Zwischen Gut und Böse - Dora Heldt - E-Book

Zwischen Gut und Böse E-Book

Dora Heldt

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Beschreibung

Ein gelangweilter Rentner, ein totes Schaf, eine gefährliche Mission Karl Sönnigsen hat Langeweile. Während seine Frau und all seine Freunde ihren Hobbys nachgehen, ist Karl hauptsächlich unzufrieden – und misstrauisch! Der dritte und letzte Fall für das originellste Ermittlerteam, das Sylt je gesehen hat – eine perfekte Urlaubslektüre Denn was treiben diese unerzogenen Jugendlichen, die hier reihenweise Ferien mit ihren reichen Eltern machen, eigentlich die ganze Zeit? Karl wittert überall das Verbrechen und meldet sich mit seinen Beobachtungen auch regelmäßig bei der Polizei. Doch die wollen von seinem Spürsinn nichts wissen. Schon gar nicht, als Karl einen kaltblütigen Mord meldet – an einem Schaf. Doch er glaubt fest daran, dass hinter diesem Unfall viel mehr steckt. Und so gründet Karl Sönnigsen eine »Soko Schaf«. Was Karl jedoch nicht ahnt – das Schaf war erst der Anfang ... Würden Sie die Anzeige jetzt bitte aufnehmen?" Runge verdrehte die Augen und sah Benni hilfesuchend an.  »Es geht um einen Mord«, setzte Karl laut nach. »Das ist keinesfalls eine Kleinigkeit.« »Ach?« Runge runzelte die Stirn und sah Karl an. »Und wer ist das Mordopfer?« »Ein Schaf.« Das charmanteste Ermittlerteam, das Sylt je gesehen hat, ermittelt auch in zwei weiteren spannenden Fällen: ›Böse Leute‹ ›Wir sind die Guten‹

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Seitenzahl: 462

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über das Buch

Ein gelangweilter Rentner.

Ein totes Schaf.

Eine gefährliche Mission.

 

Ex-Hauptkommissar Karl Sönnigsen hat Langeweile. Während seine Frau und all seine Freunde ihren Hobbys nachgehen, ist er hauptsächlich unzufrieden – und misstrauisch! Karl wittert überall das Verbrechen und meldet sich mit seinen Beobachtungen auch regelmäßig bei der Polizei. Doch die wollen von seinem Spürsinn nichts wissen. Schon gar nicht, als er einen kaltblütigen Mord meldet – an einem Schaf. Trotz aller Widerstände glaubt der Ex-Hauptkommissar fest daran, dass hinter diesem vermeintlichen Unfall viel mehr steckt. Und so gründet er eine Soko, die der Sache bei Eierlikör und Kuchen auf den Grund gehen soll. Was Karl jedoch nicht ahnt: das tote Schaf ist erst der Anfang …

 

Karl Sönnigsen ermittelt:

Böse Leute (Band 1)

Wir sind die Guten (Band 2)

Zwischen Gut und Böse (Band 3)

Dora Heldt

Zwischen Gut und Böse

Kriminalroman

Für Edith Charlotte

1.

Was hast du denn vor?«

Karl Sönnigsen ließ den Verschluss seines Fahrradhelms unter dem Kinn einschnappen, bevor er seine Frau ungeduldig ansah. »Heute ist Donnerstag.«

Gerda runzelte die Stirn. »Das stimmt. Und Inge kommt gleich vorbei. Das habe ich dir doch gestern Abend gesagt.«

»Ja«, Karl nickte und zog den Reißverschluss seiner Jacke zu. »Aber trotzdem ist heute Donnerstag. Der Tag, an dem ich wie immer meine Zeitungen hole, mich ein bisschen in der Stadt umsehe und auf dem Rückweg bei Onno vorbeischaue, um mit ihm einen Kaffee zu trinken. Ich kann meine Pläne nicht aufgeben, nur weil eine Freundin von dir vorbeikommt, um Ableger für den Garten zu bringen.«

»Es wäre aber ein Akt der Höflichkeit, wenn du sie wenigstens begrüßen würdest«, meinte Gerda. »Du kannst auch später fahren. Außerdem ist sie nicht nur meine Freundin, sondern auch deine.«

»Deshalb wird sie Verständnis haben«, antwortete Karl achselzuckend, während er die Haustür öffnete. »Ich sehe sie sowieso am Montag beim Chor. Schöne Grüße und bis später.«

Er ließ seine Frau stehen und ging mit einem Blick auf die Uhr zur Garage, vor der schon sein Fahrrad stand. Als Pensionär war es ausgesprochen wichtig, eine Struktur zu haben. Er hatte eine und hielt sich dran. Und heute war Donnerstag, der Tag der Zeitschriften und des Besuchs bei seinem alten Freund Onno. Natürlich hätte es auch andere Möglichkeiten gegeben, wie er – als ehemaliger Polizeichef dieser Insel – seine Zeit verbringen könnte. Mit all seiner Erfahrung und seinem kriminalistischen Instinkt. Aber diese Fähigkeiten, die er seinem Nachfolger nach Dienstende großzügig zur Verfügung hatte stellen wollen, waren auf dem Revier angeblich nicht mehr vonnöten. Das hatte zumindest dieser unfähige Peter Runge behauptet, der in Karls Augen mit seiner Nachfolge hoffnungslos überfordert war und jede Hilfe gut hätte gebrauchen können. Runge kam von der Ostsee und kannte sich auf Sylt immer noch nicht aus. Aber bitte, Karl Sönnigsen hatte es nicht nötig, sich aufzudrängen und anzubiedern. Er kümmerte sich jetzt auf seine Weise um die Insel. In Notfällen ließ er sich auch mal zu einer eigenen Ermittlungsgruppe hinreißen, wobei man ihm gewisse Erfolge nicht absprechen konnte. Nicht mal Peter Runge konnte das, hatte Karl doch mit seinen Mitstreitern Onno, Helga, Inge und Charlotte in den letzten Jahren zwei brutale Fälle aufgeklärt und der Insel so wieder den Frieden und die Sicherheit zurückgegeben. Aber Undank war der Welten Lohn. Die Polizeistation Westerland war der Meinung, alle anfallenden Delikte selbst aufklären zu können. Na ja, nicht die ganze Polizeistation, nur Peter Runge. Und der war leider der Chef. Und Karls Erzfeind.

Karl pfiff einen Schlager, den er heute Morgen im Radio gehört hatte, während er sein Fahrrad aus der Garage schob und zufrieden in den blauen Himmel sah. Kaiserwetter, dachte er, und das sollte laut Wetterbericht auch noch eine Weile andauern. Der Frühsommer war und blieb doch die schönste Jahreszeit auf dieser Insel. Auch wenn sie nun bei diesem Wetter von Touristen geflutet werden würde. Aber das kannte er schon. Sie kamen und gingen, manche waren freundlich, andere nicht, damit musste man als Insulaner leben. Und Karl konnte nicht aus seiner Haut, er gab denen, die sich schlecht benahmen, schon mal den einen oder anderen tadelnden Hinweis. Und wenn das nicht half, musste er eben eine Anzeige im Polizeirevier machen, das konnte ihm schließlich niemand verbieten, das war sein Bürgerrecht.

Mit der Sonne im Gesicht bog Karl auf den Fahrradweg ein, der in die Innenstadt von Westerland führte. Nach wenigen Metern musste er seine Fahrt verlangsamen. Ein schwarzer Wagen mit Kölner Kennzeichen stand – gegen die Fahrtrichtung – mit zwei Rädern auf dem Fahrradweg. Karls Bremse quietschte, als er vor dem Falschparker anhielt und sich umsah. Parkte dieser Trottel zu Hause genauso? Und wo war das Ordnungsamt, wenn man es mal brauchte? Er schob das Fahrrad kopfschüttelnd an dem Wagen vorbei und widerstand der Versuchung, sich das Kennzeichen aufzuschreiben, um Runge eine Anzeige auf den Tisch zu legen. Der würde sich ohnehin wieder mal nicht zuständig fühlen, und eigentlich war das Wetter auch zu schön, um Streit anzufangen. Krimineller Falschparker hin oder her. Wobei er das eigentlich auch nicht durchgehen lassen sollte. Nach einer kurzen Überlegung lehnte er das Fahrrad an einen Zaun, zog den kleinen Notizblock und einen Kugelschreiber aus der Innentasche seiner Jacke und notierte in seiner schönsten Schrift: Werte*r Verkehrsteilnehmer*in, auch wenn Ihr Hirn im Urlaub ist: Auf dieser Insel parkt man regelkonform und nicht so bekloppt. Beim nächsten Mal geht eine Anzeige ans Ordnungsamt raus. Hochachtungsvoll, ein Gesetzeshüter.

Er hatte sich angewöhnt, Verweise zu gendern, damit man ihn nicht für einen alten Stinkstiefel hielt, der an allem herummeckerte. So leicht wollte er es den Leuten nicht machen. Die sollten ruhig überlegen, von wem der Zettel unter dem Scheibenwischer kam.

