Zeitverschwendung - Michaela Krützen - E-Book

Zeitverschwendung E-Book

Michaela Krützen

0,0
31,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Warten, liegen, gammeln, verheiratet sein, arbeiten, Medien konsumieren: All das sind Tätigkeiten, die man als Zeitverschwendung verstehen kann. Aber ist das so? Michaela Krützen geht dieser Frage nach, indem sie klassische Figuren aus Literatur und Film analysiert: Verschwendet Marie Antoinette im höfischen Zeremoniell ihre Zeit? Betty Draper in ihrer Ehe? Hans Castorp in seiner Routine? Oblomow auf seinem Sofa und Jeff Lebowski beim Herumhängen? Was erfahren wir aus Büchern, Filmen und Serien wie Fellinis »Müßiggänger«, Frank Capras »Die Lebenskünstler«, F. Scott Fitzgeralds »Der große Gatsby«, Bret Easton Ellis' »American Psycho« oder Jean-Philippe Toussaints Roman »Fernsehen« über Zeitverschwendung? Indem sie diese und andere Werke untersucht und auch ihren theoretischen Kontext betrachtet, klärt uns Michaela Krützen unterhaltsam und mit dem Blick für Details über eine der zentralen Fragen des Lebens auf: Was ist Zeitverschwendung?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 1565

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Michaela Krützen

Zeitverschwendung

Gammeln, Warten, Driften in Film und Literatur

 

 

Über dieses Buch

 

 

Warten, liegen, gammeln, verheiratet sein, arbeiten, Medien konsumieren: All das sind Tätigkeiten, die man als Zeitverschwendung verstehen kann. Aber ist das so? Michaela Krützen geht dieser Frage nach, indem sie klassische Figuren aus Literatur und Film analysiert: Verschwendet Marie Antoinette im höfischen Zeremoniell ihre Zeit? Betty Draper in ihrer Ehe? Hans Castorp in seiner Routine? Oblomow auf seinem Sofa und Jeff Lebowski beim Herumhängen? Indem sie diese und andere Werke untersucht und auch ihren theoretischen Kontext betrachtet, klärt uns Michaela Krützen unterhaltsam und mit dem Blick für Details über eine der zentralen Fragen des Lebens auf: Was ist Zeitverschwendung?

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Michaela Krützen, geboren 1964 in Aachen, ist seit 2001 Professorin für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Im S. Fischer Verlag sind zuletzt erschienen »Klassik, Moderne, Nachmoderne. Eine Filmgeschichte« (2015), »Dramaturgien des Films. Das etwas andere Hollywood« (2010), »Väter, Engel, Kannibalen. Figuren des Hollywoodkinos« (2007), »Was ist Pop?« (Hg., 2004) sowie »Dramaturgien des Films. Wie Hollywood erzählt« (2004).

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Erschienen bei S. FISCHER

© 2024 S. Fischer Verlag GmbH,

Hedderichstr. 114, 60395 Frankfurt am Main

 

Covergestaltung: Hissmann, Heilmann, Hamburg

Coverabbildung: Mauritius Images/Alamy/The Picture Art Collection

ISBN 978-3-10-491655-2

 

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

 

Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.

Hinweise des Verlags

 

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

 

Im Text enthaltene externe Links begründen keine inhaltliche Verantwortung des Verlages, sondern sind allein von dem jeweiligen Dienstanbieter zu verantworten. Der Verlag hat die verlinkten externen Seiten zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung sorgfältig überprüft, mögliche Rechtsverstöße waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Auf spätere Veränderungen besteht keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

 

 

Dieses E-Book enthält möglicherweise Abbildungen. Der Verlag kann die korrekte Darstellung auf den unterschiedlichen E-Book-Readern nicht gewährleisten.

 

Wir empfehlen Ihnen, bei Bedarf das Format Ihres E-Book-Readers von Hoch- auf Querformat zu ändern. So werden insbesondere Abbildungen im Querformat optimal dargestellt.

Anleitungen finden sich i.d.R. auf den Hilfeseiten der Anbieter.

Inhalt

[Widmung]

[Intro]

