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Über dem einst so wohlhabenden Troll-Hof schwebt eine düstere Wolke der Sorge. Die treuen Knechte und Mägde bangen gemeinsam mit der jungen Bäuerin um ihre Heimat, doch niemand weiß einen Ausweg, und die Verzweiflung wächst mit jedem Tag. Da bringt Gerti eines Tages einen Fremden mit auf den Troll-Hof, den sie während eines furchtbaren Unwetters am Wildmoos-See gefunden hat. Seine bloße Anwesenheit scheint das Dunkel zu vertreiben: Gertis Augen leuchten, und ein zartes Lächeln umspielt ihre Lippen. Schon bald wird allen klar, dass die beiden sich ineinander verliebt haben. Doch kann es diesem rätselhaften Mann wirklich gelingen, das drohende Unheil in letzter Sekunde vom Troll-Hof abzuwenden?
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Seitenzahl: 103
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Inhalt
Der Fremde vom Wildmoos-See
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Impressum
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Er lässt Gerti endlich wieder hoffen
Von Kathi Bernried
Über dem einst so wohlhabenden Troll-Hof schwebt eine düstere Wolke der Sorge. Die treuen Knechte und Mägde bangen gemeinsam mit der jungen Bäuerin um ihre Heimat, doch niemand weiß einen Ausweg, und die Verzweiflung wächst mit jedem Tag.
Da bringt Gerti eines Tages einen Fremden mit auf den Troll-Hof, den sie während eines furchtbaren Unwetters am Wildmoos-See gefunden hat. Seine bloße Anwesenheit scheint das Dunkel zu vertreiben: Gertis Augen leuchten, und ein zartes Lächeln umspielt ihre Lippen. Schon bald wird allen klar, dass die beiden sich ineinander verliebt haben. Doch kann es diesem rätselhaften Mann wirklich gelingen, das drohende Unheil in letzter Sekunde vom Troll-Hof abzuwenden?
Einen größeren Gegensatz als das schlanke schöne Mädchen und diesen Mann gab es einfach nicht.
Für ein Mädchen war Gerti Baumer recht groß. Sie hatte ein rundes frisches Gesicht. Besonders fielen die roten Lippen und die ausdrucksvollen Augen an ihr auf. Außerdem besaß Gerti eine straffe Figur mit den richtigen Rundungen dort, wo sie bei einer Frau hingehören.
Der Mann war eine in jeder Beziehung unbedeutende Erscheinung. Wenn er, wie eben jetzt, neben Gerti Baumer stand, so reichte sein Kopf mit dem schütteren Haarkranz um die Spiegelglatze gerade bis zur Schulter des Mädchens. Seine gedrungene Figur erinnerte an eine Stopfwurst, und zu allem Überfluss schielte er auch noch heftig, wenn er so aufgeregt war wie jetzt.
»Ich versteh' schon, dass mein Antrag dich verwirrt und vielleicht überraschend kommt, Trolldirndl«, sagte er.
Gerti Baumer bekam eine Gänsehaut.
»Reden Sie net weiter, Herr Göllert. Der Antrag ehrt mich, aber es kann net sein.«
Rufus Göllert, Bankier aus Innsbruck, hatte sich Gerti in den Kopf gesetzt, und er war seit Jahren gewöhnt, dass er bekam, was er wollte. Auch auf dem Gebiet der Liebe.
»Ist's etwa wegen dem Förster vom Wildmoos-See, Gerti?« Der Bankier lachte dröhnend und schnaufte. »Wer wird denn solche Geschichten schon ernst nehmen, Gerti? Der Rentmeister-Franzl ist ein Hallodri, wie jeder hierzulande weiß. Geh zu, Gerti, wenn du erst keine Sorgen mehr hast und nimmer zu fragen brauchst, ob du dir dies oder das erlauben darfst, dann hast du so einen wie den Rentmeister schnell vergessen.«
Er wollte nach dem schlanken Mädchen greifen.
Gerti wich zurück, bis sie die Wand im Rücken spürte. Ihre Augen sprühten Funken.
Rufus Göllert gab seine Sache immer noch nicht verloren.
