Marc Chagall - Mikhail Guerman - E-Book

Marc Chagall E-Book

Mikhaïl Guerman

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Beschreibung

Chagalls Leben und seine Werke üben eine universale Anziehungskraft aus. Während seines ganzen Lebens schuf der jüdische Künstler Werke voller Leidenschaft und Poesie, durch die er weltweit Spuren hinterließ. Vom New Yorker Metropolitan Opernhaus bis zur Pariser Oper Garnier, Chagall ist und bleibt allgegenwärtig.

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Seitenzahl: 178

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Mikhail Guerman - Sylvie Forestier

Marc Chagall

Text: Mikhail Guerman - Sylvie Forestier

Layout: Stephanie Angoh

© Confidential Concepts, worldwide, USA

© Parkstone Press International, New York, USA

© Marc Chagall, Artists Rights Society, New York, USA/ ADAGP, Paris

Image-Barwww.image-bar.com

ISBN: 978-1-64461-836-3

Weltweit alle Rechte vorbehalten. Soweit nicht anders vermerkt, gehört das Copyright der Arbeiten den jeweiligen Fotografen. Trotz intensiver Nachforschungen war es aber nicht in jedem Fall möglich, die Eigentumsrechte festzustellen. Gegebenenfalls bitten wir um Benachrichtigung.

Inhalt

Lebenslauf

I Das Land Meiner Seele…

II Die Russische Schaffensperiode

III Das Graphische Werk

Index Der Nachgedruckten Werke

Anmerkungen

LEBENSLAUF

7. Juli 1887: Marc Sacharowitsch Chagall wird in Witebsk als Sohn eines Lagerarbeiters geboren.

1906: Besuch der Malschule von Jehuda Pen in Witebsk. Im Winter reist Chagall nach Petersburg ab.

1907–1910: Aufnahme in die Schule zur Förderung der Künste (deren Leiter Nikolai Roerich war), Unterricht in der Privatschule von S. M. Seidenberg; Aufnahme in die Swanzewa-Schule, wo Chagall bei L. S. Bakst und M. W. Dobushinski studiert. Chagall zeigt seine Arbeiten auf der Schülerausstellung, die in der Redaktion der Zeitschrift „Apollon“ veranstaltet wird.

1910–1914: Lebt in Paris. Wohnt seit 1911 in „La Ruche“ (Bienenstock) und schließt Bekanntschaft mit berühmten Malern und Schriftstellern – Pablo Picasso, Georges Braque, Fernand Léger, Amedeo Modigliani, Guillaume Apollinaire, Max Jacob, Blaise Cendrars u.a. Stellt seine Werke aus: In Paris im Salon der Unabhängigen und im Herbstsalon, in Moskau gemeinsam mit der Gruppe „Eselsschwanz“, in Berlin in der Galerie Sturm (erste Einzelausstellung), in Sankt Petersburg und Amsterdam. Vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges kehrt er nach Witebsk zurück.

Juli 1915: Heirat mit Bella Rosenfeld.

1915–1917: Arbeit in Petrograd im Komitee für Militärindustrie. Ausstellungen in Moskau und in Petrograd.

1916: Geburt der Tochter Ida.

1918–1919: Radierungen zu dem Buch Mein Leben. Übernimmt den Auftrag Vollards für ein großes Illustrationswerk zu Gogols Die toten Seelen.

1920–1921: Durch den Konflikt mit Malewitsch und Lissitzky ist Chagall gezwungen, Witebsk zu verlassen. Er lebt in Moskau und in der Umgebung der Stadt. Arbeitet für das Jüdische Kammertheater in Moskau. Übernimmt den Zeichenunterricht in den Waisenhäusern „Malachowka“ und „III. Internationale“. Beginnt die Arbeit an seiner Autobiographie Mein Leben.

1922: Gemeinsame Ausstellung von N. I. Altman, M. S. Chagall und D. P. Sterenberg.

1922–1923: Reist nach Kaunas, um eine Ausstellung seiner Werke zu veranstalten, von da aus weiter nach Berlin und Paris. Im September wird er in Paris wohnhaft. Arbeit an den

1926: Einzelausstellungen in Paris und New York.

1930–1931: Arbeitet an den Bibelillustrationen. Macht Reisen in die Schweiz, nach Palästina, Syrien, Ägypten. Ausstellungen in Paris, Brüssel, New York.

