Zu mir ans Meer - Sigrid Hunold-Reime - E-Book

Zu mir ans Meer E-Book

Sigrid Hunold-Reime

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Beschreibung

Birthe hat einen tödlichen Verkehrsunfall. Doch sie hat Glück, ihre Zeit ist noch nicht gekommen - sie darf auf die Erde zurückkehren. Allerdings gibt es ein Problem: Mit ihrem Körper ist nichts mehr anzufangen. So landet die zuverlässige, zum Helfersyndrom neigende Birthe im Körper der chaotischen, depressiven Mia. In ihm sucht Birthe die Nähe der ihr vertrauten Menschen. Wird sie einen Weg, zurück in ihr altes Leben, finden?

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Sigrid Hunold-Reime

Zu mir ans Meer

Roman

Zum Buch

Einmal Himmel und zurückStellen Sie sich vor, Sie hatten einen Verkehrsunfall mit tödlichem Ausgang. Doch Sie haben Glück, Sie dürfen zurück auf die Erde. Es gibt nur ein Problem: Mit Ihrem Körper ist nichts mehr anzufangen. Genau das passiert der 40-jährigen Birthe. So landet die zuverlässige, zum Helfersyndrom neigende Birthe im Körper der chaotischen, depressiven Mia.

Birthe sucht die Nähe zu den vertrauten Menschen aus ihrem alten Leben. Sie trifft ihren Mann, ihre Tochter, ihre Eltern. Sie erzählen ihr, welche Erinnerungen sie an die Verstorbene haben. Doch deren Erinnerungen an Birthe decken sich nicht mit ihren eigenen. Zögernd beginnt sie sich mit den vergangenen 20 Jahren auseinanderzusetzen – mit einer tiefen Verletzung und einem folgenschweren Missverständnis. Zur Seite stehen Birthe ihr humorvoller Schutzengel Günther und ihre Nachbarin Tomke Heinrich. Wird sie einen Weg, zurück in ihr altes Leben, finden?

Sigrid Hunold-Reime, geboren 1954 in Hameln, lebt seit vielen Jahren in Hannover. 2000 schrieb sie ihren ersten Ostfriesland-Kurzkrimi – ihre kriminelle Energie war geweckt. Es folgten Beiträge in diversen Anthologien. 2008 erschien ihr erster Kriminalroman im Gmeiner-Verlag „Frühstückspension“. Die patente Protagonistin Tomke wuchs der Autorin so ans Herz, dass sie in den folgenden Kriminalromanen stets präsent blieb und im Roman „Die Pension am Deich“ schließlich wieder eine Hauptrolle bekam. Sigrid Hunold-Reime blieb „ihrem“ Wangerland treu. Es folgten »Liebesinsel am Deich«, »Zweite Chance am Deich« und »Rache am Siel«.

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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

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Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2020

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © haiderose / stock.adobe.com

und © refresh(PIX) / stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-6540-6

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Kapitel 1

»Warum hast du mich nicht geweckt? Es ist gleich sieben!«

Ich bemühe mich, nicht zu schreien. Dabei möchte ich. Aber ich schreie nicht. Habe ich noch nie.

Jonathan lässt die Zeitung sinken, sieht mich an und zieht konsterniert die Augenbrauen hoch. Ich mag das nicht.

»Sorry, ich brauchte dich noch nie zu wecken.«

Ich starre ihn fassungslos an. Er hält meinem Blick ruhig stand. Er hat ein Jungengesicht, denke ich. Mit zweiundfünfzig Jahren. Man erkennt erst auf dem zweiten Blick ein paar filigrane Alterslinien. Sie irritieren. Ein Junge hat keine Falten.

»Noch nie«, wiederhole ich und meine Stimme zittert vor Empörung. »Heute wäre es gut und richtig gewesen.«

»Das konnte ich nicht ahnen. Du bist die Zuverlässigkeit in Person.«

Das klingt nicht nach einem Kompliment. Ich kann ihm nicht mehr in die Augen sehen. In ihnen blitzen winzige Fünkchen. Triumph, weil er Risse in meiner Zuverlässigkeit entdeckt hat. Mein Blick irrt über den Tisch. Mariettas Frühstücksgeschirr ist benutzt. Sie ist schon unterwegs. Anscheinend hat sie es auch völlig normal gefunden, dass ich am Montagmorgen noch im Bett liege. Niemand hat sich Gedanken gemacht. Das würde ich niemals …

Ich drehe mich abrupt um. Es hat keinen Sinn, eine Diskussion vom Zaun zu brechen. Ich muss Hella eine Nachricht schreiben. Ich komme etwas später.

Es regnet Bindfäden. Auf der Küstenstraße herrscht ungewöhnlich viel Verkehr. Nicht ungewöhnlich, denke ich. Ich bin eine Stunde später unterwegs. Der Verkehr wird zu dieser Uhrzeit immer so dicht sein. Ausgerechnet heute bin ich mit Brötchen mitbringen an der Reihe. Vor der Bäckerei ist keiner der Parkplätze frei. Ich kann den Wagen erst einen gefühlten Kilometer entfernt parken. Beim Aussteigen schlägt mir eine Windböe die Kapuze vom Kopf. Ich ziehe sie wieder hoch und renne mit gesenktem Kopf los.

