Die letzte Generation - Arthur C. Clarke - E-Book

Die letzte Generation E-Book

Arthur C. Clarke

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Beschreibung

Wir sind nicht allein

Hundert Jahre ist es her, seit die Overlords, technisch hochentwickelte Aliens, Kontakt zu den Menschen aufgenommen haben. Sie verhalfen der Menschheit zu Weiterentwicklung, Fortschritt und Wohlstand. Selbst als sich herausstellte, dass die Overlords aussehen wie der Antichrist, nahmen das die mittlerweile sehr viel toleranteren Menschen hin. Jetzt offenbaren die Fremden ihre wahren Absichten: Sie sind gekommen, um die Kinder mitzunehmen …

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MEISTERWERKE DER

SCIENCE FICTION

Das Buch

Gigantische Raumschiffe erscheinen über den Städten der Erde. Die Außerirdischen, die »Overlords«, sind den Menschen technisch und moralisch weit überlegen, stehen jedoch ihrerseits im Dienst einer übergeordneten Macht. Sie haben den Auftrag, die Menschheit auf eine höhere Entwicklungsstufe zu führen. Als Erstes verbieten sie gewalttätige Auseinandersetzungen und erzwingen die Bildung einer Weltregierung. Die Overlords halten die Fäden in der Hand – doch sie weigern sich beharrlich, sich den Menschen zu zeigen. Viele Jahre später ist auf der Erde ein neues, utopisches Zeitalter angebrochen. Und es kommt der Tag, an dem sich die Overlords zu erkennen geben ...

»Packend, logisch, glaubhaft, prophetisch – Arthur C. Clarkes visionärer Roman ist einer der größten Klassiker der Science Fiction.«

Los Angeles Times

Der Autor

Arthur C. Clarke zählt neben Isaac Asimov und Robert A. Heinlein zu den größten SF-Autoren des 20. Jahrhunderts. Geboren 1917 in Minehead, Somerset, entdeckte er die Science Fiction durch die Bücher von H. G. Wells und Olaf Stapledon. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem er als technischer Offizier der Royal Air Force diente, studierte er Physik und Mathematik am King’s College in London. Gleichzeitig betätigte er sich als Autor: 1946 erschien seine erste Story im SF-Magazin Astounding, sein erster Roman zwei Jahre später. In den folgenden Jahrzehnten veröffentlichte er nicht nur weitere preisgekrönte Erzählungen und Romane, sondern auch etliche populärwissenschaftliche Artikel und Bücher, in denen er viele technische Entwicklungen vorwegnahm. Clarke starb im März 2008 in seiner Wahlheimat Sri Lanka.

Inhaltsverzeichnis

Das BuchDer AutorVorwortEinführungERSTER TEIL - Die Erde und die Overlords
Kapitel 1Kapitel 2 Kapitel 3 Kapitel 4
ZWEITER TEIL - Das goldene Zeitalter
Kapitel 5 Kapitel 6 Kapitel 7 Kapitel 8 Kapitel 9 Kapitel 10 Kapitel 11 Kapitel 12 Kapitel 13 Kapitel 14
DRITTER TEIL - Die letzte Generation
Kapitel 15 Kapitel 16 Kapitel 17 Kapitel 18 Kapitel 19 Kapitel 20 Kapitel 21 Kapitel 22 Kapitel 23 Kapitel 24
Copyright

Vorwort

von Peter F. Hamilton

Ich werde häufig nach meinen Einflüssen gefragt – und diese Frage führt unvermeidlich dazu, dass ich wie der schwitzende Kandidat einer Quizshow verzweifelt mein Gedächtnis nach Namen durchforste. Meistens weiche ich einer direkten Antwort aus und sage einfach: Natürlich die Klassiker. Gut, dann nennen Sie uns die Klassiker. Und an dieser Stelle gehört der Name Arthur C. Clarke immer zu den Ersten, die ich aufzähle.

Damit stellt sich allerdings die Frage: Was definiert einen klassischen Autor? Und im vorliegenden Fall die etwas genauere Frage: Wodurch wird ein Buch zu einem Klassiker?

Bei Sir Arthur ist die Antwort zum Glück verhältnismäßig einfach. Die lange Zeitspanne seiner Tätigkeit als Schriftsteller und die große Anzahl seiner Bücher und Kurzgeschichten demonstrieren überzeugend, dass er einen produktiven und faszinierenden Geist besitzt. Wie jemand in seinem Leben so viele Ideen hervorbringen kann, wird mir für immer ein Rätsel bleiben. Und dabei ist es ja nicht geblieben, denn er hat es stets geschafft, diese Ideen zu Romanen und Erzählungen zu verarbeiten, die sich spannend und unterhaltsam lesen.

Womit wir bei den Inhalten oder etwas genauer bei den Themen wären, die am häufigsten in seinen Texten wiederkehren. In einer Welt, die zu viele Dystopien hervorgebracht hat, engagiert sich Sir Arthur für den menschlichen Geist. Und durch die Lektüre seiner Romane gewinnt man stets eine positivere Sicht auf die Zukunft.

