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Nihat Ak, 1988 in Heilbronn geboren, arbeitet als Kundenberater und mittlerweile als Systemadministrator in einem deutschtürkischen Unternehmen in Frankfurt am Main. Er betreut sowohl deutsche als auch türkische Kunden. Im Alter von 22 Jahren, nach erfolgreicher Erlangung der Fachhochschulreife und abgeschlossener Ausbildung im IT- und kaufmännisch orientierten Bereich, startet seine berufliche Karriere beim deutschtürkischen Arbeitgeber. Der deutschtürkische Jungautor erlebt täglich in seinem Privatleben sowie auch in der Berufswelt Defizite in Integration und Anpassungsbereitschaft seitens der Deutschtürken aus allen Schichten und Generationen und hat dadurch einen detaillierten Einblick in das deutschtürkische Leben. Nihat Aks Familie stammt aus dem ägäischen Izmir im Westen der Türkei.
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Seitenzahl: 436
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Inhalt
Titel
Widmung
Einleitung
[1] Deutschtürken »Begriffswirrwarr der besonderen Art«
Einige Begrifflichkeiten
Familie
İzmir
Erste Fragestellungen
Regions- und Ortsauswahl
Eine weite Fahrt
»Gurbetciler«
Einstige Anatolier und mehr
Deutschtürkische Eheschließungen
Armutszeugnis
[2] Herkunft »Der Geburtsort der Widersprüche«
Lage und Demografie
Naher Osten
Orientierung und Regierungsform
Bündnisvorstellungen
Nachbarschaft
[3] Generationen »Meilenstein im Minenfeld«
Erste Generation
Zweite Generation
Dritte und vierte Generation
[4] Überlegung »Deutschtürkisches Leben mal auf den Kopf gestellt«
Was wäre wenn?
Prahlende Auslandstürken
Hochzeit im Sommer
Geld
Konflikte
Militärzeit
Lebensart
[5] Bildung »Damit aus mir mal ein Mann wird«
Comicbücher
Grundschule
Realschule
Musikunterricht: wichtige Kehrtwende
Der Türkischlehrer aus Şanlıurfa
Ergebnisse und Folgen
Fachabitur
Praktikum
Deutsche Staatsangehörigkeit
Ausbildung
[6] Arbeitslos »Im Alter von 21 Jahren«
Schlechte Nachricht
Jemand, der mich verstand
Neue Absolventen
Wieder eine Hochzeit
Kuşadası
Zurück in Deutschland
Dauerarbeitslosigkeit
Deutschtürkische Arbeitgeber
[7] Gegenwart »Ich bin zurück«
Deutschtürkische Rettung
Deutschtürkische Arbeitsweise
Musterung
Angekommen im Arbeitsleben
[8] Debatte »Besser spät als nie«
Auflistung der Fragestellungen
Integrationsdebatte
Analyse der Fragestellungen
[9] Sommermärchen »Oder auch: eine deutschtürkische Herbstflaute«
Fußball-WM 2006
Türkischer Fußball
Fußball-EM 2008
Schlechte Verlierer
[10] Mentalität »Wenn der Nahe Osten nur nicht so nah wäre«
Osmanische Vergangenheit
Mentalitätsanalyse
Atatürk
Mentalität und Integration in Deutschland
Untermauertes Talent
[11] Gastfreundschaft »Keine Sonne ohne Schatten«
Wahrnehmung
Kindheit
Pubertät
Deutsche Hochzeit
Schattenseiten
Deutschtürkisches Eheleben: Türkische Version
Deutschtürkisches Eheleben: Deutsche Version
Liebe das Schwierige
[12] Multikulti »Das grandiose Missverständnis«
Identitätswahrung
Deutschtürkische Zeitung
Heinz Buschkowsky
Deutschtürkische Abteilung
Deutschtürkische Mittagspause
Deutschtürkisches Jugendhaus
Multikulti aus deutscher Sicht
Einbürgerung
Die »blaue« Karte
Multikulti im Sport
Multikulti in der Religion
Multikulti wohnen
Multikulti-Musikrichtung
Multikulti Nachbarschaft
Feststellung
[13] Parallelgesellschaft »Entstanden durch Integration gegen Integration«
Rückwärtsentwicklung
Organisation
Vorteile
Deutschtürkische Selbstständige
Nachteile
Hinter den Türen
Reichweite der Parallelgesellschaft
Deutschtürkischer Rentnertreff
Unsichtbare Pforten
[14] Politik »Einmal wählen bitte«
Politisch unerreichbar
Deutschtürkische Moschee
Religion in der Fremde
Wählen gehen
Einwanderungspolitik
[15] Potenzial »Land der Dichter und Denker oder Rapper und Kickboxer«
Parallelwirtschaft
Jüngeres Durchschnittsalter
Angebot und Nachfrage
Regionale Unterschiede
Deutschtürkische Familien
Gruppenbildung und Isolation
Falsche Vorbilder
Problemfaktor Plattenbauten
[16] Last »Je jünger das Alter, desto radikaler die Denkweise«
All die Jahre
Krankenhaus
Ausgefahrene Stoppschilder
Deutschtürkische Kunden
Aufwandseinschätzung
Sozialsystem
[17] Gefühl »Nicht bestellt und doch gekommen«
Irritationen in jungen Jahren
Recep Tayyip Erdoğan
[18] Besuch »Die Türkei klopft an meine Tür«
Verwandtschaft aus der Türkei
Der Flughafen
Bei den Großeltern
[19] Entscheidung »Wendepunkt meines Lebens«
Tiefe Gedanken
Albtraum
Ein neuer Tag
Deutschtürkische Enttäuschungen
Scheinheilige Gesichter
[20] Déjà-vu »Mein staubiges Kapitel«
Abschied
Vergleich der Lebensweise
Deutschtürkisches Nimmerwiedersehen
Rückkehrdebatte
[21] Rückblick »Geheimnis, das keines ist«
Deutschtürkische Angelegenheit
Hinter meinem Rücken
Paradebeispiel
Rückblick auf die Schulzeit
Man sieht sich immer zweimal im Leben
[22] Abschied »Ruhe vor dem Sturm«
Vorbereitungen
Deutschtürkischer Angeber
Der letzte Tag
[23] Schicksal »Ich kenne nicht nur meinen Weg: Ich gehe ihn sogar!«
Autofahrt
Murat Abi
Stoppschild
Deutschtürkisches Schicksal
[24] Zukunft »Vorsichtiger Optimismus«
Einholen der Vergangenheit
Drei Instrumente
Die neue Generation
[25] Fazit »Ein Rakı bitte«
Fass ohne Boden
Das Lied
Danksagung
Impressum
Miller E-Books
»Eine Seite rot.
Eine Seite schwarz.
Zwei Farben mit zwei gänzlich verschiedenen Welten.
Zwei völlig unterschiedliche Kontraste.
Zwei Kontraste, Farben und Welten verschmelzen in ein Bild, das Integration vorgibt.
Doch viel mehr täuscht sie uns Integration vor als vorzugeben.
Eine Maske wird verpasst, die über Jahre und Jahrzehnte hinweg alles wegstecken soll.
Sie ist wahrlich eine tickende Zeitbombe.
Denn auch die beste Maske ist dazu verdammt, mit der Zeit zu bröckeln und ihr wahres Gesicht zu offenbaren.....«Nihat AK
»Zurück! Ein deutschtürkisches Schicksal« widme ich allen türkeistämmigen Menschen, der deutschtürkischen Community in Deutschland sowie auch der deutschen Gesellschaft.
Ich schreibe dieses Buch, weil ich in Deutschland nichts zu verlieren habe, unabhängig davon, ob ich mit diesem Buch meine Landsleute kritisieren, angreifen oder verteidigen sollte. Sie werden mich verstehen, weil Hunderttausende in Deutschland und Millionen in Europa genau das fühlen, sehen und durchlaufen, was auch ich fühle, sehe und durchlaufe.
Das Buch analysiert und schildert relevante Praxiserfahrungen und Praxisbeispiele aus dem deutschtürkischen Leben in Deutschland. Quelle und Artikel werden im jeweiligen Kapitel namentlich direkt angegeben. Alle Kapitel, in Bezug auf deutschtürkische Firmen in Deutschland, enthalten keine Betriebsgeheimnisse.
Mit diesem Buch möchte ich keinesfalls hinter dem Rücken der türkeistämmigen Landsleute Geld verdienen, auch wenn sie verständlicherweise sofort nur an diese eine Tatsache denken werden. Ich lehne diese Haltung und die damit verbundenen Vorwürfe energisch ab.
Im Kindesalter, weit entfernt von allen möglichen Problemen der erwachsenen Menschen, kriegt man vieles schöngeredet und eingetrichtert. War und ist es denn nicht so? Die Ursachen, Hintergründe, wie es ist, warum etwas so ist und wieso es sich nicht ändert, werden erfolgreich verschwiegen. Damit man es irgendwann selber aufarbeiten muss? Und die Kinder leben in ihrer unversehrten, glücklichen Kinderwelt weiter. Ohne Verdacht zu schöpfen. Im Sandkasten werden weiter Sandburgen gebaut, zusammen mit Ahmet, Stefan, Antonio und Dimitri. Keiner dachte sich damals etwas dabei.