Vorwort: Zeitverschwender und Zeitverschwenderinnen

Ein Zwiespalt: Effektivität oder Entschleunigung

Eine Eingrenzung: Figuren und Auswahl

Eine Erinnerung: Faszination und Abwehr

Ein Denkraum: Verbindungslinien und Assoziationen

Zehn Figuren: Themen und Theorien

01 Zeremoniell: Marie Antoinette

Eine Einordnung: Der Hof und der Rang

Prestige: Norbert Elias und der Rang

Alltag: Speisen und Plaudern

Geld: Diener und Einkäufe

Eine Neuordnung: Der Hof und sein Untergang

Umbruch: Ansehen und Abscheu

Abgrenzung: Rückzug und Pose

Unverständnis: Revolution und Rolle

Trennung: Flucht und Tod

Eine Vergegenwärtigung: Anachronismen und Annäherungen

Zeitwidrigkeiten: Chucks und Champagner

Zeitkommentare: Rokoko und Postmoderne

Drei Verbindungsfiguren: Paris Hilton, Rebecca Ahn und Sean Bateman

Berühmtheiten: Hilton und andere Celebutants

Fans: Rebecca Ahn und andere Diebe

Studenten: Sean Bateman und andere Lügner

02 Konsum: Patrick Bateman

Eine Fokussierung: Der Killer und der Konsument

Killer: Brutalität und Menschenverachtung

Konsument: Nummern und Wahn

Ein Zusammenhang: Der Geschmack und die Klasse

Unterscheidungen: Pierre Bourdieu und der Geschmack

Zugehörigkeit: Anerkennung und Abgrenzung

Marken: Uniformität und Distinktion

Gleichheit: Austauschbarkeit und Überfluss

Ein Zwischenspiel: Die Arbeit und die Zugehörigkeit

Eine Veränderung: Das Legitime und das Populäre

Kunst: Pierre Bourdieu und die Hochkultur

Pop: Musik und Medien

Verzweiflung: Ausweglosigkeit und Leere

Eine Verbindungsfigur: Jean Floressas Des Esseintes

Dandy: Flanieren und Verfeinern

Ennui: Weltschmerz und Langeweile

Tod: Glanz und Vergänglichkeit

03 Gammeln: Jeff Lebowski

Eine Orientierung: Die Zeit und die Zeiten

Zeitbestimmung: Erzählung und Datierung

Zeitverzögerung: Erfolg und Zeitgeschehen

Zeitvermischung: Western und Film Noir

Zeitverschiebung: Anachronismen und Zeitblasen

Eine Einordnung: Die (Neue) Linke und die Arbeit

Kommunisten: Friedrich Engels und Karl Marx

Kommunist: Paul Lafargue und die Faulheit

Neue Linke: Tom Hayden und die Arbeit

Überzeugungen: Treue und Verrat

Eine Anordnung: Hippies und Späthippies

Hippies: Blumen und Verweigerung

Gammler: Lethargie und Abgrenzung

Aufarbeitung: Positionen und Perspektiven

Späthippie: Gelassenheit und Gleichmut

Drei Abschlussfiguren: Baloo, Ferris und Diogenes

Bär: DAS DSCHUNGELBUCH und die Zufriedenheit

Schulschwänzer: FERRIS MACHT BLAU und das Glück

Kyniker: Philosophie und Bedürfnisse

04 Liegen: Ilja Iljitsch Oblomow

Eine Orientierung: Das Geschehen und die Zeit

Leitfaden: Schlafrock und Entwicklungslinie

Kreislauf: Landleben und Gewohnheiten

Gegenseite: Freund und Bürger

Eine Einordnung: Der Herr und die Arbeit

Stand: Adel und Alltag

Fluch: Arbeit und Antike

Zwiespalt: Arbeit und Christentum

Umschwung: Arbeit und Aufklärung

Ausnahme: Arbeit und Adel

Segen: Arbeit und Max Weber

Eine Neuordnung: Das Nichtstun und das Glück

Leben: Arbeit und Unglück

Paradies: Träume und Glück

Vorbild: Bruchstückmensch und Musterfigur

Liebling: Oblomow und Gegenwart

Drei Verbindungsfiguren: Wooster, Will und Warlock

Knut: Bertram Wilberforce Wooster und P.G.Wodehouse

Boy: Will Freeman und Nick Hornby

Hacker: Frederick ›Warlock‹ Kaludis und Kevin Smith

05 Herumlungern: Federico Fellinis Faulenzer

Eine Vorstellung: Das Tun und das Nichtstun

Sequenzen: Erzählung und Überblick

Figuren: Faulheit und Zeitvertreib

Erzähler: Stimme und Zuordnung

Film: Gilles Deleuze und Denken

Eine Unterscheidung: Das Aktionsbild und das Zeit-Bild

Verbunden: Gilles Deleuze und das Aktionsbild

Gelockert: Krise und Moderne

Locker: Gilles Deleuze und das Zeit-Bild

Lose: Müßiggang und Streunerei

Eine Entwicklung: Eine Abreise und keine Reise

Reisen: Klassik und Entwicklung

Bleiben: Moderne und Stillstand

Abreisen: Abschied und Aufbruch

Abschlussfiguren: Ein Klatschreporter, ein Taxikunde und ein Barkeeper

Jetsetter: Marcello und DAS SÜSSE LEBEN

Slacker: Schwafler und RUMTREIBER

Twentysomethings: Andy und GENERATION X

Rückbezug: Slacker und vitelloni

06 Warten oder driften: Jay Gatsby und seine Nachbarn

Eine Vorstellung: Die Ruhelosen und die Verlorenen

Verloren: Nick und Nische

Rastlos: Tom und Turbulenz

Lethargisch: Daisy und Ermüdung

Ein Verbindungsstück: Martin Heidegger und die Langeweile

Sich langweilen bei: Abendgesellschaft und Erkenntnis

Es ist einem langweilig: Beispiellosigkeit und Übermächtigkeit

Gelangweilt werden von: Bahnhof und Warten

Eine Einschätzung: Die Erfüllung und die Enttäuschung

Plan: Geld und Gold

Ziel: Vergangenheit und Wiederholung

Erfüllung: Traum und Zweifel

Finale: Tod und Lebensplan

Eine Verbindungfigur: Benjamin Franklin

07 Arbeit: Anthony P.Kirby und die Aussteiger

Eine Veränderung: Arbeitstiere und Lebenskünstler

Reise: Hauptfigur und Entwicklungslinie

Berater: Einfluss und Veränderung

Gegenwelt: Lebensfreude und Selbstverwirklichung

Wandel: Besinnung und Glück

Eine Einordnung: Arbeit und Abwehr

Verrückte: Screwballs und Arbeit

Spieler: Screwballs und Spaß

Denker: Bertrand Russell und John Maynard Keynes

Witzbolde: Inhalt und Form

Eine Neuordnung: Arbeit und Revolte

Begüterte: Philosophen und Figuren

Frauen: Arbeit und Rang

Dienstboten: Arbeit und Unsichtbarkeit

Dilettanten: Freizeit und Muße

Drei Abschlussfiguren: Burnham, Bartleby und Buddenbrook

Verachtung: AMERICAN BEAUTY und das Großraumbüro

Leere: BARTLEBY, DER SCHREIBER und die Kanzlei

Nerven: Die Buddenbrooks und das Kontor

08 Routine: Hans Castorp

Hauptfigur: Pausieren und Verweilen

Abgrenzung: Thema und Frage

Eine Orientierung: Neigung und Chance

Patient: Disposition und Dösen

Sanatorium: Bewirtung und Betrieb

Krankheit: Tuberkulose und Diagnose

Modekrankheit: Joachim Radkau und die Neurasthenie

Maladie de la mode: Susan Sontag und die Schwindsucht

Eine Einordung: Zeit und Auslöschung

Messen: Uhren und Zeiterleben

Relativieren: Albert Einstein und Henri Bergson

Verlieren: Paul Ricœur und die Erzählung

Erzählen: Paul Ricœur und Hans Castorp

Vernichten: William James und Jean-Marie Guyau

Altern: Routine und Zeiterfahrung

Zerkleinern: Fragmentieren und Zeitvernichtung

Eine Neuordnung: Stumpfsinn und Glück

Freiheit: Sitzenbleiben und Lebensglück

Schwestern: Ammy Nölting und Ottilie Kneifer

Verbindungsfiguren: Clarissa, Virginia, Laura

Gesunden: Virginia und Leonard

Pflegen: Clarissa und Richard

Fliehen: Laura und Dan

09 Ehe: Betty Draper

Serie: Auftrag und Resonanz

Hauptfiguren: Ungebundenheit und Abhängigkeit

Zeitverschwenderin: Traum oder Albtraum

Ein Spannungsfeld: Glück und Unglück

Corporate Wife: Glamour und Glück

Fernsehen: June Cleaver und Betty Draper

Literatur: April Wheeler und Betty Draper

Desperate Housewife: Geschlecht und Unglück

Gestrigkeit: Lebensweise und Zeitgeist

Eine Einordung: Die Hausfrau und der Feminismus

Souveränität: Helen Gurley Brown und Joan Holloway Harris

Transzendenz: Simone de Beauvoir und Peggy Olson

Immanenz: Simone de Beauvoir und Betty Draper

Gefangenschaft: Betty Friedan und Betty Draper

Eine Neuordnung: Die Hausfrau und der Tod

Ausblick: Aufbruch und Abbruch

Rückblick: Emma, Anna, Effi

Tod: Beurteilung und Verurteilung

Abgleich: Vergangenheit und Gegenwart

Retrospektion: Hausarbeit und Sichtbarkeit

Eine Verbindungsfigur: Sally Draper

10 Medien: Ein Kunsthistoriker und wir

Eine Suche: Figuren und Fragestellung

Romane: Figuren und Fernsehen

Spielfilme: Figuren und Fernsehen

Eine Orientierung: Fernsehen und Lebenszeit

Forscher: Fernsehen und Verachtung

Zapping: Hartmut Winkler und die Fernbedienung

Flow: Raymond Williams und Mihály Csíkszentmihályi

Zerstreuung: Neil Postman und Lorenz Engell

Sucht: Robert Kubey und Mihály Csíkszentmihályi

Eine Bestandsaufnahme: Fernsehzeit und Unzufriedenheit

Paradox: Zeitzuteilung und Unzufriedenheit

Beschleunigung: Hartmut Rosa und die Zeitnot

Missverhältnis: Hartmut Rosa und das Fernsehen

Abschalten: Fernsehen und Resonanz

Ende: Berührung und Abschied

Eine Momentaufnahme: Streaming und Zeitverschwendung

Binge Watching: Dauer und Bewertung

Auswahl: Suchprozess und Verfügbarkeit

Eine Verbindungsfigur: Die Autorin und ihr Smartphone

Schlusswort: Eine Zeitverschwenderin und die Erinnerung

Danksagung

Anhang

Literaturverzeichnis

Register: Romane, Filme, Serien

Für Henriette

Filme und Fernsehserien werden mit ihrem deutschen Verleihtitel angegeben, literarische Texte mit dem Titel der gängigsten deutschen Übersetzung. Bei der Erstnennung werden jeweils der Originaltitel und das Entstehungsjahr genannt. Wenn es um einzelne Folgen von Fernsehserien geht, sind Staffel und Episode angegeben, also zum Beispiel (S1/E4).

Zitate aus fremdsprachigen Texten wurden ins Deutsche übersetzt; in den Fußnoten ist der Originaltext zu finden. Dialoge aus Spielfilmen entstammen den Synchronfassungen; falls es signifikante Abweichungen zum Original gibt, ist dies vermerkt.

Vorwort: Zeitverschwender und Zeitverschwenderinnen

Ein Tag im September: Über Nacht ist es kühler geworden; die Hitze ist gebrochen. Wahrscheinlich wird es in den kommenden Wochen noch ein paar sonnige Tage geben. Vielleicht erlauben es die Temperaturen sogar noch ein paar Mal, am Morgen in Flipflops zum Bäcker zu schlendern, um Brötchen zu kaufen, oder im Garten den Tisch zu decken, um gemeinsam draußen zu Abend zu essen. Eventuell wird es an einem Nachmittag noch einmal so warm werden, dass ein Zitroneneis lockt. Das alles ist durchaus möglich – aber der Sommer ist unwiederbringlich vorbei. Jedes Jahr erfasst mich an diesem Tag ein tiefes Bedauern. Nun steht der Herbst vor der Tür, und mit dem Absinken der Temperatur wird spürbar, dass ein Stück meiner Lebenszeit unwiederbringlich vergangen ist. Und prompt habe ich das Gefühl, Zeit verschwendet zu haben und zwar in gleich zweifacher Hinsicht.

Auf der einen Seite habe ich nicht genug gearbeitet; schon bald fängt das Semester wieder an, und ich hätte produktiver sein können. Sicher: Die Vorlesung und die Seminare sind vorbereitet, das Kapitel ist geschrieben; mein Soll ist erfüllt. Aber die beiden Regalbretter mit den ungelesenen Fachbüchern sind nicht wesentlich leerer geworden, und auch den Stapel mit aktuelleren Romanen habe ich nicht energisch genug reduziert. Stattdessen habe ich Dutzende Krimis ›weg-gekindelt‹ und meine Lieblingsbücher, die ich ohnehin fast auswendig kenne, ein weiteres Mal gelesen. Auf der DVD-Box mit den »sechs Meisterwerken« von Mizoguchi, die ich mir im Juni gekauft habe, ist eine dünne Staubschicht zu erkennen. Statt meine Kenntnis der Klassiker zu vertiefen, habe ich mir staffelweise Serien angesehen, an die sich in fünf Jahren kein Mensch mehr erinnern wird. Und im Kino war ich sowieso nicht oft genug; meine Liste der zu sehenden Filme neueren Datums ist kaum kürzer geworden. Warum nur? Offenbar fehlt es mir an Disziplin. Nun ist der Sommer vorbei, und wieder einmal habe ich eine Chance vertan, diese Jahreszeit und die damit einhergehenden vorlesungsfreien Wochen zu nutzen. Enttäuschend.

Auf der anderen Seite bedaure ich, den Sommer nicht mehr genossen zu haben. Weshalb bin ich gestern früh nicht einfach an die Nordsee gefahren? In gut drei Stunden wäre ich an der niederländischen Küste gewesen und hätte dort einen wunderbaren Tag verbringen können, inklusive abendlicher Einkehr in die Strandbude – Pommes und Pils bis zum Sonnenuntergang. Nur ein einziges Mal war ich in diesem Sommer wandern, kein einziges Mal mit meiner Familie picknicken. Was hat mich eigentlich davon abgehalten, einen Monat in einem Häuschen am Meer zu verbringen? Meine Mails hätte ich doch auch von dort aus beantworten können. Ein verwegener Gedanke: Hätte ich nicht sogar das unterlassen können? Jedes Jahr stelle ich zu Beginn meines Urlaubs eine Abwesenheitsnotiz ein, die verheißt, dass ich erst in 14 Tagen antworten werde – um dann doch nach drei Tagen den Posteingang zu überprüfen. Mich treibt die (zumeist unbegründete) Sorge, etwas Wichtiges zu verpassen und die (stets zutreffende) Aussicht, bei meiner Rückkehr in Massen von Mails zu versinken. Fast ausnahmslos halte ich an der Regel fest, auch an Feier- und Urlaubstagen bis zum Mittagessen zu arbeiten. Warum nur? Offenbar muss ich mir selber beweisen, wie diszipliniert ich bin. Nun ist der Sommer vorbei, und wieder einmal habe ich eine Chance vertan, diese Jahreszeit und die damit einhergehenden vorlesungsfreien Wochen zu nutzen. Enttäuschend.

Zu wenig gearbeitet, zu viel gearbeitet: Eigentlich kann nur die eine oder die andere Feststellung gelten. Tatsächlich aber treffen beide Einschätzungen gleichzeitig zu – ein Dilemma, das weder durch glühende Arbeitswut, noch durch kühle Arbeitsverweigerung aufzulösen ist. Denn allem Tun haftet im 21. Jahrhundert der Verdacht der Zeitverschwendung an.[1] Und so kann der einleitend geschilderte spätsommerliche Zwiespalt, der auf den ersten Blick individuell zu sein scheint oder gar als Luxusproblem einer ohne Stechuhr arbeitenden Wissenschaftlerin abgetan werden könnte, als typisch für das beginnende 21. Jahrhundert bezeichnet werden. Formulieren wir den Zwiespalt daher ein zweites Mal, jenseits persönlicher Befindlichkeiten.