Obwohl ›Childhood’s End‹ (›Die letzte Generation‹) zu seinen früheren Werken gehört, ist das Buch ein hervorragendes Beispiel, wie er diese Themen zusammenbringt – und dem Leser etwas mitgibt. In diesem Buch stellt er die Menschheit als eine Spezies dar, die etwas Besonderes hat, etwas, das sie von allen anderen Lebewesen, die die Milchstraße bevölkern, abhebt. Eine Vorstellung, die wir alle mit einem chauvinistischen Lächeln quittieren können. Es scheint sich um die Weiterentwicklung einer Idee zu handeln, die erstmals in seiner Kurzgeschichte ›Rescue Party‹1 (1946 in dem Magazin Astounding Science Fiction erschienen) erkundet wurde. Dort müssen die Außerirdischen, die unsere Erde vor einer Supernova retten wollen, schließlich feststellen, dass wir durchaus in der Lage sind, uns selbst zu retten.

Im vorliegenden Buch ist es jedoch unsere Einzigartigkeit, durch die das höchste Ziel der menschlichen Entwicklung erreicht wird. Wir erhalten einen verlockenden Ausblick auf das, was aus uns werden könnte. Diese Transzendenz ist ein zentrales Thema des Romans – ein Thema, das Sir Arthur im Laufe der Jahre immer wieder aufgegriffen hat, am deutlichsten in ›2001 – A Space Odyssee‹ (›2001 – Odyssee im Weltraum‹), seinem vermutlich bekanntesten Werk.

Ich persönlich ziehe die Art und Weise vor, wie er es in ›Childhood’s End‹ verarbeitet hat. Was das Buch für mich so interessant macht, ist die Tatsache, dass wir diesen fantastischen Zustand der menschlichen Weiterentwicklung nicht durch Anwendung jener Formen des technischen Fortschritts erreichen, die von modernen Science-Fiction-Autoren bevorzugt werden. Hier gibt es keine Nanotechnik, keine Unsterblichkeit durch genetische Manipulation, kein Download des Geistes in eine Maschine. Das Wachstum, die Evolution zu einem höheren Zustand, kommt aus unserem Innern. Und nicht nur das, sie wird außerdem mit unserer Mythologie und unserem Umgang mit dem Übernatürlichen in Verbindung gebracht. Die Botschaft ist klar und allgemein verständlich: Wir alle besitzen das Potenzial, mehr aus unserem Leben zu machen, viel mehr.

Sir Arthur hat einmal gesagt, dass Science Fiction etwas ist, das geschehen könnte – aber eigentlich wünscht man sich nicht, dass es tatsächlich geschieht. Fantasy dagegen ist etwas, das niemals geschehen könnte – aber häufig wünscht man sich, dass es geschehen würde.

Nach Sir Arthurs eigener Definition ist ›Childhood’s End‹ also ein Fantasy-Roman. Aber es handelt sich um engagierte Fantasy, wenn Sie so wollen, Fantasy, die dem Leser jenen Sense of wonder vermittelt, den nur die beste Science Fiction hervorbringen kann.

Der Engländer Peter F. Hamilton ist einer der erfolgreichsten SF-Autoren unserer Zeit. Insbesondere sein ›Armageddon‹-Zyklus begeistert Millionen von Lesern rund um die Welt.

Einführung

›Childhood’s End‹2 habe ich von Februar bis Dezember 1952 geschrieben und im Frühjahr 1953 gründlich überarbeitet. Der erste Teil basiert auf einer früher entstandenen Kurzgeschichte, ›Guardian Angel‹3, die 1950 im Magazin New Worlds veröffentlicht wurde, nachdem sie in beträchtlichem Ausmaß von James Blish redigiert worden war.

Ich erwähne diese Daten, um die Geschichte in die richtige historische Perspektive zu bringen, da die überwiegende Mehrheit der heutigen Leser noch gar nicht geboren war, als die Erstausgabe am 24. August 1953 bei Ballantine erschien. Der erste Satellit, der die Erde umkreiste, sollte vier Jahre später starten – doch selbst die größten Optimisten unter den Anhängern der Weltraumfahrt konnten sich nicht vorstellen, dass dieses Ereignis so kurz bevorstand. Unsere Hoffnung konzentrierte sich auf einen Zeitpunkt »etwa um die Jahrhundertwende«. Hätte mir damals jemand gesagt, dass ich noch vor Ablauf des folgenden Jahrzehnts aus fünf Kilometern Entfernung beobachten würde, wie das erste Raumschiff zum Mond startet, hätte ich ihn ausgelacht.

Dieses Buch war also bereits sechzehn Jahre alt, als Armstrong und Aldrin im Meer der Ruhe landeten und der Wettlauf zwischen den USA und der UdSSR – mit dem die ursprüngliche Fassung von ›Childhood’s End‹ begann – entschieden wurde. Aus diesem Grund habe ich beschlossen, die Handlung ins nächste Jahrhundert zu verlegen. Ich hatte die Arbeit bereits zur Hälfte erledigt, als am zwanzigsten Jahrestag der Mondlandung von Apollo 11 bekannt gegeben wurde, dass nun der Mars eines der Ziele des US-amerikanischen Raumfahrtprogramms sei. Vielen Dank, Präsident Bush, für diese Bestätigung!

Als ich dieses Buch in den frühen fünfziger Jahren schrieb, war ich sehr von den Beweisen für jene Phänomene beeindruckt, die im Allgemeinen als paranormal bezeichnet werden, sodass ich sie als Hauptthema der Geschichte benutzte. Vier Jahrzehnte später, nachdem ich mehrere Millionen Dollar aus dem Fundus von Yorkshire Television dafür ausgegeben habe, um Recherchen für meine Fernsehsendungen Mysterious Worlds und Strange Powers zu betreiben, kann ich mich nur noch als absoluten Skeptiker bezeichnen. Ich habe zu häufig erlebt, wie sich Behauptungen in Luft auflösten und Beweise als Fälschungen entpuppten.