Dies ändert sich jedoch mit zunehmendem Alter. Es fangen Probleme und regelrecht vorprogrammierte Schicksale an. Selbst wenn die Menschen sich darum bemühen, es geheim zu halten und nicht darüber zu reden, können sie einige Abläufe nicht aufhalten. Schon während der Schulzeit machen sie auf einiges aufmerksam, als beispielsweise unsere Chemielehrerin im Unterricht plötzlich behauptete: »Jedes Wasser schmeckt anders aufgrund der unterschiedlichen Menge an Mineralien und diverser, festgelegter Qualitätsparameter. «
Unser PC-Netztechnik-Lehrer während meiner Informatik- und kaufmännisch orientierten Ausbildung wiederum zeigte uns allen, dass es in der Informationstechnik nur zwei Zustände gibt, nämlich null oder eins. Eingeschaltet oder ausgeschaltet. Beides zugleich geht nicht, es gibt keinen Zustand, der zwischen null und eins liegt, nur ein Zustand von beiden kann zutreffen. Und genau hiermit fing das Ganze an. Deutscher? Oder Türke? Deutsch? Oder türkisch? Schwarz oder weiß? Sekt oder Selters? Jetzt kann man natürlich hergehen und in das Sektglas auch Selters reinkippen, womit beides erfolgreich vermischt wäre. Doch ob es auch am Ende gut schmeckt, ist ziemlich fraglich. Laut der IT gilt es sich zu entscheiden. Immer.
Bereits vor etwa 20 Jahren in den 1990ern sang der große, türkische Sänger und Komponist Barış Manço
»Tek bir soru: Hemşerim memleket nire? Bu dünya benim memleket«, was auf Deutsch bedeutet:
»Nur eine Frage: Landsmann, wo ist deine Heimat? Diese Welt ist meine Heimat! «
Alles zusammengefasst bedeutet dies also, dass laut unserer Chemielehrerin alle Menschen und Völker mit ihren Kulturen und Traditionen gänzlich anders sind, weil sogar Wasser anders schmeckt. Laut unserem PC-Netztechnik-Lehrer jedoch gibt es insgesamt nur zwei Zustände und nichts dazwischen und der türkische Sänger Barış Manço betrachtet die Menschen gänzlich ohne Ethnie als Weltbewohner des Planeten Erde. Und wem soll man nun glauben?
Es ist übrigens die Lieblingsfrage der Türken. Wenn man einen Türken oder eine Türkin kennenlernt, will man sogleich in Erfahrung bringen, woher er oder sie kommt. Im Gegensatz zu Barış Manço jedoch begnügt man sich nicht mit der Antwort, dass man von dieser Welt kommt, dem Planeten Erde. Das ist keine Antwort auf die Frage. Jedes Mal, wenn ich in der Türkei oder generell mit Türken, egal ob in Deutschland oder im Ausland, rede, wird in der Kennenlernphase die Herkunftsfrage gestellt. Jeder fragt es, der Friseur, der Beamte, der Taxifahrer.
Jedoch möchte man keineswegs die deutsche Herkunft wissen, ob man aus Baden-Württemberg, Berlin, Hamburg oder Hessen kommt. Bevor man nicht eine der 81 Provinzen der Türkei als Heimat angegeben hat, geben sie bei dieser Frage nicht klein bei, sie beharren darauf. Man spricht nun einmal türkisch. Sie riechen das förmlich, man hat mich quasi erwischt. Wer soll da einem noch glauben, dass man ein gebürtiger Hesse oder Schwabe ist? Und wenn man doch auf einem deutschen Herkunftsort beharrt, so kriegt man entsetzte Blicke als Reaktion. War ich denn jetzt nicht offiziell Deutscher dank meines erworbenen Personalausweises beim Bürgeramt? Waren alle Bemühungen am Ende umsonst? Das ganze Hin und Her, mein persönlicher, bürokratischer Krieg? Reicht es denn nicht, dieses Dokument in der Brieftasche zu tragen? Vielleicht dann doch lieber an der Stirn? Aber sogar dies wäre nicht ausreichend. Was fehlt den Menschen sowohl im Umfeld als auch im Ausland noch? Ist ein Personalausweis also doch nur ein Dokument, mit dem sichergestellt wird, dass ich den Deutschen zugeordnet bin? Ist also nur die verwaltungstechnische Zuordnung wichtig mittels Personalausweis? Von irgendetwas, von irgendjemandem wird man immer verwaltet. Ob die verständnisvoller geguckt hätten, wenn ich behauptet hätte, dass ich nicht von dieser Welt bin und geschickt wurde, um die Menschen auszuspionieren?
Ich war schon immer ein Beobachter, immer unauffällig und nahezu unsichtbar. Manchmal sieht man etwas, was manch andere wiederum übersehen. Mir als Einzelkind ist es wahrlich angeboren, mehr beobachten zu können, als mitzufiebern oder stets im Mittelpunkt stehen zu wollen. Ich mochte es schon immer, Menschen zu beobachten und zu analysieren. Mit eigenen Augen zu erkennen, wie die Menschen ihr Leben Tag für Tag leben, wie sie es anstellen, mit welchen Problemen sie Tag für Tag kämpfen und welches Leben ich wiederum führe. Über die großen Unterschiede hierbei staune ich nicht schlecht, die ich in den folgenden Kapiteln detaillierter schildere.
An allererster Stelle interessierte es mich immer, wie die Landsleute, etwa zweieinhalb Millionen türkeistämmige Menschen, in Deutschland leben. Egal wo in Deutschland. Egal deswegen, weil nahezu uns alle dieselbe Vergangenheit näher rückte. Ohne die detaillierte Geschichte vom Gegenüber einzuholen, ohne den Türkeistämmigen, welchen man zum ersten Mal sieht, großartig kennenzulernen, versteht man sich schon ein wenig. Man schaut sich gegenseitig an und man vermutet, wodurch und warum mein Gegenüber und ich in Deutschland sind.
In diesem Buch werden Erfahrungen und Erkenntnisse aus der deutschtürkischen Praxis in Deutschland geschildert. Warum und wodurch ich einen so relativ guten Einblick in das Leben einer großen und gezielten Ausländergruppe in Deutschland habe, werde ich in den nächsten Kapiteln offenbaren.
Auf die umfangreiche Integrationsthematik wird anhand mehrerer Kapitel näher eingegangen. Die Hürden, Ursachen und Probleme für eine erfolgreiche Integration, die es zu überwinden gilt, sind in entsprechenden Kapiteln festgehalten. Die umfassend geschilderten Erfahrungen sollen als ein Praxisbeispiel und Indiz zugleich dienen für Deutschland, einem Land mit über 81 Millionen Einwohnern, von denen über fünfzehn Millionen einen Migrationshintergrund haben.
Ebenfalls in diesem Buch festgehalten ist die Geschichte über meine Familie, Herkunft, unsere Vergangenheit, Gegenwart bis hin zum bevorstehenden Schicksal. Es soll als Wiedererkennungswert für Türkeistämmige in Deutschland dienen, weil die Thematik und die Situationen, welche in diesem Buch geschildert werden, innerhalb der erwähnten Ausländergruppe bekannt sind. Es wird gezielt die in Deutschland lebende Ausländergruppe aus der Türkei behandelt, eine zwei bis zweieinhalb Millionen große Bevölkerungsgruppe Deutschlands.
Schließlich geht dieses Buch auf die Türkei selbst ein. Es zeigt zudem, dass die Türkeistämmigen bei dieser so empfindlichen Debatte und Thematik nicht einfach den Kopf in den Sand stecken dürfen. Es soll detailliert darstellen, was türkeistämmige Menschen in Deutschland anrichten und hierbei dient dieses Buch als die erste Mutprobe, weil es tief aus ihren eigenen, türkeistämmigen Reihen kommt. Diese Mutprobe ist längst fällig.
Denn bereits die osmanischen Vorfahren sagten vor etwa 500 Jahren: »Den Kopf in den Sand zu stecken, gehört sich für Osmanen nicht. «
Dieses Buch dient keinesfalls dazu, negativen Druck zu machen oder die Türkeistämmigen zu diskriminieren, sondern die in Deutschland lebenden Türkeistämmigen besser verstehen zu können und von welchen Problemen, Herausforderungen und Situationen in Deutschland sie umgeben sind.
In diesem Buch wird statt des Begriffs »Türke« oder »Türken« die Bezeichnung »Türkeistämmige« verwendet, weil verschiedene Ethnien einst aus der Türkei nach Deutschland eingewandert sind, beispielsweise Kurden oder Balkanstämmige und damit sind sie auch von dieser Debatte mehr oder weniger betroffen.
