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Das Buch beschäftigt sich mit den Versuchen der Menschen, durch ästhetische Praxis über den Tod hinaus weiter zu existieren, und beschreibt die Sackgassen und Abgründe, die Fallstricke und Selbsttäuschungen, denen sie dabei ausgesetzt sind. Die uralte Frage, wie wir uns aus sterblichen Menschen in unvergängliche Kunstwerke verwandeln können, wird historisch und strukturell betrachtet und am Ende mit klaren Schlussfolgerungen beantwortet. Zum Kunstwerk werden ist eine Philosophie- und Kunstgeschichte zwischen Mythologie und Politik, Ästhetik und Ethik, vom mythischen Narziss bis zum Spiegel- Selfie; ein Kompendium mit verblüffenden Argumenten über die Verbindung von ästhetischer Praxis und Alltagserfahrung; ein politisch ästhetisches Programm und eine Anleitung zum »Sterben lernen«. Wer sich in dieses Buch vertieft, kommt aus dem Staunen nicht heraus. »Der moderne Narziss ist nicht so sehr an Schönheit interessiert, sondern möchte anerkannt und bewundert werden – als einer von vielen. Dabei wird vorausgesetzt, dass der Blick der anderen an die Stelle des göttlichen Blicks tritt. Kein Wunder, dass alle Engel sich ähnlich sehen.« Boris Groys »Boris Groys' Zum Kunstwerk werden zeichnet sich durch seine Originalität, Intelligenz, Prägnanz und Anschaulichkeit aus.« Matthew Jesse Jackson, Universität von Chicago
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Boris Groys, Zum Kunstwerk werden
Boris Groys, geb. 1947 in Ost-Berlin, aufgewachsen in St. Petersburg/Leningrad, ist Philosoph, Kunstkurator und Medientheoretiker. Seit 1994 ist er Professor für Philosophie und Ästhetik und unterrichtet sowohl an der New York University als auch an deutschen Universitäten. Er beschäftigt sich in seiner Forschung intensiv mit der russischen Avantgarde, der Kunst im Stalinismus sowie den ästhetisch-intellektuellen Konzepten des Postkommunismus. 2011 war er Kurator des russischen Pavillons der 54. Biennale di Venezia. Seine Publikationen wurden in über 20 Sprachen übertsetzt.
Carl Hegemann, geb. 1949, studierte Philosophie, Soziologie und Literaturwissenschaften in Frankfurt/Main. Seit 1979 arbeitet er an zahlreichen Theatern und Opernhäusern; von 1992 bis 2017 war er an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg Platz in Berlin unter der Leitung von Frank Castorf engagiert, zuletzt als Chefdramaturg. Er arbeitete von 2005 bis 2014 als Professor an der HMT Leipzig und unterrichtet derzeit an Kunstakademien in München und Berlin. Zahlreiche Publikationen u. a. im Alexander Verlag Berlin.
Janine Ortiz ist Dramaturgin und Autorin mit besonderem Interesse an spartenübergreifendem Theater sowie Musikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt modernes und zeitgenössisches Musiktheater.
Boris Groys
Zum Kunstwerk werden
Aus dem Englischen von
Janine Ortiz und Carl Hegemann
*
Mit einem Gespräch zwischen Boris Groys und Carl Hegemann
Alexander Verlag Berlin
Alexander Verlag Berlin – unabhängiger Verlag seit 1983
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
Becoming an Artwork bei Polity Press, Cambridge, UK
© by Boris Groys 2023
Deutsche Erstausgabe
© by Alexander Verlag Berlin 2025
Alexander Wewerka, Fredericiastr. 8, D-14050 Berlin
[email protected] · www.alexander-verlag.com
Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Abdrucks und der Digitalisierung, vorbehalten.
Endlektorat: Christin Heinrichs-Lauer
Satz und Gestaltung: Antje Wewerka
Umschlagrückseite + S. 6: Narziss, Zeichnung von Pavel Pepperstein
ISBN 978-3-89581-636-9 (eBook)
Zum Kunstwerk werden
von Boris Groys
Zwei Körper des Autors
Ein Gespräch zwischen Boris Groys und Carl Hegemann über das Todesbewusstsein als Zentralreferenz menschlichen Lebens
Anmerkungen
Boris Groys
Unsere Kultur wird oft als narzisstisch bezeichnet. Dabei wird Narzissmus als die totale Konzentration auf das eigene Selbst und das völlig fehlende Interesse an anderen verstanden. Demgegenüber ist der Narziss, den wir aus der Mythologie kennen, gar nicht an der Verfolgung seiner eigenen Wünsche oder der Betrachtung seiner inneren Visionen interessiert, sondern an dem Bild, das er der Welt präsentiert. Und dieses Bild ist kein Teil seines Selbst, sondern liegt außerhalb. Ohne Spiegel können wir unser Gesicht und unseren Körper nicht als Ganzes wahrnehmen. Unser Bild gehört den anderen, gehört der Gesellschaft, in der wir leben. Ausgerechnet in dem Moment, als sich der einsame Narziss zum ersten Mal im See betrachtet, wird er Teil der Gesellschaft – denn er sieht sich so, wie andere ihn sehen, von außen. Narziss ist von seinem eigenen Bild bezaubert, weil es ein »objektives« Bild ist und keine »subjektive« Fantasie, weil es nicht von ihm, sondern von der Natur geschaffen wird, und weil es allen anderen in gleicher Weise zugänglich ist.