Ein Beispiel: Obwohl ich mich kaum noch im Einzelnen an jenen hektischen und chaotischen Tag mit Arthur Koestler, John Taylor, David Bohm und John Hasted im Birkbeck College im Jahr 1974 erinnern kann, vermute ich, dass Uri Gellers Darstellung in seinem Buch ›My Story‹ (›Mein wundervolles Leben‹) recht akkurat ist: »Zu jener Zeit schien Arthur Clarke all seine Skepsis verloren zu haben. Er sagte etwas wie: ›Mein Gott! Die Voraussagen haben sich bewahrheitet! Genau darüber habe ich in Childhood’s End geschrieben ... Die Zauberkünstler und Journalisten, die nicht daran glauben, sollten Augen und Ohren aufsperren oder den Mund halten. Falls sie nicht in der Lage sind, dieselben Ergebnisse wie Geller unter denselben streng kontrollierten Bedingungen abzuliefern, sollten sie keine weiteren Einwände vorbringen.‹«

Angesichts des Chaos und der überstürzt vorbereiteten Zusammenkunft ist die Formulierung »streng kontrollierte Bedingungen« lächerlich. Doch der letzte Satz bringt die Sache auf den Punkt, weil genau das geschah (siehe zum Beispiel James Randis Buch ›The Magic of Uri Geller‹). Dennoch muss ich eine leise Sympathie für Uri eingestehen. Obwohl er überall auf der Welt eine Menge verbogenes Besteck hinterließ und den Ruf vieler Menschen beschädigte, sorgte er während einer schwierigen, unglücklichen Zeit für die dringend benötigte Unterhaltung.

Als die Erstausgabe von ›Childhood’s End‹ erschien, reagierten viele Leser verblüfft auf die nach der Titelseite eingefügte Aussage »Die in diesem Buch zum Ausdruck gebrachten Ansichten stellen nicht die des Autors dar«. Das sollte keineswegs ein dummer Scherz sein. Ich hatte kurz zuvor das Buch ›The Exploration of Space‹ veröffentlicht und darin ein optimistisches Bild unserer künftigen Expansion ins Universum gezeichnet. Und nun brachte ich ein Buch heraus, in dem es hieß: »Die Sterne sind nicht für den Menschen.« Ich wollte nur vermeiden, dass jemand dachte, ich hätte meine Ansichten widerrufen.

Heute würde ich diese Erklärung gerne auf 99 Prozent des »Paranormalen« (schließlich kann nicht alles Unsinn sein) und 100 Prozent aller so genannten UFO-Begegnungen beziehen. Ich wäre zutiefst bestürzt, wenn dieses Buch die Leichtgläubigen noch weiter auf Abwege führen würde – nachdem sie ohnehin von den Medien auf zynische Weise ausgenutzt werden. Buchhandlungen, Zeitschriftenläden und Rundfunksender sind bereits mit dümmlichem Unsinn über UFOs, parapsychische Kräfte, Astrologie, Pyramidenenergie oder »Channelling« überschwemmt. Es gibt nichts, was zu dumm ist, um nicht in den letzten Zuckungen der Dekadenz des fin de siècle verbreitet zu werden.

Bedeutet dies, dass ›Childhood’s End‹ – in dem es sowohl um das Thema des Paranormalen als auch der Besucher aus dem All geht – heute keine Relevanz mehr besitzt? Ganz und gar nicht! Es handelt sich um ein fiktives Werk! Wir können nach wie vor H. G. Wells’ ›The War of the Worlds‹ (›Der Krieg der Welten‹) mit Genuss lesen, obwohl Woking im Jahre 1898 nie von den Marsianern gegrillt wurde – oder New Jersey im Jahre 19384. Und wie ich häufiger, als ich mich erinnern kann, gesagt habe, besteht für mich kaum ein Zweifel, dass es im Universum vor Leben nur so wimmelt. Das SETI-Projekt (»Search for Extraterrestrial Intelligence« – die Suche nach außerirdischem Leben) ist inzwischen eine anerkannte Disziplin der Astronomie. Dass es eine Wissenschaft ohne Forschungsgegenstand ist, sollte uns weder überraschen noch enttäuschen. Denn erst seit einem halben Menschenalter besitzen wir die Technik, um in den Weltraum zu horchen.

Kurz nach der Veröffentlichung kamen die ersten Angebote, ›Childhood’s End‹ zu verfilmen, und seitdem ist der Stoff durch zahllose Hände gegangen und von ebenso zahllosen Drehbuchautoren bearbeitet worden. Einer davon war mein alter Freund Howard Koch, über den ich kürzlich zu meiner Freude erfuhr, dass er das berüchtigte Skript, das er für Orson Welles schrieb (siehe vorigen Absatz), für eine sechsstellige Summe verkaufen konnte.

Informationen zufolge, die ich kürzlich aus den Hollywood-Gulags erhielt, wird ›Childhood’s End‹ gegenwärtig zum Zweihundertfachen des völlig angemessenen Honorars gehandelt, das ich 1956 für den Roman erhielt. Und falls ich es niemals auf die große Leinwand schaffen sollte, haben Millionen von Menschen zumindest eine recht beeindruckende Variation des Themas in der zweiten Folge der Fernsehserie V (V - Die außerirdischen Besucher kommen) gesehen.

