2001 - Odyssee im Weltraum - Arthur C. Clarke - E-Book

2001 - Odyssee im Weltraum E-Book

Arthur C. Clarke

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Beschreibung

Eine Reise in die Unendlichkeit

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts entdecken irdische Raumfahrer, die auf dem Mond eine Basis errichten, in einem Krater ein uraltes Artefakt: Einen schwarzen Monolithen, der Signale ins All sendet. Eine Forschungsexpedition an Bord des Raumschiffes Discovery, dessen Funktionen komplett von HAL 9000, einem Supercomputer, gesteuert wird, macht sich auf den Weg, um das Rätsel zu lösen. Doch während des langes Fluges kommt es zu einem offenen Kampf zwischen HAL und der menschlichen Besatzung - und auf den Sieger wartet das Tor zur Unendlichkeit.

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ARTHUR C. CLARKE

2001: ODYSSEE IM WELTRAUM

Roman

Inhalt

Vorwort

2001 – ODYSSEE IM WELTRAUM

Vorbemerkung des Autors

I. UR-NACHT

Auf dem Weg zum Untergang

Der neue Felsen

Schulung

Der Leopard

Begegnung im Dämmerlicht

Aufstieg des Menschengeschlechts

II. TMA-1

Sonderflug

Rendezvous im Raum

Der Mondbus

Stützpunkt Clavius

Abweichung

Fahrt bei Erdlicht

Dämmerung

Die Lauscher

III. ZWISCHEN PLANETEN

»Discovery«

HAL

Bordroutine

Durch den Asteroidengürtel

An Jupiter vorbei

Die Welt der Götter

IV. ABGRUND

Geburtstagsfeier

Im Weltraum

Diagnose

Kurzschluss

Erster Mann zum Saturn

Dialog mit HAL

Elektronische Neurose

Im Vakuum

Allein

Das Geheimnis

V. DIE MONDE SATURNS

Überleben

Die Außerirdischen

Botschafter im All

Wirbelnde Eiskristalle

Das Auge des Japetus

Der große Bruder

Experiment

Die lange Wacht

Durch das Dach

Abgang

VI. DURCH DAS STERNENTOR

Hauptbahnhof

Der fremde Himmel

Inferno

Empfang

Rücklauf

Metamorphose

Sternenkind

Vorwort

von Stephen Baxter

In den drei Jahrzehnten seit seinem Erscheinen hat Arthur C. Clarkes Roman »2001 – Odyssee im Weltraum« (und natürlich Stanley Kubricks Film, mit dem zusammen er sich entwickelt hat) an Status und Einfluss gewonnen. Heute überragt er – wie ein Monolith sozusagen – nicht nur das übrige Œuvre Clarkes, sondern auch den Großteil aller übrigen Science Fiction.

»2001«, vielleicht die bekannteste und beliebteste SF-Geschichte des 20. Jahrhunderts, erzählt von einem einsamen Wachtposten auf dem Mond, dem berühmten schwarzen Monolithen. Als er ausgegraben wird, sendet er ein Signal an seinen weitaus stärkeren Bruder, der in einer Umlaufbahn um den Saturn (im Film um den Jupiter) kreist: eine Nachricht an jene, die die Monolithen zurückgelassen haben, so dass die Menschen nun imstande sind, über ihre eigene Welt hinauszugreifen. Die Astronauten Dave Bowman und Frank Poole fliegen zusammen mit dem eigenwilligen Computer HAL zum Saturn, um die außerirdische Manifestation zu erforschen. Poole wird von HAL im Raum ausgesetzt, doch Bowman überlebt und erreicht den Monolithen beim Saturn – der sich als Tor zu den Sternen und zur Transzendenz erweist.

Und erst da begreifen wir, dass der Titel zum Prolog des Films – »Der Aufbruch der Menschheit« – nicht nur für unsere primitiven Vorfahren gilt, sondern ebenso für uns.