1933: Goebbels veranstaltet in Mannheim eine öffentliche Verbrennung der Werke Chagalls. Chagall-Ausstellung in Basel.

1935: Reise nach Polen.

1937: Chagall wird französischer Bürger. Reise nach Italien.

1939: Chagall erhält den Carnegie-Preis (USA).

Die Eltern Marc Chagalls. Fotografie, Anfang des 20. Jahrhunderts

Die Familie Chagall. Fotografie, um 1906

Das Haus Chagalls in Witebsk. Fotografie, Anfang des 20. Jahrhunderts

1940: Übersiedlung ins Loire-Gebiet, dann in die Provence.

1941: Chagall wird in Marseille verhaftet, dann wieder freigesetzt. Übersiedlung in die Vereinigten Staaten.

1942: Arbeiten für das Theater in den USA und in Mexiko. Ernennung zum Kommissar für Kunstangelegenheiten am Ressort für Volksbildung im Gouvernement Witebsk. Gründet und leitet seit Anfang des Jahres 1919 in Witebsk eine Kunstschule, für die er als Lehrer Mstislaw Dobushinski, Iwan Puni, Kasimir Malewitsch u.a. gewinnt, und ist als Leiter der Schule tätig. Leitet die Freie Kunstwerkstatt für Malerei und das Kunstmuseum. Leitet die festliche Ausgestaltung der Stadt zum ersten Jahrestag der Oktober-Revolution. Nimmt an der Ersten Staatlichen freien Ausstellung im ehemaligen Winterpalast zu Petrograd teil.

1944: Bella Chagall stirbt in New York.

1945: Entwürfe der Dekorationen und der Kostüme für Strawinskys Ballett Der Feuervogel.

1946: Ausstellungen in New York und Chicago.

1947: Ausstellung im Musée National d'Art Moderne in Paris.

1948: Rückkehr nach Frankreich. Es erscheinen Die toten Seelen von Gogol mit Chagalls Illustrationen. Ausstellungen in Amsterdam und London. In diesem und in den nachfolgenden Jahren reist Chagall viel.

1950: Übersiedlung nach Vence in der Nähe von Nizza. Beschäftigt sich mit lithographischen und keramischen Arbeiten.

1951: Es entstehen seine ersten Bildwerke aus Stein. Große Ausstellungen in Bern und in Jerusalem.

1952: Heirat mit Valentine Brodsky. Reise nach Griechenland.

1953–1955: Große Ausstellungen in Turin, Wien und Hannover.

1956: Herausgabe der Bibel mit Chagalls Illustrationen.

1957: Beginn der Arbeit an den Glasfenstern (Assy, Metz, Jerusalem, New York, London, Zürich, Reims, Nizza). Graphik-Ausstellungen in Basel und Paris.

1959: Wandbilder für das Foyer des Theaters in Frankfurt am Main. Ausstellungen in Paris, München und Hamburg.

1963: Ausstellung in Japan.

1964: Ausführung des Deckengemäldes für das Pariser Opernhaus. Beginn der Arbeit an Mosaiken und Wandteppichen.

1966: Nimmt Wohnsitz in Saint-Paul-de-Vence. Ausmalung der Metropolitan Opera in New York.

1969–1970: Gründung des Chagall-Museums in Nizza. Große Retrospektive im Grand Palais in Paris.

Juni 1973: Auf Einladung des Ministeriums für Kultur der UdSSR besucht Chagall Moskau und Leningrad.

Juli 1973: Eröffnung des Chagall-Museums in Nizza.

Oktober 1977: Eröffnung der Ausstellung der zwischen 1967 und 1977 entstandenen Gemälde im Louvre.

1982–1984: Große Ausstellungen in Stockholm, Kopenhagen, Paris, Nizza, Rom, Basel.

28. März 1985: Chagall stirbt in Saint-Paul-de-Vence in seinem 98. Lebensjahr

1987: Große Chagall-Ausstellung in Moskau.