»Brauchst heut' weder Ja noch Nein zu sagen, Gerti. Überleg es dir. Ich sag's noch mal: Als meine Frau oder auch schon als meine Braut hast du keine Sorgen mehr. Es gibt dann so gut wie keinen Wunsch, der dir abgeschlagen wird. Sei klug. Ich bin in zwei Tagen wieder da und hol' mir deine Antwort.«
Ob Rufus Göllert in zwei Tagen oder in einer Woche oder erst nach Jahren erneut anfragte, die Antwort des Mädchens würde gleich ablehnend bleiben. Gerti Baumer wusste zu viel von diesem Mann, als dass sie ihn jemals hätte anziehend finden können. Von allem anderen abgesehen, war er auch viel zu alt für sie.
Rufus Göllert war als Geldverleiher im ganzen Inntal bekannt, um nicht zu sagen: verschrien. Er besaß eine teuflische Geschicklichkeit, Kleinbauern und Gewerbetreibenden seine Hilfe anzubieten, wenn sie in Schwierigkeiten kamen. Wehe dem, der Geld von ihm nahm. Die Zinsbedingungen waren so, dass er die Verpflichtungen nie wieder los wurde.
»Geldteufel«, so nannten ihn die Menschen nicht nur im Inntal.
Rufus Göllert gehörte zu den wenigen, denen es in den vergangenen Jahren gelungen war, ein Vermögen zu machen. Viele Kleinbauernhöfe und viele Häuser waren sein Eigentum.
»Gut«, sagte Gerti scheinbar nachgiebig. »Ich werde es bedenken. Sagen wir am kommenden Montag, dann haben Sie meine Antwort, Bankier Göllert.«
»Einverstanden. Auf Montag dann. Pfüat dich, Gerti.«
Das Mädchen würdigte den Bankier keiner Antwort mehr. Flink war es ans Fenster getreten. Ehe der Innsbrucker Bankier seinen Wagen bestieg, kreuzten die Knechte seinen Weg. Der Ignaz und der Hiesel, beide seit mehr als einem Jahrzehnt auf dem Trollhof, beide grimmig entschlossen, ihre Stellung zu halten.
Sie warfen dem Bankier giftige Blicke zu. Gerti sah das und presste beide Hände auf den Mund.
Gerti tat ihnen leid. Die Knechte kannten die Lage des Hofes genau. Da hatte dieses Mädchen nun bis auf einen kläglichen Rest alles verkauft, was der Stamm der landauf, landab bekannten Braunviehzucht des Trollhofes gewesen war, und dennoch tauchten immer neue Forderungen auf. Jeremias Baumers Leichtsinn erwies sich als ein Fass ohne Boden.
»Hat er dir wieder zugesetzt, Dirndl?«, erkundigten sich die beiden treuen Gesellen teilnahmsvoll.
Gerti seufzte. »Ich weiß net, wie es weitergehen soll«, gab sie niedergeschlagen zu.
Eine Magd, die in der Küche werkelte, hatte den Ignaz und den Hiesel gehört. Sie kam mit einem Krug Most, mit derbem, selbstgebackenem Brot und Räucherspeck.
»Werdet's hungrig sein, oder?«
Ignaz und Hiesel setzten sich zwar zu Tisch, doch sie bestanden darauf, dass auch die Magd und vor allem Gerti mithielten.
»Ohne Gesellschaft schmeckt's uns net.«
Es war ihnen darum zu tun, dass Gerti etwas aß.
Gerti fügte sich. Die Magd wurde rot, als sie sich neben die mädchenhafte Bäuerin setzte. Als müsse sie sich entschuldigen, sagte sie: »Vom Räucherspeck haben wir noch tüchtig was da.«
Die Knechte schnitten den Speck erst an, nachdem Gerti zugegriffen hatte.
»Mahlzeit!«, wünschte Ignaz laut und blinzelte dem Hiesel zu. »Mit dem Trollhof wird es wieder aufwärts gehen, so wahr es Speck und Brot ist, den ich da unterm Messer hab. Mag's auch noch so lang dauern, Gerti. Solang du Leut' hast wie den alten Rik in der Leutasch und auch uns zwei, brauchst du net zu verzweifeln.«
Gerti fand, dass es keinen Sinn hatte, die Knechte und die Magd über die verzweifelte Lage des Hofes im Unklaren zu lassen.
»Wenn sich wer von euch um einen anderen Dienst bemühen möcht', ich steh' keinem im Weg«, erklärte sie leise.
Da donnerte die Faust des Hiesel schwer auf den Tisch.