Entgegen gängiger Praxis hat Kubrick nicht den Roman verfilmt, ebenso wenig ist das Buch lediglich die Romanfassung des Drehbuchs. Vielmehr haben Kubrick und Clarke im Laufe mehrerer Jahre beide »Produkte« gemeinsam entwickelt. Und tatsächlich unterscheiden sich beide in mehr als einer Hinsicht nachhaltig, insbesondere am Ende, wo Clarkes poetischer, nichtsdestoweniger aber diskursiver Schluss Kubricks surreale Visionen ersetzt oder möglicherweise näher erläutern soll.

Der erste Arbeitstitel des Projekts lautete ziemlich prosaisch: »Wie das Sonnensystem erschlossen wurde«. Wie man daraus schließen kann, sollte ihm ein Porträt der Kolonisation des Sonnensystems in naher Zukunft zugrunde liegen. Ein weiterer Anknüpfungspunkt war Clarkes exzellenter früher Roman mit transzendentaler Thematik, »Die letzte Generation« (»Childhood's End«, 1953), den die Kenner im Clarke-Pantheon sogar oft noch über »2001« stellen. Das Projekt sollte schließlich diese Anfänge widerspiegeln – und die Interessen, die einen Großteil von Clarkes literarischem Werk geformt haben.

Clarke selbst scheint sich – zumindest anfangs – vorgestellt zu haben, der Film würde im Wesentlichen eine dramatische Umsetzung des technischen Triumphs der Menschheit in naher Zukunft sein, ähnlich dem von Heinlein inspirierten Film »Endstation Mond« (»Destination Moon«, 1950). Er gehörte zu der während des Krieges hervorgetreten Autorengeneration, die versuchte, ein Bild unserer Zukunft in überwiegend technikfreundlichen und optimistischen Farben zu malen. Diese Tendenz in Clarkes Werk kann man nicht nur in seinen Sachbüchern, sondern auch in seiner Belletristik – angefangen bei dem frühen Mondflug-Roman »Aufbruch zu den Sternen« (»Prelude to Space«, 1951, deutsch auch »Die Erde lässt uns los«) bis hin zu seinen klassischen Visionen wie »Projekt Morgenröte« (»The Sands of Mars«, 1951) oder »Im Mondstaub versunken« (»A Fall of Moondust«, 1961) – verfolgen.

Clarkes technische Weitsicht hat ihm einen bedeutenden Einfluss verschafft. Renommierte Wissenschaftler und Ingenieure nehmen ihn ernst. Seine Leistung als Schöpfer des Konzepts geostationärer Kommunikationssatelliten ist wohlbekannt (zuerst veröffentlicht 1945 in einem Beitrag zur Oktobernummer der Zeitschrift »Wireless World«). In seinem Roman ›Aufbruch zu den Sternen‹ verwendete er Ideen aus einer klassischen Arbeit über Atomraketenantriebe, die 1948/49 von der Britischen Interplanetaren Gesellschaft veröffentlicht wurde, Ideen, die später in den Projekten US Rover und NERVA weiterentwickelt werden sollten. Und Clarke war offenbar der erste, der 1950 in einer Ausgabe des »Journal of the British Interplanetary Society«das Konzept des elektromagnetischen Linearbeschleunigers veröffentlicht hat – anwendbar zum Beispiel, um Rohstoffe von der Mondoberfläche zur Erde zu befördern oder Asteroiden abzulenken.

Später wurde Clarke bekannt dafür, wissenschaftliche Themen populär zu machen, sah er doch mit außergewöhnlicher Genauigkeit bestimmte Entwicklungen voraus. Beispielsweise beschreibt er in seinem Sachbuch »Vorstoß ins All« (»The Exploration of Space«, 1951) in fast allen Einzelheiten die Mariner-Sonden, die dreizehn Jahre später starteten. Und in »Rendezvous mit 31/439« (»Rendezvous with Rama«, 1973) umriss er eine »Spaceguard«-Operation zur Überwachung von Asteroiden, die der Erde nahe kommen – eine Idee, die zwei Jahrzehnte danach tatsächlich aufgegriffen wurde.