Ich muss zugeben, dass ich mich beim Betrachten der ersten Staffel von V nur wenig beschwichtigt fühlte, als man sich im Dialog auf mich bezog. Dann erinnerte ich mich daran, dass Ted Sturgeon schon vor längerer Zeit das Urheberrecht auf diese Szene erworben hatte. Im Jahr 1947 (!) schrieb er eine Kurzgeschichte mit dem unvergesslichen Titel ›The Sky Was Full of Ships‹5, der gleichzeitig der letzte Satz war: »Der Himmel war voller Schiffe.«

Ich hatte kaum diesen Absatz geschrieben, als in meinem Gehirn eine weitere Erinnerung explodierte: Mehrere Jahre vor Teds Geschichte hatte ich selbst eine solche Szene erlebt. Nein, ich bin nicht plötzlich verrückt geworden, weil ich zu viel Science Fiction schreibe ...

Es war an einem wunderschönen Sommerabend im Jahr 1941. Ein Freund nahm mich nach London mit – der inzwischen verstorbene Val Cleaver, der genauso wie ich ein begeistertes Mitglied der British Interplanetary Society und in den Jahren nach dem Krieg Chefingenieur der Raketenforschungsabteilung von Rolls-Royce war.

Hinter uns ging die Sonne unter und es waren noch zwanzig Meilen bis zur Stadt. Als wir über eine Anhöhe fuhren, erlebten wir einen Anblick, der so unglaublich war, dass Val den Wagen anhielt. Es war gleichzeitig schön und ehrfurchtgebietend, aber ich hoffe, dass keine künftige Generation je wieder so etwas sehen wird:

Hunderte von silbrig glänzenden Sperrballons in Form rundlicher Torpedos hingen am Himmel über London. Und als sich die letzten Strahlen der Sonne auf ihren Hüllen brachen, sah es für einen Moment wirklich so aus, als wäre eine Flotte von Raumschiffen über der Stadt in Position gegangen. Eine ganze Weile träumten wir von der fernen Zukunft und verdrängten jeden Gedanken an die Bedrohungen, gegen die diese Luftabwehr errichtet worden war.

Vielleicht entstand in diesem Augenblick die Idee zu ›Childhood’s End‹.

Arthur C. Clarke

Anmerkung: Vom ersten Kapitel abgesehen wurden keine Änderungen am Text von ›Childhood’s End‹ vorgenommen. Ab Kapitel 2 geht es genauso wie in der Erstausgabe von 1953 weiter.

ERSTER TEIL

Die Erde und die Overlords

1

Bevor sie zur Startrampe flog, ging Jelena Ljachowa jedes Mal das gleiche Ritual durch. Unter den Kosmonauten, die so etwas taten, war sie nicht die Einzige, obwohl nur wenige darüber sprachen.

Es war bereits dunkel, als sie das Verwaltungsgebäude verließ und an den Kiefern vorbeiging – bis sie die berühmte Statue erreichte. Der Himmel war kristallklar, und vor kurzem war ein strahlender Vollmond aufgegangen. Automatisch konzentrierte sich Jelenas Blick auf das Mare Imbrium, und sie dachte an die Wochen des Trainings in der Armstrong-Basis zurück – die heutzutage als »Kleiner Mars« bekannt war.

»Du bist gestorben, bevor ich geboren wurde, Juri – damals, während des Kalten Krieges, als unser Land noch unter dem Schatten Stalins lag. Was hättest du gesagt, wenn du all die fremden Sprachen hören könntest, die heute im Sternenstädtchen gesprochen werden? Ich glaube, du wärst sehr glücklich gewesen ... Ich weiß, dass du glücklich gewesen wärst, wenn du uns jetzt sehen könntest. Inzwischen wärst du ein alter Mann, aber du könntest noch am Leben sein. Welch eine Tragödie, dass du – der erste Mensch im Weltraum – nicht mehr erleben konntest, wie Menschen auf dem Mond spazieren gehen! Aber auch du musst vom Mars geträumt haben ... Und nun sind wir bereit, hinzufliegen und das Neue Zeitalter zu eröffnen, von dem Konstantin Ziolkowski bereits vor hundert Jahren geträumt hat. Wenn wir uns wiedersehen, werde ich dir viel zu erzählen haben.«

Sie befand sich bereits auf dem Rückweg zu ihrem Büro, als ein Bus mit einer Ladung verspätet eingetroffener Touristen anhielt. Die Türen öffneten sich, und die Passagiere strömten mit schussbereiten Kameras heraus. Der Stellvertretenden Kommandantin der Mars-Expedition blieb nichts anderes übrig, als ihr öffentliches Lächeln aufzusetzen.

Doch bevor auch nur ein Foto von ihr gemacht werden konnte, riefen plötzlich alle durcheinander und zeigten auf den Mond. Jelena drehte sich um und sah gerade noch, wie er hinter dem gigantischen Schatten verschwand, der sich über den Himmel schob. Und zum ersten Mal in ihrem Leben fürchtete sie Gott.