Marc Chagall. Fotografie, 1908

Marc Chagall, Salomon Mikhoels und Mitglieder des Jüdischen Theaters auf Tournee in Berlin. Fotografie, 1927

Marc Chagall auf der Ausstellung seiner Werke in der Tretjakow-Galerie. Fotografie, 1973

I DAS LAND MEINER SEELE…

Wieder einmal hat die Geschichte durch eine unerwartete Wendung in ein Menschenleben schicksalhaft eingegriffen, und einem Verbannten, der im Exil gestorben ist, wird die Heimat wiedergeschenkt. Seit der Ausstellung seiner Werke, die 1987 im Staatlichen Puschkin-Museum in Moskau veranstaltet und vom Publikum begeistert begrüßt wurde, erlebt Marc Chagall eine Wiedergeburt im Lande seiner Herkunft. Es hat sich nun der sehnlichste Wunsch jenes originellsten Künstlers des 20. Jahrhunderts erfüllt – die Liebe „seines Rußlands“ hat er gewonnen. Seine autobiographische Erzählung Mein Leben, die mit der Schilderung seiner Abreise 1922 in den Westen endet, beschloss er mit den Worten: „Vielleicht wird mich Europa liebgewinnen und mit ihm auch mein Rußland“. Dass dem so ist, wird heute durch eine Rückbesinnung auf die Bedeutung Marc Chagalls bestätigt, die von seinem Heimatland ausgeht; dieser Vorgang geht über eine bloße – nur natürliche – Wiedereinverleibung des Künstlers in die heimische Kultur hinaus, sie zeugt von einem unverkennbaren lebendigen Interesse, das in Versuchen zur analytischen Durchdringung seines Werkes Ausdruck findet, die die Chagall-Forschung um neue und eigenständige Deutungen bereichern. Durch diese Bemühungen erhalten die Chagall-Studien, denen es vielfach an historisch exakter Dokumentierung fehlt, einen wertvollen Beitrag. Denn wie Franz Meyer in seinem grundlegenden Werk[1] betont, das seit seinem Erscheinen im Jahre 1961 als das vollständigste Kompendium auf diesem Gebiet anzusehen ist, bleibt sogar die chronologische Datierung der einzelnen Werke Chagalls problematisch, da der Künstler nur selten und meistens erst a posteriori seine Werke zu datieren pflegte – eine Tatsache, die in Verbindung damit, dass es den Forschern an Vergleichsquellen fehlte und dass sie der russischen Sprache nicht kundig waren, eine Menge Ungenauigkeiten zur Folge haben musste. Zu begrüßen sind deshalb solche Neuerscheinungen wie die Arbeit von Jean-Claude Marcadé[2], der, in die Fußspuren der Pioniere Camilla Gray[3] und Valentina Wasjutinskaja-Marcade[4] tretend, vor allem auf die Bedeutung der heimatlichen russischen Kultur für Chagalls Schaffen hinweist. Noch erfreulicher müssen uns in dieser Hinsicht die Arbeiten der modernen sowjetischen Kunstforscher erscheinen, diejenigen von Alexander Kamenski[5] und Michail German, mit dem wir nun die Ehre und das Vergnügen haben, einen Dialog zu führen. Trotz alledem ist die Fachliteratur, die sich mit dem Werk Marc Chagalls beschäftigt, sehr reichhaltig. Namhafte Autoren haben über sein Schaffen geschrieben. Von dem grundlegenden Aufsatz von Efros und Tugendhold Marc Chagalls Kunst[6] (veröffentlicht 1918 als Chagall 31 Jahre alt war) bis zum Erscheinen des streng wissenschaftlichen Katalogs Chagall von Susan Compton[7], der im Todesjahr des Künstlers anlässlich der von der Royal Academy in London veranstalteten Chagall-Ausstellung herausgegeben wurde, hat es an kritischen Erörterungen seines Werkes nie gefehlt. Das macht aber das Verständnis seiner Kunst keinesfalls einfacher. Die Deutung seines Schaffens, das bald der Pariser Schule, bald dem Expressionismus, dann wieder dem Surrealismus zugeordnet wird, ist voller Widersprüche. Ist es nun wirklich so, dass Chagalls Kunst sich jeglicher Einordnung und ästhetischer Deutung entzieht? Fast könnte man meinen, die Erforschung seiner Kunst sei trotz aller Bemühungen zur Fruchtlosigkeit verdammt angesichts der nur sehr lückenhaften Dokumentation. Manches ging auf den rastlosen Wanderungen unwiederbringlich verloren. Diese Besonderheit des Künstlers, dessen Schaffen sich allem Theoretisieren und allen Klassifizierungsversuchen widersetzt, wird in der folgenden Betrachtung eine Bekräftigung finden. Alles, was zum Geist spricht, alle prophetischen Ideen, alle intuitiven Eingebungen nähren sich vom Worte des Dichters und Philosophen. Vom Worte, wie man es bei Cendrars, Apollinaire, Aragon, Malraux, Maritain oder Bachelard findet. Vom Wort, das uns mit überzeugender Klarheit zeigt, wie schwierig sich ein kritisches Urteil bildet. So behauptet z. B. Aragon 1945: „Jedes Ausdrucksmittel hat seine Grenzen, seine Vorzüge und Nachteile. Nichts ist willkürlicher als der Versuch, ein Bild oder eine Zeichnung durch das Wort zu ersetzen. Man nennt es Kunstkritik – eine Sünde, von der ich mich freispreche.“[8] Das Wort, in dem sich die poetische Natur der Chagallschen Kunst offenbart. Sei es nun im Falle Chagalls noch so berechtigt, die Kritik der Willkür und der Unnatürlichkeit anzuklagen, so fragt man sich doch, ob wir nun überhaupt darauf verzichten müssen, wenn nicht sein Schaffen dessen Geheimnis unantastbar bleibt, so doch wenigstens seine plastischen Erfahrungen und bildnerischen Praktiken zu studieren? Sind wir angesichts seiner eigenwilligen Individualität nur auf lyrische Lobeserhebungen angewiesen? Müssen wir alle ästhetischen Forschungen von vornherein ablehnen oder an dem Gedanken festhalten, dass die Ästhetik aus dem Geistigen entspringt und im ungezwungenen Wechselspiel widerstreitender Ideen geboren wird? Wenn dies die Voraussetzung der geistigen Entwicklung ist, so muß die Diskussion, die Bekanntschaft mit den bisher unveröffentlichten Werken und Urkunden aus den sowjetischen Sammlungen und Archiven, mit den Schriften der Kunsthistoriker unser Wissen bereichern und erweitern. Dadurch aber entsteht die Möglichkeit einer tiefergehenden Erkenntnis dieser wilden und trotzigen Kunst, die sich durch keine Systematisierungsversuche bändigen oder fesseln lässt. Die im Bildband vorgestellten Gemälde und Zeichnungen werden von Michail German mit großem Einfühlungsvermögen analysiert. Mit Ausnahme von zwei späteren Werken, Die Uhr mit einem blauen Flügel (1949) und Die Zeit ist ein Fluß ohne Ufer (1930/39), entstanden sie alle in der Zeit zwischen 1908 und 1922, als der Künstler Russland für immer verließ.