Vor der Verkaufstheke wartet nicht die übliche Schlange Kunden. Ich atme durch. Man muss auch mal Glück haben. Da tritt die unfreundlichste Bäckereifachverkäuferin von Wilhelmshaven hinter dem Kaffeeautomaten hervor. Sie schüchtert mich regelmäßig ein. Das liegt nicht an ihrer imposanten Körpergröße. Es ist ihr emotionsloser, düsterer Gesichtsausdruck. Meine freundlichen Bemühungen sie aufzuheitern verhallen jedes Mal ohne Echo. Ich konzentriere mich. Wie viele Brötchen brauche ich, und wie ist deren korrekte Bezeichnung. Darauf legt sie Wert. Nur draufzeigen und sagen: »Von den Brötchen bitte zwei und von denen da eins«, lässt sie nicht durchgehen. »Sie meinen Kürbis-Dinkel-Schiffchen und den Friesenmohn?« Dann schrumpfe ich unter ihrem strengen Blick zum Schulmädchen und kann nur nicken. Sie hat mich dazu gebracht, alle Brötchennamen zu kennen. Ein Lob habe ich dafür trotzdem nie eingeheimst.

Und dann geschieht das Ungeheuerliche. Sie lächelt mich zum ersten Mal an. Warm und offen. Mit ihrem Lächeln scheint die Sonne aufzugehen. Wärmt den ganzen Raum. Und es verwandelt die gesichtslose in eine wunderhübsche Frau. Ich erwidere es glücklich berührt. Noch immer völlig beschwingt gehe ich mit der Brötchentüte unter dem Arm nach draußen. Es hat aufgehört zu regnen. Die dichte Wolkendecke ist aufgebrochen und erste Sonnenstrahlen fallen über die breite, noch regennasse Straße. Sie glänzt wie frisch lackiert. Ich befinde mich auf ihrer Mitte, als dicht neben mir Bremsen quietschen. Erschrocken wende ich mich dem Geräusch zu. Da ist es bereits zu spät für einen rettenden Sprung zur Seite. Ich starre wie gebannt auf die Motorhaube. Und ich habe keine Angst.

Es ist still. Nein, Musik im Hintergrund. Jemand spielt auf einem Klavier. Eine einschmeichelnde, sanfte Melodie. Ich widerstehe der Versuchung, in den nächsten Schlaf zu gleiten, und öffne die Augen. Ich befinde mich in einem mir fremden Zimmer. Zimmer? Ich befinde mich inmitten eines Pflanzenmeers. Viele der Pflanzen stehen in Blüte. Sie wirken exotisch. Solche habe ich noch nie gesehen. Dabei kenne ich mich mit Blumen gut aus. Bin ich in einer Gärtnerei? Unsinn. Ich liege in einem Bett, wenn auch zwischen einem Meer aus Blumen. Das Zimmer ist ungewöhnlich groß. Der Eindruck wird durch eine breite Fensterfront verstärkt. Keine Gardinen. Freie Sicht auf einen blauen Himmel. Vereinzelte Schäfchenwolken. Wie getupft. Naive Malerei.

Endlich weiß ich es. Natürlich. Ich träume. Und zwar einen meiner Lieblingsträume. Allein sein. Weit weg. Ohne Verantwortung für irgendwas oder irgendwen. Nur ich, viele Pflanzen und dieses Zimmer. Die Welt muss draußen bleiben.

Die Erinnerung trifft mich wie ein Blitz. Die quietschenden Bremsen. Die Motorhaube. Sie ist – ich bin – ich war mir für den Bruchteil einer Sekunde sicher: Gleich würde ich sterben. Ich habe überlebt. Aber ich hatte einen Unfall. Oder nicht? Traum oder Wirklichkeit? Ich wende meinen alten Trick an, wenn ich einen Traum beenden will. Ich schließe die Augen und sage laut: »Ich will aufwachen!« Das funktioniert immer. Ich öffne die Augen und befinde mich weiterhin in diesem mysteriösen Zimmer. Sollte das ein Krankenzimmer sein? Niemals. Solche gibt es nicht. Höchstens in einer amerikanischen Fernsehserie. Und selbst dort nicht mit so vielen Pflanzen. Außerdem bin ich nicht privat versichert. Sollte Jonathan? Er kennt meine Abneigung gegen Mehrbettzimmer. Meinen Horror, Geräuschen und Gerüchen anderer ausgeliefert zu sein. Und Jonathan weiß, wie sehr ich Pflanzen liebe. Er muss sich für mich eingesetzt haben. Ich lächle gerührt. Nur kurz. Denn die nächsten Fragen elektrisieren mich: Warum dieser Luxus? Bin ich so schwer verletzt?

Ich sehe an mir herunter. Ich trage ein Hemd. Keines der üblichen Krankenhaushemden. Die mit den winzigen blauen Sternchen bedruckt sind. Die wie Kittel aussehen. Ich habe ein schlichtes Weißes an. Mit langen Ärmeln. Es sieht mehr wie ein Kleid aus. Der Stoff fühlt sich fein und angenehm auf der Haut an. Ich überprüfe meine Hände. Meine Arme. Kein Gipsverband. Sie sind beweglich. Ich hänge noch nicht mal am Tropf oder so was. Ich bewege meine Beine. Sie gehorchen mir. Das beruhigt mich. Vielleicht bin ich aus Platzgründen in dieser Nobelsuite gelandet. Auf jeden Fall gehört das Zimmer nicht zu einer Intensivstation. Keine piependen Apparaturen. Und dort gäbe es auch keine Pflanzen. Vielleicht eine Gehirnerschütterung? Deshalb kann ich mich nicht erinnern. Es wird mir gleich jemand erklären, wo ich bin und was passiert ist. Ich sehe mich vergeblich nach einer Klingel um, da wird an die Tür geklopft.

»Herein!«

Ein Mann öffnet die Tür. Er ist geschätzt Mitte fünfzig und trägt Jeans und ein weißes Polohemd. Eine ungewöhnlich lässige Kleidung für einen Arzt. Sein grau meliertes Haar ist kurz geschoren. Sein Gesicht wird von ausdrucksstarken Augen bestimmt. Sie schauen mich freundlich an.

