Afrotopia - Felwine Sarr - E-Book

Afrotopia E-Book

Felwine Sarr

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Beschreibung

›Dunkler Kontinent‹, ›Elendsgebiet‹ oder ›Rohstofflager der Welt‹, noch immer denken und reden wir über Afrika in Stereotypen. Und noch immer ist der Maßstab, mit dem wir den Zustand und die Perspektive des Kontinents beurteilen, das Entwicklungsmodell des Westens, selbst wenn sich dieses weltweit als höchst zerstörerisch erwiesen hat. In seinem bahnbrechenden Manifest, das zugleich Analyse und Utopie ist, fordert Felwine Sarr eine wirkliche Entkolonialisierung Afrikas, indem es sich auf seine vergessenen und verdrängten geistigen Ressourcen zurückbesinnt, ohne gleichwohl den Kontakt mit der Moderne zu verleugnen. So findet sich eine Fülle kulturellen und geistigen Reichtums, die auf ein anderes, ausgeglicheneres Verhältnis zwischen den Menschen und zwischen Mensch und Natur verweist. Die afrikanische Kulturrevolution bietet dabei auch für den Rest des Planeten dringend benötigte Ansätze, um eine bewusstere und würdevollere Zivilisation zu begründen. In 35 Jahren wird ein Viertel der Weltbevölkerung in Afrika zuhause sein – höchste Zeit, die verborgene Lebenskraft des Kontinents zu entdecken und das Zeitalter des Afrofuturismus einzuläuten.

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Seitenzahl: 180

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FELWINE SARR

Afrotopia

Aus dem Französischen vonMax Henninger

Für Dialo Diop, Sahelsycamore …

Inhalt

Afrika denken

Gegen den Strom

Der Leitsatz der Moderne

Die Wirtschaftsfrage

Sich selbst heilen, sich selbst benennen

Die Revolution wird intelligent sein

Das eigene Zuhause bewohnen

In See stechen

Afrotopos

Afrikanische Städte: Konfigurationen des Möglichen

Für sich selbst da sein: der wirkliche Fortschritt

Die Lektionen der Morgenröte

Anmerkungen

Afrika denken

Überlegungen über den gesamten afrikanischen Kontinent anzustellen, ist eine schwierige Aufgabe, bekommt man es doch mit hartnäckigen Gemeinplätzen, Klischees und Pseudogewissheiten zu tun, die sich wie ein Dunstschleier über die Realität legen. Seit den 1960er-Jahren und seit dem Morgen der Unabhängigkeit ist Afrika von der afropessimistischen Vulgata ohne Unterlass als der Kontinent beschrieben worden, der einen Fehlstart hingelegt hat und seitdem am Abdriften ist: ein sterbendes Ungeheuer, dessen jüngste Zuckungen das baldige Ende ankündigen. Die grimmigen Zukunftsprognosen Afrikas folgen aufeinander im Gleichschritt mit den Erschütterungen und Krisen, die der Kontinent durchlaufen hat. Auf dem Höhepunkt der Aids-Pandemie prophezeiten einige Auguren gar nichts weniger als die Auslöschung allen Lebens auf dem afrikanischen Kontinent. Soll diese Ansammlung von Elend doch von einer Gesundheitskatastrophe zugrunde gerichtet werden, der übrigen Menschheit kann es dann nur besser gehen. Damit ist die symbolische Gewalt lediglich angedeutet, mit der die Medien und eine umfangreiche Literatur sich das Schicksal Hunderter Millionen Menschen ausgemalt, es verhandelt, dargestellt und in die kollektive Fantasie eingeschrieben haben – stets als Beispiel des Scheiterns, des Mangels, des Handicaps, ja sogar des Defekts oder Geburtsfehlers.

