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Seit der letzten Jahrtausendwende lässt sich bei den belletristischen Neuerscheinungen in Skandinavien eine augenfällige "Rückkehr der Provinz" konstatieren. Der vorliegende Band trägt diesem Phänomen Rechnung, indem zunächst ein Überblick über literarische Provinzdarstellungen in Skandinavien gegeben und anschliessend diese Entwicklung unter einer spezifisch zeittheoretischen Perspektive betrachtet wird. Zu den Schriftstellerinnen und Schriftstellern, welche der Provinz in ihrem literarischen Schaffen eine prominente Rolle zuschreiben, gehören Helle Helle aus Dänemark, Hanne Ørstavik aus Norwegen und der Isländer Gyrðir Elíasson. Ihre Werke werden in dieser Studie ausführlichen close-readings unterzogen, welche unterschiedliche Aspekte von Lesen und Schreiben in ein enges Verhältnis zur Darstellung der Provinz stellen sowie ihren Zeitdiskursen nachspüren.
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Seitenzahl: 454
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Nathalie Christen
Zeiten schreiben
Skandinavische Provinzdarstellungen nach der Jahrtausendwende
Umschlagabbildung: © Nathalie Christen
DOI: https://doi.org/10.24053/9783772057618
© 2026 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KGDischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
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Internet: www.narr.deeMail: [email protected]
ISSN 1661-2086
ISBN 978-3-7720-8761-5 (Print)
ISBN 978-3-7720-0220-5 (ePub)
Die vorliegende Arbeit ist im Rahmen meines Doktoratsstudiums an der Universität Zürich entstanden und wurde im Herbstsemester 2020 von der Promotionskommission als Dissertation angenommen.
Während dieses Projekts haben mich zahlreiche Personen unterstützt, denen allen mein herzlichster Dank gilt. Prof. Dr. Klaus Müller-Wille hat die Arbeit als Hauptbetreuer begleitet und mich in jeder Phase des Projekts unterstützt. Sein Interesse an meiner Arbeit, seine scharfsichtigen Beobachtungen und kritischen Anregungen haben diese Arbeit erst ermöglicht. Ebenso hat mich Prof. em. Dr. Jürg Glauser von Beginn weg ermutigt, mein Forschungsvorhaben umzusetzen. Er hat die Arbeit mit seinen klugen fachlichen Anregungen ebenfalls maßgeblich mitgeprägt. Zum Schluss hat er zudem kurzfristig das Zweitgutachten übernommen und so Durchführung der geplanten Promotionsprüfung ermöglicht. Prof. Dr. Lena Rohrbach übernahm dankenswerterweise den Beisitz.
Die Arbeit an diesem Projekt konnte ich dank einem Anschubstipendium der Universität Basel aufnehmen. Zudem hat mir die finanzielle Unterstützung der Stiftung Oskar Bandle sowie des Senter for internasjonalisering av utdanning (SIU) einen Forschungsaufenthalt an der Universität Oslo ermöglicht. Prof. Dr. Per Thomas Andersen hat mich am Institutt for lingvistiske og nordiske studier herzlich empfangen. Seine Ratschläge und Hinweise waren gerade zu Beginn des Projekts richtungsweisend. Zahlreiche anregende Diskussionen verdanke ich den Teilnehmenden der Kolloquien des Doktoratsprogramms Deutsche und Nordische Philologie der Universität Zürich. Dank den gemeinsamen Arbeitstagen, Kaffeepausen und Gesprächen mit Johannes Hunziker und Esther Stutz fand die Arbeit schließlich einen Abschluss. Für ihr genaues Lektorat möchte ich Sandra Berger und Anna Katharina Richter danken, Tillmann Bub für seine geduldige Unterstützung bei der Publikation dieser Arbeit.
Ich möchte den Herausgeber:innen der Beiträge zur Nordischen Philologie danken, dass sie die Arbeit in die Reihe aufgenommen haben. Der Druck des Bandes wird durch die Schweizerische Gesellschaft für Skandinavische Studien (SGSS) ermöglicht.
Ohne Stefan, Paulina und Arne hätte ich während dieses Projekts den Blick dafür, was wirklich zählt, wohl ab und wann verloren. Ihnen sei diese Arbeit gewidmet.
Seit der letzten Jahrtausendwende lässt sich bei den belletristischen Neuerscheinungen in Skandinavien eine augenfällige Rückkehr der Provinz konstatieren. Diese Abwendung von der Stadt hin zu den ruralen Gegenden lässt sich sowohl in den festlandskandinavischen Ländern als auch auf Island feststellen, wobei diese Werke einerseits eine literarische Tradition fortschreiben, in welchen die Landschaft und das Ländliche seit der Renaissance immer wieder eine dominante Rolle eingenommen hat. Für dieses Phänomen zeugt symptomatisch eine neue komparative Literaturgeschichte des Nordens, in deren erster Band Regionen und räumliche Praktiken die inhaltliche Struktur vorgeben (Dubois/Ringaard 2017). Andererseits handelt es sich in dem Sinne um eine Rückkehr eines Phänomens, als sich gerade in der modernen Literatur über lange Zeit eine Dominanz urbaner Texte und Formen ausmachen lässt, in deren Zug auch die Vorstellungen über die Provinz aus den städtischen Zentren gespeist wurden. Der Blick in den Norden lohnt sich nicht zuletzt deshalb, weil Skandinavien mit der Hinwendung zur Provinz erneut als Impulsgeber fungiert, und sich entsprechende Strömungen im mitteleuropäischen und insbesondere deutschsprachigen Raum erst später beobachten lassen.
Zu den Schriftstellern und Schriftstellerinnen, welchen der Provinz in ihrem literarischen Schaffen eine prominente Rolle zuschreiben, gehören Helle Helle aus Dänemark, Hanne Ørstavik aus Norwegen und der Isländer Gyrðir Elíasson. So unterschiedlich sich die Ausformungen der Provinz in den ausgewählten Texten ausnehmen, ist ihnen doch gemeinsam, dass deren Bedeutung über einen reinen Antagonismus zur Stadt hinausgeht. Unter dieser Prämisse soll in der folgenden Studie mit der These gearbeitet werden, dass die Darstellungen der Provinz gezielt genutzt werden, um ästhetische Verfahren auszubilden, weiterzuentwickeln und zu hinterfragen. Dabei geht es gerade nicht darum, die Provinz als imaginäre Geografie zu betrachten, die es unter Einbezug raumtopografischer Parameter zu analysieren gilt. Ebenso wichtig ist es mir, eine sehr stark motivisch und von national gefärbten Diskursen geprägte Herangehensweise zu überwinden, um die Provinz als diegetische Topografie in der Gegenwartsliteratur zu fassen. Vielmehr soll die Provinz als ein Experimentierfeld betrachtet werden, in welchem Textverfahren, Schreibweisen und narrative Strategien erkundet werden, welche die Möglichkeiten des Romans, der Sprache sowie von ästhetischen Praktiken ausreizen und auf die Probe stellen, um damit zur Entwicklung neuer Darstellungsverfahren beizutragen oder poetologische Fragestellungen zu verhandeln.
In der folgenden Einleitung soll vor der Analyse der einzelnen Texte dargestellt werden, unter welchen Gesichtspunkten die drei Erzähltexte der skandinavischen Gegenwartsliteratur betrachtet werden sollen und welche Beobachtungen dabei im Zentrum stehen. Vorausgeschickt wird diesen Überlegungen einen Überblick über die jüngere kultur- und literaturwissenschaftliche Provinzforschung sowie einige Überlegungen zur Textauswahl.
Die Antworten auf die für die Welt relevanten Fragen […] sind in der Provinz zu finden. (Rölcke 2013: 118)
Ausgehend von der Grundannahme, dass die Provinz nicht bloß zufällig Schauplatz zahlreicher zeitgenössischer Romane in Skandinavien und auch dem deutschsprachigen Raum ist, soll zuerst der Frage nachgegangen werden, weshalb das Phänomen der Provinzdarstellung in der Gegenwartsliteratur eine (erneute) Hochkonjunktur erfährt und wie die literatur- und kulturwissenschaftliche Forschung sich dazu verhält. Zunächst ist zu konstatieren, dass die Zugänge zu Provinzvorstellungen in der neueren Literatur äußerst heterogen ausfallen und sich verschiedenster wissenschaftlicher Traditionen bedienen. In Anbetracht der gesellschaftspolitischen Bedeutung ruraler Landstriche mag es dann auch nicht überraschen, dass in den verschiedenen Analysen oft auch mit einem geo- oder sozialwissenschaftlichen Instrumentarium argumentiert wird und die Texte in größere Zusammenhänge einer globalisierten Welt eingeordnet werden. Gleichzeitig lässt sich beobachten, dass bei aller Heterogenität den meisten Untersuchungen eine Orientierung an einer Stadt-Land-Dichotomie zugrunde liegt, welche sich durch semantische Zuschreibungen manifestiert.