Der Missionskommandant Mohan Kaleer stand auf dem Kraterrand und blickte über das Meer aus gefrorener Lava zum fernen, gegenüberliegenden Rand der Kaldera. Es war kaum möglich, den Maßstab der Szene zu erfassen oder sich die Gewalten vorzustellen, die hier getobt hatten, das wogende flüssige Gestein, das die Wälle und Terrassen geschaffen hatte, die sich vor ihm ausbreiteten. Doch alles, was er hier sah, war winzig im Vergleich zu jenem gewaltigen Vulkan, vor dem er in einem knappen Jahr stehen würde. Kilauea war lediglich ein maßstabgerecht verkleinertes Modell von Olympus Mons, und das Trainingsgelände hatte im Grunde nicht das Geringste mit der Wirklichkeit zu tun.

Er erinnerte sich an die berühmte Rede des Präsidenten der Vereinigten Staaten zu Anfang des 21. Jahrhunderts, in der er Kennedys Versprechen der Mondlandung aufgegriffen und verkündet hatte, dass dies das »Jahrhundert des Sonnensystems« sei. Bevor das Jahr 2100 angebrochen war, so hatte er zuversichtlich vorhergesagt, würden Menschen sämtliche größeren Himmelskörper besucht haben, die die Sonne umkreisten, und auf mindestens einem von ihnen dauerhaft leben können.

Die Strahlen der soeben aufgegangenen Sonne fingen sich in den Rauchschwaden, die aus den Rissen in der Lava strömten, und Dr. Kaleer fühlte sich an den Morgennebel erinnert, der sich im Labyrinth der Nacht sammelte. Ja, er konnte sich vorstellen, bereits auf dem Mars zu sein, gemeinsam mit seinen Kollegen aus einem Dutzend verschiedener Länder. Diesmal würde das Ziel von keiner Nation im Alleingang erreicht werden – und es hätte auch keine im Alleingang geschafft.

Er kehrte zum Hubschrauber zurück, als ihn eine Vorahnung, vielleicht eine Bewegung, die er aus dem Augenwinkel wahrgenommen hatte, innehalten ließ. Verdutzt sah er wieder in den Krater. Es dauerte eine Weile, bis er daran dachte, den Blick zum Himmel zu heben.

Dann erkannte Mohan Kaleer, genau wie im selben Augenblick Jelena Ljachowa, dass die Geschichte der Menschheit in eine völlig neue Phase eingetreten war. Die glänzenden Monstren, die jenseits der Wolken schwebten, in einer Höhe, die er sich nicht vorzustellen wagte, ließen die kleine Gruppe von Raumschiffen, die sich am Lagrange-Punkt versammelt hatten, wie primitive Einbäume erscheinen. Mohan hatte das Gefühl, dass er eine Ewigkeit in den Himmel starrte – während die ganze Welt zusah, wie sich die großen Schiffe in ihrer überwältigenden Majestät herabsenkten.

Er empfand kein Bedauern, als sein Lebenswerk in Bedeutungslosigkeit versank. Er hatte dafür gearbeitet, den Menschen zu den Sternen zu bringen. Und nun waren die Sterne – die unnahbaren, gleichgültigen Sterne – zu ihm gekommen.

Dies war der Moment, in dem die Geschichte den Atem anhielt und sich die Gegenwart von der Vergangenheit löste, wie ein Eisberg, der aus dem Gletscher brach und in einsamem Stolz seine Reise durch das Meer antrat. Alles, was die Menschen in vergangenen Zeitaltern erreicht hatten, zählte plötzlich nicht mehr. Nur ein einziger Gedanke pochte unablässig in Mohans Gehirn:

Die Menschheit war nicht mehr allein.

2

Stormgren, der Generalsekretär der Vereinten Nationen, stand regungslos vor dem großen Fenster und starrte auf den wimmelnden Verkehr in der 43. Straße hinunter. Er fragte sich bisweilen, ob es gut war, in so großer Höhe über seinen Mitmenschen zu arbeiten. Sich zu distanzieren war in Ordnung, aber daraus konnte leicht Gleichgültigkeit entstehen. Oder versuchte er nur, nachdem er zwanzig Jahre in New York gelebt hatte, eine vernünftige Erklärung für seine noch immer nicht besiegte Abneigung gegen Wolkenkratzer zu finden?

Er hörte die Tür hinter sich aufgehen, wandte aber nicht den Kopf, als Pieter van Ryberg den Raum betrat. Es kam zur unvermeidlichen Pause, während Pieter missbilligend den Thermostat betrachtete. Ständig wurden Witze darüber gerissen, dass der Generalsekretär am liebsten im Eisschrank gelebt hätte. Stormgren wartete, bis sein Stellvertreter zu ihm ans Fenster trat, dann riss er den Blick vom vertrauten, aber immer wieder faszinierenden Panorama los.

»Sie verspäten sich«, sagte er. »Wainwright hätte schon vor fünf Minuten hier sein müssen.«

»Ich habe eben Nachricht von der Polizei bekommen. Er führt eine ganze Prozession mit sich und steckt im Verkehr fest. Sie müssten jeden Augenblick eintreffen.« Van Ryberg hielt inne, dann fügte er unvermittelt hinzu: »Sind Sie noch immer davon überzeugt, dass es eine gute Idee war, ihn zu empfangen?«

»Ich fürchte, jetzt ist es zu spät, es rückgängig zu machen. Schließlich habe ich zugestimmt – obwohl es, wie Sie wissen, ursprünglich gar nicht meine Idee war.« Stormgren war an seinen Schreibtisch getreten und spielte mit seinem berühmten Uran-Briefbeschwerer. Er war nicht nervös, sondern nur unentschlossen. Er war sogar froh, dass Wainwright sich verspätete, denn das würde ihm einen kleinen moralischen Vorteil verschaffen, wenn die Unterredung eröffnet wurde. Solche Nichtigkeiten spielten eine größere Rolle in menschlichen Angelegenheiten, als jemand, der Gewicht auf Logik und Vernunft legte, sich wünschen mochte.

