Zusammenstöße - Martin M. Falken - E-Book

Zusammenstöße E-Book

Martin M. Falken

5,0

Beschreibung

Der Schüler Marc besucht die 10. Klasse und war bisher noch nie verliebt. Er bemerkt, dass seine Freunde oft über Mädchen oder Fußball sprechen, woran er jedoch kein Interesse hat. Wr denkt über sich nach und fragt sich, ob er überhaupt Liebe empfinden kann. Doch als er an einem Sommertag mit seinem Fahrrad einen etwas älteren, attraktiven Krankenpfleger anfährt, ändert sich sein Leben und seine Emotionen spielen verrückt: Marc erkennt, dass sein Herz für Männer schlägt.Mit dieser Erkenntnis ist er zunächst überfordert und plant, eine heterosexuelle Beziehung mit Mitschülerin Miriam zu inszenieren. Doch nachdem er feststellt, dass er keinerlei Gefühle für sie entwickeln kann und will, outet er sich bei seiner Familie und in seinem engsten Freundeskreis, erlebt dabei positive wie negative Überraschungen. Er lernt dabei auch, selbstbewusster mit seiner Homosexualität umzugehen. Sein großes Ziel ist jedoch, den scheinbar unerreichbaren David für sich zu gewinnen. Als sich ihre Wege ein weiteres Mal kreuzen, weiß Marc sicher, dass er der Mann fürs Leben ist. Aber ist David überhaupt schwul und wenn ja, wie kann er ihn erobern? Das ist der Beginn einer leidenschaftlichen Beziehung, in der Marc erstmals seinen Gefühlen freien Lauf lässt und 'sein erstes Mal' erlebt. Allerdings muss das frische Paar einige Hürden nehmen und wird mit Zusammenstößen zwischenmenschlicher Art konfrontiert, vor allem weil Davids hübscher, aber gewalttätiger Ex-Freund Florian in ihr Leben tritt. Kann ihre frische Beziehung den Problemen standhalten?

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Seitenzahl: 231

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Martin M. Falken

Zusammenstöße

Himmelstürmer Verlag, part of Production House GmbH

20099 Hamburg, Kirchenweg 12

www.himmelstuermer.de

E-mail:[email protected] Originalausgabe, September 2012

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages

Rechtschreibung nach Duden, 24. Auflage

Coverfoto: www.CSArtPhoto.de

Das Modell auf dem Coverfoto steht in keinen Zusammenhang mit dem

Inhalt des Buches und der Inhalt des Buches sagt nichts über die sexuelle Orientierung des Modells aus. 

Umschlaggestaltung: Olaf Welling, Grafik-Designer AGD, Hamburg.www.olafwelling.de

Printed in Denmark

ISNB Print 978-3-86361-172-9

ISBN ePub 978-3-86361-173-6

Aufstehen

Ich wachte, wie jeden Morgen in der Woche, um sieben Uhr auf und hätte am liebsten noch eine Weile schlafen können. Noch einmal umdrehen und weiterschlafen. Doch durch die hellgrünen Vorhänge kitzelten schon die ersten Sonnenstrahlen mein Gesicht. Sonnenschein!, schoss es mir durch den Kopf und plötzlich war ich motiviert, aufzustehen, wenn auch etwas behäbig. Ich verließ mein Zimmer. Den unordentlichen Papierstapel auf meinem Schreibtisch versuchte ich dabei erst gar nicht zu beachten. Warum war ich eigentlich morgens immer so schlecht drauf? Das schien wohl der teure Preis für abendliche oder nächtliche Vergnügungen auf endlosen LAN-Partys zu sein. Hinzu kam dabei meist noch der nicht sparsame Genuss von alkoholischen Getränken. Überhaupt hätte ich öfter mal um 20 Uhr Zuhause sein und Hausaufgaben machen sollen… Die hatte ich eigentlich nie regelmäßig gemacht. Mir war das wirklich unwichtig, was die Lehrer von mir hielten. Noten waren mir sowieso egal, denn Glückspilze wie ich schafften es, ohne großen Aufwand ein ansehnliches Zeugnis zustande zu bringen.

Ich versuchte die Gedanken zu vertreiben und schlenderte ins Bad, vor dem Spiegel betrachtete ich mein müdes Gesicht, meine Augenringe, meine verwirrten blonden Haare, die in alle Richtungen standen. Ich muss mal zum Friseur, dachte ich, als ich sie mit meinen Fingern zu richten versuchte. Meine Haare waren zu dieser Zeit mittellang, aber warum machte ich mir Gedanken über meine Frisur? Ich verwarf den Gedanken. Ich zog mein T-Shirt und meine Shorts aus und stieg in die Dusche. Das kalte Wasser, das ich mir über meinen Körper laufen ließ, tat mir an diesem Morgen gut. Dem Wetterbericht zufolge sollte es an diesem Tag sehr heiß und schwül werden.

