Zweite Chance am Deich - Sigrid Hunold-Reime - E-Book

Zweite Chance am Deich E-Book

Sigrid Hunold-Reime

4,7

Beschreibung

Anne, Tomke Heinrichs Freundin, reist zu ihr in die Pension, um besser schreiben zu können. Für die einsame Tomke ein Geschenk des Himmels. Sie ist gerade auf dem besten Weg, ihrem Exgeliebten Paul erneut zu verfallen. Aber Anne und Tomke haben bald ganz andere Probleme. Sophie, eine Kellnerin im Restaurant »Leuchtfeuer«, sucht bei ihnen Zuflucht. Ihre Jugendliebe ist an ihrem Arbeitsplatz aufgetaucht und will sich mit ihr treffen. Aber kann man dem Mann, der einen Menschen auf dem Gewissen hat, verzeihen? Tomke leistet Schützenhilfe und bringt damit sich und Anne in Gefahr.

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Sigrid Hunold-Reime

Zweite Chance am Deich

Roman

Impressum

Ausgewählt von Claudia Senghaas

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2015 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2015

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © ischoenrock – Fotolia.com

ISBN 978-3-8392-4708-2

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Prolog

Sie bleibt in der Haustür stehen und starrt auf den Schuhkarton, den er wie ein Schutzschild vor seine Brust gepresst hält. Zögernd wandert ihr Blick höher und landet in seinem verlegenen Lächeln.

»Ich habe das Haus verkauft«, sagt er.

Sie antwortet nicht. Warum erzählt er ihr das? Der Verkauf war eine abgesprochene Sache und ist keine Neuigkeit.

Er räuspert sich und überreicht ihr den Karton. Ihre Hände nehmen ihn in Empfang. Lassen ihn nicht fallen.

»Den habe ich im Keller gefunden. Er gehört dir, glaube ich«, erklärt er unbeholfen.

»Stimmt«, sagt sie mit rauer Stimme. Sie hält den Karton mit steifen Armen weit von sich gestreckt. Als wäre er versehentlich bei ihr gelandet und würde ihr gleich wieder abgenommen.

»Komm doch auf einen Tee herein«, bietet sie ihm mechanisch an.

»Heute nicht. Aber danke.«

Sie nickt und denkt, morgen auch nicht. Es ist vorbei. Fast zwanzig Jahre Ehe. Vergangenheit. Der Gedanke fühlt sich angenehm und federleicht an.

Wieder allein setzt sie sich mit dem Karton ins Wohnzimmer. Sie sollte ihn samt Inhalt durch den Reißwolf jagen und in den Papiermüll werfen. Dort gehört er hin, schon lange.

Aber sie kann nicht widerstehen und öffnet ihn. Der Geruch von altem Papier strömt ihr entgegen. Sie fährt mit einem Finger über die ordentlich gebündelten Briefe. Sie sind von einem roten Seidenband gehalten. Unter dem Bündel blitzt etwas Schwarz-Weiß-Kariertes hervor. Ihr Tagebuch. Sie schiebt die Briefe beiseite. Ein Foto kommt zum Vorschein, auf dem sie mit Heiner abgebildet ist. Sie stehen auf einer Segeljolle. Übermütig lachend und blutjung.

»Wer ist das?«

Vor Schreck rutscht ihr der Karton fast vom Schoß. Ihr Sohn ist unbemerkt hinter sie getreten.

»Das sind – das war – ein Jugendfreund.«

Ihr Sohn nimmt ihr das Foto aus der Hand und betrachtet seine jugendliche Mutter und den fremden, jungen Mann.

»Was macht er jetzt?«, fragt er.

»Heiner? Das weiß ich nicht, wir haben keinen Kontakt mehr.«

»Ruf ihn doch mal an.«

Hitze steigt ihr ins Gesicht. Sie muss lachen. Es klingt rostig. Ruf ihn doch mal an. Sie versucht, Haltung zu bewahren. Ihr Sohn kann nicht ahnen, zu welchem schmerzhaften Teil ihrer Vergangenheit der Mann auf dem Foto gehört.

»Ich kann ihn nicht mehr anrufen.«

»Ist er tot?«

»Nein. Glaube ich jedenfalls.«

Sie steht auf, streicht ihrem Sohn über die Schulter und geht auf den Balkon. Der frische Luftzug streift kühlend über ihre erhitzten Wangen. Von oben ertönt ein aufgeregtes Rufen und Schnattern. Sie schaut hoch zum Himmel. Wildgänse. Ihre ausgebreiteten Flügel werden von der tief liegenden Herbstsonne angestrahlt. Die Wildgänse fliegen dicht hintereinander. In dem Licht erscheinen sie wie eine schillernde Luftschlange. Sie erinnert an den Tanz chinesischer Drachen.

Kapitel 1

Horumersiel

Tomke – nach dem Sommer

Mitte Oktober und die Temperaturen sind mild, fast sommerlich warm geblieben. Dazu ist es ist viel zu trocken. Herbstlaub und Spätblüher sind von einem milchigen Schleier überzogen. Als hätte ein Maler unter alle Farben ein wenig Deckweiß gemischt.