Narzissmus bedeutet also, den eigenen Körper als ein Ding zu verstehen – so wie jedes andere Ding in der Welt. In der post-religiösen, säkularen Epoche, in der wir leben, gelten menschliche Körper nicht mehr als Gefäße, die von Geist, Vernunft oder Seele erfüllt sind. Heute kann man auf mindestens zwei verschiedene Arten über den Körper sprechen: Der Körper kann als lebendiges Fleisch verstanden werden, das sich durch verschiedene Arten des Begehrens manifestiert – durch Hunger, Durst, Sexualität und sogar durch »ozeanisches Gefühl«. Hier ist der Unterschied zwischen Geist und Fleisch, Denken und Begehren, nicht so groß, wie es oft scheint. Die Intensität, die man beim Lösen mathematischer Probleme erfahren kann, ist der Intensität des körperlichen Begehrens durchaus vergleichbar. Entscheidend ist, dass sich beide Prozesse in der »inneren Welt« subjektiver Gedanken und Gefühle abspielen.
Der Körper kann jedoch nicht nur »von innen«, durch das Begehren, entdeckt werden, sondern auch »von außen«, aus der sozialen, öffentlichen Perspektive. Aus dieser externen Perspektive manifestiert sich das Leben im Körper nicht als Energie oder Bedürfnis, sondern der Körper wird zum Objekt, wie bei einer medizinischen Untersuchung. Der narzisstische Wunsch mündet in den Versuch, die öffentliche Wahrnehmung des eigenen Körpers für sich selbst zu übernehmen – das heißt, sich selbst mit dem Blick anderer zu betrachten. Man könnte sogar so weit gehen zu sagen, Narzissmus ist das Begehren, die Kluft zwischen der inneren Erfahrung des Körpers als lebendiges Fleisch und der öffentlichen Sicht auf denselben Körper als bloßes Ding in der Welt zu überbrücken.
In unserer Kultur hat die Objektivierung des Körpers durch den Blick der anderen einen schlechten Ruf, da das Objekt in unserer Wertehierarchie eine niedrigere Position einnimmt als das Subjekt. Deshalb behauptet Jean-Paul Sartre: Die Hölle, das sind die anderen – ihr Blick macht uns zu (bloßen) Objekten. Und das Objekt wird meist lediglich als Werkzeug verstanden; die Objektivierung von Menschen bedeutet, dass sie von anderen instrumentalisiert werden können. Narziss jedoch ist ein Objekt, das sich keinem Gebrauch durch andere anbietet – auch nicht dem sexuellen Gebrauch. Daher kann ihn die Nymphe Echo nicht verführen. Sein »Nein« heißt tatsächlich »Nein« – und der Körper der armen Nymphe verkümmert infolge dieser Zurückweisung vor Enttäuschung. Das Bild von Narziss im See kann ebenfalls nicht instrumentalisiert werden. Es kann nur betrachtet werden. Narziss selbst wird identisch mit seinem Spiegelbild, seine »innere Welt« wird zu einem unbewegten See – ohne Gedanken, ohne Begehren, ruhig. Hinter seinem Gesicht liegt nichts verborgen: Man sieht, was man sieht. Das ist alles. Narziss hat seine innere Welt für sein äußeres Bild geopfert, das für jeden zugänglich ist. In dem Moment, in dem Narziss sein Abbild im See sah, verabschiedete er sich von allen weltlichen Verführungen, allen Chancen und Belohnungen des praktischen Lebens zugunsten reiner Kontemplation. Deswegen scheint der Unterschied zwischen der narzisstischen Betrachtung des eigenen Bildes und der platonischen Betrachtung der ewig leuchtenden Ideen nicht allzu groß zu sein.