Doch solche Aktivitäten in der realen Welt und gelegentlich zutreffende Vorhersagen in seiner Science Fiction bewirkten nur ein noch größeres emotionales Gewicht seiner Werke, die mit ihrer Darstellung einer schönen und vielleicht erreichbaren Zukunft zweifellos entscheidend dazu beigetragen haben, jene künftigen Ingenieure der Nachkriegsgeneration zu motivieren, die schließlich die wirklichen Mondraumschiffe bauen sollten. Es überrascht nicht, dass die Apollo-Astronauten für ihre Raumkapseln Namen wie »Odyssey« wählten oder dass sie mit dem Gedanken spielten, Falschmeldungen etwa über riesige Monolithen auf der Mondrückseite durchzugeben.

Doch es war nicht Clarkes Trefferquote bei Vorhersagen über die nahe Zukunft, die Kubricks Interesse weckte, sondern ein anderer, weitaus komplexerer Teil von Clarkes Werk und Persönlichkeit.

Es ist bezeichnend, dass den Ausgangspunkt für das Projekt, aus dem »2001« werden sollte, eine elfseitige Kurzgeschichte von Clarke bildete, die 1951 in der wenig bekannten Zeitschrift »10 Story Fantasy« erschien.

»Der Wächter« (»The Sentinel«; dt. auch »Der Wachtposten«) enthält alle Schlüsselelemente der später daraus entwickelten Saga. Die Geschichte handelt von Forschern in naher Zukunft, die auf dem Mond auf ein pyramidenförmiges Artefakt stoßen. Dieses Artefakt löst ein Signal an seine Schöpfer aus, die darauf warten, dass wir Reife erlangen und uns ihnen zugesellen. Diese einfache – obwohl in typisch Clarke'scher Weise geschickt erzählte – Fabel sollte sich als der Same erweisen, aus dem Film, Roman, ein Nachfolge-Film und drei Romanfortsetzungen erwuchsen, dazu eine Subkultur von literarischer und wissenschaftlicher Analyse und Spekulation; wie Clarke in »2001 – Aufbruch zu verlorenen Welten« (»The Lost Worlds of 2001«, 1972) schrieb: die Geschichte, wie aus jener einsamen Pyramide ein Monolith wurde, ist komplex und spannend.

Bemerkenswert bleibt, dass sich »Der Wächter« selbst in der Rückschau als Ankündigung einer neuen und widersprüchlichen Facette in Clarkes Laufbahn erweist, denn in dieser Erzählung zeigte sich erstmals, dass Clarke eine Neigung zu metaphysischen Spekulationen entwickelte, sogar zum Mystizismus.

Clarke selbst leugnet diesen Aspekt seines Werks nicht (obwohl er schlechte und vorgetäuschte Wissenschaft ablehnt): Das Weltall ist tatsächlich voller Wunder, sagt er uns, und kein menschliches Wesen – und sei es noch so rational – kann umhin, diese Tatsache zur Kenntnis zu nehmen. Und so begegnen wir der wundersamen Transzendenz der Menschen in Werken wie »Die letzte Generation«, einer Transzendenz, die ihr Echo in der Erhebung des Astronauten David Bowman zum Sternenkind in »2001« fand.

Clarke – mit klarem Blick und nicht minder klarem, außerordentlich gut verständlichem und fast immer ebenso schönem Stil – hat zweifellos am großartigsten solche hochfliegenden Visionen zum Ausdruck gebracht, die zentrale Bedeutung für eine spezifisch britische Version von Science Fiction haben, welche von H. G. Wells über Clarkes erklärtes Vorbild Olaf Stapledon führt. Doch Stapledons wunderbare Visionen sind differenziert und distanziert; Clarke hingegen kann uns weinen lassen wie Waisenkinder um ihre verlorenen Väter.

Es ist offensichtlich, was Kubrick an Clarkes »Wächter« fasziniert hat: Bei dem Artefakt auf dem Mond handelt es sich um ein einfaches, fesselndes Symbol, dessen absolut stille Präsenz seine Bedeutung und seinen Zweck vermittelt.