Ein Zwiespalt: Effektivität oder Entschleunigung

Zahlreiche Ratgeber, die in hohen Auflagen vertrieben werden, wollen lehren, wie effektiver gearbeitet werden kann.[1] Jeff Sutherland verspricht, bei Anwendung seines Systems SCRUM sei es möglich, doppelte Leistung in gleicher Zeit zu erbringen, nicht nur in Arbeitsprozessen.[2] Wer schon beim Erlernen seiner Methode zur Zeitersparnis Zeit einsparen will, kann seine Bücher übrigens auch als Hörbuch oder in einer Zusammenfassung erwerben.[3] Eine ursprünglich für Firmen entwickelte Methode zum Selbstmanagement hat auch David Allen entwickelt: GETTING THINGS DONE (GTD). Ungeplante Pausen werden zu ›Zeitfenstern‹, die es zu schließen gilt.[4] Man solle jeden Tag um fünf Uhr aufstehen und dann einer morgendlichen Routine folgen, so lautet die Anweisung von Robin Sharma, der neben gesteigerter Produktivität auch Gesundheit verspricht.[5] Francesco Cirillo hat die Pomodoro-Technik populär gemacht, benannt nach seinem tomatenförmigen Küchenwecker. Eine definierte Aufgabe wird 25 Minuten lang bearbeitet, woraufhin eine fünfminütige Pause folgt.[6] Wer das Gefühl hat, seine Lebenszeit nicht optimal auszunutzen, dem erklärt James Clear in seinem Ratgeber DIE 1%-METHODE wie man durch minimale Veränderungen seiner Gewohnheiten eine maximale Wirkung erzielen könne.[7] Stephen R.Covey verrät sieben Gewohnheiten höchst effektiver Zeitgenossen, Kevin Kruse bietet gleich 15 Geheimnisse an, wie erfolgreiche Menschen ihre Zeit organisieren.[8] Die Fülle der Publikationen zur Zeitersparnis ist so überwältigend, dass Oliver Burkeman 2021 einen Bestseller landen konnte mit 4000 WOCHEN: DAS LEBEN IST ZU KURZ FÜR ZEITMANAGEMENT.[9] Doch auch er endet mit einer Liste von Ratschlägen, in denen das Anfertigen von Listen eine große Rolle spielt. Zwar ist sein Mantra, dass man in den uns durchschnittlich zur Verfügung stehenden 4000 Wochen Lebenszeit ohnehin nicht alles schaffen kann, was man sich vornimmt, aber seine Tipps legen doch nahe, dass es Techniken gibt, mit denen mehr Aufgaben bewältigt werden können. Selbst der Gegner des Zeitsparens arbeitet letztlich an der Einsparung von Zeit. All diesen Ratgebern zufolge verschwendet seine Zeit, wer nicht effektiv arbeitet.

Diesem auf Produktivität ausgerichteten Weltbild entspricht, dass Faulenzen heutzutage als Wellness kaschiert werden muss. Wer am Wochenende in einer Magnesium-Sole-Lösung sitzt, hockt nicht einfach nur herum; die Badenden scheinen sich vielmehr für die kommende Arbeitswoche zu stärken.[10] Urlaub wird stets als ›wohlverdient‹ deklariert – ein Wort, das bezeichnenderweise nur noch in diesem Zusammenhang oder in Bezug auf den Ruhestand verwendet wird. Wurde jemals eine Abschiedsrede für einen Mitarbeiter, eine Mitarbeiterin gehalten, bei der dieser Begriff nicht fiel? Dass man weder die Ferien noch den Lebensabend einfach nur genießen darf, sondern dafür gewissermaßen beruflich in Vorleistung treten muss, ist ein Indiz dafür, wie suspekt die arbeitsfreie Zeit ist. Sollte man in der Freizeit nicht zumindest eine Sprache lernen oder Podcasts hören? Ins Museum gehen oder Bedeutsames lesen, um die schlimmsten Wissenslücken zu schließen? Und so ist Nichtstun weder für die Urlauberin noch für den Rentner eine Option, denn wer einfach nur herumliegt, macht sich der Zeitverschwendung schuldig.

Andererseits erzeugen aber auch die mit geldwerter Arbeit verbrachten Tage, gerade im Rückblick, das unbestimmte Gefühl, für die eingebrachte Lebenszeit hätte es eine sinnvollere Alternative gegeben. Greifen wir beispielhaft die white collar worker heraus: Wer die Stunden zusammenzählt, die in diesem Bereich mit unsinnigen Besprechungen oder mit fruchtlosem Mailverkehr verbracht werden, wird zwangsläufig am Sinn seines Tuns zweifeln. Klausurtagungen oder Führungsseminare, Sicherheitsschulungen oder Motivationsgespräche sind Rituale, deren Sinn nicht in Frage gestellt werden darf, auch wenn keinerlei Ergebnisse auf solchen Veranstaltungen erzielt werden. In der unvermeidlichen Schlussrunde wagt kein Sprecher, keine Sprecherin zu sagen, dass die quälend langweiligen Sitzungen in Wahrheit Zeitverschwendung waren. Oftmals wird am Ende sogar der Entschluss gefasst, eine weitere Tagung in Angriff zu nehmen. Wer nach einem solchen Termin auf den verspäteten Bus oder den überfüllten ICE wartet, der ihn oder sie nach Hause bringen soll, muss sich fragen: Warum habe ich meine Zeit für diese Besprechungen geopfert? Müssten nicht die Familie und die Freunde an erster Stelle in der Lebensplanung stehen? Warum gehen wir eigentlich nicht nur halbtags arbeiten? Oder gar nicht mehr?

Zu diesen Fragen passt, dass zahlreiche Ratgeber, die in hohen Auflagen vertrieben werden, zur Entschleunigung aufrufen, zu Achtsamkeit und Selbstfürsorge.[11] Als Begleitmaterial vertriebene Karten sollen dabei helfen, Auszeiten zu nehmen, um innere Ruhe zu finden: »Stressabbau, Glück, Dankbarkeit und Selbstliebe« verspricht eine Box mit dem Titel »55 Achtsamkeitsimpulse für Dich«. Eine Karte gibt die Anweisung: »Stopp, was immer Du gerade tust, halte kurz inne. Nimm drei langsame Atemzüge und lasse Deinen Geist vollkommen zur Ruhe kommen. Beobachte Deinen Atem einfach nur diese drei Atemzüge lang. Achte darauf, wie der Atem beim Einatmen in Deinen Körper strömt und dann wieder ausströmt.«[12] Texte wie diese fordern zumindest implizit, dass die Priorisierung der Arbeit endlich ein Ende haben müsse.[13] Diese These wird aktuell auch von zahlreichen Sachbüchern vertreten, die zu einer Verkürzung der Wochenarbeitszeit aufrufen.[14] Wer zu viel arbeitet, so das Credo, der verschwendet seine Zeit.

Effektivität oder Entschleunigung? Damit sind zwei Ansprüche formuliert, die unvereinbar sind. Als solche sind sie relevant für das Thema dieses Buches: Die Leserin von Ratgebern zur Steigerung von Effektivität wird den gleichen Tagesablauf ganz anders beurteilen als der Leser von Ratgebern zur Entschleunigung. Was sie lobt, wird er tadeln, und umgekehrt. Wenn sowohl die am Schreibtisch als auch die am Strand verbrachten Stunden als ›vertan‹ gelten können, dann ist das ein Anzeichen für die Unmöglichkeit, allgemeingültig und überzeitlich zu definieren, was Zeitverschwendung ist. Das Urteil ist stets eine Frage der Perspektive, des Kontextes. Es gibt keine Tätigkeit, die per se Zeitverschwendung ist. Jede Epoche, jede Klasse und jede Kultur arbeitet sich daran ab, was sie für vergeudete Zeit hält.

Was im 18. Jahrhundert als sinnvolle Beschäftigung galt, mag im 19. Jahrhundert als nutzlose Tätigkeit verurteilt und womöglich im 21. Jahrhundert wieder als wertvolle Verrichtung bewertet werden. Selbst innerhalb einer Epoche besteht keine Einigkeit, was als Zeitverschwendung gilt: Ein Gammler und ein General, ein Hippie und ein Händler dürften nicht einer Meinung sein, wie ein Tag zu verbringen sei, auch wenn sie im gleichen Jahrzehnt und sogar im gleichen Land leben. Was als Zeitverschwendung angesehen wird, ist außerdem altersabhängig und geschlechtsspezifisch.[15] Für Greise gelten andere Regeln als für Geschäftsleute; was Mädchen oder Jungen tun, wird immer noch mit unterschiedlichem Maß gemessen. Zeitverschwendung ist demzufolge kein allgemein zu definierender Begriff. Damit wird die Beschäftigung mit diesem Begriff und seiner Bedeutung aber nicht hinfällig – im Gegenteil. Denn was als Zeitverschwendung gilt, charakterisiert jeweils das Verhältnis einer gesellschaftlichen Gruppierung zur Arbeit und zum Müßiggang, zum Geldverdienen und zur Muße. Was eine Welt als Zeitverschwendung brandmarkt, sagt aus, wie diese Welt ist.

Diese Verfasstheit zu bestimmen, darin besteht die grundlegende Chance, die die Auseinandersetzung mit dem Thema eröffnet. Denn wer sich mit Zeitverschwendung beschäftigt, muss zwangsläufig aufzeigen, warum eine Tätigkeit mit diesem Begriff belegt werden kann – oder auch nicht. Damit werden Fragen von grundsätzlicher Natur aufgeworfen: Was gilt als angebrachte Art, Lebenszeit zu verbringen? Was wird als unangemessen eingeschätzt? Antworten auf diese Fragen zu finden ist existenziell, denn wem vorgeworfen wird, seine Zeit zu vergeuden, der muss fürchten, sein Leben zu verschwenden. Antworten auf diese Fragen zu finden ist aber leider kompliziert, denn die Ergebnisse fallen ganz unterschiedlich aus, je nachdem, welche Quellen man zu Rate zieht. Dieses Buch wird versuchen, zehn unterschiedliche Antworten auf die Frage zu liefern, was unter Zeitverschwendung zu verstehen sein könnte. Ausgangspunkt der Überlegungen ist jeweils eine Figur, die in Romanen, Spielfilmen oder Serien zu finden ist: ZEITVERSCHWENDUNG befasst sich mit Zeitverschwendern und Zeitverschwenderinnen.

