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Ein gutes Werk wollte der Ferchenhof-Bauer tun, als er die blutjunge Waise Lena Brandner auf seinen Hof holte - und ahnte nicht, dass wenige Jahre später des Dirndls wegen seine Familie fast auseinanderbrechen sollte. Da war die Lena nämlich zu einem bildhübschen Geschöpf herangewachsen, das mit atemberaubender Schönheit und liebenswertem Wesen die beiden Söhne des Ferchenhofers bezauberte.
Toni, dem jüngeren der Brüder, ging es darum, ein bisschen Spaß mit der Lena zu haben, denn er war ein rechter Hallodri. Doch der ernste, ein wenig schwermütige Bastian wollte Lena gar heiraten. Eine arme Häuslerstochter als Bäuerin auf dem Ferchenhof? Das erschien dem alten Bauern undenkbar! Also beschloss er, seinen Söhnen die Gedanken an die schöne Lena schleunigst auszutreiben ...
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Seitenzahl: 117
Veröffentlichungsjahr: 2022
Cover
Im Schatten alter Schuld
Vorschau
Impressum
Im Schatten alter Schuld
Das Geheimnis der schwarzen Lena
Von Kathi Bernried
Es ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Wieder einmal kennt ihr zu Gewalt neigender Mann kein Erbarmen. Wie von Sinnen schlägt der reiche Eschenhofer auf den armen Knecht, den erst fünfzehnjährigen Pepi, ein, den er bei einer kleinen Nachlässigkeit erwischt hat. Als die hochschwangere Eschenhoferin die Schreie des Buben hört, hält sie es nicht mehr aus und verlässt kurz entschlossen den Hof.
Mit fieberheißer Stirn irrt sie durch die eisige Nacht und bricht schließlich vor einem einsam gelegenen Waldhäuschen zusammen. Sepp Brandner hört die Hilferufe und bringt die Hochschwangere ins Haus. Und in dieser Nacht erblickt ein allerliebstes Madel das Licht der Welt.
»Behaltet das Kind bei euch«, fleht die Eschenhoferin das Häuslerehepaar im Sterben an. »Mein Mann hat kein Herz.«
Von der Schüssel mit Wellfleisch und Kraut ging ein verführerischer Duft aus. Kein Zweifel, die junge Bäuerin vom Eschenhof verstand zu kochen.
»Magst du dir net auftun, Lisei?«, fragte der Eschenhofbauer mit dunkler Stimme und schaute mit deutlichem Vorwurf auf den leeren Teller der Bäuerin.
»Ich esse nix, solange der Pepi net bei Tisch ist«, erwiderte die Eschenhoferin mit gesenktem Blick und gedämpfter Stimme.
Das Gesicht des Bauern wurde zornrot.
»Da kannst du lang warten. Der Malefizbub schafft im Stall, wie ich es ihm angeschafft hab.«
Die Eschenhoferin schwieg. Wenigstens hier vor dem Gesinde. Später, als sie mit dem Bauern im Wohnzimmer saß und er die Feierabendpfeife in Gang brachte, fing sie erneut von dem leidigen Thema an.
»Ich find's net richtig von dir, dass du den Pepi in der Kälte schaffen lässt, wenn längst schon Feierabend ist. Was hat er getan, dass du ihn so hart strafen musst?«
Der Bauer zog zornig an seiner Pfeife.
»Faul ist er gewesen und widerborstig«, erklärte er.
»Er ist doch noch ein Kind, der Pepi. Kaum fünfzehn Jahre alt. In dem Alter träumt halt jeder mal gern in die frische Winterluft hinein. Hast du dafür denn gar kein Verständnis, Florian?«
»Nein!«, antwortete Florian Fürst hart. »Faulsein gibt's bei mir net, und vom Träumen ist der Eschenhof net groß geworden.«
Die Eschenhoferin stand auf. In ein paar Wochen, so um die Weihnachtszeit, erwartete sie ihr erstes Kind.
Der Bauer hüllte sich in dichte Rauchwolken.
»Junge Leute müssen hart hergenommen werden, sonst wird nix aus ihnen. Ein Glück, dass auf dem Eschenhof ich regiere und net du. Wenn es nach dir ging, dann täte hier keiner die Peitsche spüren. Trägt es dir was ein, dass du hungrig bist?«
Meistens war die Eschenhoferin geduldig und nachgiebig. Heute nicht.
»Die Peitsche spüren ... Wirst du auch so denken, wenn unser Kind da ist? Soll der Jungbauer vom Eschenhof genauso gehalten werden wie das Gesinde? Pflicht und Arbeit bis zum Umfallen und Strafe für jeden unnützen Gedanken? Hast du das im Sinn, Florian?«
»Akkurat!«, bestätigte der Bauer und gönnte seiner Frau nicht einen einzigen versöhnlichen Blick.