Diese Neigung der anderen, den afrikanischen Kontinent zur Projektionsfläche für ihre Fantasien zu machen, reicht weit zurück. Bereits in der Antike bemerkte Plinius der Ältere: »Aus Afrika kommt immer etwas Neues« (»Ex Africa semper aliquid quid novi«). In seiner Naturgeschichte denkt er dabei an die merkwürdigen Tiergattungen, die der Kontinent unablässig jenem römischen Reich präsentiert, das an seiner Mittelmeerflanke an ihn angrenzt. Im Zeitalter der Eroberungen veranlasst dieses mysteriöse Afrika Entdeckungsreisende und Abenteurer zu ihren originellsten und anstößigsten Fantasien. Der Wunderkontinent wird einigen zum Ventil für eine Barbarei, das die zivilisierten Länder in ihren Urzustand zurückversetzt. Man erlaubt sich dort tatsächlich alles: Plünderung, Verwüstung von Leben und Kulturen, Genozide (die Herero), Vergewaltigungen, Menschenversuche: Sämtliche Formen der Gewalt haben dort mühelos ihren Höhepunkt erreicht.

Da sich der Wind gedreht zu haben scheint, ist in jüngerer Zeit eine Rhetorik der Euphorie und des Optimismus erblüht. Die Zukunft werde fortan afrikanisch sein. Der Kontinent mache Fortschritte in Sachen Wirtschaftswachstum und die Aussichten seien gut. Ökonomen zufolge wird Afrika das nächste Ziel der internationalen Kapitale sein, da diese dort mit höheren Profiten rechnen könnten als irgendwo sonst. Afrika werde das Zentrum eines starken Wirtschaftswachstums sein, dem heute in China und den BRICS-Staaten die Luft ausgehe. Dank der Verfügbarkeit von natürlichen Ressourcen und Rohstoffen werde der afrikanische Kontinent das zukünftige Eldorado des Weltkapitalismus sein. Eine süße Ankündigung kommenden Wohlstands in stürmischen Zeiten.

Auch in diesem Fall handelt es sich um die Träume anderer inmitten eines nächtlichen Schlummers, bei dem die Hauptbetroffenen nicht zum kollektiven Träumen eingeladen sind. Sicher, den Wunsch nach Wohlstand teilen alle Völker. Weniger gewiss ist jedoch, ob sie auch alle jene mechanistische und rationalistische Herangehensweise an Wirtschaftsfragen teilen, die die Welt und ihre Ressourcen zugunsten einer Minderheit einer außer Rand und Band geratenen Ausbeutung unterwirft und dabei die Grundlagen menschlichen Lebens aus dem Gleichgewicht bringt.

Wenn der afrikanische Kontinent die Zukunft ist und sein wird, dann impliziert diese Rhetorik auch, dass es ihn heute nicht gibt oder dass er in der Gegenwart als Leerstelle existiert. Die Begriffe intensivierender Kraft, mit denen man seine Zukunft beschreibt, verweisen auf einen gegenwärtigen Mangel. Tatsächlich verstetigt die Verlagerung seiner Präsenz in die Zukunft lediglich das benachteiligende Urteil über ihn. Millionen Menschen teilt man täglich auf unterschiedliche Weise mit, das Leben, das sie führen, spiele keine Rolle. Indem sie eine von Ökonomismus und statistischer Abstraktion geprägte Terminologie übernommen haben, scheinen sich einige Afrikaner dieser Sicht auf den Menschen angeschlossen zu haben: einer zum Menschen spiegelverkehrten Sicht, bei der der Quantität gegenüber der Qualität das Primat zukommt und dem Haben gegenüber dem Sein. Die Anwesenheit der Menschen auf der Erde wird nur noch vermittelt über das Bruttosozialprodukt oder die Weltmarktposition zur Kenntnis genommen.

Die heutigen Afrikadiskurse sind von dieser Doppelbewegung beherrscht: Glauben an eine strahlende Zukunft einerseits, Bestürzung angesichts einer chaotisch wirkenden Gegenwart andererseits – einer Gegenwart, durchzogen von verschiedenen Erschütterungen.1 In diesem Kontext stellt es eine große Versuchung dar, dem Katastrophismus zu verfallen oder aber seinem seitenverkehrten Abbild, einem seligen Optimismus. Sicher ist bei allem jedoch, dass die den afrikanischen Kontinent erschütternden Krisen Geburtswehen gleichen. Welchen Engel oder welches Ungeheuer wird er gebären? Das Chiaroscuro, in dem wir uns bewegen, erlaubt fürs Erste keine Prognose.

