Beschreibung

Die 71-jährige Martha will frühmorgens die reifen Schattenmorellen in ihrem Garten im Cuxhavener Stadtteil Stickenbüttel ernten. Sie wird von einem Gewitter überrascht und fällt vom Baum. Mit einem gebrochenen Arm und einer Gehirnerschütterung wird Martha ins Krankenhaus eingeliefert. An den Unfall kann sie sich nicht mehr erinnern. Dafür umso besser an eine schicksalhafte Sommernacht vor 54 Jahren. Damals wütete auch ein Gewitter und es gab unter der Schattenmorelle einen Toten. Im Krankenhaus trifft sie die 48-jährige Eva, die als junges Mädchen ihre Nachbarin war. Für beide Frauen wird der Krankenhausaufenthalt eine harte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Dabei übersehen sie fast die tödlichen Gefahren der Gegenwart ...

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Sigrid Hunold-Reime

Schattenmorellen

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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© 2009 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75/20 95-0

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung / Korrekturen: Susanne Tachlinski

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend

dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,

blüht jede Weisheit auch und jede Tugend

zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe

bereit zum Abschied sein und Neubeginn,

um sich in Tapferkeit und ohne Trauern

in andere, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,

an keinem wie an einer Heimat hängen,

der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,

er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.

Prolog

Meine Mutter mochte den Sommer nicht. Wegen der brütend heißen Tage, an denen sie am Herd stehen und Marmelade kochen musste. Sie hasste es, wenn Fliegen ihren erhitzten Körper umschwirrten. Sie hatte immer eine Fliegenklatsche in ihrer Nähe.

Aber vor allem mochte sie den Sommer nicht, weil er schwere Gewitter mit sich brachte. Vor denen hatte sie eine kindlich übersteigerte Angst. Damit terrorisierte sie unsere ganze Familie.

Mich faszinierten Gewitter. Wann immer ich es schaffte, schlich ich nach draußen, um im Schutz des Verandadaches ganz nah dabei zu sein. Kein Windzug und kein Vogelgesang mehr. Nur das langsame Anrollen des Donners. Die immer stärker werdende Kraft. Wenn sich die Wolken über dem Meer zusammenballten. Schwarz und bedrohlich. Dazwischen ein See aus strahlendem Blau. Manchmal auch ein grünes, metallisch glänzendes Auge oder ein schmaler Farbsaum, der eine schwarze Wolke umarmte.

Ich wartete immer, bis das Gewitter die Küste erreicht hatte und der aufkommende Wind die Baumkronen verbog. Manchmal hielt eine Tanne dem Druck nicht stand. Wir hatten einige davon hinten im Garten stehen. Ich genoss es, die ersten Regentropfen auf meinen nackten Armen zu spüren. Und die Entspannung, wenn der Wind nachließ, die Wolken sich abgeregnet hatten oder weiter landeinwärts zogen. Danach roch die Luft köstlich nach Kräutern und Blüten, manchmal auch herbwürzig nach Meer. Das war für mich das Schönste. Bis zu dem Sommer, in dem ich siebzehn Jahre alt wurde.

Erst viel später ist mir klar geworden, wie sehr mich meine Mutter geliebt haben muss. In dieser Nacht hat sie für mich ihre Angst überwunden. Sie ist zu mir nach draußen gekommen, obwohl ein Gewitter tobte.

Sie war eine sehr abergläubische Frau. An unserem Abreißkalender fehlten immer der siebte und der dreizehnte Tag des Monats. Sie verschlang Horoskope und glaubte fest an bestimmte Kombinationen von Sternzeichen, die Menschen zu Liebespaaren machten. Ihre esoterische Neigung sollte mein Glück werden.

Meine Schwester Helene ist vier Jahre älter als ich und unserer Mutter sehr ähnlich. Sie pendelte über ihrer Pulsschlagader die Anzahl ihrer Kinder aus. Sie versteckte unter ihrem Kopfkissen einen Fetzen Brautschleier, den sie auf einer Feier erhascht hatte. Sie glaubte, ihr zukünftiger Ehemann würde ihr so im Traum erscheinen. Ich habe sie nie gefragt, ob sie von Karl geträumt hatte.

Kapitel 1

Cuxhaven im Juli 2008

In der Küche klappert jemand mit Geschirr. Es riecht nach geschälten Äpfeln. Ich halte die Augen geschlossen und genieße das Gefühl vergangener Geborgenheit.

»Sie teilen das Abendbrot aus. Ich mache gleich Schluss«, zerreißt eine schmerzhaft laute Frauenstimme meinen Traum. Verwirrt öffne ich die Augen. Fremdes Bettzeug. Blassgelb wie die Wand vor mir. Zwei Bilder. Eines mit Mohn und eines mit Sonnenblumen. Ein Fernsehapparat auf einem Wandregal. Neben mir steht noch ein Bett. In ihm sitzt eine Frau im Schneidersitz. Sie hat die Silhouette einer Buddhafigur.

»Sie wacht auf, Kuddel. Bis morgen, dann. Tschüss.«

Ich reiße meine Augen weiter auf, als könnte ich dadurch besser begreifen. Was ist so bemerkenswert an meinem Aufwachen? Hat man mich versehentlich für tot erklärt? Diese Vorstellung ist beim Gedanken an das Sterben meine größte Angst. Scheintot begraben zu werden. Für eine Einäscherung konnte ich mich bisher aber auch nicht entscheiden. Am besten wäre ein Glöckchen über meinem Grab, an deren Schnur ich im Notfall von unten ziehen könnte.

»Wo bin ich?«, krächze ich, um mich nicht noch weiter in Bestattungsfantasien zu verlieren. Meine Stimme gehorcht mir erst beim zweiten Versuch.

»Im Krankenhaus«, antwortet die Frau bereitwillig. Sie arbeitet erstaunlich behände die Beine unter ihrem Bauch hervor und lässt sie aus dem Bett baumeln. Sie berühren nicht den Fußboden.

»Sie haben sich den Arm gebrochen, und am Kopf haben Sie auch etwas abbekommen.«

Ihr rundes Gesicht glüht. Es gefällt ihr offensichtlich, mir ihr Wissen präsentieren zu können.

Krankenhaus? Arm gebrochen? Kopfverletzung? Was ist passiert? Warum kann ich mich nicht erinnern? Bin ich wieder einmal mitten in einem Traum? Meine Mutter behauptete immer, man würde von jemandem geträumt, wenn man einen Traum nicht als Traum erkennt, sondern für die Realität hält.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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