Die Badegäste behaupten, das seien die typischen Herbstfarben am Meer. Daran erkennt man, wo man ist. Tomke widerspricht ihnen nicht. Obwohl es nicht wahr ist. Auch an der Küste kleidet der Oktober die Gärten in eine prächtige Palette aus Rotgold. In diesem Jahr treiben sogar die Geranien und Rosen noch neue Blüten. Aber ihre Farben leuchten nicht mehr. Sie wirken blass und kraftlos. Genauso fühlt sich Tomke. Und vor allem ohne Plan, wie es weitergehen soll. Wie dieser Oktober, der nicht zu wissen scheint, in welche Jahreszeit er gehört. Dieses Strudeln ohne Orientierung erinnert Tomke vage an ihre Pubertät.

Zum Glück lockt der milde Herbst ungewöhnlich viele Urlauber an die Nordseeküste. Kurzentschlossene rufen in der Pension an und buchen ein Zimmer. Oft für ein verlängertes Wochenende. Tomke kann sich nicht auf die faule Haut legen. Das wäre in ihrer aktuellen Gefühlsverfassung der Untergang. Schließlich kann sie nicht ständig mit ihrer Enkeltochter Vanessa nach Jever ins Kino fahren. Die Kinderfilme und die erfrischende Lebensfreude der Achtjährigen lassen Tomke zur Ruhe kommen. Aber ihre Tochter Juliane würde Wind bekommen und Fragen stellen: »Was ist los mit dir Mama? Seit wann gehst du so gern in Kinderfilme? Muss ich mir Sorgen machen?« Tomke hat absolut keine Lust, ihrer Tochter Rede und Antwort zu stehen.

Deshalb ist sie doppelt froh, Gäste im Haus zu haben. Das Krabben-Zimmer und das Seestern-Zimmer sind belegt. Tomke muss Frühstück vorbereiten, einkaufen, putzen und immer wieder präsent sein. Sie kann sich nicht gehenlassen.

Meine Güte, so war sie nie. Sind das nun die Hormonschwankungen, die sie bislang nur vom Hörensagen kennt? Möglich. Immerhin ist sie Anfang fünfzig.

Tomke zerzaust sich mit einer für sie typischen Geste ihr rötlich getöntes Haar. Nein, denkt sie. Die fehlenden Hormone sind nicht allein schuld an ihrer Stimmungslage. Ob sie es nun wahrhaben will oder nicht, sie fühlt sich zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich alleingelassen. Wie verwaist nach einem wunderbar geselligen Sommer. Sie ist mit Karl und seiner Terrierhündin Tina jeden Tag am Meer spazieren gegangen. Ein ungewöhnlicher Luxus während der Hauptsaison. Und es war Tomkes Rettung. Karl stand jeden Nachmittag pünktlich vor der Tür. Diese Zuverlässigkeit hat Tomke Stärke gegeben. So viel, dass sie sich eingebildet hat, das Kapitel Paul wäre endgültig abgeschlossen. Sie käme mit dem Singleleben bestens klar.

Tomke schnaubt verächtlich. Kein allzu großes Kunststück sich unabhängig zu fühlen, wenn man jeden Tag jemanden zum Reden und Gernhaben hat.

Karl war mit seinem Wohnwagen unterwegs. Er wollte nach Schottland in die Highlands und zu seinen geliebten Whiskeys. Der Campingplatz in Schillig sollte nur eine der Zwischenstationen sein. Er ist wegen Tomke hiergeblieben.

Sie lächelt bei dem Gedanken. Nein, er ist nicht für mich hiergeblieben. Aber das haben weder er noch ich ahnen können. Er ist hiergeblieben, weil er Dörte kennenlernen sollte. Die beiden haben sich auf den ersten Blick ineinander verliebt. Als hätten sie ihr Leben lang aufeinander gewartet. Mit der Wendung hätte Tomke nicht im Traum gerechnet. Sie kann sich an den verfahrenen Tag im September bestens erinnern.

Morgens war ein großes Foto von Paul in der lokalen Presse. Von ihm und seiner Frau. Das hat wehgetan. Und Tomkes verdrängte Gefühle brachen aus ihr heraus. Sie war neidisch, eifersüchtig, sehnsüchtig.

Der Absturz kam am Abend. Tomke ist mit Karl im Bett gelandet. Obwohl sie wusste, sie geben kein Liebespaar ab. Sie sollten Freunde bleiben. Aber an dem Abend wollte sie Nähe und nicht vernünftig sein. Der Rausch war kurz und ihre Begegnung im Bett für beide kein Feuerwerk.

Verwirrt und traurig wollte Tomke sang- und klanglos aus Karls Leben verschwinden. Aber Karl ließ sie nicht gehen. Er wollte reden. »Lass uns Freunde bleiben«, hatte er gesagt. Freundschaft. Das ist leicht gesagt und lebt sich verdammt schwer, wenn man Frau und Mann ist und der eine für den anderen mehr empfindet. Dieses Ungleichgewicht ist dünnes Eis, auf das Tomke im Leben nicht wieder gehen wollte.

Nun, es kam anders. An dem gleichen Abend hat als i-Tüpfelchen des Chaos Dörte angerufen. Völlig verzweifelt. Wohlgemerkt nach acht Jahren Sendepause. Und Tomke ist weich geworden. Sie ist über ihren Schatten gesprungen und hat Dörte zu sich eingeladen. Eine goldrichtige Entscheidung. Im Nachhinein betrachtet.

Tomke sieht auf die Küchenuhr. Es geht auf Mittag. Im Haus hat sie längst klar Schiff. Das Ehepaar Schöne ist mit beiden Kindern unterwegs. Tomke beschließt, ebenfalls frische Luft zu schnappen. Ein bisschen um den Pudding radeln. Das wird ihr guttun. Sie zieht sich den knallroten Poncho über. Der reicht bei den milden Temperaturen. Das leuchtende Rot beißt sich mit Tomkes kastanienrot getöntem Haar, aber sie liebt den luftigen Umhang. Er ist ein Dankeschöngeschenk von Dörte.

