzweiflung nachts auf, um die Uhren anzuhalten.1 Zeit wird ganz existenziell knapp. Könnten wir nur die Lebenszeit anhalten, so wie die Uhren stehen bleiben, wenn man sie anhält.
Warum die Lebenszeit so schnell vergeht
Unsere eigenen empirischen Untersuchungen zum Zeitempfinden über die Lebensalter hat die gängige Vorstellung darüber bestätigt, wie sich der Zeitverlauf über die Lebenszeit hinweg anfühlt und verändert.2 Die befragten Menschen in einer Altersspanne zwischen 14 und 94 Jahren gaben mit zunehmendem Alter an, dass die gefühlte Zeit immer schneller vergeht. Insbesondere bei der Frage, wie schnell die letzten zehn Jahre vergangen sind, lässt sich dies im Mittel der gegebenen Antworten nachweisen. Vom Teenageralter bis zum ungefähren Eintritt des Rentenalters vergehen die Dekaden subjektiv immer schneller, es besteht ein positiver linearer Zusammenhang zwischen Alter und Zeitempfinden. Ab einem Alter von ungefähr 60 Jahren wird ein Plateau erreicht, die Zeit verläuft dann gleichbleibend schnell.
Woran liegt es, dass sich der gefühlte Zeitverlauf über die Lebensalter verändert? Die Routine und damit verbunden die Gedächtnisinhalte sind offenbar der Schlüssel zur Antwort. Die empirische Befundlage zum Verhältnis von Zeit und Gedächtnis ist eindeutig: Je mehr wechselnde und interessante Erfahrungen wir haben, desto länger fühlt sich die subjektive Dauer im Rückblick an.3
