Zusammenhaltestelle - Sebastian 23 - E-Book

Zusammenhaltestelle E-Book

Sebastian 23

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Beschreibung

Der Ton ist rauer geworden, die Debatte teilweise vergiftet, Aggressionen wachsen. Auch eine zunehmende Verrohung der Sprache führt dazu, dass die Grenzen des Sagbaren immer weiter verschoben werden. Das neue Buch von Sebastian 23 – der als @mondschaf auf instagram seine über 120.000 Follower*innen nahezu täglich mit teils scharfen und immer humorvollen Beiträgen versorgt – macht deutlich, dass jede und jeder Einzelne gebraucht wird, dass wir es nicht anderen überlassen dürfen, die schwierige Situation zu meistern. Dass es gerade jetzt den respektvollen Diskurs mit Andersdenkenden braucht, das Ringen um ein Miteinander trotz aller Gegensätze. Es ist notwendig, sich in die aktuellen gesellschaftlichen Debatten einzumischen, Demokratie und Menschenwürde aktiv zu verteidigen. Dabei spielt ein humanes Menschenbild eine entscheidende Rolle. Es geht um echtes Teilen, um Mitgefühl und Nächstenliebe.  Das Buch enthält scharf geschliffene Poetry-Slam-Texte und Essays des politisch engagierten Poeten aus dem Ruhrpott.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 169

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Sebastian 23

Zusammenhaltestelle

Die Kraft des WIR

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Der Ton ist rauer geworden, die gesellschaftlichen Gräben scheinen tiefer zu sein als der Grand Canyon. Doch Sebastian 23 – auf Instagram als @mondschaf23 bekannt – ist überzeugt: Wir sind gar nicht so gespalten, wie wir denken, und es gibt gute Gründe, optimistisch zu sein. Der Autor und Komiker aus dem Ruhrpott macht ­deutlich, dass jede*r Einzelne gebraucht wird, um den Zusammenhalt zu stärken. Er zeigt auf, wie man mit Menschen sprechen kann, die ganz andere Werte vertreten,und auch, wie man ganz konkret zu einem besseren Miteinander kommen kann. Gemeinsam können wir Brücken bauen und für Demokratie und Menschenwürde eintreten. Von »Palaverbäumen« über eine Bibliothek aus Menschen bis zum Nachbarschaftsmahl: Dieses Buch ist ein Weg­weiser in eine bessere Zukunft und zeigt, wie wir alle ein Teil der Lösung werden können.

 

»Das Glück liegt im Wir, in der Handlung und in der ­Bedeutung, die jede*r Einzelne darin findet. Die Zusammenhaltestelle ist immer da, wo du gerade bist.«

Sebastian 23

 

Weitere Informationen finden Sie unter: www.bene-verlag.de

Inhaltsübersicht

Motto

Vorwort: Wer »Wir« sind

Teil I Wir leben getrennt

1. Es ist kompliziert

2. Wurzeln der Zweige

3. Warum wir uns brauchen

4. Brücken über Meere

Teil II Alte und neue Wege zum Wir

5. Wie können wir noch miteinander reden

6. Gemeinsame Werte und Visionen

7. Jede und jeder zählt

8. Bildung als Basis, Handlung als Kern

Teil III Utopia ist nah

9. Lokale Gemeinschaften stärken

10. Wirtschaft und Arbeit neu denken

11. Die Zukunft ist unsere

12. Nachwort: Es ist doch einfach

Danksagung

Draußen,jenseits der Vorstellungen von Richtig und Falsch, liegt ein Feld.Dort werden wir uns treffen.

Rumi

Vorwort: Wer »Wir« sind

»Wir müssen handeln – und zwar ohne Angst und ohne Träumereien«, sagte der damalige Bundespräsident Johannes Rau mal in einer Rede. Seine Worte flimmern vor mir auf meinem Smartphone.