Um zunächst eine grundsätzliche Einordnung des Phänomens zu berufen, soll die Allgemeine Erzähltheorie des deutschen Germanisten Albrecht Koschorke bemüht werden. In seinem Versuch, eine Erzähltheorie zu entwerfen, die über die Literatur hinaus auf weitere kulturelle und soziale Felder anwendbar ist, versteht er die Provinz in Anlehnung an Claude Lévi-Strauss’ Modelle als „Hort der Tradition“, der dabei „in seinem Konventionalismus erstarrt“ und so ein „Synonym für Desartikulation, für das Sprachloswerden eingespielter Formen und Routinen“ (Koschorke 2013 [2012]: 131) wird. Es ist kein Zufall, findet sich ein solches Modell für die Provinz in einer Theorie, der es eben gerade nicht darum geht, spezifisch literarische Verfahren zu sondieren. In der aktuellen Forschungsliteratur lässt sich dann auch eine dominante Tendenz ausmachen, in welcher die Literatur vor allem im Hinblick auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen analysiert wird. Nebst dem Aspekt, dass in der Provinz die Zeit gewissermaßen stehengeblieben ist, wird dabei vor allem die definierte Kleinräumigkeit und ihre Relation zu konkreten Topografien als Anlass genommen, Provinztexte in Bezug auf ein wie auch immer geartetes Verhältnis zur Lebenswirklichkeit zu befragen (vgl. Rölcke 2013: 119).
Im deutschsprachigen Raum fällt dabei insbesondere das an der Universität Halle angegliederte Forschungsprojekt Experimentierfeld Dorf auf. In verschiedenen Teilprojekten sowie in der dazugehörigen Buchreihe Rurale Topografien werden das Dorf und das Ländliche als sich in massiven Transformationsprozessen befindliche Räume vor allem unter gesamtgesellschaftlichen Aspekten untersucht. Dabei gerät, wie im Einführungsartikel zum Band Über Land – lesen, erzählen, verhandeln erläutert wird, eine Vielzahl soziokultureller, ökonomischer, politischer und technischer Entwicklungen ins Zentrum der Aufmerksamkeit, die für das Leben auf dem Land beziehungsweise die Vorstellung massive Auswirkungen haben (vgl. Marszałek/Nell/Weiland 2018: 9–10). Im Spannungsfeld zwischen positiven und negativen Projektionen werden diese Ausformungen des Provinziellen „als modellhafte und modellbildende Experimentierfelder“ (ebd.: 15) betrachtet, wobei unterschiedlichen Medien als Vermittler zwischen den dichotomisch angelegten Lebenswelten des Ruralen und Urbanen fungieren würden (vgl. ebd.: 17).
In ihrem ausführlichen Übersichtsartikel Imaginationsraum Dorf, der einem Band zur Wiederkehr des Dörflichen in Literatur, Film und Lebenswelt vorsteht, bedienen sich Werner Nell und Marc Weiland (2014) einer Fülle von Modellen und Zugängen, um das (imaginäre) Dorf im gesellschaftlichen Diskurs zu positionieren. Unter der Vorbedingung, dass Bilder des Dörflichen immer schon präfiguriert sind (vgl. Nell/Weiland 2014: 23), fragen sie „nach der Rückwirkung imaginärer Dörfer auf die konkrete Lebenswirklichkeit“ (ebd.: 32). Nell und Weiland bedienen sich dabei des Terminus ‚Laboratorium‘, weil „die unterschiedlichsten persönlichen, historischen und regionalen Erfahrungen mit philosophischen, anthropologischen und politischen Theorien und Theorieversatzstücken gepaart und in einem vermeintlich überschaubaren und handhabbaren Kontext experimentell erprobt und reflektiert werden können“ (ebd.: 34). Das lebensweltliche Potenzial, welches sich aus den medial dargestellten Dörfern schöpfen lässt, sehen sie ganz im Sinne des spatial turn insbesondere in den literarischen Raumentwürfen und ihrer Verbindung zur gegenwärtigen gesellschaftlichen Wirklichkeit. Die entworfenen imaginären Dörfer fungieren dabei „ganz konkrete [sic!] als Bilder, Modelle und Impulse für sozialräumliches Zusammenleben, die wiederum einen gewissen Anteil an der auch architektonischen, raum- und landschaftsplanerischen Refiguration von (urbanen, ruralen und ‚rurbanen‘) Lebensräumen haben“ (ebd.: 42–43). Der dicht mit Verweisen versehene Einführungstext, in welchen zudem zahlreiche literarische Anspielungen eingewoben sind, macht dabei vor allem deutlich, wie viele potentielle Anknüpfungspunkte an verschiedenste kultur- und sozialwissenschaftliche Felder das Dorf und das Dörfliche bieten, setzt er den Fokus doch sehr breit auf gesamtgesellschaftliche Thematiken.
Wird der Blick nun nach Norden gerichtet, so gerät als Experimentierfeld zu zentralen Fragen gesellschaftspolitischen Charakters in Skandinavien das literarische Phänomen des skitten realisme in den Fokus. Vormerklich in der norwegischen Literatur anzutreffen, bezieht sich der Begriff auf den amerikanisch inspirierten dirty realism und umfasst vor allem Romane männlicher Autoren seit den 1990er Jahren, so dass er zur Erfassung eines literarischen Phänomens einer Generation dient (vgl. Poll 2009: 159). Geschildert werden dabei vornehmlich männlich geprägte, dysfunktionale Sozial- und Familiengefüge, welche oft in einem ländlichen Umfeld angesiedelt sind,1 wobei als prominenteste Beispiele meist die Romane und Erzählungen von Jonny Halberg genannt werden (vgl. Norheim 2008 [2007] sowie die folgenden Referenzen zum Phänomen). Die innerfamiliären und zwischenmenschlichen Beziehungen sind in diesen Erzählungen von Gewalt, Brutalität und Destruktivität gezeichnet, wobei diese Zustände durch Alkoholmissbrauch oft noch verstärkt werden, gleichzeitig handelt es sich bei den schwelenden Konflikten oft um Streitigkeiten, die seit Generationen weitergegeben werden (vgl. Andersen 2012 [2001]: 667–668). Es bedarf keiner Erklärung, dass die dargestellten Provinzräume dabei weder idyllische noch romantische Züge tragen, vielmehr werden die sozialen Ränder der Gesellschaft in topografische Randgebiete übertragen. In bemerkenswertem Unterschied zu den oben skizzierten Forschungsbeiträgen aus dem deutschsprachigen Raum werden in den skandinavischen Arbeiten jedoch vor allem die ästhetischen Ausprägungen sowie die existenziellen Fragestellungen dieser Erzählungen berücksichtigt, obwohl sie in einem gut wiederkennbaren soziografischen und temporalen Kontext spielen (vgl. Poll 2009: 165). Auch wenn es sich bei den mit dem Prädikat skitten realisme versehenen Texten um eine äußerst heterogene Menge handelt (vgl. Hansen 2001: 65), mag dies unter anderem daran liegen, dass sie generell darauf verzichten, die geschilderten Missstände moralisch zu bewerten (vgl. Poll 2009: 164).
Gleichwohl weist bereits die grobe Skizzierung des literarischen Genres auf ein Phänomen hin, welches für die Provinzdarstellungen von Relevanz ist: Weil es sich beim skitten realisme in Skandinavien um eine vornehmlich norwegische Gattung handelt, geraten unweigerlich Diskurse zur nationalen Identität in den Fokus. So argumentiert auch Per Krogh Hansen, der skitten realisme bilde einen Ausdruck für ein Norwegen, welches durch ein expansives Europa an den Rand gedrängt werde (vgl. Hansen 2001: 65).
Auch die literarischen Vorläufer der aktuellen Provinzdarstellungen in Skandinavien stehen in allen Ländern in einem engen Zusammenhang mit der Ausbildung nationaler Identitäten. Es soll an dieser Stelle nicht darum gehen, die Geschichte der Provinzdarstellungen in den skandinavischen Ländern nachzuzeichnen, zumal diese sich häufig mit gesamteuropäischen Entwicklungen deckt, gerade wenn es um Phänomene wie die Dorfgeschichte, die Idylle oder Landschaftsbeschreibungen geht. Gleichwohl orientiert sich die Struktur des folgenden Überblicks oft an nationalen Diskursen – schlichtweg aus dem Grund, dass sich dieser mit dem Status quo der aktuellen Forschungslandschaft deckt. Auch scheint es wenig sinnvoll, an dieser Stelle Gemeinplätze der Literaturgeschichte zu wiederholen. Trotzdem kann die Tradition der Provinzschilderung in den skandinavischen Ländern nicht gänzlich ausgeblendet werden, so dass auf einige Spezifika der literarischen Provinzbearbeitungen in Skandinavien hingewiesen werden soll.
Interessanterweise wird der Rückkehr der Provinz in Literatur und Film besonders in Dänemark viel Beachtung geschenkt. Für die Konjunktur, welche das Genre dort momentan erfährt, finden sich verschiedene Erklärungen. Das Argument, die Stadt habe sich so stark weiterentwickelt, dass sie sich in ihrer Hyperkomplexität literarisch nicht mehr angemessen realistisch darstellen lasse und die Provinz dadurch gewissermaßen zu einem literarischen Zufluchtsort werde, scheint mir jedoch zu kurz gegriffen (vgl. Müller/Schröder 2013: 50). Und wenngleich das 20. Jahrhundert eine unglaubliche Fülle an Stadttexten hervorgebracht hat, mutet auch die These, die Stadt sei an Geschichten und Erzählstrategien ausgeschöpft (vgl. Stoubæk 2008–2010: 77), zu simpel an – zumal von einem grundsätzlichen Versiegen von urbanen Texten keineswegs die Rede sein kann.