»Ohne mich«, erwiderte die Bäuerin entschlossen und ging hinaus.
Sie ging in die große Küche, wo die Wirtschafterin gerade die Herdplatten putzte.
»Hast du noch Fleisch im Kessel, Marie?«
Die Bäuerin schöpfte eine irdene Schüssel randvoll mit saftigem Kraut und tat ein ordentliches Stück Fleisch obendrauf. Das trug sie hinaus in den Stall, wo der Pepi fleißig schaffte.
»Hier, iss das, wenn du fertig bist, Pepi«, sagte sie und stellte die dampfende Schüssel auf einen Balken.
Pepi machte kugelrunde Augen und zog erschrocken die Nase hoch.
»Wie ... was ... warum, Bäuerin?«
»Hast du am End keinen Hunger? Wir sind mit dem Nachtmahl schon fertig.«
Die Eschenhoferin ging hinaus. Auf dem Hof pfiff ein eisiger Wind, der ihr die Kälte bis ins Innerste trieb. Sie lief, so schnell sie konnte, über den Hof, suchte sofort ihre Kammer auf und schlüpfte ohne weitere Vorbereitungen ins Bett.
Herrgott, was ist nur los mit mir?, dachte sie zitternd. Ihre Zähne schlugen aufeinander, und doch war ihr Kopf heiß wie Feuer. Die Hände, mit denen sie sich über die Stirn wischte, waren nass. Seit dem frühen Morgen schon war alles anders als sonst. Ob sie am Ende Fieber hatte?
Gerade begann sie einzuschlafen, da ging auf dem Hof der Tanz los. Mit hoher Kinderstimme kreischte der Pepi, Scherben klirrten. Und dann hörte man nur noch die tiefe Stimme des Eschenhofbauern.
»Dir werde ich helfen, du Falott! Hast du schon vergessen, wie eine tüchtige Tracht Prügel schmeckt, he? Warte, ich bläu dir's in die Haut, dass es für die nächsten drei Jahre reicht ...«
Die Eschenhoferin hielt sich die Ohren zu. Sie kannte das sausende Geräusch. Es stammte von dem breiten Ledergürtel, den der Bauer dem Pepi aufs Fell tanzen ließ.
Als der Bauer nach dem Strafgericht in die Schlafkammer kam, zog sich die Bäuerin gerade mit fliegenden Händen an.
»Wo willst du hin? Es kommt Sturm auf.« Ruhig löste der Bauer seine Schuhbänder. Auf der Bettkante sitzend, beobachtete er seine Frau. »He, du! Ich frag dich, wo du hinwillst.«
»Fort! Nur fort von hier!«, rief sie zurück in die dämmrige Kammer. »Ich halt es nimmer aus mit dir.«
Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss.
***
Von den Bergen herab wehte ein eiskalter Wind. Zwischen Unterrieth und Oberrieth erloschen die letzten Lichter.
Weitab von beiden Orten, in einem stillen Waldwinkel, brannte ein letztes Licht.
Genau darauf hastete die Eschenhofbäuerin mit letzter Kraft zu. Ob sie das Haus noch erreichte? Sie hatte kaum noch Kraft.
Das kleine Häuschen im Waldwinkel gehörte dem Häuslerehepaar Sepp und Eva Brandner.
Sepp Brandner schob den hübschen Vorhang beiseite, der das breite Holzbett von der gemütlichen Wohnküche trennte.
»Ich hab dir eine heiße Suppe gemacht, Eva. Trink, es wird dir guttun.«
Eva Brandner setzte sich im Bett auf. Sie war eine blutjunge, hübsche Frau, die aussah wie das blühende Leben. Kein Mensch würde glauben, dass sie erst vor wenigen Stunden eine Fehlgeburt erlitten hatte.
»Ich danke dir, Seppei«, sagte sie. »Magst du dich ein wenig zu mir setzen?«
»Gleich, Everl. Ich will nur rasch einen Scheit Holz nachlegen, damit ...« Er stockte.
»Damit ... Sag's nur, Sepp. Sprich's aus! Damit das Kind net kalt wird. Ist es net schon lang eiskalt?«
Sepp Brandner nahm ihr die Tasse ab, stellte sie auf den Tisch und ergriff ihre beiden Hände.
»Ja, Eva, du hast ja recht. Gleich morgen mache ich einen hübschen Holzsarg, und danach geht das Leben halt weiter. Du hast eh gewusst, dass es net gut gehen kann. Oder?«
Eva Brandner nickte. Sie war die einzige Hebamme im Ort und hatte schon vielen Kindern in Unter- und Oberrieth zum Leben verholfen. Sie wusste es immer von Anfang an, ob eine Geburt gut ging oder nicht. Sie hatte es auch bei sich selber gewusst.