Für große Filmemacher wie Kubrick müssen Bilder mehr leisten, als tausend Worte zu untermalen, im Idealfall sollten sie die Wörter ganz überflüssig machen. Der Film »2001« lässt sich auf eine Reihe von Schlüsselsymbolen reduzieren, eine Geschichte, erzählt in fortlaufenden Bildern ohne Ton und insbesondere in paarweise kontrastierenden und einander ergänzenden Symbolen: die unentwickelte Affenhand, die den glatten Monolithen berührt, dann die voll entwickelte Hand im Raumanzug auf dem Mond; der berühmte Schnitt von dem hochgeschleuderten Knochen auf das Raumschiff; das Aufdämmern von Bewusstsein in dem Wesen, das Clarke im Roman Mond-Schauer genannt hat; die Entwicklung Bowmans zum Sternenkind. Was an Dialog im fertigen Film übrigbleibt, ist zum großen Teil Geplauder, das wenig zu der vom Zuschauer benötigten Schlüsselinformation beiträgt, ein Toneffekt, Hintergrundgeräusch. Die Geschichte erfahren wir durch Symbole, und dass es dem Film – zumindest bis zur letzten Sequenz – gelingt, uns durch diese schlichten und kräftigen Symbole die wesentliche Bedeutung der Geschichte zu vermitteln, zeugt vom hohen Leistungsniveau seiner beiden Autoren.

Doch offensichtlich hat es zwischen Clarke und Kubrick über diesen Aspekt ihres Projekts – wie über viele andere – Reibereien gegeben.

Clarke, der ein Bild der technisch geprägten Zukunft zu entwerfen gedachte, wollte ursprünglich sogar »Sprachrohre« einführen, Wissenschaftler (möglicherweise echte Akademiker anstelle von Schauspielern), die über Raumfahrt, Leben auf anderen Welten und derlei mehr spekulieren sollten – doch wurde dieses Vorhaben von Kubrick stets hintertrieben.

Vergegenwärtigen wir uns die zentrale Sequenz des Films: wie der Monolith auf dem Mond ausgegraben wird. An der Oberfläche ist das Clarke pur in der Machart von »Im Mondstaub versunken«, da wir die Requisiten der Zukunft in etwas ungeschicktem Gebrauch sehen: Vidphone, Raumfähren und dergleichen. Doch selbst in den am wortgetreuesten ausgeführten Szenen sorgte Kubrick dafür, unsere eigene Banalität in der Zukunft zu zeigen. Mit leerem Dialog, einfarbigem Essen und verwaschener Beleuchtung verwies er auf die Mängel der Menschheit im 21. Jahrhundert, nicht auf ihren Triumph à la Heinlein; ganz wie ihre affenähnlichen Vorfahren warteten sie darauf, emporgehoben zu werden.

Bis zu einem gewissen Punkt wurde dieser schöpferische Konflikt mit der Veröffentlichung des Romans gelöst, wo Clarkes klarer Rationalismus einen heftigen Kontrast zur Hintergründigkeit von Kubricks Film bildet. Doch Kubrick hat gesehen, was Clarke selbst möglicherweise entgangen ist – dass die zentrale Wahrheit von »2001«, wie oft in Clarkes Werk, nicht der Triumph der Technokraten ist, sondern das Mysterium des Daseins. Der kreative Konflikt zwischen den beiden Schöpfern von »2001« ist – wie auch die Unterschiede zwischen den Formen des Romans und des Films – die nach außen verlagerte Spannung in Clarkes eigener Kreativität.

Dabei ist Clarke selbst wohl am wirkungsvollsten, wenn die Zwillingspole seines Denkens einander gegenübergestellt sind. Es liegt eine ganz eigene und vieldeutige Wehmut darin, voller Stolz die kühnsten Hoffnungen der Menschheit – bei Clarke oft in der Terminologie der Raumfahrt ausgedrückt – mitzutragen, im Gegenzug aber das nicht in Worte zu fassende Staunen zu empfinden, das unser Verstand möglicherweise niemals erfassen wird.

So lernen wir in »Rendezvous mit 31/439« Asteroiden aus der Bahn zu lenken – gerade, als das rätselhafte Raumschiff ins Sonnensystem eindringt; ›Die letzte Generation‹ beginnt am Vorabend der ersten Mondflüge – doch das Projekt erledigt sich plötzlich und für immer, als die gewaltigen Schiffe der Overlords am Himmel der Erde erscheinen; und natürlich wird in »2001« unsere große Errungenschaft, die äußeren Planeten zu erreichen, durch die Begegnung mit dem Sternentor und den galaktischen Transportmitteln, die dahinter liegen, zur Trivialität. So werden unsere hochtrabendsten Gefühle in einem gründlichen und äußerst raffinierten Ausmaß manipuliert.

