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Im Gasthaus zu Ilmenried geht es an diesem Abend hoch her. Gemeinsam mit dem Bürgermeister und dem Förster diskutieren die Bauern darüber, wie man endlich den gewissenlosen Wilderer stellen kann, der seit ein paar Monaten im Revier sein Unwesen treibt. Keiner von ihnen ahnt, dass der gesuchte Mann mit harmloser Miene mitten unter ihnen sitzt und sich heimlich ins Fäustchen lacht. Niemand wird ihn erwischen, denn er ist allen überlegen!
Während im Gasthaus die Diskussion noch stundenlang weitergeht, sitzt im Försterhaus ein bildhübsches Madl und fragt sich verzweifelt, wie lange es die Wahrheit noch verschweigen darf. Denn Bärbel kennt den Wilddieb - aber sie liebt ihn auch ...
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Seitenzahl: 112
Veröffentlichungsjahr: 2022
Cover
Die verbotene Jagd
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Impressum
Die verbotene Jagd
Ein Bursch und seine unselige Leidenschaft
Von Kathi Bernried
Im Gasthaus zu Ilmenried geht es an diesem Abend hoch her. Gemeinsam mit dem Bürgermeister und dem Förster diskutieren die Bauern darüber, wie man endlich den gewissenlosen Wilderer stellen kann, der seit ein paar Monaten im Revier sein Unwesen treibt. Keiner von ihnen ahnt, dass der gesuchte Mann mit harmloser Miene mitten unter ihnen sitzt und sich heimlich ins Fäustchen lacht. Niemand wird ihn erwischen, denn er ist allen überlegen!
Während im Gasthaus die Diskussion noch stundenlang weitergeht, sitzt im Försterhaus ein bildhübsches Madl und fragt sich verzweifelt, wie lange es die Wahrheit noch verschweigen darf. Denn Bärbel kennt den Wilddieb – aber sie liebt ihn auch ...
»Na, Bub, wie hat dir die erste Mahlzeit daheim geschmeckt?«, fragte die Haber-Marie ihren einzigen Sohn.
»Gut, Mutterl«, antwortete er mit einem strahlenden Lächeln. »Viel besser als in der Kaserne.«
Mit gerunzelter Stirn lauschte der Bauer, dann brummte er: »Verwöhn mir den Burschen net so sehr, Marie, sonst bildet er sich am Ende gar ein, er könnt' sich jetzt auf die Bärenhaut legen. Dabei beginnt jetzt erst wirklich der Ernst des Lebens für ihn.«
Der Matthias wandte sich zum Vater um. »Was meinst du denn damit?«
»Darüber reden wir am besten drüben in der Wohnstube«, schlug der Bauer vor.
Die Bäuerin schaute besorgt vom Mann zum Sohn und wieder zurück. Würde das Gespräch, das der Benedikt mit dem Matthias führen wollte, friedlich ausgehen?
Sie waren sehr verschieden, die beiden, der Bauer hart, gefühlsarm und despotisch, der Sohn weich, anschmiegsam und leicht verletzlich. Die Haber-Marie wusste, dass der Matthias sich während seiner ganzen Kindheit vor dem robusten Vater gefürchtet hatte.
Die Bäuerin trat ans Fenster und schaute hinaus.
Ihr Blick fiel auf den Luger, den Hausberg vom Ilmenried, der gleich hinter dem Dorf zum Himmel emporragte. Sie faltete die Hände und seufzte.
***
In der Wohnstube drüben hatte der Bauer sich auf die Ofenbank gesetzt.
»Ich möcht' verhindern, dass du gleich wieder in den Wald läufst, Matthias, um das Dirndl zu besuchen, die Bärbel. Mehr als einmal hab ich dir schon gesagt, dass du dir die Försterstochter aus dem Kopf schlagen musst.«
»Was hast du nur gegen die Bärbel, Vater?«
»Gegen das Madl selber hab ich nix. Es kommt nur net infrage, dass der Hoferbe eine Braut heimführt, die nix mit in die Ehe bringt. Der Förster hat nur sein Amt, sein gutes Gehalt und später die Pension. Kapital besitzt er net. Und Grund und Boden nennt er ebenfalls net sein eigen. Seine Tochter hat also nix aufzuweisen als ihr hübsches Gesicht, ihren guten Charakter und ihren Fleiß. Das ist mir zu wenig für die künftige Haber-Bäuerin. Und darum muss es aufhören. Verstanden?«
»Ja, Vater.«
Der Bauer gab sich mit dieser Antwort zufrieden und bemerkte nur noch mit ziemlichem Nachdruck: »Es hat keinen Zweck, wenn du dich weiter mit der Förstertochter triffst, denn die Braut, die ich für dich bestimmt hab, wird uns bereits am nächsten Sonntag besuchen.«
»Meinst du net, Vater, dass ich da auch noch ein Wörtl mitzureden hab?«, wagte Matthias einzuwenden.