Langsam stieg er wieder auf und setzte seine Fahrt fort. Er würde jetzt erst mal zum Bahnhofskiosk radeln, um seine wöchentlichen Zeitschriften abzuholen. Abeba legte sie ihm immer schon zurecht, damit er sie sich nicht selbst zusammensuchen musste. Dafür konnte er sich dann ein paar Minuten mit ihr unterhalten, falls der Laden nicht zu voll war. Meistens waren jede Menge Bahnfahrer an der Kasse, die sich Getränke oder irgendwelche Süßigkeiten kauften, weil ihr Zug schon wieder Verspätung hatte. Aber Karl hatte ja Zeit und konnte sie zwischendurch vorlassen. Das war das Gute als Pensionär, er ließ sich nicht mehr hetzen, sondern nahm sich Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens. Und dazu gehörte ein Schnack mit der netten Abeba, die vor einigen Jahren mit ihrem Sohn aus Eritrea gekommen war und immer so schöne Frisuren hatte.

Je näher er dem Bahnhof kam, umso dichter wurde der Verkehr. Es war, wie Karl befürchtet hatte. Bei dieser Wettervorhersage hatten sich die Massen aufgemacht, die Insel zu kapern. Karl fuhr langsamer und sah schon von Weitem den überfüllten Parkplatz vor dem Bahnhof, auf dem offensichtlich irgendetwas passiert war. Unter wildem Gehupe standen die Autos dicht gedrängt oder schoben sich zentimeterweise über den Platz. Karl stieg vom Rad und versuchte, den Grund für dieses Verkehrschaos auszumachen. Er fand ihn sofort. Es war ein großer gelber Geländewagen, der schräg auf zwei Parkflächen stand, das Heck viel zu weit auf dem Fahrweg, sodass kaum jemand vorbeikam. Die ersten Autos fuhren rückwärts vom Parkplatz, die Fahrer tippten sich wütend an die Stirn und hupten mit Nachdruck, als würde das etwas nützen. Vom Fahrer des Geländewagens gab es keine Spur. Das Hupen und die hörbaren Schimpftiraden einiger Verkehrsteilnehmer machten Karl ganz nervös.

Kurz entschlossen stellte er sein Fahrrad an den dafür vorgesehenen Metallständer, griff nach seinem Notizblock und marschierte zum Wagen des unbekannten Störenfrieds. Es war ein Hamburger Kennzeichen. Auf der Rückbank des riesigen Wagens lagen Jacken, Taschen und jede Menge leerer Energiedrink-Dosen, das reine Chaos. Karl fragte sich, wie sich jemand, der nicht Postbote war, einen knallgelben Wagen bestellen konnte, noch dazu so ein Schlachtschiff, das man eher auf unwegsamen Bergrouten als in einer Großstadt wie Hamburg verorten würde. Und das korrektes Parken notwendig machte, was anscheinend den Halter oder die Halterin dieses Gefährts heillos überforderte. Karl notierte das Kennzeichen und sah sich um. Niemand schien sich verantwortlich zu fühlen, das Chaos blieb, das Hupkonzert auch. Wenn er hier nichts unternahm, würde es spätestens bei Erscheinen des Fahrers einen Aufruhr, wenn nicht sogar eine amtliche Prügelei geben.

Er behielt den Notizblock in der Hand und marschierte entschlossen zum Polizeirevier, das nur wenige Meter entfernt lag. Mit Schwung stieß er die Tür auf und prallte fast an die Brust von Peter Runge, der anscheinend gerade mal wieder das Revier verlassen wollte. Vermutlich war er auf dem Weg in die Kaffeepause, als hätte er keine anderen Aufgaben.

»Sönnigsen«, gequält stöhnte der Polizeichef auf. »Was wollen Sie denn schon wieder?«

»Eine Anzeige machen«, Karl wedelte mit dem Notizblock. »Auf dem Parkplatz vor dem Bahnhof kommt es gleich zu einer Massenschlägerei, weil ein Mordsauto mordsmäßig falsch parkt und somit den Verkehrsfluss behindert, besser noch, unmöglich macht. Ich habe das Kennzeichen aufgenommen.«

Peter Runge starrte ihn reglos an. Nach einer Weile seufzte er. »Dann gehen Sie damit zu Benni. Er hat ja sonst nichts zu tun, als laufend irgendwelche Anzeigen von gelangweilten Rentnern aufzunehmen. Bitte.«

»Falls Sie mich meinen, ich bin Pensionär. Nur fürs Protokoll.«

»Aber gelangweilt, sonst würden Sie ja nicht ständig auf dem Revier auftauchen.«

Karl schnaubte, während er Runge ansah. »Wenn Sie hier Ihren Job vernünftig machen würden, bräuchte ich nicht ständig hier aufzutauchen. Aber soll ich eine Gefahrenlage einfach ignorieren? Nur weil Sie keine Lust haben, sich mit besorgten Bürgern zu unterhalten?«

Runge schüttelte resigniert den Kopf, während er an Karl vorbei zum Ausgang ging. »Benni ist hinten, ich habe zu tun.« Er murmelte noch etwas, was Karl nicht verstehen konnte, aber es war sicher nichts Nettes.

Karl wartete, bis die Tür hinter ihm zugeklappt war, dann marschierte er den gewohnten Weg durchs Revier, um seine Bürgerpflicht zu tun.

Benni hob erstaunt den Kopf, als er Karl kommen sah. »Moin, du schon wieder?«

»Ja, ich. Zieh dir deine Jacke an und kümmere dich mal um das Chaos auf dem Bahnhofsparkplatz. Ich habe hier das Kennzeichen eines Falschparkers notiert, der gerade den gesamten Verkehr blockiert. Bevor es da eine Schlägerei gibt, sollte sich jemand von euch darum kümmern.«

Mit einem Ächzen erhob Benni sich von seinem Stuhl und griff nach Jacke und Mütze. »Ich hasse diese Touristen mit ihren fetten Autos«, murmelte er leise. »Auch wenn das wieder mal ein Fall fürs Ordnungsamt ist und nicht für die Polizei.«

»Gefahrenlage«, wiederholte Karl laut und schlug ihm mit dem Notizblock an die Brust. »Beeil dich und trödel nicht herum.«

Er drehte sich um und verließ eilig das Revier. Mit langen Schritten erreichte er kurz darauf den Ort des Geschehens und musste enttäuscht feststellen, dass der Verkehr wieder problemlos lief.

»Aha!« Benni stand jetzt neben ihm. »Gefahrenlage?«

»Er ist weg.« Karls Blick wanderte über den Bahnhofsvorplatz, vom gelben Geländewagen war nichts mehr zu sehen. »Das gibt es ja gar nicht, das ist ärgerlich. Es dauert eben einfach zu lange, bis ihr mal reagiert.«

»Ach, Karl«, Benni klopfte ihm kurz auf die Schulter und drehte sich wieder um, »such dir doch endlich mal ein Hobby. Einen schönen Tag noch.«

Er ging, während Karl noch auf den Parkplatz starrte, auf dem gerade noch der gelbe Wagen gestanden hatte. Jetzt parkten dort zwei andere Autos – ordnungsgemäß. Und schon wieder war ein Verkehrssünder davongekommen. Nur weil Runge die Insel nicht im Griff hatte. Es war einfach ärgerlich.

Karl gab sich schließlich einen Ruck und wandte sich in Richtung des Bahnhofskiosks. Er hatte keine Lust, sich aufgrund dieses Zwischenfalls seinen Donnerstag versauen zu lassen. Jetzt war es genug, er würde nun für einen kleinen Schnack zu Abeba gehen und anschließend bei Onno Runge und seine Nachlässigkeit thematisieren. Und er hoffte, dass Onno ihn wieder mal beruhigen konnte.

Als er den Bahnhofskiosk betrat, fiel sein Blick sofort auf Abeba, die hinter der Kasse stand und einer vermutlich gerade angekommenen Touristin einen Reiseführer und eine Zeitschrift verkaufte. Sie hob den Kopf und lächelte Karl an. Er stellte sich ein Stück neben die Kasse und wartete.

Abeba hatte eine gelbe Bluse an, zu der das Haarband passte, das sie in ihre dunklen Locken gebunden hatte. Sie war sehr hübsch, befand Karl, und sah gut gelaunt aus. Im Gegensatz zu ihm, der immer noch an Runge dachte.

Die Kundin fing jetzt an, sie lauter langweilige Sachen zu fragen. Wann das Westerländer Schwimmbad morgens öffnete und wo man den besten Fisch essen konnte. Und ob sie hier auch Busfahrpläne bekommen könnte. Karl rollte mit den Augen und griff willkürlich zu einer Zeitschrift, die neben ihm auf dem Tisch lag. Es war ein Frauenmagazin für werdende Mütter. Beim Durchblättern erfuhr er, dass Schwangere heutzutage wieder kräftige Muster für ihre Umstandsmode wählten und dass es Übungen gab, mit denen man sehr schnell wieder rank und schlank würde. Vielleicht könnte er die auch mal machen, überlegte er. Gerda gab ihm dauernd zu verstehen, dass sein Bauchumfang langsam seine Aufmerksamkeit erregen sollte.