Tomke schiebt ihr Fahrrad aus der Garage und fährt die Deichstraße entlang Richtung Schillig. Als sie am Deichtor vorbeikommt, entscheidet sie sich weiter auf dem Weg hinter dem Deich zu bleiben. Der verwaiste Campingplatz würde ihre melancholische Stimmung nur verstärken. Der Platz ist schon größtenteils geräumt. Die Campingsaison geht dem Ende zu. Die Wohnwagen müssen vor Stürmen und Springfluten geschützt werden. Die meisten sind auf die umliegenden Höfe verteilt und warten auf den nächsten Frühling am Meer.

Karl hat seinen Wohnwagen auch längst weggeholt. Allerdings nur bis nach Hooksiel. Karl ist bei Dörte eingezogen. Die beiden laden Tomke immer wieder ein. Sie sind ihre Freunde. Das meinen sie ehrlich, das weiß Tomke. Aber sie sind nur im Doppelpack anzutreffen, als wären sie zusammengewachsen. Selbst wenn sie aus Rücksicht auf ihren Gast nicht nebeneinander sitzen, die zärtlichen Bande zwischen ihnen sind spürbar. Tomke fühlt sich in Gesellschaft der Frischverliebten wie das fünfte Rad am Wagen und einsamer als wäre sie allein zu Hause geblieben.

Ja, und Dagmar. Dörtes attraktive, lebenslustige Mutter. Sie und Tomke sind sich während der turbulenten Tage im September nähergekommen. Mit Dagmar hätte sie das liebgewonnene Ritual der gemeinsamen Spaziergänge und Gespräche weiterführen können. Aber Dagmar hat überraschend einen Vertrag als Model angeboten bekommen. Konfektionen für die attraktive, reifere Frau von heute. Dagmar ist fast siebzig. Dass sie sich zwischen den jungen Schönen auf dem Laufsteg behauptet, imponiert Tomke mächtig. Sie ist stolz auf Dagmar. Die Kehrseite der späten Karriere: Dagmar ist schwer beschäftigt und hat für Spaziergänge kaum Zeit. Auch nicht zum Klönen. Und das funktioniert nur, wenn man sich regelmäßig trifft. Das hat Tomke im vergangenen Sommer durch Karl gelernt. Es sind die vielen kleinen Augenblicke, die man miteinander austauscht. Gesammelt über einen längeren Zeitraum schwindet ihre Bedeutung, sogar die Erinnerung an sie.

Tomke hat in Gedanken kräftig in die Pedalen getreten. Links geht der Weg bereits zum ›Deichgrafen‹ nach Förrien ab. Tomke hält an und steigt vom Rad. Die Bewegung hat sie ins Schwitzen gebracht. Sie reißt sich den Poncho über den Kopf, wirft ihn über den Sattel und bleibt mit ausgebreiteten Armen stehen. Der Wind streicht angenehm erfrischend um ihren Körper. Trocknet den Schweiß auf ihrer Stirn und das feuchte Haar.

»Nur auf eine Tasse Tee«, hat Paul gesagt. »Man kann doch zehn Jahre nicht einfach streichen.«

Tomke schließt die Augen. Exakt das waren ihre eigenen Worte im April gewesen. »Man kann doch zehn Jahre nicht einfach streichen.«

Und genau das hat Paul getan. Er hat sich für seine Frau entschieden. Nach einem Jahrzehnt intensiven Zusammenseins und nachdem sie schon von Hochzeit gesprochen hatten. Um bei der Wahrheit zu bleiben, nur Tomke hat davon gesprochen. Paul hat zustimmend geschwiegen.

Er hat sich den ganzen Sommer über nicht gemeldet. Ausgerechnet jetzt nimmt er wieder Kontakt zu ihr auf. Als hätte er telepathische Kräfte, die ihm einflüstern: ›Moin Paul, bei Tomke ist gerade Deichfraß. Du hast eventuell eine Chance.‹

In dem Augenblick, in dem Tomke seine Stimme am Telefon gehört hat, war ihr klar: Sie hat immer noch Sehnsucht nach ihm. Sie scheint sogar größer geworden zu sein. Als wäre sie im Geheimen gewachsen.

»Nur auf eine Tasse Tee beim ›Deichgrafen‹. Nein, keine Angst. Nicht in unserem Appartement in Wilhelmshaven. Ganz unverfänglich auf einen Tee in aller Öffentlichkeit.«

»Unverfänglich und öffentlich«, schimpft Tomke laut und stopft den Poncho in die Satteltasche. Unverfänglich ist zwischen uns nicht möglich. Wir haben uns über zehn Jahre lang geliebt. Du hast dich für deine Frau entschieden. Ende! Aus! Tomke dreht ihr Rad in Richtung Horumersiel. Bloß weg. Schlimm genug, dass sie bis hiergefahren ist und sich einredet, sie wollte nur frische Luft schnappen. Tomke Heinrich. Tomke Heinrich. Du befindest dich gerade in einer wackeligen Gefühlslage. Ganz bestimmt nicht der richtige Zeitpunkt, um dich unverfänglich mit Paul zu treffen. Wenn es diesen Zeitpunkt überhaupt gibt!