»Guten Tag, Birthe«, sagt er und setzt sich in einen der beiden Sessel, die im Zimmer stehen.

Wieso nennt er mich beim Vornamen und warum duzt er mich? Bin ich etwa schon länger hier?

»Guten Tag«, grüße ich steif zurück. »Welchen Tag haben wir heute?«

Für die Frage könnte ich mich im nächsten Augenblick ohrfeigen. Womöglich hält er mich für verwirrt.

»Das ist unwichtig«, antwortet er ruhig.

Nicht wichtig? Und in welchem Ton er das sagt. Als würde er mit einem Kind sprechen.

»Mein Mann«, fällt mir ein, »weiß mein Mann, wo ich bin?«

Der Arzt nickt.

»Und mein Arbeitgeber? Ist er informiert? Ich war auf dem Weg zur Arbeit.«

Er nickt wieder. »Ja, mach dir keine unnötigen Sorgen. Alle wissen, wo du bist.«

Ich muss trocken schlucken, bevor ich die nächste Frage formuliere. »Dann bin ich schon länger hier?«

Er antwortet nicht.

»Wie lange bin ich schon hier?«, frage ich fordernder, als es meine Art ist.

»Über drei Wochen.«

»Drei Wochen! Was ist – habe ich im Koma gelegen?«

»Nein, so würde ich das nicht bezeichnen.«

Drei Wochen! Jonathan ist seit drei Wochen mit Marietta allein. Was haben die beiden die ganze Zeit gegessen? Fertigpizza. Fastfood. Drei Wochen lang. Und die Wäsche? Sie wissen nicht einmal, wie man die Waschmaschine bedient. Das Haus wird ein einziges Chaos sein. Ob sie meine Pflanzen gegossen haben? Drei Wochen. Ich habe sie nie alleingelassen. Ich schwinge entschlossen die Beine aus dem Bett und stehe auf.

»Anscheinend geht es mir wieder gut. Ich möchte nach Hause.«

Der Arzt zögert einen winzigen Augenblick, bevor er antwortet.

»Du kannst nicht nach Hause.«

»Was bedeutet das? Nicht nach Hause können? Ich kann mich bewegen. Mir geht es gut. Was habe ich mir überhaupt getan?«

»Du hast dir bei dem Aufprall das Genick gebrochen«, erklärt er so beiläufig, als würde es sich bei der Diagnose um einen verstauchten Finger handeln.

»Ich habe bitte was?«, frage ich und fasse mir instinktiv an den Nacken. Da ist nichts Auffälliges zu ertasten. Ich wackele übertrieben mit dem Kopf hin und her und muss lachen. Es klingt ein wenig hysterisch.

»Könnte es sein, dass Sie das Zimmer verwechselt haben?«

Ich sehe ihn hoffnungsvoll an.

»Nein, das habe ich ganz sicher nicht«, antwortet er. »Setz dich doch wieder hin. Beruhige dich und lass dir Zeit. Ich werde dir helfen, alles zu verstehen. Ich bin dein Begleiter.«

Ich bin dein Begleiter! Was sollte das wieder bedeuten? Ich erspare mir weitere Nachfragen und durchquere den Raum. Wo ist der Schrank? Ich suche vergeblich. Hinter den Pflanzen befinden sich nur stoffbespannte Wände. Was ist das für ein eigenartiges Zimmer? Ich beginne, mich zu verspannen. Irgendetwas stimmt hier nicht. Es macht mir Angst. Ich taste weiter die Wand ab. Wo ist die Tür? Ich finde sie nicht. Überall nur der gleiche feine Stoff. Nirgendwo ist der Ansatz eines Türrahmens zu entdecken. Aber er ist doch gerade hereingekommen. Vor meinen Augen. Schließlich kann er nicht durch Wände gehen.

Ich drehe mich herum. Der Arzt, oder was er auch immer ist, sitzt weiterhin in aller Gemütsruhe im Sessel. Seine Gelassenheit wirkt auf mich nicht beruhigend. Sie hat etwas Unheimliches. Er scheint sich sehr sicher zu sein, dass ich nicht weglaufen kann.

Ist das eine psychiatrische Einrichtung? Habe ich mir den Unfall nur eingebildet? Hatte ich einen Nervenzusammenbruch? Ganz abwegig ist das nicht. Ich habe mich in der letzten Zeit oft erschöpft gefühlt und mehr durch die Tage geschleppt. Er wäre mein Begleiter, hat er gesagt. Nennt man das so in der Psychiatrie? Aber er hat gesagt, ich hätte mir das Genick gebrochen? Damit macht man keine Späße.

»Bitte sagen Sie mir, wo ich bin und was mir passiert ist.«

»Liebe Birthe, die Fragen sind in umgekehrter Reihenfolge zu beantworten«, antwortet er aufreizend sanft. »Du bist von einem Auto gerammt und durch die Luft geschleudert worden. Beim Aufprall hast du dir das Genick gebrochen und – du bist nach irdischen Regeln gestorben. Du befindest dich hier im Eingangsbe…«

»Stopp! Aus!«, schreie ich so laut, dass es mich selbst erschreckt. Ich habe nicht gewusst, dass ich über solch ein Stimmvolumen verfüge.

»Sie wollen mir nicht wirklich einreden, dass ich gestorben bin und das hier – das hier ist der Himmel oder so was Ähnliches?«

Während ich das ausspreche, wird mir der Irrsinn meiner Worte bewusst. Ich träume. Sicher. Ich muss noch einmal einen anderen Trick anwenden. Hinlegen und Augen schließen und den Befehl zum Aufwachen geben.