»In dieser Scheißbude gibt es garantiert keinen kalten Schampus.« Die laute männliche Stimme kam vom Eingang und ließ Karl hochsehen. Zwei junge Männer waren hereingekommen, der größere der beiden blieb breitbeinig im Gang stehen und sah sich mit arroganter Miene um. Er hatte diese Hosen an, die aussahen, als würden sie im nächsten Moment in die Kniekehlen rutschen, dazu ein weißes Hemd und eine dünne Lederjacke. Und er gehörte zu diesen Männern, die sich auch bei bestem Wetter einen bunten Seidenschal um den Hals schlangen. Affig, befand Karl und wandte seinen Blick Abeba zu, die immer noch geduldig die Fragen der Kundin beantwortete.

»Ist hier keiner?« Die laute Stimme ertönte wieder. »Bedient hier niemand?«

Der kleinere der beiden warf dem Schreihals einen beschwichtigenden Blick zu, der allerdings nichts nützte. Die Stimme wurde noch lauter. »Hallo, hier ist Kundschaft.«

Jetzt beugte Abeba sich ein Stück vor und sagte freundlich: »Moment bitte.«

»Häh?« Mit einem blöden Grinsen fuhr der junge Mann sich durch seine verstrubbelte Frisur und hob provozierend das Kinn. »Hey, Black Beauty, sprichst du überhaupt Deutsch? In ganzen Sätzen?«

Karl japste empört nach Luft, während Abeba nur kurz die Augenbrauen hob und sich wieder der Kundin zuwandte.

Der andere junge Mann in Jeans und Kapuzenpulli trat neben seinen Kumpel. »Niklas, lass stecken, hier gibt es keinen Schampus, komm, wir fahren nach Wenningstedt.«

Niklas schob seinen Begleiter zur Seite und ging an ihm vorbei zu Abeba. »Sweety, wenn du schon hier arbeiten darfst, dann kümmere dich um die Kunden. Und quatsch hier nicht rum.«

»Unverschämtheit. Was fällt Ihnen ein? Ich bin Kundin und ich war zuerst hier«, die Frau vor ihm drehte sich entrüstet um. »Sie können ja wohl einen Moment warten.«

Niklas hob theatralisch die Hände. »Ho, ho, da haben Sie es mir aber gegeben. Luke, wir müssen warten, bis wir mal drankommen. Die Dame hier hat schlechte Laune.«

Mit einem vernichtenden Blick auf ihn bezahlte sie jetzt den Reiseführer und eine Zeitschrift, schob beides in ihre Tasche und sagte mit einem Kopfschütteln zu Abeba: »Vielen Dank. Und ich hoffe, Sie haben heute auch noch nette Kunden.« Sie rauschte an ihnen vorbei zum Ausgang, während Niklas breitbeinig an der Kasse stehen blieb und Abeba herablassend ansah. »Sag mal, Schoko, wo habt ihr hier den Schampus?«

Karls Kopf wurde heiß, sein Puls explodierte. Er konnte nicht glauben, dass dieser Schnösel das tatsächlich gesagt hatte. Fassungslos starrte er den jungen Mann an. »Was haben Sie da gerade gesagt?«

»Was mischst du dich denn ein, Opa?« Er grinste Karl unverschämt an, bevor er sich lässig an den Tresen lehnte und seine Hände darauf abstützte. »Also, was ist? Du haben Schampus?«

Entschlossen schob Karl sich vor Abeba und zückte sein Notizbuch. »Sie haben soeben diese Dame rassistisch beleidigt. Und hier gibt es keinen Champagner. Wenn Sie sich nicht entschuldigen, werde ich Sie anzeigen. Ihren Namen bitte!«

»Bist du nicht ganz dicht?« Niklas nahm die Hände vom Tresen und fixierte Karl, bis plötzlich der andere junge Mann hinter ihm erschien und ihn ungeduldig am Ärmel zog. »Komm, lass uns gehen, wir brauchen hier keinen Stress.«

Nach kurzem Zögern ließ Niklas sich von seinem Begleiter wegziehen, den Blick noch auf Karl gerichtet. »Viel Spaß mit deiner Schokoprinzessin.« Er grinste wieder blöde, dann verließen beide den Kiosk.

»Das glaube ich jetzt nicht«, Karl schnappte nach Luft und beeilte sich, den beiden zu folgen. »Hey, ich warte auf eine Entschuldigung.«

Aber die beiden waren schneller als er. An der Kiosktür musste er sich auch noch durch eine Reisegruppe drängeln, die sich ihm in den Weg stellte. Als er sich durchgekämpft hatte, sah er die beiden über den Bahnhofsvorplatz nach links Richtung Busbahnhof abbiegen. Der unangenehme Niklas lachte laut. Karl setzte die Verfolgung trotz des Abstands fort, mit Glück würde er sie am Bus abpassen. Und wenn er mitfahren müsste, er würde den Namen bekommen, immerhin war er hier mal Polizeichef gewesen. Er ignorierte das Seitenstechen und eilte weiter. Die beiden gingen gar nicht zu den Bussen, sondern zu den parkenden Autos an der Hauptstraße. Und blieben plötzlich an einem Wagen stehen, in den sie kurz darauf einstiegen. Karl reckte ungläubig den Hals und blieb schwer atmend stehen. Es war der gelbe Geländewagen, der sich nun aus der Parklücke schob und an Karl vorbeifuhr. Die beiden Angeber sahen ihn nicht, aber er sah sie. Und das Kennzeichen, das er schon in seinem Notizbuch hatte. Manchmal war das Leben gerecht.

Mit einem zufriedenen Nicken sah er dem Wagen nach, wartete, bis sich seine Atmung beruhigt hatte, dann drehte er sich um und schlenderte zum Polizeirevier.

»Wie genau hat er Sie denn rassistisch beleidigt?« Peter Runge sah Karl genervt an.

»Mich doch nicht«, Karl schüttelte den Kopf. »Eine Mitbürgerin. Aber ich war Zeuge. Und auf dieser Insel lasse ich keinen Rassismus zu.«

»Dann muss die Mitbürgerin die Anzeige selbst machen. Wer war es denn?«

»Das ist doch überhaupt nicht das Thema. Ich war Zeuge einer rassistischen Beleidigung und die zeige ich hiermit an. Was daran verstehen Sie denn nicht?«

»Vorsicht mit dem Ton«, Runge hob die Augenbrauen. »Vielleicht haben Sie da auch was falsch verstanden. Diese jungen Leute haben unter Umständen nur einen Witz gemacht.«

»Einen Witz?« Empört verschränkte Karl die Arme vor der Brust. »Ich stand im Bahnhofskiosk nur einen Meter neben diesem arroganten Schnösel und es war eindeutig eine Beleidigung. Also bitte, Sie haben jetzt das Kennzeichen des Wagens, mit dem er unterwegs ist. Ich erwarte eine Halterabfrage und eine Anzeige. Ansonsten werde ich eine Dienstaufsichtsbeschwerde machen müssen. So leid mir das tut.«

Runge starrte ihn lange an, atmete resigniert aus und zog die Tastatur zu sich. »Sönnigsen, suchen Sie sich endlich ein anderes Hobby. Es ist die fünfte Anzeige, die Sie diesen Monat machen.«

»Tja«, Karl nickte. »Das habe ich mir nicht ausgesucht. Ich hätte es auch gern friedlich und gesetzeskonform. Also, soll ich Ihnen meinen Namen und meine Adresse diktieren oder haben Sie die mittlerweile im Kopf?«

Peter Runge stöhnte leise und begann, mit drei Fingern zu tippen.

2.

Valentina schloss die schwere Tür der Reetdach-Villa auf und betrat den großzügigen Eingangsbereich. Sie ließ die Tür hinter sich zufallen, blieb aber nach wenigen Schritten irritiert stehen. Jeder Schritt machte ein schmatzendes Geräusch. Sie hob den Fuß, die Sohlen ihrer Sneaker waren jetzt mit einer klebrigen Flüssigkeit bedeckt. Valentina tippte mit dem Finger vorsichtig darauf und roch daran. Angewidert ließ sie die Hand sinken, es war vermutlich Bier. Sie sah sich um und entdeckte hinter der Tür Glasscherben, daneben ein paar halb volle Biergläser und zwei umgekippte Flaschen.