Sie tritt auf dem Rückweg noch heftiger in die Pedalen. Vor der Jugendherberge wird sie von einer Horde Kinder ausgebremst, die gerade über den Deich vom Strand zurückgetrabt kommt.

Tomke atmet zu schnell und Schweißperlen hängen schwer über den Augenbrauen. Sie wischt sie ärgerlich mit dem Handrücken weg. Aus ihrer Satteltasche ertönt das tiefe Signal eines Nebelhorns. Sie hat eine SMS erhalten.

Ein sommersprossiger Junge gafft Tomke ungeniert neugierig an. Sie hätte ihm am liebsten die Zunge herausgestreckt. Sie unterdrückt diese kindische Anwandlung und schiebt das Rad ungeduldig durch die zappelnden Kinder. Die SMS ist mit Sicherheit von Paul. Dann sitzt der tatsächlich beim ›Deichgrafen‹ und wartet auf sie. Der Gedanke besänftigt Tomke ein wenig. Soll er sich ganz unverfänglich zum Tee ein Stück Friesentorte bestellen. Die ist beim ›Deichgrafen‹ oberlecker.

Tomke will gerade auf ihr Rad steigen und weiterfahren, als ihr Handy die Tatortmelodie zu dudeln beginnt. Ein Anruf. Obwohl Tomke fest entschlossen ist, nicht mit Paul zu reden, fischt sie ihr Handy aus der Satteltasche. Aber es ist nicht Paul. Auf dem Display leuchtet: Anne-Linda Loretta. Tomkes Herz macht einen Freudenhopser. Sie nimmt das Gespräch schnell an.

»Moin, meine Liebe«, meldet sie sich herzlich.

»Grüß dich, Tomke. Das ist so schön, deine Stimme zu hören«, erwidert Anne erfreut.

»Das sehe ich ganz genauso«, bestätigt Tomke breit lächelnd. »Wann sehen wir uns endlich wieder?«

Anne lacht leise auf. »Die Nachfrage kommt passend. Mir ist nämlich – ganz spontan eine Idee gekommen. Hast du vielleicht ein Zimmer frei? Für – sagen wir mindestens eine Woche. Vielleicht länger. Ich will bei dir oben in Ruhe arbeiten.«

Tomke lauscht in ihr Handy und kann knapp einen Jubelschrei unterdrücken. Das ist ein Geschenk des Himmels. Das ist ihre ganz persönliche Rettung.

»Ja, die Wassernixe. Und wenn nicht, dich würde ich immer unterbringen.«

»Danke.«

Beide Frauen sind für einen Augenblick still.

»Ich kann immer noch nicht Auto fahren«, sagt Anne.

»Ich habe einen Abholservice, schon vergessen?«, lacht Tomke unbekümmert.

»Stimmt. Ich erinnere mich. Gut, dann melde ich mich, wenn ich die Zugverbindung rausgesucht habe. Bis gleich. Und ich würde gern heute Abend noch anreisen.«

»Das geht in Ordnung«, sagt Tomke atemlos vor Freude.

Kapitel 2

Hameln

Anne – nach dem Aufwachen

Anne sitzt am Küchentisch vor ihrem Rechner. Die Bildschirmseite ist weiß. Und das schon seit einiger Zeit. Anne kann die fordernde Leere nicht mehr ertragen und gibt ihren Namen ein. Linda Loretta. Um ihn sofort wieder zu löschen. Sie braucht ein neues Pseudonym hat Charlotte, ihre Lektorin, gesagt. Nimm doch deinen realen Namen. Der klingt wunderschön und ist nicht zu lang. Anne pustet sich eine vorwitzige Locke aus der Stirn und tippt Anne Wilkens ein. Linda Loretta hat ihr besser gefallen. Aber Linda Loretta und ihre ans Herz gehenden Liebesgeschichten sind verbraucht, nicht mehr zeitnah. »Du kannst mehr«, hat Charlotte ihr Mut zugesprochen. »Fang einfach an. Ich freue mich darauf.«

»Ich habe keine gute Phase. Das wird dauern«, hat Anne ihr vorgejammert.

»Dann lass dir die Zeit, die du brauchst«, hat Charlotte in ihrer ruhigen Art geantwortet.

Lass dir Zeit, denkt Anne. Das ist lieb von Charlotte. Sie ist ihr wirklich sehr wohlgesonnen. Aber wie lange noch? Wann wird Charlotte die Geduld verlieren und viel schlimmer – das Interesse? Im letzten Verlagsprogramm sind fünf Debütantinnen auf Hochglanzseiten abgebildet gewesen. Fünf! Selbstbewusst, strahlend und unglaublich jung. Dazu ekelhaft produktiv. Sie sitzen garantiert schon über einem Nachfolgeroman.

Bedeutet Charlottes liebevolle Nachsicht im Grunde nur, sie hat längst genug andere Autorinnen an der Hand, die nicht so schwerfällig sind. Die sich sehr viel besser vermarkten lassen als die lichtscheue Anne. Die die Kunst des Small Talks beherrschen und liebend gerne auf Lesereisen gehen. Die sie wahrscheinlich selbst organisieren.

Anne schiebt die düsteren Visionen beiseite. Charlotte und sie, das ist mehr als eine berufliche Verbindung. Oder nicht?

Charlotte hat Anne vor zehn Jahren in den Verlag geholt und aus der Kolumnenschreiberin die Liebesromanautorin Linda Loretta gemacht. Warum einen neuen Weg einschlagen, von dem sie keinen Schimmer hat, wo er sie hinführen wird. Anne hasst Veränderungen.