»Wer sind denn Wir?«, rufe ich in das glatte Glas des Bildschirms. Aber es kommt keine Antwort. Das überrascht mich nicht, eine ähnliche Situation hatte ich 2015 schon, als Angela Merkel verkündete »Wir schaffen das!«. Gut, vielleicht sollte ich aufhören, mit Videos zu reden. Aber vielleicht sollten wir auch mal die Frage klären, wer wir überhaupt sind. Ohne Angst und Träumereien. Denn ich glaube, dass es da eine Antwort gibt und diese Antwort ganz entscheidend ist dafür, ob wir eine Lösung für die Krisen unserer Zeit finden. Also habe ich mich in mehrere Dutzend Bücher vertieft, den aktuellen Studienstand in Sozialpsychologie, Politikwissenschaften, Philosophie gecheckt und den Anweisungen meiner Kaffeemaschine Folge geleistet. Vor allem habe ich aber mit vielen Menschen gesprochen und Orte besucht, an denen ganz konkret an einem »Wir« gearbeitet wird. Aus all dem ist dieses Buch entstanden. Vorab kann ich verraten: Es gibt ihn noch, den Zusammenhalt. Er sieht vielleicht anders aus, als du es dir vorstellst, aber keine Sorge: Du wirst dir, wenn du dieses Buch gelesen hast, keine Blumen in die Haare flechten und Hand in Hand mit deinen Erzfeinden über eine Frühlingswiese hüpfen. (Auch wenn ich das besonders bei Friedrich Merz und Gregor Gysi gerne sehen würde.) Vorerst reicht es, wenn wir ein paar Mauern in unseren Köpfen abbauen, um das Licht erhellender Lösungen dahinter zu sehen.

 

Mein Kopf wog am Ende meiner Recherche eine halbe Tonne, und jeder Tag, den ich dann mit Schreiben verbringen konnte, war im wahrsten Sinne eine Erleichterung. Herausgekommen ist dieses Buch. Weil ich während all dem nicht nur randvoll mit Informationen war, sondern auch mit Emotionen, sind neben den Sachtexten auch noch Gedichte und Kurzbeiträge entstanden.

 

Egal, wo du politisch stehst, wirst du kaum bestreiten, dass es gewisse Risse zwischen Teilen der Gesellschaft gibt. Gerade auf »Social Media« hat man schnell das Gefühl, die gesellschaftlichen Gräben seien größer als das uneheliche Kind des Grand Canyons und der Braunkohlegrube Garzweiler II. Auf der anderen Seite wird stets der Zusammenhalt beschworen – ebenfalls unabhängig vom politischen Lager. Aber meistens nur innerhalb einer Gruppe, selbst wenn die angesprochenen Probleme alle angehen. Der Philosoph Byung-Chul Han formuliert es so: »Es wird keine Verbindung hergestellt zwischen meinem Leiden und deinem Leiden. Übersehen wird dadurch die Gesellschaftlichkeit des Leidens.«

Was damit ebenfalls in weite Ferne rückt, ist die Gesellschaftlichkeit der Lösung. Dabei sollte uns allen daran gelegen sein, denn uns ist allen bewusst, dass es zahlreiche Krisen gibt und dass so gut wie alle Menschen darunter leiden. Soziale Krise, Kriege, Klimakrise, Naturkatastrophen, Wirtschaftskrisen und die vermutlich bald stattfindende Übernahme des Planeten durch hyperintelligente Staubsaugerroboter.

 

Nun sitze ich heute mit meinem Laptop auf der Terrasse der Villa Massimo in der Sonne und könnte sehr gut die Augen schließen vor all dem. Aber Privilegien hin oder her, ich saß hier nicht immer, und ich werde hier nicht immer sitzen bleiben. Nichtstun hilft niemandem, auf Dauer nicht mal mir selbst. Es ist sicher nicht an mir, die Lösungen für alle Krisen unserer Zeit zu bieten. Doch es lohnt sich, darüber nachzudenken. Deswegen ist dieses Buch ein Vorschlag, wie es gehen könnte, ein Wegweiser in eine bessere Zukunft. Wir haben alle sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, wie eine Verbesserung der Lage gelingen könnte. Das ist ebenso offensichtlich wie der Umstand, dass sich viele unserer Probleme überschneiden.