Eine Eingrenzung: Figuren und Auswahl

Bei den zehn Beispielen, die in diesem Buch unter die Lupe genommen werden, handelt es sich um Figuren und nicht etwa um Menschen. Lebensweltliche Zeitverschwender und Zeitverschwenderinnen, also etwa die zu viel oder zu wenig arbeitende Geisteswissenschaftlerin des 21. Jahrhunderts, sind nur in kurzen Verweisen sowie zu Beginn und am Ende dieses Buches zu finden. Die Marie Antoinette, die im ersten Kapitel behandelt werden wird, ist dieser Prämisse zufolge nicht die geschichtlich überlieferte ›Marie Antoinette‹, die 1755 in Wien geboren und 1793 in Paris hingerichtet wurde, sondern eine Figur dieses Namens, die von der Schauspielerin Kirsten Dunst zu Beginn des neuen Jahrtausends in dem Spielfilm MARIE ANTOINETTE verkörpert wurde. Marie Antoinettes Inszenierung wird gedanklich auf der gleichen Ebene behandelt wie die Schilderung von Patrick Bateman, um den es im zweiten Kapitel gehen wird. Zu Bateman, der Hauptfigur des Romans AMERICAN PSYCHO, gibt es kein historisches Vorbild; die französische Königin und der amerikanische Millionär werden hier unterschiedslos als Figuren gelesen.

Figuren sind nun, wie Kristin Thompson ausdrücklich betont, »eine Anhäufung von Semen«[1] und müssen stets im Rahmen einer Erzählung gelesen werden.[2] Sie haben einen »strukturalen Status«, wie Roland Barthes formuliert.[3] Nur so können sie ihre Funktion in einer Erzählung erfüllen. Da Figuren nicht »realen psychologischen Mustern«[4] entsprechen, kann ihr Verhalten auch nicht mit dem Instrumentarium analysiert werden, das man auf Menschen anwenden kann.[5] Das ist kein Nachteil, sondern eine Chance: In der Zuspitzung, die Figuren bieten können, liegt gerade ihre spezielle Qualität für das Thema. Was als Zeitverschwendung verstanden wird, kann an ihnen besonders deutlich herausgearbeitet werden.

Doch welche Figuren sind in diesem Buch zu finden und welche wird man vergebens suchen? Die hier behandelten Zeitverschwender und Zeitverschwenderinnen entstammen Romanen, Spielfilmen und fiktionalen Serien; die Gattung ist also ein erstes Kriterium der Auswahl. Dramen, Gedichte, Opern und Gemälde bleiben ausgeklammert, obschon es hier eine Fülle von Beispielen gäbe, über die es sich nachzudenken lohnen würde – wie etwa das Theaterstück WARTEN AUF GODOT (EN ATTENDANT GODOT, 1949) oder das Porträt KATERSTIMMUNG (GUEULE DE BOIS, 1888) von Henri de Toulouse-Lautrec, das eine Frau vor ihrer halbleeren Flasche zeigt. Die Beschränkung ist notwendig, schon allein um die Fülle des Materials in den Griff zu bekommen; wer zum Thema Zeitverschwendung sammelt, hat schnell mit überquellenden Aktenordnern und überladenen Bücherregalen zu kämpfen. Damit nicht nur eine Aufzählung entsteht, muss eine beherzte Auswahl erfolgen. Dieses Buch behandelt nur wenige Figuren, diese aber ausführlich; es nimmt sich Zeit für seine Zeitverschwender und Zeitverschwenderinnen.

Die hier getroffene Eingrenzung auf drei Gattungen kann auch vom Thema ausgehend begründet werden. Insbesondere in Romanen, Spielfilmen und Serien lassen sich differenziert gezeichnete Figuren finden, da es sich um Erzählformen handelt, die stets über den Moment hinausgehen und die eine gewisse Ausführlichkeit mit sich bringen: Regisseurin Sofia Coppola widmet ihrer Protagonistin gut zwei Stunden Filmzeit, Schriftsteller Bret Easton Ellis seinem Protagonisten rund 600 Buchseiten. Um Zeitverschwender und Zeitverschwenderinnen schildern zu können, bedarf es einer gewissen Erzählzeit – auch wenn der Umfang allein selbstverständlich keine Garantie für Genauigkeit der Beobachtung sein kann. Schließlich bevorzugen sowohl der Film als auch der Roman figurenzentrierte Erzählungen; nicht von ungefähr handelt es sich bei Marie Antoinette und in gewisser Weise auch bei Patrick Bateman um Titelhelden. Auch das spricht für die hier geübte Beschränkung auf Romane, Filme und Serien.

Innerhalb dieser Gattungen werden noch weitere Ausgrenzungen getroffen. So gibt es zweitens eine zeitliche Grenze. Die gleich zu Beginn dieses Buches besprochene Figur – Marie Antoinette – ist in gewisser Weise auch die ›älteste‹, wenn man nicht das Entstehungsdatum des Films, sondern die in ihm erzählte Zeit zugrunde legt, die die Jahre 1770 bis 1789 umfasst. Sie soll als neuzeitliche Reflexion über diese Epoche gelesen werden. Mit den genannten Jahreszahlen wird zugleich der Anfangspunkt dieser Überlegungen bestimmt: Alle ausgewählten Figuren sind im Zeitraum zwischen dem Ende des 18. und dem Beginn des 21. Jahrhunderts zu verorten. Besprochen wird der Übergang von der Vormoderne zur Moderne, gebunden an aristokratische Figuren, die sozusagen von der Zeit überrollt werden. Hauptsächlich aber widmet sich das Buch der Moderne, die Figuren aus ganz unterschiedlichen Gründen als Zeitverschwender darstellt – ein Indiz für den Facettenreichtum dieser Epoche. Ein Großteil der Figuren ist im 20. Jahrhundert angesiedelt. Am Ende des Buches wird die Entwicklung hin zur aktuellen, womöglich spätmodernen Verfasstheit gestreift. Diese zeitliche Beschränkung verdeutlicht, dass kein umfassendes Lexikon der Zeitverschwender von der Antike bis zur Gegenwart angestrebt wurde.[6]Das Erkenntnisinteresse ist auf einen kurzen, nur etwas mehr als zweihundert Jahre umfassenden Abschnitt der Kulturgeschichte gerichtet, in deren Verlauf sich die Vorstellung von Zeitverschwendung signifikant verändert hat. Dieses Buch lässt sich daher auch als ein Beitrag zu der Frage lesen, welches Zeitverständnis die Moderne entwickelt hat.

Innerhalb des gewählten engen Zeitrahmens werden nur Filme und Romane der sogenannten westlichen Welt behandelt, eine dritte Einschränkung. Die regionale Begrenzung auf mitteleuropäische und US-amerikanische Figuren ist eine Konzession an meine begrenzte Kompetenz. Ein Buch, das auch mongolische Faulenzerinnen und argentinische Tagediebe, japanische Müßiggänger und kenianische Taugenichtse umfassen wollte, müsste von einer Autorin geschrieben werden, die auf umfassendes kulturelles Wissen um nord- und ostasiatische, südamerikanische oder ostafrikanische Vorstellungen von Zeit sowie auf den jeweiligen Begriff von Arbeit und Muße zurückgreifen könnte. Denn Kulturen gehen ganz unterschiedlich mit der Zeit um, wie Robert Levine in EINE LANDKARTE DER ZEIT gezeigt hat. Grenznah lebende Mexikaner differenzieren etwa zwischen der hora inglesa, die sich auf die Uhrzeit bezieht, und der hora mexicana, »die mit der Uhrzeit um einiges lockerer verbunden ist«[7]. In Nepal werden tagelange Wartezeiten auf eine Telefonverbindung stoisch abgesessen; in Brasilien sind stundenlange Verspätungen bei Verabredungen üblich und werden nicht kritisiert. Das unterschiedliche Verständnis von Zeit führt auch zu einem unterschiedlichen Verständnis von Zeitverschwendung. So erwähnt Levine zum Beispiel, dass es in Burkina Faso gar keine Vorstellung von Zeitverschwendung gibt. »Wenn man etwas nicht tut, tut man dafür etwas anderes. Auch wenn man nur mit einem Freund herumsitzt, tut man eben das«, zitiert er einen Austauschstudenten, der in den USA mit den dortigen Vorstellungen von Zeit zu kämpfen hat.[8] Tätigkeiten, die in den mir vertrauten Regionen als ›Nichtstun‹ eingeschätzt werden, bewerten viele Menschen jenseits dieses kleinen Ausschnitts der Welt, den ich kenne, ganz anders, die im Gegenzug »ständiges Aktivsein als Zeitverschwendung«[9] verstehen. Was in einer Kultur als sinnvoll verbrachte Zeit gilt, können nur umfangreiche Studien klären, die ich nicht durchführen kann, da sie Kompetenz im Bereich der Ethnologie erfordern.[10] Ohne diese Forschung ist es nicht möglich, sinnvoll über das Zeitverständnis anderer Kulturen zu schreiben.

Dieses Buch ist nicht nur zeitlich und regional begrenzt, sondern behandelt auch deutlich mehr männliche Figuren; nur zwei zentrale Analysen befassen sich mit einer Frau. In den übrigen Kapiteln werden Romane und Filme besprochen, deren Protagonisten männlich sind und in denen weibliche Figuren aus männlicher Perspektive geschildert werden, zum Beispiel als Objekte des Begehrens. Einer der Texte wird von seinem Autor sogar ausdrücklich und zu Recht als »a man’s book«[11] bezeichnet, ein Urteil, das auch auf andere Beispiele zutrifft. Warum so wenige weibliche Charaktere in die Überlegungen aufgenommen werden, ja aufgenommen werden konnten, wird in Kapitel 9 noch zu erklären sein, das sich mit dem Lebensentwurf der Versorgungsehe befasst, in dem Frauen keine geldwerte Arbeit ausführen dürfen. So viel sei vorweggenommen: Wem Zeitverschwendung vorgeworfen wird, dessen Zeit muss auch etwas gelten. Dass die Zeit von Frauen weniger wert sein muss als die von Männern, ist im Patriarchat selbstverständlich. Romane, Spielfilme und Serien, in denen Zeitverschwendung eine Rolle spielt, handeln daher vorwiegend von Männern. Auch sind alle zehn in diesem Buch zentral behandelten Beispiele heterosexuell und cisgeschlechtlich, eine fünfte und sechste Einschränkung, welche die Dominanz dieser Figuren in den fiktionalen Gattungen vom 18. bis zum 20. Jahrhundert spiegelt.