Es gibt jedoch einen Unterschied zwischen diesen beiden Arten der Kontemplation. In seinem berühmten Höhlengleichnis beschreibt Plato einen Philosophen, der die Höhle der menschlichen Gesellschaft und ihr Schattenspiel verlässt, um allein das ewige Licht zu betrachten, ohne dabei von den anderen gesehen zu werden. Im Gegensatz dazu versenkt sich Narziss in die Betrachtung seines Bildes mitten in der Natur und ist damit potenziell für alle anderen sichtbar. Narziss ist wie ein lebender Toter – er verwandelt sich in ein Bild, reduziert auf die reine Form. Das bedeutet nicht, dass Narziss den Tod dem Leben vorzieht. Er betrachtet sein Spiegelbild im See in einem Zustand der Selbstvergessenheit, der keinen Unterschied mehr zwischen Leben und Tod macht. Narziss sehnt den Tod nicht herbei, aber er will sein Kommen auch nicht verhindern. Narzissmus ist das Gegenteil von Selbsterhaltung, von Selbstsorge. Und dieser Verzicht erzeugt den untoten Körper, der nur im öffentlichen Blick existiert.
In seinem Aufsatz über das Spiegelstadium beschreibt Jacques Lacan die Begegnung eines Kindes mit seinem Spiegelbild als ein vorsoziales Ereignis, bei dem sich das Ich »in einer ursprünglichen Form niederschlägt, bevor es sich objektiviert in der Dialektik der Identifikation mit dem anderen und bevor ihm die Sprache im Allgemeinen die Funktionen eines Subjektes gibt«.1 Kommunikation und Subjektivität beginnen für Lacan erst mit der Sprachentwicklung; allerdings ist das Kind durch die Betrachtung seines Spiegelbilds schon vorher in der Lage, sich selbst als Ganzes wahrzunehmen. Die Vorstellung eines vorsozialen und vorkommunikativen Selbstbildes war jedoch nur vor dem Aufkommen unserer visuellen Kultur und insbesondere des Internets plausibel. Heute können Kinder ihre Selfies machen und verbreiten, bevor sie beginnen zu sprechen. Es gibt nur zwei mögliche Reaktionen der Öffentlichkeit auf diese Selfies: oder .
Narziss’ Bild im See ist eine frühe Form des Selfies. Als Mitglied der griechischen Kulturgemeinschaft teilt Narziss deren ästhetischen Geschmack. Wir können uns selbst nur akzeptieren, wenn wir glauben, dass wir von der Gesellschaft, in der wir leben, akzeptiert werden. Aber bedeutet das, dass Narziss von der griechischen Gesellschaft und von sich selbst akzeptiert wurde, weil er diesen singulären Körper hatte? Oder wurde er akzeptiert, weil er dieses singuläre Ich hatte, um mit Lacan zu sprechen? Keins von beidem. Er wurde akzeptiert, weil er schön war. Schön zu sein ist allerdings keine spezifisch menschliche Eigenschaft. Schönheit ist transhuman. Nicht zufällig wurde Narziss nach seinem Tod als Blume wiedergeboren. Blumen haben eine andere chemische und biologische Zusammensetzung als menschliche Körper. Das einzige Merkmal, das es uns erlaubt, Narziss und Blume zu vergleichen, ist ihre Schönheit. Und schön zu sein bedeutet, reine Form zu sein. Eine Form, die frei von jedem Verdacht ist, dass sich hinter ihr ein dunkler, unsichtbarer Raum verbirgt – eine Form, hinter der sich kein Ich befindet.
Menschliche Körper dienen der Identifizierung von Subjekten im öffentlichen Raum. Sie dienen aber auch zum Schutz unserer »inneren Welt«, die aus Wünschen, Gedanken und Plänen besteht, vor den Blicken anderer. Der Körper schafft einen dunklen Raum, der von der Öffentlichkeit getrennt ist und von außen nicht identifiziert werden kann. Dadurch wird dieser dunkle Raum zu einer ständigen Quelle des Verdachts und der Angst. Es handelt sich um das, was wir »Seele« oder »Subjektivität« nennen. Subjektivität ist nichts anderes als die Möglichkeit, etwas zu verbergen, zu lügen und zu täuschen. Nehmen wir das menschliche Gesicht als Beispiel: Andere können es nicht mit Sicherheit »lesen«, können sich nie sicher sein, dass die Gedanken und Emotionen wahrhaftig sind, die es zeigt. Jedes Gesicht ist deshalb ein Pokerface. Andere haben keinen unmittelbaren Zugang zu dem, was wir denken und fühlen – und das kann beim Beobachter zu einem äußerst unangenehmen sozialen Druck führen. Von uns wird erwartet, dass wir unser Innenleben anderen gegenüber erklären, aber dieser Prozess der Selbsterklärung ist grundsätzlich unabschließbar. Narziss hat dieses Problem nicht. Auf äußerst spektakuläre Weise hat er seine Interessen und Wünsche geopfert, um zu einer reinen Form jenseits des Verdachts zu werden – dies tut er, indem er die Form von jedem Inhalt entleert, die Seele preisgibt und den dunklen Raum der »inneren Welt« nach außen kehrt. Er überbrückt die Kluft zwischen dem Begehren des Fleisches und seiner öffentlichen Form nicht nur durch die Betrachtung seines Spiegelbildes, sondern auch durch die demonstrative asketische Konzentration auf diesen Kontemplationsprozess. Der Betrachter kann nicht mehr davon ausgehen, dass sich hinter der Oberfläche dieses Körpers eine Lüge, eine Verschwörung oder ein Kalkül verbergen. Der ekstatische Körper der Kontemplation bietet das Bild eines öffentlichen, »ausgelieferten«, wehrlosen Selbst.