Als Erstes gilt es zu erläutern, wer mit diesem Begriff »Deutschtürke« überhaupt gemeint ist. Ein Deutschtürke ist jene türkeistämmige Person, dessen Vorfahren aus der Türkei nach Deutschland eingewandert sind und die Person selbst in Deutschland lebt. Ein Türke, der in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, jedoch einen türkischen Pass hat, ist vom Pass als auch von der Ethnie her als Türke anzusehen.
Der Begriff »Deutschtürke« ist noch relativ neu, da als Beispiel die Gastarbeiter, die erste nach Deutschland einwandernde Generation, in der Türkei geboren und aufgewachsen sind und einst Bewohner aus der Türkei waren, in Deutschland also »Türken« oder »Migranten« genannt werden. Für die Türkei beispielsweise ist der Begriff »Deutschtürke« fremd. In der Türkei werden generell im Ausland lebende Türken seit vielen Jahren als »Gurbetciler« bezeichnet, sogenannte Auslandstürken, die nicht in ihrer Heimat, sondern im Ausland leben und arbeiten.
Nicht nur in Deutschland leben türkeistämmige Menschen. Sie sind ebenfalls in nahezu allen Nachbarländern präsent, in Belgien, Schweiz, Österreich, Dänemark, Frankreich und den Niederlanden. Auch außerhalb Europas, in Ländern wie Kasachstan, Russland, Griechenland, den USA, Japan oder Libyen leben zahlreiche Menschen, die aus der Türkei stammen. Überwiegend wirtschaftliche Beweggründe führten sie ins Ausland.
Ich lebe zusammen mit meinen Eltern in Hessen in der Rhein-Main-Region. Ich bin Einzelkind und um es gleich zu sagen: Auch bei den Türkeistämmigen gibt es Familien, die nur ein Kind haben, es ist gar nicht mal so selten.
Geboren bin ich 1988 in Heilbronn in Baden-Württemberg. Als wir in die Rhein-Main-Region umgezogen sind, war ich erst sechs Monate alt, also kann ich nicht als ein Heilbronner oder Schwabe durchgehen. Hinzu kommt, dass ich auch kein Hesse sein kann, da ich zwar in der Rhein-Main-Region aufgewachsen, aber nicht hier geboren bin.
Die Großeltern mütterlicherseits leben seit Jahrzehnten in Heilbronn, der Opa hat drei Jahrzehnte bei Audi Akkord gearbeitet und beendete sein Arbeitsleben auch dort. Nun ist er seit 18 Jahren Rentner, wie auch zahlreiche Türkeistämmige der ersten Generation, die einst mit ihm bei Audi am Fließband arbeiteten. Viele arbeiteten dort in Fertigungs- und Montagepositionen. Meine Oma mütterlicherseits war Hausfrau und zog die Kinder groß.
Die Großeltern väterlicherseits leben auch seit Jahrzehnten in Deutschland in der Rhein-Main-Region und sind ebenfalls seit etwa über 15 Jahren in Rente. Mein Opa väterlicherseits arbeitete bei den städtischen Bühnen in Frankfurt am Main. Die Oma väterlicherseits arbeitete als Reinigungskraft.
Sowohl die Großeltern väterlicherseits als auch die Großeltern mütterlicherseits pendeln einige Male im Jahr zwischen Deutschland und der Türkei. Im Jahr hochgerechnet sind sie etwa drei bis fünf Monate in der Türkei und die restliche Zeit in Deutschland. Genauso machen es auch viele andere türkeistämmige Rentner und Rentnerinnen in Deutschland.
Unsere Familie stammt aus İzmir, der drittgrößten Metropole der Türkei mit mittlerweile über drei Millionen Einwohnern. Sie liegt am Ägäischen Meer im Westen der Türkei. İzmir gehört zu den modernsten Metropolen und Provinzen der Türkei. Die Stadt hat den zweitgrößten Hafen, wirtschaftlich hat sie zudem einiges zu bieten, kann aber mit der Wirtschaftsmetropole schlechthin – İstanbul – nicht mithalten. Denn was İzmir immer noch fehlt, ist die globale Offenheit, größere Investitionen und die Arbeits- und Denkweise von İstanbul.
Es gibt in İzmir Universitäten, Großunternehmen und ausgebaute Infrastruktur. Auf der anderen Seite ist sie als Provinz auch für ihre zahlreichen, antiken Stätten, Ferienorte und schöne Küsten bekannt. Damit jedoch ist über diese Provinz am Ägäischen Meer noch längst nicht alles gesagt. Denn in der Türkei trügt der Schein gerne. Die Herkunftsprovinz meiner Eltern und Großeltern ist eine große und vielseitige zugleich, sie hat verschiedene Gesichter, Regionen, Vegetationen und Ethnien.
Fakt ist, dass viele türkeistämmige Menschen nun seit über vier Jahrzehnten in Deutschland leben und damit der Begriff Deutschtürke heute sich etabliert hat. Durch jene türkischen Generationen, die nicht in der Türkei zur Welt gekommen sind, sondern in Deutschland, entstehen bereits in jungen Jahren erste Irritationen und Fragestellungen:
Warum bin ich hier?
Was mache ich hier?
Wieso kann ich eine weitere Sprache, die mit Deutschland nichts zu tun hat?
Warum soll ich den deutschen Pass beantragen?
Warum bin ich nicht in der Türkei?
Wieso kamen meine Eltern nach Deutschland?
Wieso sind 90 % der Verwandtschaft in der Türkei?
Warum sind wir in der Türkei nur, um Urlaub zu machen?
Diese Fragen können unendlich weitergehen. Die anschließende Debatte, Diskussion und Analysierung des Ganzen erscheint noch unendlicher. Wenn ich diese Fragen meinen Eltern stelle, so folgt meist ein Schweigen oder unzureichende, abweisende Antworten, dass ich mich damit nicht weiter großartig befassen soll.
Meine Großeltern frage ich erst gar nicht. Sie verteidigen ihre Einwanderung nach Deutschland als Gastarbeiter in jeder Hinsicht. Die ungeklärten Fragen versucht man eben selber anzugehen, um Antworten zu bekommen. Denn zweieinhalb Millionen Türkeistämmige Deutschlands kennen diese Thematik, egal wo in Deutschland.
Die Deutschtürken leben in zahlreichen Städten und Regionen Deutschlands. In den Großstädten Berlin, Köln, Duisburg, Hamburg, Frankfurt am Main, München und Stuttgart leben die meisten Türkeistämmigen sowie auch in vielen kleineren Vororten und Regionen besagter Metropolen. Seien es die Vororte der Rhein-Main-Region, Frankfurt am Main selbst, die Mannheim-Ludwigshafen-Region, Braunschweig, Kassel, Essen, Nürnberg, Heilbronn und weitere.
Aufgrund der wirtschaftlichen Attraktivität Süd- und Westdeutschlands bevorzugten einst viele Einwanderer aus der Türkei diese Teile Deutschlands. In Norddeutschland, beispielsweise in Kiel oder Schwerin, leben deutlich weniger Türkeistämmige, auch in Städten wie Leipzig oder Dresden zu leben, ist weniger beliebt. Dies hat mehrere Gründe: zum einen der wirtschaftlich attraktivere Süden Deutschlands als ausschlaggebender Grund, zum anderen die größere Entfernung Norddeutschlands, bis man die Türkei erreicht. Denn wer beispielsweise von Kiel losfährt Richtung Süden, muss quasi durch ganz Deutschland fahren.
Da die Türkeistämmigen von jeher den Draht und Kontakt zur Türkei aufrechterhalten wollten, weil sie stets eine Rückkehr in die Türkei im Hinterkopf behielten, kam beispielsweise Süddeutschland eher infrage. Von Süddeutschland aus kann man mit dem Auto über Österreich, Ungarn und über den Balkan runter in die Türkei fahren. So waren für die ersten Gastarbeiter Standorte wie München sehr attraktiv, es sprach sich unter den eingewanderten Türkeistämmigen schnell herum, womit auch später viele weitere Türkeistämmige in diese Regionen einwanderten. Erst später sollten andere Metropolen Deutschlands, auch die weiter nördlich, attraktiv werden.
Auch in den Folgejahrzehnten fuhren sehr viele Türken von Deutschland aus mit ihren Autos über den Balkan in die Türkei. Viele fuhren zusammen im Konvoi. Mit der Zeit lernten türkeistämmige Gastarbeiter in Deutschland andere türkische Gastarbeiter kennen und planten gemeinsam Aufenthalte in der Türkei.
Auch mein Vater fuhr mehrere Jahre mit dem Auto in die Türkei. Es war eine Fahrt, die über zwei Tage dauerte. Er erzählt noch heute von den sehr langen Fahrten von Hessen bis hinunter nach İzmir. In Edirne, in Thrakien, angekommen, trennte sich so langsam die Kolonne, weil die Gastarbeiter aus verschiedenen Provinzen der Türkei kamen. Der eine fuhr bis İstanbul durch und weiter Richtung Ankara oder die Schwarzmeerküste entlang. Der andere wiederum fuhr ab Edirne direkt südwärts am Ägäischen Meer entlang. Sobald die zahlreichen Autos mit Deutschland-Kennzeichen die Türkei erreicht hatten, wusste man: Die »Gurbetciler« sind da! Die sogenannten Auslandstürken, die einst ins Ausland zum Arbeiten gingen.