»Du träumst nicht«, sagt er seelenruhig. »Ich will dir auch nichts einreden. Ich möchte dir helfen, dass du deine Situation verstehst, annimmst und weitergehen kannst. Und du darfst mich duzen. Wir kennen uns schon sehr lange. Ich bin Günther.«

Zögernd öffne ich wieder die Augen. Das darf alles nicht wahr sein. Kann er Gedanken lesen?

»Ich kann unmöglich gestorben sein«, flüstere ich. Ich muss an die vielen Bücher mit Nahtodberichten denken, die meine Eltern herumliegen hatten. Sie haben sie verschlungen, weil sie Lars’ Tod nicht verkraftet haben. Meine Mutter hat mich genötigt, wenigstens eins davon zu lesen. Ich habe es getan und ihr zuliebe keine Zweifel geäußert. Es wäre auch sinnlos gewesen. Obwohl ich der Überzeugung bin, dass diese Nahtoderlebnisse lediglich Halluzinationen sind. Ausgelöst durch Endorphine und Sauerstoffmangel.

»Warum kannst du unmöglich gestorben sein?«, höre ich seine freundliche Stimme. Ich zwinge mich, ihm in die Augen zu sehen.

»Weil ich keine Ruhe und keinen inneren Frieden spüre. Ganz im Gegenteil.«

»Aber du spürst keine körperlichen Schmerzen, nicht wahr?«

»Ja, das stimmt«, gebe ich zu. »Aber Schmerzen hatte ich vorher auch nicht.«

»Da hattest du dir auch noch nicht das Genick gebrochen.«

Ich komme kurz ins Schleudern und durchkrame meine Erinnerungen an das Gelesene. »Warum fühle ich nicht diese himmlische Leichtigkeit und eine angenehme Distanz zu meinem Leben? Warum mache ich mir Sorgen, wie es meinem Mann und meiner Tochter geht?« Und meinen Pflanzen, füge ich in Gedanken hinzu.

Günther ohne Nachnamen fährt sich bedächtig über sein Stoppelhaar. Anscheinend habe ich einen wunden Punkt getroffen. Das gibt mir Mut weiterzureden.

»Und ich hatte keine Lebensrückschau. Ich bin nicht von meinem Bruder begrüßt worden.«

Die Vorstellung, Lars hätte hier auf mich gewartet, mich angelächelt und sogar in die Arme genommen, treibt mir augenblicklich Tränen in die Augen. Ich dränge sie entschieden zurück.

»Eine Begegnung mit Lars hätte dir nur wehgetan. Für euer Wiedersehen ist es zu früh«, sagt der eigenartige Mann namens Günther.

Kann er wirklich Gedanken lesen? Ein Zittern geht durch meinen Körper. Und was meint er mit »zu früh«? Woher kennt er überhaupt den Namen meines Bruders? Habe ich fantasiert?

Ich schlucke. Anderes Thema, denke ich. »Und ich bin auch keinem Engel begegnet, der mich ins Licht begleitet.«

Nun lächelt er wieder.

»Dieser Engel sitzt dir gerade gegenüber. Ich bin dein Begleiter.«

Kapitel 2

Vor mir sitzt mein Schutzengel. In Jeans und Poloshirt, sonnengebräunt, sportlich, und er heißt Günther. Ich spüre ein verräterisches Zucken um den Mund. Es breitet sich aus, und ich kann es nicht verhindern. Ich muss laut loslachen. Die Vorstellung ist einfach zu grotesk. Mein sogenannter Engel zeigt keine Reaktion auf meinen Lachanfall. Mitten im Lachen beginnt meine alberne Stimmung zu kippen. Ich bekomme wieder Angst. Am Ende bin ich wirklich in einer Psychiatrie gelandet und dieser Mann ist ebenfalls Patient. Er ist wahrscheinlich felsenfest davon überzeugt, ein Engel zu sein. Ich sollte ihn nicht verärgern, sondern Hilfe rufen. Ich suche mit den Augen möglichst unauffällig das Zimmer nach einer Klingel ab. Es muss hier doch eine geben. Ich kann keine entdecken. Da trifft mich der nächste Gedanke. Ein völlig absurder, aber was ist hier gerade nicht absurd? Ich hatte einen Unfall. Wahrscheinlich habe ich das Bewusstsein verloren. Obwohl ich keine schweren Verletzungen hatte. Aber der Schock. Und dieser Mann hat die Situation ausgenutzt und mich entführt. Um mich mit irrsinnigen Geschichten in den Wahnsinn zu treiben. Ich zwinge mich, ihn erneut anzusehen, und suche mein Gehirn nach einer sachlichen Frage ab. Eine, die ihn nicht kränkt oder wütend machen könnte.

»Frag mich alles, was dir durch den Kopf geht«, muntert er mich in dem Augenblick freundlich auf.

Ich erstarre. Auf jeden Fall scheint der Mann intuitiv begabt zu sein. Er spürt genau, was in mir vor sich geht. Ich muss vorsichtig sein.

»Na ja«, beginne ich herumzudrucksen. »Ich kann mir schwer vorstellen, dass ein Engel Günther heißt. Eher Gabriel, Michael oder Raphael.«

»Liebe Birthe, es gibt eine Heerschar von Engeln. Und deshalb auch ebenso viele Namen.«

»Das klingt logisch«, gebe ich ihm recht. »Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Ich bin eben noch nie einem Engel begegnet.«

Ich versuche ein verschwörerisches Lächeln. Es misslingt.

»Das bist du ganz sicher schon«, widerspricht er mir ruhig. »Du hast ihn nur nicht als Engel erkannt.«

Zumindest hat er sich gut auf seine Rolle vorbereitet. So schnell ist er um keine Antwort verlegen.