Die im Bildband vertretenen Werke erlauben es, das chronologische Bild der frühen Schaffensperiode zu umreißen. In dem Aufsatz von Michail German wird zu Recht nachdrücklich auf die russischen Quellen hingewiesen, aus denen Chagall schöpfte (z. B. auf den Einfluss des russischen Volksbildes, des sogenannten Lubok); seine Analyse der Zusammenhänge zeichnet sich durch eine seltene Scharfsichtigkeit aus und gründet sich auf eine zwingende Beweisführung. Indem der Verfasser auf den Mechanismus des Erinnerungsvermögens als den Kern der Chagallschen Kunst hinweist, konzipiert er den Hauptbegriff seiner nachfolgenden Auslegungen – eine Art musikalisches Zeitmaß, das die plastische Organisation der Chagallschen Werke durchzieht. Dadurch erklärt sich der zyklische Charakter seiner Kunst, die von deutlichen Wiederholungen gekennzeichnet ist (die Frage nach dem „Warum“ bleibt dabei ungelöst) – eine organische Entwicklung, die an die ontologische Bedeutung der schöpferischen Tätigkeit denken lässt, von der Berdjajew sprach.

Dieser urtümliche Pulsschlag lebendiger Kunst, der Cendrars und Apollinaire mit Begeisterung erfüllte, dieses ergreifende Heidentum der Malkunst (poien), das dem Künstler seine Gesetze vorschreibt und ihn vor theoretische Aufgaben stellt, scheint darauf hinzuweisen, dass hier im Ethischen und Ästhetischen eine Prädestination waltet, die wir unsererseits etwas klären möchten. Das Weltbild Chagalls offenbart sich unmittelbar in seiner Malerei, in seinen bildnerischen Lösungen, die seiner Individualität zum Ausdruck dienen. Chagall selbst gibt uns durch sein Schaffen den individuell-persönlichen Gehalt seiner Kunst zu erkennen.