„Maaarc?“, rief meine Mutter aus der Küche. „Ich gehe jetzt zur Arbeit!“

„Ja, alles klar!“, antwortete ich beim Abtrocknen.

Ich hörte, wie sie die Tür zuknallte. Sie arbeitete als Sekretärin im Amt. Mich interessierte gar nicht, was sie da machte. Vermutlich lästerte sie den ganzen Tag mit ihrer Kollegin Ulrike, die zugleich ihre Freundin ist und mit ihr ein Büro teilte, über die Klatschspalten.

Ich verließ das Bad mit einem Handtuch bekleidet und ging inmein Zimmer, wo ich mich anzog. Weißes T-Shirt und eine kurze blaue Hose reichten mir an diesem Tag. Die andere Wäsche lag irgendwo in meinem Zimmer verteilt herum. Zum Waschen hatte ich nie wirkliche Lust. Aber welcher 16-Jährige wusch schon selbst? Ich ganz bestimmt nicht und wenn, dann nur im äußersten Notfall. Blöd war, dass dieser Notfall sich mit der Zeit zu einer Regelmäßigkeit entwickelte.

Am Frühstückstisch angekommen, grüßte mich mein Vater, wie seit einiger Zeit jeden Tag in seinem Trainingsanzug steckend, mit einem kurzen „Morgen!“, ohne den Blick von seiner Tageszeitung zu heben. Er las wieder die Stellenanzeigen, weil er endlich wieder eine Arbeit suchte. Er war seit mehr als sechs Monaten arbeitslos, weil er als Maurer den körperlichen Belastungen nicht standhalten konnte. Komisch ist, dass er Geld für Zigaretten von meiner Mutter bekam. Aber er rauchte vor der Haustür oder auf der Terrasse. Er erfüllte viele Klischees eines Arbeitslosen, dachte ich, als ich ihn da so sitzen sah: fettige braune Haare, unrasiert; ein Pott schwarzer Kaffee und die Zeitung vor sich; auf der Fensterbank, also in unmittelbarer Reichweite, seine Zigaretten und das Feuerzeug - und natürlich sein Trainingsanzug, der seiner Situation die Krone aufsetzte. Meine Mutter hatte ihm Textmarker gekauft, mit denen er sich die Stellenanzeigen anstreichen sollte. Sie meinte, dass er sie sinnvoll einsetzen müsse, denn schließlich hätten sie Geld gekostet.

Meine kleine Schwester, die in die 5. Klasse der Realschule ging, spielte wieder mal mit dem Löffel mit ihren Cornflakes. Ständig hingen die Haarspitzen ihrer dunkelblonden Haare in der Milch. Sie baute mit den Cornflakes dauernd kleine Berge und schüttete Zucker darauf: „Es hat geschneit! Mein Zuckerhut!“, sagte sie dauernd. Doch niemand interessierte sich für ihr Geplapper. Prinzipiell ließ sie ihre Cornflakes stehen und frühstückte wie jeden Morgen – und zwar nur das Weiche des Brötchens. Ich verstand nicht, warum diese Göre immer Cornflakes bekam. Tante Gabi, die Schwester meiner Mutter, hatte sich auch schon mal über die teils sparsame, teils verschwenderische Laune meiner Eltern ausgelassen, wenn sie ihren monatlichen Kaffeebesuch abstattete.

„In vier Wochen gibt’s Sommerferien!“, schrie meine Schwester Tamara.

„Jaaa!“, sagte ich genervt und schenkte mir eine Tasse Kaffee ein.

„Willste nichts essen?“, fragte mein Vater, ohne aufzublicken.

„Neee!“, antwortete ich genervt. „Wie immer!“

Ich holte mir meistens in der ersten Pause am Kiosk ein Brötchen. Das reichte auch für einen Vormittag, insbesondere dann, wenn es so heiß wie an diesem Tag war. Mein Handy zeigte bereits halb Acht an, ich trank schnell meine Tasse schwarzen Kaffee aus und ging in die Diele. Welche Schuhe sollte ich anziehen? Weshalb überlegte ich so lange, welche Schuhe ich anziehen sollte? Also schlüpfte ich in die Chucks und verließ das Haus mit einem kurzen „Ciao!“, nachdem ich schnell meine chaotisch vollgestopfte graue Schultasche über die Schulter gehängt hatte.