Sie tippt lustlos zu ihrem Namen das Wort ›Arbeitstitel‹ in die Tastatur. Ausgeschrieben. Dann steht sie auf und geht an den Kühlschrank.

Das war immer Lisettes erster Weg, wenn sie aus der Schule kam. Die Überprüfung des Kühlschranksortiments. Das hat sie so intensiv getan, als wären die vorrätigen Lebensmittel für sie allesamt Neuerscheinungen. Anne hat sich jedes Mal über die Energieverschwendung geärgert. Jetzt steht sie selbst viel zu lange vor der offenen Tür, bis sie die herausfallende Kälte spürt. Fröstelnd klappt sie die Tür zu und schenkt sich einen heißen Kaffee ein. Beide Hände um den Becher gespannt, setzt sie sich wieder vor den Bildschirm und trinkt langsam das wärmende Getränk.

Dann legt sie ihre Finger in Schreibposition auf die Tastatur. Ohne, dass sie ihnen einen Befehl gegeben hat, klicken sie den E-Mail-Server an. Keine neue Nachricht. Lisette ist unglaublich schreibfaul. Aber auch Anne fehlen die richtigen Worte. Was schreibt man einer fast 16-jährigen Tochter, die sich entschlossen hat, ein Jahr bei ihrem Vater zu leben? Weit weg. In Amsterdam. Mir geht es gut. Wie geht es dir? Wir haben in Hameln herrliches, ungewöhnlich mildes Herbstwetter. Wie ist es in Amsterdam? Anne befürchtet, jede mit Nichtigkeiten gefüllte Zeile zieht ihr die Maske vom Gesicht und macht ihre Sehnsucht sichtbar. Und ihre Angst, Lisette zu verlieren. Lisette ist sensibel. Sie würde ihre Mutter durchschauen.

Anne klickt wieder die Manuskriptseite auf. Arbeitstitel. Wie könnte er lauten? Anne durchforstet ihr Gehirn. Nichts. Kein einziger Gedankenblitz für eine klingende Überschrift. Dabei kann sie normalerweise neue Titel wie am Schnürchen produzieren. Viel zu viele. Die Entscheidung für einen Einzigen fällt ihr immer schwer. Meistens wechselt sie den Arbeitstitel mehrmals während des Schreibens.

Vielleicht kann sie nicht mehr schreiben? Anne schaut aus dem Fenster. Sie verfolgt eine vorbeiziehende Wolke eine Scheibenlänge lang. Nicht mehr schreiben. Was wäre daran so schlimm? Die Erde würde sich ohne ihre Geschichten weiterdrehen. Ganz sicher. Die Frage lautet eher: Was fängt Anne ohne ihre Geschichten an?

Verhungern würde sie jedenfalls nicht. Das ist die gute Nachricht. Ihre Eltern haben ihr Haus am Ohrberg verkauft und sind in eine seniorengerechte, nette Wohnung umgezogen. Sie haben Anne das Erbe vorzeitig ausgezahlt. Sie wollen nicht, dass ihr Erspartes womöglich in ihre Pflege fließt. Die sie einkalkulieren. Ihre Eltern sind immer vernünftig und vorausschauend. Und sie haben eine so verträumte Tochter bekommen. Es muss eine herbe Enttäuschung für sie gewesen sein, als Anne nach dem Lehramtsstudium nicht ihr Referendariat angetreten hat. Stattdessen ist sie über beide Ohren verliebt einem windigen niederländischen Künstler auf sein Hausboot nach Amsterdam gefolgt. Nach drei Jahren ist sie mit der einjährigen Lisette nach Hameln zurückgekehrt. Sie hatte zwar ein abgeschlossenes Studium, aber im Grunde keinen Beruf. Ihr fehlte das Referendariat. Vorher konnte sie sich nicht auf eine Teilzeitstelle bewerben. Das bedeutete ein Jahr lang Vollberufstätigkeit. Dafür brauchte sie einen zuverlässigen Babysitter. Am besten einen Krippenplatz. Aber um den zu ergattern, hätte sie Lisette gleich nach ihrer Zeugung anmelden müssen.

Annes Mutter bot ihre Hilfe an. Sie war überglücklich, dass ihre Tochter nach Deutschland zurückgekehrt war. Und sie hatte wie immer vernünftige Argumente. »Du musst jetzt an die Zukunft denken. Du brauchst deinen Beruf. Das eine Jahr ist doch kein Problem. Weißt du was, ich werde Lisette nehmen. Keine Widerrede! Ich wollte sowieso reduzieren. Wenn sich mein Arbeitgeber nicht darauf einlässt, kündige ich. Mach dir keine Sorgen. Wir schaffen das zusammen!«

Das hatte sich verlockend angehört. Verlockend, aber leider nicht lebbar. Das merkte Anne schon innerhalb der wenigen Wochen, die sie mit Lisette in ihrem Elternhaus untergeschlüpft war.

Ihre Eltern hatten das Zimmer ihrer Tochter seit ihrem Auszug nicht verändert. Selbst die Bücher, die Anne zuletzt gelesen hatte, lagen liebevoll abgestaubt auf dem Schreibtisch. Alles sah aus, als wäre die Zeit in den vergangenen Jahren stehen geblieben. War sie aber nicht. Anne konnte nicht nahtlos an ihre Studentenjahre anknüpfen. Einfach untertauchen und sich vor Erinnerungen und gelebter Zeit verstecken. Sie trug Verantwortung. Anne war mittlerweile selbst Mutter.

