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Auf einer seiner Bergtouren findet der Arzt Dr. Martin Stromberg in einer ärmlichen Holzhütte mitten in den Felsen einen todkranken Mann. Zwei Tage und zwei Nächte bleibt er bei Robert Simrock und erfährt, dass dieser auf der Flucht vor der Polizei in dieser Einsamkeit lebt.
Doch nicht allein als Arzt, der Menschenleben retten muss, ist Martin Stromberg bei dem Einsiedler geblieben. Aus den wenigen Satzfetzen, die der Kranke in der ersten Nacht in seinen Fieberfantasien vor sich hin flüsterte, hat Martin herausgehört, dass Roberts Leidensgeschichte eng mit seiner eigenen Lebensgeschichte verknüpft ist ...
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Seitenzahl: 111
Veröffentlichungsjahr: 2021
Cover
Der Einsiedler von der Schattenalm
Vorschau
Impressum
Der Einsiedler von der Schattenalm
Warum er der Liebe für immer entsagen wollte
Von Kathi Bernried
Auf einer seiner Bergtouren findet der Arzt Dr. Martin Stromberg in einer ärmlichen Holzhütte mitten in den Felsen einen todkranken Mann. Zwei Tage und zwei Nächte bleibt er bei Robert Simrock und erfährt, dass dieser auf der Flucht vor der Polizei in dieser Einsamkeit lebt.
Doch nicht allein als Arzt, der Menschenleben retten muss, ist Martin Stromberg bei dem Einsiedler geblieben. Aus den wenigen Satzfetzen, die der Kranke in der ersten Nacht in seinen Fieberfantasien vor sich hin flüsterte, hat Martin herausgehört, dass Roberts Leidensgeschichte eng mit seiner eigenen Lebensgeschichte verknüpft ist ...
Zur Erntezeit geht es sogar in dem stillen Bergdorf Quellhofen hoch her. Dann kommt der Dorfwirt Fuchsen-Wastl eine volle Woche nicht zur Ruhe, und Sepp Lauser, der Gendarm, ist von Berufs wegen gezwungen, öfter mal im Gasthaus nach dem Rechten zu sehen.
In diesem Jahr wurde das Erntefest von einer extrem starken Hitzewelle begleitet. Dem Fuchsen-Wastl war es nur recht; das Bier floss in Strömen. Auch dem Gendarm standen die hellen Schweißperlen auf der Stirn, als er sich zwischen den vollbesetzten Tischen hindurchzwängte und die wildesten Raufbolde scharf musterte.
Die Honoratioren des Dorfes – der Bürgermeister, der Lehrer, der Doktor und der Pfarrer – saßen an einem Extratisch, denn in Quellhofen hielt man noch viel von der alten Ordnung.
Der Lehrer war in guter Stimmung, deswegen rief er dem Gendarm zu: »Na, Lauser-Sepp, gibt's irgendwas Neues zu berichten?«
»Der Niklas Höllgruber soll darniederliegen, hab ich gehört«, berichtete er eilfertig.
Für den Bruchteil einer Sekunde verstummte das Durcheinander lauter und lachender Stimmen. In das jäh entstandene Schweigen hinein rief der Doktor mit hasserfüllter Stimme:
»Sind die Glockenstränge gut geschmiert, Pfarrer? Wenn der Quellhofer endlich krepiert, dann musst du läuten, was das Zeug hält. Es soll ein Freudenfest werden, wenn sie den Alten vom Quellgrund unter die Erde bringen.«
Jeder hatte die Worte gehört, aber keiner lachte darüber.
»Geh weiter, Lauser«, zischte der Wirt ihm zu.
Der Bürgermeister legte dem grauhaarigen Arzt mit dem schmalen, intelligenten Gesicht den Arm um die Schultern.
»Vielleicht solltest jetzt heimgehen, Flori.«
Der Arzt schüttelte störrisch den Kopf.
Der Gendarm hatte die leise Aufforderung des Bürgermeisters noch gehört. Während er sich auf einem freien Stuhl niederließ, grinste er anzüglich.
»Er ist ganz schön voll, unser Doktor.«
Plötzlich sah der Gendarm mehrere Augenpaare drohend auf sich gerichtet. Er erklärte hastig: »Nix für ungut – ich mein ja nur.« Er wusste genau, dass er im Dorf kaum einen Freund besaß, den Doktor dagegen hatte jeder gern.