Ist der Roman besser als der Film, oder umgekehrt? Gewiss eine bedeutungslose Frage, denn beide entsprangen demselben Impuls und sind ohne ihr jeweiliges Pendant gar nicht denkbar.

Zweifellos ist der Film ein Meisterwerk. Anders als die meiste »Sci-fi« aus Hollywood, geht es hier nicht um eine einfache »Geschichte aus dem Leben«, keine simple, von den Figuren vorangetriebene Handlung, die wir träge verfolgen können. In gewissem Sinn ist es überhaupt keine Geschichte von Menschen – immerhin ist die einprägsamste Gestalt eine Maschine, HAL; die anderen, die Menschen, sind austauschbar. Kubricks geheimnisvolle visionäre Gabe vermag uns auf wunderbare Weise eine Geschichte in Bildern zu erzählen, die nur in nichtmenschlichen Begriffen Sinn hat – eigentlich in übermenschlichen.

Und doch, wie sehr wird unser Verständnis des Films einschließlich des verwirrenden Endes durch die Lektüre des Romans vertieft! Summa summarum – wenn man das Buch abermals liest und den Film abermals sieht, ergänzen sie einander bestens, denn in diesem erhabenen Sinne geht es um nicht weniger als die Natur des Menschen und unseren Platz im Universum.

Heute ist es zweifellos schwierig, den Einfluss von »2001« als Film und als Roman zu verfolgen, so tief sind sie inzwischen in der Geschichte ihres jeweiligen Genres verwurzelt. Dass sie in unserer Vorstellungswelt noch lebendig sind, ist offensichtlich, und ich bin der Ansicht, dass kein anderer SF-Film an die Ausdruckskraft von »2001« heranreicht.

Was die Zukunftsvision des Romans angeht – nun, da wir uns in der Handlungszeit der Geschichte befinden –, so werden seine Elemente als universell verständliche Bezugspunkte genutzt, um unseren Fortschritt zu messen. Der Computer HAL, das Kernstück des ziemlich melodramatischen Handlungsstranges um eine revoltierende Maschine, ist der Held ernsthafter akademischer Studien gewesen – wie nahe oder wie weit entfernt von der Verwirklichung eines solchen Geschöpfes wir auch sein mögen. Zum Guten oder zum Schlechten – unser Fortschritt bezüglich künstlicher Intelligenz ist hinter der Fiktion zurückgeblieben. Wir könnten zwar einen HAL bauen, der uns (fast) alle beim Schach schlagen würde, doch er könnte noch nicht unsere Gefühle bei einer erlittenen Niederlage ergründen; ein realer HAL könnte zu uns sprechen, hätte aber immer noch Mühe, unsere Worte zu verstehen, und erst recht – so schlecht, wie Bilderkennungssysteme sind –, sie uns von den Lippen abzulesen. Doch vielleicht ist es eine gewisse Erleichterung, dass es in unserer Zukunft, wie sich herausgestellt hat, Netzwerke mit Millionen zusammenarbeitender kleiner Computer gibt anstelle von zwei neurotischen Riesenmonstern wie HAL und seinem Zwilling aus der 9000-Serie auf der Erde.

Die Vision von »2001« über unsere Zukunft im Weltraum scheint sogar in noch weiterer Ferne zu liegen. Obwohl Clarkes technische Vorgaben im Film von Kubrick größtenteils sabotiert wurden, bedauern viele von uns doch, dass wir nicht in einer Welt von Mondbasen und kernkraftgetriebenen Raumschiffen auf dem Weg zum Jupiter leben. Wir haben unsere eigenen »Discoverys«, Sonden wie »Galileo« und »Cassini«, die zum Saturn fliegen, Roboter, die uns vorausgehen in Gefilde, die zu erreichen uns erst noch bevorsteht. Und was das angeht, was wir dort vielleicht finden werden, so hat die Vision vom Mond in »2001« mit den krassen Schatten und den gezackten Bergen zumindest bei einem Apollo-Astronauten – Bill Anders – Enttäuschung über den wirklichen Mond ausgelöst.

