33,99 €
Die drei erfahrenen Journalistinnen Nathalie Christen, Linda Bourget und Simona Cereghetti zeigen Frauen aus der ganzen Schweiz, die in die Politik gegangen sind und sich nach wie vor in diesem Umfeld bewegen. Sie sind durch unterschiedliche Hintergründe geprägt, sowohl politisch als auch von ihren Lebensumständen her. Die Autorinnen zeichnen vielfältige Vorbilder und motivieren damit vielleicht gar zum Einstieg in die Politik. Sie stellen Fragen, die Frauen besonders betreffen: Wie lässt sich politisches Engagement mit der Familie und/oder dem Beruf vereinbaren? Kann ich das? Wird frau da überhaupt ernst genommen – und was, wenn nicht? Die Politikerinnen geben ungeschminkte, von der Praxis genährte Antworten. Sie reichen von überraschend bis amüsant, von ernüchternd bis motivierend. Ein spannendes Buch von Frauen für Frauen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 330
Veröffentlichungsjahr: 2021
Impressum
Ein Buch der Schweizer Illustrierten, erschienen in der Beobachter-Edition, Ringier Axel Springer Schweiz AG
Beobachter-Edition
© 2021 Ringier Axel Springer Schweiz AG, Zürich
Alle Rechte vorbehalten
www.schweizer-illustrierte.ch
www.beobachter.ch
Lektorat: Romana Küpfer, Rieden
Umschlaggestaltung, Konzept und Layout: fraufederer.ch
Herstellung: Bruno Bächtold
Bildnachweis Inhalt: Wenn nicht anders vermerkt, wurden die Bilder aus den Privatarchiven der Politikerinnen und Autorinnen zur Verfügung gestellt.
Umschlagfoto: Paul Seewer
Gedruckt in der EU
ISBN 978-3-03875-408-4
Inhalt
Vorwort
Autorinnen
Mattea Meyer
Co-Präsidentin SP Schweiz, Zürich, ZH, porträtiert von Nathalie Christen
Manuela Weichelt
Nationalrätin und ehemalige Zuger Regierungsrätin ZH, Die Günen, porträtiert von Nathalie Christen
Nathalie Fontanet
Staatsrätin GE, FDP, porträtiert von Linda Bourget
Diana Gutjahr
Nationalrätin TG, SVP, porträtiert von Nathalie Christen
Lisa Mazzone
Ständerätin GE, Die Grünen, porträtiert von Linda Bourget
Anna Giacometti
Nationalrätin und ehemalige Gemeindepräsidentin von Bregaglia GR, FDP, porträtiert von Simona Cereghetti
Corina Gredig
Nationalrätin ZH, GLP, porträtiert von Nathalie Christen
Susan von Sury-Thomas
Kantonsrätin SO, Die Mitte, porträtiert von Nathalie Christen
Marina Carobbio
Ständerätin TI, SP, porträtiert von Simona Cereghetti
Petra Gössi
Präsidentin FDP Schweiz, SZ, porträtiert von Nathalie Christen
Ada Marra
Vizepräsidentin SP Schweiz, VD, porträtiert von Linda Bourget
Viola Amherd
Bundesrätin, Die Mitte, porträtiert von Nathalie Christen
Céline Amaudruz
Vizepräsidentin SVP Schweiz, GE, porträtiert von Linda Bourget
Greta Gysin
Nationalrätin TI, Die Grünen, porträtiert von Simona Cereghetti
Ylfete Fanaj
Kantonsrätin LU, SP, porträtiert von Nathalie Christen
Marianne Maret
Ständerätin VS, Die Mitte, porträtiert von Linda Bourget
Claudia Boschetti Straub
Gemeindepräsidentin von Blenio TI, Lega dei Ticine si, porträtiert von Simona Cereghetti
Eva Herzog
Ständerätin und ehemalige Regierungsrätin BS, SP, porträtiert von Nathalie Christen
Claudia Bernet-Bättig
Gemeindepräsidentin von Ufhusen LU, Die Mitte, porträtiert von Nathalie Christen
Andrea Geissbühler
Nationalrätin BE, SVP, porträtiert von Nathalie Christen
Johanna Gapany
Ständerätin FR, FDP, porträtiert von Linda Bourget
Vorwort
«Ohne die Emanzipation der Frauen ist der Begriff der Demokratie nur Heuchelei und Lüge»
Emilie Gourd (1879 – 1946), Präsidentin des Schweizerischen Verbands für Frauenstimmrecht
Am 18. April 2021 haben die Wahlberechtigten des Kantons Neuenburg die Geschichte der Schweizer Politik ein Stück fortgeschrieben. Sie haben an diesem Wahlsonntag entschieden, eine weibliche Mehrheit in den Grossen Rat einziehen zu lassen: 58 der 100 Grossratssitze gehen an Frauen – das hat es in einem kantonalen Parlament noch nie gegeben. Die lila Welle, die 2019 die eidgenössischen Wahlen erfasst hat, ist also noch nicht abgeebbt. Nach rund fünfzehn Jahren des Stillstands nimmt die Zahl der Frauen in den politischen Institutionen wieder stetig zu; seit 2019 sind sie mit 42 Prozent im Nationalrat vertreten, 20 Sitze haben sie dazugewonnen, damit ist ihr Anteil so hoch wie nie zuvor.
Erfreuliche Fortschritte – dennoch täuschen sie nicht über den wesentlichen Umstand hinweg, dass die Frauen in den Gefilden der politischen Macht nach wie vor erschreckend untervertreten sind. Mit ein paar Zahlen lässt sich das Problem veranschaulichen: Der Frauenanteil im Ständerat liegt bei knapp 26 Prozent, in den kantonalen Parlamenten bei 32 Prozent, in den kantonalen Exekutiven bei 26 Prozent – in den Regierungen von sieben Kantonen findet sich keine einzige Frau. 2021 jährt sich die Einführung des eidgenössischen Stimm- und Wahlrechts für Frauen zum fünfzigsten Mal, doch die Gleichstellung ist noch lange nicht erreicht.
Als Antwort auf diesen Umstand haben wir uns entschieden, Frauen zu Wort kommen zu lassen, die sich gegenwärtig in der Politik dieses Landes engagieren. 21 Frauen, auf nationaler, kantonaler oder kommunaler Ebene tätig, aus allen politischen Lagern und aus den drei grossen Sprachregionen der Schweiz. Junge und weniger junge Frauen, verheiratet oder nicht, berufstätig oder nicht, mit Kindern oder ohne. Politikerinnen, die sich alle – entsprechend ihren Überzeugungen – für die Lebensqualität ihrer Mitmenschen einsetzen. Ein Buch mit einem Ziel: Frauen zu inspirieren. Zu zeigen, wie spannend Politik ist und wie Frauen sie prägen können. Darum haben wir Schweizer Politfrauen gefragt, wie das Politisieren ihr Leben bereichert. Und wie sie es geschafft haben, die Hindernisse zu überwinden, die Frauen nach wie vor den Weg zur Macht versperren. Sie haben ihre persönlichen Fotoarchive geöffnet und dokumentieren mit den Bildern nicht nur Momente ihrer Politkarriere, sondern ermöglichen uns auch rare Einblicke in ihren Alltag und ihr Familienleben. Die in diesem Buch versammelten ungeschminkten Erfahrungsberichte sollen vielfältige, konkrete Beispiele und Denkanstösse für alle bieten, die sich engagieren wollen. In Politik, Beruf, Familie, Gesellschaft. Oder schlicht für alle, die sich fürs Politische interessieren.