Die in Ausführlichkeit behandelten Figuren sind ausnahmslos Weiße, eine siebte Einschränkung. Auf rassistische Stereotype wird in diesem Buch ganz bewusst nicht eingegangen; der vermeintlich ›faule Eingeborene‹, dem der europäische Mann in den Kolonien angeblich das Arbeiten beibringen muss, ist kein Thema.[12] Auch dem sich vor der Arbeit drückenden Coon, der in US-amerikanischen Drucken und Filmen als melonenessender Taugenichts auftaucht, wird kein Kapitel gewidmet werden.[13] Dass es sich bei diesen Stereotypen um Rechtfertigungen für Versklavung und Unterdrückung handelt, haben mehrere Autoren schon in den siebziger Jahren klar herausgearbeitet.[14] Rassisten wollten (und wollen) so begründen, dass persons of color ohne die Weißen nicht überlebensfähig wären. Wer sich für diese Themen interessiert, kann die Spezialisten und Spezialistinnen mit Gewinn konsultieren.[15] In diesem Buch soll diesen rassistischen Stereotypen ausdrücklich kein Raum gewährt werden. Bewusst liegt der Fokus auf weißen Männern; was in dieser privilegierten Gruppe als Zeitverschwendung gilt, steht im Mittelpunkt der Überlegungen, die sich mit Definitionsmacht befassen.

Bei der Auswahl einer Figur wurde schließlich noch ein gewisser Bekanntheitsgrad des Romans oder des Films vorausgesetzt, um Lesern und Leserinnen lange Erklärungen oder Zusammenfassungen zu ersparen und eine größere Anschlussfähigkeit herzustellen – ein achtes Kriterium. Alle hier erwähnten Romane, Filme und Serien sind leicht zu beschaffen; die meisten Figuren kann man als bekannt oder gar berühmt bezeichnen. Lediglich die Beispielfigur des Kapitels, das sich mit Zeitverschwendung durch Medien befasst, macht da eine Ausnahme; warum dieser Roman dennoch ausgewählt wurde, wird in Kapitel 10 ausführlich begründet.

Die Auswahl der Beispiele ist schließlich stark von meinen persönlichen Interessen geprägt – das ist ein neuntes und letztes Merkmal der Auswahl. Es sind Figuren, über die ich im Laufe meines Lebens gestolpert bin. Was Interesse erzeugt, muss nicht unbedingt gefallen; weder der Film MARIE ANTOINETTE noch der Roman AMERICAN PSYCHO gehören zu meinen Lieblingsfilmen respektive Lieblingsbüchern. Die Gewalttaten, die in dem Text geschildert werden, sind so widerwärtig, dass ich die entsprechenden Kapitel nur mit Mühe, mit langen Unterbrechungen und auch dann nur rasch lesen konnte. Ob es sich dennoch (oder gerade deshalb) um ein ›gutes Buch‹ handelt oder ob MARIE ANTOINETTE ein ›guter Film‹ ist, bleibt für meine Überlegungen irrelevant. Beide Werke sind in meinen Augen allerdings ›gute Beispiele‹, um die Vielfalt des Zeitverschwendens aufzeigen zu können.

Bei der Auswahl eines Beispiels spielt Interesse selbstverständlich immer eine Rolle. Auch wer eine Dramaturgie des Films schreibt oder eine Filmgeschichte konzipiert, muss sich auf wenige Produktionen konzentrieren, um sinnvolle Aussagen treffen zu können.[16] Welche Produktion letztendlich dazu dient, um zum Beispiel in einer Dramaturgie die Aktstruktur der Klassik zu erklären, oder welcher Film in einem Geschichtsbuch herangezogen wird, um den Aufbruch in die Moderne zu verdeutlichen, hängt auch mit Vorlieben oder Abneigungen zusammen sowie mit Erfahrungen, die man gesammelt hat. Was eignet sich besonders gut, um einen Gedankengang für andere nachvollziehbar zu machen?

Bei diesem Buch über Zeitverschwender korrespondiert der interessegeleitete Zugriff, den es immer gibt, aber zusätzlich noch mit dem Gegenstand der Überlegungen. Schon die Auswahl des Themas ist als ganz persönliche Entscheidung zu verstehen, wie ja die ersten Absätze des Textes bereits gezeigt haben. Mit meinen Überlegungen zum Ende des Sommers zu beginnen macht nur Sinn, da der Ausgangspunkt des Buches mit meinem Lebensentwurf zusammenhängt: Weil ich mich selber stets im Verdacht habe, meine Zeit zu vergeuden, egal, was ich tue, haben mich Figuren, die ihre Zeit zu verschwenden scheinen, als Leserin oder Zuschauerin schon früh in besonderer Weise beschäftigt. Kehren wir also noch einmal an den Anfang dieses Vorworts zurück, zu der privaten Reminiszenz.

Eine Erinnerung: Faszination und Abwehr

Als Teenager habe ich DER ZAUBERBERG gelesen, ganze Stunden an einen Türrahmen gelehnt, während ich wohlweißlich stehend darauf wartete, dass meine Freundin Wanda das Signal zum Aufbruch gibt. Diese Situation war prägend: Wandas Familie hatte eine private Bibliothek, die erste, die ich in meinem Leben zu Gesicht bekommen habe. So eine große, alphabetisch nach Autoren sortierte Sammlung wollte ich auch besitzen, das wurde mir damals klar. Was für ein Schatz, was für eine Auswahl! Während ich auf Wanda wartete, die alle Zeit der Welt zu haben schien, habe ich mich durch die rot lackierten Regalmeter ihrer Eltern gearbeitet, Band für Band nach einem mir heute nicht mehr erkennbaren System. Ich vermute, dass ich gebundene, dickleibige Bücher bevorzugt habe, deren Autoren oder Autorinnen mir dem Namen nach schon bekannt waren. So stieß ich dann auch auf Thomas Mann, dessen Romane – so erinnere ich mich noch heute – etwas oberhalb der Augenhöhe standen; eine aus heutiger Sicht überaus passende Positionierung.

An die Lektüre von DER ZAUBERBERG erinnere ich mich auch deshalb so intensiv, weil mich schon Hans Castorps Ankunft im Sanatorium beunruhigte. Dass er nicht so bald abreisen würde, war sogar mir als noch recht unerfahrener Leserin klar. Der Titel und die Länge der Beschreibung seiner Ankunft verheißen von Beginn an, dass Castorp die rund tausend Textseiten des Romans auf dem Berghof verbringen wird. Allein der Ankunftstag im Sanatorium umfasst das gesamte erste Kapitel; mit dem vierten Kapitel, nach mehr als 130 Seiten Lektüre, beginnt erst der dritte Tag des Aufenthalts. Trotz dieses sich nur sehr langsam steigernden Erzähltempos wünschte ich mir gegen jede Wahrscheinlichkeit, dass der junge Mann (der nur sechs Jahre älter war als ich seinerzeit) seine Sachen packen und zurück in die norddeutsche Ebene fliehen würde, um sein Volontariat als Ingenieur bei einer Schiffsbaufirma anzutreten. Von jedem Schritt, der ihn stärker in das Leben der Kurenden einband, hätte ich ihn gerne abgebracht. Warum nur ließ er sich auf eine Untersuchung ein? Weshalb reiste er nicht umgehend ab? Weswegen kaufte er sich ein Thermometer? Und wieso folgte er der Verordnung einer dreiwöchigen Liegekur? Doch obschon mich Castorps Verhalten aufbrachte, konnte ich nicht von ihm lassen.

Meine damalige Leseerfahrung, die innere Abgrenzung von der Figur bei gleichzeitiger Vereinnahmung von ihr, korrespondierte mit meiner (Körper-)Haltung: Ich stand im Türrahmen von Wandas Zimmer, um zu signalisieren, dass ich jederzeit aufbrechen könnte; ich war bereit. Ich las allerdings dabei, um deutlich zu machen, dass Wanda in aller Ruhe ihr Outfit und ihre Frisur mehrfach wechseln dürfte, ohne dass ich das kommentieren würde; ich wartete nicht, denn ich hatte ja zu tun. Aber aus dem Augenwinkel schaute ich mir mit Faszination an, wie Wanda Haarnadeln suchte und Lidschatten auftrug. Die Schallplatte endete und wurde noch einmal gewechselt, ein Pullover gesucht und der Schlüssel dabei verloren. Wanda hatte sicher nicht das Gefühl, Zeit zu verschwenden; sie nahm sie sich ganz einfach. Warum auch nicht? Wir konnten schließlich zu einem beliebigen Zeitpunkt in die Stadt aufbrechen; das war mir klar. Womöglich machte die Vorbereitung des Ausgehens ja sogar mehr Spaß als das anschließende Herumstehen in diversen Lokalen, bei dem stets vermutet werden musste, dass es an einem anderen Ort interessanter sein könnte. Dennoch machte es mich ebenso unruhig, Wandas seelenruhiges Hantieren zu beobachten, wie von Hans Castorps verschobener Abreise zu erfahren; die Qual, die mir sein Rückzug ins Sanatorium bereitete, wurde durch die Situation, in der ich von seinem Leben las, verschärft.

Im Rückblick kann ich rekonstruieren, dass seit dieser Zeit eine ganz besondere Faszination für mich von Zeitverschwendern wie Hans Castorp ausgeht, gerade weil ich ihrem Treiben so ratlos gegenüberstehe. Wer seine Zeit nicht effektiv nutzt, der fordert meine Geduld heraus – eben nicht nur in der Lebenswelt, sondern auch in der Fiktion. In Spielfilmen, Serien oder in Romanen stoße ich immer wieder auf Figuren, die in ihrer Zuspitzung bei mir einen Nerv treffen. Die Zusammenstellung meiner eigenen Bibliothek und meiner Filmsammlung, alphabetisch nach Autoren und Autorinnen respektive nach den Originaltiteln sortiert, um mit der Suche nach einem Objekt keine Zeit zu verschwenden, legt davon ein sprechendes Zeugnis ab. In den Regalmetern finden sie sich zuhauf: Herumtreiber und Schulschwänzer, Hippies und Nichtstuer, Bummler und Drückebergerinnen, Schlafmützen und Träumer, Vagabunden und Flaneure, Verweigerer und Müßiggänger, Eckensteher und Bohemiens, Aussteigerinnen und Taugenichtse, Gammler und Dandys, Faulpelze und Tagediebe.