Vielleicht mag es aber damit zusammenhängen, dass die Darstellung der Provinz bei der Nationalisierung des geografischen Raumes eine zentrale Rolle eingenommen hat und „einen Projektionsraum für die Entwicklung kollektiver Identitätsentwürfe“ bietet, wie Wolfgang Behschnitt (2006: 55) in seiner Studie zu landesbeschreibender Literatur in Dänemark und Deutschland im 19. Jahrhundert akkurat herausarbeitet. An der literarischen Bearbeitung Jütlands veranschaulicht er, wie die Polarität von Zentrum und Peripherie – in diametralem Gegensatz zu Deutschland in dieser Zeit – den Blick auf die Provinz prägt, indem sie sich stets aus der Perspektive der Hauptstadt konstituiert (vgl. ebd.: 480). Auch wenn es sich dabei natürlich nicht um die ersten schriftlichen Berichte über das ländlichen Dänemarks handelt (vgl. ebd. 280–295), so konstituieren sich in dieser Zeit doch Bilder und Vorstellungen, deren Nachhall nicht nur die literarischen Bearbeitungen der Provinz und ihre Rezeption bis heute maßgeblich prägen.2
Gerade die Binnenexotisierung der vorgestellten Landstriche beeinflusst, wie der Soziologie Henrik Dahl festhält, bis heute den Blick der Dänen auf ihre Nation: Obwohl neuere Entwicklungen auf dem Land wie die Industrialisierung der Landwirtschaft, der Ausbau der (Verkehrs-)infrastruktur oder die großflächige Entstehung von Agglomerationsregionen in der Vergangenheit sehr wohl medial bearbeitet wurden, haben sie es durch verschiedene Mechanismen der Kanonisierung nicht geschafft, gewisse Vorstellungen im kollektiven Bewusstsein zu revidieren. Dazu gehört beispielsweise die Assoziation, das Land in Abgrenzung zur Stadt unmittelbar mit Weite oder unverbauter Natur zu verbinden. Die teilweise aus kulturgeografischer Warte postulierte These, dass die städtischen Lebensmuster überall angekommen seien und sich so auch das Leben auf dem Land der Logik der Stadt unterworfen habe (vgl. Dahl 2010: 161), kann dabei nicht auf die aktuellere Provinzliteratur angewendet werden. Auch die literatur- und kulturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen zeigt deutlich, dass es sich dabei um eine Traditionslinie handelt, die fortgesetzt, weiterentwickelt oder unterlaufen wird und sich von urbaner Literatur unterscheidet.
An dieser Stelle lohnt es sich auch, kurz beim Begriff provins zu verweilen. Wird Den Danske Ordbog (2018, Das dänische Wörterbuch) berufen, ist es bezeichnend, dass die erste Definition des Begriffs lautet: „den del af et land som ligger uden for hovedstadsområdet“.3 Die Opposition zwischen Hauptstadt und ‚dem Rest‘ wird damit bis heute dem Verständnis für den Begriff Provinz zugrunde gelegt. Dies entspricht dann auch der Einschätzung Henrik Dahls, der die im kollektiven Bewusstsein mangelnde Anerkennung anderer durchaus großer urbaner Regionen (beispielsweise Østjylland) konstatiert (Dahl 2010: 162). Die von Wolfgang Behschnitt bereits im 19. Jahrhundert identifizierte Differenz zu Deutschland, das weniger zentralistisch organisiert ist und sich um eine „Vielzahl konkurrierender kleinerer und größerer Territorien und Zentren“ organisiert (Behschnitt 2006: 59–60), scheint sich bis heute solcherart fortzusetzen, dass sich dies gar im Sprachgebrauch manifestiert: Im deutschen Wörterbuch wird zwar die gleiche Bedeutung angegeben, jedoch fehlt der Verweis auf das dichotomische Verhältnis zwischen Hauptstadt und Provinz. Dies ist insofern von Interesse, als diese Orientierung hin zu einem Zentrum auch für die anderen in dieser Abhandlung betrachteten Länder von Relevanz ist und sich so auch die deutsche Provinzforschung nicht in jeglicher Hinsicht auf die skandinavischen Verhältnisse anwenden lässt.
Dieser Befund ist umso bemerkenswerter, wenn die nächste Definition betrachtet wird, welche Den Danske Ordbog unter dem Stichwort provins aufführt. Als Unterpunkt (1.a) wird festgehalten: „geografisk område som man synes savner betydning og er tilbagestående, ofte i en bestemt henseende“ (Det Danske Sprog- og Litteraturselskab 2018).4 Durch die Positionierung als Unterpunkt wird im Wörterbuch ein direkter Zusammenhang zwischen der Lage außerhalb der Hauptstadtregion und der Bedeutungslosigkeit beziehungsweise gar Rückständigkeit evoziert. Bezeichnenderweise wird als Kategorie bei „sprogbrug“ (Sprachgebrauch) dann auch „nedsættende“ (abwertend) angegeben. Erst als zweite Bedeutung wird im Wörterbuch die neutrale Definition „større administrativt område af et land“ angegeben.5 Die negative Konnotation des Begriffs provins, welche ebenso wie in seiner deutschen Entsprechung mit einer Vorstellung von Rückständigkeit, Geschlossenheit oder Verarmung einhergeht, ist damit tief im Sprachgebrauch verankert.
Mit udkantsdanmark (manchmal auch udkantdanmark, Randgebietsdänemark) findet sich ein weiterer Begriff, der im Zusammenhang mit den Provinzdarstellungen oft anzutreffen ist. Auch dieser ist vornehmlich negativ besetzt, handelt es sich doch um eine neuere Wortschöpfung, mit welcher auf Regionen außerhalb größerer Zentren, die mit ökonomischen und sozialpolitischen Schwierigkeiten kämpfen, verwiesen wird. Der Begriff stammt aus der Politik, und wird nun auch auf literarische Darstellungen angewendet, hält Astrid Merete Kirkegaard fest. Positiver besetzt ist hingegen der Begriff der Hjemstavnsdigtning, auf welchen sich auch viele der aktuelleren Artikel beziehen (vgl. Kirkegaard 2011: 134–125). Mit dieser Genrebezeichnung werden zunächst vor allem Texte umfasst, die – großzügig betrachtet – um 1900 erschienen sind und in welchen sich Schriftsteller:innen ihrer Heimatregion annehmen. Der Fokus liegt dabei auf überschaubaren, ländlichen Regionen und die damit einhergehende Schilderung der ‚kleinen Leute‘ in einer auf Landwirtschaft ausgerichteten Gesellschaft. Erik Svendsen (2009: 331) hält in seiner Abhandlung über das Genre jedoch fest, dass die Lebensumstände im ländlichen Dänemark sich schon ab dem Zeitpunkt zu verändern beginnen, in welchem die Hjemstavnsdigtning in ihrem Goldalter steht: Materielle Umstände zwingen die Bevölkerung bereits, die Landwirtschaft zu verlassen. Werden nun die aktuellen Provinzschilderungen gerne als Wiederbelebung beziehungsweise zweite Welle dieses Genres bezeichnet – wenn auch die Texte aus der dänischen Provinz während des ganzen 20. Jahrhundert natürlich nie ganz versiegt sind (Frandsen 2010: 92–94) – , so haben sich sowohl die lebensweltlichen Umstände als auch die Landschaft durch die fortschreitende Industrialisierung und Urbanisierung im Laufe des 20. Jahrhunderts diametral verändert.6 Zu Recht wirft Erik Svendsen in seinem Artikel zu aktueller Hjemstavnsdigntning (2009: 326) die Frage auf, wie weit der Genrebegriff ausgeweitet werden soll, um aktuellere Prosatexte darunter zu fassen. Und kann eine literarische Form, die dermaßen stark mit einem begrenzten Horizont verbunden ist, überhaupt sinnvoll in einer globalisierten Gegenwart wiederverwendet werden? Dass der Begriff einer neuen Hjemstavnsdigntning durchaus mit Vorsicht zu gebrauchen ist, dafür zeugen zahlreiche Auseinandersetzungen mit den gleichen Erzähltexten, die den Begriff jedoch geflissentlich vermeiden. Dies mag zusätzlich damit zusammenhängen, dass dem Hjemstavnsimpuls im Norden auch ein Protest gegen den Realismus und Naturalismus eingeschrieben war, wie der norwegische Literaturwissenschaftler Oddbjørn Johannessen (1998) festhält – eine Reaktion gegen „das Moderne an sich“.