Und doch ist es weniger ein Mangel an Bildern, unter dem der afrikanische Kontinent leidet, als vielmehr ein Mangel an eigenen Denkfiguren und an der Erzeugung eigener Zukunftsmetaphern. Es fehlt an einer unabhängigen und selbständig entwickelten Teleonomie,2 die Ergebnis einer eigenen Reflexion über seine Gegenwart, sein Schicksal und über die eigenen Zukunftsentscheidungen wäre. Seit jeher verändern sich menschliche Gesellschaften auf organische Weise, indem sie sich ihren Herausforderungen stellen, auf diese reagieren und dann überleben oder vergehen.

Wozu also angesichts dieser Umstände Überlegungen zu Gegenwart und Zukunft des afrikanischen Kontinents anstellen? Weil sich Gesellschaften zunächst imaginär konstituieren.3 Das Imaginäre ist das Schmiedeeisen, auf dem die Formen entstehen, die Gesellschaften sich verleihen, um das Leben zu speisen und ihm Tiefe zu verleihen, um das gesellschaftliche und menschliche Abenteuer auf eine neue Stufe zu heben. Gesellschaften entwickeln sich unter anderem deswegen, weil sie sich selbst in die Zukunft projizieren, die Bedingungen ihres eigenen Fortbestands reflektieren, zu diesem Zweck den nachfolgenden Generationen ein intellektuelles und symbolisches Kapital vermitteln, sich zu Trägern eines gesellschaftlichen und zivilisatorischen Projekts machen, ein Menschenideal entwerfen und die Zwecke des gesellschaftlichen Lebens bestimmen. Es geht also darum, sich aus einer Dialektik von Euphorie und Verzweiflung zu befreien und den Versuch einer kritischen Reflexion seiner selbst, der eigenen Realitäten sowie der eigenen Lage in der Welt zu unternehmen: sich selbst denken, sich darstellen, sich projizieren. Vorbedingung ist, den Kontinent so anzunehmen, wie er sich uns zu diesem spezifischen Zeitpunkt seiner historischen Entwicklung darstellt und wie er von Jahrhunderten der Machtverhältnisse sowie miteinander verzahnter interner und externer Dynamiken geprägt worden ist. Indem wir ihn betrachten, wie er ist, und nicht, wie er zu sein hat, offenbart er uns die Geheimnisse seiner tieferen Entwicklungen.

Afrika denken bedeutet, eine zaghafte Morgenröte zu durchwandern, entlang eines markierten Weges, auf dem der Gehende aufgerufen ist, das Schritttempo zu erhöhen, um den Zug einer Welt zu erreichen, die bereits vor einigen Jahrhunderten abgefahren zu sein scheint. Es bedeutet, sich durch das Gestrüpp eines dichtbewachsenen und buschigen Waldes zu kämpfen, einen Weg vermessen, der von Dunst umhüllt ist; einen Ort, der mit Begriffen belegt ist, mit Aufforderungen zur Reflexion gesellschaftlicher Zwecke: einen bedeutungsschwangeren Raum.

Leitworte wie »Entwicklung«, »wirtschaftlicher Durchbruch«, »Wachstum« und, in einigen Fällen, »Bekämpfung der Armut« sind die Schlüsselbegriffe der vorherrschenden Episteme4 der Epoche. Dieses rührt in erster Linie von jenem Traum her, den der Westen seit dem 15. Jahrhundert in alle Welt exportiert hat, begünstigt durch die eigene technische Überlegenheit und nötigenfalls mithilfe von Knüppeln und Kanonen. Doch hat er eine entscheidende Schlacht vor allem dadurch gewonnen, dass er seine Vorstellung von menschlichem Fortschritt in das kollektive Imaginäre der anderen eingepflanzt hat. Von diesem Platz wird man ihn vertreiben müssen, um Raum für andere Möglichkeiten zu schaffen.