»Wenn ich hier sozusagen im – Himmel bin, dieses Zimmer …«, ich breche hilflos ab.

»Was ist mit dem Zimmer?«

»Es sieht aus wie aus einem Film, also von einem Regisseur mit einer etwas kitschigen Fantasie. Wie man sich den Himmel eben so vorstellt.«

»Der Regisseur bist du selbst, Birthe. Das Zimmer ist genau nach deinen Vorstellungen eingerichtet.«

Meine Vorstellungen. Das Verrückte ist, er hat recht. Genau so ist mein Traum-Rückzugszimmer eingerichtet. Jedenfalls so ähnlich. Aber das kann nicht angehen. Er hat einen Trick angewandt. Sicher. Ich muss ihm viel von mir erzählt haben. Kann er hypnotisieren? Wie lange bin ich schon hier? Über drei Wochen hat er gesagt. Ich habe keine Erinnerung. Kein angenehmes Gefühl. Wenn ich wirklich schon so lange in seiner Gewalt bin, muss er mich betäubt haben. Und ich muss längst gesucht werden. Meine Gedanken kreisen immer schneller, ohne dass ich zu einem schlüssigen Ergebnis komme.

»Ich lasse dich einen Augenblick allein. Das wird dir helfen, zur Ruhe zu kommen«, höre ich ihn sagen. Er ist aufgestanden.

Ich kann nur nicken. Das ist gut, denke ich. Bitte geh! In deiner Gegenwart kann ich nicht denken. Du bist mir unheimlich. Geh und zeig mir, wo der Ausgang ist. Dann kann ich auch endlich hier raus. Er öffnet eine Tür und ist verschwunden. Da ist sie! Natürlich. Ich habe sie in meiner Verwirrung übersehen. Ich warte und zähle leise bis zwanzig. Dann renne ich los. Genau an die Stelle, wo er verschwunden ist. Aber ich finde nicht den Ansatz einer Tür. Das ist unmöglich. Ich taste mit wachsender Verzweiflung die Stofftapete ab. Nichts. Keine Tür. Dabei habe ich gesehen, wie er rausgegangen ist.

Ich stürze zum Fenster. Mittlerweile bin ich bereit, über eine Feuerleiter das Weite zu suchen. Egal aus welchem Stockwerk. Ich will nur raus hier. Als ich nach draußen sehe, glaube ich meinen Augen nicht zu trauen. Der blaue Himmel mit den netten Schäfchenwolken ist überall zu sehen. Wenn ich sage überall, meine ich es genauso. Oben und unten. Rechts und links. So weit das Auge reicht. Vielleicht habe ich Medikamente bekommen und halluziniere? Resigniert drehe ich mich um. Da sehe ich das Notizbuch auf dem Sessel liegen. Es muss ihm aus der Hosentasche gerutscht sein. Ich zögere, aber es ist die Gelegenheit, mehr über ihn zu erfahren. Und wenn er wiederkommt und mich beim Schnüffeln ertappt? Wer weiß, wie er dann reagiert? Egal. Die Chance bekomme ich so schnell nicht wieder. Ich greife nach dem Buch. Der Einband ist mit Kastanienblättern bedruckt. Mein Lieblingsbaum. Keine Beschriftung. Zögernd schlage ich die erste Seite auf. Dort steht in großen Buchstaben nur ein Wort: Birthe.

Er hat Informationen über mich zusammengetragen. Ich hatte recht mit meiner Vermutung. Er ist ein Psychopath. Ich blättere weiter und beginne hastig zu lesen.

1. Mai 1978 – Birthe ist geboren. Ihre Eltern sind überglücklich. Sie haben sich nach ihrem Sohn ein Mädchen gewünscht. Es ist …

Ich halte unwillkürlich den Atem an. Meine Geburt! Der Typ hat Aufzeichnungen über meine Geburt. Wie lange beobachtet er mich schon? Das geht doch gar nicht an. Er ist höchstens zehn oder fünfzehn Jahre älter als ich. Wie soll er meine Geburt beobachtet haben? Er hat wohl kaum am Fenster des Kreißsaals gestanden. Ich blättere weiter.

Birthe hat sich im Maisfeldlabyrinth verlaufen. Sie hat Angst. So viel Angst, dass ich nicht mehr zu ihr vordringen kann. Ein Gewitter zieht auf. Birthe rennt und rennt. Sie weint. Ihre Eltern und ihr Bruder suchen sie. Aber sie laufen kopflos im Kreis. Ständig an ihr vorbei. Ich berate mich mit ihren Engeln. Lars können wir erreichen. Er folgt unserer Eingebung und bleibt bei der Strohpuppe sitzen. Es dauert nicht lange, und Birthe findet ihn. Geschafft.

Ich habe beim Lesen eine Gänsehaut bekommen. Das Maisfeldlabyrinth. Ich kann mich gut erinnern. Erst hat es so viel Spaß gemacht. Die hohen Pflanzen gaben mir das Gefühl, durch einen Dschungel zu streifen. Über mir nur der blaue Himmel. Ich war eine Prinzessin im Urwald. Alle Tiere liebten mich. Es war ein Abenteuer. Bis ich begriffen habe: Ich habe die anderen verloren. Ich bin allein. Da verwandelten sich die Maispflanzen in einen bedrohlichen Zaun, der mich von den anderen trennt. Ich habe nach meinen Eltern und Lars gerufen. Keiner hat geantwortet. Nur der Himmel hat dumpf gegrollt, als bewegte sich ein schreckliches Ungeheuer auf mich zu. Von Oma Hertha wusste ich, wenn es donnert, schimpft der liebe Gott, und man muss im Haus bleiben. Es wurde rasend schnell dunkler. Wind fegte durch die Pflanzenreihen. Ich bin gelaufen und gelaufen. Aber jeder Weg endete in einer Sackgasse. Ich habe nur noch aus Angst bestanden und dachte, ich müsste sterben. Da muss ich knapp sieben Jahre alt gewesen sein. Und dann hat Lars neben der Strohpuppe gesessen und auf mich gewartet. Nie habe ich ihn mehr geliebt. Er hat mich aus dem Labyrinth geführt. Wir fanden unsere Eltern. Alle waren so glücklich. Dieses Glück wäre ohne die durchlebte Angst nicht so intensiv gewesen.