»Kannst du dir vorstellen, Ignaz, dass einer von uns dem Trollhof den Rücken kehrt?«
»Nein. Tät's auch keinem raten, das zu verlangen. Solange wir zwei noch beieinander sind, Hiesel. Red so was nie wieder, Gerti. Was ich sagen wollt', wie steht es eigentlich mit dem Scheunenbau?«
Irgendwann hatte Gerti verlauten lassen, dass sie zwei massive Trockenscheunen zu Gästehäusern umbauen wollte.
Sie wich aus und schlug erneut die Augen nieder.
»Ich weiß noch net, wie ich es hinbringen soll.«
Sie brachte es einfach nicht über das Herz, den Leuten die ganze Wahrheit zu sagen.
Natürlich war es ein Geschäft, an Sommer- und Wintergäste zu vermieten. Aber dann mussten die Zimmer auch entsprechend eingerichtet sein. Die Sache war aussichtlos, solange es keinen Weg gab, in Eigenarbeit wesentliche Teile der Kosten aufzufangen.
Woher aber sollte sie jemanden nehmen, der genug vom Bauhandwerk verstand, um so einen Umbau fachgerecht durchzuführen?
Ignaz und Hiesel waren Experten auf dem Gebiet der Vieh- und Schweinezucht. Der alte Rik, der mit der Restherde des Trollhofes durch die Leutasch zog, war Sachverständiger für die Schafzucht.
Gerti sagte plötzlich: »Ich steig' am Sonntag auf die Hohe Munde, Leut'. Hinterher geh' ich beim alten Rik vorbei und seh' zu, ob da noch was lockerzumachen ist.«
Hiesel runzelte die Stirn. »Nimm dem Rik aber, um Himmels willen, net auch noch den letzten guten Zuchtbock weg, Gerti«, mahnte er.
***
Wolken zogen in ganz kurzer Zeit vom Inntal zum Staffelsee.
In Murnau, in den gediegenen und vornehmen Häusern unmittelbar am Staffelsee, hatten die Menschen auch ihre Sorgen. Einer der Bungalowbesitzer befand sich in einer Situation, die haargenau der Lage Gerti Baumers vom Trollhof ähnelte.
»Hannes Strahlmann, Architekt BDA«, stand auf dem Messingschild am Tor des größten Bungalows.
Ein schwerer Wagen mit einer Innsbrucker Nummer hielt vor dem Anwesen. Ein diskreter Gong ertönte, als der massige Mann im Trachtenanzug die Klingel drückte.
Der Wind strich vom See gegen das Land und kämmte die alten Birken am Ufer.
Der Mann schickte sich an, den Jägerzaun zu überklettern. Gerade hatte er ein Bein drüber, da belferte ein zottiges dunkelbraunes Etwas blitzschnell heran. Ein heftiges zorniges Knurren, ein festes Zuschnappen weißer starker Hundezähne, und das Hosenbein des Mannes jenseits des Zaunes war bis zum Knie zerrissen.
»Sauvieh!«, kreischte der dicke Mann und strebte zurück über den Zaun. Dabei ließ es sich nicht vermeiden, dass er dem vierbeinigen Grundstückswächter das Hinterteil zuwandte. Für Sekunden nur, aber das genügte dem Hund, um erneut zuzuschnappen. Ein Biss und ein Ruck. Dem dicken Mann wurde von hinten reichlich kühl.
Da mischte sich vom Nachbargrundstück her eine Frauenstimme ein: »Jerry, komm her! Bist ein lieber Hund! Brav!«
Der Hund gehörte einer schlanken adretten Frau. Sie riet dem dicken Mann: »Ziehen Sie sich erst um. Sie sehen ja aus – meiner Seel', da kann man doch unmöglich ernst bleiben. Hoffentlich haben Sie einen Ausweis dabei, sonst sperrt Sie der nächste Polizist ein. Wie kommt der Herr Strahlmann nur zu so sonderbaren Bekanntschaften?«
Der Dicke hatte endgültig den Rückzug angetreten. Ihm dämmerte wahrscheinlich, dass er sich für seinen Besuch den denkbar ungünstigsten Tag ausgesucht hatte.
»Unverantwortlich, einen so gefährlichen Hund frei herumlaufen zu lassen«, schimpte er lautstark.