Ganz in der Tradition der Hjemstavnsdignting kehren auch eine ganze Reihe von zeitgenössischen Autor:innen in ihren Provinzschilderungen zu einer Art Ausgangspunkt zurück: Selbst in den ländlichen Gebieten aufgewachsen, haben sie die Provinz für einen längeren Zeitraum verlassen, und blicken nun – aus der Distanz und um viele Erfahrungen reicher – auf den Ort ihrer Herkunft zurück (Frandsen 2011: 24). Interessanterweise kommt es dabei wieder – um nochmals auf die Provinzschilderungen im 19. Jahrhundert zurückzuverweisen – zu einer Form der Binnenexotisierung: Durch die Distanz der Schreibenden, die nun aus der Ferne auf die Provinz blicken, erscheint sie wiederum exotisch – gerade für diejenigen, die die Provinz ebenfalls verlassen haben beziehungsweise gar nie bewohnten (vgl. Kirkegaard 2011: 126). Dabei geht es aber weniger darum, die ‚guten alten Zeiten‘ auf dem Land aufleben zu lassen, vielmehr wird die Provinz in den Schilderungen der Zurückblickenden zu einer Art magischem Spiegel für Erfahrungen und Problemstellungen, die sehr aktuell sind, wie Johs. Nørregaard Frandsen in seinem Übersichtsartikel analysiert (vgl. Frandsen 2011: 23). Die Provinz kann in diesen Texten als Metapher für menschliche Abgründe sowie psychologische und existenzielle Randerfahrungen gelesen werden (ebd.: 20). Damit tendiert der Trend zu Provinzbeschreibungen in Skandinavien weniger zu einer Kritik an den ländlichen Gegenden, vielmehr wird die Provinz als literarischer Raum genutzt, um in seiner Funktion als Experimentarium für die Verhandlung verschiedener alltäglicher und existenzieller Konflikte zu dienen (vgl. Kirkegaard 2011: 127). Gerade die Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft und die Verhandlung ganz grundsätzlicher Konflikte und Erfahrungen dürfte auch ein Grund dafür sein, dass sich in den neueren Provinzschilderungen ein Hang zu (teilweise äußerst umfangreichen) Familiengeschichten ausmachen lässt. Das scheint auch für die deutsche Gegenwartsliteratur zu gelten. So zumindest lautet die Schlussfolgerung von Michael Rölcke:
Ein Versuch, all die Romane hinsichtlich ihres Stoffes, ihrer Erzählhaltung und ihrer Schauplätze zu typologisieren, würde vor allem eines zeigen: die Mehrzahl der Provinzromane ist entweder autobiografischer Natur oder fußt zumindest teilweise auf den Erinnerungen und dem Erleben der Autoren – es wird versucht, die Provinz als Ort der Kindheit, der bestimmenden sozialen Prägungen und ersten Urteile, Weltbewertungen und Lebensorientierung zu beschreiben und aufzuheben (Rölcke 2013: 118).
Eine Tendenz der Provinzromane hin zur Darstellung aktueller Fragestellungen hält auch Mogens Davidsen fest, der am Beispiel zweier dänischer Romane – Knud Romers Den der blinker er bange for døden (2006, Wer blinzelt, hat Angst vor dem Tod (2009)) und Helle Helles Ned til hundene (2008), Färseninsel (2015) – zwei grundlegende Strömungen innerhalb der Provinzdarstellungen ausmacht. Die von Frandsen propagierten Verhandlungen aktueller Fragestellungen in der Provinz ordnet er einer debattenschaffenden, kulturradikalen Tradition zu, der er als zweite Kategorie eine erforschende, modernistische Darstellung gegenüberstellt. Er unterschiedet die beiden Kategorien aufgrund einer diametral verschiedenen Wirklichkeitsauffassung: Die debattenschaffenden Texte bauen auf einer dualistischen Ontologie auf, in welcher die Welt als Oberfläche strukturiert ist, welche die latente Wirklichkeit deckt. Dementsprechend wird die Welt in diesen Texten traditionell symbolisch bearbeitet, wie Davidsen an Knud Romers Roman demonstriert. In den modernistischen Texten lässt sich hingegen eine monistische Wirklichkeitsauffassung ausmachen, in welcher die geschilderten Begebenheiten ‚sich selbst‘ sind und eine symbolische Lesart ins Leere führt beziehungsweise den Lesenden gar auf eine falsche Fährte zu locken vermag (Davidsen 2011: 77–78). Diese Unterscheidung von zwei elementaren Kategorien innerhalb der unterschiedlichen Provinzdarstellungen ist durchaus plausibel, auch wenn ein Großteil der Romane der erstgenannten Tradition zugeordnet werden dürften (vgl. Kapitel 5 dieser Arbeit).
Werden nach diesen Ausführungen zu den dänischen Provinzdarstellungen nochmals die anderen Länder in den Blick genommen, so kann konstatiert werden, dass sich ein Bewusstsein für einzelne Regionen im 19. Jahrhundert nicht nur in Dänemark, sondern in ganz Skandinavien etabliert (vgl. Müller-Wille 2016 [2006]: 182). So datiert beispielsweise Per Thomas Andersen das aufkommende Interesse an Lokalmilieus und einzelnen Regionen für Norwegen zwar etwas später (Andersen 2012 [2001]: 312), die Entwicklungen ähneln sich jedoch stark, auch wenn sich die Begrifflichkeiten manchmal etwas unterscheiden. So spricht Andersen bei den neueren Provinzschilderungen von einem nyregionalisme (Neuregionalismus), der sich dezidiert auf die literarische Entdeckung der norwegischen Landesteile im 19. Jahrhundert bezieht (ebd.: 666–667).
Hingegen sehen die literarischen Entwicklungen in Island etwas anders aus. So spielt die Natur von Beginn weg die zentrale Rolle in der isländischen Literatur und spätestens seit dem 19. Jahrhundert „ist Landschaftsdichtung der sozusagen natürliche Referenzrahmen aller literarischen Äußerungen“, wie Jürg Glauser in seiner Literaturgeschichte zu Island (Glauser 2011: 141–142) festhält. Damit soll Landschaftsdichtung nicht per definitionem mit Provinzliteratur gleichgesetzt werden, jedoch ist sie im hiesigen Zusammenhang insofern von Bedeutung, weil sie bereits sehr früh mit einer Kritik an der Stadt einhergeht. So zieht sich die Stadtkritik als Konstante durch die isländische Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, und setzt bemerkenswerterweise ein, noch bevor Reykjavík überhaupt erst zur Stadt geworden ist (vgl. ebd.: 143). Wenn die Stadt in diesen Texten als Antagonismus zur Landschaft herangezogen wird, so dient sie damit auch als Gegenkonzept zum eigentlichen Isländertum (vgl. ebd.: 150), welches – deutlicher als in den festlandskandinavischen Ländern – ganz eng mit der Landschaft und Natur verbunden ist. Im 20. Jahrhundert hält die Stadt langsam in die Literatur Einzug, und ab der zweiten Jahrhunderthälfte entwickelt sich nach und nach eine Stadtliteratur, so dass sich auch in Island die Gegenwartsliteratur vornehmlich aus urbanen Texten zusammensetzt (vgl. ebd.: 142).
Dieser kurze Abriss über das Verhältnis zur literarischen Bearbeitung der Stadt ist durchaus von Interesse, da sich in der isländischen Literatur – wenn auch unter etwas anderen Vorbedingungen – ebenso eine ‚Rückkehr‘ der Provinz konstatieren lässt. Aber auch in Island hat sich die Auffassung von ‚Provinz‘ massiv verändert, wobei der seit Jahren boomende Tourismus sowie die zunehmende ökonomische Nutzung der natürlichen Ressourcen eine zentrale Rolle spielen dürfte.
Ergänzend lässt sich festhalten, dass sich in der isländischen Gegenwartsliteratur eine ausgeprägte intertextuelle Tendenz ausmachen lässt, mit der sich Autor:innen auf ihre isländischen Vorgänger:innen beziehen (vgl. ebd.: 174). Durch die Bearbeitung der literarischen Vorläufer:innen dürfte einerseits das Bewusstsein für die nationale Literatur etwas stärker ausgeprägt sein, als dies in den festlandskandinavischen Ländern der Fall ist. Gerade in Anbetracht der langen und gewichtigen Tradition der isländischen Landschaftsdichtung scheint diese Vergangenheitsbezogenheit für die aktuelle Literatur von Bedeutung zu sein. Andererseits erlangt der „Topos der Überschaubarkeit“ (Weiland 2018: 83), der für die Provinzliteratur im Generellen konstitutiv ist – man denke schon nur an die Idylle oder die klassische Dorfgeschichte – in Island besondere Prägnanz: Aufgrund der geringen Bevölkerungsanzahl, der Überschaubarkeit der überhaupt besiedelten Teile und der jeweiligen Ortschaften – was gar für die Hauptstadt Reykjavík gilt – lässt sich dieser Topos auf die gesamte isländische Literatur übertragen. In der isländischen Provinzliteratur verdichtet sich das Phänomen zu einem strukturbestimmenden Element und wird dementsprechend verdichtet verhandelt.
Wir können, erzählend, uns frei in der Zeit bewegen – vor und zurück. (Safranski 2007 [2015]: 16)
Der vorangehende Überblick hat angedeutet, wie breit das Feld der literarischen Provinzdarstellungen in Skandinavien abgesteckt ist. Dementsprechend vielfältig gestalten sich die Werke, die seit der Jahrtausendwende erschienen sind und deren dominierender Handlungsort in ruralen Gegenden angesiedelt ist. Die im Folgenden ausführlich diskutierten Romane decken einerseits ein möglichst breites Spektrum dieser literarischen Bearbeitungen ab, so dass sich die Gestaltung der jeweiligen Provinzräume sehr unterschiedlich ausnimmt. Andererseits zeichnen sie sich durch einige Gemeinsamkeiten aus, die eine gegenüberstellende Analyse überhaupt erst fruchtbar machen.
Zunächst eint Gyrðir Elíasson, Helle Helle und Hanne Ørstavik ihr Bekanntheitsgrad. Alle drei Autor:innen dürfen auf eine beachtliche Anzahl Veröffentlichungen blicken, die sowohl in den Feuilletons als auch in wissenschaftlichen Publikationen vielfach besprochen wurden, zudem wurden ihre Werke in andere Sprachen übersetzt. Es handelt sich außerdem bei allen drei um Schriftsteller:innen, welche sich in öffentlichen Auftritten, Interviews und poetologischen Essays immer wieder zu ihrem literarischen Schaffen äußern. Diese poetologischen Reflektionen zeugen stets von einem auffallend bewussten Umgang sowohl mit der Sprache als auch mit von außen an die Werke herangetragenen Zuschreibungen. Gleichzeitig lässt sich bei allen drei ein ausgeprägtes Bewusstsein für Literatur- und Kulturtheorien ausmachen. Diese Auseinandersetzung schlägt sich schließlich auch konkret in den drei ausgewählten Werken nieder, welche alle stark poetologisch aufgeladen sind. Dies zeigt sich bereits auf der inhaltlichen Ebene, indes sich die jeweiligen Hauptprotagonist:innen allesamt intensiv mit der Produktion beziehungsweise Rezeption von Literatur oder Kunst auseinandersetzen.
