50 Rituale für die Seele - Pierre Stutz - E-Book

50 Rituale für die Seele E-Book

Pierre Stutz

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Beschreibung

Rituale strukturieren, schenken kleine Atempausen im Alltag und spenden neue Kraft. Pierre Stutz' 50 Rituale für die Seele sind einfache spirituelle Alltagsübungen, die dazu inspirieren, im Alltäglichen das Wunderbare zu entdecken und aus der eigenen Mitte heraus zu leben. Er lädt dazu ein, den Tag mit einem Morgenritual zu beginnen, das Essen mit allen Sinnen zu genießen, die Schöpfung bewusster wahrzunehmen oder dem Abschiedsschmerz mit kleinen Ritualen Raum zu geben – 50 Rituale, die der Seele gut tun.

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Seitenzahl: 65

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Pierre Stutz

50 Rituale für die Seele

Herausgegeben von Andreas Baumeister

Neuausgabe 2018

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2018

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Covergestaltung: Judith Queins

Covermotiv: © sbayram/iStock

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN Print 978-3-451-03124-3

ISBN E-Book 978-3-451-81426-6

Meinen verstorbenen Eltern August und Erna Stutz-Saxer, Hägglingen, aus Dankbarkeit gewidmet.

Inhalt

Was ist ein Ritual?

I Zu mir selber stehen

II Der Verwandlungskraft trauen

III Brot und Rosen: Zusammensein

IV Kind sein dürfen

V Innehalten – Stille und Besinnung

VI Teil eines Ganzen

VII Engagierte Gelassenheit

VIII Krise als Weg

IX Verbunden mit der Schöpfung

X Mit dem Abschied leben

Nachwort des Herausgebers

Quellenverzeichnis

Was ist ein Ritual?

„Kann es etwas Schlimmeres geben, als dass wir uns in unserem eigenen Haus nicht zurechtfinden? Wie können wir hoffen, in anderen Häusern Ruhe zu finden, wenn wir sie im eigenen nicht zu finden vermögen?“, schreibt die Mystikerin Teresa von Ávila in ihrer Schrift von der „Inneren Burg“.

Das ist ein Gedanke, der mich vor einigen Jahren erschüttert hat. Zu lange habe ich außerhalb gesucht, was ich mir selber schenken lassen muss. Wie jeder Mensch brauche ich Freundinnen und Freunde, Anerkennung und Verwurzelung. Doch nur ich – dies ist eine schmerzliche und zugleich befreiende Erkenntnis – kann mir Heimat in mir schenken lassen. Es ist dies eine Beheimatung, die – so habe ich es erfahren – letztlich Gott allein ermöglichen kann. Gott ist in allen Dingen! Seit ich der Spur dieser Erkenntnis folge, habe ich die Kraft der Rituale in meinem Leben, in meinem Alltag neu entdeckt.

Was ist ein Ritual? „Es ist das, was einen Tag vom anderen unterscheidet, eine Stunde von den anderen Stunden“, lässt Antoine de Saint-Exupéry den Fuchs zum kleinen Prinzen sagen. Darum „muss es feste Bräuche geben“. Ein Aufruf, der in unserer hektischen Welt, die zum Shoppingcenter der unendlichen Möglichkeiten geworden ist, aktueller denn je ist. Vereinsamung und Sinnverlust nehmen zu: Einfache spirituelle Alltagsübungen können eine Hilfe sein, im Alltäglichen das Wunderbare zu entdecken – und sie helfen dazu, nicht länger fremdbestimmt zu leben, gelebt zu werden, sondern mehr aus der eigenen Mitte heraus zu leben.

Ein Ritual ist für mich …

regelmäßig und bewusst einen Ort des Innehaltens, des Aufatmens aufzusuchen, an dem ich mich in meinem eigenen Haus zurechtfinden kann.

ein kraftvoller Moment der Erinnerung, dass das Wesentliche im Leben nicht machbar ist, sondern immer Geschenk und Gnade bleibt.

wenn ich „den Himmel mit der Erde verbinde“, indem ich wahrnehme, was ist, und über mich hinauswachse, weil ich Teil eines größeren Ganzen bin.

wenn ich Widerstand leiste und Zeichen setze für eine gerechtere Welt, wo Gerechtigkeit, Lebensfreude, Solidarität und Zärtlichkeit spürbar werden.

wenn ich in das Urvertrauen hineinwachse, dass jeder Mensch sich immer wieder zum Guten verwandeln lassen kann.

wenn ich wiederhole, nachahme, übe. Übung führt mich zu mehr Achtsamkeit und innerer Ruhe angesichts der drängenden Fragen unserer Zeit.

ein mystischer Augenblick, in dem Raum und Zeit wie aufgehoben erscheinen und ich in Berührung komme mit Gott, der Quelle allen Lebens, erfahrbar in der Schöpfung und dem ganzen Kosmos.

eine heilende Erfahrung, weil die Seele, das Lebendige in uns, aufatmen kann und wir alle Erfahrungen zurückbinden können an den Grund unseres Lebens, den ich Gott nenne.