Sie ging auf Zehenspitzen weiter, die große Tasche mit den Putzmitteln noch in der Hand, und betrachtete das ganze Ausmaß der Verwüstung. Auf den teuren Holzdielen knirschte der Sand, in der Küche stapelte sich schmutziges Geschirr, teilweise noch mit Essensresten darauf, der Mülleimer quoll über, über dem Herd glänzten Fettspritzer an der Wand, die Jalousie war auf einer Seite aus der Halterung gebrochen. In beiden Badezimmern lagen jede Menge feuchte Handtücher zerknüllt auf dem Boden, im Wohnzimmer roch es nach Hund, die Scheiben der Terrassentür waren fleckig und voller Hundehaare. Anscheinend hatte man das Tier nicht rechtzeitig rausgelassen, was eine Erklärung für die Flecken auf dem Teppich sein konnte. Ein widerlicher Geruch schwebte über allem. Valentina hielt sich die Nase zu, während sie die Tür aufschob, um Luft hereinzulassen.

Auch auf der Terrasse hatten die Gäste ihren Müll hinterlassen. In den Blumenkübeln lagen Zigarettenkippen, leere Weinflaschen in den Beeten und in den Ecken, auf dem Rasen entdeckte sie mehrere Hundehaufen. Der Bezug des Strandkorbs war fleckig, die Teakholzstühle waren wild durcheinandergeschoben. Bei einem der Stühle war die Armlehne gebrochen, der große Tisch stand mit einem Bein im Rosenbeet an der Hauswand, abgerissene zartgelbe Blüten der Kletterrose lagen auf dem Boden.

Resigniert sah Valentina sich um, dann zog sie ihr Handy aus der Tasche und tippte auf einen Kontakt. Als abgehoben wurde, sagte sie: »Hallo, Herr Bender, ich bin es, Valentina. Ich bin gerade in Munkmarsch, bei Hagemann am Watt. Das Haus ist sehr schmutzig, das wollte ich Ihnen nur sagen. Außerdem ist einiges kaputt. Können Sie mir Harry schicken?«

»Ach Gott, das war der Hagemann-Sohn mit seiner Clique. Machen Sie Fotos von den Sachen, die kaputt sind, bevor Sie sie entsorgen. Nicht, dass es heißt, die sind geklaut. Und vom Zustand des Hauses bitte auch. Das sollte Hagemann wissen. Ich sage Harry Bescheid. Wie lange brauchen Sie zum Putzen? Die neuen Gäste kommen schon morgen Vormittag. Es sind Geschäftsfreunde von Herrn Hagemann, das Haus muss picobello sein.«

»Morgen Vormittag?« Valentina sah sich um und stöhnte leise. »Es ist wirklich sehr viel zu putzen.«

»Das schaffen Sie schon«, die Stimme am anderen Ende klang zuversichtlich. »Ich lege auch einen Schein drauf. Bis dann.« Markus Bender legte auf, ohne ihre Antwort abzuwarten.

Langsam schob Valentina das Handy wieder in die Tasche und holte tief Luft, bevor sie sich auf den Weg zurück ins Haus machte, um dieses Chaos zu beseitigen. Sie würde nie verstehen, warum sich diese reichen jungen Deutschen benahmen wie die Schweine.

 

»Valentina?«

Eine knappe halbe Stunde später stand Harry in der Tür, wie immer im Blaumann und wie immer mit einem freundlichen Lächeln. Valentina kam ihm entgegen und lächelte zurück. »Hallo, Harry, die haben hier schon wieder das ganze Haus verwüstet. Und einiges kaputt gemacht. Soll ich es dir zeigen?«

»Lass mal sehen«, er verstärkte den Griff um den Werkzeugkasten und folgte ihr in die Küche.

»Oha!« Er betrachtete das Chaos mit hochgezogenen Augenbrauen. »Die haben hier ja ganze Arbeit geleistet. Hast du Fotos gemacht? Bender hat mir gesagt, dass er das Haus nicht mehr betreuen will, wenn das so weitergeht. Nach Silvester sah es hier genauso aus, da war der Neffe von Frau Hagemann mit seinen Freunden hier. Alles derselbe Stall.«

»Es ist mir ein Rätsel, wie man so mit fremdem Eigentum umgehen kann«, Valentina hob ratlos die Schultern. »In der Küche ist die Jalousie kaputt. Auf der Terrasse steht ein zerbrochener Stuhl und im Bad ist ein Duschschlauch abgerissen. Ich verstehe das nicht. Dieses Haus sieht fast jedes Mal so schlimm aus.«

Harry hatte eine kleine Leiter vors Fenster gestellt, auf die er jetzt stieg, um sich die beschädigte Jalousie anzusehen. »Die Familie Hagemann hat eben Kinder, die wohl an Putzpersonal gewöhnt sind und es nicht nötig haben, selbst für Ordnung zu sorgen. Soll ich dir gleich helfen?«

»Das wäre nett«, Valentina lächelte zu ihm hoch. »Es sind so viele Mülltüten und die Tonnen sind voll, vielleicht kannst du ein paar mit in die Firma nehmen und da entsorgen.«

»Stell sie einfach in den Flur«, Harry fixierte mit zusammengekniffenen Augen die ausgerissene Halterung. »Wenn ich alles repariert habe, packe ich die ins Auto.«

Sie nickte. »Danke«, sagte sie, »dann mache ich mal oben weiter.«

Nach einem abschließenden Blick auf ihn, den er nicht mehr bemerkte, stieg sie die Stufen nach oben. Sie hatte ein bisschen Herzklopfen, das bekam sie immer, wenn sie Harry sah. Vielleicht war sie sogar ein bisschen verliebt in ihn, nur leider merkte er das nicht. Er war einer der freundlichsten Mitarbeiter der Hausverwaltung Roth, bei der sie jetzt schon seit über fünf Jahren arbeitete. Und einer der attraktivsten, mit seiner sportlichen Figur und den dunklen Locken. Die Firma vermittelte Ferienwohnungen und Häuser an Urlauber. Valentina war mit ihren Kolleginnen dafür zuständig, dass alles sauber und aufgeräumt war, wenn Gäste kamen. Eine Arbeit, die ihr Freude machte, auch wenn sie nicht sonderlich gut bezahlt wurde. Deshalb hatte sie sofort zugesagt, als Markus Bender sie gefragt hatte, ob sie sich noch etwas dazuverdienen wollte. Es wären zusätzliche Reinigungsarbeiten und gelegentliche Einkäufe für zahlungskräftige Kunden zu erledigen, die er seit geraumer Zeit »exklusiv« betreuen würde.

»Wissen Sie, Valentina, das muss Frau Roth nicht wissen, ich mache das ja in meiner Freizeit, und das wäre bei Ihnen ja auch der Fall. Es sind private Kunden, deren Häuser nur für Familie und Freunde genutzt werden, sie vermieten nicht an Urlauber. Sie brauchen uns nur ab und an. Und wir bekommen das Geld ohne Abzüge, dafür sind wir diskret und zuverlässig. Was meinen Sie?«

Anfangs hatte sie ein bisschen Angst gehabt, dass sie Ärger mit ihrer Chefin bekommen könnte, wenn herauskäme, dass sie nebenher auch noch schwarz und für fremde Kunden putzte. Aber Frau Roth war auch Markus Benders Chefin, und nachdem er Valentina gesagt hatte, dass Frau Roth so mit ihrem eigenen Kram beschäftigt sei, dass sie sich kaum noch um die Firma kümmere und er sowieso alles machen müsse, war sie ein bisschen beruhigt. Zumal sie jetzt auch ihrer Schwester, die sich um die gemeinsame, etwas gebrechliche Mutter kümmerte, regelmäßig Geld überweisen konnte, was ihr Gewissen ein bisschen beruhigte.

Und sie sah dadurch auch Harry häufiger, der ebenfalls zusätzlich für private Kunden von Bender arbeitete. Markus Bender hatte nur Harry und sie gefragt, das wusste sie von Harry. Der hatte sie empfohlen und Bender gesagt, dass Valentina zuverlässig und sehr diskret sei. Valentina war überrascht gewesen und hatte im ersten Moment gedacht, dass Harry Zeit mit ihr verbringen wollte. Was ihr gefallen hätte, denn Harry hatte so freundliche Augen und eine so schöne Stimme und lebte allein. So wie sie. Und auch wenn sie mit ihren vierundvierzig nicht mehr die Jüngste und Harry wohl zehn Jahre älter war, hatte sie trotzdem immer ein kleines Kribbeln im Bauch, wenn er durch die Tür kam.

Mit einem leisen Seufzen sah sie sich im Schlafzimmer um. Für solche Gedanken hatte sie jetzt überhaupt keine Zeit. Sie atmete tief durch, zog sich neue Haushaltshandschuhe an und begann mit dem Abziehen der Bettwäsche. Sie hatte schon so manches erlebt, aber das Benehmen solcher Gäste machte sie immer noch fassungslos.

 

Eine halbe Stunde später kam sie mit einem Wäschesack in der Hand wieder nach unten. Sie warf einen Blick in die Küche, sah, dass die Jalousie wieder in der Halterung hing, und ließ die schmutzige Wäsche neben die Haustür fallen, bevor sie auf die Terrasse ging, auf der Harry gerade den Stuhl reparierte.