Es dauerte also nicht lange, bis die Auslandstürken jedes Jahr im Sommer in Scharen in die Türkei fuhren. Es gab mehrere Möglichkeiten, in die Türkei zu gelangen. Über den Balkan war nur eine Variante. Andere fuhren über die Schweiz runter bis Süditalien und dann ging es via Fähre weiter, die über das Mittelmeer bis an die türkische Ägäisküste fuhr. Die Fähre brachte die Passagiere bis zum Hafen von Çeşme, dem westlichsten Küstenabschnitt der İzmir-Provinz. Bei Çeşme angekommen, fährt man dann die verbliebene Strecke bis zur jeweiligen Heimatprovinz mit dem Auto landeinwärts.
Auch mein Vater fuhr in den 1990er-Jahren mit dem Auto mehrmals in die Türkei, einige Male über den Balkan sowie auch über Süditalien via Fähre nach Çeşme am ägäischen Meer. Damals war ich noch ein kleines Kind, ich habe wenige Erinnerungen. Die Deutschtürken allerdings haben sich zu diesem Thema vieles zu erzählen. Unabhängig davon, ob man sich kennt oder nicht, verbinden zahlreiche solcher Erlebnisse alle Türkeistämmigen in Deutschland und Europa.
In Deutschland ist die Behauptung, dass es sich bei den Türkeistämmigen in Deutschland überwiegend nur um Dorfbewohner aus Anatolien handelt, weit verbreitet. Jedoch kamen nicht nur Anatolier nach Deutschland. Bereits in den 1950ern fing İstanbul an, zu einer immer größeren und wichtigeren Metropole der gesamten Türkei zu werden.
Wohlstand und gewisse Lebensstandards erreichten zuerst die größten Städte der Türkei. Für viele war İstanbul damals die erste oder die letzte Hoffnung. Für die Anatolier hieß es im Dorf, ihre sieben Sachen entweder aufzugeben oder zu verkaufen. Danach ging es mit den letzten Ersparnissen nach İstanbul. Auch Ankara und İzmir erhielten Zuwanderung aus den ländlichen Regionen.
Für jene, die somit bereits in westlichen Metropolen wie İzmir, İstanbul oder Ankara lebten, bedeutete Deutschland eine zusätzliche und neue Möglichkeit, das wirklich große Geld zu machen. Damals dachte man, dass die Straßen Deutschlands wahrlich mit Gold gepflastert seien. Sie alle hatten Träume, Ziele. Der Traum vom großen Geld. Den Traum trug man schon, als man nach İstanbul kam. Die Verlockung war einfach groß.
So kamen sowohl Menschen aus den türkischen Metropolen und aus West- und Ostanatolien nach Deutschland. Die Herkunftsregionen waren unterschiedlich: aus Zentralanatolien, aus der Schwarzmeerregion, İstanbul, Ankara, Ostanatolien sowie auch aus der Ägäis und Thrakien. Die große Zuwanderung aus der gesamten Türkei bedeutete auch die Einwanderung verschiedener Ethnien nach Deutschland. Beispielsweise kamen auch Kurden, Armenier und Balkanstämmige. Angesehen werden sie als Türkeistämmige, weil sie aus einer der 81 Provinzen der Türkei kommen.
Egal, ob einstige anatolische Einwanderer oder aus türkischen Metropolen: Wir alle Türkeistämmigen teilen jetzt das gleiche Schicksal, indem man uns einen neuen Titel aus der Neuzeit verpasst und keiner nachfragt, ob wir denn mit diesem Titel, der sich »Deutschtürke« schimpft, zufrieden sind? Einst Gastarbeiter, jetzt Deutschtürke. Was kommen in den nächsten zwanzig Jahren für Begrifflichkeiten zustande?
Es gibt zudem die andere Seite der Begrifflichkeit »Deutschtürke«, wo dies ebenfalls zutrifft: Deutschtürke kann auch eine Person sein, bei der ein Elternteil deutsch und der jeweils andere Elternteil türkisch ist. Die Rede ist von einer deutschtürkischen Ehe.
Solche Beziehungen und Ehen gibt es in Deutschland mittlerweile häufig, Tendenz steigend. Es ist ein ebenfalls brennendes Thema in unserer heutigen Zeit und Gesellschaft Deutschlands. Es betrifft die Türken und Deutschen gleichermaßen. Denn jahrzehntelang lebte und arbeitete man hier, man hatte mehr oder weniger auch deutsche Freunde. Und plötzlich soll man als Türkeistämmiger oder Türkeistämmige eine Deutsche oder einen Deutschen heiraten?
Mit Deutschen befreundet sein, das war nie das Problem. Wie sieht es jedoch aus, wenn man so eine Freundschaft an den Hochzeitstisch trägt? Bedeutete in Deutschland zu leben und zu arbeiten gleichzeitig auch, einen Deutschen oder eine Deutsche zu heiraten?
Die Antwort hierzu der absoluten Mehrheit der Türkeistämmigen ist jeher »nein« gewesen. Alles kann sich ändern, manche Köpfe und Einstellungen jedoch nicht. Sowohl damals als auch heute ist die große Mehrheit der Türkeistämmigen gegen deutschtürkische Eheschließungen. Sie möchten nach wie vor nicht, dass die Tochter oder der Sohn einen Deutschen oder eine Deutsche heiratet.
Denn eins ging definitiv zu weit: dass künftig Deutsche bei den Türkeistämmigen kulturell und familiär mitmischen sollen, dass man einen Deutschen »Schwager« oder eine Deutsche »Schwiegermutter« nennen soll, dass man am Wochenende nicht die Familie Karabulut oder Yıldırım besucht, sondern die Schmidts oder die Müllers. Das wollen viele türkeistämmige Familien nicht.
Besondere Gründe gibt es nicht, man wollte es halt nicht, energisch zeigte man mit dem Zeigefinger auf die großen Unterschiede in Kultur und Religion. Nur deswegen soll man mit Deutschen nicht Kirschen essen können? Dies hat jedoch keinesfalls mit der Herkunft der türkischen Familie selbst zu tun. Denn oft sind solche frommen Sichtweisen mehr den ostanatolischen Familien zuzuschreiben, so möchte man es zumindest wahrhaben. Die Herkunftsregion ist jedoch faktisch irrelevant. Denn sowohl eine ostanatolische, als auch eine moderne Familie aus İstanbul oder İzmir kann absolut dagegen sein. Es ist lediglich eine Sache der Erziehung und Einstellung der Familie.
Und kommt es einmal doch zu einer deutschtürkischen Eheschließung? So glücklich sie von außen auch wirken mag, sieht es im Hintergrund nicht selten anders aus, selbst wenn die türkische Familie es schafft, zuzustimmen. Die Zustimmung bedeutet nur, dass davor nicht selten schon längst sämtliche Streitigkeiten, Auseinandersetzungen und Familienspaltungen stattfanden.
Spätestens, wenn zur besagten Hochzeit ein Teil der türkischen Familie nicht erscheint, so wissen anwesende Gäste schon längst, dass die türkische Familie mit Ach und Krach irgendwie diese Hochzeit mehr duldet, als willkommen heißt. Die türkeistämmige Familie wünscht dem Paar noch ein letztes Mal alles Gute. Eine trockene, kalte Beglückwünschung seitens der anwesenden Familienangehörigen und im schlimmsten Fall distanziert sich die Familie künftig von diesem Ehepaar.
Sämtliche Familienangehörige sieht das neue deutschtürkische Paar nie wieder. Die Gründe sind klar: Sie waren schon von vornherein gegen diese Ehe und ziehen jetzt die harten Konsequenzen durch, indem man künftig aus der Familie ausgeschlossen wird. Die wenigsten Familien machen hier auch einen Schritt zurück, denn die denken sich: »Es gibt kein Zurück! Sie haben es so gewollt. «
Auch hier in Hessen wurden wir Zeuge von einigen, wenigen deutschtürkischen Eheschließungen. Man lud uns ein. Mich, die Eltern und die Großeltern väterlicherseits. Noch heute denke ich vor allem an eine deutschtürkische Hochzeit zurück. Schon zu Beginn des Festes kam mir einiges seltsam vor. Normalerweise ist die Hochzeit für eine türkeistämmige Familie ein extrem wichtiger Anlass. Rasch auf meine Uhr schauend merkte ich, dass längst alle Gäste da sein müssten. Jedoch waren zahlreiche Tische noch leer. Bei einer normalen türkischen Hochzeit waren wir es gewohnt, dass alle Tische voll besetzt sind und darüber hinaus sogar einige Gäste spontan hinzukamen und stehen mussten, weil alles schon belegt war.