Frauen müssen nach wie vor zahlreiche Widerstände überwinden. In erster Linie innere Widerstände: mangelndes Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten, Angst, sich den Medien auszusetzen, die Befürchtung, dass ihre Stärken nicht anerkannt werden, und somit Vorbehalte, als Kandidatin bei einer Wahl anzutreten – eine leidige Erscheinung, von der Frauen häufiger betroffen sind als Männer.* Unter den 21 Frauen in diesem Werk haben mehrere nur deshalb ein erstes Mal kandidiert, weil ihre Parteien eine Lücke auf der Wahlliste füllen mussten und sie deshalb anfragten – von selbst wären sie nicht auf die Idee gekommen. Petra Gössi, Céline Amaudruz, Marianne Maret, Diana Gutjahr, Susan von Sury-Thomas oder Ada Marra hätten folglich die politische Bühne gar nie betreten, wenn die betreffenden Parteiverantwortlichen sie nicht angeworben hätten, um ihre Listen weiblicher zu machen.
* Fabrizio Gilardi, «The temporary importance of role models for women’s political representation», American Journal of Political Science, 2015.
Dann äussere Widerstände: machohaftes Gebaren in gewissen politischen Kreisen, Networking, das sich teilweise immer noch in rauchgeschwängerten Hinterzimmern abspielt, frauenfeindliche Vorurteile, gnadenlose Kommentare, denen Politikerinnen in den sozialen Medien ausgesetzt sind, Tagesrhythmen, die sich mit dem Familienleben nur schwer vereinbaren lassen. Dennoch: Unsere porträtierten Frauen finden immer wieder Lösungen, um diese Hürden zu nehmen. Als junge Mutter organisiert die grünliberale Corina Gredig Parteisitzungen eher zur Lunch- statt zur Apérozeit, damit sie die politische Tätigkeit und die Betreuung ihrer beiden Kinder besser in Einklang bringen kann. Viola Amherd, seinerzeit Präsidentin der Stadtgemeinde Brig-Glis und als Frau von Serviceclubs wie Rotary ausgeschlossen, ruft eine lokale Sektion von «Soroptimist» ins Leben, um ihr Netzwerk zu vergrössern. Die Tessinerin Greta Gysin, Politikerin der Grünen, prangert auf ihrer Facebook-Seite all jene Personen öffentlich an, die ihr während der vergangenen Wahlkampagne sexistische Beleidigungen geschickt haben – damit sie aufhören damit.
Nicht alle porträtierten Frauen sind Feministinnen, aber alle rütteln an den Grundfesten etablierter Strukturen. Als Frau im Jahr 2021 Politik zu machen, bedeutet auch heute noch, Pionierarbeit zu leisten: Viola Amherd ist die erste Bundesrätin, die das Verteidigungsdepartement führt, Johanna Gapany die erste Ständerätin des Kantons Freiburg, Manuela Weichelt die erste Nationalrätin des Kantons Zug. Sie alle werden getragen von einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Bewegung. Bei den eidgenössischen Wahlen von 2019 hatten die Kandidatinnen erstmals bessere Chancen, gewählt zu werden, als ihre männlichen Mitstreiter; ihre Namen wurden nicht mehr gestrichen, vielmehr wurden sie mit grosser Zustimmung vom Volk gewählt. Ein für gewöhnlich linkes Phänomen, das sich nun auch bei der SVP und bei den Grünliberalen ausmachen lässt. Eine weitere Entwicklung zeichnet sich bei der Wählerschaft ab: Auch wenn Männer in aller Regel zahlreicher an die Urne gehen, zeigen die verfügbaren Daten zu den letzten Wahlen, dass die Wahlbeteiligung bei den jungen Frauen höher war als bei den jungen Männern.**
** Pascal Sciarini und Nenad Stojanović, «Elections fédérales, les jeunes femmes se sont mobilisées», Le Temps, 2019.
Schritt für Schritt gehen die Schweizerinnen und Schweizer also in Richtung Gleichstellung, und seit 2019 hat sich ihr Gang sogar beschleunigt. Zum Glück: Die Strecke bis dahin war lang, der weitere Weg ist es ebenso.
Nathalie Christen, Linda Bourget, Simona Cereghetti
Autorinnen
Nathalie Christen (* 1970 in Zürich) berichtet für Fernsehen SRF aus dem Bundeshaus und ist gewählte Politikjournalistin des Jahres. Sie verfolgt die Schweizer Politik seit rund zwanzig Jahren aus nächster Nähe: zuerst als Bundeshauskorrespondentin des SonntagsBlick, später leitete sie die Bundeshausredaktion von Radio SRF und sie moderiert bis heute die gemeinsame Elefantenrunde von Radio und Fernsehen SRF an Abstimmungssonntagen. Sie produzierte – und moderierte gelegentlich auch – die Fernsehdiskussionssendung «Arena». Dabei erlebte sie immer wieder, wie viel schwieriger es ist, Politikerinnen als Gäste zu gewinnen als Politiker. Vor den eidgenössischen Wahlen hörte sie zudem regelmässig Parteiverantwortliche klagen über die vielen Absagen von Frauen, die sich eine Kandidatur nicht zutrauten. So entstand die Idee, in einem Mutmacherinnen-Buch Politikerinnen mit verschiedensten Hintergründen zu porträtieren. Beim Schreiben hatte sie ein Zitat von Wolf-Jakob Schmidt vor Augen: «Ohne einen Weg gegangen zu sein, werde ich nie erfahren, ob ihn zu gehen sich nicht doch gelohnt hätte.» Das Zitat hängt an Nathalie Christens Sekretär in Münsingen (BE). Sie lebt dort mit ihrem Mann und den zwei Teenagertöchtern.
Linda Bourget (* 1980 in Lausanne) ist derzeit Produzentin und Moderatorin von «A bon entendeur», der Informations- und Recherchesendung des Westschweizer Fernsehens RTS rund um das Thema Konsum. Zuvor arbeitete sie sechs Jahre in Bern für die Nachrichtensendung von RTS, die letzten drei Jahre als Chefin des Fachbereichs Politik. Ihre ersten Berufserfahrungen sammelte sie als Wirtschaftsjournalistin in den Printmedien, unter anderem als Ressortleiterin bei der Tageszeitung «La Liberté» und beim Nachrichtenmagazin «L’Hebdo».