In der letzten Reihe

Ich ging über den Schulflur in meine 11. Klasse. Ich saß ganz hinten im Raum mit drei meiner engsten Freunde an einem Gruppentisch. Unsere Klasse war immer auf Gruppenarbeit ausgerichtet. Tom, Alex und Marvin fragten mich sofort, wie ich das gestrige Fußballspiel fand.

Tom spielte selber Fußball. Er war im Tor und merkwürdigerweisehielt er trotz seines schlanken Aussehens nahezu jeden Ball. Das mag daran liegen, dass er athletisch war und sofort zum Ball springen konnte, sobald er ansatzweise in seine Nähe kam. Seine etwas wuscheligen braunen Haare hingen ihm zwar schon fast in seine braunen Augen, doch er schien immer alles zu sehen. In Mathe war er übrigens ein Ass, weshalb er Laura, Marleen und Caroline Nachhilfe gab. Ich wusste zwar nicht, ob er Geld oder etwas anderes dafür bekam,aber er hatte sichtlich Freude daran, die Klassenkameradinnen zu Hause zu besuchen und ihnen stundenlang die Tücken der Mathematik zu erklären. In der Tat hatten sich Laura und Marleen in Mathe um zwei Noten verbessert. Caroline erbrachte seit Toms Besuchen aber schlechtere Leistungen und alle wussten, weshalb. In der Schule gaben die beiden aus verschiedenen Gründen nicht zu, dass sie zusammenwaren. Meine mathematischen Leistungen erbrachte ich jedenfalls durch Abschreiben bei Tom. Nachhilfe wäre mir zu anstrengend gewesen.

Alex war im Grunde mein bester Freund. Seine Stärke lag in Deutsch. Er liebte es, draußen im Sommer zu lesen und deshalb hatte er auch so eine braune Farbe und war immer leger gekleidet. In der Klasse war er der Sonnyboy für die Mädchen. In Abständen hatte er eine Freundin. Doch keine Beziehung hielt. Alex sagte selbst, dass er mehrere ausprobieren müsse, um die Richtige zu finden. Meinetwegen sollte er das tun, aber irgendwann nervte es, wenn er nur davon sprach. Das hatte ich ihm auch mal gesagt. Er war durchaus einsichtig und meinte, dass er zuweilen selbst an seiner Oberflächlichkeit litt.

Ich betrachtete ihn dabei, wie er seine vollen blonden Haare zurückwarf. Sie hatten interessanterweise einen Schimmer Bräune, als hätten sie ebenfalls zu lange in der Sonne gelegen.

Marvin war ein schräger Typ. Üblicherweise redete er nur Blödsinn. Er hatte es auch nur mit viel, viel Anstrengung in die 11. Klasse geschafft. Mich wunderte zudem, dass er überhaupt in der gymnasialen Oberstufe saß. Die Mädchen hassten ihn, weil er ihnen immer auf den Ausschnitt starrte. Zu allem Überfluss hatte er noch Pubertätspickel. Im Grunde bestand sein gesamtes Gesicht aus Pickeln, seine Hände komischerweise auch. Dazu kam, dass er total blass war – das genaue Gegenteil von Alex. Er passte im Grunde nicht zu uns. Als er in der 7. Klasse zu uns kam, hatte er am Gymnasium einenSchulverweis bekommen. Er gab es nicht zu, aber viele aus meiner Klasse behaupteten, er hätte sich an der Schulsekretärin vergriffen. Manche gingen sogar so weit zu behaupten, er habe sie vergewaltigen wollen. Hätte ich ihm jedenfalls zugetraut. Der kleine pickelige blasse Marvin war nicht nur hässlich, sondern wegen seiner Korpulenz auch recht stark. Offenbar habe der Schulleiter ihn erwischt, als er sich an sie rangemacht hatte. Da sieht man wie blöd er war – machte sich an einejunge Erwachsene ran, während der Schulleiter im Nebenzimmer hockte. Die Gunst von Alex und Tom hatte er erlangt, weil er seit zwei Jahren bei uns den Klassenclown mimte. Heute strahlte er wieder einen ausgesprochen penetranten Nikotingeruch aus. Mich erfüllte es immer wieder mit Ekel, ihn anzusehen. Besonders extrem war es, wenn er ungewaschen und mit Nutellaspuren um seinen Mund in die Schulekam.

Ich legte los mit meiner Spielanalyse: Die Deutschen hatten nur verloren, weil sie dauernd links gespielt hatten. Die Schweden hatten sie aber meiner Meinung nach absichtlich ins Abseits laufen lassen. Ja, Fußball war unser Thema, fast jeden Tag. Was da vorne der Lehrer erzählte, interessierte in der Regel nicht.