Das Offene denken bedeutet, das Leben, das Lebbare, das Gangbare anders zu denken als im Modus der Quantität und der Habgier. Es bedeutet eine Vitalität zu denken, die maximal zu erweitern ist: das gesellschaftliche Abenteuer als eines denken, das das Leben speisen, weitergeben, verbreiten sowie durch die Einordnung in eine breitere Perspektive qualitativ wachsen lassen soll. Zu Beginn der Menschheitsgeschichte haben die Afrikaner lebensfeindliche Territorien kolonisiert und durch die Schaffung dauerhafter Gesellschaften einen ersten Sieg über die Natur erzielt. Diese Gesellschaften sollten es der Menschheit fortan ermöglichen, zu überleben und fortzubestehen.5 Das ist ihre erste Erbschaft, noch vor dem großen Auszug aus dem Kontinent durch den Homo sapiens. Heute könnte eines vieler weiterer Vermächtnisse darin bestehen, inmitten der Sinnkrise einer technizistischen Gesellschaft eine andere Sichtweise auf das gesellschaftliche Leben zu bieten, die aus anderen mythologischen Universen hervorgegangen ist und einen gemeinsamen Traum von Leben, Gleichgewicht, Harmonie und Sinn nährt.

Der Afrotopos ist jenes andere Afrika, dessen Ankunft beschleunigt werden muss, damit seine günstigen Potenziale verwirklicht werden können. Eine Utopie zu begründen heißt gerade nicht, sich einer süßen Träumerei hinzugeben. Es geht vielmehr darum, Räume des Reellen zu konzipieren, die dann denkend und handelnd herbeizuführen sind; die Anzeichen und die ersten Keime dieses Reellen sind in der Gegenwart auszumachen, damit sie befördert werden können. Afrotopia ist eine aktive Utopie, die es sich zur Aufgabe macht, die gewaltigen Möglichkeitsräume innerhalb der afrikanischen Wirklichkeit aufzustöbern und sie fruchtbar werden zu lassen.

Die Herausforderung besteht also darin, ein Denken zu artikulieren, das das Schicksal des afrikanischen Kontinents zum Gegenstand hat und dabei das Politische, das Wirtschaftliche, das Gesellschaftliche, das Symbolische und die künstlerische Kreativität in den Blick nimmt, gleichzeitig aber jene Orte bestimmt, an denen sich neue Praktiken, neue Diskurse ankündigen, an denen das kommende Afrika Gestalt annimmt. Es wird darum gehen, die sich entfaltenden Dynamiken zu entschlüsseln, das Hervortreten eines radikal Neuen zu erspähen, den Inhalt gesellschaftlicher Projekte zu ersinnen, die Rolle der Kultur innerhalb dieser Veränderungen zu analysieren, eine zukunftsgerichtete Reflexion anzustellen. Zugleich ist es darum zu tun, ein Zivilisationsprojekt zu denken, das den Menschen in den Mittelpunkt seiner Erwägungen stellt, indem es ein besseres Gleichgewicht der verschiedenen Ordnungen vorschlägt: der wirtschaftlichen, der kulturellen und der spirituellen. Dies beinhaltet die Artikulation eines anderen Verhältnisses von Subjekt und Objekt, arché und Neuem, Geist und Materie. Dass neue Horizonte eröffnet werden können und etwas zur positiven Transformation der afrikanischen Gesellschaften beigetragen wird, hängt vom Gelingen dieses Unterfangens ab, das die wichtigste Aufgabe der afrikanischen Intellektuellen, Denker und Künstler darstellt. In diesem Essay sollen die Grundzüge eines solchen Projekts umrissen werden.