Natürlich besteht auch die Gefahr, dass ein Ritual zur entleerten Gewohnheit, zum Automatismus wird. Um dem entgegenzuwirken, brauchen wir ein waches Auge, uns selbst und unsere Mitwelt bewusst wahrzunehmen. So bleiben wir lebendig, spüren, ob uns dieses Ritual (noch) guttut, und entwickeln uns weiter.

ERSTES KAPITELZu mir selber stehen

Gerade dastehen zu können, fällt uns gar nicht immer so leicht. Gerne lehnen wir uns an, setzen uns hin, knicken ein Bein ein – wir stehen nicht mit beiden Beinen gerade auf dem Boden. Oft tun wir uns schwer, zu uns selber zu stehen. In Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten ringen wir um einen eigenen Standpunkt.

Selbstwertgefühl, Ehrlichkeit und Standhaftigkeit sind für mich wichtige spirituelle Grundwerte.

In den Geschichten der Bibel treffe ich immer wieder auf menschliche Grunderfahrungen. Und so lese ich im Neuen Testament, wie Jesus Menschen Mut macht, zu sich selber, ihren Gaben und Grenzen zu stehen. Er fordert sie dann auf, sich in die Mitte zu stellen. Dabei werden Menschen nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich aufgerichtet. Erst so wird ein aufrechter Gang im vollen Sinne dieses Wortes möglich. Innerlich aufgerichtet, stehen wir mit mehr Rückgrat für unser Leben, das Leben aller Menschen und der ganzen Schöpfung ein. Wir stehen, mit Zivilcourage, auf für das Bedrohte. Wir dürfen es tun in dem Grundvertrauen, dass wir zu uns stehen können, weil Gott vor aller Leistung zu uns steht.

1.RITUALAm Morgen nach dem Aufstehen

Am Morgen, nach dem Aufstehen, stelle ich mich in die Mitte des Zimmers und spüre mit den nackten Füßen gut den Boden unter mir. Der Boden ist Bild jenes Gottes, der mich trägt, auch heute in all den vielen Anforderungen, die auf mich zukommen werden. Ich atme tief ein und aus in Verbindung mit den Worten von Hildegard von Bingen: „Gott atmet in allem, was lebt.“ Mein Dastehen, mein Atmen ist ein spiritueller Akt, der mich die Verbundenheit mit allem erfahren lässt. Es verbindet mich mit dem Atem der Menschen, der Tiere, der Pflanzen, mit dem ganzen Kosmos. So stehe ich anders, verwurzelter im Leben und in dem neuen Tag.

2.RITUALDen Tag über bewusst dastehen

Den Tag hindurch, hoffentlich auch, wenn meine Pläne durchkreuzt werden, wenn etwas nicht gelingt, wenn ich ungeduldig werde, versuche ich das bewusste Dastehen einzuüben.

Wenn ich auf den Zug warten muss, in der Einkaufsschlange anstehe, auf das Kochen des Kaffeewassers warte oder auf das Hochfahren meines Computers, erinnere ich mich an die Kraft des Stehens. Es gibt keinen Ort auf dieser Welt, der nicht zum heiligen Ort werden kann. Die spirituelle Dimension des Lebens wird erfahrbar, wenn ich die scheinbar verlorene Zeit des Herumstehens verwandeln lasse in ein achtsames Dastehen. Der Atem hilft mir, die Tiefendimension dieses unscheinbaren Stehens zu spüren. Für mich lebt darin die Hoffnung, nicht zu resignieren.

3.RITUALWenn‘s schwierig wird: Mit beiden Füßen im Leben stehen

Ich achte regelmäßig in schwierigen Alltagssituationen darauf, als spirituelle Grundhaltung beide Füße auf den Boden zu stellen. Dabei bin ich wie bei allen anderen Übungen nicht erstaunt, wenn es Wochen oder Monate dauert, bis ich dies in einer Selbstverständlichkeit, aus einer inneren Freiheit heraus tue. Ich verbinde diese Haltung mit der Zusage aus dem Alten Testament, aus dem Buch des Propheten Ezechiel: „‚Menschensohn, stell dich auf deine Füße, ich will mit dir reden.‘ Da kam der Geist in mich, nachdem er mit mir geredet hatte, und er stellte mich auf meine Füße“ (Ezechiel 2, 1-2). Die aufrechte Haltung lässt meinen Atem fließen, der mich lebendig hält; und ich spüre den Grund, der mich trägt.

4.RITUALAufstand für das Leben: Engagement und Verbundenheit

Niemand ist eine Insel – und in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft gibt es viele Menschen, die es alleine nicht schaffen. Um ihnen zu helfen, muss ich mich aufraffen und aufstehen – in dem Bewusstsein, dass auch ich Hilfe brauche, vielleicht in anderen Bereichen des Lebens.

Organisationen wie Amnesty International, Caritas, Greenpeace, Nachbarschaftshilfe sind angewiesen auf Menschen, die mitarbeiten im Bewusstsein, dass sie nie Einzelne sind, sondern immer Teil eines Ganzen. Bevor ich mich engagiere, schließe ich einen Moment die Augen, atme tief und erinnere mich, dass in diesem einen Augenblick Frauen und Männer auf der ganzen Welt aufstehen für das Leben.

5.RITUALAm Abend: zum vergangenen Tag stehen