Es war ein Donnerstag, wie mir erst in der Schule einfiel. Ich holte mein arg zerfleddertes Heft raus und suchte in meiner Tasche nach irgendeinem Kuli. Das Mathebuch hatte ich (mal wieder) vergessen, was mir aber gleichgültig war. Ich mochte Mathe zwar, aber unser Klassenlehrer war eine echte Niete: Lichtjahre älter als wir, wenig Haar und einfach ätzend langweilig!

Immer nur zwei Themen

Es gab Nachmittage, an denen man für gar nichts zu motivieren war. Jetzt war es wieder soweit. Ich saß lässig auf meinem Bürostuhl in meinem abgedunkelten Zimmer. Was sollte ich machen? Musik hören? Hausaufgaben machen? PC spielen? Irgendwie schien mir nichts zu gefallen. Die Hitze hatte sich träge in mein Zimmer gelegt. Eigentlich war es an der Zeit, etwas Bewegung zu haben. Ich lehnte mich noch weiter in meinem Stuhl zurück und schloss kurz die Augen. Spontan fiel mir mein Fahrrad ein. Wieso kam ich erst nach einer Weile auf den Gedanken, Fahrrad zu fahren? Plötzlich sprang ich aus dem Stuhl und lief in den Keller, wo ich mein eingestaubtes Fahrrad aus den Fängen der Spinnenweben zu befreien versuchte. Es musste schon lange her sein, als ich es benutzt hatte. Hoffentlich ist es noch funktionsfähig, dachte ich. Jedenfalls schienen alle Lampen zu funktionieren.

Als ich auf der Straße mein Fahrrad in den längstfortgeschrittenen Sommer einweihte und mich auf eine schöne Tour begeben wollte, bemerkte ich, dass auch die Bremsen noch intakt waren. Ich plante meine Tour bis ins kleinste Detail: Erst einmal mindestens eine Stunde fahren, dann in der Stadt etwas trinken und vielleicht ein Eis essen. Lieber wäre es mir natürlich gewesen, wenn ich mit Alex oder Tom gefahren wäre, aber beide hatten sich mit zunehmendem Alter von unseren gemeinsamen Aktivitäten entfernt, um die Wünsche der Damenwelt auszukundschaften. Manchmal nervte es mich tatsächlich, dass die beiden scheinbar kein anderes Thema mehr kannten. Entweder wurde über Fußball oder eben Mädchen, vielmehr über Sex, geredet. Ob sie nur darüber sprachen oder wirklich schon Sex hatten? Konnte ich mir kaum vorstellen, höchstens bei Alex. Aber … nein, natürlich hatten beide Sex, das war Fakt. Ich erinnerte mich noch an einem Tag in einem Drogerie-Laden vor etwa einem Jahr. Wir drei waren dort, um uns für einen bevorstehenden Tag im FreibadSonnencreme zu kaufen. Wir diskutierten lange vor dem Regal, welche Creme den besten UV-Schutz hätte. Alex wollte die teuerste Creme kaufen, Tom die billigste. Ich hingegen war kompromissbereit, das hieß, ich entschied mich für einen mittleren Preis. Schließlich setzte sich Alex durch. Auf dem Weg zur Kasse nahmen beide völlig unauffällig, geradezu routinemäßig, jeweils ein Päckchen Kondome aus dem Regal und legten es ohne mit der Wimper zu zucken vor die alte Kassiererin. Auch sie machte keine Anstalten, rechnete ab, als ob nichts wäre. Ich kam mir recht blöd vor, da ich der Einzige war, der sich keineKondome gekauft hatte. Ich hatte tatsächlich noch nie welche benötigt. Gegenüber Alex und Tom wollte ich das natürlich nicht zugeben. Ich wartete immer auf den Zeitpunkt, an dem sie fragten, wie es denn mit einer Freundin aussah. Für den Fall, dass sie mich danach fragen würden, hatte ich mir bereits eine unschlagbare Antwort zurechtgelegt: „Es gibt Wichtigeres!“ Irgendwann würde es dazu kommen, da war ich mir sicher. Wir kannten uns schließlich seit dem ersten Schuljahr und eswar ja nur verständlich, dass sie wissen wollten, wie es mit meinem Leben weitergehen könnte. Prinzipiell fühlte ich mich geschmeichelt, wenn sich meine Freunde für mich als Person interessierten … Aber es gab auch eine Privatsphäre.