Ihre Eltern gaben sich Mühe, die Veränderung zu respektieren. Sie achteten darauf, Grenzen einzuhalten. Eine Anstrengung, die sie nicht lange durchhielten. Besonders ihre Mutter verfiel in alte Verhaltensmuster. Sie übernahm still und leise in aller Liebe die Regie über das Leben ihrer Tochter und ihrer Enkelin. Sie brachte frisches Gemüse und Obst vom Einkaufen mit. »Lisette sollte nicht nur den Fertigpamps aus den Gläsern essen. Ich koche gerne, das weißt du.«

Ganz selbstverständlich sammelte sie, wenn sie eine Waschmaschine füllen wollte, auch die Kleidungsstücke von Anne und Lisette ein.

»Wäre doch dumm, wenn jeder für sich eine Maschine anwirft.«

Das klang alles vernünftig. Was sollte man dagegen setzen? Nichts, außer dass es Anne entgegen aller Vernunft ein mulmiges Gefühl bereitete. Das staute sich in ihrem Bauch und schoss unberechenbar aus ihr hervor. Sie argumentierte unsachlich, als wäre sie wieder ein Teenager und mitten in der Pubertät. Aber wenn sie sich aufbrausend wehrte, lächelte ihre Mutter nur verständnisvoll. »Ach Anne, du hast viel durchgemacht. Du musst erst einmal zur Ruhe kommen. Nimm dir doch einen Nachmittag Zeit. Nur für dich. Du siehst müde aus und sei mir nicht böse, aber du solltest nicht die halbe Nacht vor dem Fernseher sitzen. Übermüdung macht krank. Davon sieht man irgendwann Gespenster.«

Alle Ratschläge wurden leise und liebevoll geäußert. Anne sah keine Chance, sich gegen so viel guten Willen durchzusetzen. Vor allem sah sie keine Möglichkeit, sich neben ihrer strukturierten Mutter entwickeln zu können. Neben so viel Dynamik würde sich Anne immer als zu langsam und ungeschickt empfinden. Und sie wollte sich nicht ständig um Nichtigkeiten zanken. Ihr Vater verhielt sich wesentlich zurückhaltender. Er versuchte, nicht zwischen die Fronten zu geraten. Aber er litt unter der Disharmonie im Haus. Anne liebte ihre Eltern. Die Liebe wollte sie nicht verlieren. Die Entscheidung war eindeutig: Sie brauchten eine räumliche Trennung.

Abgesehen davon fehlte Anne die Motivation, um ein Anerkennungsjahr durchzuhalten. Was sollte danach kommen? Sie gestand sich ein, dass sie sich nicht mehr in dem Berufsbild einer Lehrerin wiederfinden konnte.

Anne suchte und fand für sich und Lisette eine winzige Wohnung in Hameln in der Deisterstraße. Dort hielt sie sich mit Heimarbeit über Wasser. Und dem Sozialamt. Der Ehrlichkeit halber auch von Kees-Jans Unterhaltszahlungen.

Nachdem ihre Eltern die Kränkung überwunden hatten, unterstützten sie ihre Tochter, wo sie nur konnten. Aber es blieb für Anne ein Leben der vorgeworfenen Brotkrumen. Wobei die des Sozialamtes und die ihrer Eltern ihr besonders sauer aufstießen.

Dann kam die Wende. Durch einen Zufall landete Anne in der Redaktion einer Frauenzeitschrift. Sie beantwortete Leserbriefe. Das war die Geburtsstunde von Linda Loretta, die Zeitungskummertante. Als plötzlich zu wenige Briefe in der Redaktion eintrudelten, sah Anne ihren Job in Gefahr. Sie ergriff die Initiative und schrieb die Fragen selbst. Das kam richtig gut an, und die Kolumne war recht erfolgreich. Die Chefredakteurin bot ihr an, einmal im Monat ›Die wahre Geschichte aus dem Leben‹ zu schreiben. Es sollten anrührende Liebesgeschichten sein. Die flossen Anne nur so aus der Feder. Und dann kam der Anruf von Charlotte. Sie ermunterte Anne, einen Roman im Stil ihrer Kurzgeschichten zu verfassen. Ihr Debüt ›Der neue Nachbar‹ erreichte das Verkaufszahllimit, und seitdem gab es die Liebesromanreihe Linda Loretta. Und nun soll alles vorbei sein?

»Nicht vorbei«, hat Charlotte über ihre Ängste gelacht. »Denk nicht so negativ. Schreib über Frauen, die aus Fleisch und Blut sind. Frauenfiguren, mit denen sich eine moderne Frau identifizieren kann.«

Charlotte hat gelacht, als sie das sagte. Aber Anne hat einen Unterton in ihrer Stimme gehört. Eine Warnung. »Sei nicht so stur und lass dich auf was Neues ein. Sonst kann ich bald nichts mehr für dich tun.«

Was dann? Soll sie mit 44 Jahren umsatteln? Würde eine Umschulung in ihrem Alter überhaupt noch finanziert? Lehrerin, nein, auch wenn sie dort eine Chance bekäme, der Zug ist für sie schon vor vielen Jahren abgefahren. Vielleicht sollte sie sich eine Putzstelle verschaffen. Möglichst mit Familienanschluss, um Mäuschen zu sein. Sie würde Geld verdienen, und mit ein wenig Glück würden ihr neue Geschichten in den Schoß fallen. Geschichten, die nach Charlottes Geschmack wären. Ganz dicht am Leben. Sozusagen von der Front.