»Die haben oben im kleinen Schlafzimmer die Gardine im Fenster eingeklemmt. Die hat sich so festgewickelt, ich kriege die da nicht raus. Kannst du dir das mal ansehen?«

»Mhm«, Harry hatte zwei Schrauben zwischen den Lippen, während er die Armlehne richtete, und sah nur kurz hoch. Valentina ließ sich auf den Stuhl gegenüber sinken und schaute ihm zu. »Wie kann man seine Kinder nur so schlecht erziehen, dass sie in drei Tagen das Ferienhaus so verwüsten?«

»Mhmm«, er nahm eine Schraube aus dem Mund, bevor er Valentina ansah. »Das ist zum Glück nicht mein Problem. Ich habe keine Kinder. Und kein Ferienhaus.« Er grinste schief und konzentrierte sich wieder auf seine Arbeit. Valentina wartete, bis er fertig war, dann sagte sie: »Es ist unglaublich. Die Leute haben sich doch früher nicht so benommen.«

Harry legte das Werkzeug zur Seite und rüttelte prüfend an der Armlehne. »Die Leute, die Bender betreut, haben alle zu viel Geld. Die müssen nicht auf ihre Sachen achten. Wenn was kaputt ist, kaufen die das einfach neu.«

»So ist das wohl«, Valentina stand achselzuckend wieder auf. »Aber es ist trotzdem schlimm. Denkst du an die Gardine?«

»Ununterbrochen.« Er grinste und wischte sich die Hände an der Hose ab. »Ich komme gleich hoch.«

 

Vier Stunden später packte Valentina ihre schmutzigen Putzsachen zusammen. Ihr Rücken tat weh, ächzend richtete sie sich wieder auf und stemmte ihre Hände ins Kreuz. Gerade als sie sehen wollte, wo Harry steckte, hörte sie ein Auto in der Einfahrt. Kurz darauf tauchte Markus Bender in der Tür auf.

»Hallo, Valentina.« Er sah sich um und erst dann zu ihr. »Sieht doch schon wieder gut aus.«

Sie schaute ihn nur stumm an, während er mit langen Schritten den Flur durchquerte und die einzelnen Räume in Augenschein nahm. »Bestens. Muss noch irgendetwas ersetzt werden oder hat Harry alles repariert?«

»Der Lampenschirm im Esszimmer ist eingerissen«, antwortete Valentina. »Und es sind sechs Gläser und zwei Tassen kaputt, außerdem habe ich die Flecken auf dem Wohnzimmerteppich nicht rausbekommen. Wir haben ihn jetzt eingerollt und in Harrys Auto gelegt, der muss in die Reinigung.« Valentina musterte ihn. Sie fand farbige Jeans bei Männern über fünfzig albern, Markus Bender trug heute eine grüne. Zu einem weißen, sehr körperbetonten Hemd. Seine weißen Sneaker sahen aus wie neu, sein zurückgekämmtes blondes Haar war etwas zu lang und er trug eine Sonnenbrille auf dem Kopf. Er sah aus wie die meisten der Hausbesitzer, die er nebenbei betreute. Fast alle zogen sich ähnlich an. Und hatten ähnliche Frisuren.

»Gut«, er sah sich um und nickte. »Habt ihr Fotos gemacht?«

»Die habe ich Ihnen schon geschickt«, Valentina hob ihr Handy.

»Okay.« Ein Geräusch ließ ihn sich umdrehen, Harry kam gerade zurück ins Haus und nickte Bender zu. »Moin, Chef.«

»Moin, Harry.« Markus Bender sah ihn fragend an. »Alles wieder paletti?«

»Nein«, Harry schüttelte den Kopf. »Im kleinen Zimmer ist eine Wand völlig fleckig, das müsste gestrichen werden. Und die Tischplatte auf der Terrasse ist so voll Wachs, die werde ich abschleifen müssen. Der Lampenschirm muss noch ausgewechselt werden, ich habe aber keinen da. Der Rest ist so weit wiederhergestellt.«

Bender hob die Schultern. »Das schaffst du doch bis morgen, oder? Wobei du morgen aber auch noch zu den von Adens musst, deren Sohn ist mit einem Freund da, die wissen Bescheid.«

»Okay«, Harry sah auf die Uhr. »Kriege ich hin.«

Erleichtert schlug Bender ihm auf die Schulter. »Alles wie gehabt. Also dann, wir sehen uns. Ich ruf jetzt erst mal Hagemann an. Das kostet ihn ein paar Euro extra, danke Valentina, dann noch frohes Schaffen.«

Er verschwand und hinterließ eine süßliche Wolke seines Eau de Toilette, Valentina rümpfte die Nase, während sie ihm nachsah. An Harry gewandt sagte sie schließlich: »Tee?«

»Gern.«

Ohne den Müll und nach der Beseitigung der Spuren der Zerstörung war die Terrasse der Hagemanns ein Traum. Harry lehnte sich auf dem reparierten Holzstuhl zurück und streckte zufrieden seine Beine aus. Den Becher mit beiden Händen umschließend sah er Valentina an. »Danke für den Tee.«

Sie lächelte und nickte. Sie brachte jedes Mal eine Thermoskanne mit. Es war mittlerweile ein kleines Ritual geworden, das Valentina liebte. Obwohl Harry nie viel erzählte, was sie schade fand. Er fragte sie aber immer, wie es ihr gehe. Und deshalb wusste er, dass Valentina an der polnischen Ostseeküste groß geworden war, seit zehn Jahren in Deutschland arbeitete, ihre Familie nach wie vor in Polen lebte und sie immer ein bisschen Heimweh hatte. Sie hatte ihm auch von ihrer großen Familie erzählt, ihrer Mutter, ihren Schwestern, und dass sie sie finanziell unterstützte. Sie hatte ihm das kleine polnische Dorf an der Ostsee beschrieben, aus dem sie kam, das so schön war, in dem es aber so wenig Arbeit gab. Sie hatte ihm eigentlich fast alles von sich erzählt. Nur über ihn wusste sie fast nichts.

»Meine Nichte heiratet im September«, sagte sie unvermittelt. »Eine große Hochzeit. Und ich habe kein Abendkleid.«

»Bis September ist es ja noch ein bisschen hin«, antwortete er langsam und nahm einen Keks aus der Dose, die auf dem wachsbekleckerten Tisch stand. »Fährst du dann nach Hause?«

»Ja. Ich habe eine Woche Urlaub beantragt«, Valentina verteilte den Rest des Tees aus der Kanne auf ihre beiden Becher. »Ich freue mich darauf. Obwohl das alles ziemlich teuer wird. Die Fahrt, ein Geschenk und dann noch ein Abendkleid. Es ist gut, dass ich ein paar Extraschichten bekomme. Wann warst du das letzte Mal auf einer Hochzeit?«

»Ich?« Perplex hob Harry den Kopf, dann lachte er kurz und freudlos. »Vor ungefähr zwanzig Jahren. Lange her.«

Neugierig sah sie ihn an. »War das nicht schön?«

Harry starrte eine Weile auf die Tischplatte, bis er plötzlich hastig den Tee austrank und den leeren Becher wegstellte. »Am Anfang schon«, er stand abrupt auf und sah auf sie hinab. »Danke für den Tee. Ich muss hier mal weitermachen, ich habe noch eine Menge auf dem Zettel.«

»Okay.« Mit einem Anflug von Enttäuschung blickte sie ihn an. »Kann ich dir noch irgendwas helfen?«

»Nein, danke«, er lächelte. »Ich besorge jetzt erst mal ein paar Sachen und dann werde ich hier die restlichen Arbeiten erledigen. Du kannst Feierabend machen, hast du dir nach dieser Putzaktion ja auch verdient.«

»Ich gehe noch einmal durch, nicht dass ich was übersehen habe.« Valentina erhob sich langsam und blieb vor ihm stehen. »Was ist denn bei den von Adens? Muss ich da auch zwischendurch hin? Oder erst, wenn die weg sind?«

»Wohl erst, wenn die weg sind«, antwortete Harry achselzuckend. »Ich bringe denen nur was hin. Irgendwelche Sachen, die Bender für die einkauft, schätze ich. Die kriegen das nicht selbst auf die Kette. Auch so verwöhnte Jungs.«

»Das kann Bender doch auch selbst machen«, Valentina sah ihn fragend an, »wenn er die Sachen schon besorgt. Er nutzt dich ganz schön aus, finde ich.«

»Ach was«, Harry kratzte sich am Kopf und wandte sich langsam zum Gehen. »Ich bin hier der Hausmeister und mache einfach das, was er mir aufträgt. Fertig. Damit verdiene ich mein Geld. So, ich muss mal los. Wenn du gehst, kannst du abschließen. Ich habe selbst einen Schlüssel.«