Im Jahr 2013 erweist sich das Buch «Lean In» von Sheryl Sandberg, der Nummer zwei von Facebook, als eine Art Offenbarung für sie: Sie erkennt, wie selten Frauen über die Mechanismen reden, die sie in ihrer Karriere behindern. Sie ist deshalb felsenfest überzeugt: Es ist ungemein wichtig, dass Frauen ihre Erfahrungen miteinander teilen, dass sie berufliche Beratung und Unterstützung einfordern, dass starke Frauen über ihre Lebenswege berichten und somit anderen als Vorbild dienen können. Linda Bourget lebt heute in Marly (FR) – mit ihrem Lebensgefährten und dem gemeinsamen dreijährigen Sohn.
Simona Cereghetti (* 1975 in Lugano) ist Bundeshauskorrespondentin des Fernsehens der italienischsprachigen Schweiz, RSI. Neben der Produktion von Berichten und Liveübertragungen für die RSI-Tagesschau moderiert sie Debatten und Livesendungen bei den eidgenössischen Wahlen. Sie gehört zu den erfahrensten Politjournalistinnen von RSI. Sie arbeitete auch als TV-Korrespondentin in Zürich, als Moderatorin und Produzentin der täglichen Talksendung «Contesto» sowie als Journalistin und Moderatorin für die Tagesschau-Nebenausgabe.
Alma Bacciarini, die 1979 als erste Tessinerin in den Nationalrat gewählt wurde, sagte in einem Interview mit RSI aus dem Jahr 2001, dass sie und ihre Mitstreiterinnen, die an vorderster Front für die Annahme des Frauenstimmrechts gekämpft hatten, einen Tag nach dem Ja zum Stimmrecht den Eindruck hatten, den Himmel mit einem Finger berühren zu können. Aber sie realisierten sehr schnell, dass das Stimmrecht für die Frauen nur eine Etappe und das Ziel der gesellschaftlichen und politischen Gleichstellung noch weit entfernt war. Dieses Ziel ist auch heute noch immer nicht erreicht. Deshalb hat Simona Cereghetti beschlossen, an diesem Buch mitzuarbeiten. Sie lebt zurzeit in Bern.
Mattea Meyer
Co-Präsidentin SP Schweiz, Zürich
«Mir geben Empörung und Hoffnung die Energie, morgens aufzustehen und Politik zu machen»
In Mattea Meyers Augen schimmern Tränen. Es sind Tränen der Wut. Das Augenwasser sammelt sich bei ihr auch noch Jahre nach der Begegnung mit jenem jungen afghanischen Asylsuchenden, dem sie als Freiwillige damals Deutsch beibrachte. Bei einem Tee erzählte er ihr, sein Asylantrag sei abgelehnt worden. Und fügte hinzu: «Du hast so viel Glück, dass du in der Schweiz geboren bist!» Das sieht sie ebenso. Der junge Mann durfte zwar dank eines Rekurses schliesslich in der Schweiz bleiben und eine Lehre machen. Doch die Erinnerung an seinen Satz wühlt Meyer trotzdem auf, wegen des Prinzips, wegen der Ungerechtigkeit. «Es darf doch nicht vom Geburtsglück abhängen, ob Menschen in Würde leben können!»
Dieses Aufbegehren gegen die Welt, wie sie heute ist, regte sich schon früh in ihr, als sie als Jugendliche bei den Grosseltern Zeitschriften wie «Der Beobachter» und «Geo» verschlang und dabei erfuhr, wie schlecht es anderen Menschen geht. Vor allem in anderen Weltregionen, besonders Frauen.
Mattea Meyer sitzt in ihrer Stube in einem Fünf-Zimmer-Arbeiter-Reihenhaus in Winterthur, vor sich eine Tasse Tee, den sie mit getrockneter Pfefferminze aus dem eigenen Garten aufgebrüht hat. Sie lässt sich vom Schicksal anderer berühren. Ihrer starken Gefühle schämt sie sich nicht. «Emotionen sind der Kern der Politik. Sie zeigen, dass es jemandem ernst ist», sagt sie. «Aber es darf nicht bei der Empörung bleiben, es braucht ebenso die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die Gefühle müssen dazu führen, sich für eine Verbesserung einzusetzen. Mir geben diese Emotionen die Energie, morgens aufzustehen und Politik zu machen.»
Seit Oktober 2020 tut sie dies an den Schalthebeln der zweitgrössten Schweizer Partei. Zusammen mit Cédric Wermuth führt sie die SP Schweiz. Mit gerade mal 33 Jahren. Sie ist die jüngste Frau, die je an der Spitze einer grossen Schweizer Partei stand.
Am Vorabend der Wahl, im Kongresszentrum der Messe Basel. Meyer und Wermuth sitzen auf den Stufen zur Bühne. Sie nehmen ein Video auf, das am digitalen Parteitag nach ihrer Wahl gezeigt werden soll. Der Regisseur gibt Cédric Wermuth Anweisungen für die nächste Aufnahme. «Und ich muss einfach daneben sitzen und nichts tun?», fragt Mattea Meyer. «Das ist sinnbildlich», frotzelt Wermuth. «Holen Sie Kaffee, Fräulein?» Die zwei kichern verschwörerisch.
Im Video kommen beide gleichermassen zu Wort und zur Geltung. Doch sie wissen, dass viele nur darauf warten, zu sehen, wie Wermuth dominiert – schliesslich war er bei den Jungsozialisten schon mal Präsident und sie die Nummer zwei. Meyer musste sich mehrfach gegen die Vermutung wehren, sie diene lediglich als feministisches Feigenblatt für Wermuth, der seine Wahlchancen durch eine Frau an seiner Seite vergrössern wolle. Wie wütend sie das machte! Als ob eine junge Frau nicht von sich aus einen Machtanspruch haben könnte! «Wir trugen uns schon länger mit dem Gedanken an ein Co-Präsidium», sagt sie, «so lange, dass ich nicht mehr weiss, wer die Idee zuerst aufbrachte. Als Christian Levrat dann seinen Rücktritt als SP-Präsident ankündigte, diskutierten wir zu viert darüber.» Zu viert heisst: mit Wermuths Frau und Meyers Lebenspartner. Das hundertprozentige Einverständnis der beiden war zentral. Denn mit ihrem Co-Präsidium wollen Meyer und Wermuth vorleben, dass sich ein politisches Spitzenamt und familiäre Verpflichtungen vereinbaren lassen. Eine einzelne Person an der Spitze, Tag und Nacht erreichbar und allein verantwortlich: ein Auslaufmodell in Politik und Wirtschaft, finden die beiden. «Heute heisst es, wer es bis 38 nicht in eine Führungsposition geschafft habe, könne es vergessen. Wenn Führung nur als Einzelperson möglich wäre, würde das bedeuten, dass 25- bis 45-Jährige, die daheim eingebunden sind, keine verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen können», sagt Meyer. «Das darf doch nicht sein!»