»Gar nix hast du zu tun, als ruhig zu sein und zu gehorchen!«, fuhr der Vater ihn an.
Die Heftigkeit, mit der sein Vater reagierte, mahnte Matthias zur Vorsicht.
»Du brauchst net so mit mir zu reden, Vater«, sagte er. »Ich werd' höflich und freundlich sein zu meiner zukünftigen Braut, wenn sie kommt. Wie heißt sie denn? Das muss ich doch wenigstens wissen.«
»Fanny heißt sie, und sie ist die Tochter vom Gröblinger-Bauern aus Grünau. Ich kenn' den Gröblinger-Justus seit zwanzig Jahren. Er hat nur dieses Kind, und seine Frau und er sind stets sehr sparsam gewesen. Wer die Fanny kriegt, der kann sich freuen.«
»So, so, und am nächsten Sonntag wird sie also kommen?«, vergewisserte sich Matthias.
»Jawohl, am Sonntag. Richte dich danach! Du musst dem Dirndl schöntun und es ein wenig herumführen. Ich will, dass die Fanny einen guten Eindruck von uns mitnimmt.«
»Ich werd' schon dafür sorgen, dass sie begeistert ist«, versprach Matthias.
***
Die hübsche Förstertochter wusste natürlich längst, dass ihr Jugendfreund wieder heimgekehrt war ins Dorf. Jeder, den sie sah, hatte es ihr zugetragen, und außerdem hatte sie eine kurze Nachricht von Matthias aufs Handy bekommen, die dieser noch aus der Kaserne abgeschickt hatte.
In drei Tagen bin ich daheim, hatte in der SMS gestanden. Und am Freitag werd' ich nach dem Mittagessen zu unserem Platzl im Wald kommen.
Auf dem Weg zu diesem Treffpunkt war die Bärbel jetzt.
Sie freute sich auf das Wiedersehen mit Matthias. Seit dem Erhalt seiner Nachricht hatte sie die Stunden bis zu diesem Freitagmittag gezählt.
Schon in der Schule hatte Bärbel den Matthias gern gemocht. Wenn alle Kinder miteinander »Räuber und Gendarm« spielten, dann war die Bärbel stets die Prinzessin gewesen, die der böse Räuber Matthias raubte und versteckte.
Bärbels Herz klopfte schneller, wenn sie an seine dunklen Augen dachte und an das braune Haar, das ihm stets so eigenwillig in die Stirn fiel. Groß und schlank war er, mit breiten Schultern und schmalen Hüften. Seine kräftigen Hände konnten ebenso zart streicheln wie fest zupacken. Und dass er zu küssen verstand, wusste die Bärbel nur allzu gut.
Sie war also bis über beide Ohren in den Matthias verliebt, und obwohl sie wusste, dass der Bauer sie als Schwiegertochter nicht haben wollte, konnte sie der Versuchung nicht widerstehen, mit diesem hübschen, anschmiegsamen Burschen zusammen zu sein. Die anderen Mannsbilder im Dorf waren fast alle rau und grob, und für die Bärbel, die ihr Leben in dem einsam gelegenen Forsthaus zubringen musste, bestand wenig Aussicht, jemals andere Bekanntschaften zu machen.
Der Treffpunkt, zu dem die Bärbel jetzt eilte, war der Ilmenweiher, ein kleiner Teich im Wald. Hier gab es einen flachen Erdhügel, der ganz mit Moos bewachsen war und zum bequemen Sitzen einlud.
Von diesem Hügel erhob sich jetzt der Matthias, denn er hatte dort schon wartend gesessen.
Mit einem Jubellaut eilte sie in seine Arme und ließ sich fest davon umschließen.
»Ich freu' mich, Bärbel, dass ich dich wiederseh'«, sagte er.
»Und ich erst, Matthias! Ich bin narrisch vor Freud'.«
Dann sprachen sie nicht weiter, denn sie hatten genug mit dem Küssen zu tun.
