Albert Marquet. Das Paradoxon der Zeit - Mikhail Guerman - E-Book

Albert Marquet. Das Paradoxon der Zeit E-Book

Mikhaïl Guerman

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Beschreibung

Es ist ein Paradox, dass Marquet mehr der Vergangenheit und der Zukunft als der Gegenwart angehört. Seine Kunst wartet auf die Stille, die noch kommen wird. Dennoch lehrt er uns, den Reichtum der Meditation zu schätzen, indem er uns an jenen erhabenen Ort des Friedens führt, der für seine Vision so zentral ist.

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Seitenzahl: 98

Veröffentlichungsjahr: 2023

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MikhailGuerman

Albert Marquet

Layout:

Baseline Co. Ltd

© 2023 Confidential Concepts, worldwide, USA

© 2023 Parkstone Press International, New York, USA

©Image-Barwww.image-bar.com

ISBN: 978-1-63919-776-7

Weltweit alle Rechte vorbehalten.

Soweit nicht anders vermerkt, gehört das Copyright der Arbeiten den jeweiligen Fotografen, den betreffenden Künstlern selbst oder ihren Rechtsnachfolgern. Trotz intensiver Nachforschungen war es aber nicht in jedem Fall möglich, die Eigentumsrechte festzustellen. Gegebenenfalls bitten wir um Benachrichtigung.

Inhalt

Das Leben und Werk von Albert Marquet

Seine Jugend

Künstler Werden in Paris

Albert Marquet, Henri Matisse und die Anderen

Wanderlust

Visionen von Paris

Albert Marquet und die „Fauves“

Albert Marquet’s Nudes

Biografie

Abbildungsverzeichnis

Das Leben und Werk von Albert Marquet

Seine Jugend

Zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts erscheint Albert Marquet (oder Pierre Léopold Albert Marquet) als eine eher mysteriöse Figur. Trotz ihrer Einfachheit scheinen seine Bilder ebenso viel Mystifikation zu enthalten wie postmoderne intellektuelle Spielereien.

Das Leben und das Werk von Albert Marquet bilden einen Block ohne Schnörkel und Risse. Man spürt, dass dieser kleine, schlaksige Mann mit der dicken Brille und dem Klumpfuß sich nicht verändert hat und nie verändern wird. Sein Leben ist wie er selbst, einfach, geradlinig und breit. Er war ein junger Mann voller Probleme, bevor er ein diskreter Künstler wurde. Wahrscheinlich ist es so, dass Natürlichkeit und die Fähigkeit, sich selbst zu sein, nicht erklärt werden können, sondern einfach als Tatsache existieren. Zumindest für den Moment. Jetzt bleibt nur noch, zu schauen und zu überlegen.

In Albert Marquet‘s Jugend, wie auch in der von Edouard Vuillard, spielte eine wachsame Mutter die wichtigste Rolle. Die Mutter des Künstlers wurde am Ufer des Beckens von Arcachon geboren, einem großen Wasserspiegel, der von Kiefern, Weizen- und Maisfeldern gesäumt ist. Erwähnen wir auch, dass diese kleine hübsche, tapfere und fröhliche Bäuerin, die schon als Kind hervorragend gezeichnet hatte, es als natürlich ansah, dass diese Begabung in ihrem Sohn weiterleben würde. Die Quais und Becken von Bordeaux begannen bereits, sich mit ihrem strengen Spiel von horizontalen und vertikalen Linien in das Gedächtnis des Jungen einzuprägen. Er verbrachte seine Ferien in Le Teich, betrachtete das Meer und beobachte den stillen Konflikt der nahen Wellenbewegungen, die Kontraste zwischen Wasser und Himmel, zwischen den Booten und deren Schatten, zwischen einem rosigen und einem aschigen Grau.