 

Unsere Krisen sind menschengemacht. Die meisten resultieren daraus, dass wir keinen guten Umgang miteinander und mit der Welt gefunden haben. Nicht nur das – wir haben sogar einen Umgang mit diesen Problemen entwickelt, der unsere Situation noch weiter verschlechtert hat. Das bedeutet aber auch, dass es anders geht. Wenn es die Systeme, mit denen wir uns bisher organisiert haben oder denen wir eine Lösung für alle Probleme zugetraut haben, einfach nicht schaffen, dann wird es vielleicht Zeit, es mal ganz anders zu versuchen. Die notwendige Veränderung muss viel weiter innen passieren. Dort, wo wir es bisher einander schwer machen. Das klingt abstrakt, aber auf den nächsten Seiten werden sich die Gedanken entfalten. Am Ende wirst du ganz konkret wissen, was du tun kannst, um Teil einer Lösung zu werden.

 

Die Kommentarspalten dieses Landes sind ein bitteres Konzentrat des gegenwärtigen Gegeneinanders. Die Verfasser*innen fühlen sich hinter den glatten Kanten ihrer Bildschirme sicher und bellen besonders laut. Doch die Gräben sehen und spüren wir auch im sogenannten Real Life:in Gesprächen mit Arbeitskolleg*innen, in den Familien, in Beziehungen, beim Dating, in der Schule, der Uni, in den Betrieben, im Seniorenheim oder im Bällebad des Kleinkinderbereichs im IKEA in Dortmund-Kley. Nur hier auf meinem Sonnendeck ist es friedlich. Für den Moment. Aber hier leben wir ja nicht. Wir leben miteinander. Und wir könnten auch gar nicht anders. Aristoteles nennt den Menschen das zoon politikon, das soziale, das politische Wesen. Aber gut, Aristoteles hatte auch kein Facebook.

Es trägt nur wenig dazu bei, einen Konsens zu finden, wenn wir die Themen in einer Talkshow besprechen lassen. Es mag Unterhaltungswert haben, wie uns da ein lautstarker Wettbewerb des Unterbrechens gegenseitiger Monologe als Gespräch verkauft wird. Aber wer schaltet danach den Fernseher aus und denkt: Jetzt habe ich richtig was dazugelernt! Oder: Ich bin endlich in meiner Meinungsbildung weitergekommen! So geht es in Politik und Gesellschaft ganz offensichtlich nicht voran.

Umso wichtiger zu schauen, ob wir nicht andere Wege finden, andere Brücken bauen, andere Schnittstellen schaffen können. Ich sehe nicht nur die Gefahr, die darin liegt, wenn wir keinen Weg mehr sehen, miteinander auszukommen. Sondern ich weiß auch, dass es viele große Chancen beinhaltet, wenn wir gemeinsam Lösungen finden können. Wie das gelingen kann, darum wird es in diesem Buch gehen.

 

Ein Wort noch zum Humor: Ich halte mich an Alok Vaid-Menons weise Worte: »Aus dem Blickwinkel des Todes ist jedes Leben Comedy.« Gemeinsames Lachen ist eine der schönsten Verbindungen und löst vermeintliche Grenzen zwischen Menschen auf. Wir brauchen kein Vorwissen, wir brauchen keine gemeinsamen Traditionen, wir müssen nicht mal dieselbe Sprache sprechen: Wenn wir zusammen lachen, sind wir alle auf einer Ebene. Plötzlich löst sich die Verspannung, schwere Themen werden zugänglich und eine vergessene Verbindung fühlbar. Fühlt euch also frei, über vieles, was bedrückend wirkt, zu lachen. Meinetwegen auch über dieses Buch und die Stellen darin, die ich gar nicht als Witz gemeint habe. Das fände ich persönlich besonders lustig.