Jede dieser Figuren setzt meine Phantasie in Gang, was mit all der verschwendeten Zeit hätte angefangen werden können. Wenn es Marie Antoinette eingefallen wäre, »sich ein ganz klein wenig zu bemühen«[1], wie Stefan Zweig schreibt, dann hätte sie, immerhin Tochter der mächtigen Maria Theresia, alle Fäden der französischen Diplomatie in den Händen gehabt; was für eine Vorstellung. Wohin könnte Patrick Bateman mit all seinem Geld und all seiner Zeit reisen? Was hätte er nicht alles sehen und erleben können? Und wäre es Hans Castorp nicht möglich gewesen, jenseits des Zauberbergs sein Glück zu finden? Im »Flachlande«[2], als Ingenieur in Lohn und Brot? Im Konjunktiv kann jeweils eine Alternative mitgedacht werden; ein für mich faszinierendes Gedankenspiel, auch wenn mit diesem Spiel die Figuren ihre Existenzberechtigung verlieren.

Ein weiterer Grund für mein Interesse an fiktionalen Zeitverschwendern ist wahrscheinlich ihre Fähigkeit, sich fast jeder unangenehmen Aufgabe zu entziehen, auch wenn das möglicherweise für sie fatale Folgen hat. Sie übernehmen keine Verantwortung und sie »verweigern naturgemäß auch die Heldenrolle«[3]. Diese Lebensweise erscheint mir ebenso unrichtig wie auch insgeheim verlockend. In einer Kreisbewegung – der Grundbewegung jedes Zeitverschwenders – sind wir damit wieder bei der spätsommerlichen Krise angelangt, von der eingangs die Rede war. Von meiner dort beschriebenen Ambivalenz ausgehend, ja vielleicht sogar angetrieben, habe ich Figuren, die mich in besonderer Weise beschäftigen oder gar provozieren, für diese Sammlung ausgewählt. Für diesen intuitiven Zugriff gibt es Vorbilder.

Ein Denkraum: Verbindungslinien und Assoziationen

Dass das Interesse an einem Thema auch bei einem wissenschaftlichen Werk einem biographischen Moment des oder der Schreibenden entspringen kann, zeigt das Werk des Philosophen Stanley Cavell.[1] Cavell fragt, »warum gewisse Ereignisse für Figuren in einer Geschichte entscheidend sind und warum sie für ihn als Leser des Textes zählen«[2]. Mit diesen Worten fasst die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen, die in seiner Nachfolge steht, seinen Ansatz zusammen. Cavell lasse sich »in seinem Hang, Details aus einem philosophischen Text oder einem Film zu isolieren und miteinander ins Gespräch zu bringen, dezidiert von seiner Intuition leiten«[3]. Diese Zusammenfassung deutet bereits eine zweite Besonderheit in Cavells Schriften an, die Spuren in diesem Buch hinterlassen hat. Immer wieder greift er eine bestimmte Szene aus einem Film heraus und weist dann auf Bezüge zu einem Text hin, sei es ein Drama oder ein philosophisches Werk. Diese verbindende und oft verwirrende Vorgehensweise bezeichnet Bronfen als crossmapping.[4] Bei dem so benannten Verfahren, das sie auch selber anwendet, werden Korrespondenzen zwischen Filmen, Texten oder Bildern entdeckt und ausgelotet, »für die keine eindeutigen intertextuellen Beziehungen festgestellt werden können«[5]. Auf diese Weise kann es gelingen, »einen Denkraum zu entfalten«[6]. In einer Einführung zu Cavells Werk bemerkt Bronfen »die eigenwilligen Pfade zwischen Philosophie, Literatur und Hollywood, die er jenseits jeglicher verbürgbarer Intertextualität schlägt«[7].

Wenn Cavell zum Beispiel über DIE NACHT VOR DER HOCHZEIT (THE PHILADELPHIA STORY) nachdenkt, dann setzt er die 1940 entstandene Komödie in Beziehung zu Sigmund Freuds Studie ÜBER DIE WEIBLICHE SEXUALITÄT (1931), zu John Miltons Ausführungen über Ehescheidungen (1643–1645), zu Henry D.Thoreaus Buch WALDEN (1854) und besonders ausführlich zu Shakespeares Komödie EIN SOMMERNACHTSTRAUM (A MIDSUMMER NIGHT’S DREAM, 1595/96).[8] Cavell stellt hier eine Verbindung her, die keineswegs von den Machern und Macherinnen angelegt oder auch nur im Entferntesten in Erwägung gezogen wurde.[9] Es gibt auch keine offensichtliche, keine ›verbürgte‹ intertextuelle Beziehung dieser oder anderer Art zwischen dem Film und dem Bühnenstück. Die Verbindungslinie wird vielmehr von Cavell gezeichnet, sozusagen mal mit einem dünnen Bleistiftstrich und mal mit einem dicken Pinsel.

Neue Verbindungslinien werden auch in diesem Buch gezogen, wenn (vermeintliche) Zeitverschwender und Zeitverschwenderinnen in Beziehung zueinander gesetzt werden; hinzu kommen auch hier Bezüge zu einem oder mehreren Texten. So hat mich Marie Antoinettes aufwendiges lever, das zu Beginn des ersten Kapitels geschildert werden wird, zunächst und naheliegenderweise an Norbert Elias’ Standardwerk DIE HÖFISCHE GESELLSCHAFT erinnert, dann erst an Patrick Batemans Duschorgie in AMERICAN PSYCHO, deren Darstellung das zweite Kapitel eröffnen wird. Warum mir aus diesem dickleibigen Roman, den ich vor mehr als 20 Jahren gelesen habe, ausgerechnet diese alltägliche Situation noch so lebendig vor Augen stand, wo das Buch doch von grausamsten Szenen durchzogen ist, die durchaus Albträume erzeugen können, mag mit meinem Interesse an Zeitverschwendung zusammenhängen, das mir zum Zeitpunkt der Lektüre aber noch gar nicht bewusst war. Das aufwendige Zeremoniell am Hof, wie es Sofia Coppola inszeniert, hat die Erinnerung an Batemans ebenso aufwendiges Ritual heraufbeschworen. Die Zusammenstellung von Figuren erzeugt Denkfiguren, die einen neuen Blick auf die Zeitverschwender und Zeitverschwenderinnen in ihrer Zeit erlauben.

In der Kombination von Figuren zeigt sich auch, wie Maßstäbe sich verändern. Wenn ein Dandy oder ein Hippie sich mit seinem Haar befasst, statt geldwerter Arbeit nachzugehen, dann ist das ein Unterschied, da die Beschäftigung von Männern mit Mode nicht immer gleich bewertet wird. Die Mähne des Hippies darf zum Beispiel den Aufwand nicht verraten, den ihre Pflege erfordert. Wenn Marie Antoinette eine prunkvolle Prozedur durchlaufen muss, bis sie angekleidet ist, dann gibt es dafür andere Gründe als für Batemans morgendlichen Pflegemarathon. Genau diese Verschiedenheiten gilt es herauszuarbeiten durch die Kombination von Figuren, denen Zeitverschwendung unterstellt wird. Vorgestellt werden zehn Beispiele – intuitiv ausgewählt und kühn in Verbindung gesetzt.

Zehn Figuren: Themen und Theorien

Die beiden ersten Figuren, um die es gehen soll, wurden bereits benannt: Das erste Kapitel befasst sich mit Marie Antoinette, so wie sie 2006 in einem Spielfilm von Sofia Coppola dargestellt wird, und das zweite Kapitel behandelt Patrick Bateman, die Hauptfigur des 1991 veröffentlichten Romans AMERICAN PSYCHO. Die Königin, die ein von Luxus bestimmtes Leben im 18. Jahrhundert in Versailles führte, und der Millionär, der im 20. Jahrhundert in New York shoppt, werden durch eine Kette von Figuren verbunden: Marie Antoinette führt uns zu Paris Hilton, wie sie zum Beispiel in der Serie THE SIMPLE LIFE(2003–2007) zu sehen ist. Mit Hilton verbunden wird eine auf Luxusgüter spezialisierte Diebesbande, die Sofia Coppola in THE BLING RING (2013) dargestellt hat. Diese Teenager wiederum könnten Freunde sein von Sean Bateman, der in dem Roman EINFACH UNWIDERSTEHLICH (THE RULES OF ATTRACTION, 1987) von Bret Easton Ellis auftaucht. Sean wiederum ist der jüngere Bruder von Patrick Bateman, womit wir bei AMERICAN PSYCHO angelangt sind. Dieses Beispiel zeigt, dass Verbindungsfiguren im gesamten Buch als kleine Bindeglieder zwischen den größeren Gliedern der Kette fungieren.

Alle zehn Kapitel stehen zudem unter einem Leitbegriff, der die Art der Zeitverschwendung charakterisiert, für die sie stehen. Bei der französischen Königin wird es um das Zeremoniell gehen, bei dem amerikanischen Investmentbanker um den Konsum. War es tatsächlich Zeitverschwendung, wenn am französischen Hof für jede noch so kleine Handreichung ein Adeliger oder ein Diener bemüht wurde? Bei Bateman wird die Frage gestellt, inwiefern er mit seiner Fixierung auf das Einkaufen von Markenprodukten sein Leben vergeudet und was das mit seiner Mordlust zu tun hat. Neben der Ausrichtung der Kapitel auf einen Kernbegriff ist der Rückgriff auf Leittexte ein weiteres Prinzip dieses Buches: Zu jeder Figur gibt es zentrale Texte, die ihre Einordnung ermöglichen. Marie Antoinette wird – wie gerade schon erwähnt – mit DIE HÖFISCHE GESELLSCHAFT von Nobert Elias gelesen, Bateman mit DIE FEINEN UNTERSCHIEDE von Pierre Bourdieu.

Die Verbindungsfigur vom zweiten zum dritten Kapitel ist Herzog Jean Floressas Des Esseintes, Protagonist des Romans GEGEN DEN STRICH (À REBOURS) aus dem Jahr 1884. Der US-Amerikaner Bateman teilt viele Gewohnheiten mit diesem französischen Dandy, dessen Lebenskonzept am Beispiel eines Teppichs verdeutlicht werden kann. Ein Teppich wiederum ist Auslöser der Geschichte, die den US-Amerikaner Jeff Lebowski, die Hauptfigur des Spielfilms THE BIG LEBOWSKI, aus seiner täglichen Routine reißt. Von ihm wird das dritte Kapitel handeln. Das Beispiel zeigt, wie ein Gegenstand, eine Situation oder ein Zustand je zwei Figuren locker aneinanderbindet. Es entsteht ein Reigen, dem das Tänzerische innewohnen soll; die fast schon flüchtigen Berührungen fügen sich zu einer sich schlängelnden Kette.