»Gut. Dann bis bald.« Valentina erhob sich langsam, während Harry schon auf dem Weg zum Auto war. Nach wenigen Sekunden hörte sie, wie er den Motor startete, erst dann griff sie zu den Bechern, der Keksdose und Thermoskanne und ging zurück ins Haus, um noch einmal alles zu kontrollieren. Sie hätte Harry gern gefragt, ob er sie nicht mal ins Kino begleiten würde. Oder zum Eisessen. Aber irgendwie traute sie sich nie. Dabei hatte sie das Gefühl, dass auch er sie mochte. Aber hinter seinem freundlichen Wesen und seiner Hilfsbereitschaft war immer eine gewisse Zurückhaltung, die sie nicht verstehen konnte. Dabei wusste sie, dass er niemanden hatte, das hatte Bender mal in irgendeinem Zusammenhang gesagt. Sie wollte ihn gern näher kennenlernen, aber sie war zu schüchtern, um ihm das zu sagen. Auch weil sie gar nicht wusste, ob er überhaupt Interesse daran hätte. Als sie die Einladung zur Hochzeit ihrer Nichte bekommen und gelesen hatte, dass sie natürlich auch eine Begleitung mitbringen dürfe, war ihr sofort Harry eingefallen. Und sie hatte sich vorgestellt, wie er wohl im Anzug aussehen würde, statt in seinem ewig gleichen Blaumann. Harry war ein gut aussehender Mann, auch wenn er offensichtlich keinen Wert auf Äußerlichkeiten legte. Er sah immer gleich aus. Die lockigen, mit grauen Strähnen durchzogenen Haare waren etwas zu lang, er rasierte sich nicht regelmäßig, aber er war sehr groß und schlank und hatte Grübchen, wenn er lächelte. Vielleicht war er einfach genauso schüchtern wie sie. Vielleicht sollte sie ihn doch selbst fragen, ob sie nicht mal zusammen etwas trinken wollten.

Nachdenklich ging sie durchs Haus und sah prüfend in alle Ecken. Bis auf den fehlenden Teppich unter dem Couchtisch war es wieder genauso elegant wie vor dem Einfall des schlecht erzogenen Sohnes. Zufrieden nickte sie und ging zurück in den Flur, wo ihre Putztasche stand. Vor der Haustür warf sie noch einen Blick in den Garderobenspiegel, strich ihr T-Shirt glatt und zog das Haargummi fester, das den langen blonden Pferdeschwanz hielt. Sie betrachtete sich im Spiegel und fragte sich, ob Harry sie hübsch fand. Dass er ein bisschen älter war als sie, konnte doch kein Problem sein. Sie trat näher an den Spiegel, befeuchtete ihren Finger mit Spucke und wischte ein paar Krümel unter dem Auge weg. Wenn sie ihn das nächste Mal sah, würde sie ihn fragen. Erst mal nach einem Feierabendbier. Und dann könnte man weitersehen.

3.

Wer um alles in der Welt braucht so viele Sorten Marmelade?«

»Was?« Die junge Frau, die neben Karl im Supermarkt vor dem Regal stand, sah ihn fragend an.

»Es sind doch viel zu viel verschiedene Gläser«, Karl deutete mit einer verzweifelten Geste auf das Regal. »Auf meinem Einkaufszettel steht Marmelade. Einfach Marmelade. Das ist doch keine genaue Anweisung. Woher soll ich denn wissen, was für eine meine Frau meint.«

»Welche mögen Sie denn?« Die Frau lächelte ihn hilfsbereit an. »Suchen Sie sich doch die aus, die Sie mögen.«

»Was weiß ich?« Karl hob die Schultern. »Rote?«

»Ja denn«, seine Nachbarin sah ihn geduldig an. »Erdbeere, Kirsche, rote Johannisbeere?«

»Davon gibt es …«, Karl musterte ungeduldig das Regal, »ungefähr dreißig. Das ist doch …«

Er zog sein Handy aus der Jackentasche, tippte hektisch eine Nummer ein und hielt es sich ans Ohr. »Ich rufe besser meine Frau an. Gerda? Ich bin es. Ich stehe hier mit einer Frau zusammen vor dem Marmeladenregal und ich … was? Nein, irgendeine Frau, ich kenne sie nicht, aber sie kennt sich anscheinend auch nicht mit Marmelade aus. Hör mal, es gibt ungefähr tausend verschiedene Sorten. Was ist das denn für eine unvollständige Einkaufsliste? Wie soll man da fehlerlos einkaufen? Was?«

Er ging langsam am Regal entlang, die Anweisungen von Gerda befolgend, bis er die Gläser fand, die gemeint waren. »Wie soll man darauf kommen?«, fragte er laut, zog ein Glas heraus und zeigte es der jungen Frau. Sie nickte, jetzt nur noch mäßig interessiert, und schob ihren Einkaufswagen weiter. »Danke trotzdem«, rief Karl ihr noch nach und hob das Handy wieder ans Ohr. »So, die nette junge Frau ist gegangen. Sie wollte mir helfen, hatte aber auch keine Ahnung. Du musst deine Einkaufszettel wirklich präziser formulieren, Gerda, ich habe keine Lust, Rätsel zu lösen.«

»Meine Güte, Karl, es geht nur um ein Glas Marmelade«, sagte Gerda und wirkte genervt, was Karl wiederum ärgerte. »Such dir doch irgendwas aus, wenn du nicht weißt, was ich meine. Bringst du bitte auch noch die neue Fernsehzeitschrift mit? Ich habe vergessen, sie auf die Liste zu schreiben.«

»Heute ist Freitag, Gerda, ich war gestern in der Bahnhofsbuchhandlung, das hättest du mir auch gestern schon sagen können.«

»Du hättest auch selbst dran denken können, Karl. Ich gehe jetzt zur Kosmetik, bis später.« Sie legte auf, ohne auf seine Antwort zu warten. Kopfschüttelnd steckte Karl sein Handy in die Tasche, glich abschließend den Einkaufszettel mit dem Inhalt seines Wagens ab. Er hatte alles. Die Fernsehzeitschrift würde er natürlich bei Abeba kaufen, auch wenn es hier ein Zeitschriftenregal gab. Aber so könnte er sich doch selbst überzeugen, wie es Abeba nach der gestrigen Pöbelei ging. Sofort schob Karl den Wagen zur Kasse.

Die Kundin vor ihm packte umständlich ihre Einkäufe aufs Band, etwas ungeduldig trat Karl von einem Fuß auf den anderen. Es gab kaum etwas Langweiligeres, als in der Schlange vor der Supermarktkasse zu warten. Nach einer Weile drehte er sich um und sah unvermittelt der hilfsbereiten Marmeladenfrau in die Augen. »Oh«, sofort schob er seinen Wagen zur Seite. »Bitte gehen Sie doch vor, ich habe Zeit, ich bin Pensionär.«

»Gut«, sie überholte ihn, während die erste Kundin endlich bezahlte, und fing sofort an, ihre Waren aufs Band zu legen. Sie hatte viel mehr eingekauft als Karl. Sehr viel mehr.

Das war ein blöder Fehler gewesen, dachte Karl und starrte auf den Rücken der Frau. Und bedankt hatte sie sich auch nicht. Die Leute hatten kein Benehmen mehr. Als wenn es selbstverständlich wäre, dass ein ehemaliger Polizeichef seinen Platz in der Warteschlange aufgab. Als hätte er nichts zu tun. Vielleicht sollte er ihr einfach sagen, wer er war. Und dass er in seinem Leben Wichtigeres zu tun gehabt hatte, als sich mit Marmeladensorten zu beschäftigen. Jetzt hatte sie ein völlig falsches Bild von ihm. Sie dachte bestimmt, er wäre einer dieser senilen Rentner, der von seiner Frau zum Einkaufen geschickt wurde, damit er ihr zu Hause nicht im Weg herumsaß. Eigentlich konnte er das nicht so stehen lassen.

»Hallo, Herr Sönnigsen«, eine männliche Stimme unterbrach seine Gedanken. »Heute nicht auf Verbrecherjagd?«

Der grau melierte Mann, der plötzlich hinter ihm stand, lächelte ihn an. Karl runzelte kurz die Stirn, er hatte keine Ahnung, wen er vor sich hatte. »Guten Tag, ich, ähm …«

»Thomsen«, half der Mann ihm auf die Sprünge. »Das können Sie auch nicht mehr wissen, bei den ganzen Fällen, mit denen Sie es zu tun hatten. Ich war damals der Gutachter bei dem Überfall auf das Berliner Ehepaar in Keitum, bei dem Sie ermittelt haben.«

»Ach ja«, erwiderte Karl lauter als nötig, damit die Marmeladenfrau es auch mitbekam. »Stimmt, der brutale Überfall in Keitum, ich erinnere mich. Die Ermittlungen waren nicht ohne, aber ich habe es natürlich hinbekommen. Das war eine Glanzstunde der Polizeiarbeit. Und Sie? Machen Sie hier Urlaub?«

Er warf einen Blick auf die Marmeladenfrau, die gerade ihren Großeinkauf bezahlte. Sie ignorierte ihn einfach. Und schob jetzt den vollen Wagen zum Ausgang, ohne sich umzudrehen. Es war ärgerlich, in Zukunft würde er niemanden vorlassen. Egal, wer da hinter ihm stand.