Anne zuckt lakonisch mit den Schultern. Was soll das Gejammer? Charlotte hat recht. Linda Loretta ist tot. Allerdings sind nicht Marketinggründe schuld an ihrem Ableben. Linda Loretta hat sich in diesem Sommer in Amsterdam aufgelöst. Anne hat begriffen, es gibt keine gemeinsame Zukunft für sie und Kees-Jan. Diese Hoffnung war die eigentliche Triebfeder für ihre Liebesromane. In den romantischen Geschichten hat Anne sich geborgen gefühlt. Und wenn ihre Heldinnen auf allerlei Umwegen endlich in die Arme ihres Liebsten sinken konnten, spürte Anne die Nähe von Kees-Jan.

Diese erträumte Nähe hat sie bei ihm in der Wirklichkeit nicht mehr gefunden. Auch wenn ihre Körper mit verzweifeltem Trotz versucht haben, die unsichtbaren Barrieren zu überwinden. Es ist ihnen nicht gelungen.

Annes Mutter hatte sie vor einem Neuanfang mit Kees-Jan gewarnt. »Aufgewärmter Kaffee schmeckt nicht. Er hat sein ganz spezielles Aroma verloren.«

Verloren. Stimmt. Anne hat die Kunst verloren, Luftschlösser zu bauen. Sie kann keine Liebesgeschichten mehr schreiben. Sie erscheinen ihr nun kitschig und viel zu unrealistisch. Aber geht es nicht immer um Liebe? Selbst in einem Krimi. Da geht es um ihre Abgründe. Sie könnte in einem Krimi die Gefühle mit mehr Distanz betrachten. Sie könnte sich an dem Plot festhalten, der logisch sein muss. Vielleicht ist das Genre das Richtige für sie in ihrer derzeitigen Verfassung. Wie beginnt man einen Krimi? Mit einer Grenzsituation. Sie sollte Angst einflößen oder neugierig machen. Wovor hat Anne Angst? Vor den ungenutzten Tagen, in denen sie herumhängt und keinen Plan hat. Sie hat Angst, dass Lisette nicht wieder zu ihr zurückkommt und bei ihrem Künstlervater in Amsterdam bleiben will. Kees-Jan, der viel cooler ist als die vorsichtige Anne.

Anne legt ihre Finger wieder in die Grundposition, aber sie tippt keinen einzigen Buchstaben. Nein, Krimis zu schreiben ist keine gute Idee. Sie hat kürzlich gelesen, das Gehirn kann nicht unterscheiden, ob wir uns etwas ausdenken oder wirklich erleben. Deshalb halten uns am Morgen die Gefühle aus Träumen eine Zeit lang fest. Wie schlafen und träumen wohl Autoren von blutigen, schaurigen Thrillern?

Anne schüttelt sich. Vielleicht kommt für sie eher eine Komödie in Frage. Genau. Etwas Beschwingtes. Das würde sie aufmuntern. Anne grübelt, aber ihr fällt partout nichts Heiteres ein.

Sie steht auf und beginnt konfus in der Wohnung umherzulaufen. Ihr Weg führt sie abermals an den Kühlschrank. Das Angebot ist unverändert und gesund. Frisches Gemüse und Käse. Würziger Käse. Nicht die stereotypen, fast geschmacklosen Sorten, die Lisette bevorzugt.

»In Amsterdam gibt es ein internationales Gymnasium. Das ist eine super Chance, um besser Englisch und Französisch zu lernen. Und außerdem, ich kann meinen Dad endlich kennenlernen. Also echt kennenlernen. Nicht nur den Feriendaddy. Das kannst du doch verstehen, oder? Stell dir vor, du würdest von deinem Vater getrennt aufgewachsen sein und hättest so eine voll gute Gelegenheit, ihn kennenzulernen.«

Anne hat mit den Schultern gezuckt. »Ich kenne meinen Vater auch kaum«, war ihre lahme Antwort.

»Das ist schade für euch«, hat ihre Tochter ernsthaft geantwortet. »Er lebt ja noch. Du kannst ihn besuchen und mit ihm reden.«

Weise Ratschläge von einer fast 16-Jährigen. »Klugschiss!« Das wäre Tomke Heinrichs trockener Kommentar gewesen. Anne hat Tomke seit April nicht mehr gesehen. Sie haben sich nur geschrieben. Das heißt, Anne hat ihr meistens geschrieben. Als sie Tomke gestanden hat, sie würde nach vierzehn Jahren einen zweiten Versuch mit Kees-Jan wagen, hat Tomke geschwiegen. Dabei hat sie mit Sicherheit wie Annes Mutter über einen eventuellen Neubeginn gedacht. Mit dem einzigen Unterschied: Aufgewärmter Tee schmeckt nicht. Aber Tomke hat den Mund gehalten und Anne nach Amsterdam ziehen lassen. Das ist Tomke.

Anne ist in Lisettes Zimmer gelandet. Es ist nicht das übliche Jungmädchenzimmer. Keine Poster, keine Nippes. Es ist aufgeräumt, hell und klar. Das hat Anne immer verwundert. Ihre Tochter ist sonst eher chaotisch und sehr temperamentvoll. Was heißt chaotisch? Vielleicht ist sie einfach nur mutiger als ihre Mutter. Das wäre ihr zu wünschen, denkt Anne. Sie legt sich auf das Bett ihrer Tochter. Das Kopfkissen verströmt noch immer einen leichten Duft von Lisettes Shampoo. Ein Jahr. Lisette hat mich als Autorin nie ernst genommen. Hoffentlich als Mutter.