In der christlichen Tradition wird dieser Akt der Selbstentleerung mit dem Wort Kenosis bezeichnet. Das vollendete Bild der Kenosis ist Christus am Kreuz. Hier wird Christus zur reinen Form, weil wir glauben, dass Er sich von allen subjektiven Wünschen und Interessen frei gemacht hat. Wie lassen sich Narziss und Christus unterscheiden? Wie können wir zwischen einem Opfer im Namen der totalen Selbst-Veröffentlichung und einem Opfer im Namen der Selbst-Vergöttlichung unterscheiden? Der menschliche Blick kann diesen Unterschied nicht erkennen – dies ist dem göttlichen Blick vorbehalten. Aber wenn wir Gott für tot erklärt haben, kann das Bedürfnis nach Bewunderung nur noch durch andere, durch die Gesellschaft erfüllt werden. Sowohl Christus als auch Narziss waren Superstars. In der Vergangenheit haben wir, wenn wir über »den Anderen« gesprochen haben, Gott oder vielleicht den Teufel gemeint, weil sie die Fähigkeit hatten, in unsere Körper zu schauen und unsere Seelen als gerecht oder sündig zu identifizieren. Aber jetzt ist »der Andere« zu »den anderen« geworden – zur Gesellschaft, die uns umgibt, die nur unsere Körper sieht und nicht unsere Seelen. An die Stelle der ethischen Bewertung der Seele tritt die ästhetische und erotische Bewertung des Körpers. Die Gesellschaft interessiert sich nicht mehr für unser Seelenleben, sondern nur noch für unser äußeres Bild. Unsere Zivilisation ist tatsächlich narzisstisch, weil sie nur die Kenosis im Namen des öffentlichen Bildes – der öffentlichen Anerkennung und Bewunderung – wertschätzt.
In seinen Vorlesungen, die er von 1933 bis 1939 an der École des hautes études in Paris unter dem Titel »Hegel. Eine Vergegenwärtigung seines Denkens« hielt, bezeichnet Alexandre Kojève das Bedürfnis nach Bewunderung durch andere als anthropogenes Begehren. Durch dieses Begehren werden Menschen zu Menschen. Laut Kojève gibt es Begehren erster und zweiter Ordnung. Ein Begehren erster Ordnung signalisiert uns unsere Existenz in der Welt. Das ist freilich eine völlige Umkehrung des herkömmlichen Verständnisses des Wortes »Begehren«. Normalerweise wird Begehren interpretiert als Fixierung auf die Dinge dieser Welt. Deshalb haben Philosophie und Religion seit Platon versucht, die menschliche Seele von körperlichen Begierden zu isolieren und sie auf die Betrachtung ewiger Ideen oder auf Gott auszurichten. Heute sind wir jedoch nicht primär durch Begehren, sondern durch die Wissenschaft mit der Welt verbunden. Moderne Betrachtung ist die wissenschaftliche Betrachtung der Welt und ihre alltägliche Betrachtung in den Medien – und keine Kontemplation der ewigen Ideen oder des Gottes. Für uns öffnet daher nicht die Ablehnung des Begehrens den Weg zum Selbstbewusstsein, sondern im Gegenteil das Auftauchen von Begehren. Kojève schreibt:
Der Mensch wird in der Kontemplation von seinem Gegenstand »absorbiert«; das »Erkenntnis-Subjekt« »verliert sich« im erkannten Objekt. […] Der vom Objekt seiner Kontemplation »absorbierte« Mensch kann nur durch ein Begehren »zu sich gebracht« werden: z. B. durch das Begehren zu essen. […] Das (menschliche) Ich ist das Ich eines – oder des Begehrens.2
Begehren führt uns von der Betrachtung zur Handlung. Diese Handlung ist immer eine »Negation«. Das »Ich des Begehrens ist eine Leere«, die alles Äußere, alles Gegebene konsumiert, negiert und zerstört: Um den Hunger zu stillen, konsumiert man Nahrung; um den Durst zu stillen, konsumiert man Wasser usw.