Meine Braut mit schwarzen Handschuhen, 1909. Öl auf Leinwand, 88 x 65 cm, Kunstmuseum, Basel

Bella mit einem weißem Kragen, 1917. Öl auf Leinwand, 149 x 72 cm, Sammlung der Familie des Künstlers, Frankreich

Die Geburt eines Kindes, 1911. Öl auf Leinwand, 65 x 89,5 cm, Sammlung der Familie des Künstlers, Frankreich

Seine autobiographische Erzählung Mein Leben, die er in russischer Sprache geschrieben hatte, wurde zuerst 1931 von Bella Chagall in Französisch in Paris herausgegeben. Ein unschätzbares Dokument, das eine ganze Epoche im Leben des Künstlers umfasst, enthält dieser naive, zärtliche, rührende Lebensbericht außer dem Sachlichen gar manches, was über die tiefgründigen Themen seiner Kunst und – was das wichtigste ist – über ihre Problematik aufklären kann. Übrigens ist die Erzählung im großen und ganzen jenen Künstlerbiographien ähnlich, die Ernst Kris und Otto Kurz untersuchten, um auf Grund dieses Studiums die Typologie solcher Werke aufzustellen.[9] Gleich am Anfang fällt bei Chagall der sonderbare Satz auf: „Das erste, was mir in die Augen sprang, war ein Engel.“ Er zeigt, dass sich bei Chagall von den ersten Stunden seines Lebens an die Zugehörigkeit zum visuellen Typ abzeichnete. Der Lebensbericht, der im Tone eines Gleichnisses anhebt, konnte nichts anderes als eine Künstlerbiographie werden. Etwas weiter, wo er auf seine schwere Geburt zu sprechen kommt, erklärt Chagall: „Vor allem war ich ein Totgeborener. Ich mochte nicht leben. Stellen Sie sich eine weisse Blase vor, die nicht leben mag. Als wäre sie mit Chagalls Bildern vollgestopft.“[10] Nicht wahr: Leben heißt hier also das freisetzen, was im Inneren von Anfang an enthalten ist – die Malerei? Das Thema der Berufung, das dem allerersten prophetischen Gesicht innewohnt, erscheint uns desto bedeutsamer, als es die äußeren Lebensläufe des Künstlers bestimmend beeinflussen und seinem Künstlerschicksal den Sinn geben sollte.

Chagall wurde in einer strenggläubigen jüdischen Familie geboren, wo das Verbot, den Menschen im Bilde darzustellen, als unverbrüchliches Dogma galt. Wer von der hergebrachten Erziehung in der jüdischen Familie nichts weiß, der kann sich keine Vorstellung davon machen, welch einen feurigen Lebenswillen Chagall bewies, welch eine Auflehnung gegen die herrschende Sitte es bedeutete, als er sich auf die Zeitschrift Niwa warf, um daraus das Bildnis des Komponisten Rubinstein zu kopieren. Die jüdische Erziehung ist vor allem religiös, sie gründet sich auf das Gesetz der göttlichen Auserwähltheit und beschränkt sich auf die religiöse Sphäre. Die religiöse Überlieferung wird dem Kind im Schoße der Familie in mündlicher Form beigebracht. Jedes Gebet, jeder Thora- oder Talmudtext wird in einem gewissen Singsang vorgebracht. Das Alltagsleben erhält einen gemessenen rhythmischen Gang durch die vorgeschriebenen Gebetshandlungen, die seinen Verlauf unterbrechen, alles ist mit Gesängen durchsetzt, und der Sabbat mit seinen feierlichen Segnungen beschließt die Arbeitswoche. Jedes jüdische Heim erhält seine Weihe von der Liturgie des Wortes.

Chagalls Familie gehörte zur chassidischen Tradition. Dieses Bekenntnis (Chassid bedeutet Frommer, Rechtgläubiger) gibt dem unmittelbaren Verhältnis zu Gott den Vorzug. Das Zwiegespräch zwischen dem Menschen und Jahwe vollzieht sich ohne Vermittlung durch den Rabbiner. Es vollzieht sich in der Ausübung der vorgeschriebenen rituellen Handlungen unter den Bedingungen persönlicher Freiheit. Der Chassidismus liegt außerhalb der gelehrten talmudistischen Kultur und ist der Synagoge nicht untergeordnet. Historisch gesehen war diese Bewegung in den Dorfgemeinden auf russischem und polnischem Gebiet verbreitet und stützte sich auf das grundlegende, ursprüngliche Element der jüdischen Gesellschalt, die Familie.