Gegen den Strom

Jedes weitertreibende Nachdenken über den afrikanischen Kontinent muss dem Anspruch einer absoluten intellektuellen Souveränität genügen. Es geht darum, dieses in Bewegung befindliche Afrika ohne die gängigen Worthülsen wie »Entwicklung«, »wirtschaftlicher Durchbruch«, »Milleniums-Entwicklungsziele«, »nachhaltige Entwicklung« … zu denken, die bisher dazu gedient haben, Afrika zu beschreiben, vor allem aber, die Mythen des Westens auf die Entwicklungsverläufe afrikanischer Gesellschaften zu projizieren. Diese Vokabeln haben es nicht vermocht, den Dynamiken des afrikanischen Kontinents gerecht zu werden oder die tiefgreifenden Veränderungen zu fassen, die sich dort abspielen. Dazu bleiben sie zu sehr einem westlichen Begriffskosmos verhaftet, der ihre Deutung der Wirklichkeit bestimmt. Indem sie die Entwicklung der afrikanischen Gesellschaften in eine Teleologie mit universellem Anspruch einschreiben, haben diese Kategorien, die in ihrer Prätention einer Bewertung und Beschreibung gesellschaftlicher Dynamiken Hegemonie beanspruchen können, die besondere Kreativität Afrikas ebenso verleugnet wie dessen Fähigkeit, Metaphern des eigenen Zukunftspotenzials zu formulieren. Diese Begriffe kollidierten mit der kulturellen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Komplexität der afrikanischen Gesellschaften und haben fremden mythologischen Universen ihr Interpretationsraster aufoktroyiert.

Eines der grundlegendsten Defizite dieser Begriffe rührt von dem her, was man ihre quantophrenische Schieflage nennen könnte, also vom Zwang, alles zu zählen, zu bewerten, zu quantifizieren und in Gleichungen einzufügen. Ein Bestreben, gesellschaftliche Dynamiken anhand von Indikatoren zu fassen, in denen sich die soziale Entwicklung abbilden soll. Quantifizierung ist nützlich, wenn es darum geht, etwas zu prognostizieren oder zu verwalten, zu antizipieren, das bereits Erreichte mit dem noch zu Erreichenden zu vergleichen oder auch die Verteilung einer bestimmten Art von Gütern zu organisieren. Dennoch besteht bei einer solchen mathematischen Reduktion der Realität die Gefahr, dass unvollkommene Maßeinheiten und Bezugspunkte unter der Hand in Zwecke des gesellschaftlichen Abenteuers umgedeutet werden.

Daraus ergibt sich die Frage nach der Bewertung des gesellschaftlichen Lebens und seiner Entwicklung anhand der gewohnten Kategorien, also der sozioökonomischen und soziopolitischen Indikatoren. Eines der Kriterien, von denen häufig Gebrauch gemacht wird, ist das des nationalen Wohlstands, ermittelt durch das Bruttosozialprodukt eines Landes oder auch anhand des »Index der menschlichen Entwicklung«. Solch addierte Indikatoren begnügen sich allerdings nicht damit, einen Schwellenwert des »Wohlstands« oder der »Verwirklichungschancen« anzugeben,6 den zu erreichen im Hinblick auf das Wohlergehen der Individuen und der Bevölkerungen wünschenswert sei, sondern sie klassifizieren auch die Nationen und erstellen eine Rangordnung, mit Klassenbesten und Klassenschlechtesten. Abgesehen von ihren statistischen Schwächen7 sagen diese Indikatoren, die auf die Lebensbedingungen der Menschen abzielen, nichts über das Leben selbst aus, also über die Qualität der gesellschaftlichen Beziehungen, ihre Intensität und Fruchtbarkeit, den Grad der sozialen Entfremdung, den Charakter des Beziehungslebens, des kulturellen und spirituellen Lebens usw. Alles, was unsere Existenz ausmacht, worin ihr Inhalt, ihr Sinn besteht, kurzum die Gründe, weshalb es sich überhaupt lohnt zu leben: All das fällt durch das grobmaschige Netz der Wohlstandsindikatoren hindurch.

Aktuell gibt es Bestrebungen, die Bandbreite und Komplexität der Indikatoren zu steigern. So soll jenen Aspekten besser Rechnung getragen werden, die jenseits des Mehrwerts liegen: Bildung, Gesundheit, Lebensqualität, der Zustand der Umwelt. Dabei stößt man immer wieder auf das Problem, wie die immateriellen, nur schwer quantifizierbaren Aspekte des Wohlergehens als solche zu greifen sind.8 Auf einer grundlegenderen Ebene wäre es jedoch wichtig, mit der falschen Bewertung des individuellen und gesellschaftlichen Lebens überhaupt zu brechen. Das Leben lässt sich nicht im Messbecher erfassen, es ist eine Erfahrung und keine Leistung.