 

Zeitgeistleiden

 

In den eingeweihten Eingeweiden

Der Zeitgeistleiden

Zeigen sich zwei freie Geister

Leicht geteilte Eigenheiten

 

Leisten sich kein Leisebleiben

Wissen Weisen einzuschreiten

Gegen einsam Einmaleinsen

Einen eingereihten Reigen

 

Beide schreiben zeilenweise

Zeigen leider Streit und Leiden

Mit Eifer fighten um Eitelkeiten

Verweigern die Gemeinsamkeiten

 

Warum sich nicht weiser zeigen

Reine Kleinigkeiten streichen

Differenzen einverleiben

Heiter bleiben, heimwärts treiben

Teilen, heilen, weiterschreiten

Teil I Wir leben getrennt

1. Es ist kompliziert

Jemand hat mir gesagt, dass alle ihr Päckchen zu tragen haben. Also habe ich mir einen Rollkoffer besorgt. Wenn ich diesen nun aber auf dem Weg zu einer Lesung durch die Fußgängerzonen der Republik ziehe, rattert er dem Kopfsteinpflaster derart über die Schädeldecke, dass den Anwohnern die Ohren klingen. Ich fühle mich dann ein wenig, als würde mir ein Erzbischof mit einer Glocke hinterherlaufen und skandieren: »Schande! Schande! Schande!« Mir fliegen in solchen Situationen sicher nicht vor Glück Gänseblümchen aus dem Knopfloch, aber dennoch habe ich die beste Laune am Platz.

Die meisten irritiert offensichtlich, dass hier in der Innenstadt mehr Leute unterwegs sind als in ihrem Wohnzimmer. Manche scheinen einem Tobsuchtsanfall nahe, weil sie etwas schneller gehen wollen als die Person mit dem Rollator vor ihnen. Oft gibt es auch Stress, wenn jemand auf einer Rolltreppe nicht ganz rechts steht. Es wird generell viel verkehrt gerollt. Aber sind wir falsch gewickelt, wenn wir unsere Mitmenschen negativ einschätzen?

Unser Beziehungsstatus mit der Menschheit ist kompliziert. Dafür gibt es ebenso viele Belege, wie es Gründe gibt, das zu ändern. Also lassen wir mal kurz den Rollkoffer los und werfen einen Blick auf die großen Zusammenhänge: Wir leben in einer Gesellschaft, die den Wert des Individuums besonders hochhält. In der wir uns selbst verwirklichen wollen; wichtig finden, wir selbst zu sein und uns nicht unterzuordnen. Gleichzeitig stehen wir vor globalen Konflikten, die globale Lösungen brauchen – und die werden wir nicht vom heimischen Sofa aus im Alleingang liefern können. Da können wir den Müll dreimal trennen, auf Gewalt gegen Oma Paschulke von nebenan verzichten und uns statt Steak eine Handvoll Moos grillen. Alles super, aber Klimakrise, Kriege und soziale Ungerechtigkeit brauchen größere Lösungen. Deshalb gilt es, einen Weg zwischen individueller Freiheit und kollektiver Verantwortung zu finden.

Da sind wir wieder beim Wir.

 

Doch wie soll das gehen in einer sich immer stärker polarisierenden Zeit? An jeder Straßenecke scheint sich ein gesellschaftlicher Graben aufzutun, und es werden große Brücken notwendig sein, um diese zu überwinden.

Zumal aus der sozialen Isolation heraus die Menschen im Netz nach neuen Verbindungen suchen. »Vernetzung führt dazu, dass wir nicht mit anderen verbunden werden, sondern an diesen vorbei Gleiche und Gleichgesinnte finden«, schreibt der Philosoph Byung-Chul Han. Das gilt selbst mit den eigenartigsten Interessen und schrägsten Meinungen. Auf der Straße musst du lange suchen, bis du jemanden findest, der die Erde für eine Scheibe hält oder überzeugt ist, dass sich Menschen nur von Sonnenlicht ernähren sollten. Im Internet ist beides nur einen Mausklick entfernt. Zur gegenseitigen Bestätigung kommt dann noch die verstärkende Wirkung des Algorithmus hinzu, der uns treu solche Inhalte präsentiert, die uns in den Kram passen und uns vor dem Bildschirm halten. Willkommen in der Filterblase, in der andere Meinungen sanft und sorgfältig ausgeblendet sind.