Der Vater, ein Lothringer und ebenfalls bäuerlicher Abstammung, sagte zu dem Kind, das von den parallelen Linien der Gleise durch die Tunnel führten, und dem Kommen und Gehen auf den Bahnhöfen fasziniert war:„Du, du wirst in der Gosse enden!“Damit wurden zwei wesentliche Wesenszüge von Albert Marquet deutlich: ein angeborener Sinn für Kontemplation und eine Liebe zur Bewegung und zum Umherschweifen. Die Verschmelzung von Stadt und Natur, die er in seiner Kunst verwirklichen sollte, wurde durch eine halb ländliche, halb städtische Kindheit vorbereitet, in der sich die Dampfwolken der Lokomotiven und der Frachtschiffe mit den Wolken am Himmel vermischten und alles, sogar der Bahndamm, am Ufer lag.

Selbstporträt, 1904. Öl auf Leinwand, 46 x 38 cm. Museum der Schönen Künste, Bordeaux.

Künstler Werden in Paris

Es heißt, dass große Franzosen in der Provinz geboren werden und in Paris sterben. Albert Marquet war da keine Ausnahme. Er wurde am 27. März 1875 in Bordeaux geboren, kam als Jugendlicher in die Hauptstadt und setzte sich dort nieder. Das war im Jahr 1890, als er im Alter von fünfzehn Jahren Bordeaux verlässt und sich in der Schule für angewandte Kunst in Paris einschreibt. Um ihm folgen zu können, verkaufte seine Mutter ihr Ackerland und eröffnete ein kleines Stickerei-Geschäft in der Rue Monge im Zentrum von Paris. Sie tat dies trotz des starken Widerstands ihres Mannes. Während des Orientierungskurses trafen sich Matisse und Marquet zum ersten Mal. Der schüchterne Marquet verblieb meist im Schatten, wäre es auch nur wegen seines starken Akzents. Wie seine Frau später sagte:„Es war nicht seine Schuld, dass das, was für ihn spannend war, andere nicht interessierte, und dass seine Schüchternheit ihn daran hinderte, sich zu rechtfertigen.“

Da er seine Brille nie abnahm - er war sehr kurzsichtig -, nannten ihn seine Mitschüler den Engländer. Durch Matisse kam Albert Marquet in Kontakt mit Gustave Moreau, einem liberal gesinnten Professor, der auch auf die Persönlichkeit bestimmter rebellischer Maler einging. Auf seinen Rat hin zeichnet er an der École des Beaux-Arts„nach antiken Vorlagen und besucht eine Zeit lang die unabhängige Académie Carrière“. HenriMatisse und Albert Marquet treffen sich bald im Atelier von Moreau, wo Albert Marquet das Lehrdiplom der Stadt erwarb.

Also war Albert noch keine sechzehn Jahre alt, als er sein Studium in Paris begann. Als einziger Sohn eines bescheidenen Bahnangestellten war ihm natürlich das berufliche Milieu völlig fremd und noch mehr die Kenntnis der neuesten künstlerischen Trends. Die 1890er-Jahre sind die Wendezeit, in der das zu Ende gehende Jahrhundert auf das gerade beginnende traf. Die Furore der letzten Ausstellungen der Impressionisten war abgeklungen, Monet, Renoir und Pissarro waren jedoch weiterhin auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs. Cézanne, der noch immer nicht voll anerkannt und nur einem sehr begrenzten Kreis bekannt ist, malt seine besten Bilder. Auf den Ausstellungen in den Salons hängen Werke von Bonnard, Signac, Henri Rousseau, Matisse und Gauguin nebeneinander.

Der Publikumsgeschmack ist in der Regel entrüstet und bleibt der traditionellen visuellen Wahrhaftigkeit treu. Viele der von den Impressionisten eingeführten Techniken wurden bereits von den Künstlern des Salons angewandt, während in den Kunstschulen den akademischen Prinzipien, die fast bis in die Zeit von Jacques-Louis David zurückreichen, größter Respekt entgegengebracht wurde. Albert Marquet hatte Glück. Schon bald nach seiner Ankunft lernte er die Künstler kennen, welche die Kunst der Zukunft schaffen werden.

In dieser Zeit der sich rasch bildenden und ebenso schnell wieder auflösenden Künstler-Gruppen, der lebhaften und häufigen Kontakte zwischen vielen Kunstschaffenden, in einer Zeit, in der die Cafés von Montparnasse quasi zu den Zentren der Weltkunst wurden, in einer Zeit der unzähligen Ausstellungen und der ersten Auftritte der„klassischen“Avantgarde, formte Albert Marquet seine kreative Persönlichkeit nahezu in Isolation.