Doch obwohl unsere Erwartungen aus den sechziger Jahren und der Zeit davor in vielen Fällen von den Ergebnissen der Apollo-Flüge und der Raumsonden zunichtegemacht worden sind, lernen wir allmählich zu lieben, was wir dort draußen vorfinden. In der Tat haben Roboterbilder vom Jupitermond Europa Arthur Clarke selbst inspiriert, sich mit einer Fortsetzung von »2001« zu beschäftigen.

Was das Leben außerhalb der Erde angeht, so haben wir bisher keinen Monolithen auf dem Mond und keine anderen schlüssigen Hinweise auf die Existenz von Außerirdischen gefunden, weder in der Gegenwart noch in der Vergangenheit. Doch unsere philosophische Durchdringung der Lebensmöglichkeiten außerhalb der Erde ist seit dem Erscheinen von »2001« gewaltig vorangekommen.

Clarkes Vision – von erhabenen Außerirdischen, die Welten wie unsere besuchen, ihre Bewohner periodisch in ihrer Entwicklung voranbringen und Signalgeber zurücklassen, mit denen sie unsere Anwesenheit feststellen – ist tatsächlich Gegenstand seriöser akademischer Untersuchungen gewesen. Und die Vision von wohlwollenden Entwicklungshelfern ist beispielsweise von David Brin in seinem »Uplift«-(Entwicklungs)-Zyklus aufgegriffen worden, der den Gedanken zum logischen Schluss führt: Wer hat die Entwicklung der Entwicklungshelfer in Gang gesetzt? Brin stellt sich eine Kette von Rassen vor, die von jeweils älteren »geliftet« wurden, bis zurück zu den halblegendären Progenitoren – doch Brins Vision hat eine Schattenseite, die in »2001«, wo guter Wille ziemlich stark vorausgesetzt wird, außer Betracht bleibt.{1}

Später in Clarkes Zyklus wird die Idee, dass die Monolithen im Grunde Maschinen sind, die von ihren im Hintergrund bleibenden Schöpfern ausgesandt wurden, deutlicher ausgeprägt. Maschinen kann man guten Willen nicht so leicht zuschreiben (siehe zum Beispiel Fred Saberhagens zerstörerische Berserker und das Maschinenleben in Gregory Benfords »Contact«-Zyklus), und tatsächlich erreicht Clarkes eigener Zukunftsentwurf schließlich seinen dramatischen Höhepunkt, als die Menschheit in »3001 – Die letzte Odyssee« (»3001: The Final Odyssey«, 1997) in Konflikt mit den Monolithen gerät.

Im Grunde ist Clarkes implizite Hypothese – dass wir uns in einer Art Quarantäne befinden, in der klügere Außerirdische uns heranreifen lassen – nur eine von vielen vorgeschlagenen Erklärungen für die entscheidende Frage, die nach dem Physiker, der sie vor ein paar Jahrzehnten stellte, »Fermis Paradoxon« heißt: Wo sind sie alle? Wenn es da draußen Außerirdische gibt, müssten sie inzwischen hier sein und wir müssten sie ringsumher sehen. Die Schwierigkeit mit Quarantäne-Hypothesen wie der von Clarke besteht darin, dass sie einheitliche Motive bei den anzunehmenden verschiedenen intelligenten Arten der Galaxis voraussetzen; es brauchte nur ein einziger, technisch weniger versierter Plünderer unter ihnen aufzutauchen, um binnen ein paar Millionen Jahren die Galaxis mit Weltraumpiraten – allzeit auch äußerlich erkennbar – zu füllen und so den großen Plan der Monolith-Erbauer ein für alle Mal zu Fall zu bringen.