In Filterblasen bricht uns allerdings die gesellschaftliche Wissensbasis weg, wie Meredith Haaf warnt. Und aus den Filterblasen können gar Echokammern werden, die aktiv das Misstrauen gegen Andersdenkende schüren. In der Psychologie spricht man dabei von Ingroups und Outgroups. Wie wir uns in Bezug auf uns selbst, unsere Überzeugungen und Gefühle, aber auch in unseren sozialen Beziehungen verhalten, das hängt ganz massiv davon ab, wo wir uns zugehörig fühlen und von wem oder was wir uns abgrenzen. Dazu später mehr, rufen wir zuerst noch mal »Hallo« in die Echokammer. Sind Menschen erst mal darin angekommen, löst sich durch die Abwehrhaltung nach außen ihr Vertrauen in die Medien oder ihre Mitmenschen zunehmend auf. Ich kenne dich nicht, aber ich vermute mal, du hast schon mal so jemanden getroffen, der in seiner eigenen Parallelwelt unterwegs ist. Keine Sorge, wir haben alle diesen einen Onkel oder diese schräge Tante. Das mag ein Klischee sein, aber es ist auch ein Symbol. Es beginnt an den Rändern, in den Nischen von Foren, in den Rabbit Holes des Internets. Doch es verweilt mittlerweile nicht im Außen, sondern arbeitet sich schleichend und tropfend bis in die Mitte der Gesellschaft vor. Da stehen wir dann mit Rollkoffern voller Fakten und Argumenten und wundern uns, dass wir damit anscheinend wenig ausrichten können. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir ohnmächtig zusehen müssen, wie die Gräben immer breiter und mit Gift geflutet werden. Pessimismus scheint theoretisch die beste Wahl, denn entweder hat man recht oder die Dinge werden besser. Aber hilft er weiter? Slavoj Žižek geht in Der Mut der Hoffnungslosigkeit davon aus, dass Optimisten dauernd enttäuscht werden und daher deprimiert sind. Klar, wer kennt sie nicht, all die tieftraurigen Optimisten? Während Pessimisten wie Žižek mit Partyhut durch die Fußgängerzone tanzen und »Coco Jambo« singen. Es wird in den nächsten Kapiteln auch darum gehen, welchen sehr einfachen Trick wir anwenden können, um sofort glücklicher zu sein. Kleiner Spoiler: Es ist nicht Pessimismus.

 

Wenn wir uns die Frage stellen, wie wir neu aufeinander zugehen, miteinander ins Gespräch kommen können und womöglich zusammenarbeiten, um eine bessere Zukunft zu gestalten, die für uns alle passt, dann müssen wir aber noch ein kleines bisschen weiter ausholen. Die psychologischen und sozialen Krisen der Gegenwart kommen natürlich nicht aus dem Nichts. Sie sind eng verwoben mit den äußeren Krisen unserer Zeit. Da spielt es kaum eine Rolle, ob du dabei jetzt zuerst an die Klimakrise, die soziale Ungerechtigkeit, den Umgang mit Migration, Rassismus, Sexismus, Ableismus, den zunehmenden Stress in der Arbeitswelt oder an Autokraten, Extremisten oder Terroristen gedacht hast (die ich hier einfach mal nicht gendere, denn sie sind sehr schreckhaft). All diese Krisen hängen eng miteinander zusammen – und ebenso ist es auch mit ihren Lösungen.