So treffen wir in Helle Helles Roman Dette burde skrives i nutid (2011) auf eine junge Frau, die in der erzählten Gegenwart ein Literaturstudium in Kopenhagen beginnen möchte und sich aus diesem Anlass ein Bungalow an einem Bahndamm in einem kleinen Dorf gemietet hat.1 Sowohl in den Retrospektiven, die ihre Jugendzeit in den ländlich geprägten Regionen Sjællands rekapitulieren, wie auch in der erzählten Gegenwart finden sich zahlreiche Stellen, an welchen sich die Protagonistin Dorte mit dem Schreiben auseinandersetzt. Das Studium in der Hauptstadt hingegen nimmt sie nicht auf, und ebenso wie in den vorangegangenen Jahren scheint die Handlung eher von zufälligen Begegnungen und Ereignissen angetrieben, als dass sie durch Dortes Intention gesteuert würde.
Im Roman Uke 43 (2004 [2002], Woche 43) der norwegischen Schriftstellerin Hanne Ørstavik treffen wir ebenfalls auf eine junge Frau:2 Die Literaturwissenschaftlerin Solveig verlässt für eine neue Stelle an einer „distrikthøyskole“ (Bezirkhochschule) die Stadt und lässt sich im ländlichen Norwegen nieder. Solveig hat die Position an der Hochschule in der Provinz angenommen, weil sie dort einer Professorin untersteht, deren wissenschaftliche Publikationen sie bewundert und die ihre eigene Forschung maßgeblich geprägt haben. In ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit setzt sich Solveig intensiv mit den Voraussetzungen und Bedingungen für die Rezeption von Literatur auseinander. Sowohl in ihrer literaturwissenschaftlichen Haltung als auch in ihrer persönlichen Wahrnehmung spielt Subjektivität eine zentrale Rolle, wobei sie damit im akademischen Umfeld immer wieder auf Widerstand stößt. Der Kernkonflikt in Uke 43 dreht sich dann auch um die Diskussion über die literarischen Qualitäten eines neuerschienenen Romans, in welcher Solveig sich entschieden gegen die allgemeine Begeisterung für dieses Werk stellt.
Die isländische Pastoralsonate Sandárbókin (2007, Am Sandfluss. Pastoralsonate (2011)) von Gyrðir Elíasson hingegen widmet sich einem Maler im fortgeschrittenen Alter, welcher seine Wohnung in Reykjavík verlässt, um einen Wohnwagen in einem isländischen Waldgebiet zu beziehen.3 Zurückgezogen widmet er sich seinen wenigen Büchern, unternimmt ausgiebige Spaziergänge im Wald und arbeitet an seinen Bildern und Zeichnungen. Die Auseinandersetzung des Ich-Erzählers mit Literatur und Kunst bildet den Kern der Pastoralsonate, die sich tief in einem isländischen Wald abspielt, in welchem der Einsiedler auch immer wieder auf rätselhafte Figuren wie einen Waldaufseher und dessen Assistentin trifft.
So unterschiedlich die Beweggründe für den Aufenthalt in der Provinz auch sein mögen, so ist doch allen drei Protagonist:innen gemein, dass sie sich an einem neuen Ort niederlassen, und dass in allen drei Romanen die Stadt in allen drei Werken ebenfalls thematisiert wird. Während Gyrðirs Figur bewusst der Stadt den Rücken kehrt, ist der Umzug Solveigs einer beruflichen Neuorientierung geschuldet. Dorte hingegen beginnt eine Ausbildung in der Stadt, lässt sich aber in einer ländlichen Gemeinde mit Bahnanbindung nach Kopenhagen nieder, wobei die Intention dahinter nicht weiter erläutert wird. (Haupt)stadt und Provinz sind damit in den drei Erzähltexten jeweils antagonistisch angelegt, die Ausformungen sind jedoch sehr unterschiedlich.
In Uke 43 entsteht beim Lesen ein beinahe kartografischer Überblick der kleinen Hochschulgemeinde: Solveigs Blick entlang ihrer zurückgelegten Wege orientiert sich an topografischen Markern, an den wenigen öffentlichen Gebäuden oder den Bahngeleisen. Ausserdem schweift ihr Blick ins Weite, und das Tal, in welchem sich die Ortschaft befindet, gerät auf eher unspezifische Weise in den Fokus, weil Solveig vor allem dem wechselnden Licht und dem Wetter ihre Aufmerksamkeit schenkt. Auch in Dette burde skrives i nutid entsteht ein eher kartografischer Überblick, nur dass hier Toponymika eine zentrale Rolle spielen und sich die Landschaft aus Ortsnamen zusammensetzt. Gebäude und Wege bilden in diesem Roman ebenfalls die dominanten Elemente, anhand derer die Provinz entworfen wird. In Sandárbókin ist die Ausgangslage eine etwas andere, weil sich die Erzählung vornehmlich im Dickicht des Waldgebietes und auf einem verlassenen Campingplatz abspielt. Bei den wenigen Ausflügen in die nächstgelegene Ortschaft bleibt es jedoch bei einer ebenso schemenhaften Darstellung der ländlichen Gegend und der Fokus der Erzählung liegt auf der Hin- und Rückfahrt des Protagonisten. Den drei Werken ist damit gemeinsam, dass die Provinz in ihrer Schilderung atmosphärisch erstaunlich leer bleibt – was ebenso für die jeweils antagonistisch angelegten Beschreibungen der Stadt gilt.
Gleichzeitig sind die Figuren in allen Texten in der Provinz verhaftet, bewegen sich nicht oder wenig über diesen eng gesteckten Rahmen hinaus und aktuelle Fragen zur Digitalisierung oder Globalisierung werden nicht verhandelt. Eine Analyse der Provinz über das dichotomische Verhältnis zur Stadt über ihre semantischen Differenzen würde damit schnell an ihre Grenzen stossen. Dasselbe gilt für eine Untersuchung im Sinne des spatial turn, die von räumlichen Parametern geleitet wäre: Die Texte scheinen weder „Raumpraktiken, soziale Interaktionen und Bewegungen im Raum, Raumwahrnehmungen und -vorstellungen“ zu verhandeln, noch machen sie „damit verbundene Bewusstseinsprozesse sowie epistemologische Strategien und Problematiken sichtbar“, wie dies beispielsweise der Anglist Wolfgang Hallet (2009: 83) in einem Artikel vorschlägt, in welchem er sich mit der Raumkonstitution in der Gegenwartsliteratur auseinandersetzt.
Die Texte entziehen sich aber auch den meisten im Forschungsüberblick anskizzierten Genres und Konventionen, die der Provinzliteratur gemeinhin zugeschrieben werden, indem sie sich höchstens am Rande mit gesellschaftlichen Entwicklungen oder den sozialen Verhältnissen auf dem Land auseinandersetzen. Und auch wenn sich alle drei Erzähltexte um eine Hauptfigur drehen und den weiteren Figuren nur Nebenrollen zukommen, scheinen persönliche Konflikte stets nur gestreift zu werden, so dass auch psychologische Lesarten nicht in den Kern der jeweiligen Werke vorzudringen vermögen.
Hingegen senden die Texte auf jeweils unterschiedliche Weise zahlreiche Signale, dass es sich um sehr selbst- wie theoriereflexive Gegenwartsliteratur handelt. Im Folgenden gehe ich deshalb davon aus, dass die Provinz als ästhetischer Erfahrungsraum genutzt wird, um literarische Verfahren auszubilden, weiterzuentwickeln und zu hinterfragen. Die Provinzdarstellungen bieten hierfür einen überschaubaren Rahmen, in welchem die literarischen Funktionsregeln zur Debatte gestellt oder gar außer Kraft gesetzt und neu verhandelt werden können. Mit dieser These soll keineswegs behauptet werden, die skandinavische Gegenwartsliteratur würde mit diesem Aspekt Neuland betreten: Wenn die europäischen Vorläufer der aktuellen Provinzdarstellungen betrachtet werden, greifen diese Texte damit vielmehr eine gattungspoetologische Tradition auf: Wie Sabine Schneider in der Einleitung zu einem neueren Sammelband zu Prekären Idyllen festhält, sind es bereits im 19. Jahrhundert die Beschränkungen in räumlicher, zeitlicher, personaler und handlungslogischer Hinsicht, die es der Idylle ermöglichen, als „affektiv besetzter Reflexionsraum der Moderne zu fungieren. Die Beschränkung umschließt einen Raum mit experimentellen Parametern zur Aushandlung, ein Labor der Moderne gleichsam in deren Inkubationszeit“ (Schneider 2017: 5).