Schnell erreichte uns die Information, dass einige Mitglieder aus der Familie des Bräutigams fehlten. Es war eine eher kalte Atmosphäre. Auch das junge, moderne Hochzeitsorchester schaffte es nicht, die Atmosphäre aufzuwärmen. Es waren mehr Freunde und Arbeitskollegen der Braut und des Bräutigams anwesend als die eigentlichen Verwandten und Bekannten. Ich ahnte nichts Gutes.
Die meisten Gäste saßen, man wartete auf das Essen. Die sonst rumrennenden türkischen Kinder waren hier fehl am Platze. Das Hochzeitsorchester spielte zu Beginn internationale, romantische und vor allem langsame Lieder. Das deutschtürkische Paar schien noch langsamer zu tanzen, als das Lied ohnehin ist. Die türkeistämmigen Gäste waren von den internationalen Musikrichtungen wenig beeindruckt.
Bei einer normalen türkischen Hochzeit tanzt das Paar am Anfang ganz alleine in der Mitte der Tanzfläche, spätestens ab dem zweiten Lied lässt man sie definitiv nicht allein und es folgen etwa zehn bis zwanzig weitere Tanzpaare. So kennen wir es auch von Hochzeiten aus İzmir in der Türkei. Bei diesem Paar jedoch kamen auf die Tanzfläche drei weitere Paare.
In diesem Moment dachte ich: Wenn ich eine Freundin neben mir hätte, würde ich mit ihr tanzen wollen, um das deutschtürkische Paar auf der Tanzfläche nicht lange alleine zu lassen. Denn je länger die Tanzfläche dünn besiedelt blieb, desto mehr kamen die anwesenden Gäste auf negative Gedanken, dass irgendwas nicht stimmte, wenn nicht mal die Familienangehörigen vollzählig erscheinen und kaum einer tanzt, geschweige denn die Tanzfläche nicht mal von Familienangehörigen besetzt ist.
Endlich wurden die Lieder schneller, lebendiger. Man erhoffte sich damit, dass die Feier endlich an Fahrt gewinnt. Aber dies traf nur bedingt zu. Einige Gäste kamen noch hinzu, man spielte englische, türkische und deutsche Lieder, weil es eine deutschtürkische Hochzeit war. Bei einer normalen, türkischen Hochzeit hätte man verschiedene Volkstänze, welche es in der Türkei gibt, gespielt. Mal hätte man wie beim Sirtaki auf und ab gesprungen, die Arme ausweitend mit dem Daumen geschnipst, oder man wäre beim Halaytanz Hand in Hand rumgesprungen.
Als danach das Hochzeitsessen auf allen Tischen serviert wurde, kam die Hochzeit förmlich zum Stillstand. Es gab Dönerteller mit Fladenbrot, das Essen bestand aus Dönerfleisch, Salat und Reis. Für mich und das, was ich bis jetzt an türkischer Küche gegessen und erlebt habe, ein ziemlich eingedeutschtes Gerichtskonstrukt.
Jene Tische, die schon zu Hochzeitsbeginn leer waren, blieben auch den ganzen Abend leer. Nichts konnte die Hochzeit lebendiger machen.
Weder das Orchester, noch die anwesenden Familienangehörigen, die wohl eher auf die Uhr als auf das deutschtürkische Paar schauten, wann die Hochzeit endlich zu Ende ist.
Mitternacht. Die Hochzeit endete im noch kleineren Kreise, als sie am Anfang ohnehin schon war. Mit vollem Magen und einem Erlebnis mehr verließen wir die Feier und brachten zuerst unsere Großeltern nach Hause. Anschließend fuhren wir nach Hause.
Ob meine Eltern sich überhaupt Gedanken über diese Hochzeit machten? Scheinbar dachte meine Wenigkeit am meisten an diese deutschtürkische Hochzeit zurück. Ich, selber als Türkeistämmiger, fand es sehr traurig. Ich fand die Tatsache schade, dass man auf der Hochzeit ein abweisendes Verhalten an den Tag legte, sowohl gegenüber den Deutschen als auch gegen das deutschtürkische Paar. Alle, vor allem die zahlreich anwesenden Deutschen, haben gespürt und erlebt, dass die Hochzeit mehr geduldet als willkommen war. Weil die türkeistämmige Familie es so wollte. Wer weiß, was es für Auseinandersetzungen zwischen der türkischen und deutschen Familie gab.
Am besagten Hochzeitsabend wurde der türkeistämmigen Familie des Bräutigams ein Armutszeugnis verpasst. Es gilt jedoch nicht nur dieser Familie. Es gilt allen Türkeistämmigen in Deutschland. Die Augen zu schließen, ist hierbei nicht möglich. Weil wir, angeblich sonst so als gastfreundliches Volk bekannt, unhöflich, unfreundlich und kaltherzig waren.
Die Deutschtürken, so viel merkte ich schon damals, haben mit zahlreichen Problemen in Deutschland zu kämpfen. Es sind Probleme im Alltag, auf dem Arbeitsmarkt, in der Schule, auf der Straße und wie letztes Beispiel aus der Praxis zeigt, sogar auf der Hochzeit.
Die Erlebnisse sind nur die Spitze des Eisbergs und der in Deutschland existierenden, realen Praxis und keineswegs nur auf Türkeistämmige beschränkt. Normalerweise kriegt man in Deutschland über solche Themen auch nur die Spitze des Eisbergs mit. Dies passiert auch bei anderen Ausländergruppen Deutschlands, bei anderen Völkern entlang des westlichen oder östlichen Mittelmeers, die ebenfalls in Deutschland zahlreich präsent sind. Das Prinzip ändert sich nicht. Die Familien bestrafen förmlich das Paar, nur weil man sich bei der Wahl des Ehepartners für eine andere Ethnie und für ein anderes Volk entschieden hat, weil ein Ehepartner einer anderen Kultur und Religion zugehörig ist.
Noch trauriger ist es, dass manche Familien diese Bestrafung gegen das Paar ein Leben lang durchziehen. Sie sehen die Tochter oder den Sohn nie wieder. Selbst dann, wenn das Paar ihr erstes Kind bekommt, sind einige Familien weiterhin gnadenlos genug, weder das Paar, noch das neu geborene Kind sehen zu wollen. Für diese Familie gibt es die Tochter oder den Sohn einfach nicht mehr. Man wird aus der Familie und vom Erbe ausradiert.
Das zunehmende Alter und noch nicht einmal der damit näher rückende Tod können manche hierbei abschrecken. Sie sterben gemäß einem türkischen Spruch: »Sie sterben mit offenen, zurückblickenden Augen.« Über Jahre und Jahrzehnte hinweg lebten sie auf diese Art und Weise und hinterlassen auch nach dem Tod eine gespaltete Familie. Dies ist ebenfalls Bestandteil des deutschtürkischen Schicksals.
Die Anzahl völlig zertrennter Familien innerhalb der Türkeistämmigen in Deutschland nimmt weiterhin zu. Mit manchen Familienangehörigen spricht man nicht mehr, obwohl man in Deutschland dieselbe Vergangenheit teilt, woraus eigentlich ein stärkerer Zusammenhalt abgeleitet werden sollte. Die Praxis sieht aber anders aus. So viele Türkeistämmige trugen die gleiche Vergangenheit und die gleiche Zukunft. Dennoch ist man unter sich nun verfeindet.
Eigentlich ganz normale familiäre Problematiken, wie sie auch unter den Deutschen existieren. Die Deutschtürken, wer damit gemeint ist und woher sie stammen sowie auch ein Praxisbeispiel aus dem deutschtürkischen Alltag, mit der sich die Türkeistämmigen in Deutschland befassen müssen, wurden in diesem Kapitel erläutert. Die Entstehung all dieser Probleme der Türkeistämmigen in Deutschland jedoch ist tief in weiteren Faktoren verwurzelt, die in den nächsten Kapiteln offenbart werden.
Nachdem die Deutschtürken, die türkeistämmigen Menschen Deutschlands, im vorherigen Kapitel beschrieben wurden, gilt es zunächst, die Herkunft, Abstammung sowie auch die herkunftseigene Gesamtregion zu analysieren. Woher kamen eigentlich die zwei bis zweieinhalb Millionen Menschen, die in Deutschland längst in verschiedenste politische Debatten, Richtungen und Themen gezerrt wurden?
Aus der Türkei. Dem Land mit mittlerweile knapp 80 Millionen Einwohner, 800.000 km² Landfläche und 81 Provinzen. Die Entfernung von der Türkei bis Deutschland liegt bei etwa 2.500 Kilometer, eine zweieinhalb- bis dreistündige Flugstrecke.
Die Türkei ist NATO-Mitglied und ist aktuell innerhalb der weltweit zwanzig größten Wirtschaftsmächte. Zwischen dem Balkan, Kaukasus, dem Nahen Osten, dem östlichen Mittelmeer und Vorderasien nennt sie eine lebendige und wichtige Position ihr Eigen.