»Du hast mir gefehlt, Matthias.«
»Du mir auch, Bärbel.«
»Ach geh, in der Stadt gibt's genug hübsche Madln! Und sie sollen viel entgegenkommender sein als wir hier draußen im Dorf.«
»Wer hat dir denn das erzählt?«
»Der Mooshuber-Bernd, der vor dir vom Militär zurückgekommen ist.«
»Du weißt doch, das ist einer, der jeder Schürze nachläuft, aber er hat net bei allen Erfolg. Er tut nur so. Glaub's mir, Bärbel, auch die Madln in der Stadt wissen, was sie wollen!«
»Du brauchst dich vor mir net zu rechtfertigen, Matthias. Wir sind ja net verlobt.«
»Leider, Bärbel, leider.« Er seufzte und furchte die Stirn.
»Steht's schlecht mit uns, Matthias? Sag mir die Wahrheit! Hat dein Vater dir verboten, mich wiederzusehen?«
Er brachte es nicht fertig, einfach Ja zu sagen und ihre Vermutung zu bestätigen. So war er nun einmal, weich und ohne Entschlusskraft.
»Du weißt ja, wie mein Vater ist. Ich muss versuchen, ihn ganz langsam herumzukriegen. Dafür brauch' ich Zeit. Du darfst die Hoffnung net aufgeben, Bärbel! Vielleicht klappt es doch noch.«
»Ich versteh' schon.« Sie nickte bekümmert. »Die Förstertochter zählt für den Haber-Bauern net. Es wird wohl das Beste sein, wenn ich mich auf einen Abschied für immer vorbereite und dich net mehr seh', Matthias.«
Die Bitterkeit, die aus ihren Worten klang, schnitt ihm ins Herz.
»Sag doch so etwas net!«, flehte er. »Ich hab dich so gern, Bärbel.«
»Also schön, ich muss jetzt heim.« Sie schaute auf ihre Armbanduhr. »Sehen wir uns am Sonntagnachmittag wieder?«
Da geriet er ins Stottern. »Leider geht's net, weißt du. Grad am kommenden Sonntag ist's net möglich.«
»Und warum net?«
Es blieb ihm nichts anderes übrig, als die Wahrheit zu gestehen.
»So, so, eine Braut hat dir dein Vater ausgesucht! Dann ist's ja schon entschieden, Matthias.«
»Ich glaub's net. Ich muss halt reden mit der Fanny. Vielleicht ist es ihr genauso wenig recht wie mir, dass man uns einfach zusammengibt. Du darfst das Vertrauen zu mir net verlieren. Ich halt' dich auf dem Laufenden. Sobald ich kann, melde ich mich wieder.«
Das zärtliche Beisammensein im Wald war zu Ende. Auf getrennten Wegen gingen sie heim.
***
Als sie im Försterhaus angekommen war, ging Bärbel gleich nach oben in ihre Kammer, die sich im Giebel unter dem Dach befand. Hier saß sie dann schluchzend auf der Bettkante und war ganz und gar in ihren Kummer versunken.
So überhörte sie es völlig, dass der schwere Schritt ihres Vaters die Treppe heraufkam. Gleich darauf pochte der Förster Hubert Nitsch an die Kammertür seiner Tochter und trat ein.
»Was ist denn los, Bärbel?«, wunderte er sich, als er das schluchzende Dirndl sah.
Verlegen sprang Bärbel von der Bettkante auf.
»Mach dir keine Gedanken, Vater! Ich hab mich ein bisserl geärgert.«
»Gar so klein kann der Ärger net sein, wenn du so viele Tränen deswegen vergießt«, vermutete der Förster. »Aber ich will net in dich dringen.«
Bärbel war ihrem Vater dankbar für sein Verständnis.
»Was gibt's?«, fragte sie jetzt mühsam beherrscht. »Brauchst du mich, Vater?«
»Ich bin gekommen, um dir zu sagen, dass du das andere Giebelzimmer zurechtmachen musst«, lenkte er jetzt das Gespräch auf sachliche Dinge hin.
Sie wusste schon, was er meinte und nickte erfreut.
»Hat der Baron dir endlich einen Gehilfen bewilligt?«
»Ja, der neue Forstgehilfe trifft am kommenden Wochenende ein.«
Lange hatte Hubert Nitsch, der sich nicht mehr der besten Gesundheit erfreute und mit einem schmerzhaften Rheumatismus zu kämpfen hatte, auf eine Unterstützung warten müssen.