Ich bemerkte kaum, wie die Zeit an mir vorbeiraste. Über eine Stunde war ich bereits auf dem Fahrrad unterwegs. Warum schossenmir solche Gedanken an Kondome, Freunde und Mädchen beim Fahrradfahren durch den Kopf? Da ich genug nachgedacht hatte, machte ich mich auf den Rückweg und versuchte, meinen Kopf erst einmal zu schonen, denn schließlich machte es einen schon nachdenklich, wenn deine Freunde nur noch von Sex und Mädchen, Mädchen und Sex sprachen und du keinerlei Interesse daran hast …

Asexuell?

Freitagabend, das Wochenende stand an, zwei freie Tage standen bevor. Mein Zimmer war leicht erhitzt, aber ohne T-Shirt und Jeans ließ es sich aushalten. Ich lag in meinem Bett auf dem Rücken und ließ das grelle Licht der Straßenlaterne durch die Spalten meiner Jalousie ins Zimmer fallen. Ich schaute mich um und sah die Umrisse meiner Möbel, meines Fernseher, meines Schreibtisches und meines Schranks. Irgendwie wirkten diese Gegenstände bei so einem Zwielicht recht bedrohlich. Die Hände hinter den Kopf verschränkt, starrte ich auf meine Zimmerdecke. Wenn ich abends nicht richtig müde war, dachte ich manchmal nach, über dies und das, über die Welt, über Fußball. Womöglich lag Alex zur gleichen Zeit mit einem Mädchen im Bett, der er über den nackten Rücken streichelte. Ich atmete genervt, da mich schon wieder dieser Gedanke um Alex und die Mädchenwelt eingeholt hatte. Kopfschüttelnd vertrieb ich für diesen Tag den Gedanken aus meinem Gehirn und dachte nach, wo ich das nächste Mal mit dem Fahrrad hinfahren könnte. Ach ja, das Eis! Ich wollte ja eigentlich noch ein Eis essen. Das musste definitiv nachgeholt werden. Gut, jetzt hatte ich ein Ziel für morgen … Meine Augen fielen zu und allmählich holte mich der Schlaf ein.

Nass geschwitzt wachte ich mitten am frühen Morgen auf. Ich setzte mich erschrocken auf und bemerkte, wie mir der Schweiß vonder Stirn rann. Ich war klatschnass, am ganzen Körper. Außerdem hatte ich eine sehr trockene Kehle. Was war das? Was hatte mich wach gemacht? Zitternd nahm ich mein Handy zur Hand, das am Nachttisch lag und aktivierte das Licht: 4 Uhr 25. Welch eine Zeit! Schwer atmend griff ich zur Wasserfalsche neben meinem Bett und befeuchtete meine Kehle. Ich versuchte mich zu erinnern, was mich gerade so fürchterlichaus dem Schlaf gerissen hatte. Ja, da schoss mir ein erschreckender Gedanke durch den Kopf: asexuell. Mir wurde klar, dass es Menschen gab, die asexuell waren. Nicht viele, aber es ist offenbar so. Sie interessieren sich nicht für Sexualität, können wohl auch keine leidenschaftliche Liebesbeziehung aufbauen. Gehörte ich auch dazu? Bei dem Gedanken blieb mir die Luft weg. Wieso fand ich kein einziges Mädchen an meiner Schule interessant, verdammt? Die Nacht war fürs erste gelaufen. Ich verließ mein Bett und schaltete meinen PC ein. Eigentlich wollte ich mich ablenken, irgendein Ballerspiel spielen. Stattdessen googelte ich wie in Trance „asexuelle Menschen“... Ich will aber nicht asexuell sein, sondern genauso wie jeder andere mit einem Mädchen meinen ersten Sex haben, dachte ich und war an der Grenze zur Verzweiflung. Ich las, dass es verschiedene Typen asexueller Menschen gab. Masturbation ist aber möglich. Auch bei mir? Ich gab „nackte Frauen“ in Google ein und klickte auf „Bilder“. Oh, da ist sehrviel nackte Haut. Ich fasste in meine Boxershorts und ließ meine Hand gewähren. Anstrengend! Vergeblich! Es kam nichts, alles blieb schlaff und lustlos. Ich lehnte mich zurück und schaltete den Bildschirm aus. Ich bin noch nicht reif, sagte ich mir und wusste zugleich, dass ich mich selbst belog. Mit 16 Jahren noch keine Reife zu haben, war ein ziemlich blödsinniger Gedanke. Aber was machte das schon, wenn es doch so war. Jedenfalls wusste ich, dass ich nachts im Schlaf schon Sperma produziert hatte. Aber ich hatte keine Ahnung, warum, es gab ja keinen Auslöser. Das ist bei Jungs scheinbar manchmal so, sagte ich mir. Mit wem konnte ich schon darüber reden? Mit Alex? Mit einem Vertrauenslehrer? Nein, niemals! Ich hätte nie so ein komisches Thema, meine außergewöhnlichen Gedanken und seltsamen Emotionen mit jemandem teilen können. Am ehesten vielleicht mit meinem Hausarzt, denn er müsste ja schweigen. Wenn ich in der nächsten Zeit bei einer nackten Frau nichts verspüre, so dachte ich insgeheim, dann werde ich wirklich einen Arzttermin ausmachen.