Im Rückgriff auf eine innerhalb der Gattung bereits etablierte Verfahrensweise (vgl. Kapitel 4.2) werden – so meine These – jedoch hochaktuelle Diskurse verhandelt. So kommt bereits in den Paratexten der drei ausgewählten Werke programmatisch zum Ausdruck, wo der Schwerpunkt der folgenden Analysen liegen wird: Helle Helles Roman Dette burde skrives i nutid, Hanne Ørstaviks Uke 43 sowie Gyrðir Elíassons Sandárbókin – Pastoralsónata lassen bereits in den jeweiligen Titeln unterschiedliche Temporalitätskonzepte anklingen. Ich möchte deshalb mit der These arbeiten, dass das räumlich-topografische Paradigma in diesen Texten von einem temporalen abgelöst und die Provinz als Schreibraum genutzt wird, um spezifische Formen von Zeitlichkeit zu entwickeln. In der Studie soll damit nachgezeichnet werden, inwiefern die erprobten literarischen Strategien Fragen zur Wahrnehmung und Repräsentation von Zeit berühren.
Im folgenden Kapitel werde ich zunächst ausgeführen, weshalb Fragen zu Temporalitätskonzepten momentan besonders aktuell sind, und inwiefern deren Verhandlung gerade in literarischen Erzähltexten von Interesse ist.
Was also ist Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich es. (Augustinus 2008: 193)
Das diesem Kapitel vorangestellte Zitat von Augustinus könnte bis heute aktueller nicht sein. Das Wesen derZeit ist als solches nicht fassbar, und auch ihr Auftreten in einer physikalischen, messbaren Form kann die Paradoxien und Aporien der Zeitwahrnehmung nicht auflösen. Ein Blick auf die europäische Geistesgeschichte offenbart, dass die erste zusammenhängende Zeittheorie auf Platon zurückgeht, wenngleich auch dem vorwissenschaftlichen Dasein bereits verschiedene Zeitvorstellungen zugrunde gelegt wurden (vgl. Gloy 2008: 7). Seit Platons Erörterungen ist der Strom an Reflexionen und Theorien zu Zeitwahrnehmung, -modellierung und der temporalen Vielschichtigkeit bis heute nie abgerissen: Stets omnipräsent und von massivem Einfluss auf Individuen wie Gesellschaft, ist die Zeit gleichzeitig „als diese nicht faßbar und bleibt ein reines Abstraktum“, wie der Literaturwissenschaftler Karlheinz Stierle (2008: 16) festhält. Gleichwohl die Auseinandersetzung mit Zeitkonzeptionen die Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte stets begleitet, finden sich immer wieder Phasen, in welchen diese geradezu Hochkonjunktur erfährt, insbesondere wenn es zu tiefgreifenden Transformationen im Zeiterleben kommt. Eine solche Zäsur bilden beispielsweise die elementaren Verschiebungen in der Zeit- (und Raum-)wahrnehmung, welche die Moderne mit sich brachte. Bekanntermaßen fanden diese einschneidenden Modifikationen nebst philosophischen und theoretischen Zugängen Eingang in Literatur, Kunst sowie Medien und beeinflussten diese maßgeblich und nachhaltig.
Nun scheint um die Jahrtausendwende wieder eine Periode angebrochen zu sein, in welcher die Auseinandersetzung mit Temporalitätskonzepten in den Geisteswissenschaften einen Aufschwung erlebt. Zu den Theoretikern, die sich bereits früh an diesem Diskurs beteiligt haben, gehört der französische Philosoph Paul Virilio. In seinem Essay Rasender Stillstand nimmt er sich den damals erst zu erahnenden Möglichkeiten der Telekommunikation und deren Konsequenzen für das Raum- und Zeiterleben an. In alarmiertem Tonfall diagnostiziert er „das Zeitalter der intensiven Zeit“, welches „ausschließlich dasjenige des Telekommunikationsmittels, anders gesagt, dasjenige des Auf-der Stelle- und der häuslichen Bewegungslosigkeit“ ist (Virilio 2015 [1990]: 44). Die technologischen Entwicklungen, die eine simultane Teilhabe an allem ermöglichen, zeigen für ihn alle auf eine Kontraktion der Zeit, „die jegliche Ausdehnung, jegliche Chronologie vernichtet“ (ebd.: 50). In seinen düsteren Theorien prophezeit er dabei nichts weniger als den Identitätsverlust der Individuen und damit das kommende Ende der Grundlagen unserer Gesellschaft, womit der Essay durchaus dystopische Züge trägt (vgl. ebd.: 148).
Im Gegensatz dazu nimmt sich der deutsche Soziologe und Politikwissenschaftler Hartmut Rosa der Beschleunigung in der modernen Gesellschaft eher sachlich an: „Wir haben keine Zeit, obwohl wir sie im Überfluss gewinnen“ (Rosa 2012 [2005]: 11, vgl. dazu auch Rosa 2013 [2010]). Diesem Paradoxon will sich Rosa annähern, indem er die „Logik der Beschleunigung zu entschlüsseln“ (Rosa 2012 [2005]: 11) versucht. Die veränderten Temporalstrukturen macht er in einer Zunahme der Handlungsgeschwindigkeit ebenso fest wie an der strukturell verursachten Veränderung der Zeiterfahrung des Alltagslebens (vgl. ebd.: 138). Konstituierend für seine Theorie ist die Annahme, dass sich „Veränderungen in den Temporalstrukturen und -horizonten der Gesellschaft […] auf die Temporalstrukturen der Identitätsbildung und -erhaltung“ auswirken (vgl. ebd.: 466). Die epochenspezifische Zeiterfahrung der sozialen Beschleunigung erklärt er zur einer der Grundtendenzen der Moderne, die er anhand seines Modells des ‚Akzelerationszirkels‘ als selbstantreibenden Prozess versteht, der sich kaum mehr durchbrechen lässt und dem keine korrespondierende Verlangsamungstendenz entgegensteht (vgl. ebd. 243–255). Dementsprechend ist der Prozess der sozialen Beschleunigung gemäß Rosa noch nicht abgeschlossen. In seiner Zeit-Diagnose und seinen daraus resultierenden Zukunftsvisionen dringt jedoch eine tiefe Besorgnis über den aktuellen Geschwindigkeitsrausch und dessen Folgen für eine Gesellschaft, die mit ihrem Verhältnis zur Zeit zunehmend überfordert ist (vgl. ebd.: 460–462) und er malt zum Schluss seiner Studie verschiedene Szenarien aus, wie diese Beschleunigungsgeschichte weitergehen könnte (vgl. ebd.: 486–490).
Ein weiterer prominenter Vertreter des Diskurses um die Zeitkonzeption der Gegenwart ist Hans Ulrich Gumbrecht. Der deutsch-amerikanische Literaturwissenschaftler und Philosoph geht davon aus, dass die im frühen 19. Jahrhundert etablierte Zeitkonfiguration des „historischen Denkens“ in den letzten Dekaden von einer neuen Konfiguration abgelöst wurde, die bislang noch keinen Namen trägt (vgl. Gumbrecht 2015 [2010]: 14). Er diagnostiziert der Gesellschaft einen grundlegend veränderten Umgang mit der Zukunft, der Vergangenheit und der Gegenwart: Zunächst geht er davon aus, dass die Zukunft kein „offener Horizont von Möglichkeiten mehr [ist], sondern eine Dimension, die sich zunehmend allen Prognosen verschließt und die zugleich als Bedrohung auf uns zuzukommen scheint“ (ebd.: 15). Zudem gelinge es nicht mehr, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, so dass sie unsere Gegenwart überschwemmt, während „die Gegenwart zu einer sich verbreiternden Dimension der Simultaneitäten geworden“ sei (ebd.: 16). Als konstitutiv für die titelgebende Breite Gegenwart erachtet der die Form der Oszillation, welche aus der Polarität zwischen einer immer noch fortschreitenden Cartesianisierung des Alltags und einer gleichzeitiger „Sehnsucht nach Momenten der Präsenz“ (ebd.: 143) entsteht (vgl. Kapitel 3.1.1).1 Die Überforderung im Umgang mit der Gegenwart sieht er in der Inkompatibilität dieser beiden Pole, „denn was sollte eine ‚Synthese‘ von distanzierter Reflexivität und partizipierender Intensität sein?“ (ebd.: 133).
Exemplarisch sollen diese drei Vertreter unterschiedlicher Traditionen der Geisteswissenschaften an dieser Stelle für eine Tendenz stehen, derzufolge sich in den letzten rund 35 Jahren ein starkes Unbehagen in Bezug auf die Wahrnehmung und den Umgang mit der Zeit breitmacht. Damit gehen divergente Versuche einher, diese Veränderungen theoretisch zu fassen. Zu den Theoretiker:innen, die genau diesen neuen Versuchsanordnungen in der Zeitorientierung in der westlichen Welt ihre Aufmerksamkeit gewidmet haben, gehört auch die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann. Bereits der Titel ihrer 2013 erschienenen Publikation deutet an, dass sie tiefschürfende Veränderungen im Umgang mit der Zeit diskutiert: Ist die Zeit aus den Fugen? Mit dieser Ausgangsfrage spürt sie dem Aufstieg und Fall des Zeitregimes der Moderne nach (Assmann 2013: 7). Sie unternimmt diese Spurensuche bereits in zweiter Ordnung, weil sie die oben skizzierten Ansätze bereits als Ausdruck eines tiefschürfenden Umbruchs in ihre Thesen miteinbezieht.