Der Wirt stieß ihn grob an. »Unser Doktor kann so voll sein wie tausend Mann, seine Hände sind allweil noch sicher«, erklärte er lautstark. »Ein für alle Mal: Ich will nix hören, was gegen den Doktor geht! Jedenfalls net hier in der Gaststube. Alsdann, Lauser, was soll ich dir bringen? Magst Weißwürstl mit Kraut oder nur eine Maß Bier?«
»Eine Maß hätt' ich gern. Schön kalt und schaumig«, bestellte der Gendarm kleinlaut.
Der Wirt hastete zur Theke zurück. Durch das kleine Schiebefenster schrie er in die dahinterliegende Küche: »Frau! Schick mir das Dirndl raus. Es soll mir beim Bieraustragen helfen. Allein schaff' ich's nimmer.«
Unverzüglich erschien der Kopf der Wirtin in der Öffnung.
»Die Kathi?«, wiederholte sie gedehnt. »Ja mei – ich denk', die hilft dir längst. Hier in der Küche ist sie seit gut einer halben Stunde nimmer gewesen.«
Der Mund des Fuchsenwirts war schon zum Schimpfen geöffnet, da blieb ihm das Wort in der Kehle hängen.
»Jessas, da kommen auch noch die Quellhofers! Vorläufig seh' ich zwar nur das Gesinde, aber der Herr wird wohl auch nimmer weit sein. Hoffentlich geht das gut. Wenn nur der Doktor sich zurückhalten kann.«
Durch die Gaststube marschierte ein ellenlanger, stockhagerer Mann, gefolgt von einer rundlichen Frau und einem schlaksigen Burschen. Zielsicher ging der Lange auf den einzigen freien Tisch in der Ecke zu.
»Der ist doch für uns, gelt, Fuchsen-Wastl?«, erkundigte er sich höflich.
Der Wirt machte eine tiefe Verbeugung. Der Lange war zwar nicht der Herr vom Quellgrund, aber immerhin der Großknecht.
»Freilich, Simmerl, der Tisch ist für den Herrn vom Quellgrund reserviert. In der Ecke sitzt er doch jedes Jahr mit seinen Leuten.«
Die Wirtin schloß eilig das Schiebefenster. Sie wandte sich an die Magd, die ihr in der Küche half.
»Hast du eine Ahnung, wo die Kathi steckt?«
Die Magd nickte unbefangen. »Freilich, Frau Wirtin. Die Kathi ist hinter dem Purzel her. Das Hundsviech geht ihr doch schon seit Mittag ab. Sie sucht ihn überall.«
»Das sieht ihr ähnlich«, fauchte die Wirtin erbost.
In diesem Moment flog draußen die große Seitentür der Gaststube auf. Schlank und biegsam, mit feuerroten Haaren und zornsprühenden Augen, trat ein Mädchen ein.
»Kathi!«, entfuhr es dem Wirt. »Wo kommst du her? Was ist los?«
Schnurstracks ging Kathi auf den Tisch der Quellhoferleute zu.
»Du kommst mir gerade recht, Simmerl!«, fuhr sie den Großknecht an. »Fallen legen im Wald, das ist eine hundsgemeine Tat. Pfui sag' ich dazu! Pfui!«
»Fallen?«, wiederholte der Simmerl erstaunt. »Bist du narrisch, Kathi? Ich werd' doch keine Fallen legen, so gut solltest du mich eigentlich kennen.«
»Wer war es denn sonst?«, rief Kathi, und ihre Stimme klang auf einmal nach Tränen. »Der Jännerwald gehört doch zum Quellhof, oder? Und im Jännerwald sind Fallen aufgestellt.«
»Ist was passiert, Kathi?«, erkundigte sich der lange Simmerl mitfühlend. Kathi betrachtete zweifelnd sein ehrliches Gesicht.
»Schweinerei!«, ließ sich der Doktor hören. »Das hat der alte Teufel gemacht. So etwas fällt nur dem ein.«
Kathis Blick fiel auf den Jungknecht vom Quellhof. Der sah wie das leibhaftig schlechte Gewissen aus.
»Der hat es getan, ich seh' es ihm an!«, schrie sie und schlug nach der Hand des Vaters, der sie zurückhalten wollte. »Der hat meinen armen Purzel auf dem Gewissen!«
»Ist dein Purzel hin?«, fragte der blasse Jungknecht stockend.
Kathis Augen schwammen in Tränen. »Noch nicht ganz, aber ich glaube, er überlebt's nicht. Magst ihn dir ansehen, du – du Schinder!«
Der Jungknecht fühlte die grobe Hand des Großknechts in seinem Nacken.
»Da siehst du, was du angestellt hast, du Falott! Schämst du dich denn gar nicht? Wie kommst du zu so was? Vorwärts, gib Antwort!«
Andi duckte sich. Er hätte gern geschwiegen, aber er kannte den Großknecht. Wenn er in Wut geriet, dann erging es ihm schlecht.