»Du bist ja noch so jung, Eva«, tröstete der Brandner-Sepp sie und tätschelte ihre Hand. »Du wirst es überwinden. Sag, war da net was? Mir war, als hätte ich ein Geräusch gehört. Ich geh mal nachschauen.«
Der Wind riss ihm die Tür beinahe aus der Hand. Mit Kälte und Dunkelheit kam auch ein Laut ins Zimmer, der nicht zur Winternacht gehörte.
»Ist da wer?«
Er hörte nur ein leises Stöhnen.
Mit wenigen Schritten war Sepp Brandner bei dem dunklen Fleck, der sich deutlich von den harschigen Schneeresten jenseits des Weges abzeichnete. Er beugte sich über die Gestalt.
»Herrschaftszeiten, das ist doch ...«
Er hielt sich nicht lange beim Wundern auf. Der Häusler-Sepp war ein Mann der Tat. Er bückte sich, hob die Frau auf, die dort halb erfroren lag und zu ihrem Glück noch genügend Kraft besaß, um Worte zu formen. Er trug sie ins Haus.
»Schau, wen ich bringe, Eva. Ich fürchte fast, jetzt musst du doch aufstehen und helfen. Meinst du, dass du das kannst?«
Eva Brandner war bereits aus dem Bett und zog das Laken glatt.
»Leg sie hierhin. Herrgott, das ist ja die Eschenhofbäuerin! Leg Holz nach! Beeil dich, Sepp! Ich brauche kochendes Wasser. Du lieber Gott, wenn das nur gut geht!«
***
Niemand in dem kleinen Häuschen des Brandners vermochte später zu sagen, wie diese Nacht jemals zu Ende gegangen war.
Eine blasse Morgensonne blinzelte durch die Scheiben, als es endlich hell geworden war.
Eva Brandner saß am Bett der Eschenhofbäuerin und betrachtete voller Sorge das leichenblasse Gesicht.
»Wenn sie nur erst aufwachen tät«, wünschte sie inbrünstig. »Was meinst du, Seppei, ob wir den Eschenhofer rufen müssen?«
Sepp Brandner warf einen Blick durchs Fenster.
»Ich könnte die Bretter nehmen, dann hätte ich es in zwanzig Minuten geschafft. Willst du, dass ich fahre?«
Als hätte die Frage die letzten Kräfte der Eschenhofbäuerin mobil gemacht, schlug sie die Augen auf.
»Nein«, flüsterte sie kaum hörbar. »Ich will net, dass er es erfährt ... Was ... was ist es? Ein Bub?«
Eva beugte sich über die Frau und tupfte ihre Stirn trocken.
»Ein Madel ist's, Eschenhofbäuerin. Ein gesundes, hübsches Madel. Der Bauer wird sich freuen.«
Jäh richtete sich die Frau auf, doch sie fiel sofort wieder in die Kissen zurück.
»Hör zu, Eva. Willst du einer Sterbenden einen letzten Wunsch erfüllen?«
»Geh zu, red net so, Bäuerin!«
Der Blick der fieberheißen Augen wurde seltsam eindringlich. Die Stimme war kaum noch zu hören.
»Für lange Reden bleibt mir net genug Zeit, Eva. Ich spüre, dass es ans Abschiednehmen geht. Du weißt, was für ein harter Mann der Eschenhofer ist. Das Kind bei ihm allein zurückzulassen, noch dazu ein Madel, das bringe ich net fertig. Vielleicht hat es so ein weiches Herz wie ich und braucht auch so viel Liebe wie ich. Es hat keine Mutter, das arme Ding, und der Vater kennt nur die Strenge.«
»Aber ...«, wollte Eva die Eschenhoferin unterbrechen, doch diese fuhr unbeirrt fort.
»Um Gottes Barmherzigkeit willen, Eva, behalte das Kind. Halt es bei dir in Winkelrieth und mache einen fröhlichen Menschen aus ihm. In alle Ewigkeit will ich es dir danken. Kannst ... willst du das für mich tun? Es ist doch noch die einzige Liebe, die ich meinem Kind antun kann. Armes Hascherl, liebes Hascherl! Zeig mir's. Ich möchte es ein einziges Mal im Arm spüren.«
Eva Brandner war die Kehle wie zugeschnürt. Sie war kaum noch imstande, das Kind aus dem einfachen Waschkorb zu heben, in den sie es gelegt hatte. Behutsam legte sie es dann der sterbenden Bäuerin in den Arm.
»Ich ... ich glaub, es schaut aus wie du, Eschenhoferin«, stammelte Eva.