Kernbegriff des mit Jeff Lebowski befassten dritten Kapitels wird das Gammeln sein – eine Tätigkeit, in der es der Lebenskünstler zur Meisterschaft gebracht hat. Was der Späthippie treibt, soll mit den Augen von kommunistischen Autoren wie Karl Marx, Friedrich Engels oder Paul Lafargue gesehen werden, der 1890 sein Buch DAS RECHT AUF FAULHEIT veröffentlicht hat. Außerdem wird das Tun des in den Tag hinein lebenden Bowlingspielers mit Aussagen der Neuen Linken konfrontiert; immerhin behauptet Lebowski ja, einer der Autoren des für die New Left so wichtigen Port Huron Statements gewesen zu sein, das 1962 veröffentlicht wurde. Übt Lebowski Verrat an dessen Prinzipien, oder lebt er sie? Am Ende des Kapitels wird die Frage stehen, was den Dude – so die von ihm selber präferierte Anrede – mit Figuren wie dem Bären Baloo (DAS DSCHUNGELBUCH, 1967), dem Schulschwänzer Ferris (FERRIS MACHT BLAU, 1986) oder dem Kyniker Diogenes (DAS LEBEN DES DIOGENES VON SINOPE) verbindet, die so wie er ein Leben ohne Verpflichtungen preisen.

Der Bademantel, den der Dude so gerne trägt, verbindet ihn mit Ilja Iljitsch Oblomow, der sich in eine Variante des Bademantels hüllt: in einen Schlafrock. Im vierten Kapitel geht es um diesen Oblomow, die Hauptfigur des nach ihm benannten Romans, der 1859 erstmals erschien. Kernbegriff dieses Kapitels wird das Liegen sein. Der Landadelige ruht tagaus, tagein auf seinem Sofa. Dieses Nichtstun lässt sich mit Max Weber besser verstehen; die Lektüre von DIE PROTESTANTISCHE ETHIK UND DER GEIST DES KAPITALISMUS wird zeigen, warum es im 19. Jahrhundert zu einer Neubewertung des Nichtstuns und einer Aufwertung der Arbeit kam. Oblomows Weigerung, den behaglichen Platz auf dem Sofa zu verlassen und seinen Schlafrock abzustreifen, kann auch als Weigerung verstanden werden, die Rolle eines Erwachsenen einzunehmen. Das verbindet den russischen Faulpelz mit dem sorglosen Briten Bertram Wooster, einer von P.G.Wodehouse erdachten Figur, mit dem Erben Will Freeman (ABOUT A BOY, 1989), dem Hacker Warlock (STIRB LANGSAM 4.0, 2007) und den Hauptfiguren aus Federico Fellinis Film DIE MÜSSIGGÄNGER (I VITELLONI) aus dem Jahr 1953. Mit ihrem Herumlungern beschäftigt sich das fünfte Kapitel. Tagaus, tagein faulenzen diese gutgelaunten Tagediebe, die ihren Familien auf der Tasche liegen. Sie spielen Billard, amüsieren sich im Karneval, gehen am Strand spazieren, besuchen ein Wandertheater. Was die Männer tun, kann mit Gilles Deleuze als Teil einer filmgeschichtlichen Zäsur verstanden werden: Wie er in seinen Büchern KINO I und KINO II zeigt, eignen sich die Zeit-Bilder des Kinos der Moderne in besonderer Weise zur Darstellung von Zeitverschwendern (und auch einigen wenigen Zeitverschwenderinnen).

So wie diese Müßiggänger reglos am Meer stehen, steht auch Jay Gatsby am Ufer. Das ist die Verbindungslinie zwischen den italienischen Filmfiguren und dem amerikanischen Romanhelden. In dem 1925 veröffentlichten Roman DER GROSSE GATSBY (THE GREAT GATSBY) von F.Scott Fitzgerald wird beschrieben, wie der Millionär auf die gegenüberliegende Seite der Bucht blickt, wo seine Jugendliebe Daisy wohnt. Mit Gatsbys Warten und dem Driften seiner Nachbarn befasst sich das sechste Kapitel. Gatsbys Nachbarn lassen sich treiben, so wie es für die lost generation, die verlorene Generation der zwanziger Jahre, typisch ist. Gatsby hingegen wartet in seinem Palast auf eine erwartbare Enttäuschung – eine ganz besonders radikale Form von Zeitverschwendung. Die Lektüre von Martin Heideggers Werk DIE GRUNDBEGRIFFE DER METAPHYSIK wird uns helfen, die Langeweile dieser Figuren zu verstehen.

Als junger Mann hatte Gatsby noch vor, durch harte Arbeit zu Reichtum zu kommen. Er fertigte eine Liste mit guten Vorsätzen an. Den wichtigsten Vorsatz stellte der Teenager gleich an den Anfang: »Keine Zeit vergeuden bei Shafters oder (unleserlicher Name)«[1]. Es folgte ein rigoroser Zeitplan, der vorsah, jede Stunde des Tages zu nutzen. Gatsbys Bekenntnis zum Fleiß verbindet ihn nicht nur mit Benjamin Franklin, sondern auch mit dem Unternehmer Anthony P.Kirby aus der Komödie LEBENSKÜNSTLER, der unablässig arbeitet. Der Film, der 1938 seine Uraufführung hatte, erzählt an Beispiel von Kirby, dass Arbeit vor allem eins ist: Zeitverschwendung. Von dieser Überzeugung handelt das siebte Kapitel. Durch eine Familie von Exzentrikern lernt Kirby die schönen Seiten des Lebens kennen und verändert dadurch den Blick auf seine Pflichten. Er wird zu einem Mann, den er vor seiner Wandlung als Zeitverschwender verachtet hätte. Dieses Umdenken lässt sich in zahlreichen screwball comedies der dreißiger Jahre wiederfinden und in gleichzeitig entstandenen Texten von Bertrand Russell und J.M.Keynes, die zur drastischen Reduzierung von Arbeit aufrufen.

Wenn es um Arbeit geht, die als Zeitverschwendung verstanden wird, dann spielt der Alltag im Büro eine besondere Rolle. Verbindungfiguren zum nächsten Kapitel werden daher drei Figuren sein, die diesem Ort entfliehen: Lester Burnham (AMERICAN BEAUTY), Bartleby (BARTLEBY, DER SCHREIBER) und Christian Buddenbrook (DIE BUDDENBROOKS). Als dessen Bruder im Geiste erweist sich Hans Castorp, Protagonist des Romans DER ZAUBERBERG. Er wird die Hauptfigur des achten Kapitels sein. Sein Kränkeln erlaubt es Castorp, sieben Jahre in einem Sanatorium zu verbringen. Er absolviert seine Tage in größtmöglicher Routine, was die Zeit regelrecht auszulöschen vermag – eine ganz besondere Form der Zeitverschwendung. Diese lässt sich mit Hilfe so unterschiedlicher Autoren und Autorinnen wie Paul Ricœur, William James und Jean Marie Guyau sowie Susan Sontag, Henri Bergson und Albert Einstein beleuchten. Verbindungsfiguren zum nächsten Kapitel sind die drei unglücklichen Protagonistinnen des Spielfilms THE HOURS, die sich gefangen fühlen.

Thema des neunten Kapitels wird die Ehe sein; gemeint ist damit die bürgerliche Versorgungsehe, in der der Mann einer Erwerbstätigkeit nachgeht und die Frau das Haus und die Kinder versorgt. In der Serie MAD MEN, die in den sechziger Jahren spielt, führt Betty Draper das Leben einer Hausfrau in der Vorstadt und langweilt sich. Ihre Existenz lässt sich mit Simone de Beauvoir und Betty Friedan als Zeitverschwendung verstehen. Warum kann die Hausfrau ihrer Rolle nicht entfliehen? Diese Frage wird am Ende des Kapitels auch an Anna Karenina, Emma Bovary und Effi Briest gestellt werden. Bettys Tochter Sally wird als eifrige Fernsehzuschauerin Verbindungsfigur zum letzten Kapitel sein, das sich mit dem Fernsehen auseinandersetzt.

Inwiefern ist die Nutzung von Medien Zeitverschwendung? Das ist die Leitfrage des zehnten Kapitels. Bei der Beantwortung dieser Frage wird das Fernsehen im Mittelpunkt der Überlegungen stehen. Als Beispiel dient der Protagonist des 1997 erschienenen Romans FERNSEHEN (LA TÉLEVISION), der das Gerät für immer ausschalten will. Was Gründe für diesen Schritt sein könnten, lässt sich mit Hartmut Rosa erarbeiten. Er schreibt dem Fernsehkonsum in seinem Buch BESCHLEUNIGUNG ein ganz bestimmtes Erleben von Zeit zu; ob sich dieses Erleben ändert, wenn wir streamen, lässt sich am Beispiel des ›binge watching‹ und des Auswahlprozesses diskutieren. Für das Streamen oder die Verwendung des Smartphones kann der Kunsthistoriker, der die Hauptfigur von FERNSEHEN ist, nicht mehr aus Beispiel herangezogen werden; seine Zuständigkeit endet mit dem zwanzigsten Jahrhundert. Abschlussfigur des letzten Kapitels und zugleich Verbindungsfigur zum Schlusswort wird daher die Autorin selber sein, mit deren Beobachtungen dieses Vorwort ja auch begann.

Lässt man die zehn Kapitel noch einmal Revue passieren, ist auf den ersten Blick ersichtlich, dass die ausgewählten Figuren nicht ›typisch‹ für ihre Zeit sein können, im Sinne einer Repräsentativität. Ein Leben, das sich am Hofe abspielt, in den teuersten Restaurants, auf der Bowlingbahn oder auf dem Sofa, in einem Vorort oder in einem Sanatorium ist ein Extrem, ein Gegenentwurf zu den Existenzen jenseits dieser Refugien. Marie Antoinette lebt am Hof in einer Blase, und ihre Isolation wird sie das Leben kosten; im Unterschied zu ihr weiß Bateman sehr genau um die Obdachlosen auf den Straßen, die er mit der Verheißung von Dollarnoten, die er dann doch nicht gibt, quält. Er grenzt sich aggressiv von den für ihn namenlos bleibenden Gestalten ab.