Durch eine afrikanische Stadt wie Lagos, Abidjan, Kairo oder Dakar zu gehen, ist in erster Linie ein sinnliches und kognitives Erlebnis. Der Rhythmus der Stadt erfasst einen augenblicklich. Vitalität, Kreativität und Energie tosen durch die Straßen, Chaos und Ordnung machen einander den Raum streitig; Vergangenheit, Gegenwart und die Umrisse der Zukunft existieren nebeneinander. Man spürt instinktiv, wie nutzlos, abstrakt und begrenzt die auf der jährlich erzeugten Wertschöpfung (dem Bruttosozialprodukt) beruhenden Indikatoren und Wohlstandsrankings sind. Das Leben, der Puls der Gesellschaft, die Intensität des sozialen Austausches, die Beziehung zum eigenen Umfeld, Zufriedenheit oder Unzufriedenheit, das Gefühl der Ganzheit, nichts davon lässt sich in solchen Statistiken fassen. Das Leben in diesen Räumen, die dortige Anwesenheit lässt einen jede Vorstellung von vergleichender Bewertung verlieren: Was sagt es schon aus, dass es in New York mehr Brücken oder Schnellstraßen gibt als in Abidjan? Der Bauer aus der Sine-Region9 fragt sich, wenn er von der Arbeit heimkehrt, nicht, ob er »entwickelt« oder erst noch »in Entwicklung begriffen« ist, ob er in einem mehr oder weniger fortgeschrittenen Land lebt. Es hat dieses Jahr reichlich geregnet, die tägliche Arbeit war gewohnt mühsam, die Ernte ist vielversprechend. Vom Gefühl erfüllt, etwas erreicht zu haben, wartet er nun auf die Früchte seiner Arbeit. Diese Arbeit ist mehr als nur eine Verrichtung: Sie ist ein Werk, das die Welt hervorbringt und damit die Bedingungen für ein Leben schafft, das dauerhafter ist als sein eigenes.

Geht über einer afrikanischen Stadt die Sonne unter und wird man zuhause von einem Stromausfall empfangen oder schlängelt man sich über eine mit Schlaglöchern durchsetzte Straße, dann bekommt man einen Eindruck davon, was an der Einrichtung der Gesellschaft alles fehlerhaft oder unvollkommen ist. Man strebt nachvollziehbarerweise nach einer besseren Ordnung, in der die Bereitstellung öffentlicher Güter und Dienstleistungen auf effizientere Weise erfolgt. Zugleich schleicht sich jedoch die Erfahrung solcher Mängel ein in die Aura und die Summe des Erlebten, setzt sich dort fest. Das Leben bildet ein diffuses Ganzes, und das Gefühl des Erlebten verbindet Erfahrungen aus den verschiedensten Bereichen. Erfahrungen, die mit Komfort und der optimalen Einrichtung der Gesellschaft zusammenhängen, vermischen sich mit solchen, die eher die Qualität und Intensität des Erlebten betreffen (und letztere können durchaus die bestimmenden sein).

Einwicklung

»Entwicklung« ist eine Ausdrucksform jener westlichen Unternehmung, die darin besteht, die eigene Weltanschauung vermittels der eigenen Mythen und Vorstellungen von gesellschaftlicher Zweckmäßigkeit in anderen Erdteilen zu verbreiten. »Entwicklung« ist zu einem der machtvollsten Mytheme unserer Epoche geworden. Alle Gesellschaften benötigen Mythen, um ihre Entwicklung und die Art und Weise zu rechtfertigen, auf die sie sich ihre Zukunft aneignen. Nachdem der Kolonialismus die Vorstellung einer »zivilisatorischen Mission« endgültig diskreditiert hat, ist »Entwicklung« zu einer jeder Diskussion enthobenen Norm des gesellschaftlichen Fortschritts aufgestiegen. Der Werdegang einer Gesellschaft wird in eine evolutionistische Perspektive eingeordnet. Die Unterschiedlichkeit der Entwicklungsverläufe wird ebenso geleugnet wie die der möglichen Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen.10