Die Havre, das Bassin, 1906. Öl auf Holz, 61,4 x 50,3 cm. Le Havre, André Malraux Museum für moderne Kunst.

Junges Mädchen am Strand, 1898. Öl auf Leinwand, 21 x 25,5 cm. Musée d’Art de Saint-Louis.

Im Alter von fünfunddreißig Jahren besuchte Marquet Zeichenkurse in der sogenannten Académie Ranson, die von dem französischen Maler Paul Ranson in Paris gegründet wurde. Er saß stundenlang auf den Terrassen der Cafés und übte eine Tätigkeit aus, die damals schon nicht mehr in Mode war: schnelle Skizzen von Passanten, unmittelbare Straßenszenen, wobei es ihm kaum gelang, mit einem Bleistift oder einer Feder schnell genug festzuhalten, was sein Auge mit außergewöhnlicher Schärfe erfasste. Marquet realisierte seine Zeichnungen zum Großteil in Tusche und sie wurden mit einem elliptischen und knappen Pinselstrich ausgeführt.

Manchmal drückt die Linie nichts als Bewegung aus - die Falten eines Regenmantels, die beim Gehen umherwehen, das Neigen eines Kopfes. Die Form erscheint in den Skizzen nur dynamisch - im Ruhezustand scheint sie für den Künstler nicht zu existieren. In wenigen Feder- oder Pinselstrichen erscheint die Quintessenz, der einen oder anderen Bewegung, bereinigt von allem Beiläufigen und Flüchtigen. Zeichnungen dieser Art könnte man den TitelLaufen, Schwere oder Anstrengung geben. Sie werden zu einer dynamischen Formel, fast zu einem Piktogramm. Zuweilen entstehen aber auch Genrezeichnungen, ironisch, ja sarkastisch, die in der Schärfe der Charakterisierung mit den Zeichnungen von Guys oder selbst Daumier konkurrieren können. Und es scheint ganz natürlich, dass der Künstler eine leidenschaftliche Vorliebe für Chaplins Filme hatte. Er liebte sie zu einer Zeit, als der„Little Tramp“weniger als großer Schauspieler, sondern einfach als amüsanter Clown wahrgenommen wurde.

Albert Marquets Begabung als ungestümer und scharfsinniger Zeichner zeigt sich schon früh, und zwar im Jahre 1903, als er Zeichnungen zur Illustration von Charles Louis-PhilippesBubu de Montparnasseanfertigte.Sein Strich kann grob sein, behält aber die Eleganz und Vitalität der Improvisation. Sie verewigt die Bewegung seiner Hand. Das Auge des Betrachters nimmt den Anfang und das Ende jedes Strichs zielsicher und einem Gefühl der Freude wahr, die Stelle, an der die Feder oder der Bleistift abgesetzt und wieder aufgenommen wurde. In Marquets Zeichnungen zeigt sich vielleicht früher und deutlicher als in seinen Gemälden jene Reife und Kunstfertigkeit, die nur wenige so jung erreichen.

Dennoch erlangte Albert Marquet praktisch bis Mitte der 1910er-Jahre keinen großen Erfolg oder gar Ruhm. Seine Werke verkaufen sich nur langsam. Es stimmt, dass Eugène Drouet, ein damals sehr bekannter Händler, der einen großen Salon in der Avenue Matignon unterhielt, seine Gemälde in Auftrag gab. Aber selbst im Alter von fünfzig Jahren erinnert sich Albert Marquet nicht gerne an die Zeit, als er ein junger Maler war, da sie von Armut geprägt war.

Ansicht von Saint-Jean-de Luz, 1907. Öl auf Leinwand, 60 x 81 cm. Staatliches Eremitage-Museum, Sankt Petersburg.

Hafen von Bordeaux, 1924. Öl auf Leinwand, 64,5 x 80,5 cm. Museum der Schönen Künste, Bordeaux.

Der Hafen von Marseille, 1916. Öl auf Leinwand, 65 x 81 cm. Museum für Kunst (Kurashiki).