Fahrradunfall mit Folgen

Der frische Wind umwehte meine Nase, als ich mit dem Fahrrad fuhr. Ich trat kräftig in die Pedale und hatte meine nächtlichen Sorgenlängst hinter mir gelassen. Die Sonne strahlte, alles wirkte so vertrauensvoll, so harmonisch. Die Nacht hatte meine Wahrnehmung getrübt. Als ich an der Eisdiele meine lang ersehnte Pause gemacht hatte, schaute ich mir die jungen Damen an, die sich mit einer edlen Sonnenbrille und Spaghetti-Trägern im Stuhl lässig sonnten. Darauf fuhr Alex auch ab.

Richtung Stadt fahrend, versuchte ich ein paar Blicke auf schöne Frauen zu werfen. Ich bemühte mich, Leidenschaft und Erregung aufkommen zu lassen, sobald ich eine einigermaßen hübsche Frau sah. Aber es passierte nichts, gar nichts. Mich ärgerte das, weil ich wusste, dass ich wieder am Rande der Verzweiflung stand … wie in der vergangenen Nacht. Zornig, geradezu aggressiv trat ich in die Pedalen und steuerte zielstrebig die Eisdiele auf dem heute nicht gerade belebten Markplatz an. Kein Wunder, dass in dieser Provinz nicht mal samstags dort was los war. Unerwartet schoss mir eine Träne ins rechte Auge. Als ich versuchte, sie mit der linken Hand wegzuwischen, verlor ich die Orientierung und schon krachte es: Etwas verwirrt und mit leichten Schmerzen an sämtlichen Körperstellen lag ich unter meinem Fahrrad begraben. Ich erschrak, als ich bemerkte, dass unter meinem Vorderreifen ein junger Mann lag, sich aber gerade wieder langsam aufrappelte. Sichtlich verlegen streckte er mir die Hand entgegen. Ich musste ihn angefahren haben, dachte ich, soweit ich überhaupt denken konnte. Als er mich ansah, fielen mir seine himmelblauen Augen auf. Er reichte mir die Hand und mir wurde leicht übel. Mit seiner Hilfe stand ich trotz des Schocks und der Schmerzen wackelig auf meinen Beinen.

„Ent-entschuldi-schuldigung!“, stotterte ich. „Ich hab nicht gesehen, dass … dass …!“

„Keine Sorge! Ist alles okay mit dir?“, klang seine kräftig männliche Stimme in mein Ohr, die aufgrund seines jungen Aussehens so gar nicht zu ihm passte. Mir wurde immer schwindeliger. Vermutlich habe ich eine Gehirnerschütterung, vermutete ich und fasste an meine Schläfe. Der italienische Wirt der Eisdiele eilte schreiend heraus: „Oh Madonna!“, kam gleich mehrere Male hintereinander über seine Lippen. „Blut!“

Der junge blonde Mann, der mich hochgezogen hatte, tippte sich auf seinen Hinterkopf und bemerkte erst jetzt seine blutende Wunde. Mir wurde umgehend schlecht. Ich schwankte zwischen Erbrechenoder kurzer Bewusstlosigkeit.

Ich blinzelte. Nur eine grelle, weiße Decke fiel in mein Blickfeld. Und ein unbequemer Schmerz durchzog meinen Kopf. Ich drehte den Kopf und bemerkte erst jetzt, dass ich im Krankenhaus lag. Der Geruch! Krankenhausgeruch! Was war passiert? Mein Gehirn lief auf Hochtouren und da sah ich plötzlich das Gesicht mit den himmelblauen Augen und den dunkelblonden zerzausten Haaren vor Augen.

Neben meinem Bett saß meine Mutter, die nur mit dem Kopf schüttelte. Kaum hatte sie bemerkt, dass ich meine Augen leicht öffnete, quasselte sie lautstark los.