Chagalls Vater Sachar war Lagerarbeiter bei einem Heringshändler. Gutherzig, verschlossen und schweigsam, schien er in seiner Person das tragische Schicksal des jüdischen Volkes zu verkörpern. „Alles schien mir an dem Vater traurig und rätselhalt zu sein. Eine unbegreifliche Gestalt“, schreibt über ihn Chagall in seinem Buch Mein Leben. Die Mutter Feiga-Ita, in Liosno als älteste Tochter eines Fleischers geboren, war das genaue Gegenteil ihres Mannes. Die psychologische Gegensätzlichkeit der beiden Elternpersönlichkeiten ist schon in den ersten Zeichnungen des Sohnes sichtbar ausgedrückt, man erkennt sie in einer Serie von Radierungen, die Chagall 1923 in Berlin im Auftrag Paul Cassirers als Illustrationen zu seinem Buch Mein Leben anfertigte. In den Elternbildnissen sind nicht nur die persönliche Erfahrung und die Erinnerungen des Künstlers festgehalten; sie personifizieren die zwei gegensätzlichen Seiten des jüdischen Charakters und der jüdischen Geschichte, denen einerseits eine demütige Resignation und Gottergebenheit und andererseits ein zuversichtlicher, tatkräftiger Wille eigen ist, mit dem sich ein unerschütterlicher Glaube an die göttliche Auserwähltheit verbindet. Marc hatte einen Bruder und sieben Schwestern: David, dem ein früher Tod beschieden war und den er in rührenden Porträts abbildete; Anna, zu Hause Anjuta geheißen, Sina, die Zwillinge Lisa und Manja, Rosa, Marusja und Rahel, die auch früh gestorben war. Sie hatten es schwer, aber nicht so, dass sie Not leiden mussten. Die Familie war in dem Milieu des Städtl verwurzelt, einer Erscheinung der jüdischen Kultur, die ihrem Charakter nach dem Ghetto nahesteht. In Witebsk hatte sich das Städtl den ländlichen Verhältnissen des russischen Dorfs angepasst.

Ende des 19. Jahrhunderts war Witebsk eine kleine weißrussische Stadt, an der Mündung der Witba, eines kleinen Nebenflusses der Dwina, gelegen. Die Stadt machte damals eine stürmische ökonomische Entwicklung durch. Aber obwohl es eine Eisenbahnlinie und einen Bahnhof bekommen hatte, kleine Industriebetriebe und einen Flusshafen besaß, konnte Witebsk nach wie vor seinen ländlichen Charakter nicht verleugnen. Obwohl die vielen Kirchen und die russisch-orthodoxe Kathedrale ihm ein städtisches Ansehen gaben, waren die meisten Häuser Holzbauten, und die Straßen, im Winter mit Schnee bedeckt und im Frühling vom Tauwasser überschwemmt, waren ungepflastert. Jedes Haus war ein Anwesen mit einem Garten und einem Hühnerhof und wurde nach althergebrachter Weise bewirtschaftet. Diese Witebsker Häuser mit den Lattenzäunen und den buntfarbigen Ornamenten sind auf Chagalls Bildern verewigt. Die russisch-orthodoxe und die jüdische Gemeinde lebten friedlich nebeneinander. Alle Gegensätzlichkeiten entsprangen nicht aus konfessionellen, sondern aus sozialen Gründen. Es gab da eine jüdische Bourgeoisie, die sich aus reichen Kaufleuten zusammensetzte, deren Integration bereits in der Schule begann. Chagall besuchte die Volksschule der russischen Kirchengemeinde, obwohl laut den geltenden Regeln jüdische Kinder in diese Schulen nicht aufgenommen werden durften.

Aus den Kindheitserfahrungen des Künstlers bildete sich später das Vokabular seiner Bildersprache heraus. Das Wohnzimmer, die Uhr, die Lampe, der Samowar, der festlich gedeckte Tisch, die Straße mit den Häusern aus Holz, das Dach des väterlichen Hauses, das Haus selbst und die Stadt Witebsk mit den Kuppeln der Kathedrale – diese Fragmente des Erinnerungsbildes, die man schon auf seinen ersten Gemälden sehen kann und deren volle Bedeutung dem Künstler erst nach Jahren, aus einer zeitlichen Distanz gesehen, aufgehen sollte, ergaben nun das Gerüst, auf dem sich bei ihm die Bildaussage aufbaut. Erst als Chagall seiner Berufung folgte („Mama, ich möchte Maler werden“[11]) und sich aus den Banden der Familie und des sozialen Milieus löste, vermochte er sich eine eigene Sprache zu schaffen. Indem er seine Erinnerung bildhaft gestaltet, verlässt er den Weg des reproduzierenden Realismus und wendet sich einer anderen Realität zu, die hinter dem äußeren Schein der Dinge verborgen liegt.

