Zukunftsrede - Volker Braun - E-Book

Zukunftsrede E-Book

Volker Braun

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Beschreibung

Mit feinem Gespür für das, "was die Welt im Innersten zusammenhält", zeichnet der vielleicht politisch radikalste Schriftsteller Deutschlands ein Bild der Krise, in der wir uns befinden. Doch Volker Braun entwirft kein Weltuntergangs-Szenario. Er formuliert eine Warnung vor ideologischer Ohnmacht, vor einem Kollaps aller revolutionären, oder gar reformistischen Bestrebungen und hält fest: der Karren steckt im Dreck. Damit fordert er nicht nur zur "Empörung" auf, sondern zur Revolution!

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Seitenzahl: 18

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Volker Braun

ZUKUNFSREDE

MSeB

Der Karren im Dreck

Im 18. Jahrhundert war die Kutsche im Schlamm ein gewohntes Ereignis, es forderte rasche Hilfe, ein paar zusätzliche Pferde, eine Nacht Aufenthalt vielleicht; und die Frage, wie es weitergeht, war an einige Knechte oder einen Stellmacher gerichtet. Marivaux beschrieb den Unfall und unternahm es einmal, die Wartezeit zu verkürzen, indem er die Insassen eine Geschichte erzählen ließ, einen Stegreifroman voll anderweitiger Abenteuer, in Fortsetzungen, die sich nicht um das Reiseziel kümmern. Den Schlamm mußte er nicht definieren, Regenpampe. Wenn heute, weniger elegant aber allgemein gesagt, der Karren im Dreck ist, ist das das Weltgeschehen, eine globale Tatsache in der Finanzkrise, dem Weltordnungskrieg, den Wetterstürzen. Im Dreck schmecken wir die Metapher, die härtere Behauptung, den Schluff, den die täglichen Nachrichten absetzen. Der Karren: unser Verkehrsmittel, die interkontinentale Rolltreppe oder überbeschleunigte Dampfwalze, der fliegende Salonwagen, worin immer wir unsere komfortable Fortbewegung vollführen. Sie wühlt den Dreck erst auf und gräbt die tiefe Spur; der Boden nicht, die Bewegung ist das Problem, die Fahrt die Gefahr, das ganze Unternehmen ist das Wagnis.

Bei Marivaux saß die kleine Reisegesellschaft in der Patsche, jetzt stecken Gesellschaften, Staaten fest und reden Romane. Es gehe nur darum, uns zu amüsieren, sagte der Erzähler und nannte die Namen der Redenden nicht, ich werde es auch nicht tun. »Der alte Finanzier saß neben der jungen Demoiselle, die das nicht hatte verhindern können, ich saß zwischen ihr und ihrer Mutter, und der Schöngeist nahm die Ecke ein. Der verliebte Alte überbot sich an honigsüßen Komplimenten...«, und der Erzähler gab das Thema vor: die Liebe. Ich wende zögernd ein: daß die Liebe keine Zukunft