„Kaum fährst du wieder Rad, schon passiert ein Unglück! Typisch, dass du keinen Helm auf dem Kopf hattest.“

„Was ist passiert?“, fragte ich abrupt.

„Du hattest vor der Eisdiele am Marktplatz einen Unfall und hast sogar noch einen jungen Mann verletzt!“

Ich zuckte zusammen. „Wen?“

„Irgendjemanden, der ein Eis holen wollte. Nun liegt er auch mit einer leichten Gehirnerschütterung im Nebenzimmer!“

Mein Herz begann zu rasen. Das musste an meinem denkbar schlechten Gewissen liegen. Ich hatte das Bedürfnis, mich sofort        bei ihm zu entschuldigen und um Verzeihung zu bitten. Mitleid hatte ich bis dahin nie so bewusst gespürt. Klar sagte man oft im Leben ‚Es tut mir leid!’, aber das hatte ich bislang nur als Floskel verstanden und für meine Begriffe in etwa die gleiche Bedeutung wie ‚Entschuldige bitte!’

„Du musst dich bei ihm entschuldigen!“, sagte meine Mutter plötzlich in einem ruhigeren Tonfall. „Ich hoffe, er wird dich nicht anzeigen!“

Der letzte Satz meiner Mutter hatte für mich keine Bedeutung, weil ich ihm irgendwie vertrauen konnte und wusste, dass er das nicht machte. Er hatte mich schließlich unmittelbar vor meinem Zusammenbruch mit einem Lächeln wieder auf die Beine gebracht, als wollte er sagen, dass der kleine Aufprall nicht schlimm sei. Macht doch nichts! War mir ein Vergnügen!

Schön wäre es gewesen, wenn er das wirklich gedacht hätte.

„So, ich überlasse dich deinem Schicksal! Morgen früh kann ich dich abholen!“, beendete meine Mutter ihren Aufenthalt und griff nach ihrer hellgrünen Handtasche. Bevor sie das Krankenzimmer verließ, in dem ich völlig allein in der Mitte zweier leer stehender Betten lag, ermahnte sie mich erneut eindringlich, dass ich mich zu entschuldigen habe. Kaum war sie aus dem Zimmer, schon rappelte ich mich, wenn auch unter pochenden Kopfschmerzen, auf und verließ mein Krankenbett. Genau in diesem Augenblick kam eine füllige, aber ausgesprochen lieb wirkende Krankenschwester mit roten Pausbacken ins Zimmer. Sie trug ein Tablett mit meinem Abendessen: zwei Scheiben Brot, Butter, Schinken, Käse und eine Tomate. Zudem stieg mir der Duft von Kamillentee in die Nase. Eine Cola und ein Käsebrötchen hätten es auch getan, dachte ich. Aber man musste ja hier den ekelhaften Tee trinken. Letztmals lag ich vor drei Jahren nach einem Fußballspiel wegen eines gebrochenen Beines hier. Es war exakt das gleiche Abendessen.

„Bleiben Sie liegen! Sie haben nicht aufzustehen. Sie wollen doch morgen wieder nach Hause!“, sagte sie in einem liebevollen Tonfall und schon horchte ich und legte mich ins Bett. Sie stellte das Tablett ab und stemmte ihre Hände in die Hüften. Sie versuchte spielerisch streng zu wirken:

„Weißt du, dass ich deinetwegen Überstunden machen muss?“

„Bin ich etwa der einzige Kranke hier?“, fragte ich verwundert.

„Aber nein! Ich mache Überstunden, weil du meinen Kollegen außer Gefecht gesetzt hast!“

Ich machte große Augen und schien nichts zu verstehen. Was meinte sie? War sie verwirrt? War sie vielleicht mit dem Kopf auf den Boden des Marktplatzes geknallt?

„Schau mich nicht so an, du Schäflein! Du hast David angefahren. Er arbeitet hier als Krankenpfleger.“

Endlich verstand ich und grinste zurück.

„Na, also! Du bist ja nicht ganz dumm, mein Schäflein! Nun iss aber, du willst ja morgen wieder nach Hause!“