 

Es schimmerte schon durch, dass ich einer von diesen Optimisten bin, die Žižek so gerne deprimiert sehen würde. Den Gefallen kann ich ihm leider nicht tun, sondern liefere gut gelaunt Beweise, warum es sich lohnt, an eine gute Zukunft zu glauben. Im Oktober 2024 erschien in der Fachzeitschrift Science eine Megastudie als Kooperation von Dutzenden Forscher*innen. Sie untersuchte 25 Methoden, feindliche Haltungen zwischen verschiedenen politischen Gruppen abzubauen. Über 30000 Menschen nahmen teil. Die Wissenschaftler*innen kamen nicht nur zu dem Schluss, dass das sehr gut möglich ist, besser miteinander umzugehen. Sie fanden auch heraus, dass dabei antidemokratische Tendenzen abgebaut werden. Das sollte in unser aller Interesse liegen, hoffe ich. Also schauen wir uns auch das näher an.

Ein erster Schritt wird sein, dass wir unser negatives Menschenbild loslassen. Es ist wenig erstaunlich, dass wir ein solches Bild haben. Nicht nur in den Medien gibt es einen Fokus auf negative Nachrichten, unser Gehirn ist darauf gepolt, bei Gefahr besonders aufmerksam zu sein. Populist*innen wissen das und spielen ganz gezielt mit unseren Ängsten.

Nehmen wir das berüchtigte Stanford-Prison-Experiment von Philip Zimbardo oder die Elektroschock-Experimente von Stanley Milgram. Zimbardo wollte zeigen, dass gewöhnliche Menschen durch Macht zu Tyrannen werden. Milgrams These war, dass blinder Gehorsam Menschen zum Bösen verleitet. An beiden Experimenten gibt es allerdings inzwischen erheblichen fachlichen Zweifel. Niemand zweifelt dabei an, dass Menschen zu schrecklichen Dingen imstande sind. Aber »das Böse« scheint nicht so einfach in uns zu sein. Wiederholungen der Studien unter »sauberen« Bedingungen, durchgeführt von Alex Haslam und Steve Reicher, wiesen nicht nur nach, dass sich die Teilnehmenden keineswegs alle so einfach zu Gewalt und Tyrannei hinreißen ließen. Es kam erheblich darauf an, wie sie dazu angeleitet wurden. Mehr noch, die Studie zeigte, dass eine gemeinsame soziale Identität dazu führte, dass negative Effekte verringert wurden. Zusammenhalt kann uns also auf einen besseren Weg führen.

Deshalb lohnt es, einen genaueren Blick auf die Lage zu werfen, bevor wir die Menschheit als Ganzes aufgeben. Es scheint noch Anlass zur Hoffnung für alle zu geben. Aber es braucht unsere aktive Handlung, unseren Zusammenhalt und unsere Widerstände. Dann klappt es auch ohne Pessimismus mit dem Partyhut.

 

Gegen Über

 

Wir beginnen im Finden von Verbindungen

Durch Besinnung auf Empfindungen

Und gemeinsame Erinnerungen

Gelingen wir wie Schwingungen

Verstummen die Stimmen der Beschimpfungen

Quellen der Stille zur Tiefe von Stimmungen

Wir springen schließlich über die Klingen

Derselben Bedingungen

Aus den engen Gängen von Zwängen

Hinaus durch dieselben Windungen

 

Dulden keine Ungeduldigen

Suchen keine Schulden bei Schuldigen

Wie auch wir vergeben vergebliche Bemühungen

Sehen ein, dass wir einander sehen und heilsam sein

Verschieben die Verschiedenheiten

Und finden den roten Faden sämtlicher Bindungen

Verwoben in Netzen mit dem Jetzt auf Tuchfühlungen

 

An neuen Ufern

Flusskurven und Rundungen

Sind wir fließende Übungen

Folgen bis zu Mündungen

Sichtungen von Richtungen

Lesen das Leben und lösen Nebel und Trübungen

Im synchronen Schwimmen sind wir die Verbündeten

Schon immer Verbundenen

Den Regen Verbiegenden

Zusammengefunden auf bunten Begründungen

Dem sorgenblauen Morgengrauen

Der Wunder Entwundenen

 