»Da sind sie!«, sagte van Ryberg plötzlich und drückte das Gesicht gegen die Fensterscheibe. »Sie kommen die Avenue entlang, etwa dreitausend Menschen, schätze ich.«

Stormgren nahm sein Notizbuch zur Hand und gesellte sich wieder zu seinem Stellvertreter. Etwa einen Kilometer entfernt bewegte sich eine kleine, aber entschlossene Schar langsam auf das Gebäude des Generalsekretariats zu. Die Menschen trugen Transparente, die in dieser Entfernung nicht zu entziffern waren, aber Stormgren kannte die Aufschriften zur Genüge. Jetzt konnte er über dem Verkehrslärm den Unheil verkündenden Rhythmus singender Stimmen hören. Er spürte, wie ihn plötzlich eine Woge der Abneigung durchströmte. Die Welt hatte doch wirklich genug von marschierenden Pöbelhaufen und erbitterten Schlagworten!

Die Menge war jetzt vor dem Gebäude angelangt. Die Menschen schienen zu wissen, dass er sie beobachtete, denn hier und da wurden eher zögernd Fäuste in die Luft gereckt. Damit wollten sie nicht ihn herausfordern, obwohl sie zweifellos beabsichtigten, dass Stormgren die Geste sah. Wie Zwerge angesichts eines Riesen drohten diese zornigen Fäuste dem Himmel, fünfzig Kilometer über ihren Köpfen, der silbern schimmernden Wolke, die das Flaggschiff der Overlord-Flotte war.

Und sehr wahrscheinlich, so dachte Stormgren, beobachtete Karellen den Vorgang und amüsierte sich prächtig, denn diese Begegnung hätte ohne die Anregung des Verwalters nie stattgefunden.

Es war das erste Mal, dass Stormgren den Führer der Freiheitsliga traf. Er fragte sich nicht mehr, ob es vernünftig war, denn Karellens Pläne waren häufig viel zu kompliziert, als dass Menschen sie je verstehen konnten. Stormgrens Einschätzung nach konnte zumindest kein ernsthafter Schaden angerichtet werden. Wenn er sich geweigert hätte, Wainwright zu empfangen, hätte die Freiheitsliga das gegen ihn ausgespielt.

Alexander Wainwright war ein großer, stattlicher Mann Ende vierzig. Er war, wie Stormgren wusste, grundehrlich und daher doppelt gefährlich. Dennoch machte es seine unverkennbare Aufrichtigkeit schwer, Abneigung gegen ihn zu empfinden, ganz gleich, was man über die Sache, die er vertrat, und über einige der Anhänger, die er gewonnen hatte, denken mochte.

Nach der kurzen und etwas steifen Vorstellung durch van Ryberg verlor Stormgren keine Zeit. »Ich vermute«, begann er, »dass der Hauptzweck Ihres Besuches darin besteht, einen formellen Protest gegen das Verhalten der Vereinten Nationen einzulegen. Habe ich recht?«

Wainwright nickte ernst. »Das ist meine Absicht, Herr Generalsekretär. Wie Sie wissen, haben wir in den letzten fünf Jahren versucht, die Menschheit auf die Gefahr aufmerksam zu machen, die ihr droht. Die Aufgabe war schwierig, denn die Mehrheit der Bevölkerung scheint zufrieden damit zu sein, dass die Overlords die Welt nach ihrem Belieben regieren. Dennoch haben mehr als fünf Millionen Patrioten in allen Ländern unseren Antrag unterzeichnet.«

»Keine sehr eindrucksvolle Zahl bei zweieinhalb Milliarden.«

»Es ist eine Zahl, die nicht unbeachtet bleiben kann. Und auf jeden Unterzeichner kommen viele, die große Zweifel an der Klugheit, ganz zu schweigen von der Rechtmäßigkeit, des Plans einer Föderation hegen. Selbst Verwalter Karellen kann trotz all seiner Macht nicht mit einem Federstrich tausend Jahre Geschichte austilgen.«

»Was wissen wir schon von Karellens Macht?«, gab Stormgren zurück. »In meiner Kindheit war das vereinte Europa noch ein Traum, aber als ich erwachsen geworden war, hatte er sich erfüllt. Und das war vor der Ankunft der Overlords. Karellen führt nur die Arbeit zu Ende, die wir begonnen haben.«

»Europa war eine kulturelle und geographische Einheit. Das ist die Welt nicht. Da liegt der Unterschied.«

»Für die Overlords«, erwiderte Stormgren sarkastisch, »ist die Erde wahrscheinlich sehr viel kleiner, als Europa unseren Vorfahren erschien, und das Urteil der Overlords ist, so behaupte ich, reifer als unseres.«

»Ich wehre mich nicht unbedingt gegen eine Föderation als Endziel, obwohl viele meiner Anhänger mir darin nicht zustimmen dürften. Aber ein solcher Zusammenschluss muss von innen kommen, er darf nicht von außen aufgezwungen werden. Wir müssen unser eigenes Schicksal bestimmen. Es darf keine Einmischung in menschliche Angelegenheiten mehr geben!«

Stormgren seufzte. Das alles hatte er schon hundertmal gehört, und er wusste, dass er nur die alte Antwort geben konnte, die die Freiheitsliga nicht anerkennen wollte. Er vertraute Karellen, sie nicht. Das war der grundlegende Unterschied, und daran konnte er nichts ändern. Glücklicherweise konnte auch die Freiheitsliga nichts dagegen tun.