Die Türkei hat vier Meere. Man sieht aber auf der Landkarte nur drei: Schwarzmeer, Mittelmeer und das Marmarameer. Jedoch wird das Ägäische Meer als ein eigenständiges Meer betrachtet, da die Kultur, Vegetation und Mentalität der Ägäis-Region sowohl auf der griechischen als auch auf der türkischen Küstenseite wie eine separate Meeresküste für sich wirkt. Das Ägäische Meer ist griechisch-türkisch geprägt und damit anders als das übrige Mittelmeer.
Wenn man vier Meere als Luxus bezeichnen soll, so sei gesagt: Zu Zeiten des Osmanischen Reichs waren es noch ganze sieben Meere, mit dem Kaspischen und Roten Meer. Einst reichte das Osmanische Reich im Osten bis an den Persischen Golf.
Die Republik Türkei wurde am 29. Oktober 1923 nach dem Sieg des türkischen Befreiungskrieges durch Oberbefehlshaber Mustafa Kemal Atatürk gegründet. Mit der Gründung wurde Atatürk sogleich der erste Ministerpräsident der Türkei.
Die Türkei als Land ist somit bereits 90 Jahre alt, ein mittlerweile altes und fest eingesessenes Land, im Vergleich zu anderen Ländern und deren Gründungsjahren.
In den letzten 90 Jahren war die Türkei Zeuge von vielen innenpolitischen als auch außenpolitischen Spannungen. Was auch geschah, die Türkei blieb die Türkei und war schon immer die Türkei. Sie schaffte es, in einer impulsiven Region wie der des östlichen Mittelmeers und des Nahen Ostens unversehrt zu bleiben.
Auch das Osmanische Reich zeigte einst diese Leistung im Nahen Osten und existierte knapp 620 Jahre. Sultane kamen und gingen, neue Regionen, Inseln, Meere wurden erobert. Von der Fläche her erreichte das Osmanische Reich die Größe des heutigen Europas.
Die heutige Türkei ist flächenmäßig viel kleiner und geografisch dennoch sehr vielfältig: Meeresküsten, unterschiedliches Klima und verschiedenste Vegetationen. Vom Apfel bis zur Zwiebel wächst alles in der Türkei, auch Kartoffeln. Das damit verbundene Vorurteil und die schnell entstehenden Diskriminierungen mancher Türkeistämmigen gegen Deutsche, nämlich dass die Deutschen hauptsächlich Kartoffeln äßen, ist schlicht falsch. Auch in Anatolien sind Kartoffeln und Kartoffelgerichte Bestandteil der Ernährung. Und doch gab es Türkeistämmige, die es ernsthaft wagten, die Deutschen als Kartoffeln abzustempeln. Dabei sollten diejenigen sich mal an die eigene Nase fassen. Es ist traurig zu erleben und zu sehen, dass die Landsleute in Deutschland einiges über ihr altes Herkunftsland nicht wissen. Ich verlange ja nicht, dass man mir den türkischen Befreiungskrieg komplett auswendig mit allen Details erzählt.
Die heutige Türkei wird auch Kleinasien genannt, da sie geografisch zum asiatischen Kontinent gehört und wie eine Halbinsel herausragt. Aber nicht nur geografisch ist die Türkei asiatisch. Die Türken stammen ursprünglich aus Zentralasien vom oghusischen Türkvölkerstamm ab, deren Wurzeln bis Westchina zurückreichen.
Religionstechnisch sowie auch kulturell ist die Türkei heute längst ein Bestandteil des Nahen Ostens und ist dort längst angekommen. Die Türkei pflegt große Beziehungen zu den ethnisch verwandten Türkvölkerstaaten in Zentralasien, zu den Ländern Azerbaijan, Turkmenistan, Kasachstan, Kirgisistan und Usbekistan.
Was die Türkei nach wie vor so faszinierend macht, ist selbstverständlich ihre Vielseitigkeit. Die Türkei ist ein Land, wo man zwei Kontinente, vier Jahreszeiten, 1001 Geschmäcker und zahlreiche Sitten, Gebräuche und Traditionen erleben kann. Sie besteht aus insgesamt sieben Verwaltungsregionen:
Marmara
Zentralanatolien
Ägäis
Mittelmeer
Schwarzmeer
Südostanatolien
Ostanatolien
Jede einzelne Region hat ihre eigenen Reize, Schönheiten, Vegetationen, Musikrichtungen, Ethnien und Gerichte. Detailgetreu die gesamte Küstenlinie abgemessen, erreicht die Türkei insgesamt eine Küstenlänge von über 7.000 Kilometern. Grund genug, dass eigentlich die Türkei längst die größte und mächtigste Marine des Nahen Ostens ihr Eigen nennen müsste. Denn anders als andere Länder bräuchte es die Türkei dringend, auch aufgrund der impulsiven Region, in der sie sich befindet.
Bereits Landesgründer Mustafa Kemal Atatürk wusste, dass diese Region von jeher eine ganz besondere und spannende war. Denn mit der Gründung der Türkei wurden die Probleme des Nahen Ostens nicht beseitigt. Zumindest wurden die Probleme aus der Türkei verbannt. Die Türken hatten sich gänzlich aus der Arabischen Halbinsel verabschiedet. Bagdad, Erbil, Aleppo, Damaskus waren nun nicht mehr Sache der Türken. Nun war es eine Sache der Briten und Franzosen.
Sie wurden im Befreiungskrieg einst aus Kleinasien erfolgreich verbannt, doch sie waren weiterhin im Nahen Osten unterwegs. Landesgründer Atatürk mahnte bereits vor etwa 90 Jahren, dass die Türken, trotz des siegreichen Befreiungskriegs in Kleinasien und Gründung der eigenen Republik, sich in ferner Zukunft besonders vorsehen sollen. Er wusste damals schon, dass die Region einiges abverlangen wird. Atatürk führte eine Staats- und Regierungsform ein, mit welcher man damals sowie heute dem impulsiven Nahen Osten gewachsen ist. Ein exzellenter Stratege mit dem nötigen Weitblick in einer impulsiven Region wie die des Nahen Ostens.
Die heutige Gegenwart zeigt, dass Atatürk in seiner Zukunftsprognose recht behielt. Der Nahe Osten kommt nicht zur Ruhe. Im Dezember 2010 erwachte der Arabische Frühling und damit auch das nach und nach einheitliche Aufstehen der arabischen Welt. Der Arabische Frühling fing im Dezember 2010 in Tunesien an, als ein 26-jähriger Gemüsehändler sich selbst anzündete, aufgrund mehrfacher Schließung seines Gemüsestands wegen fehlender Genehmigung und Beschlagnahmung seiner Arbeitsmittel und Produkte.
Die negative Entwicklung fing im Januar 2011 erst richtig an. Zu dem Zeitpunkt stand für mich ein Aufenthalt in der Türkei bevor, zur gleichen Zeit wollte ich mich über die neu ausgebrochene, große Krise Tunesiens genauer informieren. Doch so sehr ich die deutschen Zeitungen durchblätterte und mir die Nachrichten im deutschen Fernsehen anschaute, erschienen mir die Informationen nicht ausreichend und intensiv genug. Mit meinem bevorstehenden Aufenthalt in der Türkei änderte sich dies.
Die Türkei hatte am östlichen Mittelmeer, mit direktem Blick auf den Nahen Osten, eine ideale geografische Lage, um die Situation näher einschätzen und analysieren zu können. Denn der arabische Frühling war für die Türkei als Moslemland nicht unwichtig. Infolgedessen berichteten nicht nur die türkischen Zeitungen intensiver, detailgetreuer und lebendiger die Tatsachen, auch die türkischen Nachrichten im Fernsehen und in den Radiosendern kommentierten in einer Art, dass man sich in die Situation besser hinein versetzen konnte.
Die Nachrichten, die aus Tunesien kamen, waren in der Türkei deswegen so detailgetreu, da die Türkei dieses nordafrikanische Land nicht erst seit gestern kennt. Das türkische Fernsehen war tagelang durch Diskussionssendungen geprägt, wo türkische Nahost-Experten für Tunesien Prognosen und Entwicklungen erläuterten.
Hintergrund? Vor etwa 440 Jahren im Jahre 1573 ließ der Sultan des damaligen Osmanischen Reichs, Sultan Selim II., Sohn von Kanuni Sultan Süleyman I. (auch »Gesetzgeber« genannt), Tunesien und Zypern erobern und machte sie zu Provinzen des Osmanischen Reichs. Denn Tunesien und Zypern fehlten noch, um dem Osmanischen Reich die geografische Perfektion und Überlegenheit zu verpassen. Es gefiel den Osmanen nicht, dass Zypern mitten im östlichen Mittelmeer, das damals einem osmanischen See glich, noch immer kein osmanischer Boden war. Es dauerte nicht lange, bis beide erwähnten Regionen erobert wurden.