»Auf allen Grundstücken stehen Schilder, in denen vor dem Hund gewarnt wird. Wir haben überall Hunde.«
Wie um die Behauptung zu bestätigen, flitzte ein mittelgroßer Schnauzer heran. Pfeffersalzfarbig und von rabiaten Absichten getrieben. Der Dicke erreichte nur knapp vor dem Schnauzer seinen Wagen.
Der Schnauzer wurde von seinen Besitzern zurückgepfiffen und gehorchte.
Neufundländer Jerry stelzte dem kleinen Bootshaus zu und ging hinein. Ein Mann war dabei, das im Schuppen liegende Boot zu putzen. Er streichelte den Hund, der sich an ihn drängte, und lobte das Tier leise.
»Brav gemacht, Jerry. Aber das nutzt net viel, mein Lieber, denn nach dem Dicken werden andere kommen. Und ich kann bei keinem das tun, was ich am liebsten möchte. Ihnen bezahlen, was ich schuldig bin, und sie dann hinauswerfen. Es hat keinen Sinn, sich was vorzumachen, Jerry, ich bin finanziell am Ende.«
Der Mann sah gut aus. Er war groß und hatte braune Augen.
»Net mehr lange mehr und ich mache Schluss, Jerry. Die Karina wird gut zu dir sein. Ich hab alles geregelt.«
Woran er nie geglaubt hatte, war jetzt eingetroffen. Seine Barmittel gingen bedrohlich dem Ende zu.
Welche Pläne hatte er gehabt! Er hatte nicht irgendein Architekt werden wollen, sondern der Architekt schlechthin. Seine ersten Arbeiten waren Erfolge gewesen, groß genug, dass alle Kollegen ihn beneideten.
Da war die glänzend florierende Brauerei in Weilheim, die der Urgroßvater gegründet hatte, da war die Kette von Gasthäusern, Hotels und Restaurants, welche Hannes Strahlmanns Vorfahren in mühsam harter Arbeit unter ihre Kontrolle gebracht hatten.
Nichts wäre schiefgegangen, alles wäre gelungen, hätte der junge Architekt es verstanden, den Versuchungen des Lebens auszuweichen. Doch er suchte die schönen Frauen und Mädchen, die für ihre Gesellschaft und für ihre Gunst nichts anderes verlangten als die Erfüllung »kleiner« Wünsche.
Nach den ersten Schwierigkeiten auf dem Baumarkt stopfte er ein Loch, indem er neue Schulden aufriss. Die solide ererbte Brauerei brachte er an den Rand des Ruins, indem er seinen wechselnden Freundinnen ihre kapriziösen Wünsche erfüllte.
Vor Monaten schon hatte er die nahende Katastrophe kommen sehen und die letzten Reste seines Vermögens und seines Kredits zusammengekratzt, um eine hohe Lebensversicherung zugunsten seiner Schwester Karina abzuschließen.
In drei Tagen würde er zum Segelflughafen gehen und mit dem schon bestellten Flugzeug aufsteigen ...
Das Testament war aufgesetzt. Nur die letzten Anweisungen für Karina mussten noch geschrieben werden.
Er hinterließ der Schwester genaue Pläne. Seine Verbindlichkeiten und Schulden mussten bis zum letzten Cent beglichen werden. Niemand sollte ernsthaft behaupten können, ein Strahlmann habe ihn geschädigt.
Karina würde genügend Geld besitzen, um die unbelastete Brauerei wieder voll anlaufen zu lassen. Bestimmt fand sie nach einiger Zeit einen guten Mann.
Karina war vorhin erst ins Wochenende aufgebrochen. Hannes Strahlmann hatte sich ganz normal von der ahnungslosen Schwester verabschiedet. Sie würde das Wochenende bei Freunden im Rupertiwinkel verbringen.
Hannes Strahlmann blieb im Bootshaus, bis es dunkel wurde. Dann erst ging er mit Jerry ins Haus.
Der Neufundländer bekam eine besonders große Portion Milch.
Hannes Strahlmann setzte sich an den Schreibtisch. Flink glitt der Stift über das Papier. Bogen um Bogen wurde gefüllt.
***
Bimbam!
Das war der Hausgong. Hannes Strahlmann löschte das Licht. Jemand musste am Tor sein.
Wieder schlug der Gong an. Dreimal hintereinander.