»Es ist gut, Vater«, lächelte Bärbel. »Du kannst dich darauf verlassen, dass die Stube fertig ist, wenn er kommt. Wie heißt denn dein neuer Gehilfe?«
»Hannes Rotthofer heißt er, und er ist dem Baron von Reineck wärmstens empfohlen worden. Ich bin sehr gespannt darauf, ob der Bursche wirklich etwas taugt.«
»Auch das Mutterl wird froh sein«, sagte die Bärbel herzlich. »Sie hat immer Angst gehabt, dass es eines Tages zu viel für dich wird.«
***
Am Sonntagvormittag fuhr ein kleiner bescheidener Wagen den breiten Waldweg entlang, der zum Forsthaus führte.
Jetzt erschien das verwinkelte rote Dach zwischen den grünen Tannenwipfeln, und wenig später hatte der Fremde das Forsthaus von Ilmenried vor sich.
Er schaltete den Motor ab und stieg aus. Dann kletterte er die Stufen zur Haustür empor und rief: »Hallo! Hallo?«
Aber niemand antwortete ihm, denn es war Kirchzeit. Der Förster war mit seiner Frau ins Dorf zur Messe gegangen.
Der junge Mann konnte sich nicht vorstellen, dass die Bewohner dieses Hauses fortgehen und die Tür weit offen lassen würden. Irgendjemand musste zu Hause sein. Er ging deshalb in den Hof und rief auch hier: »Hallo, ist dort jemand?«
»Ja, hier!«, antwortete eine helle Mädchenstimme, und aus dem Hühnerstall trat das Madl jetzt ins Freie und stand überrascht vor dem jungen Mann.
»Grüß Gott«, sagte er. »Ich bin Hannes Rotthofer, der neue Forstgehilfe. Und wer bist du?«
»Ich bin die Bärbel, die Tochter des Försters«, antwortete sie.
»Mein Vater ist net daheim. Er ist mit der Mutter ins Dorf zur Messe gegangen. Komm mit, ich werd' dir deine Kammer zeigen! Mit dem Mittagessen wird gewartet, bis die Eltern wieder da sind.«
»Schon recht«, sagte der junge Mann. »Aber es ist halt sehr warm heut'. Kann ich vielleicht ein kühles Bier oder einen Most bekommen?«
»Ja, ein Most ist da«, bemerkte Bärbel. »Ich muss erst die Eier in die Küche bringen, dann kannst du deinen Most bekommen.«
Außer dem ersten Blick hatte sie ihm keinen weiteren geschenkt. Er soll sich nur nix einbilden, dachte sie. Mannsleut' sind meist sehr eitel, wenn sie gut aussehen, und halten sich für unwiderstehlich.
Aber vor sich selber musste sie zugeben, dass dieser Forstgehilfe durchaus ihrem Geschmack entsprach. Er war genauso breitschultrig wie der Matthias und so schmal in den Hüften, so sehnig und so zäh. Auch seine Augen waren braun und sein Haar dunkel. Aber ein wenig selbstbewusster als der Matthias schien er zu sein.
Es behagte der Bärbel nicht, dass der neue Forstgehilfe ihr gefiel. Das fehlt gerade noch, dachte sie, dass der Kerl sich bei mir eine Chance ausrechnen darf! Mein Herz gehört dem Matthias und sonst keinem. Ich bin treu, und ich weiß, was ich will.
Weil ihre Gefühle solch verschlungene Wege gingen, war sie ziemlich kühl gegen diesen jungen Mann, der ihr nichts getan hatte und ihr anscheinend auf den ersten Blick eine herzliche Sympathie entgegenbrachte.
Vergeblich versuchte Hannes, in der Küche ein Gespräch in Gang zu bringen.
Er bekam einsilbige oder überhaupt keine Antworten. Sie bot ihm auch keinen Stuhl an, sondern ließ ihn stehen. Als sie die Hände gesäubert hatte, holte sie aus der Speisekammer den Most und schenkte ihm ein Glas voll.
Stumm wartete sie dann, bis er ausgetrunken hatte. Danach ging sie energisch vor ihm die Treppe hinauf und stieß droben die Kammertür mit einem Ruck auf.
»Dies ist deine Kammer. Hier kannst du dich einrichten«, sagte sie. »Ich hab jetzt zu tun. Ich muss das Mittagessen richten.«
Da begriff er, dass sie nicht gestört werden wollte.
Er blieb ziemlich betrübt in der Kammer zurück, denn er hätte gern eine Menge Fragen an sie gerichtet, die seine Umgebung betrafen.