Hier sind einige biographische Erläuterungen am Platz. Es gelingt Chagall, seine Mutter zu überreden, dass sie ihn die von Pen geleitete Zeichenschule besuchen lässt. Doch bald fühlt er sich von dem Unterrichtssystem, das sich auf ständiges Kopieren gründete, gelangweilt und enttäuscht. Wonach er sehnsüchtig strebt, was ihm selbst als dunkle Ahnung vorschwebt und sich in seinen ersten koloristischen Wagnissen als eine vage Andeutung ankündigt, hat mit den akademischen Regeln, die Pen in seiner Schule predigt, nichts gemein. Die Kunst, die er in sich trägt, ist etwas anderes, als die von Pen bevorzugte Malkunst, die sich von den russischen Peredwishniki herschreibt und die einen tüchtigen, repräsentativ anschaulichen Realismus bedeutet. Chagall, der sich gegen jeglichen Unterricht auflehnt, zeigt bereits 1907 eine kühne Erfindungsgabe – bezeugt das nicht allein sein regelwidriger Gebrauch der violetten Farbe? –, in der Tatsache, dass er grundsätzlich auf seinem Autodidaktentum besteht, kann man ein untrügliches Zeichen des Schöpferischen sehen. An der Gestaltung eines Künstlerschicksals sind die Vorstellungen des Heroenmythos beteiligt, die dem kollektiven Unterbewusstsein zugrunde liegen. Das Künstlerschicksal muss bestimmte Zeichen aufweisen, um als solches zu gelten; eines der entscheidenden besteht darin, dass der Künstler von der Heimat scheidet und in die Fremde zieht. Und Chagall verlässt die Heimat. 1907 nimmt er mit Viktor Mekler Abschied von seiner Heimatstadt Witebsk, die später zu den wichtigsten Symbolen seines Schaffens gehören wird, und macht sich auf die Reise nach Petersburg.

Die Hochzeit, 1918. Öl auf Leinwand, 100 x 119 cm, Tretjakov-Galerie, Moskau

Selbstbildnis mit sieben Fingern, 1911. Öl auf Leinwand, 128 x 107 cm, Königliche Sammlung, Den Haag

Die Reise nach Petersburg ruft bestimmte Fragen hervor. Die Abenteuer des Künstlerlebens hätte er auch in Moskau bestehen können. Dass seine Wahl auf Petersburg fiel, ist eine bedeutsame Tatsache. Unbewusst knüpfte Chagall damit an eine seit der Renaissance bestehende Tradition an, die in der Reise einen notwendigen Bestandteil der handwerklichen Ausbildung sieht. Wenn die Kunst ebenfalls ein Handwerk ist – und zu Beginn des 20. Jahrhunderts sieht man im Künstler trotz aller romantischen Revolte geradeso wie im 15. Jahrhundert einen Handwerker –, so muss man, um als solcher anerkannt zu werden, ein akademisches Studium durchmachen. Unter anderem ist Petersburg die intellektuelle und künstlerische Metropole des Russischen Reiches. Seine Geschichte zeichnet sich im Unterschied zu derjenigen Moskaus durch eine größere Offenheit gegenüber der westeuropäischen Kultur aus. Sein intellektuelles Leben, die Formen seiner Architektur, seine Kunstschulen, seine Ausstellungen bieten dem jungen Menschen aus der Provinzstadt eine reiche geistige Nahrung. Chagalls Auge fängt die feinsten Reflexe des blassen nördlichen Lichts auf dem Wasser seiner Kanäle auf. Er ist hergereist, um sich an der Petersburger Vollkommenheit zu schulen. Nachdem er bei der Aufnahmeprüfung in der Kunstschule des Barons Stieglitz durchgefallen war, glückte es ihm, in die Schule der Kaiserlichen Gesellschaft zur Förderung der Künste aufgenommen zu werden, die von Nikolai Roerich geleitet wurde.

Nikolai Roerich (1874–1947) war ein Mitarbeiter der Zeitschrift Welt der Kunst