Ist Verantwortung wirklich teilbar? Bürgerliche Parteipräsidenten bezweifeln es beim Amtsantritt des Duos. Gross sei die Gefahr, von den Medien und eigenen Parteimitgliedern gegeneinander ausgespielt zu werden. Oft müsse man zu schnell reagieren, als dass noch Zeit für Absprachen bliebe. Zu schlecht lesbar werde dadurch der Kurs einer Parteispitze. Meyer und Wermuth sind sich der Risiken bewusst. Als Chance sehen sie ihre langjährige politische und freundschaftliche Verbundenheit, aus der sie Vertrauen schöpfen, Vertrauen auch auf gegenseitige Loyalität. «Ein Co-Präsidium bedeutet auch, Kontrolle und Verantwortung abzugeben», sagt Meyer. «Wir probieren es jetzt einfach mal. Wir werden ja sehen, wie gut es klappt. Ich bin jedenfalls sehr zuversichtlich.»
Die Dreharbeiten sind beendet. Meyer und Wermuth fahren mit dem Tram durch die Nacht zur Basler Markthalle. Dort haben sich die führenden SP-Köpfe aus den Kantonal- und Stadtparteien zur Koordinationskonferenz versammelt und sitzen nun bei Häppchen aus aller Welt zusammen. Meyer holt sich vegetarische Frühlingsrollen und Empanadas, grüsst hier mit Vornamen, plaudert dort, erkundigt sich nach dem lokalen Wahlkampf. Auch der Götti ihrer Tochter sitzt unter den Genossinnen und Genossen. Die SP ist für Meyer mehr als eine Partei. «Schleichend» ist sie ihr zur Familie geworden, seit sie als 17-Jährige der Juso beitrat – wenige Tage nachdem sie an der Jugendsession die Freude am Debattieren und Argumentieren entdeckt hatte. Auch ihr Partner Marco Kistler ist Teil dieser politischen Familie. Sie lernte ihn in der Juso kennen. Beide engagierten sich dort in der Geschäftsleitung. Er politisierte früher in Glarus, war Wahlkampf-Projektleiter in der SP Schweiz und ist unterdessen selbständig mit einem Kampagnenbüro. «Es vereinfacht das Leben, dass wir politisch keine grossen Differenzen haben. Ich fühle mich von ihm verstanden», sagt Meyer. «Die Gefahr ist einzig, dass die Arbeit dominiert, wenn man sich so gern darüber austauscht.»
«Es kann mal knallen, aber ich habe dann auch kein Problem, dafür um Entschuldigung zu bitten»
Gerade weil die SP Teil von Meyers Identität geworden ist, schmerzen sie parteiinterne Konflikte besonders. Bricht einer gar mit der Politfamilie, können ihre Emotionen so überhandnehmen, dass sie sie nicht mehr zügeln kann. Ihm fehlten Anstand, Charakter und Überzeugung, schäumte Meyer öffentlich, als der Zürcher SP-Nationalrat Daniel Frei zur GLP wechselte. «Es kann mal knallen, aber ich habe dann auch kein Problem, dafür um Entschuldigung zu bitten», sagt Meyer. Zwei Jahre zuvor hatte Frei als Präsident der kantonalen SP aufgegeben. Zermürbt von parteiinternen Konflikten, warf er dem linken Parteiflügel um Meyer vor, «wie eine Sekte» zu funktionieren. «Dieser heftige Vorwurf hat wehgetan», erinnert sich Meyer. Pointiert links zeigte sie sich auch national, bei der Steuer-AHV-Reform STAF: Vergeblich kämpfte sie parteiintern dagegen an. Sie witterte neue Steuerschlupflöcher für Konzerne. Die Delegierten sagten nach heftigen Diskussionen Ja dazu – weil die Reform auch neues Geld für die AHV brachte. «Die interne Auseinandersetzung ging mir sehr an die Substanz», sagt Meyer. «Wichtig ist, dass man danach zusammensitzt und wieder betont, wo man sich einig ist.» Was auch geschah.
Doch der Kurs von Meyer und Wermuth nährte bei einem Teil der Genossinnen und Genossen die Furcht, unter dem Duo könnte die parteiinterne Vielfalt leiden. Würde die SP zu extrem, zu wenig kompromissfähig? Würden die sozialliberalen Ansichten noch Gehör finden? Die Hälfte der SP-Männer und -Frauen im eidgenössischen Parlament unterschrieb einen Appell an Meyer und Wermuth. «Da waren keine Forderungen, die ich nicht auch hätte unterschreiben können», sagt Meyer. Nach zwei Treffen mit den Unterzeichnenden gaben sich alle versöhnlich. «Wir alle wollen die SP vorwärtsbringen», sagte Meyer danach. «Es tut gut, das zu spüren.» Die NZZ am Sonntag zitierte einen nicht namentlich genannten Beteiligten etwas weniger diplomatisch: «Sie wissen jetzt, dass sie aufpassen müssen, sonst gibt es bald Radau.»
Meyer ist am Morgen des Wahltages nervös. Sie hat weniger gut geschlafen als sonst. Dabei gibt es unterdessen keine ernstzunehmende Konkurrenz mehr: Das andere Duo – die Nationalratsmitglieder Priska Seiler Graf und Mathias Reynard – hat seine Kandidatur zurückgezogen, da Reynard lieber Walliser Staatsrat werden will. «Es ist nicht das Gleiche, sich fürs Präsidium zu bewerben oder ganz kurz davorzustehen, diese Verantwortung wirklich zu tragen», kommentiert Meyer. Sie steht im schwarzen, fast leeren Saal, von dem aus der virtuelle Parteitag in die Stuben der Genossinnen und Genossen ausgestrahlt wird. An Meyers Seite: Marianne de Mestral, Präsidentin der Gruppe «SP60+». De Mestral begleitet Meyer seit ihren Juso-Anfängen politisch und freundschaftlich. «Mir war schnell klar, dass sie es einmal ganz nach oben schaffen wird», sagt de Mestral. Tatsächlich hat Meyer eine politische Blitzkarriere hingelegt: Mit 22 Jahren wurde sie Winterthurer SP-Parlamentarierin, mit 23 jüngste Zürcher Kantonsrätin, mit 28 Nationalrätin. Stets übernahm sie dabei auch Führungsverantwortung in den Parteigremien. Ist Meyer ehrgeizig? Sie überlegt. «Ich würde eher sagen hartnäckig», antwortet sie. «Wenn ich überzeugt bin von etwas, kann ich dafür brennen. Ich entscheide gerne mit, in welche Richtung wir gehen und welche Themen wir anpacken.» Ein paar Stunden später ist es so weit: Zusammen mit Cédric Wermuth erklimmt sie die höchste Sprosse der Parteihierarchie. Applaus, Blumen. Später steht sie etwas abseits, ihr Blick scheint nachdenklich ins Leere gerichtet. «Das braucht einen Moment, um zu sacken.»