»Ich möchte Ihnen einige Fragen stellen«, sagte er. »Können Sie leugnen, dass die Overlords der Erde Sicherheit, Frieden und Wohlstand gebracht haben?«

»Das stimmt. Aber sie haben uns die Freiheit genommen. Der Mensch lebt nicht ...«

»... vom Brot allein. Ja, ich weiß, aber dies ist das erste Zeitalter, in dem jeder Mensch die Sicherheit hat, dieses Brot zu bekommen. Was für eine Freiheit haben wir verloren im Vergleich zu der, die die Overlords uns zum ersten Mal in der menschlichen Geschichte gegeben haben?«

»Die Freiheit, unter Gottes Führung unser eigenes Leben zu bestimmen.«

Endlich waren sie beim Kernproblem angekommen, dachte Stormgren. Im Grunde war der Konflikt religiöser Natur, sosehr man ihn auch tarnen mochte. Wainwright ließ einen nie vergessen, dass er Geistlicher war. Obwohl er keine Pastorenkrause mehr trug, hatte man doch immer den Eindruck, als wäre sie noch vorhanden.

»Im vorigen Monat«, bemerkte Stormgren, »haben hundert Bischöfe, Kardinäle und Rabbiner eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet, in der sie ihre Unterstützung der Politik des Verwalters zusicherten. Die Weltreligionen stehen gegen Sie.«

Wainwright schüttelte zornig den Kopf. »Viele der Führer sind blind. Sie wurden durch die Overlords verdorben. Wenn sie die Gefahr erkennen, könnte es schon zu spät sein. Die Menschheit wird ihre Initiative verloren haben und unterjocht werden.«

Für einen Augenblick herrschte Schweigen. Dann erwiderte Stormgren: »In drei Tagen werde ich den Verwalter wiedertreffen. Ich werde ihm Ihre Einwände erklären, da es meine Pflicht ist, die Ansichten der Erde zu repräsentieren. Aber dadurch wird sich nichts ändern, das kann ich Ihnen versichern.«

»Da ist noch ein anderer Punkt«, sagte Wainwright langsam. »Wir haben viele Einwände gegen die Overlords, aber vor allem verabscheuen wir ihre Heimlichtuerei. Sie sind das einzige menschliche Wesen, das je mit Karellen gesprochen hat, und selbst Sie haben ihn nie gesehen. Ist es da überraschend, dass wir seinen Beweggründen misstrauen?«

»Trotz allem, was er für die Menschheit getan hat?«

»Ja, trotzdem. Ich weiß nicht, was uns mehr verärgert – Karellens Allmacht oder seine Heimlichtuerei. Wenn er nichts zu verbergen hat, warum zeigt er sich dann niemals? Fragen Sie ihn danach, Herr Generalsekretär, wenn Sie das nächste Mal mit dem Verwalter sprechen.«

Stormgren schwieg. Darauf konnte er nichts erwidern, jedenfalls nichts, das den anderen überzeugen würde. Bisweilen fragte er sich, ob er selbst wirklich überzeugt war.

Vom Standpunkt der Overlords betrachtet war es natürlich nur eine sehr kleine Unternehmung, aber für die Erde war es das Gewaltigste, das je geschehen war. Ohne jede Vorwarnung waren die riesigen Schiffe aus den unbekannten Tiefen des Weltraums gekommen. Unzählige Male war dieser Tag in Romanen beschrieben worden, aber niemand hatte wirklich geglaubt, dass er je kommen würde. Doch nun war er angebrochen. Die schimmernden, schweigenden Flugkörper, die über jedem Land schwebten, waren Symbole eines wissenschaftlichen Fortschritts, den der Mensch auch in Jahrhunderten nicht einholen konnte. Sechs Tage lang hatten sie regungslos über den Städten verharrt und mit keinem Zeichen angedeutet, dass sie um die Existenz der Menschheit wussten. Aber es war kein Zeichen nötig. Es konnte kein Zufall sein, dass die Schiffe präzise Stellung bezogen hatten, über New York, London, Paris, Moskau, Rom, Kapstadt, Tokio, Canberra ...

Noch vor dem Ende dieser lähmenden sechs Tage hatten einige Menschen die Wahrheit erraten. Dies war kein zögernder Kontaktversuch von Außerirdischen, die nichts vom Menschen wussten. In diesen schweigenden, regungslosen Schiffen studierten Meister der Psychologie das Verhalten der Menschheit. Wenn die Spannung ihren Höhepunkt erreichte, würden sie handeln.