Seine beruflichen Vorlieben haben sich schnell und konsequent herausgebildet - er gehörte ja zum Kreis der talentiertesten und unabhängigsten Maler. Von Jugend an zeigte er eine angeborene Genauigkeit in seinen Entscheidungen und die Fähigkeit, von anderen zu lernen, ohne dabei seine Eigenständigkeit zu verlieren, und die gewagtesten Neuerungen zu übernehmen, ohne dabei seine Treue zur Tradition zu verlieren. Es besteht kein Zweifel, dass Albert Marquet von allen zukünftigen Fauves der klassischste war.

Albert Marquet erlernte die Kunst der Malerei, indem er in Öl oder Pastell PoussinsNarziss, ChardinsKartenschlösser, ein Porträt von Tizian oder eine Landschaft von Claude Lorrain kopierte. Wir kennen die ausgezeichneten Methoden seines Lehrers an der Ecole des Beaux-Arts, Gustave Moreau, eines großen Pädagogen, der jede Individualität respektierte und der seinen Schülern angesichts des Mangels an offiziellem oder privatem Unterricht riet, sich direkt an die Meister der Vergangenheit zu wenden und ein Lieblingsmeisterwerk frei zu interpretieren. Außerdem konnten die Schüler von Moreau lange Zeit vom Verkauf dieser Werke leben.

Albert Marquet besuchte zwar das Atelier von Moreau, arbeitete aber ebenso oft draußen auf den Straßen und Boulevards der Stadt, wo er sich ständig Notizen machte. Dies war ein weiterer Beweis für den Respekt, den er für Moreau hatte, der ein symbolistischer Künstler und treuer Anhänger der Romantik von Eugène Delacroix war, die Methode von Lecoq de Boisbaudran guthieß und sein Gedächtnis aufwerten wollte.

Albert Marquet stand Henri Matisse nahe, mit dem er zusammen bei Gustave Moreau studierte. Heute erscheint es seltsam, dass dieser gefeierte, modische und sicherlich nicht unprätentiöse Künstler der Mentor von Matisse, Rouault und Albert Marquet war. Moreau war alles andere als ein technischer Neuerer, und seine Malerei steht – aus heutiger Sicht - der von den Salons ziemlich nahe. Aber für seine Zeit war Moreau ein Künstler einer neuen Richtung: einer der Symbolisten. Seine Gemälde bezauberten das Publikum nicht durch ihre technische Kühnheit, sondern auch durch ihre raffinierte Kunstfertigkeit und ihren charmanten Hauch von Lebensfreude. Er verstand es, in seinen Werken eine rätselhafte Welt zu erschaffen, in der sich die Raffinessedes Fin de Siècleganz natürlich mit Motiven aus exotischen Märchen oder mittelalterlichen Legenden verband. Moreaus Symbolismus lag weder im spirituellen Drama noch in neuen schöpferischen Prinzipien, wie es bei Baudelaire, Rimbaud oder Gauguin der Fall gewesen war. Er arbeitet ganz und gar akademisch, indem er sorgfältig Gemälde„anfertigte“, die so sehr mit Bedeutung geladen sind, dass sie ans Banale grenzen, während seine subtil„erotisierte“Mystik ganz und gar ein Produkt seiner Zeit bleibt. Aber wie zum Beispiel bei Oscar Wilde verbarg sich hinter Moreaus übertriebener Schönheit nicht selten echtes Gefühl und subtiles Denken. Außerdem war er ein wahrer Meister, ein virtuoser Adept von großer Professionalität.

Pferd in Marseille, 1916. Öl auf Leinwand, 65,5 x 81 cm. Museum der Schönen Künste, Bordeaux.

Die Terrasse, 1918. Öl auf Leinwand. Statens Museum für Kunst (Kopenhagen).

Der Strand, Sables d’Olonne, 1923. Öl auf Platte, 32,70 x 41,50 cm. Private Sammlung.

Es ist bekannt, dass Moreau ein einfühlsamer Mentor mit Liebe und pädagogischer Begabung war. Er predigtezwarnicht die Prinzipien der„modernen“