Ihren Weg nach oben hat Mattea Meyer sich selbstbewusst gebahnt. Auch sie zweifelt an sich, ist selbstkritisch. Doch niemand musste sie überzeugen, sich für politische Ämter zu bewerben. Das ist auch in der SP – einer Partei mit meistens ausgewogenem Geschlechterverhältnis – nicht selbstverständlich. Freiwillige Männer fänden sich eigentlich immer genügend, sagt Meyer. Frauen jedoch unterschätzten sich häufig. Meyer ermutigt sie, indem sie deren Stärken hervorhebt, indem sie betont, dass sie nicht allein sein würden. Und indem sie ihre Ängste ernst nimmt und von ihren eigenen Erfahrungen erzählt. Von der Angst vor dem öffentlichen Auftritt zum Beispiel. Meyer rät: Sich gut vorbereiten, Hilfe holen, authentisch bleiben. Vor allem über Themen reden, die frau liegen. «Warum sollen wir wie so viele Männer den Mund auch dann öffnen, wenn wir wenig vom Thema verstehen?», fragt sie. «Ich finde, da sollten sich eher die Männer uns angleichen als umgekehrt.» An einen ihrer eigenen ersten Auftritte in der TV-Sendung Arena erinnert sie sich mit «Horror». Vor lauter Nervosität verlor sie das Gespür für die anderen Teilnehmenden, konnte nicht auf ihre Argumente eingehen, rutschte in eine Verteidigungshaltung. Mit der Übung komme auch mehr Gelassenheit, sagt sie. Sollte es jemandem jedoch schon schlecht werden vor einem Auftritt vor fünf Personen, sei das Parlament vielleicht wirklich nicht das Richtige. Dann wäre Vorstandsarbeit eine Möglichkeit. Hauptsache, die weibliche Sicht fliesst in die Politik ein. Meyer möchte aber auch mehr Migrantinnen und Migranten, Menschen ohne Studium und körperlich Beeinträchtigte in der Politik. Politik soll die Vielfalt der Bevölkerung widerspiegeln.
«Bis heute ist es ein dauernder innerer Kampf, was es auf beiden Seiten erträgt, ohne dass ich in der Familie oder in der Politik zu sehr fehle»
Kleine Mädchenschuhe stehen beim Besuch in Winterthur ordentlich aufgereiht unter einer Kindergarderobe. Zwischen Küche und Stube wartet ein Spielherd aus Holz auf Meyers dreijährige Tochter. Das Mädchen kam zur Welt, als Meyer bereits Nationalrätin war. Während sechs Monaten fuhr sie nur für die wichtigsten Abstimmungen und Kommissionssitzungen nach Bern. Danach brachte ihr Partner Marco das Baby mal zum Stillen ins Bundeshaus, häufig fuhr sie aber auch heim für die Nacht. «Es war recht stressig. Bis heute ist es ein dauernder innerer Kampf, was es auf beiden Seiten erträgt, ohne dass ich in der Familie oder in der Politik zu sehr fehle.» Um das Kind sachte an die Kindertagesstätte zu gewöhnen, nahm Marco drei Wochen frei.
Die Grosseltern wohnen über die halbe Schweiz verstreut: Marcos Eltern im Glarnerland, Matteas Vater in Luzern, einzig ihre Mutter in Winterthur. Doch alle helfen aus, wenn es trotz ausgeklügeltem Kinderbetreuungssystem Engpässe gibt. Meyer und ihr Partner sind je einen Wochentag fix zuständig für die Tochter, einen weiteren Tag teilen sie flexibel untereinander auf, zwei Tage verbringt das Mädchen in der Kindertagesstätte. Meyer legt viel Wert darauf, auch als Co-Präsidentin für ihre Tochter als Mutter präsent zu sein. «Ich will keine Umkehrung der traditionellen Rollen und plötzlich meinen Partner nur noch unterstützen», sagt sie. «Ich will nicht nur den Zoo mit meiner Tochter geniessen, sondern auch im Alltag da sein, wenn es manchmal hart und aufreibend ist. Will sie auffangen, wenn sie traurig heimkommt nach einem Streit mit einem Gspänli.» Die grösste Herausforderung sieht Meyer im «Mental Load» – in der Menge all des Kleinen und Grossen, an das in einer Familie zu denken ist. Das führt in der Partnerschaft manchmal zu Reibereien, zu Diskussionen, wer was macht. Doch für das Paar war immer klar, dass sich beide gleichermassen um Familie und Haushalt kümmern würden.
Aufgewachsen ist Meyer in einer Familie mit klassischer Rollenteilung, wie damals üblich. Ihr Vater, ein Agraringenieur, war zwar auch zu Hause präsent, unterstützte Mattea und ihre zwei Geschwister ebenfalls bei den Hausaufgaben. Doch es war die Mutter, die ihre Arbeit als Kindergärtnerin zugunsten der Familie aufgegeben hatte und sich erst später zur Bibliothekarin weiterbildete. Sie hat heute deshalb eine schlechtere Altersvorsorge. «Ein wertschätzendes Daheim, wie ich es erleben durfte, ist so wichtig für Kinder, so unglaublich stärkend. Dass dies finanziell nicht abgegolten wird, sondern Nachteile mit sich zieht bis in die Altersvorsorge hinein, finde ich ungerecht. Das hat mich geprägt.» Mattea Meyer fordert: Eine gerechtere Aufteilung der unbezahlten Arbeit zwischen Mann und Frau! Kürzere Arbeitszeiten bei gleichem Lohn! Höhere Löhne für typische Frauenberufe! Mehr und günstigere Kinderbetreuungsangebote!
Meyer legt wie ihre Mutter Wert auf ein gemütliches Zuhause. Die geschmackvoll eingerichtete Stube – die Möbel ein Mix aus Holz und modern reduziertem Design – zeugt davon. «Das erwartet man von einer Sozialdemokratin vielleicht nicht so, eine schöne Einrichtung ist ja nicht gerade ein Grundbedürfnis», sagt sie ungefragt und lacht. «Aber die eigenen vier Wände haben viel mit einem guten Lebensgefühl zu tun.» Hätte sie nicht den Weg in die Politik eingeschlagen, hätte sie Architektin werden wollen. Wie ihr Vater wühlt sie gerne in der Erde des eigenen kleinen Gartens, pflückt Beeren, erntet eigene Zucchetti. Als Kind steckte sie viel lieber die Nase in Bücher. Sie mochte tragische Geschichten, in denen die Hauptpersonen sich erheben. «Die Rote Zora» zum Beispiel, oder «Giuseppe und Maria». Als Erwachsene entdeckte sie dann Serien. «Ich schaue eigentlich alles», sagt sie und lacht. «Nur keine Science-Fiction.»