Doch bei all ihren Schwächen kann man Clarkes These die emotionale Kraft nicht absprechen. Wir im Westen leben schließlich nur kurze Zeit, nachdem Kopernikus und Darwin und die Geologen alles zunichtegemacht haben, was wir an Gewissheit über unseren Platz im Universum besaßen. Wir glauben nicht mehr, dass da draußen Gott ist – und doch suchen wir noch immer nach den Antworten. Voller Sehnsucht nach Transzendenz und nach der Kontaktaufnahme mit unseren verschwundenen Eltern, ist Clarkes Werk der treffendste Ausdruck für die Einsamkeit unseres Zeitalters.

Viele Science Fiction-Autoren – Gregory Benford, Greg Bear, David Brin und andere – haben sich bemüht, Antworten auf diese großen Fragen zu finden, doch gewiss ist es keinem so gut wie Arthur C. Clarke gelungen; in diesem Sinn ist der Roman »›2001« eine Art Zusammenfassung der großen Themen und Techniken, die sein Werk beherrschen.

Vorbemerkung des Autors

Hinter jedem lebenden Menschen stehen dreißig Geister; in diesem zahlenmäßigen Verhältnis sind die Verstorbenen den Lebenden überlegen. Seit Beginn der Urgeschichte sind rund hundert Milliarden menschliche Wesen auf Erden gewandelt.

Eine sonderbare Zahl, denn durch einen merkwürdigen Zufall gibt es etwa hundert Milliarden Sterne in unserem begrenzten Universum der Milchstraße. Also scheint für jeden Menschen, der je gelebt hat, in unserem Teil des Alls ein Stern.

Doch jeder von diesen Sternen ist eine Sonne, oft eine hellere und herrlichere als der kleine uns am nächsten liegende Stern, den wir »Sonne« nennen. Und viele – möglicherweise die meisten – dieser entfernten Sonnen besitzen Planeten, die sie umkreisen. Fraglos gibt es daher genügend Land im All, um jeden Typ menschlicher Spezies, vom ersten Affenmenschen bis zu uns, seinen eigenen privaten Himmel – oder seine eigene private Hölle finden zu lassen.

Wie viele dieser potentiellen Himmel oder Höllen im Augenblick bewohnt sind und von welcher Art Kreaturen, können wir nicht einmal ahnen. Die nächste ist Millionen Mal weiter entfernt als Mars oder Venus, diese heute noch fernen Ziele unserer nächsten Generation. Doch die Schranken der Entfernung schwinden schnell; eines Tages werden wir vielleicht in der Sternenwelt unser Ebenbild vorfinden – oder Übermenschen.

Wir haben uns diese Erkenntnis nur sehr zögernd zu eigen gemacht. Manche hoffen, diese Möglichkeit werde sich nie verwirklichen. Doch immer mehr stellen sich die Frage: »Warum haben solche Treffen nicht schon stattgefunden, da wir bereits selbst im Begriff sind, in den Weltraum vorzustoßen?«

Ja, warum eigentlich nicht? In diesem Buch versuchen wir auf die keineswegs unvernünftige Frage eine keineswegs unmögliche Antwort zu geben. Doch vergessen Sie nicht: Es handelt sich nur um einen Roman. Die Wahrheit wird – wie immer – weit erstaunlicher sein.

ARTHUR C. CLARKE

I

UR-NACHT

Auf dem Weg zum Untergang

Die Dürre hatte schon zehn Millionen Jahre angehalten, und die Herrschaft der schrecklichen Saurier war lange vorbei. Hier am Äquator, auf dem Kontinent, der eines Tages Afrika heißen würde, hatte der Existenzkampf ein neues Stadium von Grausamkeit erreicht. In diesem ausgetrockneten, ausgedörrten Land konnte nur der Kleinste oder der Schnellste oder der Zäheste gedeihen oder zu überleben hoffen. Die Menschenaffen der Steppe waren weder das eine noch das andere und unfähig, sich weiter zu entwickeln. Im Gegenteil, sie befanden sich auf dem Weg zum Untergang und waren bereits dem Verhungern nahe. Etwa fünfzig von ihnen bewohnten eine Reihe von Höhlen über einem kleinen unfruchtbaren Tal, durch das ein träger Strom floss, dem die schneebedeckten Berge des Nordens Schmelzwasser zuführten. In schlechten Zeiten versiegte der Fluss völlig, und das Gespenst des Durstes hielt den Stamm in seinen Klauen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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