Wieso wusste der Mann von dem Maisfeld? In einer Genauigkeit, als hätte er uns von oben beobachten können. Das ist unmöglich. Ich kann den Gedanken nicht lange aushalten und blättere weiter nach hinten.

Birthe hat ihr Abitur bestanden, und sie hat die Zusage für ein Praktikum auf einer Apfelplantage in Neuseeland. Birthe ist glücklich. Aber gleich wird sie traurig sein. Sehr traurig. Zu Hause gibt es nur Tränen. Lars ist über Neuseeland mit einem Flugzeug abgestürzt. Tödlich. Lars’ Freundin Marion ist zu Birthes Eltern gekommen. Sie halten sich in den Armen. Birthe steht hilflos und traurig daneben. Sie erzählt nichts von dem Praktikum. Sie wird nicht ins Ausland gehen. Schon gar nicht in das Land, in dem ihr Bruder den Tod gefunden hat. Sie wird bei ihren Eltern bleiben. Das ist nicht richtig. Aber Birthe ist zu traurig. Ich kann sie nicht erreichen.

Nicht erreichen. Was schreibt der da? Ja, das war nicht richtig. Das weiß ich jetzt auch. Ich bin bei meinen Eltern geblieben, weil ich glaubte, sie brauchen mich. Das war ein Irrtum. Sie brauchten nur Marion. Mit ihr haben sie sich in ihrer Trauer verbunden gefühlt. Von ihr haben sie sich verstanden gefühlt. Nur von ihr. Dabei habe ich von Herzen getrauert. Ich habe Lars auch sehr geliebt. Aber ich war für meine Eltern wie unsichtbar. Obwohl ich mir viel Mühe gegeben habe. Immer wieder. Ich habe nicht studiert. Ich habe sogar eine Ausbildung beim Finanzamt angefangen. Nur um meinen Vater eine Freude zu bereiten. Er hat dort gearbeitet. Richtig gern bis dahin. Aber sie haben mein Opfer überhaupt nicht wahrgenommen. Sie waren nur auf dem Friedhof oder bei Marion. Sie haben sich unter eine Glocke zurückgezogen. Nur Marion hatte Zugang. Als sie nach Lüchow-Dannenberg gezogen ist, haben sie unser Haus verkauft. Sie haben mich nicht einmal gefragt, ob mir das wehtut. Oder ob ich es übernehmen möchte. Sie haben es verkauft und sind weggezogen. Ausgerechnet nach Lüchow. Marion hat dort geheiratet, und ihre Kinder sagen Opa und Oma zu meinen Eltern. Das ist krank. Und ich war einsam. Das hat sie nicht gekümmert. Bei den Erinnerungen muss ich heftig schlucken. Ich wusste nicht, wie traurig mich das immer noch macht. Dabei dachte ich, dass ich den Teil meines Lebens längst abgeschlossen hatte.

Spätestens, als ich Jonathan begegnet bin. Da war ich schon dreiunddreißig Jahre alt. Jonathan war geschieden. Seine Tochter lebte bei ihm. Das hat mir imponiert. Zögernd blättere ich weiter, bis ich finde, was ich suche.

Birthe hat sich in Jonathan verliebt. Er wird ihr nicht guttun. Aber Birthe hört schon lange nicht mehr auf mich. Fragt mich auch nichts mehr.

Das reicht! Auf ihn hören! Ihn fragen! Was glaubt er, wer er ist? Ich klappe das Buch zu und werfe es mit Schwung zurück auf den Sessel. Schluss! Aber ich muss das Buch weiterhin anstarren. Wo bin ich? Woher weiß dieser Mann so viel von mir? Er sagt, er wäre mein Engel. Das ist einfach verrückt. Oder nicht? Bin ich wirklich gestorben?

Kapitel 3

»Ja, Birthe. Deine Rückschlüsse sind folgerichtig. Du hattest einen Unfall und du bist nach irdischen Regeln gestorben. Noch am Unfallort.«

Ich fahre herum. Er ist unbemerkt ins Zimmer zurückgekommen. Und er hat gerade wieder auf eine Frage geantwortet, die ich nur gedacht habe.

»Wehr dich nicht gegen die Tatsache«, sagt er freundlich. »Ich werde dir helfen. Ich bin dein geistiger Begleiter. Das war ich von Anfang an.«

Mir fällt wieder ein, was er über meine Geburt berichtet hat. Sollte dieser Mann wirklich ein Engel sein? Als Kind habe ich an Engel geglaubt. Wie wahrscheinlich die meisten Kinder. Als ich größer wurde, entwickelten sie sich zu sagenumwobenen Märchengestalten. Später verblassten sie ganz. Waren nur Porzellanfiguren zur Weihnachtszeit. Und nun soll ein echter Engel vor mir stehen. Er behauptet sogar, mein persönlicher zu sein. Mein Schutzengel. In meiner kindlichen Fantasie waren es immer weibliche Engel. Sie trugen wehende, feine Gewänder und hatten langes Haar. Meistens war es blond. Sie ähnelten Elfen. Und nun trägt mein Engel Jeans und Polohemd und ähnelt mehr einem Tennistrainer.