In ihrer Abhandlung diskutiert sie zunächst das Zeitregime der Moderne, wobei sie sich ausführlich mit dessen „‚Kulturalisierung‘ des Themas Zeit“ auseinandersetzt (Assmann 2013: 20). Die temporale Struktur des Modernisierungsparadigmas macht sie am Verhältnis der Zeitdimensionen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fest, wobei sie eine konsequente Ausrichtung auf die Zukunft diagnostiziert, welche eng mit einem Fortschrittsnarrativ verknüpft ist. Sie zeichnet nach, dass im Zeitregime der Moderne der Blick auf eine stets verheißungsvolle Zukunft gerichtet ist, was mit einer gleichzeitigen Marginalisierung von Vergangenheit und Tradition einhergeht (ebd.: 92). Assmann zeichnet detailliert nach, wie dieses Zeitregime entstanden ist und welche Konsequenzen dieses für die moderne (Raum-)Zeiterfahrung und das temporale Selbstverständnis der Gesellschaft hat.
Assmann arbeitet schließlich mit der These, dass dieses moderne Zeitregime seit den 1980er Jahren in eine Krise gerät. Sie konstatiert, dass „der westliche Geschichtsmythos des Fortschritts bzw. der linearen Systemdynamik […] nicht mehr als naturgegeben verschlagt wird“ und „diese temporale Ontologie als eine kulturelle Konstruktion mit einer spezifischen Geschichte erkennbar“ wird (ebd.: 246). Den tatsächlichen Wandel der temporalen Ontologie verortet sie schließlich um die Jahrtausendwende, wo sie eine Zäsur für die Erneuerung des westlichen Zeitregimes setzt und damit auch das Ende eines zentralen Elements der westlichen Modernisierungsgeschichte proklamiert. Dieser Bruch manifestiert sich gemäß Assmann in einer „neuen Unsicherheit und Ratlosigkeit im Umgang mit Zeit“ hinsichtlich der Zeitorientierung in den Dimensionen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft (ebd.: 246). Die Zeitdiagnosen von Hans Ulrich Gumbrecht und weiteren Theoretikern (insbesondere dem amerikanischen Soziologen und Historiker John Torpey sowie dem französischen Historiker François Hartog) liest sie als symptomatischen Ausdruck dieses Unbehagens. Sie postuliert, dass dies dem normativen Maßstab des modernen Zeitregimes verschuldet ist, welches die Wissenschaftler ihren Analysen zugrunde legen und „dessen Niedergang sie melancholisch oder verbittert bedauern“ (ebd.: 265) Die von mir oben angeführten Zeit-Theoretiker Rosa und Virilio lese ich als Analytiker des Zeitregimes der Moderne, die diesem stark verpflichtet sind – was sich besonders deutlich in der konsequenten Berufung auf das Konzept der Beschleunigung als Kern ihrer Theorien niederschlägt. Mit ihren düsteren Prognosen über die weitere Entwicklung ihrer eigenen Zeit-Analyse schreiben sie dieser aber bereits ein, dass sie in einer eher nahen Zukunft an einen End- oder radikalen Wendepunkt gelangen, weil sich der Status quo der aktuellen Zeitorientierung nicht länger aufrechterhalten lässt.
Dass sich die temporale Ordnung des Zeitregimes der Moderne auflöste, begründet Assmann mit der Auflösung der strikten Trennung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die das Regime der Moderne für seinen Bestand erforderte. Die Verschiebung der drei Zeitdimensionen macht sie zunächst an einer Umbewertung der Zukunft fest, die nicht länger die Richtung vorgibt, in welcher wir uns orientieren können: Sie hat als Garant für glänzende Versprechungen ausgedient und trägt vielmehr erschreckende und bedrohliche Züge. Kurz: „Die Erwartungen an die Zukunft sind bescheiden geworden“ (ebd.: 12)
Gewissermaßen als Ausgleich zur Entwicklung der Zukunft zu einer „Problemzone“ stellt Assmann fest, dass die Vergangenheit gleichzeitig an Bedeutung gewinnt: Stand sie im modernen Zeitregime in erster Linie für das, „was seinen Anspruch auf Gebrauch und allgemeines Interesse für immer verloren hat“, drängt sie sich nun auch in die Gegenwart: Weil es kein „universales Ausschlussdiktat“ mehr gibt (ebd.: 320), wächst der Bedeutungsumfang des Begriffs Vergangenheit und es kommt zu einer Etablierung und Pluralisierung von Formen, in welchen auf diese zugegriffen wird (ebd.: 280 und 320). Konkret schlägt sich dies beispielsweise in Prozessen und Strategien des Erinnerns nieder, die für die Konstruktion von Identitäten reklamiert und damit eng mit der Gegenwart gekoppelt werden (ebd.: 280).
Wenn mit dieser neuen Gewichtung der drei Zeitdimensionen das Zeitregime der Moderne an Gültigkeit verliert, muss sich das Gefüge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft neu konfigurieren. „Die Zeit ist aus den Fugen“ – das heißt konkret: Etwas scheint nicht mehr zu stimmen mit dem Rapport zwischen den Zeitzonen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und es ist immer weniger klar, wie sie ineinandergreifen und sich auseinanderentwickeln.
Während Virilio, Rosa und Gumbrecht die Neukonfigurationen in der Zeitorientierung skeptisch bis pessimistisch begegnen, akzentuiert Aleida Assmann vielmehr die positiven Aspekte der Veränderung: Sie schätzt den veränderten Umgang mit der Vergangenheit in diesem Zusammenhang als eine konstruktive Reparaturmaßnahme am Zeitregime der Moderne (ebd: 280). Die durch die tiefgreifenden Veränderungen im Umgang mit dem Gefüge der drei temporalen Elementarkategorien ermöglichten neuen Perspektiven und Interessen bieten in Assmanns Diagnose die Gelegenheit, „das Spektrum der Basisoptionen und -operationen der eigenen Kultur zu reflektieren und dabei neu zu bewerten und zu erweitern“ (ebd.: 289).
Mit der folgenden Arbeit soll die Chance ergriffen werden, diesem neuen ‚Chronotopos‘, dessen Logik noch gar nicht durchschaubar ist (ebd.: 267), etwas näherzukommen. Wenn in Dette burde skrives i nutid, Uke 43 und Sandárbókin – Pastoralsónata bereits in den Titeln unterschiedliche Konzeptionen von Zeitlichkeit (von Gegenwart oder Präsens über einen bestimmten Zeitpunkt bis hin zu einem metaphorischen Zugang) anklingen, nehmen sie sich einer Dimension an, welche für jeden Erzähltext an sich konstitutitv ist: Erzählungen organisieren sich primär in der Dimension der Zeitlichkeit (Koschorke 2013 [2012]: 21). Oder wie Aleida Assmann bereits in einer früheren Publikation deutlich macht, stehen Zeitformationen und Erzählschemata in einem unauflösbaren Zusammenhang (Assmann 1999: 16). Üblicherweise, hält dann auch der Literaturwissenschaftler Karlheinz Stierle in seiner Untersuchung zu Zeit und Werk fest, sind „Formen der Narration […] an die Zeit als Medium gebunden, aber diese ist nicht ihr Gegenstand“ (Stierle 2008: 17).
Wenn sich die ausgewählten Provinztexte nun diversen Aspekten von Zeit widmen, kommt es aber zu einer gleichzeitigen Auseinandersetzung mit einem Phänomen, „das notwendigerweise der Präsentation und der Repräsentation bedarf, damit überhaupt ein Wissen von ihm entstehen kann“, wie Michael Gamper und Helmut Hühn (2014: 12) in den Vorüberlegungen zu ihrem umfangreichen (und deshalb für die Hochkonjunktur an Zeitreflexionen symptomatischen) Forschungsprojekt zu ästhetischen Eigenzeiten festhalten. „Zeiterfahrung und Zeitreflexion […] sind deshalb unhintergehbar an die Darstellungskraft von ästhetischen Verfahrensweisen, also an das Zusammenspiel von sinnlich perzipierbaren Techniken, Symbolen, Medien und Institutionen gebunden“ (Gamper/Hühn 2014: 12). Gleichzeitig, und das scheint mir in dieser Basalität nochmals wichtig zu betonen, hält Karlheinz Stierle (2008: 12) fest: „Zeit verlangt nach Anschauung, aber sie geht zugleich immer schon in unsere Anschauungen ein.“ Es mag deshalb nicht erstaunen, dass sich in den ausgewählten Erzähltexten dieser Abhandlung nicht nur verschiedene Formen von Zeitreflexionen ausmachen lassen, sondern dass diese in einer engen Verbindung mit poetologischen Fragestellungen verhandelt werden, denn die Konfiguration von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist im Anschluss an die Thesen Assmanns eng verbunden mit Fragen nach den Möglichkeiten und Grenzen sprachlichen und literarischen Ausdrucks.
Wenn im Folgenden die Provinz in der skandinavischen Gegenwartsliteratur unter dem Aspekt der Zeitdarstellungen betrachtet wird, kann es nicht darum gehen, eine bestimmte Strategien herauszufiltern. Vielmehr möchte die Untersuchung gerade der Pluralisierung von Verfahren gerecht werden, mit welchen die Modalitäten von Zeitdarstellung und -erfahrung ausgelotet werden. Deshalb wird in dieser Untersuchung nicht mit einem Zugang gearbeitet, sondern es wird sukzessive versucht, den unterschiedlichen Aspekten der Zeitdarstellung und -verhandlung für die einzelnen Werke in ihrer jeweilig spezifischen Form gerecht zu werden. Diesem Vorgehen liegt die Annahme zugrunde, dass es in einer Gesellschaft, in welcher Zeitabläufe immer vielschichtiger werden, und verschiedene zeitliche Bezugssysteme koexistieren (vgl. dazu auch Koepnick 2014: 3), zu einem palimpsestartigen Überlagern unterschiedlicher Zeitebenen kommt (vgl. dazu Gamper/Hühn 2014: 33). Der Literatur kann in der in der Auslotung verschiedener Zeitkonfigurationen insofern eine zentrale Rolle zugesprochen werden, als dass gerade genuin literarische Verfahren ermöglichen, parallel verschiedene Strategien im Umgang mit temporalen Konzepten zu erproben und diskutieren.