Im Abendprogramm vermuteten türkische Nahost-Experten daher, dass Tunesien als einer der ersten Staaten Nordafrikas für einen Wandel in Richtung Demokratie sorgen könnte. In der Tat. Tunesien setzte als erstes Land in Nordafrika einen Wandel und Regierungssturz durch und es war auch nichts anderes zu erwarten. Denn Tunesien, einst unter osmanischer Herrschaft, besaß gewisse Voraussetzungen, um in der arabischen Welt als erstes Land einer Demokratie nahekommen zu können, zumal aus der Sicht Tunesiens die Türkei kein uninteressantes Land in der muslimischen Welt ist.
Doch ging es denn wirklich um Demokratie? Ging es nicht eher darum, Zeichen zu setzen und bestimmte Machtinstrumente, die sich in der Region zuungunsten diverser arabischer Länder legten, neu zu definieren? »Nein« zur Bevormundung von außen sagen zu können, um damit einen einheitlichen Schlag gegen die arabischen Regierungen zu setzen, welche von diversen, außenstehenden Großmächten für ihre Artigkeit und Korruptheit gelobt und belohnt wurden?
All diese fatalen Folgen und Schicksale hat Atatürk damals geschickt für die Türkei verhindert mit einer Staatsform, mit der die Türkei heute mit der westlichen Welt auf gleicher Ebene spielen kann: die Demokratie. Atatürk stattete die Türkei mit dieser notwendigen Regierungsform aus und verstärkte dies mit zügigen Reformen.
Die Vergangenheit der Türkei war von Spannungen, schnellen Veränderungen und internen als auch externen politischen Auseinandersetzungen geprägt.
Auch nach der Republikgründung im Jahre 1923 wurde die Türkei flächenmäßig größer. Der einst vorübergehende, selbstständige Staat Hatay wurde von Syrien aus- und an die Türkei als eine neue Provinz angegliedert. Nach einigen Jahrzehnten marschierte die Türkei militärisch in Zypern ein, um alle möglichen türkischen Interessen und die Zyperntürken selbst auf der Insel wahren und schützen zu können.
Zypern gehörte einst über einen längeren Zeitraum hinweg dem Osmanischen Reich. Zypern war jedoch nicht die einzige Insel, Rhodos und Kos waren einst ebenfalls osmanisch. Auch heute sind diese Inseln noch türkisch geprägt.
Rhodos galt lange Zeit geografisch als ein wichtiger Kontrollpunkt am östlichen Mittelmeer. Die Osmanen hatten es schon jeher auf die Rhodos-Insel abgesehen. Die Eroberung bedeutete mehr Einfluss und Macht auf das östliche Mittelmeer, das sich mit der späteren Eroberung Zyperns festigte.
Warum ich das alles eigentlich erwähne? Um zu verdeutlichen, dass damals wie auch heute der Nahe Osten und die Region der Türkei eine impulsive ist. Weil dies notwendig ist, um die Herkunft der Deutschtürken, die heutige Türkei in Verbindung mit ihrer Gesamtregion, zu verstehen. Die Türkei steht nicht nur heute unter großem, schnellen und druckvollen Wandel. Nach den 1950ern wurde die Türkei Zeuge von innenpolitischer Instabilität und Militärputschen. Mein Vater war zu der Zeit des Militärputsches im Jahre 1980 in der Türkei und hat es mit eigenen Augen erlebt.
Die Bevölkerung der Türkei war von jeher ein militärnahes Volk, sie vertraute ihrem Militär mehr als der Polizei. Die laizistisch-demokratische Türkei galt es vor Bedrohungen, wie beispielsweise vor einer Islamisierung, zu schützen. Die Türken selbst nannten schon immer einen etwas toleranteren Islam ihr Eigen. Er unterscheidet sich von dem Islam des eigentlichen Morgenlands. Denn sowohl zu Zeiten der Türkei als auch zu osmanischen Zeiten lebten nicht nur Muslime in Kleinasien. Es lebten nicht muslimische und muslimische Minderheiten, welche den Islam von der Art der Auslebung und Denkweise von Anfang an nicht wie arabisch sprechende Bevölkerungsgruppen praktizierten.
Die Außenpolitik der Türkei war eine lange Zeit stark verbesserungswürdig und einseitig, da die Türkei außenpolitisch hauptsächlich zwei Phasen unterscheidet: Phasen, in denen die Türkei mit dem Nahen Osten und ihren Nachbarländern eine relativ gute Außenpolitik hatte und die Beziehungen sich besserten, und Phasen, wo die Türkei mit dem Nahen Osten keine gute Beziehung hatte.
Über lange Zeit wurde über die eigene Region hinweg der zum Teil einseitige und blinde Wahn der Orientierung an den Westen und Europa als einziges, außenpolitisches Ziel gesetzt. Ein definitiv falscher Weg für solide und weitreichende Außenpolitik. Zu damaligen Zeiten war die einseitig westliche Orientierung seitens der Türkei jedoch wichtig und ausschlaggebend. Denn direkt nach der Republikgründung im Jahre 1923 war die Türkei nicht auf einen Schlag und mit sofortiger Wirkung absolut westlich und demokratisch. Europa galt nunmehr als Vorbild. Denn noch »gestern«, vor 1923, herrschten einst osmanische und damit religiöse Verhältnisse.
Das Volk galt es zuerst mit zahlreichen und zügigen Reformen regelrecht zu traumatisieren, was Landesgründer Atatürk auch gelang. Die Verbindung und den Bezug zum Islam, jener Religion, welche nahezu 99 % der Bevölkerung in der Türkei praktizieren, verlor man dennoch nicht.
Mit der zügigen Industrialisierung und Modernisierung der westlichen Welt, womit man prahlen konnte, wurde auf globaler Ebene klar, dass Länder sich längst nicht mehr mit Religionen und deren alten Überlieferungen regieren lassen, sondern mit menschlicher Schöpfung und Wille. Die Türkei war weit und breit das so ziemlich einzige Moslemland, das hierbei am meisten mitzog und Europa Folge leisten konnte, auch wenn die Türkei mit der EU, kulturell und religiös betrachtet, genauso viel zu tun hat, wie der Metzger mit dem Vegetarier: gar nichts.
Landesgründer Atatürk hat sich überwiegend an den Demokratiemodellen der Länder Schweiz und Frankreich orientiert. Letzteres vermutlich deswegen, weil schon zur damaligen Zeit Frankreich die stärkste Stimme des Mittelmeers war und um mit dem Laizismus Staat und Religion erfolgreich trennen zu können. Unter den Ländern entlang der gesamten Mittelmeerküste selbst schaute man sich schon jeher gegenseitig auf die Schulter.
Als wichtigste Meilensteine für eine vollständige Demokratie innerhalb der Türkei ersetzte Atatürk die einst islamische Zeitrechnung des Osmanischen Reichs durch den gregorianischen Kalender. Zudem führte er das Lateinalphabet ein. Diese Reformen und radikalen Veränderungen in der Türkei im Gegensatz zum Osmanischen Reich sind durchaus begrüßenswert. Denn das Gegenteil und Entwicklungen in andere Richtungen lassen sich leicht demonstrieren.
Der große Comedian und Star aus der Türkei, Ata Demirer, zeigt mit seinem Film »Osmanlı Cumhuriyeti« (auf Deutsch: »Osmanische Republik«), was passiert wäre, wenn damals im Jahre 1923 keine türkische Republik mit einem Modell der laizistischen Demokratie, sondern eine osmanische Republik mit einer religionsorientierten Regierungsform erhalten geblieben wäre. Der Film zeigt, dass dies spätestens in der heutigen Zeit zu fatalen Folgen geführt hätte, dass man beispielsweise weiterhin von Briten und Franzosen abhängig gewesen wäre oder einfacher ausgedrückt: Diese osmanische Republik hätte heute ihren eigenen »Osmanischen Frühling« erlebt, parallel zu jenem Frühling der arabischen Welt in den Jahren 2011 und 2012. Ähnlich endet auch der türkische Film »Osmanlı Cumhuriyeti«, indem das Volk der osmanischen Republik sich zur Wehr setzt und zum Befreiungskrieg ruft, gefolgt von inneren Unruhen.
Atatürk wurde so ein sehr großer Befehlshaber, Stratege und Kriegsführer zugleich. Auch wenn er das Demokratiemodell in die Türkei brachte, war er dennoch kein vollwertiger Demokrat. Die Todesstrafe existierte weiterhin. Er legte den Schwerpunkt auf eine schnelle und intolerante Reformierung und Umwandlung von Land, Gesellschaft und Alltagsablauf. Die laizistische Demokratie hierbei glich hier der letzten Haltestelle vor der Diktatur.