»Entwicklung« ist also der Versuch, ein Unterfangen zu universalisieren, das im Westen seinen Ursprung hat und dort auch am gründlichsten umgesetzt worden ist.11 Es handelt sich zunächst um die Ausdrucksform einer Denkweise, die die Welt rationalisiert und entzaubert hat, noch bevor sie über die Mittel zu deren Veränderung verfügte. Dieses evolutionistische und rationalisierende Bild gesellschaftlicher Dynamiken hat sich als derart durchschlagend erwiesen, dass nahezu alle aus dem Kolonialismus entlassenen Nationen es übernommen haben. Der Parforceritt bestand darin, die westlichen Gesellschaften als Bezugspunkte zu setzen und sämtliche übrigen Verläufe und gesellschaftlichen Organisationsformen für untauglich zu erklären. Zugleich wurde, durch eine Art rückwirkende Teleologie, jede von den euroamerikanischen sich unterscheidende Gesellschaft als unterentwickelt abgestempelt. Die Bekehrung der Mehrzahl der Nationen zur Leidenschaft der Entwicklungsanstrengung nach westlichem Vorbild vollzog sich so als erfolgreiche Negierung der Differenz.

Die scheinbare Objektivität der entsprechenden Bewertungskriterien (Bruttosozialprodukt, Pro-Kopf-Einkommen, Industrialisierungsgrad etc.) trug zur Ausbreitung dieses Projekts der Rationalisierung und Uniformisierung von Gesellschaften bei, das auf der Utopie einer deterministischen und vorhersagbaren Welt beruhte.12 Im 17. Jahrhundert entstand in Europa die Vorstellung eines unbegrenzten gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Fortschritts,13 aus ihr folgt die Annahme einer Naturgeschichte der Menschheit und einer Entwicklung menschlicher Gesellschaften, des Wissens und des Wohlstands, die einem natürlichen, autodynamischen Prinzip gehorcht, in dem die Möglichkeit eines Narrativs begründet liegt.14

Dieser gesellschaftliche Evolutionismus verfährt mittels einer Analogisierung gesellschaftlicher und biologischer Sachverhalte. Die Möglichkeit eines unbegrenzten gesellschaftlichen Fortschritts, der sich in der fortlaufenden Steigerung des Bruttosozialprodukts zeigen soll, ist eine Übertragung der Vorstellung eines unbegrenzten Himmelreichs, wie man sie aus der christlichen Eschatologie kennt, ins Profane und Irdische. So sind Fortschritt, Vernunft, Wachstum und Ordnung zu Leitbegriffen im Weltbild der westlichen Neuzeit geworden.

Etymologisch ist die Tätigkeit des Entwickelns der Gegensatz zu der des Einwickelns. Es geht darum, etwas wachsen zu lassen, in Gang zu setzen, zum Einsatz zu bringen. Tatsächlich wird nie etwas entwickelt, was nicht bereits latent, als Potenzial vorhanden ist. Man hat den Afrikanern eine Art soziale Konfektion angeboten. Um Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu organisieren, sollten sie sich in institutionelle Formen kleiden, die aus der mehrtausendjährigen Geschichte eines anderen Erdteils hervorgegangen sind und deren aktuelle Erscheinungsform nicht einmal die Urheber dieser Formen hätten voraussagen können. Anstelle einer Stärkung des Originellen, der charakterlichen Besonderheiten der Völker ist es zur Verordnung eines einheitlichen Modells gekommen. Zunächst sollte jede Kultur sein wie, dann sollte sie mehr sein und im Ergebnis war sie stets weniger.15 Das war ganz wörtlich eine »Einwicklung« (enveloppement) der nichtwestlichen Gesellschaften: Man hat sie in gesellschaftliche Formen eingewickelt, die ihnen nicht entsprechen.