»Sagen Sie, Herr Sönnigsen, können Sie mich schnell vorlassen? Ich habe nur zwei Teile und meine Frau wartet draußen im Auto.«

»Sicher«, resigniert trat Karl einen Schritt zur Seite. Nur weil er noch gar nicht angefangen hatte, den Inhalt seines Wagens aufs Band zu legen. Und nur weil Thomsen ihn erkannt hatte.

»Danke sehr«, Thomsen legte einen Liter Milch, Butter und eine Käsepackung aufs Band. »Und ja, wir machen hier Urlaub, eine kleine Auszeit. Die brauchen Sie ja nicht mehr, ich habe gehört, Sie sind in Rente. Hat Runge mir erzählt, wir waren gestern ein Bier trinken.«

»Pension«, entgegnete Karl tonlos. »Und das sind drei Teile.«

Thomsen legte schon seine Karte auf das Lesegerät und lachte leise. »Immer noch so ein Genauer. Also dann, einen schönen Tag.«

Er klemmte die Einkäufe unter den Arm und nickte ihm zu. Karl nickte so sparsam wie möglich zurück und fing endlich an, seine Sachen aufs Band zu legen. Es wurde Zeit, dass er hier rauskam.

Als er sein Auto auf dem Bahnhofsparkplatz abstellte, verflog langsam seine schlechte Laune, die sich bei dem Bild des einträchtigen Biertrinkens von Thomsen mit dem Kamel Runge geformt hatte. Das Wetter war schön, er hatte auf Anhieb einen Parkplatz gefunden, er würde jetzt seinen kleinen Schnack mit Abeba halten und am späten Nachmittag wollten Onno und er am Ellenbogen Makrelen angeln. All das waren gute Gründe, das unangenehme Bier-Bild aus dem Kopf zu bekommen.

Vorschriftsmäßig löste Karl am Automaten ein Ticket und brachte es zum Auto, dann umrundete er mit energischen Schritten das Bahnhofsgebäude. Abeba bestückte gerade einen Kartenständer, als Karl zur Tür hereinkam. Sie hob lächelnd den Kopf, das Lächeln verflog sofort, als sie Karl erkannte.

»Ach«, sagte sie in einem komischen Ton und stellte den Karton mit den Postkarten auf den Boden. »Karl.«

»Abeba«, er blieb vor ihr stehen und sah sie aufmerksam an. »Wie geht es dir? Hast du die beiden Rotzlöffel …«

»Was sind Rotzlöffel?«

»Flegel. Unerzogene Bengels. Idioten. Was fällt mir noch ein?«

»Warst du bei der Polizei?«

»Wie kommst du darauf?« Karl beugte sich zu ihr hinunter. »Glaubst du, ich …« Erst jetzt merkte er, dass sie keineswegs dankbar zu ihm hochsah, sie wirkte vielmehr verärgert und funkelte ihn mit ihren dunklen Augen wütend an.

»Warum? Was meinst du?«

»Sie waren hier«, antwortete Abeba sauer. »Während der Geschäftszeit. Der Chef der Polizei und noch ein Kollege. Beide in Uniform. Mit Pistolen am Gürtel. Und Funkgeräten. Und Schlagstöcken. Die kamen hier rein und wollten von mir wissen, was das für rassistische Beleidigungen gewesen seien. Alle Kunden haben mich angestarrt. Die beiden haben so laut geredet, dass alle das mitbekommen haben. Sogar Susi aus dem Café kam rüber – die macht da sauber – und hat auch alles gehört. Was denkst du dir eigentlich dabei? Mir die auf den Hals zu hetzen. Ich bin fast gestorben, so peinlich war das. Und du musst das nicht leugnen: Erstens warst du dabei und zweitens habe ich deinen Namen auf der Anzeige gelesen.«

»Aber, Abeba«, ungläubig sah Karl sie an. »Du darfst doch nicht rassistisch beleidigt werden. Das muss man doch anzeigen. Die gehören bestraft, die beiden arroganten Jungs, die dürfen nicht damit durchkommen. Ich musste handeln, ich bin Polizist.«

»Du warst Polizist, Karl«, Abeba lehnte sich mit vor der Brust verschränkten Armen an den Tisch hinter ihr. »Die haben mir gesagt, dass jemand eine Anzeige gemacht hat, und deshalb müssten die mich jetzt befragen. Während der Geschäftszeiten. Und danach musste ich auch noch aufs Revier und was unterschreiben. Als wenn ich dafür Zeit hatte. Wirklich, Karl, du kannst dich nicht in alles einmischen. Die beiden Jungs waren einfach dumm. Und haben dummes Zeug erzählt. Ich wäre schon mit denen fertiggeworden. Jetzt machen die alle einen Mordsaufstand.«

»Was hast du der Polizei denn gesagt?«

Sie beugte sich mit gerunzelter Stirn vor und stieß mit dem Zeigefinger an seine Brust. »Ich habe gesagt, dass sie sich danebenbenommen haben, weil sie nicht gleich drankamen. Und dass ich das, was sie gesagt haben, gar nicht genau verstanden habe. Wenn ich jedes Mal bei solchen Typen zur Polizei gehen würde, wäre ich dauernd da. Es sind nicht die ersten blöden Sätze, die hier jemand zu mir sagt. Das passiert sehr oft, Karl, nicht nur im Geschäft. Aber ich wehre mich selbst, du hast mir jetzt nur Stress gemacht. Und außerdem weiß ja niemand, wer die beiden sind und wo die herkommen oder wohnen. Also, was soll das bringen?«

»Aber du musst …«

»Ich muss gar nichts«, mit einer schnellen Bewegung hob Abeba den Karton wieder hoch. »Ich muss weiterarbeiten.«

Sie fuhr fort, die Postkarten aufzufüllen, während Karl sich nicht von der Stelle bewegte. Schließlich ließ sie den Karton wieder sinken und drehte sich zu ihm um. »Was ist denn noch?«

»Ich soll eine Fernsehzeitung kaufen«, seine Stimme klang zerknirscht. »Wenn du einen Moment Zeit hast.«

Sie blickte ihn an und schüttelte den Kopf. »Guck nicht so beleidigt«, sagte sie, während sie vor ihm zum Regal mit den Zeitschriften ging. »Ich bin dir nicht böse, du hast es ja gut gemeint, aber ich habe keine Lust, die Polizei auf der Arbeit zu haben. Das kann auch Ärger geben. Habt ihr immer diese Fernsehzeitschrift?«

Sie hielt eine hoch, wartete auf Karls Nicken und ging zur Kasse. »Ein Euro und achtzig«, sagte sie und schob sie über den Tresen.

Karl bezahlte, steckte das Wechselgeld ein und beugte sich nach kurzer Überlegung ein Stück vor. »Abeba, ich habe das Kennzeichen des Autos, mit dem die beiden Jungs hier sind, wir könnten …«

»Nein«, sie hob die Hand. »Wir machen jetzt gar nichts mehr. Glaub mir, ich kenne solche Jungs. Sie streiten alles ab, man wird ihnen glauben, und nicht mir, und sagen, sie hätten es doch gar nicht so gemeint. Und ich muss wieder Fragen beantworten. Lass es gut sein.«

»Aber ich kann nicht …«

»Doch.« Abeba sah ihn jetzt mit einer Mischung aus Resignation und Traurigkeit an. »Kannst du. Ich möchte das nicht.«

»Guten Tag, haben Sie auch Briefmarken?«

Der Mann, der sich unbemerkt neben Karl geschoben hatte, unterband Karls Antwort. Abeba wandte sich ihm zu. »Was brauchen Sie denn?«

»Für drei Postkarten. Wissen Sie, ich schicke meinen Nachbarn extra immer Postkarten aus dem Urlaub, das können Sie nicht sofort vom Handy löschen und dann sind sie doch einen Moment neidisch.«

Karl rollte seine Zeitschrift ein und ging. Wenn Abeba dachte, er würde diese rassistischen Ausfälle auf sich beruhen lassen, dann täuschte sie sich. Wenn er irgendetwas hasste, dann waren es Ungerechtigkeit, Überheblichkeit und Dummheit. Postkarten zu schicken, um Nachbarn neidisch zu machen, war auch schon dumm. Aber diese beiden reichen Schnösel, die sich hier danebenbenommen hatten, die waren ein ganz anderes Kaliber. Und deshalb würde Karl sie im Auge behalten. Sobald sich die Gelegenheit ergab.