Viele Figuren werden durch konkrete Gegenspieler genauer charakterisiert: Lebowski trifft auf seinen Namensvetter, der ihm sein Nichtstun vorwirft. Oblomow wird von seinem Freund Stolz aufgesucht, der ihn zur Arbeit drängt, Kirby von den Vanderhoffs heimgesucht, die ihn von der Arbeit abbringen wollen. Hans Castorp ist die Geschäftigkeit derer »im Flachlande« durchaus bewusst, da sein Vetter sich nach Entlassung aus dem Sanatorium sehnt. Die faulen Junggesellen aus DIE MÜSSIGGÄNGER werden von ihren Familien zur Berufstätigkeit gedrängt, Gatsbys Verschwendung von Geld und Zeit von seinem staunenden Nachbarn geschildert. Zeitverschwender – so sei schon einmal festgehalten – stehen fast immer am Rande, immer unter Rechtfertigungsdruck, da sie Außenseiter sind. Sie schwimmen gegen den Strom, auch wenn sie ansonsten jede Anstrengung zu vermeiden versuchen. Insofern sind Zeitverschwender nicht ›typisch‹ für ihre Zeit; sie spiegeln aber deren Werte.

Die Auflistung der behandelten Figuren zeigt zudem, dass der Text nicht chronologisch voranschreitet; dieses Buch ist keine Geschichte der Zeitverschwendung, die von der Vormoderne ausgehend über die Moderne bis zur Spätmoderne schreitet. Die Figuren stehen nicht in strenger Abfolge, sondern bilden einen bunten Reigen; sie fassen sich gewissermaßen an den Händen, berühren sich vielleicht nur kurz, um sich dann wieder zu lösen. Der Form ist ein Moment der Flüchtigkeit eingeschrieben, auch der Zufälligkeit. Dieser Anordnung entspricht, dass dem Nachdenken über die Figuren eine »Geste des Umkreisens«[2] innewohnt, wie sie Stanley Cavells Werk zugeschrieben wird. Die Einleitung spiegelt in ihrer verschlungenen, mehrfach neu ansetzenden Form dieses Prinzip – wie auch der erneute Verweis auf Cavell zeigt. Gedanklich handelt es sich um eine Art von Schlängelreigen, der auch Achterformen und offene Kreise beinhaltet: Dem Reigen der Figuren entspricht also die umkreisende Bewegung des Textes.

Die lockere Anordnung hat auch Konsequenzen für das Lesen. Obschon die Figuren eine Kette bilden und miteinander verbunden werden, ist es an jeder Stelle möglich, sich in den Reigen einzureihen. Wer sich zum Beispiel brennend für Jeff Lebowski interessiert, kann durchaus mit der Lektüre des dritten Kapitels beginnen. Alle Figuren werden voraussetzungsfrei vorgestellt; Lesern und Leserinnen steht es frei, die Kette der Zeitverschwender und Zeitverschwenderinnen neu zusammenzusetzen und sogar einzelne Glieder auszulassen, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Wem Sie ihre Zeit widmen, bleibt Ihnen überlassen. Meine Hoffnung ist selbstverständlich, dass der Rhythmus des Reigens dazu verführt, am Ende auch unbekannte oder ungeliebte Figuren in Angriff zu nehmen.

Eine freiere Lektüre zu ermöglichen entspricht nicht meiner bisherigen Schreibweise. In früheren Büchern habe ich mich immer bemüht, eindeutige Argumentationsketten aufzubauen, bei denen jeder Schritt zu einem Teilergebnis führt. Auf ein Resultat folgte dann eine (mehr oder weniger) logische Überleitung zur nächsten Frage oder zum nächsten Aspekt, so dass sich eine linear fortschreitende Form ergab. Bevor ich den ersten Satz schrieb, standen das Inhaltsverzeichnis und der Gedankengang fest. Je länger ich über die Zeitverschwendung nachgedacht habe, umso reizvoller erschien es mir, diesmal eine andere Denkweise zu erproben. Wann, wenn nicht jetzt? Ich habe mich von einem Zeitverschwender zum nächsten bewegt, ohne einem genauen, vorab gefassten Plan zu folgen. Das hatte Irrwege zur Folge, die ich in früheren Büchern so nie eingeschlagen hätte: ein zeitaufwendiges Verfahren. Doch das war keine Zeitverschwendung: Ich habe mich mit Themen beschäftigt, mit Figuren befasst, die zwar keinen Eingang in diesen Text gefunden haben, mich aber bereichert haben. Zudem korrespondiert die suchende Grundbewegung mit dem Thema: Den Kapiteln wird so eine flanierende Grundbewegung eingeschrieben – langsames Gehen, gelegentliches Innehalten, eine kleine Kehrtwendung, gemächliches Schlendern. Das Flanieren ist selbstverständlich eine der bevorzugten Fortbewegungsarten des Zeitverschwenders.

Wer ein solchermaßen flanierendes Buch schreibt, der plant, die Zeit seiner Leser und Leserinnen in besondere Weise in Anspruch zu nehmen. Dabei besteht die Gefahr, deren Zeit nicht nur zu beanspruchen, sondern zu stehlen. Entstünde während der Lektüre dieser Eindruck, dann wäre das fatal. Dem Thema angemessen wäre es jedoch, würde das Lesen dieses Buches als Zeitverschwendung erlebt werden, genauer gesagt: als lustvolle Zeitverschwendung. Denn jeder Verschwendung wohnt ja auch ein Luxus inne. Wenn, wie Oscar Wilde es formuliert, der einzige Trost der Armut in der Verschwendung liegt, dann sollten wir, deren Lebenszeit so knapp bemessen ist, mit unserer Zeit prassen, um uns nicht mittelos fühlen zu müssen.[3] Und so lade ich Sie ein, Ihre Zeit in bester Gesellschaft zu verschwenden: mit einer Bande von Zeitverschwenderinnen und Zeitverschwendern.

01 Zeremoniell: Marie Antoinette

Warum wurde das Zeremoniell, ein Grundpfeiler höfischen Lebens, mehr und mehr als Zeitverschwendung erfahren? Mit den Augen von Norbert Elias schauen wir uns den Spielfilm MARIE ANTOINETTE (2006) und seine Hauptfigur an, die Geld und Zeit zu vergeuden scheint.

Vorhang auf! Zwei Dienerinnen schieben den Faltenwurf zur Seite. Das Licht eines frühen Maimorgens erhellt die Szene. Zu hören sind Violinen; Vivaldis schwungvolles Streichkonzert alla rustica erklingt. Zu sehen ist eine Reihe von perfekt gekleideten Damen, die eine junge, blonde Frau anschauen. Diese liegt mittig in einem imposanten Himmelbett: Es erwacht Marie Antoinette, Tochter der österreichischen Kaiserin Maria Theresia, nunmehr frischangetraute Frau des französischen Thronfolgers. Als solche ist sie die Dauphine, die künftige Königin des Landes. Es ist für Marie Antoinette der erste Morgen in Versailles; der Tag kann beginnen.

Die Versammelten vollführen Hofknickse, die im Vordergrund stehende Dame d’Honneur reicht der noch schlaftrunkenen Dauphine die Hand, hilft ihr der Form halber aus dem Bett und erklärt dabei das am französischen Hof übliche Zeremoniell. Während des Ankleidens könne jedes Mitglied des Hofes zu beliebiger Zeit eintreten und sei dann angemessen nach Rang zu begrüßen. An einer Seite des nun ganz vom Vorhang befreiten Bettes sind wie zur Bestätigung dieser Aussage knapp ein Dutzend weitere elegante Damen von offenbar hohem Stand zu erkennen. Im Hintergrund stehen Dienerinnen und auch ein Diener in blauer Livree. Marie Antoinette blickt unsicher in die Runde.

Zwei junge Frauen reichen routiniert rosafarbene Pantöffelchen, zwei weitere gießen Wasser in eine farblich passende Porzellanschale, so dass Marie Antoinette sich die Hände befeuchten kann. Daraufhin wird ihr von einer anderen Anwesenden ein gestärktes Tuch auf einem Tablett gereicht, das sie benutzen will. Doch die Dame d’Honneur untersagt der Dauphine jeglichen Handgriff, da diesen stellvertretend auszuführen ein streng gehütetes Privileg am Hofe sei. Und so legt die Prinzessin ihre Hände mit gespreizten Fingern auf das Tuch, damit sie abgetrocknet werden können.

Nach dieser Dienstbarkeit wird Marie Antoinette von einer anderen, speziell dafür vorgesehenen Adeligen das Nachthemd ausgezogen; es sei kalt, bemerkt die nunmehr Nackte leicht fröstelnd und zart lächelnd. Ein weißes Unterkleid wird ausgebreitet, doch bevor es übergestreift werden kann, betritt eine weitere, etwas ältere Person das Schlafgemach. Die Dame d’Honneur unterbricht daraufhin das Procedere: Da die neu Hinzugekommene höhergestellt ist als alle bislang Anwesenden, reicht man ihr unter Ehrenbezeugungen das Hemd der Dauphine. Marie Antoinette knickst unbeholfen, die Arme über den blanken Busen verschränkt. Sie fröstelt.

Doch auch der zweite Versuch, die Prinzessin zu bekleiden, scheitert. Denn nun betritt ihre Schwägerin den Raum, die Comtesse de Provence. Erneut wird innegehalten; die Dame d’Honneur ringt um Fassung. In aller Ruhe streift die frisch Eingetroffene ihre seidenen Handschuhe ab, Finger für Finger, während Marie Antoinette die versammelte Riege mit einem ungläubigen, fast schon verzweifelten Lächeln ansieht. Als Mitglied der königlichen Familie ist die Comtesse die Dame von höchstem Rang und hat daher die Ehre, das frische Hemd über die Schultern von Marie Antoinette zu ziehen, was sie schließlich auch tut. Nun verklingt das Streichkonzert, das die Szene begleitet hat; Stille. Die endlich bekleidete Marie Antoinette kommentiert das Zeremoniell mit einem hilflosen Lachen: »Das ist lächerlich.« Doch die Dame d’Honneur entgegnet streng: »Das, Madame, ist Versailles.«

Diese knapp dreiminütige Szene stammt aus dem US-amerikanischen Spielfilm MARIE ANTOINETTE