Anne gibt sich einen Ruck und steht auf. Aber sie geht nicht zurück an ihren Arbeitsplatz. Es hat keinen Sinn ihren Rechner zu umtanzen, durch die Zimmer zu streifen und sich einzubilden, sie würde heute noch zum Schreiben kommen. Sie nimmt ihren Mantel und geht nach draußen.

Anne wohnt schon lange nicht mehr in der Deisterstraße. Sie hat mittlerweile eine schöne Wohnung in der Altstadt. Ganz in der Nähe des Weserwalls. Mit schnellen Schritten geht sie durch das bunte Herbstlaub. Eine Einsvierundachtzig große Frau. Lieblingsfarbe Schwarz. Eine Hosenfrau, die leichte Stoffe liebt, die angenehm weit die Beine umspielen. Legere dreiviertellange Jacken oder Mäntel. Die lange dunkelbraune Lockenpracht ungezügelt und offen. Eine schöne vierundvierzig Jahre alte Frau.

Seine nordische Elfe, seine bezaubernde Muse, so hat Kees-Jan sie genannt. In der ersten Zeit. Als Lisette geboren war und Anne sich nach ein wenig mehr Sicherheit gesehnt hat, wurde sie in seinen Augen zur Spießerin. Eine mit kleinbürgerlichen Ängsten, die den Fluss seiner Kreativität blockierte. Er wäre nicht für eine feste Bindung geschaffen. Und er würde sich nie verbiegen und einsperren lassen.

Anne schaut auf die andere Seite der Weser zum Klöt, der zum Weserbergland gehört. Die Herbstfarben der Baumkronen leuchten in allen Facetten von Rot und Braun in der Sonne. Anne wirft ihr Haar nach hinten und lacht trocken auf. Von wegen nicht verbiegen, sich niemals dem Kommerz unterwerfen. Kees-Jan ist schon lange etabliert, und seine Kreativität zieht er mehr aus der Lebendigkeit junger Kunststudentinnen, die ihn anhimmeln und als Meister verehren. Die in ihrer Faszination nicht merken, dass er sie melkt. Und nicht binden? Er hat geheiratet und noch eine Tochter bekommen. Das zu dem Thema niemals. Das einzige Gefühl, das Anne ihm abnimmt, ist die Liebe zu seinen Kindern.

Anne ist an der alten Weserbrücke angekommen und geht bis zu ihrer Mitte. Hier steht sie gern. Schon immer. Anne lehnt sich über die Brüstung und schaut dem fließendem Wasser hinterher. Das macht sie leicht schwindelig. Aber genau das leise Schaudern gefällt ihr. Rechts rauscht kraftvoll das fallende Wasser hinunter. Ein Wehr. Vor seinem Sog hat Anne sich schon immer gefürchtet. Auf der linken Seite ist der Anleger für die Ausflugsdampfer. Manchmal war Anne mit ihrer Mutter allein bis zum Ohrberg gefahren. Dort wartete ihr Vater mit dem Auto auf seine beiden Frauen. Anne hatte als Kind immer Angst, dass der Dampfer beim Wendemanöver vom Sog das Wehr hinuntergezogen werden könnte. Da halfen auch die Beschwichtigungen ihrer Mutter nicht, die sie über die Motorkraft des Dampfers aufklärte. Erst wenn er Fahrt in Richtung Ohrberg genommen hatte, konnte sie die Schifffahrt genießen.

Anne dreht sich um und lehnt sich mit dem Rücken an das Geländer. Ein Linienbus fährt vorbei. An seiner Flanke steht ein Werbespruch für eine Süßigkeit: »Und was ist mit Tee?«

Anne lächelt und muss an Tomke denken. Tomke, die jammert nicht lange über vergossene Milch. Die lässt sich nicht wie ein Blatt vom Wind weiterwehen. Tomke hat ihr Leben im Griff.

Und sie ist die Einzige, der Anne von ihrem gescheiterten Neuanfang erzählen kann. Ohne Gefahr, die üblichen Trostratschläge aufgehalst zu bekommen: »Schau nach vorn. Es ist deine Zeit, die an dir vorübergeht. Und ehrlich, was hast du nach vierzehn Jahren erwartet? Sei froh, dass du diesen eitlen Künstler los bist. Strich drunter. Du bist im besten Alter. Attraktiv. Wer weiß, wer dir noch begegnet. Und Lisette. Kopf hoch. Kinder gehen ihren Weg. Da müssen wir alle früher und später durch.«

Solche Allerweltsweisheiten würden von Tomke nicht kommen. Oben am Meer erscheint sowieso alles leichter. Oben am Meer. Genau! Sie würde sich bei Tomke einmieten. In ihrer Pension würde sie zur Ruhe kommen und wieder schlafen können. Und vielleicht könnte sie dort sogar schreiben.

Anne holt ihr Handy hervor. Hoffentlich ist die Pension nicht ausgebucht. Das wunderschöne Herbstwetter wird Nordseeurlauber anlocken. Warum ist sie nicht gleich auf diese naheliegende Idee gekommen? Anne drückt auf Kontakt Tomke. Zum Glück geht sie an ihr Handy.

»Moin, meine Liebe«, meldet sich Tomke in ihrer herzlichen Art.

Anne durchströmt augenblicklich ein warmes Gefühl.

»Grüß dich, Tomke. Das ist so schön, deine Stimme zu hören.«