Als er vor dem Bahnhofsgebäude stand, drehten sich seine Gedanken im Kopf. Und er sah Abebas traurige Augen vor sich. Er hatte nie darüber nachgedacht, wie es ihr auf der Insel ging oder ob sie irgendwelche Anfeindungen aushalten musste. Er hatte immer gedacht, dass eine freundliche Person auch freundlich behandelt würde. Und Abeba war ausgesprochen freundlich. Dass sie auch auf Vollidioten traf, die sie ablehnten, nur weil sie anders aussah und woanders herkam, darüber hatte er noch nie nachgedacht. Was ihn jetzt ärgerte. Und deshalb konnte er diesen Vorfall keinesfalls auf sich beruhen lassen. Er musste nur überlegen, wie er das bewerkstelligen sollte.

Er blieb stehen und atmete tief aus. Er würde das ganze Problem nachher beim Makrelenangeln mit seinem Freund Onno besprechen. Onno war auch ein freundlicher Mann und würde ihn bestimmt verstehen. Und er hatte in den letzten Jahren Erfahrungen im Ermitteln in Strafsachen gemacht.

Karl wollte gerade zu seinem Auto zurückgehen, als sein Blick auf eine Bank auf dem Bahnhofsvorplatz fiel. Ein Mann saß allein dort, auf den Knien balancierte er einen Pappteller mit einem Stück Kuchen. Irgendetwas an diesem Bild war traurig, Karl kniff die Augen zusammen und überlegte, was es war. Vielleicht die Tatsache, dass der Mann nur diesen Kuchen und nichts zu trinken hatte. Bestimmt ein Handwerker, dachte Karl. Der Blaumann war fleckig, genauso wie die Schirmmütze, die er trug. Karl hatte angenommen, Handwerker essen eine Wurst oder trinken ein Bier, aber der hier hatte einfach nur ein einsames Stück Kuchen vor sich. Ein Streuselkuchen. Noch nicht mal was mit Sahne.

Er trat ein Stück vor und zuckte zusammen, als er plötzlich den Mann auf der Bank erkannte. Es war tatsächlich Harry Gerdes, und obwohl es so lange her war, bekam er sofort ein schlechtes Gewissen. Auch weil Harry ein bisschen verloren aussah. Kurz entschlossen drehte Karl sich auf dem Absatz um und ging ins Bahnhofscafé, um nach wenigen Minuten mit zwei Bechern Kaffee in den Händen auf die Bank zuzusteuern. Seine Fernsehzeitschrift hatte er sich unter die Achsel geklemmt, deshalb ging er etwas schief, um nichts zu verschütten.

»Moin, Harry.«

Stumm kauend hob Harry den Blick und sah Karl an.

»Kleinen Kaffee zum Kuchen? Milch ist drin und Zucker habe ich in der Jackentasche. Du müsstest mir nur den Becher abnehmen.«

Harry kaute weiter, schließlich schluckte er und nahm Karl den Becher aus der ausgestreckten Hand. »Ich trinke schwarz. Ohne Zucker.«

»Oh«, Karl setzte sich etwas zu dicht neben ihn, Harry rutschte ein Stück zur Seite. »Es stört dich doch nicht, wenn ich mich einfach dazusetze, oder? Ich war gerade einkaufen, und dann dachte ich, ach, so eine schöne Tasse Kaffee wäre doch fein. Und dann sah ich dich zufällig hier sitzen. Das mit der Milch tut mir leid, aber vielleicht geht es auch einmal so.«

Harry sah ihn kurz von der Seite an, dann trank er einen Schluck. »Ja, geht.«

»Und?« Karl konnte sein Redebedürfnis nicht bremsen. »Wie läuft’s? Machst du gerade Pause? Wo wohnst du jetzt eigentlich? Wieder auf der Insel? Oder pendelst du vom Festland rüber?«

Harry stellte seinen Kaffeebecher bedächtig auf den Boden und widmete sich wieder seinem Kuchen. Karl sah ihm dabei zu. »Ist Streuselkuchen, oder? Ist der gut?«

»Mhm«, Harry nickte und aß weiter. Karl konnte die Stille kaum aushalten.

»Der sieht ziemlich trocken aus, das ist doch sicher besser mit dem Kaffee, oder?«

Harry nickte wieder und hob kurz den Kopf, um Karl zu mustern. »Was willst du eigentlich?«

»Du, ich wollte nur guten Tag sagen«, Karl grinste ein bisschen dümmlich, was er selbst merkte. »Und mal fragen, was du eigentlich so machst. Wir haben uns ja ewig nicht gesehen. Wo arbeitest du denn jetzt?«

Harry hob die Schultern, ohne Karl dabei anzusehen. »Bei Petra Roth. Ferienwohnungsvermittlung. Als Hausmeister. Und ich wohne jetzt hier um die Ecke. Haus Ingrid. Mitarbeiterwohnung von Roth.«

»Interessant«, antwortete Karl lauter, als er eigentlich wollte. »Und? Bist du zufrieden? Wie geht es dir denn?«

Harry hob nur kurz den Blick, dann aß er in aller Ruhe den Kuchen auf. Er faltete langsam die Pappe klein, schob sie in eine Papiertüte und stand auf, um sie in den nächsten Mülleimer zu werfen. Karl war überrascht, dass er so groß war, er hatte ihn viel kleiner in Erinnerung. Und auch nicht so gut aussehend. Als Harry zurückkam, schnipste er ein paar Krümel von seinem Blaumann, bevor er sich bückte, um den Kaffeebecher in die Hand zu nehmen. Im Stehen blickte er auf Karl herab.

»Gut.«

Karl sah zu ihm hoch. »Was?«

»Es geht mir gut«, Harry nickte kurz. »Du hast gefragt.«

»Ah«, Karl stand auf und ließ dabei die Fernsehzeitung fallen. »Das freut mich. Aber du weißt ja, wenn ich mal irgendwas für dich tun kann …«

Harry bückte sich und hob die Zeitschrift auf, die er Karl hinhielt. »Dann gehe ich mal wieder arbeiten. Danke für den Kaffee. Tschüss.«

»Ja klar«, unbeholfen nahm Karl ihm die Zeitschrift ab und blieb stehen, während Harry sich mit dem Becher in der Hand auf den Weg machte. Seufzend sah Karl ihm so lange nach, bis er zwischen den Passanten verschwunden war.

Immer, wenn er an Harry Gerdes dachte, fühlte er sich schlecht. Das war ein dunkler Fleck in seinem Leben, das hatte er verbockt und es nie in Ordnung gebracht. Er hätte es zu gern wiedergutgemacht. Aber dafür war es anscheinend zu spät.

4.

Das Verdeck des Cabrios öffnete sich mit einem surrenden Geräusch. Markus Bender setzte die Sonnenbrille auf und hielt mit der anderen Hand den Knopf gedrückt. Das Wetter war fantastisch, er bekam gute Laune, während er wartete, bis das Verdeck ganz im Kofferraum verschwunden war. Dann setzte er den Blinker, sah kurz in den Rückspiegel und reihte sich in den Verkehr auf der Kampener Hauptstraße ein. Es gab weiß Gott schlechtere Orte, an denen man leben könnte. Vor allen Dingen im Sommer. Er war auf der Insel aufgewachsen, zur Schule gegangen und hatte seine Ausbildung in einem Herrenbekleidungsgeschäft gemacht. Natürlich konnte man mit dem Gehalt, das man als Verkäufer hier verdiente, nicht mithalten. Zumindest nicht mit denen, mit denen er mithalten wollte. Also hatte Markus Bender an seiner Karriere gearbeitet. Er hatte einen zweiten Job angenommen, tagsüber Anzüge und teure Hemden verkauft, abends in Lokalen hinter der Bar gestanden, wo er nicht nur Cocktails mixte und Bier zapfte, sondern vor allem Kontakte knüpfte. Dabei hatten ihm sein Aussehen und sein Charme geholfen.

Irgendwann kannte er die richtigen Leute, bekam die richtigen Ideen, verdiente einigermaßen, wobei es da noch Luft nach oben gab, und hatte eine ganze Liste wichtiger Telefonnummern in seinem Handy. Als Verkäufer arbeitete er nicht mehr, stattdessen war er jetzt in einer Vermittlungsagentur für Feriendomizile. Hier konnte er sich seine Zeit besser einteilen und verbrachte sie mit den passenden Leuten. Man konnte sagen, er war nun auf dem richtigen Weg. Was auch lange genug gedauert hatte.

Langsam fuhr er jetzt durch den Ort, vorbei an den angesagten Lokalen, den Edelboutiquen und Juwelieren. Eine seiner Verflossenen, Sandy, hatte hier mal gearbeitet, seitdem wusste er, dass es in den Boutiquen kaum zweistellige Preisschilder gab und sehr viel Schmuck bar bezahlt wurde, um das Schwarzgeld loszuwerden. Hier lag das Geld auf der Straße, man musste nur wissen, wie man daran teilhaben konnte.