Die drei ausgewählten Erzähltexte sollen in der folgenden Analyse deshalb zunächst eingeführt werden, indem der bisherige Forschungsstand dargelegt und kontextualisiert wird. Dabei ist in Dette burde skrives i nutid, Uke 43 und Sandárbókin jeweils ein spezifischer Schwerpunkt in der Rezeption auszumachen, welcher ausführlich diskutiert wird, weil er für die Einordnung der folgenden Untersuchungen zu Temporalitätskonzepten von Relevanz ist. In einem ersten Schritt werden hierfür in allen drei Texten zunächst die Raumzeitstrukturen einer ausführlichen Analyse unterzogen. In diesem Schritt werden die Spezifika der jeweiligen Provinzdarstellungen herausgearbeitet und in einen größeren Kontext gesetzt. Diese bilden schließlich die Voraussetzung, um den unterschiedlich profilierten Zeitgestaltungen und -reflexionen nachzuspüren. Das Fundament bildet jeweils die Identifikation grundlegender erzähltheoretischer Operationen, bevor intrinsisch auf die unterschiedlichen Phänomene eingegangen wird, welche die temporale Vielfältigkeit der einzelnen Texte konstituieren. Dies geschieht stets unter Berücksichtigung poetologischer Implikationen, um das Potential auszuloten, welches literarischen Texten inhärent ist, wenn es um die Neuauslotung der prekären Zeitkonstellation der Gegenwart geht.
Die dänische Autorin Helle Helle (*1965) debütierte 1993 mit der Kurzprosasammlung Eksempel på liv (1993, Beispiel für Leben), worauf ihr mit der Veröffentlichung der Novellensammlung Rester (2010 [1996], Resten) der Durchbruch gelang und sie zu internationaler Bekanntheit gelangte. Die Absolventin der Kopenhagener Schriftstellerschule hat seither zehn Romane und eine weitere Novellensammlung publiziert – Dette burde skrives i nutid (2011) ist ihr fünfter Roman.1
Ein Blick auf die Rezensionen und die mittlerweile beachtliche Anzahl an Forschungsartikeln – deren vorläufiger Höhepunkt zwei umfassende Sammelbände bilden – zeigt zwei Konstanten in der gängigen Charakterisierung von Helles Werk, die sich leicht zusammenfassen lassen: Sie schreibt in Manier eines ‚minimalistischen Realismus‘ und setzt sich mit dem Leben der ‚einfachen Leute in der dänischen Provinz‘ auseinander. Auch wenn dieser Zugang gerade in den jüngsten Untersuchungen zu ihrem Werk zu überwinden versucht wird,2 so hat es sich beinahe zu einer eigenen Tradition etabliert, sie zur Erbin des dänischen Schriftstellers Herman Bang (1857–1912) zu stilisieren: Dessen Texte spielen zur Zeit der vorletzten Jahrhundertwende in der dänischen Provinz, und konzentrierten sich auf die dortigen stillen Existenzen (vgl. u. a. Müller/Schröder 2013 und Hansen 2011). Als stilistisches Vorbild findet zudem Raymond Carver, ein amerikanischer Kurzprosaist, immer wieder Erwähnung. Wie mit dem Prädikat ‚minimalistischer Realismus‘ angedeutet wird, sind Helle Helles Werke in einer stark stilisierten Sprache geschrieben, was im Titel ihres siebten Romans – de – (Helle 2018, SIE und BOB (2022)), auf die Spitze getrieben wird. In repetitiver Syntax bringt sie in kurzen, nüchternen Sätzen eine Oberflächenpoetik hervor, die sich thematisch durchaus dem Alltag der ‚kleinen‘, ‚gewöhnlichen‘ Leute in der dänischen Provinz annimmt und ihr gar den Titel als „wichtigste dänische Arbeiterschriftstellerin“ einbrachte (vgl. Simonsen 2018). Unspektakuläre Ereignisse in einer dem Stillstand verschriebenen Umgebung werden in Texten verhandelt, die von Leerstellen nur so strotzen. Nüchtern konstatiert Dag Heede deshalb: „Det er let at læse og svært at skrive om“ (2018: 12).3 Nicht zuletzt aus diesem Grund dürfte der dänische Kunstfonds die Bearbeitung dieser Themen in unverkennbar Hellescher Schreibmanier 2010 mit der Zuteilung eines lebenslängliches Künstlerstipendiums gewürdigt haben. In der Begründung für die Vergabe ist zu lesen:
„Fra nu af [Publikation Rester, Anm. d. Verf.] er rummet strengt realistisk, og fortælleren svæver ikke reflekterende over sine personer, men tager bo i dem og er solidarisk med deres formåen. Stedet er fra nu af den danske provins, og personerne tilhører den lavere middelklasse, med enkelte undtagelser i form af forfattere og studerende. Sproget er lettilgængeligt, dialogerne er mundrette og benytter sig af indforståethed som det væsentligste virkemiddel. […] Med sine mesterlige iscenesættelser af det almindelige liv fremstår Helle Helle i dag som en af Danmarks vigtigste fortolkere af middelklassen og den danske provins.“ (Statens kunstfonds 2010)4
Es ist nach diesem geradezu offiziellen Attest nicht weiter erstaunlich, dass der Blick auf die Forschungsliteratur zu Helle Helles Prosa zeigt, dass sich die ihr zugeschriebene Rolle einer „Botschafterin“ der Provinz – insbesondere in Beiträgen aus Skandinavien – in stark psychologisierenden Lesarten der „stillen Existenzen“ manifestiert.
So nutzt beispielsweise Per Krogh Hansen in seinem Überblick zum Werk Helle Helles die eröffnenden Sätze von Dette burde skrives i nutid als Aufhänger für eine grundlegende Studie ihrer Romanfiguren. Das Prädikat „Stilstand, passiv registreren“ (2017: 24)5, welches er den dargestellten Frauen zuschreibt, setzt er in enge Relation zu deren jeweiligem soziokulturellen Hintergrund („invalidepensionisterne“, „kultiverede middelklasse“, „arbejderklasseprovinskvinder“6). Von Hus og hjem (1999, Haus und Heim (2001)) bis Hvis det er (2014, Wenn du magst (2016)) zeichnen sich diese in Hansens Analyse durch einen Mangel an Charakter und Ambitionen aus, den er schließlich auch bei der Charakterisierung der männlichen Protagonisten herausstreicht (vgl. Hansen 2017: 27). Die Passivität der Protagonist:innen schlägt sich auch in der Knappheit der Dialoge nieder, so dass in einem Beitrag zu Rødby-Puttgarden gar mit einer Kombination aus Schauspiel- und Sprechakttheorie versucht wird, die möglichen Motive und Beweggründe der beiden Hauptprotagonistinnen Jane und Tine zu ergründen (vgl. Kvorning 2011).
Der starke Fokus auf die Innenwelt der Protagonisten prägt auch die Untersuchungen zu Dette burde skrives i nutid. In der dänischen Tagespresse als „Pageturner“ und „nonchalantes Meisterwerk“, „selbstverständlich herausragend“, kategorisiert, präsentiert sich der 2011 erschienene Roman auf nur knapp 160 Seiten (vgl. Kjældgaard 2011 und Nexø 2011). In 42 Kapiteln folgt der Lesende den Schilderungen einer Ich-Erzählerin, die sich namentlich im zweiten Drittel des Romans als Dorte Hansen – benannt nach ihrer Tante – zu erkennen gibt. Der Inhalt lässt sich denn tatsächlich sehr leicht mit Fokus auf den Charakter auf „et sjeldent irriterende eksemplar av den for Helle typiske unge og dagdrivende kvinnen med forfatterambisjoner“7 zusammenfassen: Der Roman beginnt mit den Vorbereitungen des Auszugs der Protagonistin aus einem kleinen Bungalow, worauf der Inhalt sich aus zwei parallel geführten Retrospektiven konstituiert. Entgegen der im Titel gemachten Forderung konsequent im Präteritum verfasst, konzentriert sich ein Kapitel entweder auf die jüngste Vergangenheit im nämlichen Bungalow oder – wenn auch nicht regelmäßig alternierend – auf die vorausgegangenen Jugendjahre in der dänischen Provinz. Der Bungalow steht in einem kleinen Dorf an der Bahnlinie nach Kopenhagen, wo sich Dorte ihrem Literaturstudium widmen sollte, sich jedoch vor allem durch die Tage treiben lässt und sich in alltäglichen Verrichtungen verliert. Auch die Jahre vor Studienbeginn sind von einer mitunter seltsam anmutenden Gleichmütigkeit und Antriebslosigkeit geprägt. Sie zeichnen sich ebenfalls durch zahlreiche Umzüge innerhalb der dänischen Provinz sowie eigentümliche Konstellationen dysfunktionaler (Familien-)beziehungen aus, wobei es gegen Ende des Romans zu einer einmaligen, kurzen Zusammenführung der beiden Erzählebenen kommt (vgl. DBS