«Ich verteilte in der Juso lieber Flyer, als mich zu verkleiden»
Als politische Science-Fiction empfinden manche ihrer Kritikerinnen und Kritiker die politischen Visionen des Duos Meyer-Wermuth. Armee und Kapitalismus abschaffen. Pensionskassen durch eine Volkspension ablösen. Die Kosten für den Klimawandel von den Milliardärinnen und Milliardären bezahlen lassen. Teile von Pharmakonzernen verstaatlichen. «Wo, wenn nicht in der SP, sollen solche Ideen denn diskutiert werden? Politik ist, den Rahmen des Denk- und Machbaren zu verändern», hält Meyer entgegen. «Es ist doch offensichtlich, dass das heutige System die Reichen immer noch reicher macht auf Kosten der grossen Mehrheit. Wir brauchen mehr Solidarität!»
Provozieren und emotionalisieren, um politischen Druck aufzubauen: Auf dieser Klaviatur spielen die beiden schon seit ihren Jusozeiten. Vizepräsidentin Meyer lieferte dabei nicht die provokativsten Ideen – «ich verteilte auch lieber Flyer, als mich zu verkleiden» – war aber immer mit dabei. Beim Protestbräteln auf einem Dorfplatz gegen eine Sperrstunde für Jugendliche genauso wie vor Gericht: Der damalige Novartis-Boss Daniel Vasella hatte Meyer verklagt, weil die Juso ihn auf einem Abstimmungsplakat zur Begrenzung von Managerlöhnen in einer Fotomontage fast nackt gezeigt hatte. Das Bezirksgericht Winterthur erachtete sich als nicht zuständig und sagte den Prozess ab – doch die Juso hatte die gewünschte mediale Aufmerksamkeit.
Meyer kann aber nicht nur Provokation. Sie beherrscht auch das weniger spektakuläre politische Handwerk, das mithilfe von Kompromissen zu handfesten Resultaten führt. Auch wenn es manchmal nur kleine Verbesserungen sind. Überbrückungsleistungen für über 60-jährige Arbeitslose, zum Beispiel, von denen ein paar Tausend Menschen profitieren. Oder eine Verlängerung des Mutterschaftsurlaubs, wenn ein Kind zu früh zur Welt kommt, was jährlich etwas mehr als tausend Frauen hilft. «Mir gibt es ein gutes Gefühl, die Welt wenigstens ein bisschen besser zu machen», sagt Meyer. Ihren grössten Coup landete sie jedoch in der Coronakrise, während der zweiten Welle. «Yes, geschafft!», jubelte sie, als der Bundesrat die Hilfen für Selbständige nicht nur weiterlaufen liess, sondern sogar verbesserte – nachdem er sie nach der ersten Welle gestoppt hatte. Mit seiner Kehrtwende reagierte der Bundesrat auf den Druck, den Mattea Meyer übers Parlament aufgebaut hatte. In unzähligen Telefonaten und Videocalls mit Reisebüros, Eventorganisatorinnen, Babyschwimmen-Anbieterinnen und anderen Selbständigen hatte sie ergründet, was diese brauchen. In zahlreichen Gesprächen über die Parteigrenzen hinweg konnte sie danach eine Mehrheit des Parlaments hinter sich scharen. Nun kam ihr zugute, dass sie sich vorher als Finanzpolitikerin den Ruf einer seriösen Schafferin erarbeitet und ausserhalb ihrer Partei Kontakte gepflegt hatte. «Auch ein Mittagessen mit einem SVP-Mann kann interessant sein», sagt Meyer. «Es hilft, andere Denkweisen zu verstehen. Und eilt es, kommt man bei einem gemeinsamen Anliegen schneller voran.» Um die Coronahilfen auch im Ständerat durchzubringen, spannte die Nationalrätin mit Ständeratsmitgliedern aus der Mitte und der FDP zusammen. Weil ein Vorschlag aus deren Reihen zuweilen einfacher Mehrheiten findet als einer von links. «Wir hätten den Bundesrat aber nie zum Einlenken gebracht, wenn parallel zu unserer politischen Arbeit nicht auch Verbände und Betroffene Druck gemacht hätten», betont Meyer.
Genau so stellt sich Meyer die Zukunft ihrer Partei vor: Die SP als Teil einer grösseren Bewegung, als jene Partei, welche dem Volk die Tür ins Parlament öffnet und damit auch selber wieder attraktiver wird. Mehr als einmal erwähnt Meyer die Mails von freisinnigen Selbständigen, die sich der SP zuwenden, weil ihre eigene Partei sie in der Not alleine liess. In den ersten paar Monaten des Co-Präsidiums gewann die SP netto 700 neue Mitglieder – rund 30 000 sind es insgesamt.
Zuwachs kann die SP brauchen. Bei den eidgenössischen Wahlen 2015 wählten gerade noch 16,8 Prozent sozialdemokratisch. Mattea Meyer und Cédric Wermuth übernahmen 2020 von Christian Levrat eine Partei in einem historischen Tief, im Zangengriff von Grünen und Grünliberalen, in historisch schwierigen Zeiten mit einer weltweiten Pandemie. «Wenn Menschen um ihre Stelle zittern, werden sie anfällig für Verschwörungstheorien und behaupten aus Existenzangst, Corona sei gar nicht so gefährlich», sagt Meyer. «Auch darum ist es so wichtig, die Wirtschaft zu stützen.»
«Berufspolitikerin zu sein, ist keine Schande»
Wie froh ist Mattea Meyer, dass sie damals vor dem Wahljahr 2015 voll auf die Politik gesetzt hat! Sie stand an einem Scheideweg: Zuerst eine berufliche Laufbahn einschlagen? Oder für den Nationalrat kandidieren, wo die Chancen dank mehrerer Rücktritte von bisherigen SP-Gewählten gut standen? Die 28-Jährige hatte Geografie studiert – «Architektur war zu zeitaufwändig, ich nahm leider den Weg des geringsten Widerstandes.» Daneben arbeitete sie Teilzeit. Zuerst als Assistentin in einer Anwaltskanzlei, danach als persönliche Mitarbeiterin von Wermuth und der Tessiner Politikerin Marina Carobbio, beide damals schon im Nationalrat. Sie entschied sich, die Chance zu packen und die Politik als Nationalrätin zum Beruf zu machen. «Berufspolitikerin zu sein, ist keine Schande», sagt sie. «Wir fällen wichtige Beschlüsse, bestimmen zum Beispiel über die Altersvorsorge. Da will ich drauskommen und nicht einfach am Feierabend noch ein bisschen in den Unterlagen blättern.» Von der Wählerschaft existenziell abhängig zu sein, nimmt sie dabei in Kauf. «Immerhin hat man vier Jahre Sicherheit, das ist mehr als in manch anderem Beruf. Für mich ist klar, dass es irgendwann auch ein Danach gibt und sich neue Wege auftun.»