Sie verließ behäbig das Zimmer. Ich machte mir Gedanken um David. David hieß er also, ein sehr schöner Name, der zu diesem Gesicht passte. Meine Güte, ich hatte noch nie so ein Bedürfnis, mit jemanden wie David befreundet zu sein, obwohl ich ihn nicht malkannte. Es war einfach die Sympathie. Ich freute mich unbändig, mich bei ihm zu entschuldigen. Und kaum fasste ich den Gedanken an diese Situation, die allenfalls wohl kaum mehr als zehn Minuten dauern würde, klopfte mein Herz wie wild vor Aufregung. Ja, David wäre ein echt toller Kumpel für mich. Ich widmete mich meinem Abendessen, hatte aber keinen Hunger. Mein Brot bestreichend, dachte ich darüber nach, was ich bereits alles über David wusste: er hatte tolle blaue Augen, dunkelblonde Haare, arbeitete als Krankenpfleger, … ich wusste nicht, welche Hobbys und Interessen er hatte. Wünschenswert wäre natürlich, wenn wir irgendwelche Schnittmengen hätten. Man konnte sich ja kennenlernen, dachte ich und ertappte mich, wie ich bei dem Gedanken lächelte. Doch dann kam mir in den Sinn, dass ich morgen früh wieder nach Hause konnte. Ein Stich in mein Herz machte meine Vorfreude zunichte. Ich starrte auf den Tee, nahm einen Schluck und plötzlich sah ich David im Zimmer stehen - unwillkürlichspuckte ich meinen Tee vor Schreck aus.

„Was machst du denn? Das Zeug schmeckt nicht, was?“, lachte David.

Ich wollte antworten, musste jedoch husten. Mein Shirt war von Kamillentee durchnässt. Mir war das dermaßen peinlich, dass sich mein Gesicht rötete. Auch meine Ohren wurden warm, als ich den lächelnden David vor mir stehen sah. Er reichte mir seine Hand, die ich ergriff. Ein ausgesprochen starker Händedruck, der von einem guten, standfesten Charakter zeugte.

„Macht nichts, dass du mich angefahren hast! So muss ich heute Nacht wenigstens nicht arbeiten“, sagte David, immer noch mit einem Lächeln im Gesicht. Ich betrachtete seine überaus weißen Zähne.

„Da-da-danke!“, stotterte ich und ärgerte mich innerlich maßlos über mich. Ich schaffte es noch nicht einmal, ein einziges Wort ohne Stammeln auszusprechen. Na super, was musste er für einen Eindruck von mir haben? Ein mit Tee bekleckerter Teenager, der einen Sprachfehler hatte und zu blöd zum Radfahren war. Er kam mir in meiner Gegenwart so erhaben vor. Wie ein Engel, mit einem weißen Shirt und einer kurzen weißen Hose stand er vor mir.

„Du siehst wie ein Engel aus!“, platzte es bewundernd aus mir heraus. Ich hätte  mich am liebsten selbst ohrfeigen, meine Zunge abbeißen können, um dann im Erdboden  zu versinken. Ich spürte,dass mein Gesicht eine unnatürlich rote Färbung annahm. David lachte nur leicht auf und sah mich an. Ich schaute beschämt auf den Boden.

„Du bist noch nicht ganz fit“, stellte er fest. „Ich komme nachher noch einmal vorbei!“

„Ich … ich … möchte dich zum Drink einladen. Als eine Art Entschuldigung!“, sagte ich ohne Stammeln und war wahnsinnig stolz auf meinen gelungenen Satz. Das Zimmer verlassend, nickte er mir freundlich zu.

„Das können wir gerne machen!“

Ich schaute meinem Engel hinterher und hatte ein ganz komisches Gefühl im Bauch. Ich hatte keinen Appetit mehr und legte mich auf den Rücken. Ich starrte die Decke an. Nein, ohne David wollte ich nicht weiterleben … Was denke ich da? Abrupt richtete ich mich auf und zitterte … Konnte es wahr sein, dass ich verliebt war? Aber … aber doch nicht in … in … in einen … Mann … Ich musste ein paar Mal kräftig schlucken und versuchte, ein bestimmtes Wort, eine bestimmte Eigenschaft, die mich betreffen könnte, gar nicht erst zu denken. Doch es fuhr blitzartig durch meinen Kopf. Wieder durchzuckte es meinen ganzen Körper, als hätte mir jemand einen Stromschlag verpasst. Ich vergrub mein Gesicht im Kissen und konnte meine Tränen kaum noch zurückhalten.

Die Erkenntnis

Allein, orientierungslos und von allen allein gelassen, begab ich mich durch einen finsteren Wald, von dem ich aber wusste, dass er eine Lichtung hatte. Es wurde aber immer dunkler und überall könnten wilde Tiere lauern: Bären, Wölfe, Wildschweine … Da spürte ich einen starken Schmerz auf meinem Arm. Ein weiterer Schlag galt meinem Kopf. Ich drehte mich um und sah in das helle Gesicht von David. Er hatte ein Messer in seiner Hand und hielt es an meine Kehle.

„Warum machst du das?“, fragte ich ihn völlig fassungslos.