Die Bäuerin ließ ihre Wange gegen den Kopf des Säuglings sinken. Ein Ausdruck großer Seligkeit breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Eva Brandner wurden die Augen trüb vor Rührung. Versunken stand sie am Bett, bis sie die Hand ihres Mannes auf der Schulter spürte.
»Ich glaube, sie ist tot. Gott hab sie selig.«
So geschah es, dass die kleine Tochter der armen Eschenhofbäuerin bei den Brandnerleuten blieb.
***
Vom Eschenhofbauern Florian Fürst erfuhr kein Mensch jemals, wie sehr er litt, weil die Lisei in jener Unglücksnacht im Zorn von ihm gegangen war. Dass er mit der Bäuerin auch sein Kind begraben musste, machte sein Herz noch verschlossener. Mit trockenen Augen und unbewegtem Gesicht ertrug er alles, was das Schicksal ihm auferlegte.
Viele Jahre blieb er allein. Die Hofarbeit war sein einziger Lebensinhalt. Bis eines Tages die Kräuter-Lene zu ihm in die Wohnstube kam, ohne dass jemand sie eingewiesen oder sie angemeldet hätte.
»Grüß dich, Eschenhofer«, wünschte die Lene und strich sich die zotteligen Haare aus dem Gesicht. »Hast du einen Moment Zeit, mir zuzuhören?«
Florian Fürst unterbrach seine Eintragungen nicht. Er forderte sie auch nicht zum Sitzen auf.
»Ich hab schon gemerkt, dass du in letzter Zeit allweil hier herumstreichst. Alsdann, was hast du auf dem Herzen?«
»Es geht um deinen Hof«, begann sie auch gleich mit dem einzigen Thema, über das der Eschenhofer zu sprechen bereit war.
Prompt legte Florian Fürst den Schreibstift nieder und rückte den Stuhl zurück.
»Um meinen Hof? Ich wüsste net, was meine Hofgeschäfte dich angehen.«
»Da hast du fei recht, Bauer«, bestätigte Lene. »Die Geschäfte gehen mich nix an und interessieren mich auch net. Es ist das Menschliche, wofür ich zuständig bin. Da fehlt es bei dir, im Menschlichen.«
Auf der breiten Stirn des Bauern begann eine Ader anzuschwellen.
»Schau, Eschenhofer, du weißt doch selbst, dass ein Hof, so groß wie der deine, net nur Gesinde, sondern vor allem eine tüchtige Bäuerin braucht. Und ich hätte da eine, die tät haarscharf zu dir passen. Resch ist sie und tüchtig. Und sie hat ein Leid hinter sich, genau wie du. Sie hat ihren Mann verloren und hockt mit einem süßen Madel allein auf einem Kotten, der nix abwirft.«
Immer noch schwieg der Bauer, und das war für Lene ein Zeichen, dass er zuhörte. Und so fuhr sie eifrig fort.
»Die Mirl ist's vom Kramerlehen. Die fordert keine Liebe, das weiß ich gewiss, und gegen das strenge, wortkarge Leben auf deinem Hof hat sie auch nix einzuwenden. Sie ist das Alleinsein gewohnt, die Mirl. Was denkst du, Bauer, soll ich sie einmal herbringen, die Mirl? Reden könntest doch mit ihr, das verpflichtet zu nix.«
»Hm«, machte der Eschenhofer, und das war mehr als ein Zugeständnis.
»Alsdann, am kommenden Sonntag bringe ich sie her, und das Madel, die kleine Rosi, bringe ich gleich mit. Abgemacht, Bauer?«
Mit der Mirl vom Kramerlehen tat der Eschenhofbauer einen guten Griff. Gleich nach dem ersten Besuch stellte er fest, dass er die Mirl gut um sich haben konnte. Sie war zurückhaltend, stellte keine Ansprüche an sein Gefühlsleben und verstand vom Wirtschaften eine ganze Menge. An einem Sonntagvormittag trat Florian im besten Sonntagsstaat in die Küche.
»Ich hätte gern, dass du dich anziehst und mit mir in die Kirche gehst.«
»Warum?«, fragte Mirl mit unbewegtem Gesicht. »Ich hab nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich den Kirchgang am Sonntag scheue, seit sie mir meinen Mann an einem Sonntag vom Berg geholt und in Unterrieth ins Pfarrhaus gebracht haben.«
Florian Fürst schaute an der Frau vorbei, denn er musste feststellen, dass ihre ruhige, selbstbewusste Art ihn verlegen machte, und das gefiel ihm nicht.
»Der Kirchgang ist net das Wichtigste.«
»Nein? Und was ist das Wichtigste?«
Der Bauer seufzte. Ihm blieb auch nichts erspart! Unbeholfen kam er einen Schritt näher.