Auch heute sieht man in der Türkei tagtäglich eine gewisse Demokratieform, die so in Europa, zumindest in Nord- und Mitteleuropa, nicht vorhanden ist. Denn die Demokratie macht längst nicht das Papier, sondern das Volk im Alltag in der Praxis. Denn knapp 80 Millionen Menschen in der Türkei leben nicht auf einem Stück Papier, sondern auf Land und Boden. Das Volk in der Türkei hat ein anderes Demokratieverständnis als die Völker Mitteleuropas. Zudem lässt sich auch ein solides Stück Vergangenheit niemals vollständig ausschalten. Auch wenn viele denken, dass die Geschichte der Türkei nur bis 1923 zurückgeht, so ist dies schlicht falsch. Die osmanische Geschichte, bis 1299 zurück zu Zeiten der Entstehung des Osmanischen Reiches, ist ebenfalls Bestandteil türkischer Geschichte. Immerhin sitzt die Türkei auch heute noch auf den Restelementen einer einstigen Großmacht, die vom Balkan bis ans Rote Meer reichte. Diese damalige Realität zeichnet heute noch in gewissem Maße die Region aus.
Geografisch, strategisch und potenzialtechnisch hat die Türkei als einzelner Staat all jene Möglichkeiten, wofür ein Europa wiederum, um Selbiges zu bewirken, eine größere und gemeinsam agierende Wirtschaftsunion aufstellen musste, um eine vergleichbare, große Attraktivität und Vielfalt zu erreichen. Hierbei geht es keinesfalls nur um Wirtschaftsstärke, sondern um geografische, kulturelle und strategische Vielfalt, welche in der Europäischen Union zerstreut erscheint. Doch damit die Türkei ebenfalls wie das heutige Europa groß und größer rauskommen kann, bedarf es massiver und wichtiger Veränderungen im Land.
Was bedeutete dies jedoch für die Türkei direkt? Sollte sie eine eigene Union gründen? Oder sich einer anschließen? Und wenn ja, mit wem? Im Nahen Osten verkehrt sie ziemlich alleine und mit den ethnisch verwandten Türkvölkerstaaten – inklusive Nordzypern – eine Türkvölker-Union aufzustellen, scheiterte ebenso aufgrund mittlerweile auseinandergeratener Interessen und Zielen. Die Türkei nach jahrzehntelanger Selbstbestimmung und Führung in Eigenregie, sowohl vor als auch nach Gründung der Türkei, war schon längst nicht mehr fähig, unter einem Dach einer Union Anweisungen zu befolgen. Weder das Volk noch die Regierung selbst.
Also blieb und bleibt die Türkei alleine. Im Nahen Osten kann der Türkei so ziemlich niemand helfen. Eher könnte die Türkei anderen Staaten in ihrer eigenen Region helfen. Auch die Mehrheit der Türkeistämmigen Deutschlands ist sich dessen bewusst.
Die Nachbarländer der Türkei sind keinesfalls mit den Nachbarländern Deutschlands zu vergleichen. Für die Türkei galt schon immer die Devise: »Je größer ein Nachbar, desto weniger Gefahr geht von diesem Nachbar aus«. Begründung: Die Türkei selbst ist für ihre Nachbarländer wiederum selbst ein großer oder der größte Nachbar überhaupt.
Die Praxis zeigt und bestätigt dies auch. Der Iran ist der größte Nachbar der Türkei, ein Nachbar, auf den man aufgrund ihrer eigenen, regionalen Stärke und Stabilität bauen kann. Bei kleinen Nachbarländern jedoch besteht die Gefahr, dass sie politisch von Mächten beeinflusst und dirigiert werden gegen größere Nachbarn in ihrer unmittelbaren Region. In der Nahost-Region sind kleine Länder dazu verdammt, von größeren Ländern bevormundet zu werden.
Je mehr also kleine Länder innerhalb des Nahen Ostens entstehen würden, umso gefährlicher wäre der Nahe Osten, weil kleine Länder von großen Mächten benutzt werden können. Von daher war die Türkei gegenüber ihren kleinen Nachbarländern immer skeptisch und besorgt.
Dies war auch die Ursache, weswegen die Türkei mit zahlreichen Nachbarn langfristige Probleme hat, weil die Türkei skeptisch und misstrauisch ist und lange Zeit die Außenpolitik darunter leiden musste. Sie sieht in diversen kleinen Nachbarländern keine Bereitschaft, Probleme seriös zu lösen.
Mit so einer Nachbarschaft ist es kein Wunder, dass man andere Geschütze auffahren muss. Dies gilt auch für Politik und Regierungsform. Nach einer Demokratie verlangen, genau nach einer Demokratieform wie in Mitteleuropa, können alle. Aber einmal auf die Landkarte zu schauen, wäre sinnvoller. Die arabischen Nachbarländer, die sich gegenseitig skeptisch anschauenden Länder am Kaukasus, welche im Sommer 2008 eine ernste Krise am Kaukasus auslösten, sind allesamt mit Vorsicht zu genießen.
Um die Türkei also beschreiben zu können, ist es auch wichtig, die Nachbarländer und die Region als Ganzes zu betrachten. Nur auf die Türkei einzugehen, reicht nicht aus.
Deutschland und die Türkei haben insofern etwas gemeinsam, als dass sie beide sowohl große und kleine Nachbarländer haben. Kleine Nachbarländer bedeuten jedoch, dass die Türkei im Falle eines Angriffs aktiv werden muss. Die Türkei müsste also ihren Kopf hinhalten und bei Nachbarn wie Azerbaijan oder Nordzypern ist dies schneller der Fall, als man denkt.
Damals wie heute hat die Türkei noch zahlreiche Probleme, welche nicht nur der Türkei zu verschulden sind, sondern auch der Region selbst, welche dazu verdammt ist, nicht den Frieden zu erlangen. Zu oft wird stets ein Spiegel vorgehalten, sich doch an die eigene Nase zu fassen. Größere Länder der Region wie der Iran oder die Türkei verfügen über Lösungsansätze für diverse Probleme der Region. Jedoch existieren noch größere und vor allem mächtigere Interessen, welche die Lösungsansätze von Ländern wie die der Türkei stumm schalten. Und so ist es für die Türkei nach wie vor wichtig, in so einer impulsiven Region, einen kühlen Kopf zu bewahren. Und je mächtiger die Türkei in Zukunft wird, desto leichter wird es ihr fallen.
Die in Deutschland lebenden zwei bis zweieinhalb Millionen Türkeistämmigen sind keine Repräsentanten für die Türkei. Denn das Land selbst ist keinesfalls mit Türkeistämmigen Deutschlands zu vergleichen, da der direkte Bezug zur Türkei im Ausland nicht gewährleistet ist. Um die Türkei wirklich kennenzulernen, reicht es keinesfalls aus, türkeistämmige Menschen in Deutschland zu analysieren, weswegen die Türkei selbst in diesem Buch von mir ein eigenes Kapitel gewidmet bekam.
In welchen Jahren und Zeiträumen haben die ersten Türkeistämmigen die Türkei verlassen, um in der Ferne ihre Ziele und Träume schneller zu verwirklichen? Wie ging es danach weiter? Welche fatalen Meilensteine setzte die erste Generation schon damals vor mittlerweile vierzig bis fünfzig Jahren?
Um dies zu zeigen, gilt es zunächst auf die unterschiedlichen Generationen näher einzugehen. Jede einzelne Generation bringt Besonderheiten und unterschiedliche Merkmale mit sich.
Die sogenannte erste Generation der Türkeistämmigen in Deutschland ist folgerichtig die, die mit Deutschland konfrontiert wurde und sich in der sogenannten »Fremde« behaupten musste. Ab den 1960er-Jahren erlebte die Türkei instabile und impulsive Jahre. Innenpolitisch hatte das Land zu kämpfen. Die allererste Generation der Türkeistämmigen kam während der 1960er-Jahre nach Deutschland.
Ein Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei wurde im Jahre 1961 unterzeichnet. Zehntausende junger, gesunder Gastarbeiter sollten überwiegend in produktionslastigen Branchen arbeiten sowie auch in der damals in Deutschland boomenden Leder- und Textilindustrie. Gesundheitskontrollen wurden eingerichtet unter Regie deutscher Fachärzte. Die Kontrollen waren streng und sollten dafür sorgen, dass nur die Gesündesten und Besten nach Deutschland kommen sollen.
Das bedeutete also, dass Deutschland seine Arbeiter sorgfältig auswählte. Es wurde anhand dieser Kontrollen eine Art gefiltertes Auswahlverfahren realisiert. Starke und gesunde Arbeitskraft war damals wichtiger als Bildung und höhere Qualifikation. Den Gastarbeitern war dies gerade recht.
Sie kamen mit Zügen von İstanbul oder Ankara aus bis nach Deutschland. Die Fahrt dauerte mehrere Tage. Damit sorgten die Einwanderer aus der Türkei für einen großen Trend im Lande, der noch Jahre und Jahrzehnte anhalten sollte. Zum allerersten Mal gingen zahlreiche Türken ins Ausland zum Arbeiten. Ein Volk, welches sonst global wenig unterwegs war, hatte es plötzlich auf Europa abgesehen, um zu arbeiten. Man arbeitete in Schichten oder Akkord, so auch mein Opa mütterlicherseits, der bei Audi am Fließband arbeitete. Sein Wille, Fleiß und auch seine Ausdauer waren in seinen jungen Jahren unerschöpflich.