Ihr heutiger Weg trägt ihr immer wieder Kritik ein. Keine Ahnung habe sie vom Leben, ätzte beispielsweise FDP-Ständerat Ruedi Noser. Die Wut, die er damit in Mattea Meyer entfachte, war so gross, dass sie sie sogar in ihrer Wahlrede thematisierte. Diese Abwertung habe System. «Stimmt, ich weiss nicht, wie es ist, in einem Verwaltungsrat zu sitzen und pro Sitzung mehrere Tausend Franken zu erhalten. Ich führe kein Unternehmen neben meinem Nationalratsamt», rief sie den Delegierten zu. «Aber ich weiss, was es von einem verlangt, an einem Tag von Sitzung zu Sitzung zu hetzen und am anderen Tag ab sieben Uhr morgens bis neun Uhr abends den Kopf frei zu haben für meine Tochter, die im Herbst barfuss draussen spielen will.» Und dann machte sie, was sie so häufig tut: Sie verwies vom Einzelnen auf den grösseren Zusammenhang. Noser sei nur ein Beispiel von Tausenden. Es gebe immer wieder Mächtige, die mit ihren Mitmenschen so umgingen, wenn sie ihre Privilegien und ihre Macht bedroht sähen. «Ich ertrage es nicht, wenn Menschen sich über andere stellen. Nur weil sie viel Geld haben, den richtigen Pass oder das richtige Geschlecht.»
«Auch mir als junger und kleiner Frau begegnet man auf Augenhöhe»
Falsches Geschlecht, falsches Alter, falsche Partei – junge Frau statt gesetzter Mann und erst noch links: Diese Minderheiten-Kennzeichen machten Meyer im Nationalrat anfänglich zu schaffen. Als sie sich in der Finanzkommission äusserte, beschied ihr ein Bürgerlicher, was sie sage, stimme nicht. Sie entgegnete, dann müsse die Botschaft des Bundesrates falsch sein. Daraus habe sie nämlich zitiert. Wo das denn stehe, erwiderte er ärgerlich mit rotem Kopf. Sie zeigte ihm die Stelle. «Ich wollte klarmachen: Auch mir als junger und kleiner Frau begegnet man auf Augenhöhe.» Doch manchmal war sie auch schlicht zu überrumpelt, um schlagfertig zu reagieren. Beispielsweise als ihr ein Nationalrat in der Wandelhalle gönnerhaft den Arm um die Schultern legte und zu Kollegen in der sächlichen Form über sie sagte: «Es ist ein Charmantes. Darum haben wir ihrem Antrag zugestimmt, aus Mitleid.» Meyer lief wortlos davon. Auch ausserhalb des Parlaments kennt Meyer Sexismus. Von subtilen Bemerkungen bis zu unverblümten Gewaltdrohungen. Ein Anrufer sagte ihr am Telefon, sie hätte eine Vergewaltigung verdient. Seinen Namen nannte er zwar nicht – aber die 079er-Nummer war für die Polizei leicht zurückzuverfolgen. Schon bald sass er Mattea Meyer bei einer Einzelrichterin in einer Vergleichsverhandlung gegenüber. «Ich hatte eine Strafanzeige eingereicht, um ihm zu zeigen: So geht man nicht mit Menschen um», sagt Meyer. «Solche Erfahrungen sind demütigend. Aber wie geht es wohl jenen Frauen, die in einer weniger mächtigen Position sind als ich?» Meyer fordert ein Umdenken in der Gesellschaft. Formulierungen wie jene, der Mann habe seine drei Kinder umgebracht, weil seine Frau ihn verlassen habe, bringen sie auf die Palme. «Als ob die Frau eine Mitschuld trüge! Damit muss Schluss sein!»
Einen Monat nach ihrer Wahl zur Co-Präsidentin sitzt Mattea Meyer an einem Tisch in einem Gang des Bundeshauses und isst in Eile Couscous-Salat aus einem Takeaway-Geschirr und ein Tomatenbrötchen. In einer halben Stunde trifft sie sich mit Fraktionschef Roger Nordmann und Co-Präsident Wermuth. Es ist Dienstag. Jener Wochentag, an dem beide zuständig sind. Meistens treffen sie sich dann in Bern, im Bundeshaus oder im Parteisekretariat. Die anderen Tage und die Wochenenden haben sie untereinander aufgeteilt. Versuche von Medienschaffenden oder SP-Mitgliedern, einen Keil zwischen die beiden zu treiben, gibt es kaum. Das wäre inhaltlich auch schwierig. «Zu neunzig Prozent sind wir einer Meinung», sagt Meyer. «Das lässt uns genügend Zeit, über die restlichen zehn Prozent ausgiebig zu diskutieren.» So ausgiebig, dass Wermuths kleine Tochter, als er ihr ein Foto von Meyer zeigte, fragte: «Ist das die vom Telefon?» Eine Co-Leitung sei die Führungsform der Zukunft, ist Meyer überzeugt. «Aber es hilft dabei schon sehr, wenn man sich wirklich gut kennt.»
Meyer wirkt beschwingt. Der erste Monat im Co-Präsidium sei nur so dahingerast. Sie und Wermuth gewöhnen sich erst langsam an ihre neue Rolle. «Jetzt kann ich nicht mehr sagen, warum macht die Partei da nichts. Jetzt muss ich selber handeln – und das macht mega Spass!» Sie schwärmt von der Equipe auf dem Sekretariat, freut sich darüber, dass sie nicht mehr alles alleine machen muss. Ihr Highlight bisher: ein spontaner Live-Chat auf Facebook während der Sondersession. Sie liess eine Pflegefachfrau und eine Selbständige mit einer Bookingagentur erzählen, was sie in der zweiten Coronawelle brauchen. Mitglieder vermehrt einbinden, auch projektweise, die technischen Möglichkeiten nutzen, das ist das erklärte Ziel. Parallel dazu tauschten sich Meyer und Wermuth in Videocalls mit den Kantonalparteien aus: Sie sollen in den Kantonsparlamenten für schnelle Härtefallhilfe sorgen. Corona fordert inhaltlich. Auf diesem Terrain fühlt sich Meyer nach ihrem Einsatz für Wirtschaftshilfen sicher. Corona leert auch die Agenda. Anlässe werden reihenweise abgesagt, einige durch virtuelle Treffen ersetzt. Das lässt abends und am Wochenende bis jetzt genug Zeit für die Familie. Die Tage jedoch sind «fast pausenlos». Meyer hat noch nicht intus, was alles von einer Co-Präsidentin erwartet wird. «Ich renne von Sitzung zu Sitzung und versuche dazwischen daran zu denken, was es wo braucht.»