»Ich fühle mich überhaupt nicht tot«, wehre ich mich kläglich. »Ich bin noch nicht bereit zum Sterben.«

Nun lächelt er. »Deshalb kommst du auch wieder zurück.«

Zurück. Ich komme zurück.

»Wann?«, frage ich aufgeregt. Im gleichen Augenblick denke ich: Birthe, du fängst an, ihm seine Geschichte zu glauben. Du traust ihm zu, dass er dich wieder auf die Erde schicken kann. Wenn ich sie überhaupt verlassen habe. Was – wenn das alles nur zu seinem perfiden Spiel gehört? Ich schiebe die erneut aufkommenden Zweifel beiseite. So viel steht fest: Ich muss ihm vertrauen. Sonst wird er mir nicht helfen.

»Wann?«, wiederhole ich meine Frage mit heiserer Stimme. »Wann komme ich zurück?«

»Gleich. Schließ deine Augen.«

Ich zögere nicht und schließe die Augen. Wenn ich hier wirklich ein Nahtoderlebnis habe, das zugegeben ganz anders ist, als in Mamas Büchern beschrieben, werde ich gleich auf der regennassen Straße mein Bewusstsein erlangen. Besorgte Gesichter sind über mich gebeugt. Vielleicht ist schon der Notarzt am Unfallort und hat mit der Herzmassage begonnen. Mit Erfolg.

Ich öffne erwartungsvoll die Augen und blicke in Günthers nachsichtig lächelndes Gesicht. Ich befinde mich nach wie vor in dem Wolkenzimmer.

»Wann«, ich suche nach einer Formulierung, »wann wache ich auf?«

»Du bist wach.«

»Ich meine unten, Sie wissen schon. Richtig wach und in meinem Leben«, haspele ich.

»Gar nicht«, antwortet er ungerührt.

»Aber …«

»Ja, ich habe gesagt, du kommst zurück. Ich habe nicht gesagt, dass du dein altes Leben zurückbekommst. Du hast bereits eine Grenze überschritten und dein Körper ebenfalls. Er ist nicht mehr zu gebrauchen.«

»Aber …«

»Du bekommst einen anderen.«

Mir bleibt ein erneutes Aber im Halse stecken. Meine Gedanken überschlagen sich. Ein anderer Körper. Soll ich ganz von vorne anfangen? Als Neugeborenes? Mit fremden Eltern? Nein! Ich will zurück zu Jonathan und Marietta.

»Du bekommst den Körper von Mia«, erklärt er mir. »Ihr habt fast das gleiche Erdenalter und ihr seht euch äußerlich ähnlich.«

»Mia«, echoe ich. Fast so alt wie ich. Wenn ich ihren Körper bekomme, bedeutet das, sie muss – sterben.

»Und wo ist – wo ist Mia? Ich meine ihr Innenleben – ihre Seele?«, würge ich heraus.

»Gerade in diesem Moment steht sie auf dem Balkon ihres Appartements in der dritten Etage.«

»Sie will springen?« Keine angenehme Vorstellung, in dem Körper einer Selbstmörderin weiterzuleben.

»Nein. Sie wird nicht springen. Der Balkon, auf dem sie steht, ist baufällig und wird mit Mia in die Tiefe stürzen.«

»Ihr Körper wird sicher nicht ganz heil unten ankommen. Ich meine, dritte Etage …«

»Mach dir darüber keine Sorgen. Ihr Körper bleibt unversehrt. Mia wird von dem Sonnendach auf der zweiten Etage abgefangen. Ihr weiterer Sturz wird durch die Nordmanntanne vor dem Haus abgefedert. Dafür haben wir gesorgt.«

»Wann wird sie herunterfallen?«, frage ich.

»Gleich. Die Hausmeisterin wird den Unfall beobachten. Deshalb müssen wir uns beeilen.«

Obwohl ich nichts sehnlicher wünsche, als von hier wegzukommen, sperre ich mich.

»Aber wenn der Sturz so glücklich ausgegangen ist, warum kann sie dann nicht selbst weiterleben? Ich verstehe das nicht. Wo bleibt sie?«

Günther lächelt. »Das brauchst du auch nicht ganz zu verstehen. Aber eins darfst du wissen: Mia ist mit dem Wechsel einverstanden. Sehr sogar. Sie hat schon öfter darum gebeten, neu anfangen zu können. Nun komm, wir müssen dort sein, bevor die Hausmeisterin bei Mia ist.«

»Aber ich kann doch nicht einfach ihr Leben weiterführen. Ich habe mein eigenes. Auf mich warten Menschen. Wie soll ich ihnen das erklären? Das muss ich doch, oder? So ähnlich werde ich Mia kaum sehen, dass ich unbemerkt wieder zu meiner Familie zurückkann.«

»Nein, das wird nicht gehen. Das würde deine Familie auch arg schockieren. Sie haben deinen Körper bereits feierlich beerdigt.«

»Beerdigt? Ich kann nicht zu ihnen zurück?«

Plötzlich erscheint es mir nicht mehr erstrebenswert, dieses Zimmer zu verlassen.

»Ob du zurückgehst oder nicht und welches Leben du leben wirst, das musst du selbst entscheiden.«

Selbst entscheiden, wiederhole ich in Gedanken. Also gibt es Wege und Möglichkeiten, mein altes Leben zurückzuerobern. Vielleicht kann ich in der Nähe eine Ferienwohnung mieten.