Und am sechsten Tag stellte sich Karellen, der sich als Verwalter der Erde bezeichnete, der Welt in einer Rundfunkansprache vor, die jede Radiofrequenz übertönte. Er sprach so vollendet Englisch, dass die Polemik, die durch diese Rede ausgelöst wurde, eine Generation lang die Gemüter auf beiden Seiten des Atlantiks erhitzte. Aber der Inhalt der Rede war noch erschütternder als die Art ihres Vortrags. Sie war in jeder Hinsicht das Werk eines überragenden Genies und demonstrierte eine vollständige Beherrschung menschlicher Angelegenheiten. Es konnte kein Zweifel daran bestehen, dass ihre Gelehrsamkeit und Virtuosität, ihre zaghaften Hinweise auf ein noch nicht offenbartes Wissen darauf abzielten, die Menschheit davon zu überzeugen, dass sie sich einer überwältigenden intellektuellen Macht gegenüberstand. Als Karellen geendet hatte, wussten die Nationen der Erde, dass ihre Tage einer unsicheren Souveränität gezählt waren. Die Regierungen würden ihre lokal begrenzte Macht behalten, aber auf dem größeren Gebiet der internationalen Angelegenheiten waren den Menschen die wichtigen Entscheidungen aus der Hand genommen worden. Argumente und Proteste blieben fruchtlos.

Es war kaum zu erwarten, dass alle Nationen der Erde sich einer solchen Beschränkung ihrer Machtbefugnisse ohne weiteres unterwerfen würden. Doch ein aktiver Widerstand war mit unerwarteten Schwierigkeiten verbunden, denn eine Zerstörung der Schiffe der Overlords würde, selbst wenn sie durchführbar wäre, die unter ihnen liegenden Städte vernichten. Trotzdem hatte eine Großmacht den Versuch unternommen. Vielleicht hofften die Verantwortlichen, zwei Fliegen mit einer Atomrakete zu treffen, denn ihr Ziel schwebte über der Hauptstadt einer benachbarten und feindlich gesinnten Nation.

Als das Bild des Schiffes auf dem Fernsehschirm im geheimen Kontrollraum immer größer geworden war, musste die kleine Gruppe von Offizieren und Ingenieuren es mit unterschiedlichsten Empfindungen beobachtet haben. Was würden die übrigen Schiffe unternehmen, wenn sie Erfolg hatten? Konnten sie ebenfalls zerstört werden, sodass die Menschheit wieder ihren eigenen Weg gehen durfte? Oder würde Karellen furchtbare Rache an denen nehmen, die ihn angegriffen hatten?

Der Bildschirm wurde plötzlich leer, als sich die Rakete beim Aufprall selbst zerstörte, und das Bild schaltete sofort auf eine viele Kilometer entfernte Kamera um. Im Sekundenbruchteil, der inzwischen verstrichen war, musste sich längst ein Feuerball gebildet haben, der den Himmel mit Sonnenglut erfüllte.

Aber nichts dergleichen geschah. Das große Schiff schwebte unbeschädigt, vom grellen Sonnenlicht umflossen, am Rande des Weltraums. Die Rakete hatte es nicht nur verfehlt, sondern niemand fand jemals heraus, was mit dem Geschoss geschehen war. Überdies unternahm Karellen nichts gegen die Verantwortlichen und machte nicht einmal eine Andeutung, dass er etwas von diesem Angriff wusste. Er beachtete sie nicht weiter und überließ sie ihrer Angst vor einer Rache, die niemals kam. Das war eine wirksamere und niederschmetterndere Behandlung als irgendeine Form der aktiven Bestrafung. Die verantwortliche Regierung brach unter gegenseitigen Anschuldigungen wenige Wochen später zusammen.

Gegen die Politik der Overlords hatte es auch einigen passiven Widerstand gegeben. Gewöhnlich hatte Karellen sich damit begnügt, die Beteiligten ihre eigenen Wege gehen zu lassen, bis sie feststellten, dass sie sich durch Verweigerung der Kooperation nur selbst schadeten. Nur einmal hatte er unmittelbare Schritte gegen eine widerspenstige Regierung unternommen.

Seit mehr als hundert Jahren war die Republik Südafrika der Mittelpunkt von Rassenkämpfen gewesen. Menschen guten Willens auf beiden Seiten hatten eine Brücke zu bauen versucht, aber vergeblich – Furcht und Vorurteile waren zu tief verwurzelt, um eine Zusammenarbeit zu ermöglichen. Wechselnde Regierungen hatten sich nur durch den Grad ihrer Unduldsamkeit unterschieden. Das Land war durch den Hass und die Saat der Bürgerkriege vergiftet.

Als sich zeigte, dass nichts zur Beseitigung der Rassenvorurteile unternommen wurde, gab Karellen eine Warnung aus. Darin wurde nur Datum und Stunde genannt, nichts weiter. Man sorgte sich, aber es gab kaum Furcht oder Panik, denn niemand glaubte, dass die Overlords eine gewaltsame oder zerstörerische Maßnahme ergreifen würden, die Unschuldige und Schuldige gleichermaßen getroffen hätte.

ENDE DER LESEPROBE

Titel der englischen Originalausgabe

CHILDHOOD’S END

Deutsche Übersetzung von Else von Hollander-Lossow Neu durchgesehen und vollständig überarbeitet von Bernhard Kempen Deutsche Übersetzung der Vorworte und des ersten Kapitels von Bernhard Kempen Das Umschlagbild ist von Michael Whelan

5. Auflage

Redaktion: Alexander Martin

Copyright © 1953, 1990 by Arthur C. Clarke

Copyright © 2002 des Vorworts by Peter F. Hamilton Copyright © 2003 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbHhttp://www.heyne.de

Umschlaggestaltung: Hauptmann und Kompanie Werbeagentur, München-Zürich Satz: C. Schaber Datentechnik, Wels

eISBN 978-3-641-10041-4

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