Meyer ist auf der Hut. Schon einmal in ihrem Leben musste sie die Notbremse ziehen: nach dem Volksnein zur 1 : 12-Initiative, für die sie sich fast Tag und Nacht eingesetzt hatte. Sie kam zur Arbeit, begann in zehn Minuten zehn verschiedene Dinge, weil sie sich einfach nicht mehr konzentrieren konnte. Auch gesundheitlich war sie angeschlagen. «Da merkte ich, jetzt muss ich etwas ändern», erzählt Meyer. Seither versucht sie, einen Tag pro Woche politikfrei zu halten. Auf dem Handy empfängt sie keine Mails, um sich zu schützen – sie wäre sonst dauernd am Lesen. «Zum Glück habe ich das schon einmal erlebt. Ich weiss, dass ich Grenzen habe.»
Meyer spürt nach und nach, was es bedeutet, eine gewisse Macht zu haben. Schon vor ihrer Wahl kontaktierten die Botschafter einiger nordischer EU-Staaten sie und Wermuth. Thema: das Rahmenabkommen mit der EU. Der Deutsche Norbert Walter-Borjans, Co-Bundesvorsitzender der SPD, lud sie mit anderen zu einem Videogespräch über Steuerfragen ein. Und in der Schweiz hat nun mehr Gewicht, was sie sagt. Weil es nicht mehr nur die Meinung von Nationalrätin Meyer ist, sondern die Meinung der SP. «Ich wählte meine Worte zwar schon vorher sorgfältig», sagt Meyer. «Aber jetzt passe ich noch mehr auf.» Das neue Duo ist auch schon angerannt. Es wollte gemeinsam an die traditionellen Von-Wattenwyl-Gespräche gehen. Zu diesen Treffen laden Bundesratsmitglieder jeweils die Spitzen der grossen Parteien ein. Eine Zweierspitze ist nicht vorgesehen. Neue Regeln wollten die anderen Parteien nicht einführen. Schliesslich ging keiner der beiden. Meyer wäre vorgesehen gewesen, musste aber einen Coronatest abwarten und deshalb passen.
Politisch hat das Duo in den ersten Monaten Erfolg. In der Pandemie wächst das Bedürfnis nach einem starken Staat, die Sozialdemokraten versuchen, staatliche Hilfen möglichst vielen zukommen zu lassen. «Die SP siegt im Wettbewerb der Parteien nach Punkten», schreibt die NZZ im Januar 2021 auf der Titelseite. Die zwei führten eine «überaus erfolgreiche Dauerkampagne für sozialdemokratische Anliegen». Die Ansprüche und Herausforderungen sind riesig, die Absturzgefahren auch. Meyer weiss zwar, wie es sich anfühlt, politisch in der Minderheit zu sein und mit Positionen nicht durchzudringen. Sie hat aber noch nie erfolglos kandidiert, ist nie abgewählt worden, hatte nie anhaltenden Misserfolg in einer Führungsposition – die junge Politikerin hat noch keine persönliche politische Niederlage erlitten. «Darum fürchte ich auch die erste», sagt sie, fast unhörbar, mehr zu sich selbst.
Als Co-Präsidentin sind ihr erst kleinere Missgeschicke unterlaufen. An diesem Morgen zum Beispiel ist Meyer an der virtuellen Mitgliederkonferenz von «SP60+» aufgetreten. Ihre langjährige Freundin Marianne de Mestral wurde als Präsidentin verabschiedet. Meyer sprach frei und packend. Aber ausschliesslich auf Deutsch. «Als Nationalrätin wäre das gegangen», sagt sie danach. «Von einer Co-Präsidentin jedoch dürfen die Romands erwarten, dass sie auch etwas auf Französisch sagt. Ich habe es schlicht vergessen.» Vielleicht hat der eine oder die andere das durchgehende Deutsch tatsächlich missbilligt. Vermutlich dürfte aber den meisten mehr geblieben sein, was sie gesagt hat. Meyer würdigte de Mestral in ihrer Ansprache mit den Worten: «Du hast dir deine Ungeduld und Leidenschaft für die Politik über die Jahre hinweg erhalten. Mir haben schon manche angedroht, ich würde dann schon noch pragmatischer und ruhiger. Du hast mir vorgelebt: Das muss nicht sein.» Für ihre Kritiker sind das düstere Aussichten. Für ihre Anhängerschaft ist es ein Versprechen.
Manuela Weichelt
Nationalrätin und ehemalige Zuger Regierungsrätin
«Durch das Attentat wurde ich wohl noch ein Stück eigenständiger, auch politisch»
Als sie im Zuger Kantonsratssaal am Boden lag, unter einem der Fenster, die Richtung See gehen, und sich die Gewehrkugeln nur wenige Zentimeter über ihrem Körper in die Wand bohrten, da verspürte Manuela Weichelt zu ihrer eigenen Überraschung keine Angst. Attentäter Friedrich Leibacher ging im Saal herum, fluchte, stieg auf Ratspulte, um noch gezielter auf Parlaments- und Regierungsmitglieder schiessen zu können. Die Fraktionschefin der «Alternative – die Grünen Zug» erwartete am 27. September 2001 ihren Tod. Ruhig und mit tiefem Bedauern. «Ich fand es gemein, dass mein Leben ausgerechnet jetzt enden sollte. Jetzt, kurz nachdem ich die Liebe meines Lebens kennengelernt hatte», erinnert sich Manuela Weichelt.
Die Nationalrätin sitzt im Zuger Ratssaal, der ihr Leben prägte. In diesem Saal, der nach dem Drama renoviert worden ist und in all seiner Würde doch düster wirkt mit seinen blassgrünen Wänden und dem grossen sterbenden Christus am Kreuz. Auf dem gleichen Platz sass Weichelt damals als Kantonsrätin. Vom Attentat erzählt sie so sachlich, als ob sie es lediglich aus der Zeitung kennen würde. Jenes Attentat, das Zug, ja die ganze Schweiz in Schockstarre versetzte.
Elf ihrer Kantonsratskolleginnen und -kollegen und drei Regierungsratsmitglieder hatte der Lagerist Leibacher in seinem Hass auf den Staat erschossen. Achtzehn weitere Ratsmitglieder und einige Medienleute verletzte er, teilweise sehr schwer. Der blindwütige Angriff habe insgesamt 2 Minuten und 34 Sekunden gedauert, stand später im untersuchungsrichterlichen Schlussbericht. Leibacher erschoss sich mit einer Pistole. Vorher hatte der Mann, der eine selbst gefertigte Polizeiuniform trug, noch einen Brandsatz gezündet.