»Wo lebt Mia überhaupt?«, fällt mir ein. »Ich bin an der Küste aufgewachsen. In den Bergen, so schön sie sind, dort könnte ich nicht leben. Ich brauche die Weite.«

»Mia lebt in Norddeutschland. In Wilhelmshaven, aber sie verbringt auch viel Zeit in Schillig.«

»Wilhelmshaven und Schillig?«, rufe ich freudig. »Das ist ja … Ich komme aus Horumersiel. Hat sie in Schillig eine Ferienwohnung?«

Günther nickt.

Ich stehe auf. Ich bin bereit. Der nächste Gedanke lässt mich wieder auf das Bett zurücksinken.

»Ist Mia verheiratet?«

»Ja«, antwortet er seelenruhig.

»Dann kann ich nicht in ihren Körper. Ich gehe doch nicht zu einem fremden Mann – ins Bett.«

»Das brauchst du auch nicht.«

Er nimmt meine Hand und zieht mich sanft hoch.

»Wir müssen uns beeilen. Mia stürzt gleich ab. Wenn die Hausmeisterin vor uns bei Mia ist, kannst du ihren Körper nicht mehr übernehmen.«

»Ich verstehe das alles nicht«, jammere ich.

»Sei ganz unbesorgt. Wir handhaben das öfter so. Wenn jemand so unruhig ist wie du, suchen wir etwas Passendes und schicken ihn gleich wieder los. Hast du dich noch nie gewundert, warum Menschen sich plötzlich gravierend verändert haben? Wenn sie wie ausgewechselt erscheinen? Nun, der Schein trügt nicht.«

Ein kleines Lächeln umspielt seine Lippen.

»Lass uns gehen. Was du über Mia wissen musst, erzähle ich dir unterwegs.«

»Unterwegs? Sind wir so weit von der Erde entfernt?«

»Nein. Die Reise dauert nur einen Wimpernschlag, wie ihr so gerne sagt.«

»Aber was wollen Sie mir in einer Sekunde erzählen?«

»Alles, was wichtig ist.«

»Ich werde mir auf die Schnelle nicht alles merken können.«

»Nein, das kann niemand. Aber du kannst jederzeit mit mir Kontakt aufnehmen, dann helfe ich dir weiter. Ich bin dein Schutzengel Günther. Nun schließ wieder deine Augen.«

Ich gehorche. Vor mir sehe ich eine Frau. Sie sieht mir wirklich ein wenig ähnlich. Das Gesicht ein wenig zu rund. Ihr Bild beginnt zu verschwimmen, und ich höre Günthers Stimme. »Mia wurde am 26. November 1978 in Wilhelmshaven geboren. Nach dem Abitur hat sie drei Semester Jura studiert. Sie hat eine Ausbildung als Köchin und eine als Hotelfachfrau angefangen. Später hat sie ohne Ausbildung in Kneipen gejobbt. Seit 2010 ist sie mit Florian Bredenbeck verheiratet. Die Ehe steht kurz vor der Scheidung. Mia ist sehr traurig, depressiv, wie ihr sagt, und sie trinkt zu viel … Ich kann mich nicht mehr konzentrieren.

Kapitel 4

Ich falle und lande. Ganz sanft und ausschwingend, als hätte ich mich auf ein weiches Trampolin fallen lassen. Unsicher öffne ich die Augen. Dicht über mir schwebt das Gesicht einer älteren Frau. Ihr Haar leuchtet hennarot in der Sonne. Es ist wahr. Es ist wirklich wahr. Ich bin nicht mehr in dem Wolkenzimmer. Und diese Frau muss die Hausmeisterin sein. Sie hat mich also schon gefunden. Und wenn alles stimmt, befinde ich mich in Mias Körper. Der Gedanke verursacht in mir ein flaues Gefühl in der Magengegend.

Die Frau zieht ihr Gesicht zurück und richtet sich auf. »Sie lebt! Sie ist wieder aufgewacht!«

Es dauert einen Augenblick, bis ich begreife, wem sie das zugerufen hat. Ihre Worte gelten den Anwohnern. Sie lehnen sich aus den umliegenden Fenstern. Ich liege allem Anschein nach in einem Innenhof. Um mich herum liegen Steine und Tannenzweige. Ich stelle vorsichtig ein Bein auf.

»Bewegen Sie sich nicht. Um Himmels willen!«, schreit die Frau panisch. »Der Krankenwagen wird gleich hier sein«, tröstet sie mich, bemüht um eine ruhigere Stimmlage. »Frieren Sie?«

Ich schlucke. Wie wird sich meine Stimme anhören? Ich bekomme keinen Ton heraus. Die Frau wartet nicht lange. Sie nimmt sich beherzt ihr Schultertuch ab und breitet es als Decke über mich aus. Mittlerweile sind erste Schaulustige im Hof eingetroffen.

»Ich war gerade bei den Mülltonnen«, erzählt die Frau den Anwesenden. »Frau Bredenbeck ist sozusagen vor meinen Augen mit dem Balkon in die Tiefe gestürzt. Ich habe schon lange gesagt, der ist marode. Aber auf mich hört ja keiner. Ein Verbrechen ist das. Auf dem Balkon hätte niemand mehr stehen dürfen. Man gut, dass Heinemeyers die Tanne stehen haben. Sonst …«

Ich schließe die Augen. Frau Bredenbeck. Damit bin ich gemeint. Ein unwirkliches Gefühl. Ich bin Mia Bredenbeck. Falsch! Ich bin und bleibe Birthe Schmidt. Ich stecke nur in einem anderen Körper. Und in einem fremden Leben. Wie soll das funktionieren? Zwei Identitäten. Man braucht nicht Psychologie studiert zu haben, um zu ahnen: Das ist der beste Weg, um verrückt zu werden.

»Welches der beiden Leben du leben wirst, musst du selbst herausfinden und selbst entscheiden.« Das waren Günthers Worte. Wo steckt er überhaupt?