Brechen mit Ausdauer die Außenmauer unserer Innungen

Führen uns wie Kattnis durch Kenntnis aus der Bedrängnis

Sind uns nicht länger selbst Gefängnis

Keine Funktion in schief sitzenden Anzügen

Am Fließband oder knietief in Sitzungen

Stolpern nicht über bürokratische Hürden in Vertiefungen

In Schubladen leben nur Zeugnisse

Erzeugnis verträumter Versäumnisse

Punkte sind pünktlich und wir sind Verknüpfungen

Entrostete Entrüstungen

Verwischen die Spuren von Prüfungen

 

Kein Mensch ist im Regal

Kein Mensch ist eine Insel

Versinkendes Wissen zwischen Fischen und Schiffen

Klippen und Brandungen

Unsere Handlungen sind Landungen

Wir bilden Brücken über Meere

Lücken und Leere

Rücken uns näher

Und finden in uns Bestimmungen

 

Gehen über

In unser

Gegenüber

Wir finden uns wieder

2. Wurzeln der Zweige

Schon als Kind mochte ich das Buch Das kleine Ich-bin-Ich sehr gerne. Darin geht es um ein buntes Fantasie-Tier auf der Suche nach seiner Identität. Alle anderen Tiere wissen aber auch nicht, wo sie es einordnen können. Als es am Ende an seiner eigenen Existenz zweifelt, wird ihm klar: »Sicherlich gibt es mich: Ich bin ich!« Eine wunderbar bestärkende Botschaft, sich selbst so anzunehmen, wie man ist. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille, denn gleichzeitig kann man kaum besser veranschaulichen, wie Identitätsfindung und Abgrenzung zusammenhängen. Das Ich-bin-Ich ist eben kein Pferd, Fisch oder Vogel. Es ist etwas ganz Eigenes. Dabei hat es zwei Augen, zwei Ohren, läuft auf Beinen, hat Haare auf dem Kopf, spricht die ortsübliche Sprache und hat, wie die anderen Lebewesen, Gefühle und einen Willen.

Das trifft alles auch auf mich zu. Bin auch ich ein Ich-bin-Ich? Oder basiert seine Abgrenzung von anderen und auch die Selbstdefinition als einzigartiges Individuum nur auf Teilen seiner Eigenschaften – in diesem Fall nur einigen oberflächlichen Merkmalen? Warum ist es nicht das kleine Ich-bin-Wir? Die Individualisierung scheint uns ironischerweise allen zu passieren. Und ihre Wurzeln liegen womöglich weit zurück. Der britische Psychologe Steve Taylor vermutet, dass wir anfingen, uns primär als Individuen wahrzunehmen, als wir aufhörten, Jäger und Sammler zu sein, und mit Ackerbau und Viehzucht begannen. Da gab es die Menschheit aber schon Hunderttausende Jahre. Also wäre Individualismus trotzdem eine recht neue Modeerscheinung. Und diese neue Mode hat sich keineswegs weltweit durchgesetzt. Sie findet sich nämlich vornehmlich bei WEIRDen Menschen. Beim Anthropologen Josef Henrich steht WEIRDnicht für »merkwürdig«, sondern für western, educated, industrialized, rich and democratic – von dieser Personengruppe schreibt er unter anderem, sie sei hoch individualistisch. Die Ursachen verfolgt Henrich über Jahrhunderte zurück. Dass die mittelalterliche Kirche anfing, die Bedeutung der Kernfamilie in den Fokus zu stellen, schwächte zugleich die Bedeutung größerer Clans und anderer Gruppenzugehörigkeiten. Die Arbeitsverhältnisse der Industrialisierung haben ebenfalls ihren Teil dazu beigetragen, dass die Menschen sich zunehmend mehr um sich selbst drehten, genauso wie auch das marktwirtschaftliche Konkurrenzdenken.

Josef Henrich stellt fest, dass die allermeisten psychologischen Studien an Proband*innen an westlichen Universitäten durchgeführt werden. Die Ergebnisse können so leicht den Eindruck erzeugen, sie würden für alle Menschen gelten. Dabei landen in internationalen Vergleichsstudien die WEIRD