»Au! Lass aus, Simmerl, ich bitt' dich«, jammerte er. »Ich tu doch so was nicht von allein. Hab es halt tun müssen. Der Bauer hat's von mir verlangt.«
Simmerl ließ den Jungknecht los.
»So ist das also«, murmelte er dumpf.
Niemand hatte auf die Eingangstür geachtet, aber genau von dort erklang plötzlich eine Stimme, die alle zusammenfahren ließ.
»Ja, so ist das!«
***
Groß, breitschultrig, mit sauber gestutztem Kinnbart und rabenschwarzem Haar, stand Niklas Höllgruber, der Herr vom Quellgrund, in der offenen Tür. Er war der unumschränkte Herrscher von Quellhofen. Drei Heilquellen, die allesamt auf seinem Grund lagen, hatten ihn dazu gemacht. Inzwischen war jeder, der hier wohnte, von ihm abhängig. Der Quellkönig – so nannte man ihn.
Die harte Stimme des reichen Großbauern fuhr wie ein eiskalter Wind in die gemütliche Runde.
»Lasst euch nicht stören, Leut'«, rief er den Dörflern zu. »Ich bin nur auf einen Sprung vorbeigekommen. – Bring mir einen Roten, Fuchsen-Wastl. Den besten, den du im Keller hast. Aber beeil dich! Ich werd' unwirsch, wenn ich warten muss.«
Der Wirt eilte fort, so rasch er konnte.
Polternd und schwankend erhob sich der Doktor.
»Ich geh'!«, verkündete er laut und vernehmlich. »Mir wird schlecht, wenn ich mit gewissen Leuten dieselbe Luft atmen muss.«
Der Quellhofer lachte höhnisch.
»Kannst dich ja kaum auf den Beinen halten, Dr. Florian Simrock«, lästerte er. »Fürwahr, du bist ein feiner Arzt.«
Mit steifen Knien und leicht schwankendem Oberkörper stolzierte der Arzt an ihm vorüber, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.
»Wenn du wieder nüchtern bist, Doktor, dann kannst du bei mir auf dem Quellhof mal reinschauen!«, rief ihm der Bauer lachend nach. »Mir geht's nicht besonders. Ich könnte ein paar von deinen Pillen brauchen.«
Drückendes Schweigen folgte dem Abgang des Arztes. Die gute Laune, die Niklas Höllgruber zur Schau getragen hatte, schwand von einer Sekunde zur anderen. Aus stahlgrauen stechenden Augen musterte er die Menschen.
»Damit's für alle Zeit klar ist und kein Gerede gibt im Dorf«, sagte er langsam, mit finsterem Gesicht und herrischer Stimme, »die Falle im Jännerwald hab ich aufstellen lassen. Es ist mein gutes Recht, denn der Wald gehört mir. Ich hasse streunende Hunde. Jedem, der auf sein Hundsviech nicht aufpasst, wird es genauso ergehen. Ist was dagegen einzuwenden, Bürgermeister?«
Der Bürgermeister bekam schmale Lippen, und seine Augenlider zuckten nervös. Lahm schüttelte er den Kopf.
»Ich – ich will nicht bestreiten, dass du im Recht bist, Quellhofer«, stammelte er unsicher. »Zwar ist's im Prinzip verboten, Fallen zu stellen, jedoch ...«
Mit einer Handbewegung schnitt ihm der Bauer das Wort ab. Seine Aufmerksamkeit wandte sich Kathi zu, die mit einem artigen Knicks den Wein vor ihn hinstellte.
»Wohl bekomm's, Quellhofer«, murmelte sie pflichtschuldigst.
Des Quellhofers Hand legte sich mit besitzergreifender Geste auf die schmale Hüfte des Mädchens.
»Sapperlot, Kathi, dich hab ich lang nimmer gesehen. Hast dich ja toll herausgemacht. Richtig fesch bist du geworden.«
Er spürte, wie das Mädchen unter seiner Berührung zusammenzuckte und von ihm wegstrebte. Das machte ihm Spaß. Der Herr vom Quellgrund betrachtete jede Frau, die sein Interesse erregte, als sein Eigentum. Das war schon immer so gewesen. Die Dörfler kannten es nicht anders.
»Magst du mit mir anstoßen, Kathi?«, fragte er amüsiert. »Komm ruhig näher, ich hab gern junges Blut um mich.«
Kathi schlug flammende Röte ins Gesicht, und sie tat einen deutlichen Schritt rückwärts.