Das Eintreten für »Entwicklung« ist zur Ideologie geworden: zu einem Geflecht von Ideen, das die Realität nicht etwa erhellt, sondern verschleiert. Die Ideologie dient dabei zugleich zur Rechtfertigung einer Praxis und einer Ordnung, mittels derer über das abweichende Reelle verfügt werden soll. Von den zweihundert Entwicklungsländern der 1960er-Jahre haben sich nur zwei von Ländern mit geringem zu Ländern mit hohem Einkommen gewandelt. Nur dreizehn ist es gelungen, aus der Kategorie der Länder mit mittleren in die der Länder mit hohen Einkommen aufzusteigen. Diese vereinzelten Wunder dienen dazu, das Feuer des Glaubens anzufachen. Die Realität, die man sich eingestehen sollte, ist jedoch die des schmerzlichen Scheiterns, der Nichteinlösung jenes Wohlstandsversprechens, das man den Ländern gegeben hat, die diesen Weg zu beschreiten bereit waren. Sicher, man wird ihnen vorwerfen, sie hätten das Modell nicht angemessen umgesetzt, und das sei der Kern des Problems. Die Entwicklung soll sich dabei aus dem Übergang von der potentia zum actus ergeben.16 In der Biologie, die in diesem Zusammenhang häufig als Analogie dient,17 ist sie der Vorgang, durch den sich der Embryo entfaltet, das Lebewesen seinen Reifezustand erlangt. In diesem Sinne impliziert Entwicklung zweierlei: die Bestimmung eines Endstadiums, auf das sich alle zubewegen, vor allem aber eine potentia, die bereits gegeben ist: latent Vorhandenes, dessen Verwirklichung angestrebt wird.

Kann man sich vollständig verwirklichen im Modus der Nachahmung, der Übernahme von Aufoktroyiertem und der Orientierung nach außen? Unter der Vorgabe, gesellschaftliche Strukturen, Mentalitäten, Sinnzusammenhänge und Werte anzunehmen, die nicht Ergebnis einer Verwirklichung der eigenen Potenziale sind? Die Antwort lautet natürlich nein.

Am Anfang einer jeden Gemeinschaft steht die Schaffung einer gemeinsamen Symbolsprache, die es den Angehörigen der Gemeinschaft ermöglicht, auf vergleichsweise einheitliche Weise zu denken, zu sprechen und Realität zu erfahren. Die Anthropologie hat gezeigt, dass Gesellschaften auf Gründungsmythen beruhen, die eine bestimmte Vorstellung von der Welt und ihrer Einrichtung mit sich bringen und eine Werteordnung etablieren. Die entsprechenden Werte schlagen sich dann häufig in verinnerlichten gesellschaftlichen und sprachlichen Codes nieder. Die neuzeitlichen Gesellschaften und insbesondere die westliche Industriegesellschaft sind diesem strukturellen Sachverhalt nicht enthoben. Sie muss ihren Werdegang und ihre Aneignung der eigenen Zukunft mittels einer Mythologie legitimieren, die ihre Kosmologien und gesellschaftlichen Ideologien widerspiegelt. Insofern fungiert der ökonomische Diskurs wie ein Ökomythos, der den Erhalt der industriellen Gesellschaftsordnung garantieren soll. Er stützt bestimmte Bilder des Universums und der Gesellschaft, legitimiert Institutionen, bekräftigt Glaubenssätze, prägt Lebens- und Denkweisen, die das Ordnen und Gestalten der Realität entsprechend der vom Narrativ ausgangs gelieferten Botschaft erlauben. Wohlstand, Fortschritt, Glauben, Gleichheit sind die Schlüsselbegriffe der westlichen Kosmologie, die deren Lesart des Reellen prägen und die sie anderen Völkern durch das Mythem »Entwicklung« verordnet.

Zudem hat man die Afrikaner angehalten, ein vorgefertigtes Gesellschaftsmodell zu reproduzieren, in dem für ihre lokale Kultur kein Ort vorgesehen ist oder in dem diese negativ bewertet wird.18 Dabei hat man die Tatsache außer Acht gelassen, dass es sich bei der westlichen Entwicklung um ein wirtschaftliches, vor allem aber um ein kulturelles Projekt handelt, das aus einem besonderen Universum hervorgegangen ist. Die Übertragung des westlichen Fortschrittsmythos