»Ach so!«, lachte der Quellhofer dunkel. »Du bist ja böse mit mir wegen deinem Zamperl. Tja, das hast du dir nun selber zuzuschreiben, Dirndl, da kann ich dir auch nicht helfen. Gegen streunende Hunde muss ich was unternehmen.«
Ein flammender Blick aus Kathis hübschen Augen traf ihn.
»Mein Purzel hat nicht gestreunt!«
Ehe sie sich zu weiteren ausfälligen Reden hinreißen ließ, kam ihr der Vater zu Hilfe. Der Wirt schob sich einfach vor sie.
»Nix für ungut, Quellhofer«, sagte er eifrig. »Über den Hund wollen wir gar nimmer reden. Er war halt schon alt, aber das Dirndl hat arg an ihm gehangen. Sie wird drüber wegkommen.«
Der Quellhofer ließ ihn reden. Bedächtig trank er indessen seinen Wein. Dann stand er auf, langsam und mit einem aufreizenden Lächeln um die Lippen.
»Doch, Fuchsen-Wastl, über den Hund will ich noch reden. Allerdings mit der Kathi, nicht mit dir. Schick sie mir morgen nach Tisch mal vorbei.«
Entsetzt riss der Wirt die Augen auf.
»Aber das Dirndl ist gerade erst sechzehn.«
Der Quellhofer lachte spöttisch. »Und? Ich will sie doch nicht fressen. Reden will ich mit ihr. Hast es gehört – nur reden.«
»Morgen«, sagte der Wirt hastig. »Nix für ungut, Herr, aber grad' morgen ist die Kathi den ganzen Tag nicht daheim.«
In seinem Herzen beschloss er, die Tochter womöglich heute noch zu seiner Schwester zu schicken, wo sie eine Zeit lang bleiben sollte.
»Dann eben übermorgen«, bestimmte der Quellhofer schroff. »Oder irgendwann sonst. Servus miteinander – und viel Spaß noch!«
Obgleich die Gaststube voller Menschen war, hörte man jeden einzelnen Schritt, als er langsam hinausging.
Der Fuchsenwirt war kreidebleich im Gesicht, als er in die Küche kam.
»Das hast du nun davon, Kathi!«, herrschte er die Tochter an. »Musst du so einen Wirbel um den Purzel machen? Pack deine Sachen. Mit dem Frühzug fährst du zur Tante Hedi.«
»Nein!«, widersetzte sich Kathi mit blitzenden Augen. »Und zum Quellhof geh' ich auch nicht! Ich denk' gar nicht dran.«
»Kind!«, jammerte der Wirt und sank kraftlos auf einen Stuhl. »Willst du uns alle ins Unglück bringen?«
Kathi schleuderte die feuerrote Haarpracht nach hinten und reckte trotzig das Kinn vor.
»So weit ist's noch lange nicht, Vater. Wir werden ja sehen! Ein Herrgott ist der Niklas Höllgruber schließlich nicht.«
Ehe der Wirt antworten und den Disput fortsetzen konnte, betrat der Bürgermeister die Küche. Er hatte die letzten Worte mitbekommen und lächelte der Kathi bewundernd zu.
»So ist's recht, Dirndl. Einer muss sich mal wehren gegen den Quellkönig. Der betrachtet jedes gerade gewachsene Dirndl als sein natürliches Eigentum. Wo steht dein Telefon, Wastl? Ich mach' mir Sorgen um den Doktor und möcht' bei ihm anrufen. Die Barbi kann ihn doch abholen.«
»Richtig!«, fuhr der Fuchsenwirt auf und schlug sich vor die Stirn. »Die Barbi ist ja seit ein paar Tagen wieder daheim. Dass ich daran nicht gedacht hab. Geschwind, Bürgermeister, sag ihr, sie soll ihrem Vater entgegengehen, damit ihm nur ja nix passiert.«
Als der Bürgermeister nach ein paar Sätzen den Hörer wieder auf die Gabel legte, blieb er sinnend neben dem Telefon stehen.
»Die Barbi muss sich mächtig herausgemacht haben«, bemerkte er nachdenklich. »Kaum zu glauben, wie vernünftig und gewandt sich das Dirndl auszudrücken versteht! Wie viel ein paar Jahre doch ausmachen.«
***
Niklas Höllgruber hatte vor der Tür der Dorfwirtschaft noch einen kurzen Aufenthalt, der ihn verärgerte. Gegen die Hauswand gelehnt, stand ein blasser junger Mann. Mit hartem Schritt stolzierte der Quellhofer an ihm vorbei.
»Onkel!«, rief der junge Mann mit leiser Stimme.
Niklas Höllgruber wandte den Kopf. Im Licht der Hauslaterne betrachtete er den Burschen von Kopf bis Fuß.
